bare hren itofc. ran, e er und Be- sicht )öhe da» । in atte. ^age iuft: ine» echt. >sin. ner- eher ige« ori- ;um an- ach- rgel hüt- bi» >alb gehen und als sehr in lag, upt ang ime let- Wt. fite, Se- hd) ich uid iese ner cht- ute ent ra- ien ,iie f-st em ten ab- cm lafj °st Hel ge- zu- em at- em icn air er, elt ich in. lge en sch öl- in nd ne it= en h- zu en >r- ge Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (929 Freitag, den (3. September B=S55!^=S Nummer 7( An eine Römerin. Von Friedrich Hebbel. Ich hab' als Kind gespielt im fernen Norden, Dann bin ich weit und breit herumgekommen Und habe schon das dritte Meer durchschwommen, Nun ruh' ich aus an seinen Blütenborden. Dir ist ein schlichtes Mädchenlos geworden. Wie eine Blume bist du still erglommen, Dann hat, wie die der Strauß, dich ausgenommen Als frischen Schmuck der fromme Jungfraunorden. Nun gehn wir beide Hand in Hand zusammen. Wie Gärtnerin und Schiffer traulich wallen, Im kühlen Schatten dicht verschlungner Aeste; Ich spreche dir von Sturm und Meeresslammen Und schmücke dich mit Perlen und Korallen, Du pflückst mit still der Goldorangen beste. Anselm Feuerbachs deutsches Schicksal. Zu seinem 10 0. Geburtstage. Von Hanns Martin Elster. Unsere Zeit und unsere Entwicklung rücken von Anselm Feuerbachs Wesen und Werk scheinbar immer weiter fort. Aristokratisch war sein Wesen, auf Persönlichkeit, Idealismus, klassische Schönheit eingestellt; demokratisch glaubt unsere Zeit zu sein, auf die Erfüllung der Massenwünsche, auf reale Beglückung, materielle, technische Lebensbeherrschung und naturalistische Reporterwiedergabe ist ihre Entwicklung gerichtet. Und wie das Wesen so das Werk: Feuerbachs Werk erstrebte aus eigenem Erleben die Wiedergeburt des höchsten koloristischen und kompositionellen Stils der Renaissance Italiens im fünfzehnten Jahrhundert, Feuerbachs Werk sehnte sich danach, die Schönheit des Lebens in großer, strenger, edelster und reinster Form zu gestalten; ihm waren die Formideale der Klassik, der Antike, der Renaissance der selbstverständliche Sinn allen Kunstbemühens; seine Welt hieß Griechenland, Rom, Italien: aus deutscher Seele und Sehnsucht, mit deutscher Tiefe und Lebensschwermut. Man sieht: Feuerbach muß denen, die die technisch-amerikanische, geo- metrisch-rechnerische Gegenwart mit ihrem flachen Lebensgenießertum bejahen, durch und durch historisch erscheinen. Die ewig Gegenwärtigen werden diesen Künstler und sein Werk vergangen nennen, in die Entwicklung der deutschen Kunst des neunzehnten Jahrhunderts einstellen, ihn einen Historienmaler nennen, der in koloristischer Hinsicht die Bestrebungen der klassizistischen Epoche eines Peter Cornelius erfüllte und die vormoderne deutsche Kunst, die noch nichts von Impressionismus, Naturalismus, geschweige denn Expressionismus, Kubismus wußte, als ein Meister nicht in allen seinen Werken, aber einer großen Anzahl vollendete. So gewiß etwas Wahres an dieser Betrachtungsweise ist, so sicher ist aber auch, daß sie im Gesamtrahmen des deutschen Geistes und der deutschen Entwicklung zu eng und kleinlich ist. Anselm Feuerbachs Wesen und Persönlichkeit, Weg und Werk sind mehr als nur eine Angelegenheit der Kunst: sie sind auch noch wie von jeher ein Bild des deutschen Schicksals überhaupt. Die frühesten Zeiten deutscher Geschichte sind erfüllt von den Zügen der Germanen nach dem Süden: in der Völkerwanderung. Im Mittelpunkt findet das deutsche Kaisertum seine Krönung und seine Zeitwenden in Rom. Dürer zieht nach Venedig. Luther ringt mit Rom. Goethe ist ohne Italien der unglücklichste Deutsche. Immer wieder sucht der Norden seine Ergänzung, feine Erfüllung im Süden, fei es in Rom sei es in Griechenland. Die sonnenlose, nebelgraue Düsternis, die Schwermut der grübelnden Seele im Norden kann ohne den Sonnenglanz, die geistige Heiterkeit des Südens nicht zur Form, zur Gestalt, zur Einheit finden. Der Deutsche trägt das Schicksal des Dualismus Nord-Süd, die Antipolarität des Nord-Süd, des Formlosen zur Form Strebenden, des zuchtlosen Schweifens, das nach zuchtvoller Begrenzung sich sehnt, in sich. Dies ewige deutsche Schicksal kann auch unsere, Zeit nicht leugnen: mag sie sich noch so modern-amerikanisch gebärden, das Sonnenlose sucht immer das Sonnenhafte, das Zuchtlose immer die Zucht, das Formlose stets die Form. So wird auch eines Tages das Moderne-Modernste wieder das Ewige der Antike, der Klassik, der Historie luchen, weil jede Einseitigkeit ihre Ergänzung zur Allseitigkeit braucht, lall er nicht an sich selbst zugrunde gehen. Nur das Allseitige ist fruchtbar, treibt Leben, hat Zukunft; niemals das Einseitige. Viele Anzeichen deuten heute schon auf diese Erklärung auch heutiger Zeittendenzen hin. Dann wird auch die Stunde kommen, da Anselm Feuerbachs Größe » Bedeutung im vollen Lebenssinne erkannt wird und wirksam werden tonn. Während seines nur zu kurzen Lebens wurde Feuerbach mißverstanden und auch die Nachwelt hat ein falsches Bild von ihm überliefert, indem sie ihn als ewig unbefriedigt hinstellte. Viel reiner und richtiger hat Wilhelm Trub ner ihn mit sicherem Künstlerblick gesehen, wenn er von „ferner heiteren Ruhe" und „dem getrosten Gleichmut" und seiner „mündlichen Rede berichtete. Dies ist auch die Stimmung die seine hinterlassenen Schriften, das klassische Literaturdenkmal des „Vermächk- nisses , das seine Stiefmutter Henriette, die treuliebende Lebensbeglei- tenn, nach seinem Tode herausgab, und seine Briefe ausatmen: es ist die große Harmonie des Menschen, der in seinen besten Werken den Aus- gleich zwischen Nord und Süd gefunden hat, der zur inneren und for* malen Vollendung durchgedrungen ist. Diese Vollendung, diese beseelte Harmonie der Innenwelten und der Formen erheben ja seine berühmtesten Bilder von den Selbstporträts bis zu den Porträts der geliebten Mutter, von den herrlichen Nannabildern in den verschiedensten Abwandlungen bis zu den einzigartigen Gestaltungen der Iphigenie und Medea, von den großen Szenen um Pietro Aretino, die Amazonenschlacht, um Dante und christliche Motive bis zu den Landschaften Idyllen und Akten, bis zur wundersamen Musikalität des Berliner „Konzerts" von 1878 und bis zum gewaltigen „Titanensturz" von 1879, seinem letzten Bilde zu der Offenbarung vom Sinn des Lebens durch die Form. Der Deutsche in Feuerbach eroberte in sich den Sinn des Lebens in der Verbindung mit der ewigen Harmonie und der Künstler in Feuerbach gestaltete diesen Sinn durch die mit Hilfe der großen antiken und italienischen Kunst gewonnenen Form. Sein Schicksal war deutsches Schicksal: vom Norden zum Süden, vom Sinn zur Form, vom Wesen zur Gestalt, beides zugleich in reiner Vollendung und Offenbarung! Dies Schicksal war als Lebensweg natürlich ein ernstes, schweres ßeiben und Ringen. Aus einem alten, geistig bedeutenden Gelehrtengeschlecht von Philosophen, Juristen, Archäologen stammend, brachte sein Blut den Trieb zum Ewig-Geistigen mit, den der Vater, zuerst Gym- nasiallehrer in Speyer, wo Anselm am 9. September 1829 geboren wurde, dann als Unioerfitätsprofeffor in Freiburg im Breisgau, durch die feinsinnigste Kultur des klassischen Idealismus fruchtbar nährte. Als das Wunderkind 1845 die Düsseldorfer Akademie bezog, begann das unbeirrbare Suchen nach dem eigenen Stil und Sinn: wir sehen Anselm nutt als anderthalb Jahrzehnte von Lehrer zu Lehrer, von Düsseldorf nach München, von München nach Antwerpen, von hier nach Paris wandern, nirgend befriedigt, bis endlich, 1852, erstmals Venedig, Florenz, Rom den einheitlichen Weg zeigen, der zur Harmonie führt: durch dis Antike und Renaissance. Im Bilde der Schustersrau Nanna verkörpert sich ihm lebensvoll die ewige Schönheit. Fortan ist sein Werk nur noch ein Sichklären und Sammeln. Seit 1861 entstand Bild um Bild in bleibender Meisterschaft. Der erste Ruhm glänzt auf: Wien ruft ihn 1873 an feine Akademie. Aber es ist das Wien Makarts! Und Makarts Welt ist nicht feine Welt, denn Makart hat nur die leere Geste und den verlogenen Rausch, nicht aber die Wahrheit, nicht das Wesentliche in Sinn und Form. Die Deutschen seiner Zeit kannten und erkannten ihn nicht, wie die Deutschen ja immer in ihrer Zeit nur den Schein greifen uni) den wahren Schöpfer erft nach seinem Tode erkennen. So erfuhr es auch Feuerbach: er verließ Wien wieder, kehrte einsam nach Italien zurück, wo er im kleinen Albergo della Luna zu Venedig, kaum fünfzig Jahre alt, 1880 weltverlassen starb. Erst die Jahrhundertausstellung von 1906 entdeckte sein Werk neu, sühnte das Unrecht der Zeitgenossen Feuerbachs, wies uns das deutsche Schicksal wieder einmal zur Einsicht und Wegweisung, wie es auch dem heutigen Deutschland notwendiger denn je ist ... Feuerbachs Selbstbildnisse. Von Wilhelm B o e ck. Alle wahre Kunst ist Bekenntnis, jedes echte Kunstwerk in irgend einem Sinne Selbstdarstellung des Schöpfers. Für den Maler gibt es darum nichts Selbstverständlicheres, als daß er Selbstbildnisse schafft. Alle großen Maler haben das mehr ober weniger unverhllllt getan, und die KUnsklereitelkeit, die daraus spricht, hat mit der gemeinen Eitelkeit und Ueberheblichkeit nichts zu tun. Es ist einfach normal, daß rs für den Künstler nichts Interessanteres gibt als ihn selbst, als den schöpferischen Genius in ihm. Auch Anselm Feuerbach, aus dessen innerer Einsamkeit sich ein wahrer Bekenntniszwang ergab, hat fein ganzes Leben lang sich selbst dargestellt, jedes Bild sagt in irgendeiner Form von dem Zustand seiner Seele aus. Und auch das Selbstbildnis im eigentlichen Sinne hat er mit intensiver Hingabe zu allen Zeiten gestaltet. Jedes gute Porträt soll zweierlei erfüllen: die äußere Bildung einer Person überliefern und den ruhenden Seelengehalt, der sich in dieser ausprägt, aufbewahren. Es soll getreu in der Form, innerlich im Ausdruck sein. Jedes gute Bildnis verzeichnet darum ein Stück Schicksal, eine so klangvolle Abfolge guter Bildnisse, wie sie von Feuerbach vorliegen, ein ganzes Menschenlos. Kommt hinzu, daß, der sie gemalt hat, 5er Dargestelkte selbst, ein nusgezeichneter Psychologe ist, so kann es nicht fehlen, daß eine gewaltige Kundgebung von diesem Lebensspiegel ausgeht, ja daß aus einer eindringlichen Vertiefung in die Selbstbildnisse bas ganze Leben Feuerbachs lebendig und verständlich werden muß. Man lieft in diesen Bildnissen wie in einem Tagebuch, in das nur Ereignisse eingetragen werden, die das ganze Seelenleben des Schreibers zutiefst verändern. Die Form von Feuerbachs Selbstbildnissen ergibt sich aus seiner Einstellung zum Menschen überhaupt. Da für ihn das Interesse am seelischen Menschen, soweit er nicht Symbol der höchsten Formenschönheit ist, maßgebend ist, auch sein Kopf anerkannt das Eindrucksvollste an seiner eigenen Erscheinung bildete, so bestimmt sich auch die Form seiner Selbstbildnisse: Kopf- oder zur Einbeziehung der Hände Brustbild. — Die geistige Haltung der Bilder ist sowohl durch Streben nach Wahrheit als nach Erhebung gekennzeichnet. Seine Seele verlangt nach einer idealen Ausformung ihres Willens, sie will sich an der Vorzüglichkeit der ihr möglichen Entfaltung aufrichten. So bedeuten diese Selbstbildnisse eine Beschleunigung von Feuerbachs Entwicklung in einer Richtung, die er sich selbst vorzeichnet, sie veranlassen einen Wettlauf der Wahrheit mit dem Ideal. Darum sind sie nicht nur . Urkunde, sondern ebensowohl Antrieb. Die Rücksichtslosigkeit, die das Selbstbildnis, weil es keinem repräsentativen Zweck genügen soll, gestattet, hat Feuerbach nur selten ausgenutzt. Ihm war es Zweck genug, vor sich selbst zu repräsentieren, es war ihm geradezu innigstes Bedürfnis. Er befaß eine hohe Selbstachtung und edle Scham vor sich selbst. Seine frühesten Selbstbildnisse zeigen noch die ängstliche Besorgnis des plötzlich in die Welt gestellten Siebzehnjährigen, die aber sehr schnell . in dreiste Keckheit gewandelt wird. Anselm wird sich der adligen Gewandtheit seines einnehmenden Auftretens bewußt und leistet sich daraufhin manch kleine gutartige Kühnheit. In dem Knabenbildnis mit dem Hut liegen schalkhafte Spitzbüberei und gefällig posierende Ueberholung im Streite mit dem beschatteten Aufblick verhaltener Ahnung, man spürt, daß er sich gern über etwas Hinwegtäuschen möchte, das ihm kaum verborgen ist. Im ganzen herrscht aber doch noch liebenswürdige Naivität, der die Welt in rosigem Lichte erscheint, wenn auch einige Trübheiten darin schwimmen. Dem ahnenstolzen, zukunftsfrohen Knaben ist noch wohl in den Händen dünkelhafter Lehrmeister, er ruht am liebsten im forglichen Schoße des Elternhauses. Der federgeschmückte Narziß von 1847 will nicht mehr als Bube behandelt sein. Ihm ist schon etwas von der Tiefe aller Dinge aufgegangen, er läuft Gefahr, blasiert zu werden, er liebt das Spiel mit dem Feuer. Er ist der verwöhnte schöne Jüngling, dem nichts unerreichbar ist, der so bezaubernd ist, daß man glauben kann, es würde jein Leben nichts aus ihm, ist der in Versuchung Gefallene. Er trägt die 'Aufmachung mit schwarzem Barett und Samtrock mit geschlitzten Aermeln, etwa in der Art wie er sich bald darauf in Nürnberg als „spanischer Maler" stolz und selbstbewußt, durch das allgemeine Aufsehen geschmeichelt, in Begleitung hübscher junger Damen auf der Straße zeigt. Es ist kaum ein Kontrast denkbar, der mehr überraschen und erschüttern könnte, als die Gegenüberstellung dieses Bildes mit dem fünf Jahre später in Paris entstandenen Bildnis in der Karlsruher Kunsthalle. Es ist, als würde man aus einem Ballsaal in ein Gefängnis ober Irrenhaus geführt, man möchte sich abwenden, sliehen, aber man ist wie festgebannt von dem scheußlich faszinierenden Blick. Schicksalhaft wie eine tragische Maske steht das Antlitz in seiner unglaublich hartnäckigen Frontalitüt da. So überwand der Jüngling alle Versuchung, peinvoll, aber siegreich. Noch stehen Zeichen entsetzlicher Anspannung auf der Stirn, noch zittert es über die dünnen Wangen, aber der Entschluß ist riefengroß: was darauf folgt, ist heilige Erfüllung. Alle Düsternis und Hoffnungslosigkeit des Selbstverleugners hat dieses Haupt gestreift, wie es einst von religiöser Ergriffenheit gotischer Menschen auf das Schweih- tuch der Veronika geprägt worden war. Unter den Selbstbildnissen der alten Kunst möchte' man es denen des greifen Rembrandt vergleichen, .desfen Blick sich ebenso am Spiegel festgesaugt hat. Aber es hatte auch einen Rembrandt gegeben, der Saskia auf den Knien getragen und das Glas geschüttelt hatte. Feuerbach hatte nur einmal elegant und hoch- . mittig gelächelt, bevor die Trübsal über ihn hereinbrach. Die Frühzeitigkeit dieser Melancholie vermehrt den tragischen Schauer. Zur Zeit der Ersüllung höchster Künstlerschaft tritt das Selbstporträt im engeren Sinne zurück, die Selbstdarstellung indessen bleibt und gewinnt an vergeistigender Abstraktion. Sie wirft sich in ein eindrucksvolles Kostüm und verwirft das N u r individuelle zugunsten einer idealisierten Erscheinung. Das Werk übermannt den Künstler, die Vortrefflichkeit feiner Leistung zieht den Blick von seinem selbstischen Innern ab. Das, was in ihm Aufruhr stiftete, wird überstimmt, zur Unterwerfung gebracht, nur was fördert, kann ihm der Beachtung wert fein. Nicht nur, daß er als „Mandolinenspieler" einer Frau huldigte, die ihm römische Schönheit und Mütterlichkeit verkörpert —, dem Gedanken nach bringt er sich selbst auch in den idealen Gestalten das Paris, der durch den Anblick der Göttinnen in ein Trauerreich entrückt wird, des Agathon, der strahlende Eleganz und philosophische Würde um sich vereint, zur Darstellung. Die schwerste und dröhnendste Aeußerung über sein Schicksal enthält die große PietL der Schackgalerie. Schon während der Wanderjahre betrachtete Heuerbach seinen Beruf als einen heiland- ähnlichen. Er verkündete eine Lehre, die an untauglichen Ohren abglitt, an der mit Aufrichtigkeit festzuhalten, für die er zugrunde zu gehen gesonnen war. Ein Wissen um das Ziel seiner Sendung zog in ihm auf: „Statt des erträumten Lorbeerkranzes fühle ichs oft wie eine Dornenkrone auf dem Haupte." — Die Gestalt des ausgelittenen, von allem physischen Schmerz entbundenen, entseelten Christus steht schon früh in seinem Geiste; der heilige Schmerz derer, die ihn schon zu Lebzeiten verstanden, ist ihm ein berauschender Trost. Aber fein Palmsonntag, da die Welt noch einmal Anstalten machte, ihn durch die Berufung an die Wiener Prosefsur zu Ehren zu erheben, stand noch aus. Sie trug ihn hoch und schien ihm eine irdische Vollendung in Aussicht zu stellen, und Feuerbach glaubte in erflehter Selbstbetörung daran, er sah sich zu ungehemmter Entfaltung seiner geistigen Größe auch von außen her ermutigt. — Mit dem Idealismus der Münchener Pinakothek setzt die Ueberslügelung des künstlerischen Werkes durch das Persönlichkeitsinteresse erneut ein. Die dramatische Kurve seines Lebens ist wieder zu der Höhe, die etwa dem Abschluß des Ringens der Wanderjahre entspricht, herabgesunken. Dazwischen liegt unter wohltätigem Hinmiel das Hochland verklärten Künstlertums. Niemand würde aus Feuerbachs groß gewollten Selbstbildnissen zu erkennen wagen, daß er von kleiner Statur gewesen fei. Und doch ist dem so. Sein Körperbau war schwächlich und zart, zierlich wie seine Handschrift, was mit den Jahren immer mehr hervortrat. Das bestätigt auch die fchöne Beschreibung, die gerade aus jener Wiener Zeit der Kunstkritiker Friedrich Pecht' von Feuerbachs Person gibt: „Ausfallend fchön, wenn auch klein von Figur, hat Feuerbach ganz das, was die Damen an dem Künstler vorzugsweise zu bezaubern pflegt, jenes gewisse ideale Wesen, das sich in unergründlichen Augen und reichen Locken über einer freien Stirn aussprechend, ihnen am verständlichsten wird. Um so mehr, wenn es sich noch mit einer sehr vornehm gemessenen, fast geheimnisvollen, nie sich hingebenden und doch vollkommen freien, fast fürstlichen Haltung verbindet, die ebensowenig dem Verdacht irgendeiner Roheit als unmännlicher Schwäche Raum läßt und sofort die lieber« zeugung einflöht, man habe es mit einer ungewöhnlichen, ebenso feinen als auch leicht erregbaren und deshalb allzunaher Vertraulichkeit durchaus aus dem Wege gehenden aristokratischen Natur zu tun, — die aber für das, was ihre Ueberzeugung ist, nötigenfalls mit unerschütterlicher Festigkeit einzutreten weiß, ihre Gesetze wie ihre Antriebe nur dein eigenen Inneren entnimmt — und wie Cäsar lieber im letzten Dorf der Erste, als in Rom der Zweite wäre." Dieses Anspruchsvolle, Gebieterische, seine Kraft Ueberschätzende druckt sich auch in dem Münchener Bildnis aus. Und fehr bald schon zeigt sich in den folgenden, daß die Katastrophe in Wien über den Empfindsame» hereingebrochen ist. — Feuerbach litt unter einem inneren Zwang, er wollte Unmögliches. So stürzte er sich in die Brandung, aber sein zarter Leib zerschellte an den Widerwärtigkeiten des Lebens. Krank und gebrochen trug man ihn ans Gestade, man heilte seine Wunden. Das Karlsruher Selbstbildnis von 1877 zeigt ihn zum ersten Male sitzend, kraftlos, matt,so wie er nach Überstandener Krankheit in der Säch- sifchen Schweiz als Kurgast weilte. — Aber sein Körper genas wieder foweit, daß man das liebet äußerlich für überwunden anfeljen konnte. Die beiden Bildnisse von 1878 zeigen wieder die Weichheit seiner geglätteten Züge, es ist kein Unterschied zu dem Jdealporträt. Der einsache glatte Nock, der freie lose Kragen sind dieselben, auch die Zigarette ist da. Und doch ist alles ganz und gar verändert, das machen die Augen, aus denen alle Schärfe getrocknet ist, die mild und tränenbenetzt geworden find, von einer Überirdischen Sehkraft, die an einer andern Welt hangen, Augen, die den Himmel offen sehen. Feuerbach war mit seinem Leben zu Ende, eine fünfte, heilsame Müdigkeit senkte sich auf ihn herab, eine Abendstimmung von unbeschreiblicher Schönheit umlagerte sein Gesicht. Ein reiches, geduldiges Anschmiegen an die Unendlichkeit ließ alle feine Gefühle in eine frohe, beruhigte Muhe versickern. Aller Drang war gestillt, eine rührende Bescheidung bereitete ein’ unmerkliches Hin- Übergleiten in die Welt des Friedens vor. Feuerbachs Sterben war so schön wie fein Leben niemals gewesen war. Leise schmolz seine Seele unter der Sonne der Ewigkeit dahin. Feuerbach und Nanna. Glück und Tragik einer Modellgeschichle. Bon Walther Appell, Plauen. Von wenigen Künsilermodellen ist soviel geredet worden und wird immer soviel geredet werden wie von Anselm Feuerbachs N a n ii a. Zu den schönsten seiner Bilder war sie ihm Modell. Die wahrhaft klassische Erscheinung dieser einfachen Römerin war um so edler durch die Unbewußtheit und natürliche Selbstverständlichkeit, die sie weihte. Schon vor Feuerbach hatte die Schustersfrau Anna Risi (das war ihr eigentlicher Name) Künstlern Modelldienste geleistet, aber keiner war durch ihre Person und Körperlichkeit so in seiner Schasfenskrast bereichert worden wie der künstlerische Rompilger aus Süddeutschland, lieber die erste Begegnung schreibt er in einem der vielen, ehrlichen und arrfschluh- reichen Briese in die Heimat: „Eine Erscheinung von geradezu imponierender Hoheit, strenge, von einem melancholischen Ausdruck gemilderte Züge ..." Sein Freund und Biograph A l l g e y e r schildert aussiihrlich die Szene: „Die Frau stand, ein Kind im Arm, unter einem offenen Fenster, dessen Rahmen den natürlichsten Abschluß zu diesem Vorwurf für eine Madonna größten Stils bildete." Wenig später kann der Maler fchan Heimberichten, er sei im Besitz des schönsten Modells von ganz Rom. Die Folge erwies, daß es sich um mehr handelte als ein ebenso erregendes wie rasch verblassendes Erlebnis: die schone Römerin sollte aus Jahre hinaus die Muse der Feuerbachschen Kunst werden, und sollte auch in den Gang seines Lebens bestimmend eingreifen. Es kam bald dahin, und mußte wohl dahin kommen, daß sie ihren Mann und ihre Kinder verließ, um Feuerbachs Häuslichkeit zu teilen. Der Maler selbst war sich am klarsten über die Ergebnisse, die der Schaffens- und Liebesrausch dieses Zusammenseins für seine Kunst hatte, und schaute zum ersten Male dankbar und srohgemut in die Zukunst. Die Jdealgestalt, die er sich aus den edlen Göttinnenprosilen der klassischen Plastik und aus den erdentrückten Madonnenleibern der Renaissance erträumt batte, war ihm blutvolle und immer gegenwärtige Wirklichkeit geworden. laut) ist er in seinem Stolz, sich von allen um dies Vorbild beneidet zu wlsN'U, gegen gutgemeinte Mahnungen und Warnungen. Auch die flehentlichen Bitten der Mutter, aus Ahnungen und vertraulichen Freundesbriesen boren, weist er im Triumph des herrlichsten Besitzes überlegen zurna- Und tatsächlich reifen in rascher Folge Schöpfungen, die viele noch 9e‘11 als seine wertvollsten ansehen. Ob sie nun „Iphigenie" heißen oder,,v>' krezia Borgia", „Madonna" oder „Mutter und Kind", „Römerin oo> „Silanna" — alle tragen die gleichen Züge. Aber alle sind auch erst) von, Adel eines gesegneten Kunstgnadentums. „Meine besten Ideen,' stellt in den Briefen, „verdanke ich der Frau, die für meine Kunst unentbehrlich geworden ist." Und rührende Worte der Rechtfertigung findet er als die betrübte Mutter erfahren hat, dah Nanna in kostbare Gewänder gehüllt ginge, während er selbst in der Kleidung und wohl auch in der Lebenshaltung vernachlässige. Das hohe Ziel, dem er sich näher und näher kommen sühlte, ging ihm in jener Periode weit über die Ansprüche und Bedürfnisse des Tages. — Es ist bekannt, daß schwerste Enttäuschung dieses glückvolle Kapitel eines Künstlerlebens beenden sollte. Nanna war keine Simonetta (Bot- ticella) und keine Fornarina (Raffael), die auch geistig das Ausmaß hatten, sich ihrer Sendung bewußt zu werden. Ja, sie hatte nicht einmal die moralischen Qualitäten, die über das Modell-Verhältnis hinaus die jubelnde Vorbehaltlosigkeit der Feuerbachschen Hingabe rechtfertigen konnten. Worte wie „ausgleichende Gerechtigkeit" mindern nicht die Tragik, daß sie ihn skrupellos um eines andern willen verließ, weil materielle Vorteile sie lockten. Mindestens solange, wie der Bund gewährt hatte, trug Feuerbach schwer an dem schmerzlichen Verlust. Endlich überwand er doch, sagen seine Biographen, und fand auch einen Ersatz für den Nest seiner römischen Zeit, den er im Künstlerischen wie im Menschlichen für vollwertig hielt. Und er fand noch mehr: die Kraft, harte Worte zu sprechen und das Weib, das er einst „gegen jedermann schützen" wollte, höhnisch abzuweisen, als sie ihn nach Jahren auf offener Straße — anbettelte. _ „ „ , . Das sollte der bittere Ausklang des Kapitels „Nanna fein, das noch einmal seine dichterische Gestaltung finden wird. Eines von vielen, gewiß, aber doch eins der kennzeichnendsten für die himmelhochjauchzen- den und todesbetrllbten Wechselfälle im Leben und Ringen deutscher Künstler. Ein Brief Feuerbachs an feine Mutter. Rom, 4. Juni 1863. Ich habe mit Absicht den Bries noch liegen lassen, weil ich hasste, durch Nachdenken in ruhigere Stimmung zu kommen. Ich habe gemütlich unaussprechlich gelitten und fühle heute, daß, wenn ich nicht stark und klar bleibe, wir keinen Schritt weiterkommen. Der Bries sei Dir ein Beweis, welchen Eindruck Deine Worte machen, und ein Zeugnis, daß mein Herz noch so warm für Dich schlägt wie früher, daß ich stets derselbe treue, passionierte, heiße Mensch bin wie immer, wollte Gott, ich wäre anders, es wäre vielleicht für alle Verhältniffe besser. — Denselben Abend, als ich jenen Bries zur Post bringen wollte, hatte ich noch ein Gespräch mit Kolbs Sekretär, bei dem ich, nach seinen ängstlichen Begriffen, wieder arg in der Schuld bin. Er sagte mir, was ich zu tun gedenke, wenn ich die Pietä nicht verkaufe, dann, als er hörte, daß ich immer weiter arbeite, meinte er, was es mir helfe, wenn ich für zehntausend Scudi Bilder male und keinen Bajacco habe? Du kannst Dir denken, wie niedergedrückt, wie verlassen ich die Nacht zugebracht — Wohl ist es eine schwere Sache, was ich tun soll, wenn ich dies Bild nicht verkaufe. Heute, nach langer Qual, fühle ich mich stark und hoffnungsvoll. Ich sagte Dir dies, liebe, teure Mutter, daß, wenn ich nicht mir'selbst treu bleibe und die Sache groß und nobel fasse, bin ich ein Mensch, der keine zwei Jahre mehr leben wird. Ich rede zu Dir nicht als zu einer schwachen, sieh gedemütigt sühlenden Frau, sondern als zu einer wahren Freundin, die mir treu ist in allen Zweifeln und Noten, und die mein wahres Wesen vom falschen unterscheidet. — Du sagst, Du fürchtest trotz der äußeren Erhaltung soviel zu verlieren, mich hast Du nicht verloren. Ich habe das hohe Vertrauen, daß alles aufgeboten wird, das Bild zu verkaufen. Dann muh ich noch zwei Jahre hier ausharren, es erfordert die Pflicht und die Ehre. Treffen meine Mittel rechtzeitig ein, so kann ich bei meinen Fvrtfchritten in zwei Jahren meine ganze Stellung verändern. Eine Reife jetzt würde mich gemütskrank machen, und ich würde das teuerste Gut — die Arbeit — einbüßen. Auch kann ich nicht wie ein Schulbube durchbrennen, sondern ich muh als Mann durchführen, was ich begonnen. Es heißt entweder Untergang ober durchbrechen. Steigert sich mein Ansehen, steht mein Name, dann wird es nicht an nobein, vorteilhaften Aussichten fehlen, die ich bann Deinethalb gewiß nicht zurückweifen werbe. Ist es Dein sehnlicher Wunsch, mich zu sehen, bann sollen alle Rücksichten fallen, doch weiß ich nicht, wie ich es ehrenvoll durchfuhren kann, ohne Mittel und ohne mich selbst zu zerstückeln. Es ist gerade das jetzige Wesen meiner Kunst, was mich bekannt macht, wenn ich ihm treu bleibe. Der einzige fchwarze Punkt ist die stete Seelenangst was beginnen, wenn dies ober jenes sehlschlägt, wie jetzt, wo alle Hoffnungen aus einer Karte stehen! Das ist falsch, ganz unbegriinbet, zu jagen: „Und wenn Sie auch so fortmaten unb nicht verkaufen" »sw. Das suhlt jeder selbst, wie stark man sich fühlt bei der Arbeit, unb wie a**es loten wäre, wenn man sich hängen läßt, auch macht der Künstler Fortschritte, es steigern sich Ehre, Ruhm — Geld zuletzt. ■ ßtebe, gute Mutter, ich könnte noch stundenlang sortplaudern. Nein, ich will mich nicht selbst aufgeben, sondern stark bleiben im Glauben an das, was ich für groß unb schön halte in der Kunst. Eine freundliche Lösung bereuet das Schicksal allen, denen es ernst ist. So wird auch die Stunde des Wiedersehens schlagen, nur macht mir das Herz nicht allzu schwer, denn ich brauche alle Kräfte und Stärke, um mich den widerlichen Tagesfragen gegenüber auf der Höhe zu halten. — Ich habe mich hier nie in das Künstlertreiben eingelassen, man verliert mehr, als man gewinnt. Man würde glücklich fein, mich fortgebiffen zu haben, aber solange ich Hand, Kopf und Arme habe, will ich ihnen den Triumph nicht gönnen. — Dein Bild umschwebt mich immer, und wenn ich die innerste Ueber- zeugung hätte, Dir draußen nützlicher fein zu können, so wurde ich morgen packen, aber mein Wesen ist noch nicht kalt, gereift genug, um in irgendeiner Anstellung es nur aushalten zu können. Noch bin ich zu passioniert, zu überzeugt vor dem richtigen Weg, als daß ich mich beugen könnte. — Ich stehe ganz einsam da, ganz allein, muß all Freud' und Leid in mir selbst verarbeiten, die Welt ist bloß Interesse, und doch darf man sich nicht In ihr verbittern. — Meine Hoffnungen für bas, was man Leben heißt, sind begraben: Illusionen habe ich nicht mehr, unb in allen Kämpfen war es immer die innere Stimme, die mich ausrechthielt: bleibe dir selbst treu unb treu deiner Kunst. Ich will deshalb nicht Märtyrer werden, nein, ich möchte hinaufkommen, um andern helfen zu können. Ich hätte soviel zu sagen. Hätte man den Reichtum meines Wesens früher erkannt, so hätte ich die kindliche Liebenswürdigkeit des Wesens und Charakters mir erhalten ,und noch jetzt möchte ich einen Stein herumkriegen, wenn es sich der Mühe lohnte. Ich hoste, durch den Verkauf der Pietä allen Verpflichtungen nachzu- kommen und mir noch ein ruhiges Jahr der Kunst zu schaffen. — Es kann sich viel ereignen, und wenn ich mich heiter fühle, arbeite ich so rasch und glücklich. — Meine Position ist gegenwärtig sehr kritisch, unb dennoch will ich Dir nur Liebes und Aufmunterndes sagen, und so soll's bieiben immerbar. Das Leben ist kurz, die Liebe aber ewig. Ich bleibe, weil es im Augenblick aussehen würde, als fliehe ich und werfe die Fahne hin. Soll ich Dir meinen innersten Herzenswunsch sagen: ich bin müde und möchte kein großer Mann werden, die Notwendigkeit bringt meinen Namen in aller Munde, und ich möchte so gerne zurücktreten und still für mich leben, auch ohne die Kunst — doch kann ich nicht, und das macht mich leiden. Ich beschließe diesen Brief, möge er Dir eine freundliche Stunde bereiten, er kommt aus der Seele und ist so hingeschrieben, wie es mich drängt. Ich leide im Gemüt, ich kann's nicht leugnen, aber ich will stark unb fest bleiben, alt kann ich nicht werben, und bas ist ein Glück, wenn die Laufbahn kurz verzeichnet ist. Sonnenuntergang. Von Friedrich Hölderlin. Wo bist du? trunken dämmert die Seele mir Von aller deiner Wonne: denn eben ist's, Dah ich gelauscht, wie, golbner Töne Voll, der entzückende Sonnenjüngling Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach, Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die noch ihn ehren, hinweggegangen. Das beispiellose Abenteuer des Hans pfaatt. Von Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) Es dauerte ziemlich lang, bis ich soweit zu mir kam, um die übliche Bedienung des Ballons zu besorgen. Dann aber untersuchte ich ihn aufmerksam und fand ihn zu meiner großen Erleichterung unbeschädigt. Meine Geräte waren alle heil, und glücklicherweise hatte ich auch weder Ballast noch Vorräte verloren. Diese waren so gut an ihren Plätzen verwahrt, daß ein solches Geschehnis ja auch außer Frage stand. Meine Uhr zeigte die sechste Stunde. Ich flieg noch immer rasch, und bas Barometer vermerkte eine Höhe von 3| Meilen. Scharf unter mir lag ein kleines rechteckiges schwarzes Ding im Ozean, ungefähr von der Größe eines Dominos und auch sonst diesem Spielzeug sehr ähnlich. Als ich das Teleskop darauf richtete, stellte ich deutlich ein englisches Vierundneunziger Kanonenboot sest, das dicht am Wind, mit der Nase nach WSW durch die Wellen stampste. Außer diesem Schiff sah ich nichts mehr als Meer und Himmel und die Sonne, die längst aufgegangen war. Es wird nun höchste Zeit, daß ich Ew Exz. den Zweck meiner Reise erkläre. Ew. Exzellenz werden in (Erinnerung haben, daß unglückliche Umstände in Rotterdam Selbstmordgedanken in mir erweckt hatten. Nicht als ob mir das Leden an unb für sich zuwider gewesen wäre, sondern die unseligen Begleitumstände meiner Lage hatten mich über das Maß des Erträglichen aufgerieben. In diesem Gemütszustände, da ich zwar zu leben wünschte, und doch des Lebens überdrüssig war, hatte die Abhandlung in dem Buchhändlerstand, verstärkt durch die willkommene Entdeckung meines Vetters in Nantz, meiner Einbildungskraft eine Zuflucht eröffnet. So raffte ich mich schließlich auf; ich beschloß zwar fortzugehen, aber doch zu leben; die Welt zu verlassen, aber doch weiter zu existieren — kurz, um die Rätsel beiseite zu lassen — ich beschloß, möchte kommen was da wolle, den Weg zum Monde zu erzwingen. Nun, um nicht für noch verrückter gehalten zu werden, als ich tatsächlich bin, will ich auseinanderletzen, welche Erwägungen mich dazu führten, zu glauben, daß ein Unternehmen dieser Art — wenn auch zweifellos schwierig und gefährlich — doch für einen kühnen Geist nicht ganz jenseits der Grenzen der Möglichkeit sei. Zunächst mußte die augenblickliche Entfernung des Mondes von der Erde berücksichtigt werden. Nun ist der mittlere oder durchschnittliche Abstand zwischen den Mittelpunkten der beiden Gestirne 59,9643mal den Aequatorradius der Erde, d. h. nur ungefähr 237 000 Meilen. Ich sage der mittlere ober durchschnittliche Abstand, es ist aber zu erwägen, daß, da die Bahn des Mondes eine Ellipse ist, deren Exzentrizität nicht weniger als 0, 05484 der größten Halbachse der Ellipse selbst beträgt, und der Mittelpunkt der Erde in ihrem Brennpunkte liegt, der eben erwähnte Abstand erheblich vermindert werden könnte, wenn es mir gelänge, den Mond in seiner Erdnähe zu treffen. Aber ohne einstweilen mehr von dieser Möglichkeit zu sagen, war es auf alle Fälle sicher, daß ich von den 237 000 Meilen den Erdradius, also 4000 Meilen, und den Mond- tabius, also 1080, zusammen 5080, abziehen könnte, so dah eine tatsächliche (Entfernung von 231920 Meilen unter durchfchittlichen Umstanden zu überfliegen bliebe. Dies war nun, überlegte ich, keine außergewöhnliche Entfernung. Reifen zu Lande sind wiederholt mit 60 Meilen Geschwindigkeit in'der Stunde vollbracht worden; und tatsächlich rann eine noch viel größere Schnelligkeit vorausgesehen werden. Aber selbst bei Liefer Geschwindigkeit würde ich nicht mehr als 161 Tage brauchen, um die Mondfläche zu erreichen. Es gab jedoch viele Umstände, die mich ver- .anlaßten zu glauben, daß die durchschnittliche Geschwindigkeit meiner Reise möglicherweise 60 Meilen in der Stunde erheblich übersteigen könne, und da diese Ueberlegungen einen tiefen Eindruck auf meinen Geist machten, will ich später ausführlicher erklären. Der zunächst zu beachtende Punkt war von viel größerer Wichtigkeit. Aus Angaben des Barometers wissen wir, daß bei Aufstiegen von der Erdoberfläche wir bei 1000 Fuß ungefähr 1/3o der ganzen Masse der atmosphärischen Luft hinter uns gelassen haben; daß wir bei 10 600 durch nahezu */s gestiegen sind, und daß wir bei 18 000 — etwa der Höhe des Cotopaxi — die Hälfte der ganzen Masse, oder auf alle Fälle die Hälfte der fühlbaren Masse der unsere Erde umgebenden Luftschicht überwunden haben. Man hat auch ausgerechnet, daß bei einer Höhe, die ^100 des Erddurchmessers nicht übersteigt — also 80 Meilen — die Luft- Verdünnung so ungeheuer wäre, daß animalisches Leben auf keinen Fall erhalten bleiben könnte, und überdies, daß die allerfeinsten Hilfsmittel, die wir besitzen, um, das Vorhandensein der Atmosphäre festzustellen, unzulänglich wären, um uns von ihrer Existenz zu überzeugen. Aber ich begriff auch, daß diese Berechnungen alle auf unseren erfahrungsmäßigen Kenntnissen von den Eigenschaften der Luft und den mechanischen Gesetzen, die ihre Ausdehnung und Zusammenziehung in dem Raume regeln, den wir vergleichsweise die unmittelbare Erdnähe nennen können, beruhen. Zu gleicher Zeit wird als erwiesen angenommen, daß das animalische Leben unfähig ist und sein muh, sich bei irgendeiner gegebenen, unerreichbaren Entfernung von der Oberfläche zu verändern. Es können natürlich alle derartigen Schlüsse auf Grund solcher gegebenen Tatsachen einfach nur durch Analogie festgestellt werden. Die größte Höhe, zu der jemals Menschen gelangten, war 25 000 Fuß, die Messrs. Lussac und Biot bei ihrem Unternehmen im Luftschiff erreichten. Dies ist eine mäßige Höhe, sogar int Vergleich zu den fraglichen 80 Meilen; und ich mußte denken, daß der Gegenstand einen großen Spielraum für Zweifel und theoretische Betrachtungen offen ließ. In der Tat steht aber bei einem Aufstieg zu einer gegebenen Höhe die wägbare Menge von Luft bei irgendeinem weiteren Aufstiege durchaus nicht im Verhältnis zu der erreichten hinzugekommenen Höhe (wie aus den obigen Feststellungen klar hervorgeht), sondern in einem immer abnehmenden Verhältnis. Es ist also einleuchtend, daß, wie hoch wir auch heraufkommen, wir doch, genau gesagt, niemals an eine Grenze gelangen können, über der keine Atmosphäre mehr gefunden wird. Sie muß da sein, wenn auch vielleicht in einem Zustande unendlicher Verdünnung. Andererseits wußte ich auch, daß es nicht an Beweisen für die Existenz einer wirklichen und bestimmten Grenzlinie der Atmosphäre fehle, über der absolut keine Luft irgendwelcher Art mehr sein soll. Aber ein Umstand, der von denen, die für eine solche Grenze kämpfen, außer acht gelassen wurde, schien mir zwar keine Widerlegung dieses Glaubens, wohl aber der Untersuchung wert zu sein. Beim Vergleich der aufeinanderfolgenden Erscheinungen des Enckeschen Kometen bei seiner Sonnennähe zeigt sich, daß, wenn man auch in genauester Weise alle Störungen berücksichtigt, die durch die Anziehungskraft der Planeten entstehen, doch die Perioden allmählich kleiner werden; nämlich die größere Halbachse der Kometenellipse wird kürzer, in langsamer aber ganz regelmäßiger Abnahme. Das ist nun genau was sich ereignen müßte, wenn wir annehmen, daß der Komet von einem außerordentlich dünnen ätherischen Medium, das den Raum seiner Bahn durchdringt, Widerstand erführe. Denn es ist klar, daß ein solches Medium, wenn es die Geschwindigkeit des Kometen aufhält, feine Zentripetalkraft verstärken muß, während es feine Zentrifugalkraft schwächt. Mit anderen Worten, die Anziehungskraft der Sonne würde dauernd größere Gewalt gewinnen und der Komet bei jeder Drehung näher an- gezogen werden. In der Tat gibt es keinen anderen Weg, diese Abweichung zu erklären. Aber ich wiederhole: Man hat beobachtet, daß der wirkliche Durchmesser der Nebelhülle des Kometen sich rasch zusammenzieht, wenn er näher an die Sonne kommt, und sich ebenso rasch ausdehnt, wenn er sich in Richtung der Sonnenferne bewegt. War ich also nicht berechtigt, mit Valtz anzunehmen, daß diese sichtbare Zusammenziehung des Volumens ihren Ursprung in der Zusammenpressung desselben ätherischen Mediums hat, von dem ich vorhin gesprochen habe, und deflen Dichtigkeit im Verhältnis zu seiner Sonnennähe steht? Das linsenförmige Phänomen, das man auch das Zodiakallicht nennt, war auch ein beachtenswerter Gegenstand. Dieses Licht, das in den Tropen sehr gut sichtbar ist und mit keinem Meteorschein verwechselt werden kann, erstreckt sich schräg aufwärts und folgt int allgemeinen der Richtung des Sonnenäquators. Es schien mir entschieden eine dünne Atmosphäre zu sein, die von der Sonne aus mindestens durch die Bahn der Venus, und wie ich glaube, unendlich weiter sich erstreckt*). In der Tat konnte ich nicht annehmen, daß dieses Medium auf die Bahn des Kometen oder auf die unmittelbare Nähe der Sonne beschränkt sei. Es war im Gegenteil leicht, sich vorzustellen, daß es das ganze Gebiet unseres Planetensystems durchdringe, in das, was wir die eigene Atmosphäre der Planeten nennen, gedrängt, und vielleicht bei einigen durch irgendwelche lediglich geologischen Beweggründe abgeändert, d. h. verändert, und in seinen Verhältnissen (ober in seiner absoluten Natur) abweichend durch Dinge, die von den betreffenden Himmelskörpern verflüchtigt sind. Nachdem ich diese Auffassung der Sache angenommen hatte, hegte ich nur noch wenige Zweifel. Da ich es für sicher hielt, daß ich bei meiner Fahrt Atmosphären begegnen werde, die eigentlich der Atmosphäre der Erdoberfläche gleich sind, war ich überzeugt, daß ich vermittelst des sehr scharfsinnig ausgedachten Grimmschen Apparates in der Lage sein werde, sie in genügenden Mengen zum Zwecke der Atmung zu kondensieren. *) Das Zodiakallicht ist wahrscheinlich was die Alten „Trabes" nennen. Emicant Trabes quos docos vocant. Plinius, 2. Buch, S. 26. Dieses wurde das hauptsächliche Hindernis für eine Reise nach dem Monde aus dem Wege räumen. Ich hatte in der Tat einiges Geld und viel Arbeit auf die Anpassung des Apparates zu dem beabsichtiqten Zweck verwendet und sah einer erfolgreichen Anwendung zuversichtlich entgegen, wenn es mir möglich wäre, die Reise innerhalb einer anae- messenen Zeit auszuführen. Dieses bringt mich wieder auf die moa- liche Schnelligkeit der Reise zurück. a Es ist richtig, daß Ballons im ersten Teile ihres Aufstieges von der Erde mit einer verhältnismäßig geringen Geschwindigkeit in die Höhe gehen. Nun liegt die Kraft des Aufsteigens vollständig darin, daß die Gravität der atmosphärischen Luft größer ist als die des Gases in dem Ballon, und es scheint zunächst nicht wahrscheinlich, daß der Ballon wenn er aufsteigt, und infolgedessen nach und nach in atmosphärische Schichten von rasch abnehmender Dichtigkeit kommt, — ich sage, es scheint nicht aiinehmbar, daß bei dieser Aufwärtsbewegung die ursprüngliche Schnelligkeit zunehmen solle. Andererseits war mir nicht bekannt, daß bei irgend einem der bekannten Ballonaufstiege eine Abnahme der absoluten Aufstiegsgeschwindigkeit wahrgenommen wurde; wenn dies aber der Fall gewesen wäre, dann durch nichts anderes als durch Gasaus- stromung aus schlecht gebauten Ballons, die mit keinem besseren Stoffe als gewöhnlichem Firnis überzogen waren. Es scheint also, daß die e Ausströmung nur genügte, um die Wirkung der vergrößerten Schnellia- keit durch die abnehmende Entfernung des Ballons vom Schwerpunkte auszugleichen. Ich überlegte nun, daß vorausgesetzt, daß ich bei meiner Fahrt auf das angenommene Medium stieße, und vorausgesetzt, daß es ausschließlich der Stoff wäre, den wir atmosphärische Luft nennen, es verhältnismäßig wenig ausmachen könne, in welchem äußersten Zustande von Verdünnung ich es fände, d. h. in bezug auf die Kraft meines Aufstieges, denn das Gas im Ballon würde nicht nur selbst einer ähnlichen Verdünnung unterworfen sein (im Verhältnis zu welchem Vorkommen ich eine Ausströmung von soviel ertragen könnte, wie zur Vermeidung einer Explosion nötig wäre), sondern so wie es ist, würde es weiter spezifisch leichter bleiben als irgend eine Zusammenstellung von Nitrogen und Wasserstoff. So bestand eine Aussicht, ja tatsächlich eme große Wahrscheinlichkeit, daß zu keiner Zeit meines Aufstieges ich einen Punkt erreichen würde, wo das vereinigte Gewicht von meinem riesigen Ballon, dem unwahrnehmbar dünnen Gas darin, der Gondel und ihrem Inhalt dem Gewicht der Masse der verdrängten umgebenden Atmosphäre gleich wäre, und das hätte, wohl verstanden, die einzige Bedingung fein können, unter der mein Aufwärtsflug aufgehalten würde. Aber selbst wenn dieser Punkt erreicht wäre, könnte ich noch Ballast und anderes Gewicht von fast 300 Pfund abstoßen. Inzwischen würde die Schwerkraft fortwährend abnehmen int Verhältnis zu den Quadraten der Entfernung, und so würde ich mit wunderbar vergrößerter Geschwindigkeit schließlich in fernen Regionen ankommen, wie die Anziehungskraft der Erde von der des Mondes aufgehoben wird. Es gab aber noch eine andere kleine Schwierigkeit, die mir einige Unruhe verursachte. Es ist beobachtet worden, daß bei Ballonaufstiegen in einigermaßen erheblicher Höhe außer den Atmungsbeschwerden sich auch starke Schmerzen, im Kopf und im Körper einstellen, oft begleitet von Nasenbluten und anderen beängstigenden Symptomen und im Verhältnis zu der erreichten Höhe zunehmend und unangenehmer werdend**). Dies war eine einigermaßen erschreckende Ueberlegung. War es nicht wahrscheinlich, daß diese Symptome so lange zunehmen würden, bis der Tod selbst einträte? Ich glaubte schließlich, daß cs anders sein müsse. Die Ursache war in der allmählichen Abnahme des gewohnten Luftdruckes auf den Körper zu suchen und in der daraus entstehenden Ausdehnung der an der Oberfläche liegenden Blutgefäße, — nicht in irgendeiner Zerrüttung des Systems, wie im Falle der Atembeschwerden, wo die atmosphärische Dichtigkeit nicht chemisch ausreichend ist für die Bluternene- rung in einer Herzkammer. Außer dem Mangel dieser Erneuerung konnte ich keinen Grund finden, weshalb das Leben nicht auch in einem vacuum erhalten bleiben könnte. Denn die Ausdehnung und Einziehung der Brust, die man gewöhnlich Atmen nennt, ist lediglich eine Muskel- beroegung, und die Ursache, nicht die Wirkung der Atmung. Mit einem Wort, ich nahm an, daß, da der Körper sich an den Mangel an atmosphärischen Druck gewöhnen würde, diese Schmerzempfindungen nach und nach abnehmen mühten, — und ich verließ mich vertrauensvoll auf meine eiserne Widerstandskraft, um sie zu ertragen, solang sie anbauerten. Hiermit, Ew. Exz., habe ich Ihnen einige, wenn auch längst nicht alle Erwägungen, die mich dazu führten, eine Reise nach dem Mond zu planen, vorgetragen. Ich werde jetzt dazu übergehen. Ihnen den Erfolg eines scheinbar so kühnen und auf alle Fälle in den Annalen der Menschheit beispiellosen Unternehmens zu unterbreiten. Nachdem ich die vorerwähnte Höhe erreicht hatte, d.h. 3$ Meilen, warf ich eine Anzahl Federn aus der Gondel und erkannte, daß ich noch immer mit genügender Schnelligkeit aufftieg; also bestand keine Notwendigkeit, Ballast auszuwerfen. Ich war froh darüber, denn es lag mir daran, soviel Gewicht wie ich tragen konnte, mitzunehmen, aus dem einleuchtenden Grunde, daß ich weder über die Schwerkraft, noch über die atmosphärische Dichtigkeit des Mondes sicheres wußte. Bis jetzt litt ich nicht unter körperlichem Unbehagen, atmete mit größter Freiheit und fühlte keinen Kopflchmerz. Die Katze lag sehr gemütlich auf meinem Ueberrock, den ich abgenommen hatte, und betrachtete die Tauben mit Gleichgültigkeit. Diese waren am Bein angebunden, um sie an der Flucht zu verhindern, und pickten eifrig einige Reiskörner, die ich für sie auf den Boden der Gondel gestreut hatte. (Fortsetzung folgt.) **) Seit der ursprünglichen Veröffentlichung von Hans Pfaall habe ich gefunden, daß M. Green, der durch den Nassau-Ballon bekannt wurde, und andere spätere Aeronauten die Behauptungen von Humboldt in dieser Beziehung widerlegen und von abnehmenden Beschwerden sprechen, also übereinstimmend mit der hier geäußerten Theorie. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derr«g: DrWHI'sch« Universitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Vketzen.