GiehenerKmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1929 Kreitag, den 12. Juli Nummer 53 Sommer. Von Edmund Finke. Endlich löst die Stunde von den Gittern eines harten Jahres meine Hand, seltsam sah ich sie im Lichte zittern: Schattenspiel an einer fremden Wand. Und mein Blick gleicht dem gefangner Tiere, fern und trostlos, zugetan und alt, als ob sich die Welt in ihn verliere, schon vergangen und unendlich alt. Und doch will sich Leid zu Lust vollenden, Sommer ist und trunkner Lerchenschrei, weil wir uns sonst nimmer wieder fänden an dem dunklen Strome Zeitvorbei. Und so sind wir in den Mittagsbränden unsrer Sommer wieder jung und frei. Der Traum. Von Hilaire B e l l o c. Das Erlebnis, das ich hier ausschreiben will, war vielleicht die Wirkung, jedenfalls aber die Folge einer Unterhaltung, die sich zwischen drei Menschen im Jahre 1903 in London abspielte. Von diesen Dreien war der eine erst kürzlich auf Südafrika zurückgekehrt, wo er allzuviel vom Kriege gesehen hatte: der zweite war eine freundliche, wohlhabende, nüchterne Gattung Mensch — jung, tüchtig und voll Wissensdrang: der dritte war ein Literat. Es war um die Zeit von Ostern und Frühling, wo man körperlich und wirklich die Kraft ringsum fühlen kann: die Kraft des Lebens, das bereit ist, seine Bande zu sprengen: aber diese jungen Leute zogen es vor, von schattenhaften und ungewisseren Dingen zu reden, als es Luft und Frühling find. Indessen war in dieser Unterhaltung (an deren Inhalt ich mich so gut erinnere) keiner von ihnen auf irgendwelche fixierte Thesen einge- schworen; sie diskutierten mit heftigen Meinungen, mit Argumenten, mit Analogien, doch brachte keiner einen Glauben oder doch eine bestimmte Philosophie vor, von der man hätte fühlen können, daß sie für ihn unerschütterlich sei. Um so bemerkenswerter war es deshalb, daß einer von ihnen, nach der Rückkehr in feine Wohnung am frühen Morgen, nach diesem langen und jungen Gespräch von vielfältiger Natur (wie es Männer, die ins Leben eintreten, oft führen) — daß er nach diesem Gespräch eine exakte und sogar schreckliche Vision durchträumte und sich ihrer später noch genau erinnerte. In der Tat, es wäre unerklärlich, wie er so etwas als bloße Konsequenz seiner wachen Gedanken hätte erleben können. Doch wenn es auf den Menschengeist noch andere Einwirkungen gibt als solche, die er selber ausüben kann — wenn Einflüsse von außerhalb, wenn andere Willenskräfte unsere Träume bestimmen —, dann würde das, was jetzt folgen wird, weniger schwer zu begreifen sein. Denn als er eingeschlafen war, schien es ihm plötzlich, daß er sich inmitten einer sehr lustigen und angenehmen Gesellschaft befand, In einer Art von Palast, wovon das Riesenzimmer, in dem er stand, eines von den zahlreichen war, die sich dort aneinander anschlossen. Die Menge, und er mit ihr, bewegte sich langsam auf eine Festtafel zu, von der er bereits gehört hatte, daß sie vorbereitet worden war. Unter denen, mit denen er redete, sah er kein einziges Gesicht, das ihm bekannt war oder mit dem er einen Namen hätte verbinden können. Und dennoch schien er, mit der merkwürdigen Unfolgerichtigkeit der Träume, alle zu kennen — und ein fernes Antlitz im besonderen, das zuweilen verschwand, und dann wieder in der Menge auftauchte. Es war ein Antlitz, dessen Anblick in ihm eine leidenschaftliche Erinnerung weckte; aber es war keine frühe Erinnerung. So bewegten sie sich vorwärts und hatten bald alle Platz genommen M einer Riesentafel — so lang, daß in dieser Länge irgend eine besondere Absicht zu liegen schien, und am entfernten Ende der Tafel war eine Tür, die aus der Halle hinausführte. Es war eine Tür, nicht allzu- 8roß für solch einen grandiosen Raum, eine Tür, die von einem Manne oder einer Frau mit simpler Handbewegung geöffnet, leicht passiert und uasch hinter sich geschlossen werden konnte. .. . Als sie nun so aßen und tranken, schien es ihm plötzlich, daß die Unterhaltung einen deutlichen Sinn gewann, und zwar einen konsequenteren, als es sonst in Träumen üblich ist. Und nun — gerade als uwse neue Phase seines Traumes begonnen hatte — sah er, wie einer der Gäste, eine Frau von mitttlerem Alter, die ein wenig schweigsam gewesen, jetzt ohne Entschuldigung aufstand, ohne Erklärung auf kaum sestzustellende Weise ihren Platz verließ und durch jene Tür, die er bemerkt hatte, hinausging. Sie schloß dicht hinter sich zu. Niemand erwähnte oder bemerkte ihr Fortgehen. Doch in einer kleinen Weile war ein anderer und wieder ein anderer aufgestanden und ebenfalls hinausgegangen. Und immer, wenn ein Gast aufbrach — einer in der Mitte des Satzes, der andere während einer Pause des Gesprächs —, befiel den Träumer ein erschreckendes Gefühl der Seltsamkeit dieser Dinge; ihn bestürzte es, daß niemand Adieu sagte, daß keiner der Gastgenossen sich zu den Weggehenden hinwandte oder ihr Weggehen auch nur bemerkte, und daß keiner der Aufbrechenden zurückkam, oder auch nur versprach, zurückzukommen. Weiter bemerkte er mit wachsender Unruhe — in irgendeiner Inkonsequenz des Traumes — daß er, wenn er solch einen Aufbruch beobachtete (was die andern übrigens nicht taten), den leeren Sessel und die entstandene Lücke in der Reihe ganz gut sehen konnte; doch wenn er Dann, nachdem er nach links oder rechts hin gesprochen, wieder hinsah, schien die Lücke irgendwie weniger deutlich: und sah er bann wieberum hin, so war sie überhaupt nicht mehr zu unterscheiden und wahrzunehmen. Dabei konnte man nicht sagen, daß der Sessel eingenommen oder etwa entfernt worden wäre; aber auf irgendeine Weise war die Abwesenheit des Mannes oder der Frau, die dort gewesen, nicht mehr zu bemerken — und es sah aus, als ob sie Überhaupt nie dagewesen seien. Nicht gar zu oft blickte er länger als einen Moment auf den oder jenen dieser Aufbrüche vom Fest; doch konnte er in den blitzschnellen Augenblicken sehr verschiedenartige Dinge wahrnehmen. Einige erhoben sich wie in Entsetzen, andere, als seien sie sehr müde; einige betroffen, wie auf plötzlichen Befehl (der nur für sie allein zu hören war), andere auf ungezwungene Art, wie zu einem verabredeten Augenblick. Doch da lag keine Ordnung oder Methode in ihrem Weggehen: nur daß sie alle durch jene Tür schrittten. Nun aber war er bedrückt von einer Veränderung, wie sie in Träumen vorkommt und diese manchmal von Gaukelei zu Entsetzen wendet. Da saß ihm gegenüber ein Mann, etwas älter als er selbst, mit einem Gesicht, das kraftvoll und doch verzweifelt war; ein Gesicht, geübt in Willen und Selbstbeherrschung. Und dieser Mann antwortete seinen Gedanken sogleich, wie eben Gedanken in Träumen beantwortet werden. Er sagte, daß es keinen Zweck habe, sich darüber zu wundern, warum dieser und jener von den Gästen das Fest verließe. Und auch nicht darüber, was hinter der Tür wäre (falls dort überhaupt etwas wäre), durch die sich dieses seltsame Abgehen vollzöge. Und eben als er noch dieses sprach, blickte er plötzlich in furchtbarer Verlassenheit auf die Tür, stand schroff auf, verbeugte sich vor niemandem und ging hinaus. Bei diesem Fortgehen hörte der Träumer einen kleinen Seufzer, und der, der geseufzt hatte, sagte jetzt, daß Türen ihrer Natur nach von einem Ort zu einem andern führten — und kicherte ein wenig, als ob er was Gutes gesagt hätte. Da begann ein anderer, ein großer luftiger Mann, überlaut zu lachen, und sagte, daß bloß Narren etwas erörterten, was niemand wissen könne. Ein dritter behauptete — immer zum gleichen Thema in einer festen und zufriedenen Art, das nach der Natur der Dinge überhaupt nichts hinter der Tür fein könne. Worauf der erste Sprecher wiederum kicherte und sagte, daß Türen eben ihrer Natur nach irgendwohin führen müßten. Und eben noch, als er dieses sagte, füllten sich seine Augen mit Tränen, und auch er erhob sich und ging hinaus. Zum ersten Male in diesem wachsenden Druck von Geheimnis und Unglück (denn so empfand ihn der Träumende) verfolgte er die Gestalt jenes Tafelgenossen mit seinen Blicken; keiner um ihn herum wagte ein Gleiches zu tun oder wollte es auch nur; doch der Träumer tat es entschlossen und sah jetzt die Gestalt sehr schnell und gerade durch die lange Blickflucht der Halle gehen. Weder zögerte sie, noch blickte sie je zurück; sie schritt hinaus — sie war gegangen. Auf einmal fühlte der Träumer den Wein dieses Festes, er fühlte all die gesprochenen Worte um ihn her immer reifer von Sinn und Reiz; der Lärm der Gespräche, obwohl verwirrender, schien luftiger und lauter zu werden, und es brannten die Kerzen viel heller. Er vergaß ober wollte soeben die ganze frühere Stimmung des Traumes vergessen, als ihm plötzlich schien, daß all diese Gespräche gewissermaßen zum Verstummen gebracht seien. Er hörte keinen Ton mehr; er war wie ab geschnitten. Ihre Hände bewegten sich noch, ihre Augen und Sippen bildeten Worte und wiederholten Blicke, doch um ihn her und für ihn gab es nur Schweigen. Die Kerzen brannten hell und durch die Länge des Raumes, aber am hellsten, wie Signallichter, gegen das Ende der Halle zu, dort wo die Tür war. _ Er fühlte einen Schauer über fein Gesicht gehen. Er stand auf und schritt nun — von niemand angeredet oder auch nur bemerkt geradewegs den langen schmalen Gang hinter den Stuhllehnen hinunter. Seine Hand lag auf der Klinke; mit dem Kopf ein wenig vor- und auch niedergebeugt, so wie ein Mann in großer Eile, ging er jetzt durch die Tür Und ohne zu wissen was er tat, aber doch wie aus alter Gewohnheit schloß er jetzt die Tür zwischen sich und dem Feste und war sogleich in einer völligen, in einer vollkommen stillen Dunkelheit. Aber dennoch war er. (Berechtigte Uebersetzung aus dem Englischen von S. v. R.) Vlitzfahrt-Blitzbilder. Von Josetz Ponten. In Europa gibt es nur einmal diese Dinge beisammen: eine Landschaft, von der man keine einzige Ansicht verlieren möchte, eine 400 Kilometer lange Fahrt durch drei Breitengrade, eine wilde Steilküste und eine Eisenbahn daran entlang, und rasend schnelle Züge auf dieser Bahnstrecke in Kalabrien. Man hat fruchtbare Ebenen in Berghöfen am Meer, in denen es dreimal fruchtet, hinter sich gelassen, auch grüne nasse Fieberebenen, aus denen, von der Mücke vertrieben, Städte auswanderten und in denen sie nur ihre braunen wuchtigen Griechentempel zurückliehen — nun tritt das Gebirge nahe ans Meer. Hoch ragt es auf, hoch und rot, steil und kahl, tiefe und steile Wafferriffe fallen von den Bergen, Fiumaren, meist trockene und wüste Kiesbetten, in der Regenzeit brausend von gefährlich wilden Wassern. Die kleinen Landschaften im Relief der Berge, vom Meer aus fast, und auch über den hohen Gebirgsgrat vom Lande aus, sollte man sagen, unzugänglich, erscheinen auf dem Schienenstrang wie Kugeln auf der Drahtkette eines Rosenkranzes aufgereiht. Tiefe Einsamkeit an magern Lehnen, die auf eine klares, buntes, ungeheures Meer hinab- und hinausblicken — und der Lärm und die Eile eines großen Reiseweges. Die Bahn schmiegt sich aus halber Höhe an die Felswand, wo diese der Küste parallel zieht, und durchbohrt sie, wo der Gebirgsbau in die See sticht. Gibt es in Europa eine Bahnfahrt mit so viel Tunnels? Lang oder kurz sind sie, jäh Überfällen sie einen, kaum wirft man aus Hunderten von Meter Höhe einen Blick hinaus und hinab aufs Meer — schon ist die Landschaft entrissen, und man saust in Nacht hinein — und ebenso jäh überfällt einen der Tag und prasselt die Sonne wieder herab. Man kann mit geschlossenen Äugen fahren. Man hört die Karte: die vielen Fiumaren werden, jeden Augenblick eine, auf langen rauschenden und singenden Eisenbrücken überschritten. Manchmal geht die Fiumare mittels einer Steinbrücke über die Bahn: dann hört man einen kurzen schlagartigen Laut (ein Schatten huscht durch die Lider). Der Tunnel hat seinen besonderen unverwechselbaren Ton. Man hört auch, wenn die Bahn in Einschnitten bleibt, sozusagen in Tunnels ohne Decke, oder wenn im Gebirgsrelief die Bergwand sich nähert oder entfernt. Sogar die nahen Häuser hört man: es ist wie ein kurzer Peitschenhieb am Ohr. Und immer hört man unten die gewaltige Orgel des Meeres, die oben spielenden orotopographische» Themen dieser Landschaftssinfonie brausend untermalen. Da stehen auf schuhbreiten Gesimsen Euphorbien, riesige Wolfsmilchstauden, hier und da auch Palmen, auf den Schuttkegeln wuchert gelber großer Ginster, aus einer Mulde der Wand, groß wie ein Krähennest, treibt die Aloe zwischen ihren starren stohlgriinen Blättern ihren Blütenstand hervor und wie eine Fichte hoch auf. Ruinen, alte Türme gegen die Seeräuber aus Karls V., des spanischen Meerbeherrschers, Zeiten, zerbröckelten auf gelben Kaps. Vor der Einfahrt in einen Tunnel probiert ein malariokranker, in Urlaub gehender Soldat eine Zipfelmütze — als der Zug den Tunnel verläßt, ist der Soldat als Bürger gekleidet, und das Militärzeug ist eingepackt. Eine schwarze Schafherde steht vor dem grünen Meer auf rotem, völlig nacktem Sande. Man sieht von oben die lebendige Masse der dunklen Leiber sich in sich verschieben — wie Zugvögel am Himmel. Peitschenschlag: Ein Haus! Singtan: Eine Brücke! Sehr selten öffnet sich die Landschaft vom Meere fort nach links ins Land hinein, dann erscheint eine tiefe leere Hügelweit zwischen grauen kahlen Bergen unter Wolkenschatten. Ein Tunnel so jäh, daß man an den Kops greift, gleichsam, um ihn vor einem fallenden Stein zu schützen. Eine einsame Halte in einer ein wenig bevölkerten Gegend auf dem Eisenstrich über dem Meere. Ein Mann der Landschaft verreist. Sechs Freunde bringen ihn an die Bahn. Großer Abschied, Umarmungen und zärtliche Küsse. Die Freunde begleiten den Reisenden noch auf dem Trittbrett des bereits fahrenden Zuges. Einer fällt auf den Bahnkörper. Schließlich springen alle ab. Als der Reisende die Freunde nicht mehr sehen kann, schaut er sich im Abteil um und findet seinen Hund unter der Sitzbank. Schleudert ihn zum Fenster hinaus. Der Hund fällt auf den Rücken, einen Augenblick bleibt er betäubt liegen, dann wirft er sich auf die Pfoten und rennt dem Zuge nach. Jetzt gibt er es auf. Der Mann begrüßt noch, sich weit aus dem Wagenfenster hinauslehnend, mit lautem Geschrei den und jenen Bauer im schmalen Gerstenacker auf der gemauerten Bergstufe oder Hirten bei ihren Herden. Endlich kommt er zur Ruhe. Weiß blühen Akazien. — Tunnel! Unten liegt im Mittagslichte bleich und still wie tot das Meer. In weiter Ferne" auf dem Strich der Kimme sieht man einen Dampfer, er liegt scheinbar tief im Wasser, man sieht selbst von hier oben nur sein Oberes, Bordrand und Dom, er steht scheinbar still; aber ein langer Strich Rauch parallel zur Kimme schließt sich an den schrägen Schlot. (Von unten wird man nur den Rauchstrich sehen.) Ueber das Blatt, auf das ich meine Beobachtungen schreibe, huscht ein roter Schein: ein rosa Wärterhäuschen stand neben dem Gleise. Und dann ist die Gegend lange leer, keine Siedlung im Lande, keine Halte an der Bahn. Grell und glühend steht die Sonne im leeren Raum des Himmels — «eit und leer ist der Spiegel des Meeres. Tunnel — Licht — Tunnel (ein langer, bas überblendete Auge ruht eine Weile wohlig aus) — Licht, Knallfall des Tages! Im tiefen Wadi liegt ein Hirt rücklings da und läßt sich die Sonne auf den Bauch scheinen, die langen blauschwarzen Haare der Ziegen glänzen herauf. Einige Pinien, zwei Seekiefern (ihre Radeln glitzern). Tunnels! Tunnels! Im Tunnel ein weißer Blitz: ein Auslaß nach draußen, wo der Tunnel der Oberfläche des Bergfalls nahekommt. Da ist ein fonnübergreHter Hang von vielen Kaktuspflanzen besetzt, sie blühen gelb. Und wieder die Peitschenschläge von Häusern an den Ohren, die dumpfen Ueberfälle von Tunnels, das Räuschen von Eifenbrücken und das Singen der Schienen. Das Land besetzt sich ein wenig dichter mit Siedlungen, an den häufigem Halten wechselt die Bevölkerung durch die Wagen. Rur kurze Strecken fahren die meisten Leute (wir reifen in der dritten Wagenklasse), die auf der Kette des Zuges aufgereihten Becken der Wagen schöpfen in dieser Landschaft Menschen auf, um sie in der nächsten wieder auszuschütten. Und so fort. Also sitzen immer einander bekannte Leute im Zuge. Und alles redet laut, luftig und vertraut. Wenn ich meine Eintragungen in mein Buche mache, halten mich die Leute für einen Regierungsbeamten, sie glauben, ich mache Notizen für die Steuerschätzung — und sehen mich mißvergnügt an. Unglaublich, an welch steilen Böschungen die Ziegen steigen, Ziegen mit nackten Knien und prachtvollen langen Seidenhaaren. Sie finden Halt an bloßen Rauheiten der Wand. Wenn die Ziegen am Hange klettern, rauscht es unter ihnen von rieselndem Gestein. Wenn zwei sich auf einem handbreiten Gesims begegnen, stoßen sie sich mit den Hörnern und mimen ein Stotzgefecht — schließlich gibt die eine Geiß nach und mit einer kunstvollen Wendung findet sie zurück. Aber unglaublich auch, wohin der Hirt, der die Geißen einholt, sich wogt! Eidechsen, handlange, huschen über die Ziegenpfade. Da — war es ein Ziegenpfad, ein Menschenpfad? — ging eine grau, sie hatte vier große Dachziegel auf dem Kopfe, ein Bündel Gemüse dazu und trieb vor sich her mit einem Knüppel in der Hand laut schreiend (man hörte den Schrei nicht, aber man sah ihn ihrem Munde ab) ihre Ziege; der Mann aber ging vorauf und trug ein halbes Brot. Auf den Mauern der Station, auch auf denen einer wie ein Schwalbennest an den Berg geklebten Kirche, lebhafte Wahlaufrufe. Die Namen der Kandidaten sind mit roter Farbe aufgemalt, von den Buchstaben ist die frische Farbe während des Auftragens abgelaufen und hat die Mauer berieselt. Die Namen scheinen Blut zu schwitzen. Der Wind benagt den Fels, auch den vermauerten Stein. Da ist der Steinkörper ausgeblasen und jeder Baustein eine flache, auf der Kante stehende Schüssel, die Kalkfugen der Mauer aber, härter als der Stein, ragen hervor. Ein Bauer, verwittert wie ein Stein in diesem von Sonne zerstörtem Lande, mit einem Stock aus einer Weinrebe, steigt ein. Seine Bartstoppeln bestehen aus glänzenden Silberhärchen. Donnerschlag: Tunnel! Stromboli und Aetna rauchen, der eine schwarz im Norden, der andre weiß im Süden. Und da ist die Meerenge, der „Stretto." lieber dem Stretto von Messina energische und maffenftarte Wolken. Eine Landschaft muß Wolken haben, dieser blaue leere Himmel wird unerträglich. Die Wolken sind schiffende Gebirge über den vor Anker liegenden der Erde. Die fahrenden werfen Schatten, wenn die Sonne hoch, die ruhenden, wenn sie tief steht. Die Landschaft ist weiträumig und glasklar. Man kann von Kalabrien aus auf Sizilien die Häuser zählen. Der einen Tag lang so tobende und tosende Zug steht still da — es ist fast verwunderlich. In Reggio gießt er feinen Inhalt an Menschen aus. Ein kleiner Flohhund läuft mit einem Halsbald aus Rosen umher. Der Metzger besteckt das Fleischstück in der Auslage mit Rosen. Dom König der Fische. Lin gastronomisch-anekdolischer Exkurs über den Steinbutt. Von Carl Georg v. Maaßen. Als unser deutscher Gastrosoph Eugen Baron v. 93 a e r ft einmal in dem berühmten Pariser Restaurant „Racher de Cancale" speiste, geriet er durch einen Turbot ä la creme au gratin in einen solchen Taumel ekstatischer Verzückung, daß er vor der beinahe geleerten Schüssel auf die Knie fiel. Ich kann ihm das nachfühlen. Wem einmal in seinem Leben das große Glück gelächelt hat, im „Hotel de la Plage" zu Ostende einen jener so wundervoll ä point gekochten frischen Steinbutte zu essen, wem hier — selbst als einzigem Gast an seinem Tische — ein solcher Gigant des Meeres in seiner gewaltigen Monumentalität unterteilt auf einer riesigen Schüssel dargereicht wurde, um allen gastrophilen Leidenschaften die Zügel schießen lassen zu können, der wird für alle übrigen Zeiten seines Lebens die nie wieder auszurottende Ueberzeugung von der unantastbaren Souveränität dieses Königs aller Fische und damit ein neues gastrosophisches Glaubensbekenntnis mit sich genommen haben. Altvater Grirnvd de la Reyniere nennt den Steinbutt — nach alter Tradition — feiner Schönheit wegen den „Fasan des Meeres und verleiht ihm, hinsichtlich seines majestätischen Umfanges, den Tiiel eines Fastenkönigs. Er wünscht ihn nur in kurzer Brühe gesotten unb um zerstückt aufgetragen, weil er, in einzelne Portionen zerteilt, aufhören würde, der Stolz und der Ruhm einer reichbesetzten Tafel zu sein, denn „er besitzt die Einfachheit eines Helden, wie er dessen Majestät besitzt, und jeder Schmuck ist mehr eine Erniedrigung als eine Ehre für ihn". Als einzige Begleitung gestattet er einen hübschen Kranz aus Petersilie und eine gesondert servierte Buttersoße, verlangt aber eine goldene FM° schaufel zum Vorlegen. Auch Voerst erklärt eine junge Steinbutte, fnfch aus der See, mit frischer Vierländer Butter für den Gipfel aller Genüsse. Der Binnenländer möge aus diesen Worten heraushören, welche Einschränkung er für sich zu machen hat. Denn er darf damit rechnen, daß er den Fisch selten in ursprünglicher Frische erhält, ja daß er — ruht Sonne glän- nach tzt, sie >ump= ) das häu- kurze taffe), fen in mszu- Zuge, ungen ungs- - und liegen i Halt rttern, einem nitnen kunst- ■ Hirt, >ar es e vier !b vor le den Mann chwal- tamen len ist Nauer ist der Kante Stein, Sonne Seine andre Sölten, rd un- liegen- ch, die asklar. • es ist n aus. r. Der nal in geriet laumel mf die Leben einen , wem Gigant er rieten die seines antast- neues itt - leeres* i Titel nd um shören , denn st, und ", Als le und Flsch- , frisch er ®e= welche echnen, — wie ich es selbst in Restaurants von Ruf erlebt habe — darauf gefaßt sein muh, ihn durch chemische Mittel konserviert zu sindeu. Hierdurch verliert aber jeder Fisch das allerfeinste seines arthaften Aromas und bekommt einen undefinierbaren, wenn auch wenig merkbaren Nebengeschmack, der durch eine würzige Tunke wieder verdeckt werden kann. In solchem Falle wäre zu einer holländischen oder einer Krebssoße, die sich vorzüglich dazu eignet, zu raten. Unser deutscher Balladendichter Gottfried August Bürger bekam einmal einen Steinbutt nach Appenrode gesandt, der den Weg über seinen Verleger Dieterich in Göttingen gemacht hatte. Im unklaren über die kulinarische Behandlungsweise dieses fernen Seebewohners schrieb er am 9.Juli 1783 an den Verleger: „Wenn du den Steinbüttenkorb hübsch aufgemacht hättest, so könntest du mich auch von der besten Zubereitung unterrichtet haben. Nun wissen wir aber hier weiter nichts, als Senf und Butter!" — Armer Bürger! — Das Kochen eines unzerteilten Steinbutts hat schon manchem Leckermaul die schwersten Sorgen bereitet Der Kenner des klassischen Altertums möge sich die Historie von jenem riesigen Steinbutt ins Gedächtnis zurückrufen, den der römische Kaiser Domitian zum Geschenk erhielt. Mit unnachahmlicher Bosheit hat sie Juvenal in seiner vierten Satire verarbeitet. Als sich Domitian einmal zu Albalonga aufhielt, brachte ihm ein Fischer einen Goliath von Steinbutt. Der ganze Senat wurde zu- [ammengerufen, um zu beraten, in welchem Gefäße man ihn kochen könne. Man fand keines, das ihn fassen konnte. Ein Senator schlug vor, ihn in Stücke zu zerschneiden, aber er wurde entrüstet abgewiesen. Nach stundenlanger Beratung, während welcher ein blinder Senator immer wieder die Schönheit des Fisches lobte, wobei er ihm jedoch beständig den Rücken kehrte, beschloß man endlich, ein passendes Gefäß durch einen Töpfer Herstellen zu lassen. Und ein weiterer Senatsbeschluß bestimmte, um auch für die Zukunft allen ähnlichen Verlegenheiten vorzubeugen, daß dem Gefolge des Kaisers ständig eine Anzahl Töpfer beigeordnet werden müsse. Ans weit genialere Art half sich einmal der berühmte Verfasser der „Physiologie des Geschmackes", Brillat-Savarin, aus einem ähnlichen Dilemma. Man hatte ihn zu einem Festmahl bei einer verheirateten Kusine auf das Land geladen. Den Kulminationspunkt der Tafel sollte ein Prachtkerl von Steinbutt bilden, der sich nur durch Zufall in diese schlichte ländliche Umgebung verirrt hatte. Als der Gast, hungrig und voll Erwartung der kommenden Genüsse, eintraf, sand er ein in Hader und Streit verwickeltes Ehepaar vor, denn es hatte sich im ganzen hause kein Gefäß finden lassen, welches ein solches abnormes Exemplar von Fisch in sich hätte aufnehmen können. Schon stand der mitleidlose, spöttische Gatte bereit, mit einem Hackbeil den gordischen Knoten zu zerhauen, indes die in Tränen schwimmende Gattin ihn mit erhobenen Händen anslehte, wenigstens noch die Ankunft des gelehrten Herrn Vetters abzuwarten, der vielleicht doch einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden wisse. Und Brillat-Savarin täuschte das Vertrauen der Base nicht. Noch ohne eine Ahnung, wie das schwierige Problem zu lösen, erklärte er seierlich, daß der Steinbutt unzerteilt auf der Tafel erscheinen würde. Denn er war entschlossen, ihn im Backofen zu schmoren, falls es ihm nicht gelingen sollte, ein passendes Kochgeschirr aufzutreiben. Nun ging es auf die Suche von Raum zu Raum, bis sich endlich in der Waschküche ein kleiner, in dem Herd eingelassener Kessel sand, der ihm für [ein Vorhaben geeignet genug schien. Und während man auf feinen Befehl ein luftiges Feuerchen unter dem halb mit Wasser gefüllten Kessel entfachte, schnitt er aus einem vorgesundenen großen Flaschenkorbe eine muldenartige Hürde in der genauen Größe des Riesenfisches zurecht. Ihren Boden belegte er darauf mit Zwiebeln und würzigen Kräutern, aus die sodann der gereinigte, getrocknete und gesalzene Fisch gebettet wurde. Eine zweite Lage von Zwiebeln und Kräutern deckte ihn zu. Nun wurde die Hürde samt ihrem kostbaren Inhalt über die wesentlich kleinere Rundung des Kessels gelegt und eine Waschbütte darüber gestülpt, deren aufliegender Rand mit angeschüttetem Sand abgedichtet wurde, so daß der aufsteigende Dampf am Entweichen gehindert war. Bald begann das Wasser zu kochen, und der Dampf füllte die Hürde und Bülte, die nach Verlauf einer halben Stunde abgenommen werden durfte. Was sich zeigte, war ein herrlich duftender Steinbutt von allerschönstem Aussehen, blütenweiß gekocht. Staunende Bewunderung der Gäste empfing das Meisterwerk, und die Mienen der Tafelnden verrieten besser als alle Lobsprüche ihre Meinung. Der alte würdige General zeigte eine solche Zufriedenheit, daß er bei jedem Bissen lächelte. Der Pfarrer machte vor Seligkeit einen langen Aals und blickte verzückt zur Zimmerdecke empor, und ein geistvoller Akademiker neigte fein Haupt zur Seite und streckte das Kinn vor wie einer, der mit gespannter Aufmerksamkeit zuhört. Und alle fanden sich in °em einen Urteil, daß ein in Dampf gefallener Fisch ein ungleich feineres Aroma besäße ais ein in Wasser gekochter. Ein enthusiastischer Liebhaber des Steinbutts war der Verfasser von „Gullivers Reisen", der Dechant Swift. Ein Freund von ihm, der diese Neigung kannte, sandte ihm daher von Zeil zu Zeit einen solchen ®urd) seinen Bedienten, der jedoch bei jedem Botengänge erboster wurde, da er von dem geizigen Empfänger niemals ein Entgelt für die.aufgewandte Mühe erhielt. Ms er eines Tages wieder mit ähnlichem Auf- uag in das Studierzimmer des Dechanten geliefert worden war, fetzte er die Schüssel mit heftigem Aufschläge auf den Tisch und schrie patzig: »"a schickt Ihnen mein Herr wieder einen Steinbutt!" , „Bürschchen," sagte Swift in vollem Aerger, indem er entrüstet von [einem Stuhle aufsprang, „richtet man so einen Auftrag aus? Ich werde ril/eigen, wie man das machen muß. Setz' Er sich mal da auf den ®tu.9>, und ich will feine Rolle übernehmen." — Der Bediente gehorchte, ^wist nahm darauf die Sleinbuttschüffel vom Tische, ging damit zur jture, kehrte wieder um, nahte sich langsam dem Bedienten in ehrerbie- G*. Stellung, verneigte sich tief und sagte mit gedämpfter Stimme: Herr läßt sich Ihnen bestens empfehlen und bittet, dies kleine E gütigst annehmen zu wollen." — Der Bediente erhob sich von l wem Stuhl und antwortete: „Sag' Er seinem Herrn, ich ließe mich bestens bedanken, und ..." — hier griff er In die Tasche, zog eine halbe Krone hervor, die er dem Dechanten in die Hand drückte, ... „und da. mein Freund, hat er auch etwas für feinen Gang!" — Swift stand betroffen, gab ihm das Geld zurück und sagte ein wenig verlegen: „So war's nicht gemeint, aber ihm gebührt wohl mit Recht ein Trinkgeld." Und er schenkte ihm eine Krone. Die schönste Steinbuttanekdote aber, die uns überliefert worden, mag die Geschichte vom Kardinal Fesch sein, der am Morgen eines Festmahls, das er geben wollte, ganz unerwartet zwei Steinbutte von ungewöhnlicher Schönheit zum Geschenk erhielt. Die berühmte Duplizität der Fälle. Ein einziger Steinbutt hätte genügt. Beide auftragen zu lassen, wäre lächerlich gewesen. Was tun? Wie könnte man den zweiten Steinbutt wirksam verwenden? Der Kardinal zieht seinen Küchenchef zu Rate. — „Seien Eminenz ohne Sorge," sagt dieser lächelnd, „beide sollen erscheinen, und einer wird dem andern nur zu einer größeren Wirkung verhelfen." Die Tafel ist angerichtet. Die Suppe ist gegessen. Da öffnet sich die Saaltür, und ein prachtvoller Steinbutt wird Hereingelragen. Auf allen Gesichtern leuchtet inniges Entzücken. Der Mäitre d’hötel tritt heran, zwei Diener empfangen die Schüssel und tragen sie zur Anrichte, um den Fisch zu zerlegen. Da verliert einer von ihnen das Gleichgewicht, stolpert — stürzt. Die Schüssel liegt in Scherben, der Steinbutt auf dem Boden. Bleiches Entsetzen malt sich auf den Gesichtern der in ihren seligsten Erwartungen so schwer enttäuschten Kardinäle. Eine tiefe, trostlose Stille schwebt über der Tafel. — Da wendet sich der Mäitre d’hötel in stolzer Erwartung zu den Dienern und sagt gelassen: „Bringt einen andern Steinbutt!“ Und die Saaltüre öffnet sich, und ein zweiter Steinbutt wird Hereingelragen, ebenso schon, ebenso majestätisch wie der erste. Man stelle sich den Wechsel auf den Mienen der Kardinäle vor: es war, als ob die liebe Sonne wieder aus diistern Wolken hervorbräche. Die Iudenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen. Von Annette v. Droste-Hülshosf. (Fortsetzung.) Sein Ohm, der nicht wohl ohne Projekte leben konnte, unternahm mitunter ziemlich bedeutende öffentliche Arbeiten, z. B. beim Wegbau, wobei Friedrich für einen feiner besten Arbeiter und überall als seine rechte Hand galt; denn obgleich dessen Körperkräfte noch nicht ihr volles. Maß erreicht hatten, kam ihm doch nicht leicht jemand an Ausdauer gleich. Margret halte bisher ihren Sohn nur geliebt, jetzt fing sie an, stolz auf ihn zu werden und sogar eine Art Hochachtung vor ihm zu fühlen, da sie den jungen Menschen so ganz ohne ihr Zulun sich entwickeln sah, sogar ohne ihren Rat, den sie, wie die meisten Menschen, für unschätzbar hielt und deshalb die Fähigkeiten nicht hoch genug anzuschlagen wußte, die eines so kostbaren Förderungsmittels entbehren konnten. In feinem achtzehnten Jahre hatte Friedrich sich bereits einen bedeutenden Ruf in der jungen Dorfwell gesichert durch den Ausgang einer Wette, infolge deren er einen erlegten Eber über zwei Meilen weit auf seinem Rücken trug, ohne abzusetzen. Indessen war der Mitgenuß des Ruhms auch so ziemlich der einzige Vorteil, den Margret aus diesen günstigen Umständen zog, da Friedrich immer mehr auf sein Aeuheres verwandle und allmählich anfing, es schwer zu verdauen, wenn Geldmangel ihn zwang, irgend jemand im Dorf darin nachzustehen. Zudem waren alle seine Kräfte auf den auswärtigen Erwerb gerichtet; zu Haufe schien ihm, ganz im Widerspiel mit seinem sonstigen Rufe, jede anhaltende Beschäftigung lästig, und er unterzog sich lieber einer harten, aber kurzen Anstrengung, die ihm bald erlaubte, seinem früheren Hirten- amte wieder nachzugehen, was bereits begann, feinem Alter unpassend zu werden, und ihm gelegentlichen Spott zuzog, vor dem er sich aber durch ein paar derbe Zurechtweisungen mit der Faust Ruhe verschaffte. So gewöhnte man sich daran, ihn bald geputzt und fröhlich als anerkannten Dorfelegant an der Spitze des jungen Volks zu sehen, bald wieder als zerlumpten Hirtenbuben einsam und träumerisch hinter den Kühen her- schleichend, oder in einer Waldlichtung liegend, scheinbar gedankenlos und das Moos von den Bäumen rupfend. Um diese Zeit wurden die schlummernden Gesetze doch einigermaßen aufgerüttelt durch eine Bande von Holzfrevlern, die unter dem Namen der Blaukittel alle ihre Vorgänger so weit an List und Frechheit übertraf, daß es dem Langmütigsten zuviel werden muhte. Ganz gegen den gewöhnlichen Stand der Dinge, wo man die stärksten Böcke der Herde mit dem Finger bezeichnen konnte, war es hier trotz aller Wachsamkeit bisher nicht möglich gewesen, auch nur ein Individuum namhaft zu machen. Ihre Benennung erhielten sie von der ganz gleichförmigen Tracht, durch die sie das Erkennen erschwerten, wenn etwa ein Forster noch einzelne Nachzügler im Dickicht verschwinden sah. Sie verheerten alles wie die Wanderraupe, ganze Waldstrecken wurden in einer Nacht gefällt und auf der Stelle fortgeschafft, so daß man am andern Morgen nichts fand als Späne und nvüste Haufen von Topholz, und der Umstand, daß nie Wagenspuren einem Dorfe zuführten, sondern immer vom Flusse her und dorthin zurück, bewies, daß man unter dem Schutz und vielleicht mit dem Beistände der Schiffseigentümer handelte. In der Bande muhten sehr gewandte Spione fein, denn die Forster konnten wochenlang umsonst wachen; in der ersten Nacht, gleichviel, ob stürmisch oder mondhell, wo sie vor Uebermübung nachließen, brach die Zerstörung ein. Seltsam war es, daß das Landvolk umher ebenso unwissend und gespannt schien als die Forster selber. Von einigen Dörfern ward mit Bestimmtheit gesagt, daß sie nicht zu den Blaukitteln gehörten, aber keines konnte als dringend verdächtig bezeichnet werden, seit man das verdächtigste von allen, das Dorf B., freisprechen mußte. Ein Zufall hatte dies bewirkt, eine Hochzeit, auf der fast alle Bewohner dieses Dorfes notorisch die Nacht zugebracht hatten, wäh- nicht mehr! (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thhrivt. - Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. dort hinüber, nach dem Masiergmnde." — „Ich sage euch, an der Buche; des langen Heinrich Flintenriemen blieb noch am krummen Ast dort hängen; ich hab's ja gesehen!" Der Förster schlug den bezeichneten Weg ein. Friedrich hatte die ganze Zeit hindurch seine Stellung nicht verlassen; halb liegend, den Arm um einen dürren Ast geschlungen, sah er dem Fortgehenden unverrückt nach, wie er durch den halbverwachsenen Steig glitt, mit den vorsichtigen weiten Schritten seines Metiers, so geräuschlos wie ein Fuchs die Hühnersteige erklimmt. Hier sank ein Zweig hinter ihm, dort einer; die Umrisse seiner Gestalt schwanden immer mehr. Da blitzte es noch einmal durchs Laub. Es war ein Stahlknopf seines Jagdrocks; nun war er fort. Friedrichs Gesicht hatte während dieses allmählichen Verschwindens den Ausdruck seiner Kälte verloren, und seine Züge schienen zuletzt unruhig bewegt. Gereute es ihn vielleicht, den Förster nicht um Verschweigung seiner Angaben gebeten zu haben? Er ging einige Schritte voran, blieb dann stehen. „Es ist zu spät", sagte er vor sich hin und griff nach seinem Hute. Ein leises Picken im Gebüsche, nicht zwanzig Schritte von ihn. Es war der Förster, der den Flintenstein schärfte. Friedrich horchte. — „Nein!" sagte er dann mit entschlossenem Tone, raffte seine Siebensachen zusammen und trieb das Vieh eilfertig die Schlucht entlang. Um Mittag saß Frau Margret am Herd und kochte Tee. — Friedrich war krank heimgekommen, er klagte über heftige Kopfschmerzen und hatte auf ihre besorgte Nachfrage erzählt, wie er sich schwer geärgert, über den Förster, kurz den ganzen eben beschriebenen Vorgang, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, die er besser fand, für sich zu behalten. Margret sah schweigend und trübe in das siedende Wasser. Sie war es wohl gewohnt, ihren Sohn mitunter klagen zu hören, aber heute kam er ihr so angegriffen vor wie sonst nie. Sollte wohl eine Krankheit im Anzuge sein? Sie seufzte tief und ließ einen eben ergriffenen Holzblock fallen. „Mutter!" rief Friedrich aus der Kammer. — „Was willst du?" — War das ein Schuß?" — „Ach nein, ich weiß nicht, was du meinst." — „Es pocht mir wohl nur so im Kopfe", versetzte er. Die Nachbarin trat herein und erzählte mit leisem Flüstern irgendeine unbedeutende Klatscherei, die Margret ohne Teilnahme anhörte. Dann ging sie. „Mutter!" rief Friedrich. Margret ging zu ihm hinein. „Was erzählte die Hülsmeyer?" — „Ach, gar nichts, Lügen, Wind!" — Friedrich richtete sich auf. — „Von der Gretchen Siemers; du weiht ja wohl die Geschichte; und ist doch nichts Wahres dran." -j- Friedrich legte sich wieder hin. „Ich will sehen, ob ich schlafen kann", sagte er. Margret saß am Herde; sie spann und dachte wenig Erfreuliches. Im Dorfe schlug es halb zwölf; die Tür klinkte und der Gerichtsschreiber Kapp trat herein. . _ „Guten Tag, Frau Mergel", sagte er; könnt Ihr mir einen Trunk Milch geben? ich komme von M." — Als Frau Mergel das Verlangte brachte, fragte er: „Wo ist Friedrich?" Sie war gerade beschäftigt, einen Teller hervorzulangen und überhörte die Frage. Er trank zögernd und in kurzen Absätzen. „Wißt Ihr wohl," sagte er dann, „daß die Blaukittel in dieser Nacht wieder im Masterholze eine ganze Strecke so kahl gefegt haben wie meine Hand?" — „Ei, du frommer Gott!" versetzte sie gleichgültig. — „Die Schandbuben," fuhr der Schreiber fort, „ruinieren alles; wenn sie noch Rücksicht nähmen auf das junge Holz, aber Eichenstämmchen wie mein Arm dick, wo nicht einmal eine Ruderstange drin steckt! Es ist, als ob ihnen anderer Leute Schaden ebenso lieb wäre wie ihr Profit!" — „Es ist schade!" sagte Margret. Der Amtsschreiber hatte getrunken und ging noch immer nicht. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. „Habt Ihr nichts von Brandis gehört?" fragte er plötzlich. — „Nichts; er kommt niemals hier ins Haus." — „So wißt Ihr picht, was ihm begegnet ist?" — „Was denn?" fragte Margret gespannt. — „Er ist tot!" — „Tot!" ries sie, „was, tot? Um Gottes willen! Er ging ja noch heute morgen ganz gesund hier vorüber mit der Flinte auf dem Rücken!" — „Er ist tot," wiederholte der Schreiber, sie scharf fixierend; „von den Blaukitteln erschlagen. Vor einer Viertelstunde wurde die Leiche ins Dorf gebracht." Margret schlug die Hände zusammen. — „Gott im Himmel, geh nicht mit ihm ins Gericht! er wußte nicht, was er tat!" — ,Mit ihm! rief der Amtsschreiber, „mit dem verfluchten Mörder, meint Ihr? Aus der Kammer drang ein schweres Stöhnen. Margret eilte hin und der Schreiber folgte ihr. Friedrich faß aufrecht im Bette, das Gesicht in die Hände gedrückt und ächzte wie ein Sterbender. — „Friedrich, wie ist dir?" sagte die Mutter. — „Wie ist dir?" wiederholte der Amtsschreiber. — „O mein Leib, mein Kopf!" jammerte er. — „Was fehlt tljm? — „Ach, Gott weiß es," versetzte sie; „er ist schon um vier mit den Kühen heimgekommen, weil ihm so übel war." — „Friedrich, Friedrich, antworte doch, soll ich zum Doktor?" — „Nein, nein," ächzte er, „es ist nur Kolik, es wird schon besser." Er legte sich zurück; sein Gesicht zuckte krampfhaft vor Schmerz; dann kehrte die Farbe wieder. „Geht," sagte er matt; „ich muß schlafen, dann geht's vorüber." , , „Frau Mergel," sagte der Amtsschreiber ernst, „ ist es gewiß, daß Friedrich um vier nach Hause kam und nicht wieder fortging? — Sie ah ihn starr an. „Fragt jedes Kind auf der Straße. Und sortgehen? — wollte Gott er könnte es!" — „Hat er Euch nichts von Brandis erzählt? — „In Gottes Namen, ja, daß er ihn im Walde geschimpft und unsere Armut vorgeworfen hat, der Lump! — Doch Gott verzeih mir, er ist tot. Geht!" fuhr sie heftig fort; „seid Ihr gekommen, um ehrliche Leute zu schimpfen? Geht!" — Sie wandte sich wieder zu ihrem Sohne; der Schreiber ging. — „Friedrich, wie ist dir?" sagte die Mutter; „hast du wohl gehört? schrecklich, schrecklich! ohne Beichte und Absolution! „Mutter, Mutter, um Gottes willen, laß mich schlafen, ich kann xend zu eben dieser Zelt die Vlaukittel eine ihrer stärksten Expeditionen ausführten. t Der Schaden in den Forsten war indes allzu groß, deshalb wurden die Maßregeln dagegen auf eine bisher unerhörte Weife gesteigert; Tag und Nacht wurde patrouilliert, Ackerknechte, Hausbediente mit Gewehren versehen und den Forstbeamten zugesellt. Dennoch war der Erfolg nur gering, und die Wächter hatten oft kaum das eine Ende des Forstes verlassen, wenn die Blaukittel schon zum andern einzogen. Das währte länger als ein volles Jahr, Wächter und Blaukittel, Blaukittel uni) Wächter, wie Sonne und Mond, immer abwechselnd im Besitz des Terrains und nie zusammentreffend.- Es war im Juli 1756 früh um drei; der Mond stand klar am Himmel, aber fein Glanz fing an zu ermatten, und im Osten zeigte sich bereits ein schmaler gelber Streifen, der den Horizont besäumte und den Eingang einer engen Talschlucht wie mit einem Goldbande schloß. Friedrich lag im Grase, nach seiner gewohnten Weise, und schnitzelte an einem Weidenstabe, dessen knotigem Ende er die Gestalt eines ungeschlachten Tieres zu geben versuchte. Er sah übermüdet aus, gähnte, ließ mitunter seinen Kopf an einem verwitterten Stammknorren ruhen und Blicke, dämmeriger als der Horizont, über den mit Gestrüpp und Aufschlag fast verwachsenen Eingang des Grundes streifen. Ein paarmal belebten sich feine Augen und nahmen den ihnen eigentümlichen glasartigen Glanz an, aber gleich nachher schloß er sie wieder halb und gähnte und dehnte sich, wie es nur faulen Hirten erlaubt ist. Sein Hund tag in einiger Entfernung nah bei den Kühen, die, unbekümmert um die Forstgesetze ebensooft den jungen Baumspitzen als dem Grase zusprachen und in die frische Morgenluft schnaubten. Aus dem Walde drang von Zeit zu Zeit ein dumpfer, krachender Schall; der Ton hielt nur einige Sekunden an, begleitet von einem langen Echo an den Bergwänden, und wiederholte sich etwa alle fünf Minuten. Friedrich achtete nicht darauf; nur zuweilen, wenn das Getöse ungewöhnlich stark ober anhaltend war, hob er den Kopf und ließ seine Blicke langsam über die verschiedenen Pfade gleiten, die ihren Ausgang in dem Talgrunde fanden. Es fing bereits stark zu dämmern an; die Vögel begannen leise zu zwitschern und der Tau stieg fühlbar aus dem Grunde. Friedrich war an dem Stamm hinabgeglitten und starrte, die Arme über den Kopf verschlungen, in das leise einschleichende Morgenrot. Plötzlich fuhr er auf: über sein Gesicht fuhr ein Blitz, er horchte einige Sekunden mit vorgebeugtem Oberleib wie ein Jagdhund, dem die Luft Witterung zuträgt. Dann schob er schnell zwei Finger in den Mund und pfiff gellend und anhaltend. — „Fidel, du verfluchtes Tier!" Ein Steinwurf traf die Seite des unbesorgten Hundes, der, vom Schlafe aufgeschreckt, zuerst um sich biß und dann heulend auf drei Beinen dort Trost suchte, von wo das liebel ausgegangen war. In demselben Augenblicke wurden die Zweige eines nahen Gebüsches fast ohne Geräusch zurückgeschoben und ein Mann trat heraus, im grünen Jagdrock, den silbernen Wappenschild am Arm, die gespannte Büchse in der Hand. Er ließ schnell seine Blicke über die Schlucht fahren und sie dann mit besonderer Schärft auf dem Knaben verweilen, trat dann vor, winkte nach dem Gebüsch, und allmählich.wurden sieben bis acht Männer sichtbar, alle in ähnlicher Kleidung, Weidmesser im Gürtel und die gespannten Gewehre in der Hand. „Friedrich, was war das?" fragte der zuerst Erschienene. —Ich wollte, daß der Racker auf der Stelle krepierte. Seinetwegen können die Kühe mir die Ohren vom Kopfe fressen." — „Die Kanaille hat uns gesehen", sagte ein anderer. , „ , , „Morgen sollst du auf die Reift mit einem Stein am Halse, fuhr Friedrich fort und stieß nach dem Hunde. — „Friedrich, stell dich nicht an wie ein Narr! Du kennst mich und du verstehst mich auch!" Ein Blick begleitete diese Worte, der schnell wirkte. — „Herr Brandis, denkt an meine Mutter!" — „Das tu’ ich. Hast du nichts im Walde gehört?" — „Im Walde?" — Der Knabe warf einen raschen Blick auf des Försters Gesicht. — „Eure Holzfäller, sonst nichts." — „Meine Holzfäller!" Die ohnehin dunkle Gesichtsfarbe des Försters ging in tiefes Braunrot über. „Wie viele sind ihrer, und wo treiben sie ihr ihr Wesen?" — „Wohin Ihr sie geschickt habt; ich weiß es nicht." — Brandts wandte sich zu seinen Gefährten: „Geht voran; ich komme gleich nach." Als einer nach dem andern im Dickicht verschwunden war, trat Brandts dicht vor den Knaben: „Friedrich," sagte er mit dem Ton unterdrückter Wut, „meine Geduld ist zu Ende; ich möchte dich prügeln wie einen Hund, und mehr seid ihr auch nicht wert. Ihr Lumpenpack, dem kein Ziegel auf dem Dach gehört! Bis zum Bettlen habt ihr es, gottlob, bald gebracht, und an meiner Tür soll deine Mutter, die alte Hexe, keine verschimmelte Brotrinde bekommen. Aber vorher sollt ihr mir noch beide ins Hundeloch." Friedrich griff krampfhaft nach einem Aste. Er war totenbleich und seine Augen schienen wie Krtstallkugeln aus dem Kopfe schießen zu wollen. Doch nur einen Augenblick. Dann kehrte die größte, ton Erschlaffung grenzende Ruhe zurück. „Herr," sagte er fest, mit fast sanfter Stimme, „Ihr habt gesagt, was Ihr nicht verantworten könnt, und ich vielleicht auch. Wir wollen es gegeneinander aufgehen kaffen, und nun will ich Euch sagen, was Ihr verlangt. Wenn Ihr die Holzfäller nicht selbst bestellt habt, so müssen es die Blaukittel sein; denn aus dem Dorfe ist kein Wagen gekommen; ich habe den Weg ja vor mir, und vier Wagen sind es. Ich habe sie nicht gesehen, aber den Hohlweg hinauffahren . hören." Er stockte einen Augenblick. „Könnt Ihr sagen, daß ich je einen Baum in Eurem Revier gefällt habe? überhaupt, daß ich je anderwärts gehauen habe, als auf Bestellung? Denkt nach, ob Ihr das sagen könnt?" Ein verlegenes Murmeln war die ganze Antwort des Försters, der NachArt der meisten rauhen Menschen leicht bereute. Er wandte sich unwirsch und schritt dem Gebüsche zu. — „Nein, Herr," rief Friedrich, „wenn Ihr zu den anderen Förstern wollt, die sind dort an der Buche hinaufgegangen." — „An der Buche?" sagte Brandts zweifelhaft, „nein