SiehenerKninIienblStter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den \2. August ~ Nummer 62 Hochlandsschweigen. Von Christian Morgenstern. Stille, Stille ... nur des Baches fernes Rauschen in der Kluft und des Abendwindes schwaches Flügeln durch di« helle Lust ..4 Wettertanne ruht und feiert ... Gipfelgold oergeiftert facht ... Und ein zart Gewölk entschleiert zögernd das Gestirn der Nacht ... Kinderland. Von Gertrud Aulich. Jemand fragt ein kleines Mädchen, das man während der Ferien in eine entlegene Sommerfrische verschickt hatte: Nun, ist dir nicht bange nach Zuhaus? Ein schmerzlich verzogenes Mäulchen müht sich zu antworten, dann folgt ein Tränenstrom und nun bricht das tapfer niedergehaltene Heimweh hemmungslos hervor . . . Ja, Heimweh ist Kinderweh, Heimat ist Kinderland. Der Erwachsene, Reife, Gesunde kennt kein Heimweh, der mit feinem Lächeln Wissende, daß überall gleiche Erde und gleicher Himmel ist, überall dieselbe Sehnsucht nach Unerreichbarem, überall derselbe Segen und Fluch der Arbeit, überall von gleicher Flüchtigkeit Glück, von gleicher leichter Beschwingtheit Freude, von törichter Seligkeit Liebe, von herber Bitternis Tod. Kinderland ist Märchenland, ist Anfang alles Geschaffenen, ein neues Werden für jegliches Wunder ringsum. Ist dieses Stück Erde schon gewesen? Nein, Kinderhände haben es geschaffen, indem sie mit zärt- llch unbewußtem Staunen darüber hintappten. Blühte jene Blume schon, am Rande des kargen Gemüsebeetes, sang bereits der seltsame Vogel im kleinen verkrüppelten Birnbaum, der mit den Zweigen wie mit Fingern nach Licht und Sonne griff? Nein, nichts war da, ehe das Kind es entdeckte. Eines Tages öffneten die schlafbefangenen Augen sich, sprangen die traumschweren Ohren auf und schufen Wunder um Wunder. Oh, das kleine Haus mit dem engen Flur und den ausgetretenen Steinstufen war vielleicht schon da, aber dem Kinde ist es etwas Unendliches, etwas Kostbares, das sein Gefühl noch nicht zu umspannen vermag, mit dem die kindliche Phantasie sich langsam und schüchtern vertraut macht, und für dessen Begriff der noch unbeholfene Mund ein flüchtig gehörtes Wort nachhallt. Haus! sagt das Kind, ober die Vorstellung von geheimnisvollen Schlössern aus einschläfernden Märchen vermischt sich mit diesem Begriff, und erst später mag dem Kinde auffallen, daß das Elternhaus weder von Gold noch von Marmor ist, daß nicht Turm noch Kuppel, weder Zinnen noch Erker es zieren. Es vermißt dies Beiwerk nicht, genug, daß die Steinmauern mit dem schräg geneigten Dach seine Welt umfassen. Wie groß ist wohl die Welt? O sie ist zum Staunen, ja zum Fürchten groß. Da ist der Garten mit dem windschiefen Bretterzaun, den die Kinderarme nicht zu umspannen vermögen, wenn sich auch hundertmal eine Länge an die andere fügt. Ungeheure Dinge tun sich darin, denn warum würde es sonst so rascheln, wispern, zirpen, raunen und rauschen? Ein schmaler Gang ist da, ganz von Brennesseln und Löwenzahn überwuchert. Einen ganzen Nachmittag läuft, geht, kriecht ihn das Kind auf und ab, sinnt und versucht nachzudenken, ohne je zu Rande zu kommen. Das erste fremde Weh erfährt es, den ersten Schmerz, der nicht von Vater und Mutter kommt; worüber es sehr erstaunt: Brennesseln haben es gebrannt, eine Biene, die es mit der Blume pflücken wollte, hat es gestochen, und nun weiß es nicht, war dies Liebkosung oder Arg. Reich und voller Wunder ist Kinderland, aus dem die Heimat wächst. Was ist dies, höher als das Haus, das mit vielen Händen und Fingern in den Himmel will? Der Wind fängt sich darin und singt, der Sturm |d)ütte(te es, dann fallen grüne Kugeln herab, die das Kind in den ginger stechen und die ganz bitter schmecken, wenn man sie essen will. Das ist der Kastanienbaum, sagt der Vater. Oh, die alten Birnbäume wit dem spitzen Wipfel, den schön gerundeten Apfelbaum, die weit- ausladende Kirsche, die kennt das Kind schon. Es weiß, daß man sie nicht gering einschätzen darf, denn sie haben saftige Früchte, von denen oft viele im Grase liegen und wenn ihre Stämme auch nicht hoch und ihre Kronen nicht so stattlich sind, kann man immerhin sehr unsanft herabfallen, versucht man an dem rissigen Stamm hochzuklettern. Wie war das, als das Kind den ersten Vogellaut vernahm? Ganz klein war es noch, konnte eben im Fenster hocken und den Schmetter- »ngm zuschauen, di« ein rotblühende» Nelkenbeet umtanzten. :e man „Bume", sagt das Kind und „ling, ling" und versuchte, mit den kleinen mrgeschickten Händen die zierlichen Dinger im Fluge zu er* haschen. Da sagte etwas „piep!" und wieder „tuit tmt tütütütü!" Dis Kinderseele sandte alle Sinne nach dem Rätselhaften aus, da fanden es die Augen in der Kastanie sitzen, die ganz zartes, junges Märzgrün verhielt das Kind, aber der Mund mußte fragen. „Vogel! benannte die Mutter es. Immer und immer Neues und Seltsames entdeckte das Kind, und die Mutter gab ihm einen Namen. — Im durchsonnten Grase war etwas auf den Rücken gefallen und zappelte: „Käser!" sagte die Mutter- . m die Biegung des Flurs huscht« es grau und gleitend und verschwand im Spalt der Kellertür. „Maus", sagte Mutter. Quer über eine Zimmerecke schillerte es bunt und silbern und war ein Spinnennetz, fein und fest ««webt, und die Spinne lief mit hurtigen Füßchen über ein haardünnes Fädchen. Immer häufiger fragte das Kind, weil die Augen das Schauen nicht mehr bewältigen konnten, und immer größer wuchs Welt und Umwelt. Der Garten war durchforscht, der Hof schloß sich an mit Brunnen und Hundehütte und Ställen. Wie war es denn möglich, daß es so viel verschiedene Dinge gab! Alle hatten andere Namen, den man sich merken mußte. Aus den Dingen wurden Gespielen, Kameraden, Freunde, Feinde. Sie kannten das Kind nun und machten die Welt seines kleinen Tages warm, heiter, vertraulich und wundersam. Aber auch vorsichtig. Täubchen flug gurrend herbei, wenn Kindchen Körner streute, Hühnervolk umflatterte es, aber den bösen Gänserich mußt, scheuchen. Hündchen rief von weitem wauwau, aber das hieß guten Tag, leckte ihm Beine und Hände und tanzte vor Freude um sich selbst. Hündchen war gut und verläßlich. Kätzchen war auch gut, aber nicht immer verläßlich. Manchmal vergaß es, die kleinen Messerchen einzuziehen, die in die Haut schnitten. Kälbchen machte sich nicht viel aus Kindchen und vor Pferdchen mußte man sich in acht nehmen. Es war so sehr groß, man konnte zwischen seinen Beinen durchlaufen, aber dann schrie Mutter und Vater lockerte den Leibriemen. Ach, nicht alle Dinge waren gleich. Schöne und weniger schöne gab es, gute und böse. Aber weniger scbön war nicht betrüblich, und böse entwertete nichts, denn es war nicht Urteil, nur Unterscheidung. Noch das Böseste war ein Wunder. Das Böseste waren Kinder. Sie kamen aus den Häusern und Höfen und spielten mit Kindchen. Sie schrien und prügelten sich, stahlen Knöpf? und Murmeln, Kreisel und Peitschen. Aber sie konnten hoch in den Kirschbaum hinauf, wo Kindchen noch nicht hinkam, sie fangen Lieder, von denen Kindchen glaubte, daß sie schöner als Mutters Lieder vom lieben Gott seien, und die größten, die schon zur Schule gingen, brachten das Märchen und die Geschichte in Kindchens Welt, und mit den Märchen das wohlige, hingegebene Bangesein. Die Welt des Lichten begann sich mit Dunkel zu überschatten, mit dem kostbaren, geheimnisvollen Dunkel, ferner unterirdischer Mächte: Wassermann, Wichtel, Berggeist, Gott und Teufel. Auch dieses Seltsame war gut und böse. Gut war es, wenn heller Tag auf Wiese und Feld lag, Aehren mit Windeswellen hin und her schwankten, Lerchen sich hoch in der Luft mit klarem Singwirbel verloren, Mutter an den Kochtöpfen fang und Vater mit leichtem Schritt aus Berggeistes Reich kam. Aber wenn Blitze und Donner mit feurigem Glanz und schreckhaftem Gebrüll aus den Wolken fuhren, wenn der Hund an der Kette sprang und heulte, der Bach Feld und Wiese überschwemmte, Mutter meinte und Vater fluchend schimpfte, dann war es böse. Auch Gut und Böse muß das Kind erfinden, denn erst gab es nichts Derartiges. Auch Weinen, Fluchen, Lachen und Fürchten schuf es und erweiterte damit seine Welt. Die war nun schon groß und mächtig, so, daß man nicht mehr übersehen konnte, wie weit sie reichte, und es aufgab, die Dinge zu nennen und zu zählen, die zu ihr gehörten und die sie ausmachten. Dis Dorfstraße war zuerst hinzugekommen und hatte viel kleine Häuschen mitgebracht, die fast alle wie Kindchens Haus aussahen, Hof, Garten, Zaun, Kuh und Pferd hatten. Die Kirche kam dazu, die war dunkel und kühl und wollte sich dem Kindchen lange nicht erschließen. Es schien, daß sie gar nichts Vertrautes habe außer dem kleinen leuchtenden Stern in der Mitte, denn alles in ihr war still und tot. Und die seltsamen Männer und Frauen, die an den Wänden standen und vor denen man knien und die Hände falten mußte, waren aus Stein und Holz, rührten sich nicht, konnten nicht lachen noch singen und waren, sicher tot. Aber die Glocken konnten fingen, die ja. Und zu Weihnachten blühte aus allem Toten das Wunderbarste, das Kindchen bis jetzt entzückt hatte, weil es so klein, so lieb, so leuchtend und doch so unfaßbar war; ein Stück Himmel auf Erden, ein Stück Anfang von Kindchens Reich: das Kind in der Krippe. Ach, noch viel, sehr viel wuchs in dies Reich, manches war wertvoll und vermehrte und verschönte es und machte es stark und herrlich. Das war die Senke am Bach, wo es alte, zerzauste Weiden gab, die ins Wasser stiegen, wo mit fremden Zungen die Well« flüsterte und sprach. zum aller sein Ort. Zeit ihm aber zwei schöne Mädchen ins Haus schickten, da griff er Stab und wanderte aus. Da suchte er nach dem unzugänglichsten Berge, der so steil wie sein Glaube und so unbezwinglich wie Gelübde sein sollte. Und daher dünkt mich die Schwebebahn fehl am vereinzelten Lorbeerbäumen am Steilhang, vom Feuer der Inbrunst aber glühend wie der Ginster, zur Gnadenstätte hinausquälen. Die Abtei empfängt sie dann patriarchalisch mit Wasser und Brot im kühlen Säulengang, sie ist ihnen der Heiland, der den Aermsten der Armen die schmerzenden Füße wäscht. das war der Kartoffelacker weit am Wald, auf dessen Rain man die Ziegen hütete. Kartoffelfeuer brannten, und herrlich schmeckte die braune, innen weiße, köstlich duftende Frucht. Da war die Grube mit Esse und Förderturm und Getöse, Rüderrattern, Maschinengestampf, Ruß, Staub und Dampf. Da war die Halde, lang hingestreckt, silbrig durchschimmert, mit kleinen, bläulichen Zünglein, die über das graue Fell des Abhangs leckten. Da war der große, unheimliche Grubenteich, vor dem eine Tasel stand mit einem Totenkopf darauf. Ein grausiges Reich, das das Kind nicht zu erforschen wagte, wenn auch seltsames Getier an seinem Ufer lockte. Ganz zuletzt kam die Nacht mit Mond und Gestirn. Eines Tages umschloß Kindchen mit inbrünstigem Gefühl seine Welt, soweit es sie aus sich ausgebaut hatte, und in seinen Augen brannte eine Frage: „Dies alles?" fragte es mit einer scheuen, frohlockenden Innigkeit. „Deine Heimat", sagte Mutter. Das heilige Felsennest. Von Dr. Gustav W. Eberlein. M o n t e c a s s i n o, im Sommer 1929. Den O-Zugwanderer, der von Rom nach Neapel fährt, um schnell noch den Vesuv mitzunehmen, befällt ein leichtes Gruseln, wenn er vom Lendenstück mit grünen Erbsen aussieht und die sonderbaren Berge bemerkt, die aus der Campagna auftauchen wie einsame Klippen. Alle tragen auf der Spitze, die zuweilen hundenasenhaft auslüuft, eine Krone, wie die Backfische sagen, ein Räubernest, wie die mannhaft dreinhauenden Kreuzfahrer des gesitteten Speisewagens versichern. Nichts für unsereinen! Muß ja einen Pieps haben, wer da hinaufkrabbelt! Die Einwohner der Felskronen find Bauern und Städter, denn die Nester, so primitiv es in manchem noch zugehen mag, haben etwa die Größe, wenn auch nicht die saubere Gemütlichkeit kleiner deutscher Universitätsstädte. Es gibt dort Schulen und Museen. Die vermeintlichen Räuber haben auch nicht den Pieps gehabt, als sie sich wie die Letzten der Sintflut auf die höchsten Gipfel zurückzogen, sondern sie wichen vor den schlimmsten Feinden: den Menschen und den Stechmücken. In der Ebene hat es immer Kriege und Malaria gegeben, Plagen, gegen die ein Rudel Abruzzenwölse erträglich scheint. In dieser heroischen Landschaft, in der auch die deutsche Macht ihre Gipset erreichte, um mit Konradin in der Ebene zu sterben, in dieser unverbildeten Bergeinsamkeit, die zum Herbsten und Erhabensten gehört, was das sonst so verkitschte Italien zu geben vermag, in diesem Auf und Ab zwischen Strandglut und Apenninenschnee findet man isolierte Kegel, deren Scheitel zu schmal war für die Ansiedlung von Dörfern. Dann haben sich fast immer Klöster eingenistet wie Adlerhorste, und reichte der Platz auch dafür nicht aus, so doch für die Klause eines Eremiten. Hier ist die Heimat der Heiligen, hier steht die Wiege der Kreuzzüge, von hier zogen aus die Bonifatius und die Wilfried, die Agostino und die Willibord, das Heil auch jenfeits der Berge, jenseits der Alpen und Meere zu verkünden. Hier ist die Schule des Benediktinerordens. Auf einen der mächtigsten und einsamsten Felsen baute Benedikt seine Kirche, indem er den Tempel des Apoll zerstörte, aus den Monte C a s s i n o. Als er Feuer in den heiligen Wald legte, der die Kultstätte des fremden Gottes geheimnisvoll umgab, da schrieb man das Jahr 529. Und so pilgern wir nun vierzehnhundert Jahre rückwärts . . . Nicht nur die Mönche, alles, was von Pilgerzügen lebt, hofft auf den Papst. Die erste Ausfahrt werde ihn. nach Montecaffino führen, fo geht die Rede. Das wäre ja nun freilich eine wundersame Weihe der Säkularfeier. Vielleicht sind die guten Leutchen von Cassino, dem uralten Städtchen, das am Fuße des über fünfhundert Meter hohen heiligen Felsens liegt, ein bißchen z u aufgeregt. Sie drucken nicht nur kistenweise Ansichtskarten, sie bauen auch eine Autostraße zu dem Kloster hinauf, sie haben sich Hals über Kops sogar in eine übermoderne Schwebebahn gestürzt, damit die gebührenderweise an den Anfang dieses Artikels gestellten Polsterpilger nur ja keinen Schritt zu Fuß tun müssen. Bene- bitt ist vor Verwunderung zu Stein erstarrt, wie man droben sieht. Der Ordensstifter scheint nämlich nach allem, was wir von ihm wissen, nicht das Leben so mancher Heiligen geführt zu haben, die das Kreuz am Wege ober zwischen den Stangen eines Hirsches erst erblickten, als sie der irdischen Freuden satt waren bis zum Halse. Schon als junger Mann zog er sich von der Welt zurück und warf sich, die Versuchung zu ersticken, nackten Leibes auf Disteln und Dornen. So war sein kämpf kein leichter. Man steckte ihm vergiftetes Brot zu, das focht ihn nicht an. Ein Rabe nahm es ihm aus der Hand und trug es in den dichtesten Wald. Man ließ das Schlangengezücht des Neides auf ihn los, als er überraschend schnell so viele Anhänger fand, daß er . zwölf kleine Klöster einrichten konnte. Das war in der Nähe von Subiaco, dort, wo Nero seine künstlichen Seen hatte (daher der Name Sublacus) und jetzt wieder Stauseen als das Modernste vom Modernen gezeigt werden. Eines der zwölf Klöster der zwölf Asketen ist heute noch nach dem Heiligen, ein anderes nach feiner Schwester Scholastika genannt. Benedikt wurde seiner Feinde lächelnd ober kämpfenb Herr. Als sie Es gibt natürlich auch Pilger, die bewußt in einer anderen lebend jedes Fahrzeug verschmähen und sich, müde und staubig wie die Eine Loggia ist da, ein Ausblick von den Urmauern heidnischer Wucht ins blühende Tal hinunter, der heißt loggia del paradiso. Wer weilte hier nicht schon alles, wirbelnder Gedanken voll? Männern, die dem Abitur stehen, ist der Besuch in Begleitung eines Geschichtssor- schers entschieden abzuraten. Ach du gütiger Benedikt, wie schlecht ist es doch um unser Wissen bestellt! Die Menschen, die Geschichte machten, litt es chimlich' merkwürdigerweise nicht da unten im Paradiese, sie muhten alle, alle den kahlen Berg haben, partout den Berg. So kam es, daß das Kloster siebenmal zerstört und siebenmal wieder aus- . gebaut wurde. Einer der erste Gäste Benedikts war T o t i l a, dem er gehörig die Leviten las. Dann kamen die Langobarden. Karl der Große besuchte die Abtei schon dreizehn Jahre vor seiner Krönung in Rom. In den Kämpfen mit den Sarazenen, an die noch ein verfallener Wachtturm erinnert, ging die jahrhundertelang durch Brand und Blut gerettete Ordensregel zu Grunde, die Mönche aber liehen sich nicht entmutigen. Sie haben nid)t nur gebetet, sie hatten ja auch zu arbeiten und zu forschen gelernt. Mit derselben Genauigkeit, mit der sie auf ihren Pergamenten die historischen Ereignisse festhielten, mit derselben Liebe zur Wissenschaft richteten sie eine Erdbebenwarte ein, die älteste der Welt. Sie beginnt mit dem Jahre 1005 Und verzeichnete bis 1887 nicht weniger als 453 Erdbeben, die meisten lokaler Natur, denn der Berg ist von zahllosen Kalksteingrotten durchsetzt, die sich ost senken und einstürzen. Eines aber, es war am 1. September 1349, schüttelte Kirche und Kloster zu einem unförmigen Haufen zusammen. Die Herrschaften des Mittelalters haben ihr Mögliches getan, um hinter den Natur- gcroalten nicht zurückzubleiben . . , Aber lassen wir die dunklen Blätter, ein Jahr des Festes zieht ja in Parade vorbei. Gelassen wie andere Stürme nimmt die Festung des Glaubens auch Jubel und Trudel hin. Benedikts Riesenstatue sieht bei Lieht betrachtet gar nicht mehr so abweisend aus, und auch seiner Schwester Scholistika leuchtet das Herz durch den rohgestalteten Stein. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, hier begreift man den frommen Spruch. Da zeigt man die Tür, wo der Heilige den Sohn eines Bauern erweckte, wo während einer Hungersnot zweihundert Säcke mit Mehl niedergelegt wurden, niemand weiß von wem. Drunten der Eindruck einer Oelflofche, die beim Sturze nicht zerbrach, im Felsen deq. Abdruck vom Ellbogen, als Benedikt ausglitt. Kindliche Geschichten, mag fein, aber jede unsterblich für das Volk, das zum Teil in ebenso alten Trachten aus nah und fern herbeiströmt. Drei Klöster, untereinander verbunden, dann noch ein viertes. Die Basilika. Dorische und korinthische Säulen. Wo hört das Altertum auf, wo fängt das Christentum an? Es ist der Geist, der die Frage beantwortet, der Geist, der sich, manchen Archäologen unsichtbar, im Stein abdrückt. Wandelgänge. Eine Bronzetür, die in Konstantinopel gegossen wurde. Mosaik und Intarsien. Und dann der ewige Künstlerstreit: Beuron hat hier gewirkt, die deutsche Schule des Bildhauers Lenz, .dem man vorwirst, den kühlen Norden in den heißen Süden getragen, gerade über die Krypta, in der die heiligen Geschwister der Auserstehung entgegenschlummern, einen fremden Mystizismus ausgegossen zu haben. Nun, es gibt heilige Stätten, die noch kälter wirken, man denke nur an Jerusalem. Die Andacht eines blühenden Wiesengrundes, die Pracht des Lebens, die rings um den Berg schwebt als eine einzige Gloriole, die kann eben kein Sterblicher einfangen. Es atmet ein jeder auf, der aus Museen ober Mausoleen der Geschichte wieder hinaustritt ins rosige Licht. Den großen Gedanken Benedikts, ihn nimmt keine Ansichtskarte und keine Pilgermedaille mit, man muß ihn in sich haben oder man hat ihn nicht. Astrologen sind da, die ihre Kreise ziehen, Propheten, die bedeutsam darauf aufmerksam machen, daß auch der Mann, der die römische Frage löste und damit dem Papste gerade in diesem Jahre den Weg nach Monic- cassino ebnete, Benedikt heißt, der Gesegnete ... Benito, der Rebell, Bene- detto Mussolini ist in den Schoß der Kirche zurückgekehrt ... Die berühmten Inkunabeln in der Klosterbibliothek gilben ergeben vor sich hin. Grübeln und Lächeln. Sicher gibt es Menschen, die das ebensowenig verstehen wie die Lehre, nach der sogar die Zeit relativ ist. Dieses Lächeln unter Grübeln aber kann man auf der loggia del Paradiso lernen. Die Welt des Traumes. Von Dr. Hans H a j e k. Das geheimnisvolle Land der Träunre beschäftigt die Menschen seit langem. Soweit sie, wie Urvölker und Kinder, Traumwelt und „Wirklichkeit" nicht voneinander zu scheiden vermögen, ist ihnen der Schlaf- träum nur eine Fortsetzung des wachen Lebens, sreilich doch eine seltfame: die Toten scheinen im Traume wieder lebendig, und die eigene Seele geht auf ferne Reisen. Dieser jenseitige Zug des Traumes verstärkt sich, je deutlicher die wahre Wirklichkeit des Tages von den Phantasiebildern abgetrennt wird. Der naive Mensch dieser Alltagswirklichkeit deutet den Traum als Botschast, als Weissagung, als Warnung, als Verkündigung. „Träume sind ©djäume" — trösten sich dagegen die Aufgeklärten. Aber ihr Trost ist faul: wir alle roiffen, Bag uns ein böser Traum Tage lang nachgehen und uns allen frohen nehmen kann. . Die Wissenschaft von. der Seele, Psychologie genannt, hat mit oen Traumerscheinungen wenig anzufangen gewußt. Von ihnen zu sprechen, war ihr immer mehr Verlegenheit als willkommene Ausgabe. rag von außen kommende körperliche Reize (aber auch von innen ^kommende, die sogenannten Leibreize) Träume auslösen können, daß bi Erlebnisse des Vortages häufig in den Traumbildern auftauchen, Bag der Traum scheinbar kritiklos Vorstellung an Vorstellung hängt, Bari dem „assoziativen Denken" der Naturvölker und der kleinen Smu ähnlich, daß diese Vorstellung hauptsächlich der Welt des Auges u viel weniger den andern Sinnesgebieten angehören — das sind gc®'" alles bedeutsame Erkenntnisse, aber keine einzige von ihnen tiefer in die geheimnisvollen Gesetzlichkeiten des Traumlebeits Yw Viel weiter führt schon die Auffassung des philosophischen Außenseiters S ch e r n e r (1861), der alle Träume als symbolische Umdeutungen innerer Reize ansehen will. So wertvoll aber im einzelnen diese und andere Beobachtungen waren — erst die „Traumdeutung" Sigmund Freuds, des Entdeckers der psychoanalytischen Methode, führt zu einer wissenschaftlichen Neuorientierung (1900), auf deren Boden wir zum Verständnis der Träume ihrem Sinne nach gelangen können. Dabei stehen wir trotz der Leistungen Freuds und seines Schülers S t e k c l, der entscheidend neue Wege gegangen ist, noch immer in den Anfängen der Forschung und dürfen uns nicht wundern, wenn wir schwierige Fragen noch strittig oder ganz ungelöst finden. Wer das Wesen des Traumes erfassen will, geht mit Vorteil von dem Worte „träumen" aus, das keineswegs auf den Schlaf beschränkt ist. Jeder hat auch schon mit offenen Augen geträumt. Diese Wachträume stellen sich uns meist deutlich als „Luftschlösser" dar, die wir in müßigen Stunden errichten: Wünsche, die das Leben uns versagt, werden in ihnen phantastisch erfüllt. Und wie.viele Wunschbilder zeigt uns der echte oder falsche Ehrgeiz, ohne daß wir Kraft, Mut und Zähigkeit zur Verwirklichung besähen! Das Ziel im Wachtraum zu erreichen, ist natürlich bequemer und billiger. — Könnten nicht auch die Träume des Schlafes solch „kräftesparende" Wunschersüllungen sein? Viele sind es ohne Zweifel, wie manche Kinderträume, die von Kuchen- essen ohne Hemmung und Teilung, aber auch ohne nachfolgendes Bauchweh handeln. Das Märchen vom Schlaraffenland hat eine derartige kindliche Wunschphantasie in die ironische Beleuchtung der Erwachsenen gerückt und dichterisch ausgebaut. Nordpolfahrer haben bezeichnend von täglicher Post, von Tabakballen, von abwechslungsreichsten Mahlzeiten geträumt. Freud erzählt einen sehr charakteristischen Traum von einem Medizinstudenten, der, ein sehr guter Schläfer und schlechter Frühaussteher, jeden Morgen in eine Klinik mußte, was keinen Tag ohne energische Hilfe seiner Zimmerwirtin abging. Eines Morgens, da die Wirtin ihn ruft, träumt er, er sei im Krankenhaus, aber nicht als Arzt, sondern als Patient. Er liegt in einem Krankensaale zu Bett, und über seinem Kopfe hängt die Tafel mit seinem Namen und der lateinischen Bezeichnung einer schweren Krankheit. — Die Deutung dieses Traumes ist nicht schwer: der Wunsch, weiter im Bett zu bleiben, ist erfüllt, denn als Schwerkranker darf er ja gar nicht ausstehen; aber auch die Pflicht, in der Klinik zu sein, ist erfüllt, denn er ist ja wirklich im Traume dort, wennschon zu einem anderen Zwecke. Es handelt sich also um eine doppelte Wunscherfüllung, der Traum erscheint als das, freilich nur kurzdauernde und phantastische Kompromisse zweier sich entgegenstehenden Seelenregungen. Jedes Kompromiß kostet etwas, und hier ist es die Logik, die den Spaß bezahlt! In der Alltagswirklichkeit wäre eine schwere Krankheit ein allzu teurer Preis für den längeren Ausenthalt im Bett, im Traume wird dieses Mißverhältnis gar nicht bemerkt. Es kann aber gut sein, daß das in anderen Träumen anders ist; daß da die Schmerzen und Unbequemlichkeiten, mit denen die Wunscherfüllung verbunden ist, so im Vordergründe stehen, daß die Wunscherfüllung dahinter verschwindet. Wenn wir noch dazu nehmen, wie gerne manche Menschen sich selbst quälen, wie stolz sie sozusagen auf ihre Leiden sind (weil sie vielleicht sonst keine Ursache haben, auf etwas stolz zu sein!), dann werden wir verstehen, daß sich auch unangenehme Träume bei näherer Untersuchung als Wunscherfüllung entpuppen. Viele, und gerade die halbwegs durchsichtigen Träume sind also Wunscherfüllungen, doppelte Wunscherfüllungen: der geheimen Triebe so gut wie ihrer sittlichen ästhetischen, logischen Hemmungen Gewissen, Pflicht, Ekel, Vernunft usw. Zu welchem Zwecke geschehen diese Wunscherfüllungen im Imaginären? Um den Schlaf gegen die erwachenden Wunschreize zu verteidigen. Die Phantasie stellt den Wunsch als erfüllt dar und macht so den schlafstörenden Reiz unwirksam. Der Traum ist der Hüter des Schlafes. Aber auch, so merkwürdig das klingt, der Hüter der Sitte, des guten Geschmackes, der Vernunft. Wunschregungen werden im Traume erledigt, statt sich in der Tageswirklichkeit auszutummeln. Das Wort: sage mir, was du träumst, und ich werde dir sagen, wer du bist! ist nur halb richtig; wir können es ergänzen und sagen: ich werde dir auch sagen, wer du nicht bist, wer du aber sein mächtes im Guten wie im Schlimmen! Der Mensch ist besser als sein Traum; allerdings nicht so engelsrein, wie er es im wachen Leben uns gerne glauben machen möchte. Wenn wir diese Gedanken zu Ende denken, dann begreifen wir, daß der Traum seine Aufgabe, den Schlaf zu erhalten und ein Sicherheitsventil unserer animalischen Triebe zu werden, nur durch einen Betrug erreichen kann. Nicht nur, daß er uns die Erfüllung eines unerfüllbaren Wunsches vorgaukelt und uns die mit jeder Erfüllung unvermeidlich verbundenen Schmerzen und Mühen wegtäuscht; er muß mit seinem Kompromiß oft weite Wege gehen, Wunsch und Wunscherfüllung maskieren und aufsaugen, so daß wir ohne Untersuchung gar nicht mehr erkennen, worum es sich eigentlich handelt. Gegen die wirksame Traumuntersuchung und ihr Deutungsoerfahren, das ja die Maskierung ausheben soll, wehren wir uns alle mit den schärfsten Mitteln, am besten so, daß wir die ganze Traumdeutungsmethode als lächerlichen Unsinn ablehnen. Wir haben ja zunächst kein Interesse, uns ganz zu kennen, am wenigstens jene sorgfältig zugedeckten Untiefen unserer Seele, die uns zuzugeben peinlich ist. In dieser Tatsache liegt die kräftigste Wurzel alles Widerstandes gegen die Psychoanalyse und ihre Traumdeutung. Wie entsteht nun diese eigentlich so erwünschte Unverständlichkeit? Dadurch, daß das unbewußte Seelenleben, das sich mit seinen geheimsten Trieben gegen die weise „Zensur" des Bewußtseins maskiert, viel primitiver arbeitet als das denkende Bewußtsein. Unser Denken wird immer farbloser, immer unanschaulicher, immer abstrakter. Und unsere Sprache folgt dieser Entwicklung: sie wird praktischer, aber blasser. Das Unbewußte steht der Bildhaftigkeit des urmenschlichen Denkens näher, wie noch das Kind ihm näher ist. Darum setzt der Traum alles in Bilder um, und die Traumdeutung muh dieses Bilderrätsel erst wieder in die Alltagssprache rückübersetzen. Zur Verbildlichung tritt als zweites Mittel der Entstellung die Verdichtung, d. h. die Erscheinung, daß hinter jedem Traumelement mehrere Vorstellungen stecken. Jeder kennt die Mischsiguren des Traumes, die halb wie dieser, halb wie jener Bekannte aussehen. Zwei, drei und mehr Personen, ost verschiedenen Geschlechts, sind hier Übereinandergeschoben, weil irgendeine, oft scheinbar sernliegende Aehnlich- keit sie verbindet. Dasselbe gilt für Oertlichkeiten und anderes. Der Traum muß also erst wieder auseinandergelegt werden, um dem Wachbewußtsein, das sich wie ein anderer Mensch verhält, verständlich zu werden. Viel wirksamer noch aber ist das dritte Mittel der Traumarbeit: die Verschiebung, nämlich die Verschiebung des Tons von den Hauptsachen des Traumgedankens auf Nebensächlichkeiten, die dann im Traume selbst ungebührlich vertreten. Jeder kennt den Scherz, einen deutschen Satz andern unverständlich zu machen und ihn als griechisch, italienisch oder sonstwas auszugeben, nur durch Veränderung der Betonung. Genau so verfährt der Traum. Wenn eine Dame vom Begräbnis ihres kleinen Neffen träumt, der das einzige Kind ihrer Schwester ist, so wird sie so wenig wie jeder andere das für eine „Wunscherfüllung" halten. Ja, die Dame hat Freud diesen Traum gerade als Gegenbeweis gegen die Erfüllungstheorie erzählt. In der Analyse aber zeigt sich, daß jene Dame beim Begräbnisse des Bruders dieses totgeträumten Knaben einen geliebten Mann wiedersah, dem sich wieder zu nähern sie nicht einmal in Gedanken den Mut hat. Die Wunscherfüllung selbst kommt im erinnerten Traume gar nicht vor, der Hauptton liegt auf einem zufälligen Nebenumstande des letzten Wiedersehens. Erst die Analyse stellt den wahren Zusammenhang her und geleitet zum Mute der Selbsterkenntnis. Weitere Ausführungen müßten den Raum dieses Aufsatzes weit überschreiten. So bleibt manche Erklärung fragmentarisch. Aber das ist kein Schade: denn es reizt zum Weiterdenken. Nach der rein wissenschaftlichen wie nach der praktisch seelsorgerischen Seite. Beide haben an der neuen Traumpsychologie ein starkes Interesse. Der Sladtpfeifer. Von Wilhelm Heinrich Riehl. (Fortsetzung.) Es war Friede geworden in Deutschland; nur fern im Westen jenseits des Ozeans zog ein schweres Wetter auf. Doch so weit sah man nicht vom Schlohturm zu Weilburg. Kirchweih war immer ein großes Fest in dieser guten Stadt, und solenniter sollte sie auch im Jahre 1778 begangen werden. Der fürstliche Hof sah wieder in seiner alten Residenz, und die patriarchalischen kleinen Fürsten ließen in diesen Jahrzehnten den Sonnenschein gemütlicher Huld wärmer als je auf die Bürger fallen, wie die Sonne am Hochsommerabend oft noch einmal ganz besonders warm und gnädig brennt, unmittelbar bevor sie untergehen will. Wenn damals bei der berühmten Weilburger Kirmes der Hof nicht ebensogut den Jubel mitmachte wie der Bürger und Bauer, dann hätte man es gar keine ganze Kirmes genannt. Des Morgens zogen die Bürger aus nach dem Schießhause, mit ihnen der Fürst, dem, wie der Vater mit Stolz schon dem Knaben erzählte, als dem ersten Bürger der Stadt das Recht des ersten Schusses zustand. Er tat den ersten Schuß, er brachte den ersten Becher aus, er tanzte den ersten Tanz, und so ward er von den Weilburgern auch als der erste Fürst gepriesen. Der Stadtpfeifer im ziegelroten Staatsrock hatte dem Zuge, dem Fürsten selber, den Marsch geblasen; jetzt spielte er am Schützenstande, nur von einem Hornbläser unterstützt, und abends sollte der Fürst und hintennach die ganze Bürgerschaft nach seiner Pfeife tanzen. Kirmes war immer ein stolzer Tag für einen Stadtpseifer. Die Bürger traten der Reihe nach vor, und jeder tat seinen Schuß. Da legte auch der Stadtpfeifer sein Instrument auf eine Weile weg, und der Hornbläser setzte allein die Musik fort. Heinrich Kullmann war Weilburger Bürger, also hatte er, kraft fürstlicher Gnaden, das Recht eines freien Schusses, und das ließ er sich nicht entgehen. Auf der Mauer vor dem Schießhaufe faß mit anderen Weibern Frau Christine und hielt ihr Jüngstgeborenes auf dem Arme; Friedrich — im Herbst wurden es achtzehn Jahre, daß man ihn an der Stadtmauer gefunden — faß daneben mit den zwei größeren Geschwistern. Heinrich Kullmann zielte kurz: jetzt knallte die Büchse. Er hatte mitten ins Schwarze getroffen! Wer hätte solch Bauernglück dem Stadtpfeifer zugetraut, der nur jedes Jahr einmal ein Gewehr in die Hand nahm! Christine fuhr so erschrocken zusammen über ihres Mannes Geschicklichkeit, daß ihr das Kind beinahe vom Arme gefallen wäre. Wie ward es ihr erst nachgehends zumut, als die Festordner vortraten, dem glücklichen Schützen den Ehrentrunk darzubringen, als die Kirmesjungfrauen ihrem Heinrich einen gewaltigen Blumenstrauß vorsteckten, der von dem mittelsten Knopfloche des Rockes bis zur Nase reichte, und als der Fürst selber dem Glücklichen die Hand schüttelte und ihn der Fürstin und den Prinzessinnen als den Schützenkönig vorstellte! Dann kamen die Scheibenbuben selbviere ausmarfchiert und brachten den ersten Preis, nämlich ein Dutzend zinnerne Teller, zwölf Löffel, Messer und Gabeln, Suppennapf, Schüsseln — die Geschirre alle von blankem, neuem Zinn — und in das Salzfaß hatte der Fürst einen Dukaten gelegt und die Fürstin einen nassau-weilburgischen Krontaler 1778er Gepräges. Das alles überreichte der Schultheiß dem Stadtpfeifer aus den Händen der Scheibenbuben. Wie verklärte sich das Gesicht des Vielgeprüften, als er den Pokal in die Höhe hob, verstohlen nach seiner Christine und den Kindern hinüberblickte und dann auf das Wohl des Fürsten und des ganzen fürstlichen Hauses und der guten Stadt Weilburg trank. Er wollte zurücktreten an seinen Platz und die Hoboe wieder ergreifen, allein die Bürger ließen das nicht zu, sagten, das Horn allein sei ihnen Musik genug, und zogen den Stadtpfeiser zum Zechen in die große Bude. Wie freundlich taten da angesichts des Fürste» gar viele, Sv«raatl»o«tttch: Dr. HanS Lh^hrrot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniverf ttätS-Duch- und Steindruckerei, R^Lang«. Siehe». adelte fein Spiel sich wundersam. Es war schlicht und auch etwas ungelenk wie sonst — vom Bogenstrich Tartinis war noch nichts zu spüren — allein es saß eine so unendlich treuherzige, gute Seele, eine echt deutsche Gemütlichkeit, kurz, der ganze Stadtpseifer saß in dem Spiele. Des Bogenstriches, der ihm angeboren, war er sich bewußt geworden; denn im Bogenstrich liegt die Seele des Geigers. Und dann haben selten zwei Menschen so einig Duett gespielt; Ton klang zu Ton, als ob beide aus einer Geige kämen. Aber nur, wenn der Stadtpfeifer ganz allein war mit Friedrich und feiner Frau, gelang ihm das Spiel; hörte ein anderer zu — gleich war die Seele aus der Geige geflogen, der angeborene Bogenstrich wieder vergessen, und der Stadtpfeifer spielte schülerhaft neben dem stets meisterlichen Spiele des Schülers. Wenn Christine in diesen heimlichen, glücklichsten Stunden ihren Friedrich anschaute, dann war es ihr doch auch manchmal recht traurig ums Herz. Friedrich war blaß, mager — man weiß, wie ein Bauernkind den Mageren selbstverständlich für einen Kranken hält. Frühreif an Körper und Geist, hatte er mit unbezähmbarem Eifer die Musik gelernt; nicht in körperlichem, sondern in geistigem Ringen hatte sich bei ihm die Jugend vertobt. Es war Christinen immer, als ob Friedrich nicht mehr lange Duett spielen könne mit ihrem Manne. Sie versuchte einmal anzuklopfen bei letzterem, als er des Knaben unerhörte Fortschritte rühmte, und sagte in ihrer Art: „Die Vögel, die zu früh pfeifen, frißt die Katze." Da schnitt ihr der Mann rasch das Wort ab und sprach von anderen Dingen. Nun wußte sie, daß er ihre Furcht teile, daß er aber nichts davon reden und hören wolle. Ehe die beiden ihr Duett begannen, verschloß der Alte, wie immer, die Tür. Dann stellten sie sich gegeneinander und spielten — ohne Noten (sie wußten's seit Jahren auswendig) — und der Bater sah dem Sohne, der Sohn dem Vater ins Auge, daß man meinte, sie sähen die Musik einander an den Augen ab, und nur darum passe Strich zu Strich so genau, als habe eine Hand beide geführt. So schön wie heute war es ihnen kaum je geglückt. Als sie im besten Zuge waren, schlich Christine horchend ans Schluß selloch; deuchte es ihr doch, sie habe draußen Tritte gehört. Jetzt kam der Schluß des Duetts, so zart, so rein! Als die letzten Töne sich verhauchten, mußten alle drei unwillkürlich den Atem einhalten. Da klatschte es laut vor der Türe, eine gellende Stimme rief: „Bravo! Bravo!", und die Klinke ward zum Deffnen niedergedrückt. Der Stadtpfeifer legte ärgerlich seine Geige weg und schloß auf. Ein Bursche, der höchstens zwanzig Jahre zählen mochte, trat ein. „Das war prächtig gegeigt!" rief er, „da bin ich also am rechten Ort. — Guten Abend, Meister Stadtpfeifer!" Der Angeredete dankte nicht sehr freundlich auf den übermütig ge- botenen Gruß und hob die Lampe in die Höhe, um den Fremden etwas näher zu beleuchten. Der junge Mann sah fast verdächtig aus. Die Kleider, obgleich von vornehmem Schnitt, waren stark abgetragen, und das jugendliche Gesicht zeigte die etwas verlebten Zuge eines ausschweifenden Jünglings. „Ich bin Franz Anton Neubauer, der Bohme, sprach der ungebetene Gast in stark österreichischem Akzent, „Eure Freunde >m Kloster Arnstein lassen Euch grüßen und empfehlen mich Eurer Gastfreun^ schäft." Drauf tat er, ungeheißen, ganz wie zu Hause, legte «lock und Hut ab und setzte sich nieder. . Frau Christine zog ein schief Gesicht und zupft« ihren Heinrich am Rocke; der aber besann sich kurz, schüttelte dem Fremden die Hand und sprach: „Um meiner Freunde willen sollt Ihr mir auf eine Stunde Rast willkommen sein, zumal, wenn Ihr, wie ich denke, ein Musiker f€'b'®i!" sagte Neubauer, „das solltet Ihr wohl wissen. Bin ich gleich noch jung, so kennt man meine Symphonien und Quartette doch schon von Wien bis Paris, und wo meine Musik nicht bekannt ist, da ist es wenigstens meine Person. Seht, ich durchziehe bereits seit zwei Jahren alle kleinen Ländchen, namentlich die geistlichen Herrschaften, und wo ich immer eine musikalische Seele finde, da kehre ich ein; am hebjten in Klöstern, bei Domherren oder auch bei gewöhnlichen Weltgeistlichen. Lutherische Pfaffen meide ich, die haben meist viele Kinder und wenig Wein. Ueberall zahle ich nur mit Musik. Bei einem unmusikalischen Menschen einzukehren, das wäre schamlose Bettelei; aber td) denke, ein frisch komponiertes Menuett ist schon Zahlung genug für em Nachtquartier; für ein Klaviersolo kann man schon e»n Mittagessen anney- men, und für eine neue Messe müssen mir die Mönche des fettesten Klosters mindestens auf einen Monat freie Zehrung, freien ~runt und Quartier geben. So reife ich schon zwei Jahre durch aller H Länder; wer will mir das nachmachen? Bei uns trt Böhmen hat nw ein Familiensprichwort: Er ist ein Neubauer, werft ihn mitten m * Moldau, und wenn er auch nicht schwimmen kann, er wird doch nick ersaufen. Das Wort habe ich mir gemerkt, wenn ,ch toll in leben totru del springe, denn ich weiß ja doch, daß ich nicht ersaufen werbe. Dem Stadtpfeifer schien es allmählich fast lustig, dem Burschen M zuhören, dessen Zunge so vortrefflich «ingeölt war, daß sie, einmal n Bewegung gesetzt, kaum wieder stille stand. Mit vergnüglichem _ $ . lauschte er zuletzt dem jungen Maestro, der tn Eisenstadt zu JoM Haydns Füßen gesessen, und dessen wild gemal« Symphonien man bereits in Paris aufführte und druckte. Neubauer hatte mch- S"vie von sich gesagt. Den vierzigjährigen Stadtpfeifer durchzuckte bei Erzählungen des zwanzigjährigen Abenteurers, ter mit seinem DE so vermessen spielte, noch einmal das alte Gelüsten, aus de ( l' pung der Stadtpfeiferei mit Gewalt plötzlich als ein berühmter t I hervorzubrechen. Doch als er aufblickte und in einem Stückchen p gesicherte, welches Christine in Ermangelung eines ganzen öpi« (gerate seinem Sitze gegenüber) an der Wand befestigt hatte, 1 reite leise ergrauendes Haar schaute, schämte er sich und 6Mg - höchst resigniert ins Nebenstübchen, um mit den Kirchern das gebet zu sprechen. (Fortsetzung folM, die den armen Stadtpfeifer sonst nicht von weitem ansahen. Selbst etliche Kavaliere kamen herbei, stießen mit dem Schützenkönig an und nannten ihn „lieber Kullmann". Es waren dies aber dieselben Leute, die ihm bis dahin niemals gedankt hatten, wenn er sie auf der Straße grüßte; allein der Stadtpfeifer hatte dennoch nicht aufgehört, seinen Gmß zu entbieten, eingedenk der Verheißung des Herrn, daß so wir jemand grüßen, ter dessen wert ist, ter Friede, den wir ihm gewünscht, aus ihn kommen wird, so er dessen aber unwert, wird sich unser Friede wieder zu uns wenden. Allein auch diese frohe Stunde sollte dem Stadtpfeifer nicht- unverbittert bleiben. Gerade da er im rechten Rausch der Freude schwelgte, da ihm eben so gar nichts fehlte — denn auch Frau und Kinder saßen neben ihm und taten sich gütlich — trat der Hoftrompeter hinter seinen Stuhl, ein stattlicher Mann, aber mit einem verwetterten Males,zgestcht, der drehte sich den langen ungarischen Schnurrbart und sprach: „Herr Stadtpseifer, auf ein Wort!" und zog ihn beiseite. „Ihr habt eine Eingabe gemacht, daß man Euch gestatten möge, mit uns zur fürstlichen Tafel zu blasen. Ei, Herr Stadtpfeifer, Ihr hättet doch wissen sollen, daß ich und meine Kameraden „gelernte Trompeter sind, Glieder der Trompeterkameradschaft, die ihr Prwile- gtum Anno 1623 von Ms er Ferdinandus erhalten hat, und daß wir keinem erlauben dürfen, mit uns zu blasen, der nicht durch Brief und Siegel beweist, daß er in die Kameradschaft gehöre. Ihr dlast sehr schön, aber woher habt Ihr es denn? Seid Ihr in der Zunft ausgewachsen, ober habt Ihr Euch selber hineingestohlen in die Geheimnisse unserer Zungenstöße, die für die Kameradschaft ein beschworenes Geheimnis find? Seht, und wenn der Oberhofkapellmeister Hasse von Dresden tarne und spräche zu mir: Ich will mit dir blasen, dann ward ich antworten: Mit Verlaub, Maestro, Ihr möget der gepriefenfte Komponist in Deutschland und Welschland sein und der beste Trompeter dazu, aber ein ungelernter Trompeter seid Ihr doch, und nach meinem Zunstell» darf ich nicht mit Euch blasen." , Mit diesen Worten ließ er den Schützenkönig stehen. Der blieb eine Weile starr über die Bosheit des schnurrbärtigen Satans, der seine glücklichste Stund« geflissentlich abgewartet zu haben schien, um ihn wieder einmal mit einer getauschten Hoffnung niederzuschlagen. Er ging zum Glase zurück und setzte es mit so saurem Gesichte an den Mund, als ob der gute Wein Essig wäre. Da sagte die Frau, die gerne so von ungefähr erkunden wollte, was er mit dem Hostrompeter gehabt: „Du bist ein närrischer Mann, Heinrich! Wenn dir es schlecht geht, dann bist du wohlgemut, und wenn einmal das Glück an dich kommt, dann möchtest du meinen." „Nein, so ist es nicht", erwiderte er. „Sieh, wenn ich sonst über den Schloßhof ging und der Hoftrompeter im Tresfenrock stand auf der hohen Treppe vor dem Speisesaale, schmetterte seine Fanfaren und blies die hohen Gäste zur Tafel zusammen, bann bachte ich: Der hat es besser wie bu, ob bu gleich ebensogut trompeten könntest, — einen leichteren Dienst, einen schöneren Rock, mehr Gelb unb größere Ehren! Und ich war ein Esel und bewarb mich insgeheim um die zweit« Trompeterstelle neben ihm. Ich wollte wieder einmal vorwärts kommen; — nicht wahr, Christine, das haben wir schon oft gewollt? Ich habe dir es verschwiegen, weil ich dich überraschen wollte. Nun ist es wieder nichts; denn ich bin nur ein „ungelernter" Trompeter, wie man mir eben sagt, ich habe mir meine Kunst gestohlen, weil ich nicht Brief und Siegel habe von der Kameradschaft. Doch was schadet es? Reiche mir den kleinen Buben, daß ich ihn küsse, der wird vielleicht einmal ein gelernter Trompeter werden, ich sehe ihn schon im Tressenrock auf der großen Schloßtreppe stehen. Ich aber will derweilen den Armen und Geringen meinen Choral vorblasen, daß der Schall vom Turm, wie wenn er vom Himmel herabkäme, sie mahnte, tröste und erbaue: das ist doch ein ander Ding, als wenn ich vornehme Gäste, die nie hungrig sind, mit gellender Trompete zum Essen rufe. O Christine, dein seliger Vater hatte recht; Stadtpseifer soll ich bleiben mein Leben lang, und es geht auch nichts über die Stadtpfeiferei, wenn ein Weib auf dem Turme waltet wie du!" Als es zum Tanze ging, war ter Stadtpfeifer schon wieder getröstet, unb er blies so luftig, wie wenn es gar keine gelernten Trompeter in ber Welt gäbe. Der zweite Kirchweihtag verging ihm in noch härterer Arbeit unb Unruhe wie ber erste; benn da ward noch viel toller und länger getanzt, da war der Jubel erst recht losgelafsen. Die Hoboe ließ den Musiker nicht zur Besinnung kommen, und wenn ihm zuletzt saft ber Atem aus- ging, so waren ihm die Gedanken schon längst ausgegangen. Erst am dritten Tage sand er sich selber wieder in dem Frieden feines Turmstübchens. Aber mit ber Ruhe tarn auch bas Nachdenken über die vergangenen Tage. Unb ob ihn nun gleich bas spiegelblanke Zinngeräte unb bas. Goldstück «md der neue Krontaler gar freundlich anlächelten, verband sich doch mit diesem Anblick sofort der Gedanke, wie grausam es sei, baß er als Schütze, wo er nichts gelernt unb kaum gezielt, sofort mitten ins Schwarze getroffen, während er als Musiker, wo er rastlos lerne unb muntere wie scharf ziele, sich nie auch nur einen zweiten ober brüten Ring herauszuschießen vermöge. Christine merkte, baß der böse Geist über Saul komme, darum rief st« ihren David, den Friedrich, der eben feine Geige im obersten Dach- raume bei den Krähennestern zunächst unter dem Turmknopf exerzierte. Er tarn mit dem Instrument, und die Frau fragte ganz leise den hypochondrischen Mann, ob er nicht zu ihrer aller Ergötzung ein Duett mit Friedrich geigen wolle. Der Stadtpseifer rieb sich die Augen, lächelte und bejahte die Frage. Es war aber etwas ganz eigenes, wenn die beiden ihre Duette geigten. Frau Christine sagte oft: „Ich wünschte, da hörte einmal ein rechter Meister zu; er sollte den Geigern alle Ehren geben." Wir wissen, Laß ber Stadtpseifer sonst kein Hexenmeister mit bem Fiebelbogen war; gter wenn er Duette mit feinem Friedrich spielte — unb nur bann —