GiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den 13. Mai ~ Nummersr Was mir fehlte. Von Theodor Fontane. Wenn andere Fortunens Schiss gekapert. Mit meinen Versuchen hat's immer gehapert, Auf halbem Weg, auf der Enterbrücke, Glitt immer ich aus. War's Schicksalstücke? War's irgendein großes Unterlassen? Ein falsches Die-Sach-am-Schopfe-fassen? War's Schwachsinn in den vier Elementen, In Wissen, Ordnung, Fleiß und Talenten? Oder war's — ach, suche nicht zu weit, Was mir fehlte, war: Sinn für Feierlichkeit. Ich blicke zurück. Gott sei gesegnet, Weni bin ich nicht alles im Leben begegnet! Machthabern aller Arten und Grade, Vom Hof, von der Börse, von der Parade, „Hamens" mit und ohne Schnitzer, Portiers, Hauswirte, Hausbesitzer, Ich konnte mich allen bequem bequemen. Aber feierlich könnt ich sie nicht nehmen. Das rächt sich schließlich bei den Leuten, Ein jeder möchte was Rechts bedeuten. Und steht mal was in Sicht oder Frage, So sagt ein Reskript am nächsten Tage: „Nach bestem Wissen und Gewissen, Er läßt doch den rechten Ernst vermissen, Alle Dinge sind ihm immer nur Schein, Er ist ein Fremdling, er paßt nicht hinein, Und ob das Feierlichste gescheh, Er sagt von jedem nur: „fa il Re!“" Suche nicht weiter. Man bringt es nicht weit Bei fehlendem Sinn für Feierlichkeit. Fürst Muhamed. Von Theophile von B o d i s c o. Die alte Fürstin reiste nach Nizza. Sie reiste nur, weil sie die Milliardärin Would haßte und weil sie ihre Pläne ergründen wollte. Eigentlich sehnte sie sich schon nach ihrer Jacht, wollte auf den blauen Wellen des Mittelmeeres schaukeln und mit besonders gutem Appetit speisen. Aber man durfte seine Feinde nie aus den Augen lassen. Die alte Fürstin war nicht nur unermeßlich reich, sie war auch von erlesenster Vornehmheit. Viel älter war ihre Familie als die der Romanows, eine Tatsache, die sie ihrem Kusin, dem Zaren, manchmal scherzend vorhielt. Mäzenatentum großen Stils, Wohltätigkeit, Geselligkeit in aller- kultiviertester Form waren Tradition ihrer Familie. Ihre Person erhob sich aus einem wunderbaren Rahmen, aus tiefen, byzantinischen Hintergründen. Alles das hatte die Would nicht erfaßt, sie hatte es gewagt, eines Tages gleichfalls eine Jacht in Genua vor Anker liegen zu haben, und zwar eine, deren Größe und Pracht die der Fürstin übertraf. Wenn sie auch bloß nach ihrer Tochter „Mary" hieß, hatte sie doch bereits in einem Rennen „Die russische Schwalbe" besiegt. Die Fürstin war es nicht gewohnt, daß jemand ihr gleichen wollte. Daß es da in jenem Amerika Leute gab, reicher als manche regierenden europäischer Häuser, wußte sie natürlich, aber immerhin war doch niemand berechtigt, ihr den Weg zu kreuzen. Konnte man ihr Geld, beruhend nuf so und soviel russischem Boden, auf Wäldern, Flüssen, einem Heer Wn Bauern, vergleichen mit einem Reichtum, der durch Trustbildung und Judustriepapiere entstanden war? Die Would war ja Überhaupt gar keine „Geborene", sie war ohne jegliche Tradition und Vornehmheit, ohne .kil der Persönlichkeit. Der Fürstin war es manchmal so erschienen, als roc9e sie geradezu nach Del und Maschinen. Nahm man ihr das Geld, was blieb ihr dann noch übrig? Sie war bann eben einfach nur die arme JJirs. Would, während sie, die Fürstin, aus ihrer Höhe gestürzt, immerhin noch eine tragische Persönlichkeit geblieben wäre. Die Fürstin kam in Nizza in ihrem Waggon an, begleitet von ihrem gewohnten Gefolge, den Sekretären, der Gesellschafterin, dem Koch, den Jungfern und den beiden tscherkessischen Dienern. Sie war angenehm »ovon überrascht, daß ihre Ankunft Sensation erregte. Herzlich mußte l'e darüber lachen, als sie am andern Tag in der Zeitung las, daß sie MMal unter ihrem Gefolge auch Gäste habe, nämlich zwei wunderschöne ljcherkessische Fürsten. Muhamed und Ali, beide sehr groß, gut gewachsen. mit großen, wilden Augen und gelblich-brauner Gesichtsfarbe, sahen, in ! u I\lc!.n9en- "’m Röcken und hohen, weißen Fellmützen, in der Tat sehr schon aus. Muhamed war der Schönere, wenn er die Arme über der Brust kreuzte, die Nasenflügel blähte, die Lippen verzog, daß die weißen Zahne blitzten, war er unübertrefflich. Die Fürstin ging mit allem ihrem Volk aus der Promenade spazieren, die Tscherkessen gingen direkt hinter ihr. Aller Augen sahen ihr nach. a Muhamed und Ali hatten keine andere Pflichten, als ihre Herrin zu bewachen und ihr den Wein einzuschenken. Während der Reisen waren sie schwer bewaffnet und hätten jeden umgebracht, der ohne Erlaubnis den Wagen der Fürstin betreten hätte. Sonst aber hatten sie völlige Frei- he>k, durften spazieren gehen oder schlafen, wenn sie sich nur zu den Mahlzeiten wieder einstellten. Wie erstaunt war die Fürstin daher als zum Frühstück des anderen Tages Muhamed nicht erschien. Ali wußte von nichts. Wo mochte er geblieben fein, er, der doch nur seine eigene Sprache verstand? Die Fürstin war erregt, und als Muhamed, verspätet und ein wenig verwirrt, erschien, forschte sie ihn selbst aus. Mit blitzenden Augen erzählte Muhamed nun alles. Er hätte vor dem Hotel gestanden, da wären einige Herren und Damen an ihm vorübergegangen. Alle hätten ihn gegrüßt, ihm die Hand gereicht. Er hätte mit 'hnen gehen müssen und zusehen, wie sie die Bälle übers Netz warfen. Man habe auch ihm einen Schläger gegeben, und alle wären sehr verwundert gewesen, daß er das Spiel gleich verstanden habe. Die eine junge Dome, die Amerikanerin, die alle anderen befehligte, habe sich besonders viel mit ihm abgegeben. Als ihr Auto vorfuhr, habe sie den Chauffeur fortgeschickt und ihn, Muhamed, mitgenommen. Kein Widerspruch habe geholfen. Sie lenkte selbst. Als sie kurze Zeit gefahren wären, hätte sie angehalten. Hier stockte Muhnrneds Erzählung. „Und bann?" fragte bie Fürstin ungebuldig. »Und bann war es so, wie es mit allen Mädchen ist", gestand der schone Muhamed. „Sie wollte, baß ich sie küssen sollte." Seine Augen sahen bie Herrin gerade und treuherzig an, aber seine gelbbraune Gesichtshaut war ganz dunkel geworden. "Das tatest du doch hoffentlich auch?" fragte die Fürstin, und ihre Augen leuchteten. „Ja, sürstliche Hoheit, ich küßte sie, weil sie cs befahl." „Und hast du dir auch genau den Wagen angesehen, Muhamed»" Die Fürstin war sehr erregt; „war er vielleicht groß und blau und hatte er nicht einen Buchstaben an der Tür?" „In, es war ein amerikanischer Wagen, und es war solch ein europäisches W an der Tür." „Ich danke dir, mein Freund, es ist gut, du kannst gehen." Die Fürstin richtete jetzt den funkelnden Blick auf den französischen Sekretär: „Es war Mrs. Woulds Wagen. Miß Would hat sich in Mu- hained verliebt. Ganz Nizza weiß von ihrem Flirt." Die Fürstin sagte dies wohl ganz wie beifällig, aber der Franzose spürte doch ihre tiefe Genugtuung. Er lächelte devot. Wir dürfen aber die armen Woulds nicht länger im Irrtum taffen" fuhr die Fürstin fort. „Schreiben Sie ihr, laben Sie bie beiben Damen morgen zum Frühstück ein." Sie lächelte vor sich hin, es gab boch wie es schien, unsichtbare Schutzgeister, die die Gerechtigkeit in der Welt wiederherstellten! Die Fürstin machte sehr sorgfältige Toilette. Sie wählte eine rötlich- blonde Lockenperücke zu einem hellblauen Seiden-Erepe-Kkeid. Sie ließ reichlich rouge auftragen und setzte einen großen Florentiner Strohhut aus, dessen Samtbänder unter dem Kinn zusammengebunden waren. Der Spiegel sagte ihr beruhigend, daß man ihr höchstens einige 50 Jahre gebe, daß die soeben überschrittenen 70 in nichts anzumerken wären. Die Fürstin trug außer dem berühmten rosa Brillantring nur eine lange Perlenkette, aber der japanische Schoßhund, mit den melancholischen schwarzen Augen, hatte ein wundervolles Kollier um, aus lauter bunten Edelsteinen, das mit einer hellblauen Schleife geschlossen war. Es war hu Salon gedeckt worben, überall standen rosa Rosen in hohen Vasen umher. Die Gäste erschienen. Mrs. Would in ganz einfacher Heller Waschseide kam schnell auf bie Fürstin zu, sie überaus herzlich begrüßend. Sie schien nichts von Rivalität und Haß zu spüren. Miß Would mit hängenden Armen, bie sie sportsmäßig schlenkerte, erinnerte immer noch mehr an einen Jungen, als an ein Mäbchen. Sie batte aber ein waches Gesicht mit feinen Zügen unb einem großen sinnlichen Munb mit prachtvollen Zähnen. Ihre Art hereinzukommen, mar nonchalant, boch sicher. Neben der Fürstin stanben ihre Sekretäre unb ihre Gesellschafterin. Miß Would überflog bie Anwesenbcn unb bie Kuverts am Tisch mit schnellem Blick unb runzelte bie Stirn. Sie setzten sich. „Was antworte ich, wenn sie jetzt schon nach meinen Fürsten fragen?" buchte bie Fürstin, aber der kluge Franzose ließ Miß Woulb nicht zu Worte kommen. Das gleiche tat die Fürstin mit Mrs. Would, handelte es sich ja doch nur darum, die Frage um einige Sekunden aufzuhalten. Die Kellner hatten den ersten Gang gebracht, da kam die Frage: „Wo sind denn, Fürstin, Ihre schönen tscherkessischen Gäste?" Miß Would fragte es über den Tisch hinweg, ihre Unzufriedenheit nicht verbergend. Die Fürstin lächelte charmant, sie beugte sich über den Tisch: „Ach, mein Fräulein Would, es ist leider so, daß diese tscherkessischen Fürsten —", oh, es klappte wunderbar, die Tür sprang auf, Muhamed und Ali in ihren langen roten Röcken, jeder mit einer Weinflasche bewaffnet, traten herein und stellten sich stramm, ohne die Gäste anzusehen, am Serviertisch auf, „daß die Tscherkessen, wollte ich sagen, durch die dummen Gerüchte ganz mit Unrecht zu Fürsten avanciert worden sind", vollendete sie heiter ihren Satz. Das Gefolge der Fürstin hatte bloß ein leichtes Lächeln markiert, als kümmere sie diese an und für sich belanglose Tatsache nur wenig. Anders Mrs. Would, ihr Gesicht hatte sich mit dunkler Röte bezogen, sie warf einen schnellen, ängstlichen Blick zu ihrer Tochter hinüber. Und Miß Would, was tat sie? Sie hatte Messer und Gabel niedergelegt, sie lehnte sich im Stuhl zurück und sah mit großen starren Augen auf Muhamed. Die Fürstin gab das Zeichen zum Eingießen des Weins. Muhamed und Ali taten dies, wie immer, leicht und elegant, keinen Tropfen vergießend. Aber zitterte Muhameds Hand nicht doch ein klein wenig, als er der jungen Dams vom roten Wein einschenkte? Der Franzose, durch ein Augenzwinkern, machte den Tscherkessen verständlich, zu gehen. Die Fürstin ließ kein Schweigen aufkommen, sie plauderte unausgesetzt, aber sie fühlte, daß ihre Worte ins Leere gingen. „Das ist aber schade", sagte mit einem Male Miß Would, die Fürstin unterbrechend und sie gerade ansehend. „Schön ist der eine wohl sehr, der Muhamed, wirklich schade." Die Fürstin war verblüfft, das junge Mädchen hatte dies ganz sachlich und ruhig gesagt. „Ich bin sehr geschmeichelt, daß Sie das finden, Miß Would", sagte sie ein wenig unsicher. Doch da lachte Miß Would laut auf. Es war unartig, dies Lachen, aber es gefiel der Fürstin und, die Wahrheit zu jagen, es verblüffte sie ein wenig. Noch mehr aber gefiel es ihr, daß das junge Mädchen nun ihre ganze Aufmerksamkeit den kleinen Gerichten des berühmten fürstlichen Kochs zuwandte, und daß sie mit bewunderungswürdigem Appetit zu essen begann. „Echte russische Gerichte," sagte sie dabei, „die sind wirklich, was sie scheinen. Iß auch, Mamie, das gibrs in Amerika Nicht." Mrs. Would suchte gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber die Fürstin fühlte doch, wie sie getroffen war. Sie verabschiedete sich zwar ebenso herzlich, wie sie gekommen, aber ihre Jacht kam nie mehr nach Genua, so daß „Die russische Schwalbe" die Königin aller Jachten auf dem blauen Mittelmeer blieb. Die französische Landschaft. Von Josef Ponten. Die französische Landschaft — das Wörtchen „die" wird uns, wenn wir den Ehrgeiz haben, es auszusprechen und mit Inhalt zu erfüllen, einigen Schweiß kosten. Nur vielleicht im Falle Rußlands kann man russische Landschaft und die russische Landschaft in großen Zügen für eines setzen, weil in Rußland entsprechend der großen Gleichförmigkeit der Natur das Zutreffen des Typisch-Gültigen im individuell-eigenartigen Sinne häufig ist, in der Mitte und im Westen Europas aber mehrt sich das Individuell-Besondere und auch (oft sehr stark) -Abweichende, und das Typische wird sich nur als Gleichförmigkeit innerhalb eines an sich nicht beherrschenden Hundertteils erhalten. Doch muß von diesen Landschaftsformen, die wie ein reiches Mosaik selbständiger Einzelformen die Typusformen umschließen, wenn wir ein halbwegs vollständiges Bild gewinnen wollen, die Rede fein. Wir kommen hier um eine kurze Skizze des Land- und Naturbaues nicht herum. (Und ich empfehle, die landläufige Angst vor der Karte zu unterdrücken.) Frankreis Land setzt sich zusammen aus und die französische Landschaft basiert auf Bergländern und Beckenländern, es fehlt also das deutsche Tiefland, die Ebene im deutschen Sinne. Jene, die Bergländer, find die Pyrenäen int Süden und die Alpen im Osten. Ferner die alte Masse der Bretagne im Nordwesten, der Ardennen und Vogesen im Nordosten und der Auvergne und Severinen in der Mitte. Betrachten wir diese als unbewegliche feste Kerne, als alte Kykladeninseln, als einen Gebirgsarchipel, so bildeten sich mit dem Rückzug der Meere zwischen ihnen, sich an sie lehnend und auf sie stützend, die Beckenlandschaften, die drei großen, jede nach ihrem nächsten Meer offenen Beckenlandschaften: die nordfranzösisch-fränkische nach dem Kanal, die südwestfranzöfisch-aquita- nifche nach dem Atlantischen und die fudostfranzösisch-rhodanische nach dem Mittelmeer offene Beckenlandschaft, deren Tiefenlinien Seine, Garonne und Rhone sind. Das ist ein großartiger, einheitlicher und übersichtlicher Grundplan, und was natürliche konzentrische Geschlossenheit angeht, ist der Bau Frankreichs dem Deutschlands, das auch seiner tellurischen Anlage nach ein Uebergangsland zwischen dem Westen und Osten ist und tellurisch-konstruktive Elemente mit den Nachbarländern teilt, weit überlegen. Die Geschlossenheit des seelischen Raums Frankreichs, des Volkscharakters, auch die feines dramatischen, feiner Geschichte, ist in hohem Maße bedingt und grundgelegt durch die seines körperlichen Raums. Französische Landschaft erscheint wie eine große Sinfonie: die Grundthemen sind Becken, Räume mit zentripetalen Charakteren, die Seitenthemen Gebirgsgebiete mit (entsprechend den abstrebenden Wässern und allem, was damit zusammenhängt und daraus folgt) zentrifugalen Zentrum nicht in bezug auf das ganze Frankreich, sondern auf das tellurische Konstruktionselement des jeweiligen Raums, die natürliche Landschaft im territorial-formalen Sinne, soweit ein Gebiet eine natürliche Einheit ist, verstanden. So daß also viele Kreise mit ihren Zentren nebeneinander liegen, die schließlich von einem Ueberkreis und Ueberzentrum, dem französischen heutigen kulturellen und politischen Zentrum, Übergriffen werden, Parts, an das sie, wenn man wtll, schon durch dte sternförmig ausstrebenden Eisenbänder der Schienenwege geschlossen werden. Da ist namentlich die zentrale Gebirgslandschaft des Sevennenstocks in der Auvergne, wo aus den uralten Rumpfflächen der Granitmaffe junge tertiäre Vulkanlandfchaft entfproßte mit den eigenartigsten, bizarrsten und malerischsten Einzelformen, gegen welche die unsrer ähnlich entstandenen Eifel und Rhön im Vergleich zurückstehen müssen. (Und auf den auffälligen Felsnadeln wie auf zahllosen markanten Höhen die in Frankreich immer und allzu oft wiederkehrende Riesengestalt der Nor- tre-Dame.) Da ist ferner das uralte Rumpfland der Bretagne und Normandie mit Steinebenen von einer überwältigenden Melancholie und einem düstern Charakter, wie er Schottland und andre nordische Länder beherrscht; die Eigenart verstärkt durch die Kulturarbeit des sie bewohnenden, selbst uralten und dem Stamme nach nicht eigentlich französischen bretonischen Volkes, das einen merkwürdigen Individualismus innerhalb des zentralistisch und unisormistisch tendierenden französischen Volkes behauptet hat. An den europäischen Alpen hat Frankreich einen bedeutenden Teil, zugleich den ausgeprägtesten und, mit dem Montblanc, höchsten — die Höhe eines Gebirges bedeutet entsprechend der Dichtigkeit einander überlagernder Klimazonen immer formalen Reichtum. Aber nicht genug damit, ein zweites, eigenartiges Alpengebirge besitzt Frankreich zum guten Teil, die Pyrenäen; denn sie sind ein sehr schmales, aber verhältnismäßig sehr hohes Alpengebirge, unmegjamer und steiler als das zentrale europäische, ein wegen seiner Steilheit und südlichen Sage gletscherärmeres, das buchstäblich wie eine Mauer Frankreich von Spanien trennt, während „die Alpen" wegsam genannt werden können. Frankreich hat Jura als Anteil am Schweizer Jura, aber auch eignen Jura (wie Deutschland in Schwaben und Franken) in den Kalkwallumrandungen seiner Becken, den vorzugsweise Cötes genannten Wallmauern, gegen deren Steilseite von Osten kommende Heere immer anlaufen mußten. Selbst weite Sandgebiete, „Streusandbüchsen", die den ärmsten Norddeutschlands nichts nachgeben, gibt es in Aquitanien gegen das Meer hin, die der französische Inländer und auch der Ausländer im allgemeinen einem Land nicht zutraut, das als außerordentlich gesegnet gilt (Frankreich hat immer von eignen und fremden Vorurteilen moralischen Vorteil gehabt). Schade ist, daß man diese Gebiete nicht durchqueren muß, wenn man nach Paris, wie die sandigsten Norddeutschlands, wenn man nach Berlin fährt. Da die meisten Reisenden nur die Hauptstädte der Länder kennen, so wäre es für den Ruf Deutschlands besser, Berlin läge in Thüringen ober Franken. Ja, es gibt eine so trostlose, sumpfige und armselige Landschaft wie die Sologne im Loirewinkel südlich von Orleans — die Orleaneser Landschaft dürfte die ärmste Frankreichs sein —, also mitten im Herzen Frankreichs, aber welcher Reisende kennt auch diese? Freilich, eine arme Landschaft lernt auch der von Osten Kommende kennen, die der Champagne pouilleuse, der „Lause- champagne", wo der Kalk des Bodens durch den dünnen Humus hindurchtritt und die Landschaft weiß färbt — da die Front des großen Krieges durch sie hindurchging, haben viele der Unfern gerade an diese Landschaft die schwermütigste Erinnerung. Aber das sind nur kleine Räume in Frankreich, die sozusagen als Nullpunkte der Wertung der französischen Landschaft dienen mögen. Welche Spannungen bestehen zwischen den französischen Landschaften! Frankreich, gerade nur Frankreich, ist zugleich ein nordisches und ein südliches Land. Oesterreich war es, und Rußland ist es noch, aber dieses steht außerhalb des engen europäischen Kreifes, und es bedarf schon einer Reise, auf der es vielleicht wiederholt Nacht wird, um von Rußlands Norden in den Süden zu kommen. Ein wenig ist es sogar England mit seinem wintergrünen atlantischen Süden. Ein wenig auch die Schweiz, die gerade hüben und ein bißchen drüben der Nord-Süd-Scheide liegt Aber Italien und Spanien sind rein südliche Länder, Deutschland ist ein rein nordisches. Frankreich aber, das größte Land des außerrussischen Europas, liegt, den Alpen seitlich angeschoben, genau so, daß es in den nördlichen und südlichen Raum hinein und bei seiner Gröhe weit genug reicht, um zwei Meere, bas Norb- unb bas Südmeer, miteinanber verbinden zu können. Auch Deutschland reicht an zwei Meere, aber das eine ist nur eine Bucht des andern, und ob auch bedeutende landschaftliche Gegensätze der Nord- und Ostseeküste vorhanden sind, ihre Spannung kommt nicht entfernt gleich der zwischen etwa der normännisch-breto- nischen unb der Azurküste. Ein Land, das in seinen Raum zwei so verschiedene Landschaften wie die der Bretagne und der Reviera Nizzas schließen darf, ist glücklich zu preisen. Was gäben wir Deutsche für ein Fenster aufs blaue Mittelmeer wie eine Stadt Nizza oder Cannes! In der Provence erzeugt vorzugsweise der silbergraue Delbaum das Md der mittelmeerischen Landschaft, und kehrt dort der schon recht unleidliche Sommer ein, so bedarf es nur einer kleinen, ach, so kleinen Reise, eines Katzensprungs hinauf nach Grenoble ober gar Chamonix, um im Dunkel nordischer Fichten ober beim Brausen ber Gletscherbäche bas Überblendete Gemüt ausruhen zu können. Die Provence möchte ich in vieler Hinsicht als die glücklichst gelegene Landschaft Europas bezeichnen, denn der Süden — auch der Süden kann furchtbar sein — ist in ihr noch milde und ber Norben ein nur eben sich melbenber scheuer Besucher. Und ist auch dort bas Wetter nicht günstig — nirgendwo in Europa ist das Wetter verläßlich wie eine Uhr, während man in gewissen, außereuropäischen Räumen seinen Regeln wie dem Gang der Uhr vertrauen darf —, so steht auf dem Bahnhof der rote P. L. M. (Paris—Lyon— Mediterranäe) bereit, um dich in einer Nacht nach Paris zu bringen. Wäre ich Franzose, ich würde in der Provence wohnen! Da lebte in Tarascon im Städtchen an der schönen breiten und beruhigten Rhone der famose T a r t a r i n , der von uns — auch von seinem französischen Dichter-Vater — als der typische Franzose empfunden wird. „ . Wie nahe ist für Paris das Meer, es gibt eine „Paris-plage , «” nahe auch Die seltsame Bretagne, das binnenländische Mittelgebirge, oa randländische Hochgebirge! Auch das Klima ist ausgeglichen unb mno, es ist im großen unb ganzen Seeklima, unb wo es bas nicht ist, da y es, wie in dem auch auf große Strecken dem Seeklima untertane Deutschland, nicht wie dieses dem harten östlichen Landklima mit seinen großen Gegensätzen verhaftet, sondern dem günstigeren mittelmeerischen. Frankreich ist ein geographisch glückliches Land. Nur auf zwei eigentümliche, besonders eigentümliche, besonders schöne Landschaften will ich kurz eingehen. Die eine ist die von Avignon. Auf einem Felsen an der Rhone erhebt sich die schöne edelgebaute Stadt mit der gewaltigen Papstburg. Im halb engen, halb weiten Rhonetal in einer südlichen Vegetation liegen hell und bunt Landhäuser und Dörfer. Drüben auf einem Berg steht Villeneuve, die Stadt mit hohen Ringmauern des Mittelalters, genau so und das ganze Landschaftsbild so, wie wir auf alten italienischen Bildern mittelalterliche Landschaften gemalt sehen. Es ist wie lebendig gebliebenes Mittelalter. Und im Landschaftszauber der Zauber der Verse von Petrarca, der in dieser Landschaft gelebt und sie gepriesen hat. Die andere ist eine noch viel „ältere", antiquarische Landschaft, eine Landschaft mit dem Zauber der ihrer Stoffe wegen altehrwürdigen Wissenschaften, die von Les Eyzies, im Herzen Frankreichs. Aeußerlich angesehen, ist diese Landschaft des Jura mit ihren weihen Kalkfelsen und grünen Auen nicht oder kaum verschieden von den entsprechenden im deutschen Iura, etwa bei Eichstätt, aber hier in den Höhlen der Felsen und unter dem Schutz überhängender Wände wohnten die ersten Europäer. Darin spricht sich auch eine Gunst der Lage Frankreichs aus. Ganz Nordeuropa lag unter dem Eis, halb Deutschland noch bedeckte der nordische Eisschild, und in den Räumen und Streifen vor dem Gletscher war es natürlich auch nicht geheuer. Frankreich aber hat nichts vom großen Eise gesehen. Dort siedelte also vorzugsweise und in großen Massen der Mensch, dort bekämpften und überdeckten sich jene Rassen, die als erste Bevölkerung Europas anzusprechen sind. Sie jagten ihre großen Tiere und bereiteten in vieltausendjähriger Langsamkeit dis Elemente der nur ein paar Jahrhunderts alten europäischen „Kultur" vor. Eine Landschaft — auch das muß gesagt werden — fügt sich schlecht in den natürlichen Raum Frankreichs und in den natürlich-architektonischen Kreis seiner Landschaften, die elsässische. Sie liegt jenseits des Walles der Vogesen. Alle andern liegen im natürlichen französischen Raum, dessen Konzentriertheit wir geschildert Haden; diese liegt sozusagen draußen vor den Mauern. Die französischen, namentlich die populären Geschichtsbücher sind natürlich, wie übrigens alle volkstümlichen Bücher, besonders die Schulgeschichtsbücher aller Völker, voll der populären geschichtlichen Unwahrhaftigkeiten. Aber selbst in ernsten geographischen Büchern, auch in jenem zitierten vorzüglichen, haben die Verfasser einige Mühe, die elsässische Landschaft in den Kreis der französischen einzugliedern, und sprechen davon, daß hohe Berge und dichte Wälder diese Landschaft von den benachbarten trennen, wobei übersehen wird, daß hohe Berge und dichte Wälder das sind, was man sonst als „natürliche Grenze" gern bezeichnet. Das Volk in jener Landschaft spricht angeblich eine „Mundart", aber es wird nicht gesagt, daß diese Mundart leine französische, sondern eine deutsche ist. Die Franzosen — ich habe mich durch ganz Frankreich davon überzeugen können — wissen gemeinhin gar nicht, daß im Elsaß Deutsch gesprochen wird, mögen nun gewisse Elsässer diese Sprachentatsache werten, und mag es politisch bedeuten, was es will, wir sind nicht geneigt, es zu überschätzen. Aber ich vergesse nicht den Ausruf höchsten Erstaunens einer mir bekannten Pariserin, die eines Tages ins Elsaß kam: „Conunent donc, tont le monde parle allemand?!“ Wann wird die Erde zu Mein? Zur Frage der zukünftigen Verteilung der Menschheit. Von Professor Dr. Sölch, Heidelberg. Durch die Auswirkungen des Weltkriegs und der Nachkriegszeit ist die Frage neuerdings stark belebt worden, was für eine Höchstzahl an Menschen die Erde überhaupt zu tragen vermöge und ob ihr die zur Verfügung stehende Gesamtnährfläche nicht über kurz oder lang (bei der gegenwärtigen Lebenshaltung) zu knapp werden müßte. Diese Frage hat schon früher die Wissenschaft beschäftigt, endlich die Sozialwissenschaften und die Geographie. Wenn nun auch allen diesbezüglichen Schätzungen zahlreiche Fehlerquellen und Unsicherheiten anhaften und wir vor allem nicht in der Lage sind, die zukünftigen Leistungen der Menschen irgendwie voraus- zusagen, so stimmen die meisten von ihnen darüber überein, daß bei weiterem Anwachsen der Bevölkerung nur in^ den letzten 200 Jahren und bei dem gegenwärtigen höchstmöglichen Stand der Teck)nik kaum mehr als 6 bis 8 Milliarden Menschen auf der Erde Platz finden könnten. Heute beträgt die Gesamtzahl knapp 1,9 Milliarden. Die Frage ist: wo werden sich für sie neue Nährslächen finden? In den Tropen, soweit es gelingt, an Stelle der dortigen Urwälder in großem Ausmaße Kulturen von Brotfrüchten einschließlich Reis zu fetzen; in den hauptsächlichsten Trockengebieten, soweit sie gute Böden haben und diese künstlicher Bewässerung zugänglich gemacht werden können; ob auch in den Wüsten selbst, deren Böden ost weithin viel besser sind, als man erwarten würde, ist mehr als fraglich. Es wird sicher auch nock) gelingen, die Ergiebigkeit der Ackerfluren wesentlich zu erhöhen. Man wird ferner vielleicht daran denken, Fluren, die heute der Viehzucht dienen, für Getreidebau zu übernehmen, so weit sie sich überhaupt dazu eignen. Dagegen muß man wohl der Verwendung künstlicher Nährstoffe auch für die Zukunft mit größter Zurückhaltung begegnen. Schon nach wenigen Generationen dürfte also das Problem der Uebervölkerung einzelner Teilgebiete, wie es heute besteht, in seiner ganzen Schärfe lebendig werden. Wenn wir uns also nick)t auf den Standpunkt stellen wollen, daß uns alles, was später einmal sein wird, gleichgültig bleibe, 1° enussen wir so bald wie möglich die ganze Frage nach allen Richtungen hin untersuchen und auf Mittel sinnen, den bedrohlichen Zeit- ?schlt der beginnenden Uebervölkerung der Erde möglichst hinauszu- Ichieben. Der Blick auf eine Dichtekarte der Erde zeigt sofort, daß Me größten Menfchenballungen von zweierlei Art sind. Die einen knüpfen sich an die Reisländer Monsunasiens und deren Nachbarschaft, die anderen knüpfen sich an die großen Industriegebiete der abendländischen Kultur. Diese gehen uns unmittelbar an; wir sind ja selbst nicht nur die Nutznießer, sondern auch die Leidtragenden der unerträglichen Volks- verdichtung, die ihren stärksten Ausdruck in den modernen Riesenstädten Europas und Nordamerikas, in geringerem Ausmaße auch bereits in denen anderer. Erdteile findet. Ihre Entwicklung wäre nicht möglich gewesen ohne die Entfaltung der modernen Industrie, des modernen Verkehrs, der modernen Arbeitsorganisation und des modernen Kapitalismus. Alle diese Erscheinungen der modernen Kultur haben aber, soweit sie auch in verwickeltster Wechselwirkung begriffen sind, ihre Voraussetzung in der Ausnützung der Kohle als Kraftstoff bzw. in der Verwertung der Dampfkraft. Mit Recht spricht man geradezu von der „Kohlenzivilifation", die aus den verschiedensten Gründen das Zusammenballen der Industrien und damit das der Menschen, und nach dem Gesetz der Selbstverstärkung abermals der Industrien und der Menschen begünstigt und auch dem geistigen Leben ihr Gepräge aufgedrückt hat. Vielfach unbekümmert um die Werte der benachbarten Nährfläche hat die Riesenstadt ihr Umland verschlungen und auf dessen Menschen aus seinem weiteren Umkreis an sich gelockt. Dem Aufblühen der Industrie und dem Wachstum der Großstadt stehen der Rückgang der landwirtschaftlichen Fläche und die Landflucht der Bevölkerung gegenüber. Die Riefenstädte ernähren sich nicht mehr von den Erzeugnissen ihrer Umgebung, sie haben auch die innere Verbindung mit dem Lande verloren. Aus weiter, oft überseeischer Entfernung müssen sie ihre Nahrungsmittel und den größten Teil ihrer Rohstoffe beziehen. An Stelle der Harmonie von Stadt und Land ist eine disharmonische Verstädterung getreten. Die Umgruppierung der Menschheit soll dem Lande wieder zu feinem Recht verhelfen, eine harmonische Verbindung herbei- führen, in welcher Stadt und Land wiederum nicht bloß als ein Ganzes schaffen, sondern sich auch als ein Ganzes fühlen. Eine derartige Umgruppierung mühte aufs strengste die wirtschaftliche Ausstattung der einzelnen Räume beachten, namentlich an Nährfläche, aber auch überhaupt an natürlichen Wirtschaftsquellen und Vorzügen (3. SB. der Lage); sie müßte darüber hinaus auch all den anderen Erscheinungen der betreffenden Räume gerecht werden, wie sie nun einmal im Laufe der Geschichte geworden sind, vor allem den verschiedenen Tatsachen des Menschen. Das Wirtschaftsleben ist ja nur eine Seite der menschlichen Kultur. Gesellschaftliche Zustände und geistiges Leben, Wohlstand und Bildung, Gesundheit und Fortschritt hängen auf engste mit ihm und aufs mannigfachste untereinander zusammen. Soll nun dies alles entsprechend in Rechnung gesetzt werden, so müssen die einzelnen Landschaften überall nach ihrem ganzen Bestand, im weitesten Sinne des Wortes, aufgenommen werden und dauernd im Laufenden gehalten werden. Es handelt sich dann nicht mehr, wie es bisher geschah, um eine systematische Ausnahme der Kohlen- oder Erzvorräte der Erde, durchgeführt, weil man früher Raubbau getrieben hatte und schließlich ängstlich geworden war über die Dauer ihrer Ergiebigkeit; es handelt sich darum, den ganzen Kulturstand der Menschheit nach Landschaften zu ermitteln und nnd) den Fähigkeiten der einzelnen Land- fchasten die weitere Verteilung der Menschheit systematisch zu regeln. Derartige Ausnahmen anregen zu wollen, erscheint heute wie eine Utopie. Aber viel von dem, was einst als solche verlacht wurde, ist später Tat und Wirklichkeit geworden. Im Bereich der britischen Inseln, wo die Uebel der Kohlenzivilifation am schmerzlichsten fühlbar geworden sind, ist man and) in den Versuchen, ihnen zu steuern, und sie an der Wurzel zu packen, am weitesten fortgeschritten. Zwar steckt auch hier alles noch in den Anfängen. Indes der Gedanke der Regional Snrveys, schon seinerzeit angeregt von dem großen französischen Soziologen Le Play, hat auf ihnen verheißungsvolle Keime gezeitigt und ergreift immer weitere Kreise. In England ist zuerst der Versuch der Gründung von Gartenstädten gemacht worden, dort haben Städt- und neuerdings auch Landplanungen besondere Aufmerksamkeit gefunden und besonders große Erfolge erzielt. Eine solche Umgruppierung der Menschheit ernst ins Auge zu fassen, ist ja erst durch Fortschritte der Technik der jüngsten Zeit gegeben worden. An Stelle der früheren Kraft st offverfrachtung bzw. der Rohstoff- und Nahrungsmittelverfrachtung an die Fundorte der Kohle tritt gegenwärtig in steigendem Maße die Straft Übertragung. Die Elektrizität kann weit entfernt von den Stätten, wo sie gewonnen wird, verwertet werden. Aus dem mechanischen Zeit alter sind wir in das Zeitalter der Elektrizität eingetreten. Nun ist nicht mehr die Sammlung der Industrien an bestimmten Plätzen und die Ballung der Menschen in einzelnen wildwachsenden Riesenstädten eine höhere Notwendigkeit; vielmehr können Betriebe und Menschen wiederum mehr flächenhaft über das Land und in engerer Harmonie mit dem Lande und Berührung mit der Natur verteilt werden. In dem gleichen Sinne wirken auch die modernen Verkehrsmittel: Telegraph, Fernsprecher, Kraftwagen, Rundfunk. Immer weiter entfernt sich die Kultur der Gegenwart von der vorangehenden Phase der Kulturentwicklung und die Unterschiede zwischen beiden werden so groß, daß man (mit P. Geddes) ein neotechnisches Zeitalter einem paläotechnischen gegenüb erstellen kann. Diesen Augenblick in der Geschichte der Menschheit gilt es auszunützen, um deren zweckmäßige Verteilung für die Zukunft zu regeln. Dabei werden aber alle die anderen Fragen lebendig, die aufs engste mit dieser Grundfrage Zusammenhängen: die Frage nach der Eignung der weißen Rasse für Leben und Arbeit in den Tropen; die Frage nach dem Anteil der weißen Rasse und der übrigen Rassen der abendländischen Kultur und der anderen Kulturen am schließlichen Gesamtbild der Menschheit und an deren Höchstzahl. Es müssen sich alle unsere Wissenschaften in gemeinsamer Arbeit in den Dienst der damit zusammenhängenden großen Aufgaben stellen. Der Geographie wird sowohl bei der Erkundung der einzelnen Landschaften als auch von deren Wechselwirkungen eine hervorragende Rolle zufallen. M Das; seine Worte wirken möchten, ließ Vollhcirdt eine Weile verein. Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Vuch- und Sieindruckerei, R. Lange, Gießen. gehen, ehe er zum Thema des Abends überging. Eine Würdigung Goethes als Lyriker leitete seinen Vortrag Indem er sich hierbei vergegenwärtigte, inwieweit das Auffassungsver- mügen der Zuhörerschaft der Materie entsprach, kleidete er in freier Rede seine gründliche Vorarbeit in eine gemeinverständliche Form. Auch die Gedichte wühlte er mit Bedacht, sofern er nur solche las, die in ihrem Naturgefühl, in ihrer Schlichtheit und Innigkeit an die Perlen der Volkspoesie erinnern. Wenn er hie und da Erläuterungen gab, tat er dies so bewußt naiv, daß es keiner besonderen Fassungskraft bedurfte, ihn zu verstehen. Was er vorlns, kam einfach und kunstlos heraus, aber man spürte, er gab seine Seele mit. Und die Männer und Frauen aus dem Volk lauschten in andachtsvoller Stille. Ergreifend war es, zu beobachten, was sich in all' den gespannten Mienen kundgab. Die einen blickten verlegen vor sich hin, als fürchteten sie, ihre Empfindungen zu verraten, die anderen hingen glückselig lächelnd an des Redners Lippen, diese zogen die Stirn kraus, ein Zeichen, daß ihr Denkorgan in Tätigkeit war, jene legten die Hand ans Ohr, damit der Wohllaut der Gedichte leichter den Gehörweg fände, lieber allen aber lag jene Weihe, die sich allerorten verbreitet, wo ein hoher Genius sich offenbart. — Die Stunde verflog. Der Lehrer verließ den Saal. Noch saßen die Männer und Frauen in trauter Gemeinschaft beisammen, als scheuten sie sich, dahin zurückzukehren, wo sie das Leben mit seinen Sorgen und Nöten wieder umfing. Arm in Arm gingen Leuchen Launsbach und Lieschen Hormann die nächtliche Straße entlang. Ein kalter Wind kühlte ihre erhitzten Wangen. Am .Himmel hing schweres Gewölk, und ein feiner Regen sprühte nieder. Die Mädchen achteten dessen nicht, ihre Seelen waren noch ganz von den Tönen erfüllt, die sie eben umklungen hatten. Auf dem Marktplatz, wo sich ihre Wege trennten, sagte Lieschen: „Ich geh' noch ein Stückchen mit dir, Lene." Sie bogen in eine enge Gasse ein. Aus den Häusern zu beiden Seiten fiel heller Lichtschein auf das Pflaster. Lene, die bisher geschwiegen, wurde mit einem Mal mitteilsam. „Guck, Lieschen, wann ich jetzt könnt', wie ich wollt', tät ich hüben und trüben an die Fenster klopfen. Und tüt sprechen: Da hockt ihr um euern Tisch herum und lest das Blättchen jeden 'Abend! Und hat doch deutlich dringestanden, daß der Herr Vollhardt red't. Wo habt ihr dann nur gestocken, ihr Leut? Wißt ihr, was es geben hat? Wunderherrliche Sachen! Ei, wann ihr nicht.verwergelt seid, macht euch die ander Wach' auf lind kommt!" „'s ist als noch nicht bekannt genug," meinte Lieschen, „sonst tät das Sülchen die Menschen nicht packen." Lene blieb tief atmend stehen. „Ich will dir jetzt was sagen, Lieschen. Mußt nicht lachen. Wie der Herr Vollhardt vorlesen tat, hab' ich gedacht: Mein! Das kommt ja aus dir. — Ich bin nicht mit der Einbildung gestraft, ober so wahr ich leb', ich hab's inwendig gehabt. Nur, daß ich's nicht so schön van mir gegeben hält'. Die Gedichte passen auf alle unb jeden. Ich stell' mir das aus die Art vor: der Goethe hat besondere Augen gehabt, daß er in die Menschen hineingucken könnt'. Manch' einer hat sie hinten und vorn und macht's ihm doch nicht nach. Du lieber Himmel, was für ein Mann!" „Mir ist, als Hütt' ich in der Schul' was von ihm gelesen", besann sich Lieschen. „Das ist schon möglich. Wie geht's unfereinem denn? Heut' konfirmiert, morgen in die Fabrik. Das bißchen, was man gelernt hat, ist rasch Uni war bi ? Glück, vietteid bin ni< Leben einen l Wn Maß < M g Meine Abc über in habe sc und gc mußte. Sie; einem ucrgäiu Leichte," ein Si, „ Ich Manati barg u Tode u Mit Garten Keinem sieh, wl das wa und Gl darum Und die g(ei onzeboi Ingebm überbau Wt. € Armen! ihre Sd Eugen, Kopf (d Cs Zu den nieUeity der beft Kinder des Volks. Von Alfred Bock. (Fortsetzung.) „Hier hingesetzt und nicht gemuckst!" Der Lange gab keinen Frieden. Da nahmen sie ihn beim Schlaffikch und beförderten ihn an die Luft. Punkt acht Uhr trat der Lehrer in den Saal. Da er die Anwesenden begrüßte, kamen noch zwei Nachzüglerinnen: Lene Launsbach und ihre Arbeitsschwester, Lieschen Hormann. Vollhardt begab sich an seinen Platz. Im Augenblick herrschte völlige Stille. Und nun begann er: „Ich freue mich, daß heut abend so viele Frauen und Mädchen gekommen sind. Da will ich denn gleich ein paar Worte sagen, die mir schon lang auf dem Herzen liegen. Ihr wißt's aus eigener Erfahrung, die Zeiten sind vorbei, da der Frau als einziger Wirkungskreis das Haus und die häusliche Arbeit überlassen war. Heutigen Tags das tägliche Brot verdienen, erheischt einen harten Kampf. In diesem Kamps steht die Frau an der Seite des Mannes als Helferin, als Mitstreiterin. Millionen Frauenhände regen sich auf vielen Gebieten des Erwerbs. Die Frau, die als des Mannes ebenbürtige Genossin den Unterhalt des Lebens mit- erringt, darf billigermaßeu fordern, daß ihr Leben auch einen meuschen- roürbigcn Inhalt habe. Gleiche Pflichten, gleiche Rechte. Das heißt von meinem Standpunkt aus: Wir sollen der Frau Gelegenheit geben, über das Einerlei der Berufsarbeit hinaus ihr Wissen, ihre Bildung zu erweitern. Der Mann muh kein Herz im Leib haben, der seine Frau stumpfsinnig neben sich hertrotten läßt. Er selbst hat das größte Interesse daran, daß die Kräfte geweckt werden, die in ihr schlummern. Ein reger Gedankenaustausch zwischen Mann und Frau führt beide enger zusammen. Auf gegenseitigem Verstehen beruht das Glück der Ehe und der Familie. Das schreibt euch hinters Ohr, ihr Männer. Und nun, ihr Frauen und Mädchen, was ich euch hier gebe, ist nicht viel. Immerhin wird's seine Früchte tragen, wenn ihr recht bei der Sache seid. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Das Gemüt braucht auch seine Nahrung. Die möcht' ich euch bieten. Wer einmal reines Wasser getrunken hat, verlangt nicht mehr nach schmutzigem. Wenn ihr Durst habt, halt' ich den Becher parat. Der Brunnen schöpft sich so bald nicht leer." verzammeli. Und nu fein Buch mehr und kein Rix. So dosselt man fein Leben lang hin." „Ja, ift’s am End' nicht besser so? Da ist man jetzt himmelfrvh qe. wesen. Wie lang dauert's? Noch ein paar Stund', und das Elend acht wieder los. Aisfort der Brückner, der eklige Rilps, und die Kienholcen mit ihrem Gekrisch. Hu! 's schaupert mich." Ein Neugieriger öffnete sein Fenster, die Mädchen drunten zu belauschen. Lene ergriff der Kameradin Hand und zog sie mit sich fort. 1 „Lieschen, hast du dann nicht gehört, was der Herr Vollhardt zu uns I Frauensleut gesprochen hat?" „Versteht sich." „Und läßt gleich wieder die Flügel hängen? Guck, Lieschen, da bin ich I anders drin. Ich könnt' mich bätschen, daß ich die Zeit her nicht bei beit ’ Vortrügen war. Mir ist diesen Abend so artlich gewesen. Mußt' erst gar nicht wie. Hernach hab' ich mir's zurechtgelegt. Und jetzt reißt keine Masche mehr." Ihre schlanke Gestalt hob sich empor. Von ihren Augen ging ein Leuchten aus. Do sie weitersprach, klang ihre Stimme kraftvoll und sicher. „All' mein' Lebtag' bin ich dumm gewesen. Hab' geglaubt, Plagen und Tragen, weiter güb's nix für unsereins. Heut ist mir ein Licht cmf- gegangen. ’s gibt doch noch was für die armen Leut. Der Mensch lebt nicht Dom Brot allein. Das Gemüt braucht auch seine Nahrung, hat der Herr Vollhardt gesprochen. Und wer nur will, der kann sie haben. Euch Lieschen, seit heut abend weiß ich, ich will!" 6. Der Lehrer sitzt an seinem Schreibtisch und korrigierte Hefte. Wahrlich nicht die Lichtseite seiner Berufstätigkeit. Fünfundvierzig Diktate, darunter unglaublich fehlerhafte. Die Arbeit rückt nur langsam voran, aber Vollhardt ist mit Geduld gewappnet. Er weiß, die Volksschule kann ihre Schüler nicht auswählen, sie muß mit allen Elementen rechnen, hart bis an die Grenze der Geistesschwachen. Das macht das Lehramt doppelt verantwortungsvoll. Wer zollt dem Volksschullehrer Anerkennung? Die Kinder, die er erzieht und bildet, wissen sie ihm Dank dafür? Kaum, daß sie in den Lebenskampf getreten, ist die Erinnerung an die Schule verblaßt. Und doch bauen alle auf dem Grund, den die Schule in sie legt. Was der Volksschullehrer in mühevoller Arbeit schafft, bringt nicht hinaus in die Oeffentlichkeit. Gewinn und Ehren warten seiner nicht. Die Anerkennung, die ihm die Welt versagt, muß er in sich selber finden. Und ist es nichl i etwas Herrliches, vom Glauben an den Fortschritt der Menschen beseelt, Gesittung und Bildung ins Volk zu tragen? Der Volksschullehrer, der cs ! ernst mit seinem Berufe meint, braucht niemand um Amt und Würden I zu neiden, er wirkt an einer vornehmen Stätte, der Bildungsstätte des Volks.-- Das letzte Heft war abgetan. Vollhardt schob den Pack beiseite und lehnte sich bequem zurück. Wie stets in traulicher Abendstunde ließ cr die Geschehnisse des Tages an sich vorübergleiten. Aus der Residenz war ein Brief vom Lehrer Schmittborn gekommen. Der schrieb, er habe die Redaktion des „Schulwart" übernommen. Seiner bekannten Gesinnung gemäß solle das Blatt eine andere Richtung erhalten, solle als unabhängiges Organ den wahren Interessen der Lehrerschaft dienen. Er bitte den Kollegen um seine Mitarbeiterschaft. Vollhardt bedachte, in welchem Sinne er zu antworten habe. Der neue Redakteur, der auch im Landtag saß, war ihm sympathisch. Ohne eine Verpflichtung einzugehen, würde er sich bereit erklären, dem „Schulwart" Beiträge zu liefern. Das bedeutete einen Entschluß für ihn, denn er Halls sich bisher jeder Meinungsäußerung in Fachblättern enthalten. Nicht, als ob er den großen Fragen, die seine Berufsgenossen in Atem hielten, teilnahmslos gegenüber gestanden hätte — in Stunden stiller Betrachtung hatte er längst seine Gedanken darüber niedergeschrieben —, allein als abtrünniger Theologe, der in der Not zum Lehramt gegriffen, hatte ihn sein Feingefühl zurückgehalten, sich in der Bewegung der Volksschullehrer vorzudrüngen. Darüber waren Jahre vergangen. Nun kam der Antrag aus der Residenz und obendrein von einem Manu, an dessen Freimut nicht zu zweifeln war. Da mußten die alten Bedenken schwinden. Die Manuskripte lagen druckbereit. So bot sich ihm Gelegenheit, als Schulmann öffentlich Stellung zu nehmen und damit der guten Sache zu nützen. Er erhob sich und trat ans Fenster. Cs war Martini. Drangen wirbelten die ersten Flocken. Eine alte Bauernregel besagte: Kommt Bischof Martin mit weißem Bart, Dann wird der Winter lang und hart. Nicht ohne Sorge sah er dem Winter entgegen. Die Mängel der Woh- nung machten sich geltend. Mit Ausnahme des Arbeitsstübchens ließ sich kein Zimmer ordentlich Heizen, und der Hausbesitzer, ein großer Filz, war nicht gewillt, darin Wandel zu schaffen. Im Haushalt war nicht viel zu tun. Immerhin war's im Winter doppelt beschwerlich, das Wasser vier Treppen hoch hinauf zu schleppen. Die Belloffen hatte den besten Willen; allein ihre Körperkräfte versagten. Sie war jetzt häufig bettlägerig. Statt ihrer kam die Lene Launsbach, das Notwendigste zu leisten. Die hatte ihre Fabrikstunden einzuhalten und stahl die Zeit sich förmlich ab. Mit dem Mädchen ging’s ihm seltsam. Er wußte, sie war immer auf dem Sprunge. Dennoch hielt er sie zurück und plauderte mit ihr. Wenn er sie ansah, mußte er an die Worte des Erlösers denken: „Das Licht des Leibes ist das Auge. Wenn dein Auge gesund ist, so hat dein ganzer Leib Licht." Aus dem' Auge des Mädchens strahlte eine Kindlichkeit, der ihre Erlebnisse scheinbar widersprachen. Er blies mit den Philistern nicht in ein Horn, die da sagten, sie ist eine Gefallene. Ein Schurke hatte he betört. Trotzdem war sie rein geblieben. Bei all ihrer Herzenseinfmt offenbarte sie Gedanken, die einen in Erstaunen setzten. Erst diesen Vormittag hatte er sich über eine kluge Antwort gefreut, die sie feinem Buben gegeben. Das Gespräch der beiden war ihm frifch im Gedächtnis. (Fortsetzung folgt.) ___