SietzenerKmnlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgangs Freitag, den l2. April Nummer 28 Das verlorene Lächeln. Von Christian Morgenstern. Ein Lächeln irrt verflogen durch einen lauten Saal, bis es auf einem Bogen von schimmerndem Opal sein kleines Leben endet, den letzten Mick noch matt zu der zurückgewendet, die es verloren hat. Der Tod Alexanders. Von Professor Dr. Theodor 93 i r t*). Seit Hevhästions Tode hatte sich Alexander mit einem seiner sog. Königsgenossen, den er Medius nannte, nahe befreundet und verkehrte gern mit ihm. Es war nach der Abendmahlzeit und geselligem Trunk schon ziemlich spät geworden, und Alexander wollte schon schlafen gehen. In jenem tropisch heihen Lande ober führt man gern ein Nachtleben; denn erst die Nächte bringen Erquickung. So forderte Medlus ihn auf, noch bei ihm etwas zu zechen und Kurzweil zu treiben. Alexander war o jung wie die andern und guter Dinge. Warum sollte er sich weigern? Auch folgenden Tags wiederholte sich das. Jedesmal nach dem späten Trunk nahm er ein Bad. So meldet das Hofjournal, das uns über diese Dinge berichtet. Als dies das drittemal geschehen, verfiel er am Tag darauf, nachdem er gebadet und zu Abend gespeist, in Fieber. Es scheint, daß man die Sache kaum beachtete. Der Geier aber war schon ausge- flogen und rauschte über ihm mit seinen Flügeln; es war der Tod. Alexander sollte den Weg Hephästions gehen. Vor Monaten, als er aus Elbatana aufbrach, um in Babylon einzuziehen, waren ihm Chaldäer von dort entgegengekommen und hatten ihm, frech wie sie waren, den Tod geweissagt: er werde sterben, wenn er Babylon betrete, es sei denn, daß er von Westen komme. Die Chaldäer waren Astrologen und die Weissagung ihr Beruf. Aber dies war ein dreistes Manöver, um Alexander von ihrer Stadt fernzuhalten; denn sie wußten, der Zugang zu ihr war zum Ende der Winierzeit, wo der Euphrat mit Hochwasser ging und in breiten Sümpfen nach Westen austrat, von Westen aus unpassierbar. Die reiche und mächtige Priesterklasse wollte am liebsten in der Stadt allein herrschen und konnte keinen König brauchen. Vor allem aber hatte Alexander die Absicht, den berühmten Stufentempel des Bal, den einst Terxes zerstört, wieder auhcr- bauen; auch das aber war den Bonzen zuwider; denn der Tempel besaß ringsum reiche Güter und Liegenschaften, die, solange der Tempelgottesdienst ruhte, den Chaldäern selbst zugute kamen; sobald er wieder her- gestellt war, wurden die Erträge wieder für den Tempeldienst und Kultus verwandt. Auf Alexander machte die Drohung doch Eindruck. Als er aber den westlichen Zugang der Stadt unmöglich fand, schlug er sie seelenruhig in den Wind. Er glaubte nur an die Omina, die Glück verhießen, und bisher war ihm auch nichts Uebles widerfahren. Jetzt aber befiel ihn die Malaria, dieselbe, die heute der Schrecken des Cuphratlandes ist. Kein Europäer reist dort ohne Chinin. Damals war das Land freilich entsumpft; gleichwohl hörten wir noch eben von den Sümpfen, die der Uebertritt des Stroms zurückließ. Die gefährlichen Moskitos, die das Gift der Bazillen ins Menschenblut treiben, schwirren da über dem Feuchten millionenfach; sie wirkten auch schon damals, und besonders des Mchts. Die Schriftsteller des Altertums, die von dem Wesen der Krankheit noch nichts wußten, meinten freilich, der Weingenutz fei schuld gewesen. Aber Alkohol erzeugt, soviel ich weiß, kein Fieber. Da das Fieber einmal eingetreten, roar äußerste Vorsicht geboten; aber wir hören von Aerzten diesmal nichts, auch nicht, daß man Babylonier, die das Wesen der Krankheit besser kennen mußten, zurate zog. Das Hofjournal wahrt auch darüber ein unheimliches Schweigen. Der Kranke selbst aber, geladen mit Energien, wie er war, dachte nicht an Sterben und wollte von Rast nichts wissen. Streng fest hielt er (denn auch die Frömmigkeit ist Königspflicht) an den Zeremonien des Gottes- hienstes, aber auch am Bad, und dies war das Verhängnisvollste. In 72 Stunden hat die Malaria oft schon ihr Werk getan. Alexander widerstand viel länger. Hören wir noch einiges aus dem erwähnten Tagebuch. Nach der ersten schlechten Nacht ließ er sich in der Sänfte ins Freie _ *) Wir entnehmen die plastische Schilderung vom Tode des großen Alexander dem Buche „Alexander der Große und das Weltgriechentum von Theodor Birt. 3.Auflage. 515 Seiten. In Leinenband 12 Mark. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. tragen, um da zu opfern (die Opferdiener standen immer schon zur Behandlung bereit); dann ruhte er und besprach die bevorstehende Meeresfahrt und die Reiseroute: „Nach vier Tagen soll das nötige Fußvolk abmarschieren; den Tag darauf besteige ich selbst das Schiff und führe die Flotte". Rearch sollte dabei aber natürlich nicht fehlen. Dann begab er sich über den Strom ans Westufer in die königlichen Gärten und badete; das Wasser war so linde und lauwarm, daß er fiebernd im Bad einschlief. Der nächste Tag verlief noch ähnlich; er plauderte mit dem Freund Medius und bestellte sich Nearch aus morgen. In der Nacht stärkeres Fiebern. Trotzdem badet er tags daraus wieder und bespricht mit Nearch die Seefahrt, die in drei Tagen beginnen soll. Der nächste Tag brachte größere Schwäche, aber dieselben Gespräche, und auch diesmal setzte das schwächende Bad nicht aus. Und so ging es noch zwei Tag« weiter, und die Besserung kam nicht, die Kräfte schwanden. Schon wurde es ihm schwer, sich zur Opferhandlung aufrecht zu erhalten; trotzdem hörte man ihn noch jagen: „Haltet euch zur Seefahrt bereit". Als er ganz kraftlos, schaffte man den Kranken aus den Gärten nach Babylon zurück in den Königsbau. Die Generäle traten ein, umwölkt und herzbeklommen; er erkannte sie noch, aber konnte kein Wort mehr sprechen. Des Nachts schüttelte ihn das Fieber. Da ließen sich die Soldaten, feine Mazedonen, zu denen täglich die Berichte kamen, nicht mehr halten: „Wir wollen ihn sehen. Er lebt noch! Oder ob er tot ist? Wird uns nicht die Wahrheit gesagt?" In echter Sehnsucht, Angst und Trauer durchbrechen sie die Absperrung und dringen ine Schloß. Alexander sah nach seine Krieger, wie sie eindrangen und ihn sprachlos umstanden; aber die Stimme versagte ihm. Er hob nur noch schwach das Haupt aus dem Kissen, grüßte die einzelnen mit den Augen und reichte jedem die Hand hin. Man wollte ihn noch in den Serapistempel schaffen, als ob der Gott ihn noch heilen könnte. Aber es unterblieb. Gleich danach war er gestorben. Er starb im Mai des Jahres 323; vielleicht war es auch erst im Juni. Er hatte nur zwölf Jahre und acht Monate regiert. Ruffische Impressionen. Von Ilse Schmidt-Wissendorff. Hitzewellen zittern in der Luft und brennen schmerzhaft. In unseren Gliedern ist noch der einschläfernde Rhychmus der Dampferfahrt. Die Wolga war ein Traum von Unendlichkeit. Grenzenlos der Himmel, das Wasser. Die ferne Uferlinie am Horizont traumhaft wie eine Fata Morgana. Mütterchen Wolga, dein breiter Atem gleicht dem Meere. Du gleitest durch ein Land, das wie eine Unwirklichkeit ist. Barken begegnen uns. Der langgezogene Rhythmus eines klagenden Liedes zerflattert in der Luft. Der Körper entspannt sich, fließt hinüber in ein unbekannt Mütter- liches. Worte find verloren gegangen, man lächelt, man nickt, und bewegt sich mit langsamen, verlorenen Schritten, die rote etwas Fremdes find. Es ist Unbewußtes in diesem Gleiten. Astrachan gibt uns dem Lande wieder und der Besinnlichkeit. Dem Getriebe einer lauten Hafenstadt. Wir hasten heraus, durchqueren im Wagen die Stadt mit den bunten niedrigen Häusern, sitzen im Zuge und rollen durch ein sonniges Land der Silhouette des Kaukasus zu. Sie tritt aus dem Dunst, wild zerklüftet, einsam und unnahbar. Es ist ein Wehren in den zerrissenen Formen, die wie der Ausdruck eines gewalttgen Schmerzes sind. Ich sah die Fjorde Norwegens, die Berge Tirols. Bei aller Starre war doch heimliches Leben in ihnen, tückisch oft und grausam. Aber fle lebten. Hier war ein Nichts, ein Etwas, das noch nie gelebt hatte. Was keiner Vergangenheit nadj träumte, gleichsam noch in Urschlaf befangen. Aus dem Dunst der Dämmerung kommt es näher, schläfert ein, doch mit einem anderen Unbewuhisein, als das Wiegen der Wolga. Dann blitzten die Lichter eines Bahnhofs auf, Menschennähe drang auf uns ein, ein Hotel nahm uns auf. Dann war nur noch der Schlaf. Der nächste Morgen. Da war es, daß erbarmungslose Sonne mich weckte. Es roar nur ein einziger Strahl, der durch die Läden drang, aber sein Licht war stark genug, das Zimmer bis in seine enLeoensten Ecken zu erhellen. Draußen knarrten Rader über ein holpriges Pflaster. Rufe einer ftemden Sprache, gutturale Töne. Seltsam, daß man noch immer in den Grenzen des Vaterlandes war. Ich sprang aus dem Bett, schlug die Läden zurück. Das Licht fiel sofort gierte über mich her, daß ich unwillkürlich den Arm zum Schutze hob. Die Berge standen unbarmherzig nackt. Noch einsamer, noch in sich verschlossener, als in der weichen Dämmerung. Draußen roar schon halber Orient Drüben ein Basar mit Teppichen, reichen Sitberwaren, Lebensmitteln. Auf den Straßen ein buntbewegtes Bild von Kettent, oft zu zweien auf einem Pferde. Alle Bergvölker des Kaukasus, Grusinler, Tfcherkefsen, Osseten, Tschstscheudsen, Lesgier. Ich rufe einen Karawanenführer an: „Wo ist der Weg zur Eskorten- {teile?" Wer den Kaukasus zu Pferd auf der grusinischen Heerstraße mrchqueren will, tut gut daran, sich dem Schutz der von der Regierung bereitgehaltenen Reitereskorten anzuvertrauen. Die Kaukasier sind kühn und beutelüstern, besonders die Osseten. Unsere Reiter sind Tscherkessen, hohe, geschmeidige Gestalten von edlem Gliederbau. Hohe Schaftenstiefel, rote Pumphosen, blauer, ganz eng anliegender Schoßrock, der bis an die Knie reicht uno vorn bis zum Gürtel herauf geschlitzt ist. Auf der Brust die beiden Reihen silberner Patronentaschen, im Gürtel der silberbeschlagene Griff des Kinschal, die hohe Papacha auf dem Kopf. Die Schön- beit dieser Gestalten ist fast unerhört. Wie das Spiel einer toledaner Klinge sind die geschmeidigen Bewegungen, das eigentümliche Wiegen der frauenhaft weichen Taille, und der ganz schmalen Hüften, die sich scharf in dem enganliegenden Gewand abzeichnen.. Der Anführer ist ein tscherkessischer" Fürst. Sein klingender Name: Fürst DschawLcha ole Dschamädse. Er spricht fließend russisch und gibt uns den Rat, uns zur Fahrt auch das Kleid eines kaukasischen Stammes anzulegen, „wählen Sie aber nicht die Tracht unseres Stammes," fügt er lächelnd hinzu, „denn keine Frau ist von türkischen Händlern und Agenten so begehrt, wie die Tscher- kessin, ihre Schönheit wird mit englischem Golde ausgewogen". Wir betreten also den Basar und verwandeln uns in kurzer Zeit in waschechte Ossetinnen: Unsere Begleiter lachen uns beim Anblick der bekannten Tracht mit blitzenden Zähnen an. Nun noch zur Ausrüstung einen vierrädrigen Karren mit einem Plan darüber, der innen mit wundervollen gewebten Teppichen ausgelegt ist, vier Pferde davor, das Gepäck hinten aufgeseilt, dann setzt sich unsere Karawane in Bewegung. In schneller Fahrt verlassen wir das Stadtgebiet und rollen über eine hochgewölbte steinerne Brücke in das Bergland hinein. Die grusinische Heerstraße. Die Menschen besuchen die Axenstraße der Schweiz, und stehen staunend vor dem Menschenwerk. Was aber ist die Axenstraße im Vergleich zu diesem überwältigend Grandiosen. Von Wladikawkask bis Tiflis ... eine Tagereise weit. Tief unten rauscht das Flußbett des Terek. In steiler Wand stürzen die Felsmassen hinab, überwuchert von wildem Rhododendrongesträuch, das in allen Farben loht. Den Windungen des Flusses folgt die Straße, in den Leib der Berge gesprengt, die keinen Fußbreit willig hergaben. Die endlosen Serpentinen gleichen einer verheilten Narbe. Die Leiber unserer Reiter legen sich fast waagerecht auf den Hals der Pferde. Ein schriller vogelähnlicher Laut feuert sie an. Unsere Kibittka fliegt. Links gähnt der Abgrund, reckt sich der unerbittliche Fels. Wir jagen durch Säulenhallen, deren Bogen gefüllt sind von Silhouetten bizarrer Felsformationen ... eine Wegbiegung, ein tief eingeschnittenes Tal. Die Ruine eines Klosters. Im 10. Jahrhundert christianisierte die heilige Nina das Land. Die Klöster erstanden und verschwanden ... ein Raub des kargen Landes und seiner wilden Bewohner. Wir steigen aus. Ich gehe zwischen rosenüberwucherten Säulen ... geborsten ... gestürzt. Das hier ist der Boden einer Kapelle. Ich staune: auf tiefblauem Grunde ein goldenes Akanthusgewirr. Ein Traum von so überwältigender Schönheit und Kunst inmitten einer, nur der Natur gehörenden Einöde. Wir fahren ... Ueberhängende Felsstücke, die nur noch an armdicken Spannungen dem Berge verbunden sind, und einen schwebenden Bogen über die Straße wölben. Jähe Kurven die steilen Hänge hinauf. Die Straße scheint in der Luft zu stehen. Dann wieder ein Triumphbogen ... ein Ansteigen ... ein Fallen. Der Terek unten schaukelt. Das Mondlicht spannt ein Silbernetz Über das Wasser. Von unten strömt Dampf, und die Berge stehen lautlos, schwarz und funkelnd, wie gesalbt zum Feste eines Gottes. Alles ist Heidentum. Erdnah und gewaltig. Man denkt nicht mehr. Man fliegt, gehetzt von Unsagbarem. Es ist so seltsam. Solange es Tag ist, reiten unsere Tscherkessen einen ruhigen (Sang, lachen und scherzen. Dunkelt es, scheinen sie von einer Besessenheit erfaßt, aus der es kein Entrinnen gibt. Die kaukasische Nacht ist füll, ohne jeden Tierlaut, ohne das Flüstern von Bäumen. Es ist ein Atemanhalten, ein Warten, quälend in seiner lautlosen Gespanntheit. Da schreit der Mensch, wild wie ein Raubvogel, da wiehert das Pferd, das am Tage lautlos seinen Weg nahm, wie im Herannahen einer Gefahr. Die Sehnsucht nach dem Laut ergreift die Kreatur. Und die Berge stehen da. Grausam ist die scharfe Linie ihres Umrisses. Kaum jemals ist sie von dem weichen Dunst einer Wolke gemildert. Jetzt weiß ich es. Diese Berge haben kein Leben, weil sie kein Wasser haben. Wenn es in Bächen, in Tropfen rinnt aus Felsen und Spalten, ein fernes Klingen im Rieseln, wenn ein Bergsee fein Auge aufschlägt ... das ist Beseelung. Die Adern dieser Berge sind geschlossen. Sie bluten nicht. Sie sind wie die Brust einer Mutter, einer Mutter, die keine Milch gibt. Versiegt? Noch nicht erschloflen? Man wartet, wartet auf etwas, was jeden Augenblick kommen muß. Man spannt sich zum Zerreißen. Es llt Wahnsinn und Befreiung gu* gleicher Zeit. Dann rollen wir in eine Schlucht. Lautlos liegt der Aul. Im Prunkgemach der Kunatskaja wird uns ein Lager bereitet. Weiche Polster, seidene Decken. Draußen am Feuer sitzen die Tscherkessen. Ein halb gesummtes Lied klingt zu uns herein. Die Tanzroythmen einer Lesginka. Wir trinken den Tee aus stlbergefaßten Gläsern, rsien Schaschlik und süßen Rachatlukum. Ich schlafe diese Nacht einen traumlosen Schlaf. Am Morgen gehe ich zu den Frauen. Sie find schön, aber von starrer, ftatuenbaster'Schöne. Kein Erstaunen, keine Neugier in den ovalen, von blauschwarzom haar umrahmten Gesichtern. Die Nasen sind von griechisch- klassijcher Form, der schmale Mund fein und geschwungen, die Haltung würdevoll. Ruch hier ein Leben, das sich noch nicht bewiesen hat. Und ich twnte: die Frauen eines Landes sind wie die Nächte ihrer Erde. Die klar« helle Nacht des Nordens ist wie die Frau mit hellem Haar anb offenem Blick, hinter dem kein Geheimnis liegt. Die wanne, werbende Schwüle des Südens liegt im Blut feiner Frauen. Die stumme Majestät meiner letzten Bergnacht ist wie das Wefen der Georgierin. Es erfaßt mich eine wilde Lust, Feuer aus diesem Felsen zu schlagen. Und ich begreife plötzlich den Sinn einer uralten Sage. Prometheus wollte den Menschen das Feuer bringen. Die Gottheit schmiedete ihn an den Felsen des Kaukasus. Welch eine Strafe! An die Felsen ohne Feuer, ohne Wasser! Ich möchte in diese Menschen bringen, das Geheieunis ihrer Stille ergründen. Aber wer vermag es? Spiel im Volke. Von Max Mell. Gebräuche und Sitten im Volke haben ein zähes Leben und gleichen, selbst von organischer Wesenheit, in unserer Zeit den Naturgeschöpfen in der Umgebung der großen Städte: sie können wohl verdrängt werden und ziehen sich gelassen zurück, aber der Aufmerksame gewahrt, wie sie heimlich und hartnäckig ihr Recht aufs Leben zu bewahren wissen, keineswegs schnell zugrunde gehen und ihre Heimstätten haben, wo sich ihr Stückchen Schönheit ungefährdet immer von neuem entfaltet. So verhält es sich auch mit altem Volksgut, wie es neben dem Volkslied das volkstümliche S ch a u f p i e i ist: das die geistlichen Vorgänge zum Gegenstand nimmt, die mit ihrem mythischen Gehalt dem Volk besonders in die Sinne fallen, und etwelche erregende oder rührende Ereignisse aus dem Leben. Aus einem urtümlichen Drang entsprossen, ist es in den österreichischen Alpen in einer Bevölkerung, die viel Sinn für plastische Darstellung hak, immer zu Hause gewesen. Es hat allen Nachstellungen zu trotzen gewußt: es hat Zeiten gegeben, da setzte die Behörde in Steiermark auf den Besitz einer Handschrift mit solchen Spielen die Todesstrafe, und wieder zur Ausklärungszeit haben die Behörden diese Aufführungen, in denen man nur eine Profanierung oder eine abergläubische llebung sah, verboten. Aus manchen Gegenden verschwanden sie, in anderen traten sie wieder auf; manches ist zerstört, vieles hat sich erhallen, Stücke von besonderem dichterischen Wert sind im Laufe der Jahrzehnte, seit sich auch die Wissenschaft und die volkstümliche Forschung dieser Spiele annahm, ans Licht gekommen, sie stiegen in der Schätzung der Gebildeten durch das Naive und Kräftige ihrer Gestaltung, und in neuerer Zeit haben sogar zahlreiche kleine Spielertruppen in Deutschland, Studenten und solche aus der Jugendbewegung, diese Spiele ausgenommen und das Paradeisspiel, den Totentanz, das Redentiner Oster- spiel in Gasthöfen und kleinen Sälen, auch vor Kirchen und an sonstigen schönen Plätzen im Freien zur Darstellung gebracht. Merkwürdig bleibt uns in den Alpenländern die Erscheinung, daß die bäuerliche Bevölkerung, in den Jahren nach dem Kriege an vielen Orten Lust zeigte, den alten Brauch dieser Ausführungen wieder auszuüben; denn für das Landvolk handelt es sich darin um einen Brauch, der an bestimmte Zeiten gebunden ist, des geistlichen Themas wegen, das den Spielen so oft zugrunde liegt, aber auch mit Rücksicht auf die Landarbeiten. Und jedenfalls steht ein Motiv wie das, zu unterhalten oder Geld zu verdienen, gänzlich im Hintergrund. Und ganz ohne Anregung von außen, nicht auf Vorschlag von Lehrer ober Pfarrer, nicht auf Grund gedruckter Textbücher, sondern in der heimischen Uebertieferung, als eine Sache ihres Standes hat sich die bäuerliche Bevölkerung da und dort zur Aufnahme des alten Brauches entschlosfen. Wo das Brauchhafte vorliegt, fühlt man sich stärker berührt. Kärnten und Steiermark sind an solchen Spielen nicht arm. Das beliebteste vielleicht ist dort das „Paradeisspiel", das Spiel von der Weltschöpfung und dem Sündenfall. „Das ihr felbften eh' schon kennt, Das will mancher öfter sehen, Weil es vielen wohlgefällt", wie es in einem gesungenen Prolog dazu heißt. Ich sah einmal um Weihnachten in einem Tal in Kärnten das Spiel von Christi Geburt, ein Zimmermann leitete es, Knechte, Bauernsöhne und -töchter [ptelten es in der Stube eines Wirtshauses, in der die dichtgedrängten Zuschauer gerade nur eine schmale Gasse für die Darsteller ließen, die auf das Kripperl im Winkel des Raumes zuführte; es stand ein gewöhnliches kleines Spielzeug mit Ochs und Esel und Kindlein, auf einem Nachtkastl, das durch einen Vorhang verhüllt werden konnte. Aermlicher konnte es nicht sein; aber es war auch für eine überwiegende Anzahl armer Leute gespielt, und wie haben die glänzenden Augen die Darstellung des Mysteriums ausgenommen und widergespiegelt! Das Heilige, das im Grunde ihrer Gemüter ruhte und das sie berührt wünschten, war da; näher an das Gottesdienstliche als an das, was wir Schauspiel nennen, war die Darstellung geruckt; das Schauspielerische gibt es hier nicht, denn es ist alles, was vorgeht, in einer Art liturgisch bestimmt, wie sie auch dem Priester am Altar vorgeschrieben ist. Vier Stunden dauerte dieses „Hirtenspiel", und waren die äußeren Mittel einfach, so waren sie um so eindrücklicher, und unvergeßlich der Ernst, die Versunkenheit der Spieler, die gläubige Spannung der Zuschauer. In Steiermark sah ich einmal zu Ostern eine Passion, von einem ganzen Dorf im oberen Murtal gespielt, für das Dorf und die Umgegend und nicht für ein „Publikum"; nach einem alten dort verwahrten gereimten Text, mit verbindenden Chorgesängen. Der frischgezimmerten kleinen gedeckten und mit Reisig und Fahnen geschmückten Bühne gegenüber, also im Rücken der Zuschauer, befand sich der Hügel Golgatha; der erste Tett der Passion bis zu den Gerichts- und Marterszenen wurde auf der Bühne gespielt und jede Szene kurz angekündigt; dann zum Kreuzweg schlossen sich die Zuschauer dem Zuge an und schritten mit, von den Häusern des Dorfes her kamen die Weiber, an die die Prophezeiung geschieht, und Veronika mit dem Schweißtuch. Der junge Bauer, der mit guttural anklingender kärtnerijcher Mundart den Erlöser spielte, konnte vom Kreuz aus feinen Hof sehen, den höchsten auf dem gegenüberliegenden Bergzug, und der tiefsinnige Zufall wollte es, daß der Bauer, aüf dessen Hutweide gespielt wurde, Ackerl hieß. Nach der Dramaturgie der alten Schauspieler fehlten die komischen Teufelsszenen durchaus nicht, die wollte in den ohne ihrer Ä ritten te viel- ig und rreichi« larstel- ien zu Sieter« Todes- e Auf« ubische sie, in ich er« fe der 'schung >ätzung und in chland, aufge« öfter» nftigen bleibt e Bezeigte, iir das Zeiten so oft leben« dienen, cht aus Text« ; ihres :naf)me al um i Ge« -töchter äugten en, die ewöhn» einem mlicher Anzahl - Darheilige, tschten, 15 wir lerische urgisch [. Bier Mittel Ernst, ter. ieichen, >fen in verden vie sie feines« ich ihr verhält । das ie zum anders ife aus einem gegend en ge« werten gegen- ja; der de auf Kreuz- 3n den ng ge- er mit kannte Hegen« •r, aus jie der hi, die Leusel trugen die alten topfartig übergestülpten Masken aus schwarzem Leder, mit Hörnern, rotumränberten Augen und heraushängender leberner Zunge; zu verstehen war von ihnen kaum ein Wort, aber es genügte ihr Blasen und Brummen, und wenn sie abgingen, bas komische Mitteln ihrer Schwänzlein. Sie umtänzelten ben Judas, da sie ihm den gebauten des Verrats geben, und zum Selbstmord geben sie ihm den Strick und stellen hurtig ein dünnes Bäumchen hin, an das er sich lehnt unb die Illusion des Gehängten gibt. In dem wunderbaren Licht des * ?Men Jahres leuchten alle Farben, dazu zitterte die Luft vom Lerchenjubel und auf den höheren Abhängen des Tales lag noch Schnee. Ich sah ferner in Mittelfteier das alte Spiel vom „Reichen Prasser", von fündigem Leben, Buße und Rettung, ein sehr einfaches Spiel mit wenigen Personen, von jungen Bauersleuten in der Stube gespielt, nach einem Text, der damals erst ans Licht gekommen war und die freudige Ueberraschung der Forscher und Liebhaber bildete. Zu seinem Monolog, in dem der reiche Mann irdische Gesinnung und Unglauben aus« n"ach, ging er in weißem Anzug im Kreise herum, die Teufel bemerkte er nicht, die mit ihm gingen, bliesen, pusteten und murrten: „G'hört schon uns". Vor der Dreifaltigkeit wurde der Kampf um seine Seele ausgewogen; seine Sünden wogen schwer, und es war wunderschön, wie Maria zuletzt in die andere Schale der Waage ein^Tüchlein wirft, in das er einmal Tränen der Buhe geweint: „Der Tränen Saft hat große Kraft..." und die Schale sich tief senkte: der Sünder ist gerettet. Welche tieferen Beweggründe das Volk getrieben haben, in verschiedenen Gegenden übereinstimmend die alten Darstellungen aufzunehmen, wer möchte sich darüber ein Urteil anmaßen? Genug, es ist in einer Zeit geschehen, in der sein gesamtes inneres und äußeres Leben auf das tiefste erschüttert worden ist, in der es Dinge, die ihm so unerschütterlich wie seine Berge erschienen, wanken und stürzen sah, und in der es Rot und Frevel jeder Art erfuhr. In solchen Zeiten, an deren Chaos der einzelne nach einer Deutung tastet, läßt sich der Wunsch erklären, eine schlichte Ordnung wie die eines solchen Spiels, das heilige Dinge In die Hand einer Gemeinschaft legt, aufzunehmen. Das Volk kennt eben die Heilkräfte, die ihm von der Natur an die Hand gegeben sind, und jo lange es das Wissen um die geheimeren davon nicht verloren hat, wird es nicht zugrunde gehen. Samländer Gold. Allerlei vom Bernstein. Von Hans Georg Albrecht. Fast scheint es, als ob eine Laune der Göttin Mode den Bernstein wieder auf den Thron heben will, nachdem „bas Gold der Ostsee" jahrzehntelang in den Andenkenläden der Bäder ein mißachtetes Dasein geführt hat. Eine interessante Ausstellung in Berlin, die Bernstein als Volks-, Exoten- und modischen Schmuck zeigte, wies damit wieder neue Wege für die Verwendbarkeit dieses säst vergessenen deutschen Steines im modernen Schmuck. Es wäre in der Tat erfreulich, wenn man in den Streifen des Kunsthandwerks sich wieder etwas intensiver mit dem Bernstein beschäftigte, dessen reiche Baritionen ihn wie kaum einen anderen Halbedelstein dazu befähigen, sich als Schmuckmaterial in unseren Tagen |* wieder die Geltung zu erringen, die er im 17. und 18. Jahrhundert besaß. Es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig in seiner Heimat die Allgemeinheit von dem Wesen des Bernsteins weiß. Wem ist es beispielsweise bekannt, daß erst Hugo Convenz, der Begründer des Deutschen Naturschutzes, die Herkunft des Bernsteins wissenschaftlich einwandfrei festgestellt hat? Zwar hat schon die Antike sich vielfach mit dem geheimnisvollen Entstehen jenes güldenen Steines besaßt, der die Welt durch seine unerklärlichen elektromagnetischen Kräfte immer wieder beschäftigte, aber erst jetzt wissen wir auf Grund exakter Forschungen, daß Bernstein das versickerte Harz von Bäumen der Tertiärzeit ist, welches durch den Druck der Gletfchergewalten zum Stein erhärtete. Der Glaube, daß dem Bernstein auf Grund feiner magnetischen Eigenschaft die verschiedensten Heilkräfte innewohnen, ist uralt. Die ersten genaueren Aufzeichnungen hierüber finden wir in der Heilmittellehre des zu seiner Zeit berühmten Arztes Dioskurides aus dem Jahre 50 n. Ehr. Er führt Bernstein ausdrücklich als Mittel gegen Magenbefchwer- den und in verdampftem Zustande, gegen Halskrankheiten an. Auch der Leibarzt des Kaisers Nero gehörte, wie der jüngere Plinius zu berichten weiß, zu den Vertretern jener Ansicht; von ihm stammt ein be- 1 anders wirksames Medikament, das man bis in das 16. Jahrhundert linein für ein Allheilmittel hielt und dem man den Namen „Theriak" gegeben hat. Es bestand außer aus 70 anderen Ingredienzien besonders aus Bernstein. Bernstein galt ferner schon in der Antike als absolut icheres Mittel gegen Zahnschmerzen. Im Mittelalter röstete man Bern- teintugeln mit geriebenem Roggenbrot zu gleichen Teilen und nahm sie n kleinen Dosen gegen allgemeines körperliches Unbehagen. Auch der medizinische Berater Melanchthons, Herr Severin Göbel aus Königsberg, gab dem „hochgelehrten Herrn Philippe" Küchlein aus „Börnstein- mehl", denen er aber vorsichtigerweise ein Purgativ beimischte. Letzteres war aber auch wohl notwendig, da sonst diese Küchlein ein wenig unverdaulich gewesen wären. Der Bernstein spielte überhaupt in der Renaissance als Medikament und Wundermittel eine überragende Rolle. In den Jahren1566 und 1586 schrieb daher selbiger Herr Gödel ein mehrere Bände umfassendes Werk: „History und eigentlicher Bericht von Herkommen, Ursprung und vielseitigem Brauch des Börnsteins", das als grundlegendes wissenschaftliches Werk damals viel Beachtung fand. Auch der berühmte Arzt G a l e n u s war der festen Ueberzeugung, daß man mit Hilfe des Bernsteins Bluthusten und Ruhr füllen könne. Außerdem galt Bernstein als bewährtes Mittel gegen die Gelbsucht. Ein stmdamentaler Grundsatz der medizinischen Wissenschaft der damaligen Leit lehrte: Gleiches werde vom gleichen angezogen. So müsse sinngemäß dre krankhafte gelbe Farbe des Körpers in das Goldgelb des Bernsteins übergehen und sy dem Körper die ungesunden Säfte entzogen werden. Wenn auch in diesen Fällen der Anwendung des Bernsteins zu Heilzwecken wohl der Wunderglaube die größte Rolle spielte, so mag doch eine andere Art der Verwendung vielleicht ein wenig Wahrheit enthalten. Schon in dem ersten Jahrhundert n. Chr. war Dioskurides der Ansicht, daß man Krankheiten der Luftwege durch Einatmen von Dämpfen beseitigen könnte, welche bei der Zersetzung des erhitzten Bernsteins entweichen. Nun enthalten aber diese Dämpfe vor allem Bernsteinöl und Bernsteinsäure. Steht dieses nicht int Einklang mit jener neuen Richtung in der Medizin, der sog. „Säuretherapie", nach welcher Erkrankungen der Luftwege durch Einatmen von Säuredämpsen geheilt werden? Zwar sind die Forschungen auf diesem Gebiete noch nicht abgeschlossen und ihre Ergebnisse vielfach umstritten; aber interessant bleibt es jedenfalls, daß im 20. Jahrhundert eine Frage wieder erörtert wird, die ein Arzt der Antike schon einmal aufgerollt hat. Andere Verwendungsarten des Bernsteins für Heilzwecke in vergangenen Jahrhunderten werden uns heute nur noch ein Lächeln entlocken. So wird in einem alten medizinischen Traktat behauptet, daß es für Augenleidendk bei mangelnder Sehschärfe vorteilhaft wäre, Bernsteinöl, in welchem ein Habicht gekocht wurde, zu genießen. Hierdurch erhielt der mutige Trinker wieder die Sehschärfe jenes scharfäugigen Raubvogels. Es dürfte kaum anzunehmen sein, daß dieses Rezept jemals erprobt wurde, denn als einzig sichtbare Folge des Genusses derartig präparierten Bernsteinöles hätten sich nur erhebliche Magenbeschwerden eingestellt, da Bernsteinöl eine absolut gesundheitsschädliche, zusammenziehende Wirkung auf den Magen und die anderen inneren Organe ausübt. Als äußerliches Mittel war dieses flüssige Produkt des Bernsteins bis in das 16. und 17. Jahrhundert allgemein geschätzt. Dreierlei Sorten unterschied man: ein schwarzes Del, welches man als Pflaster gegen Pestbeulen anwandte und von dem Herr Severin Göbel in seinen Werken wiederholt besonders rühmend spricht, und eine rote und weiße Abart, die als gesundender Balsam für Wöchnerinnen und als Lebenselixier für Neugeborene galt, denen man „ein solches auf das Herzgrüblein zu streichen hätte." Und bis in unsere Zeit hinein hat sich der Glaube erhalten, daß man zahnenden Kindern Bernsteinkettchen oder Bernsteinamulette umhängt, um den Durchbruch der Zähne zu erleichtern. Luther berichtete in seinen Schriften von einem Stück Bernstein, das er als Mittel gegen Steinbeschwerden geschenkt erhalten habe und das ihm vortresfliche Dienste geleistet hätte. Bezeichnend für die vielfache medizinische Verwendung des Bernsteins ist ein Bild aus dem 16. Jahrhundert im Germanischen Museum zu Nürnberg, welches den Heiland als Apotheker hinter seinem Tifch zeigt. Hier sind neben anderen merkwürdigen Medikamenten eine Reihe kleiner Flaschen, Pillen- und Pulvergefäße zu erschauen, welche die Bezeichnung „Börnstein, Bernsteinöl, Theriak" usw. tragen, lieber dem Bilde steht als anlockende Inschrift das alte Bibelwort: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!" Noch heutzutage findet man bei einer Reihe von Menschen, die sonst gegen medizinische Geheimmittel energisch aufzutreten pflegen, den Glauben an die gesundheiterhaltende Kraft eines Bernsteinamulettes. So trägt ein Großindustrieller meines Bekanntenkreises, ein absoluter Tatsachenmensch, feit Jahren ein besonderes für ihn angefertigtes flaches Bernsteinplättchen auf der Brust, dem er feine Widerstandsfähigkeit gegen sämtliche Krankheiten zuschreibt. Es ist vielleicht auch vorstellbar, daß die überragende elektrische Isolierfähigkeit des Bernsteins, welche man in der Technik beim Bau besonders empfindlicher Apparate auswertet, und seine starke Wärmeisoliereigenschaft eine gewisse Einwirkung auf den menschlichen Körper ausüben könnten. Der uralte Wunderglaube an die heilsame Wirkung des Bernsteins gegen Rheumatismus ist auch in unserer aufgeklärten Zeit immer noch in weiten Bolkskreisen verankert und wird von gewissen Kreisen Heilkundiger offen ausgenutzt. Müssen doch zu den vielen Anzeigen in Blättern und Blättchen, in welchen Bernstein in den merkwürdigsten Verbindungen gegen Gicht, Rheuma, Podagra, Hals- und Zahnschmerzen angepriesen wird, die Mittel aus den Taschen derer geflossen sein, die Mystik und Aberglauben einer nüchternen medizinischen Beratung vorziehen. Auch die exakte Wissenschaft hat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mit dem Aufschwung der organischen Chemie wieder auf den Bernstein und seine Produkte zurückgegrifsen. In unseren Tagen ist Bernsteinöl und Bernsteinsäure nicht nur ein wertvoller Bestandteil der Farbstoffindustrie, andern Bernsteinsäure verwendet man, wenn auch in beschränktem Um- ange, zur Herstellung einer Reihe neuzeitlicher Arzeneimittel. So findet ie in einem Ouecksilbersalz Anwendung, das für Einspritzungszwecke gebraucht wird. Sie ist Bestandteil verschiedener schmerz- und sieberstillender und desinfizierender Mittel. Selbst als Ersatz für die Digitalis wird sie mitunter bei Störungen der Herztätigkeit angewandt. Welchen Umfang der Konsum der flüssigen Bernsteinprodukte für chemische und medizinische Zwecke hat, zeigen die statistischen Zahlen bet Produktton der Staatlichen Bernsteinwerke aus einem der letzten Betriebsjahre. Es wurden von rund 500 000 Kilogramm Rohbernsteinförderung etwa 7200 Kilogramm zu Bernsteinsäure und etwa 46 000 Kilogramm zu Bernsteinöl verarbeitet. Mythos und Aberglaube haben den Bernstein, wie kaum ein anderes Gestein der Erde, jahrhundertelang umwoben, doch selbst die Wissenschaft unseres rationalistischen Jahrhunderts wird ihn niemals ganz seines geheimnisvollen Zaubers entkleiden. Stets wird auch für das „Samländer Gold" das Faustwort Geltung behalten: „Geheimnisvoll am lichten Tag Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben." hier? Hier wächst ja bloß (Fortsetzung.) Spargelbeeten auf ihn zu. Unterm Birnbaum Von Theodor Fontane. Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche LIniversitLtS; wihr awers fo bi sich feggen deiht: „na, worümm falln fe nid) knabbern", be floppt" ' Und bei diesen Worten erhob sie sich rasch wieder und ging, zwischen den Beeten hin, auf ihre Wohnung zu. Mit einem Mal aber blieb sie stehen und wandte fid) wieder, wie wenn sie 'was vergessen habe. „Hürens, Hradscheck, wat ick Se noch feggen roull, uns' Line tümmt ook wedder. Se hett giftern schrewen. Wat mienens? De wihr fo wat für Se." „Geht nicht, Mutter Jeschke. Was würden die Leute sagen? Un is auch eben erst ein Jahr." „Woll. Awers se tümmt ook ihrs! um Martini nimm ... Und denn, Hradscheck, Se brüten je joa nich güefe to frijen." „De Franzos is rutscht," hatte die 'Jeschke gesagt und war dabei wieder so (tmberbar vertraulich gewesen, alles mit Absicht und Berechnung. Denn wenn das Gespräch auch noch nadpoirtte, darin ihr, vor länger als einem Jahr, ihr sonst fo gefügiger Nachbar mit einer Verleumdungsklage gedroht hatte, so konnte sie, trotz alledem, von der Angewohnheit nicht lassen, in buntlen Andeutungen zu sprechen, als wisse sie was und halle nur zurück. _ „Verdammt!" murmelte Hradscheck vor sich hin. „Und dazu der Ede mit feiner ewigen Angst." . Er fah deutlid) die ganze Geschichte wieder lebendig werden, und em Schwindel ergriff ihn, wenn er an all das dachte, was bei diesem Stande der Dinge jeder Tag bringen konnte. „Das geht fo nicht weiter. Er muß weg. Aber wohin?" Und bei diesen Worten ging Hradscheck auf und ab und überlegte. „Wohin? Es heißt, er liege in der Oder. Und dahin muß er ... je eher je lieber ... Heute noch. Aber ich wollte, dies Stück Arbeit wäre getan. Damals ging es, das Messer saß mir an der Kehle. Aber jetzt! Wahrhaftig, das Einbetten war nicht so schlimm, als es bas Umbetten ist." Und von Angst und Unruhe getrieben, ging er auf den Kirchhof und trat an das Grab feiner Frau. Da war der Engel mtt der Fackel und er las die Inschrift. Aber seine Gedanken konnten von dem, was er vorhatte, nicht los, und als er wieder zurück war, stand es fest: „3a, heute noch... Was du tun willst, tue bald." Und dabei sann er nach, wie's geschehen müsse. „Wenn ick) nur etwas Farnkraut bätt’. Aber wo gibt es Farnkraut ? Hier wächst ja bloß Gras und Gerste, weiter nichts, und ich kann doch nicht zehn Meilen in der Welt herumkutschieren, bloß um mit einem Wirklich, als er so vor sich hinredete,' kam die Jc-schke zwischen den ^ßen Busch Farnkraut wieder nach Hause zu kommen. Und warum 1 y ' ’ * niifhv 11nltnn tft o« nnm