menb Welt, anna eitel roller ieffte mus! tibem d hat rußer Leute eren. iktifch ; und ivare, laden >t die t ihre rbicht ugen d die reißt: Nach I hat । ollen nnaS ührt, !? — > viel : und Gott -nsest Lahr« reitet aride, . Sie 3erg; ehme chen! , wer Sweig d das >rcht: ikt er !at er llage i fei! Sein renkt nnen bt er inen ende gleit hrte! ein- Sie nken chen isinn tiges )ann ifche erne :ung ifche eren cheit hum aber as« acht heil chen und ein liefe b« :a6« Unterhaltungsvellage zum Slehener Anzeiger Jahrgang |929 Montag, den N-November Nummer 88 Oie Schläfer. Von Adolf Georg Bartels. Hinabgezogen In den Schlund der Nacht, Eingefogen, Heimgebracht, Liegen sie, vom Traum umsponnen, Wieder da, wo sie begonnen, In dem Urschoß des Beginns Dämmernden und fremden Sinns. Abgewandt Vom wachen Sein, Sich unbekannt, Tief allein, Sind sie in sich eingebaucht, Und um ihre Schläfe raucht Klingend wie ein Glockenton Des Vergessens roter Mohn. Ihr Schläfer! Selig, Ueberzählig, Ausgespannt, Eingebannt! Schlaft, der Morgen kommt so schnell. Schlaft, der Morgen ist so hell, Schlaft! Und auch die Ewigkeit Ist Schlaf und mehr als alle Zeit. Oer arme Spielmann. Erzählung von Franz Grillparzer. In Wien ist der Sonntag nach dem Vollmonde im Monat Juli jedes Jahres samt dem darauffolgenden Tage ein eigentliches Volksfest, wenn je ein Fest diesen Äamen verdient hat. Das Volk besucht es und gibt es selbst; und wenn Vornehmere dabei erscheinen, so können sie es nur in ihrer Eigenschaft als Glieder des Volkes. Da ist keine Möglichkeit der Absonderung; wenigstens vor einigen Jahren noch war keine. ,, An diesem Tage feiert die mit dem Augarten*), der Leopoldstadt, dem Prater in ununterbrochener Lustreihe zusammenhängende Bri- gittenau ihre Kirchweihe. Von Drigittenkirchtag zu Drigittenkirchtag zählt seine guten Tage das arbeitende Volk. Lange erwartet, erscheint endlich das saturnalische Fest**). Da entsteht Aufruhr in der gutmütig ruhigen Stadt. Eine wogende Menge erfüllt die Straßen. Geräusch von Fußtritten, Gemurmel von Sprechenden, das hie und da ein lauter Ausruf durchzuckt. Der Unterschied der Stände ist^ verschwunden; Bürger und Soldat teilt die Bewegung. An den Toren der Stadt wächst der Drang. Genommen, verloren und wiedergenommen, ist endlich der Ausgang erkämpft. Aber die Donaubrücke ***) bietet neue Schwierigkeiten. Auch hivr siegreich, ziehen endlich zwei Ströme, die alte Donau und die geschwollenere Woge des Volks, sich kreuzend quer unter- und übereinander, die Donau ihrem alten Flußbette nach, der Strom des Volkes, der Eindämmung der Drücke entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergießend in alles deckender äleberschwemmung. Ein neu Hinzugekommener fände die Zeichen bedenklich. Es ist aber der Aufruhr der Freude, die Losgebundenheit der Lust. Schon zwischen Stadt und Drücke haben sich Korbwagen aufgestellt für die eigentlichen Hierophanten (Oberpriester) dieses Weihfestes: die Kinder der Dienstbarkeit und der Arbeit, äleberfüllt und dennoch im Galopp durchfliegen sie die Menschenmasse, die sich hart vor ihnen öffnet und hinter ihnen schließt, unbesorgt und unverletzt. Denn es *) Park nördlich von der Praterstraße, die den auf der Aordseite des Donaukanals gelegenen Stadtbezirk Leopoldstadt durchschneidet und auf ihrer Ostseite den Prater hat, einen andern großen Park. Die Brigittenau stößt nördlich an den Augarten. **) Die Saturnalien wurden in Rom vom 17. bis 23. Dezember zu Ehren des Saturnus mit großer Ausgelassenheit gefeiert. ***) Aach Regulierung der Donau (1870 bis 1877) liegt zwischen der Stadt und den Parkanlagen der Donaukanal. ist in Wien ein stillschweigender Dund zwischen Wagen und Menschen: nicht zu überfahren, selbst im vollen Lauf; und nicht überfahren zu werden, auch ohne alle Aufmerksamkeit. Von Sekunde zu Sekunde wird der Abstand zwischen Wagen und Wagen kleiner. Schon mischen sich einzelne Equipagen der Vornehmeren in den oft unterbrochenen Zug. Die Wagen fliegen nicht mehr. Dis endlich fünf bis sechs Stunden vor Aacht die einzelnen Pferde- und Kutschen-Atome sich zu einer kompakten Reihe verdichten, die. sich selber hemmend und durch Zufahrende aus allen Quergassen gehemmt, das alte Sprichwort: Besser schlecht gefahren, als zu Fuß gegangen, offenbar zuschanden macht. Begafft, bedauert, bespottet sitzen die geputzten Damen in den scheinbar stille stehenden Kutschen. Des immerwährenden Anhaltens ungewohnt, bäumt sich der Holsteiner Rappe, als wollte er seinen, durch den ihm vorgehenden Korbwagen gehemmten Weg obenhin über diesen hinausnehmen, was auch die schreiende Weiber- und Kinderbevölkerung des Plebejer-Fuhrwerks offenbar zu befürchten scheint. Der schnell dahinschießende Fiaker, zum ersten Male seiner Aatur ungetreu, berechnet ingrimmig den Berlust, auf einem Wege drei Stunden zubringen zu müssen, den er sonst in fünf Minuten durchflog. Zank, Geschrei, wechselseitige Ehrenangriffe der Kutscher, mitunter ein Peitschenhieb. Endlich, tote denn in dieser Welt jedes noch so hartnäckige Stehenbleiben doch nur ein unvermerktes Weiterrücken ist, erscheint auch diesem Status quo ein Hoffnungsstrahl. Die ersten Bäume des Augartens und der Brigittenau werden sichtbar. Land! Land! Land! Alle Leiden sind vergessen. Die zu Wagen Gekommenen steigen aus und mischen sich unter die Fußgänger, Töne entfernter Tanzmusik schallen herüber, vom Jubel der neu Ankommenden beantwortet. Tlnd so fort und immer weiter, bis endlich der breite Hafen der Lust sich auf tut und Wald und Wiese, Musik und Tanz, Wein und Schmaus, Schattenspiel und Seiltänzer, Erleuchtung und Feuerwerk sich in einem pays de cocagne (Schlaraffenland), einem Eldorado, einem eigentlichen Schlaraffenlande vereinigen, das leider, oder glücklicherweise, wie man es nimmt, nur einen und den nächst darauffolgenden Tag dauert, dann aber verschwindet, wie der Traum einer Sommernacht, und nur in der Erinnerung zurückbleibt und allenfalls in der Hoffnung. Ich versäume nicht leicht, diesem Feste beizuwohnen. Als ein leidenschaftlicher Liebhaber der Menschen, vorzüglich des Volkes, so daß mir selbst als dramatischem Dichter der rückhaltlose Ausbruch eines überfüllten Schauspielhauses immer zehnmal interessanter, ja belehrender war als das zusammengeklügelte älrteil eines an Leib und Seele verkrüppelten, von dem Bklut ausgesogener Autoren spinnenartig aufgeschwollenen literarischen Matadors; — als ein Liebhaber der Menschen, sage ich, besonders, wenn sie in Massen für einige Zeit der einzelnen Zwecke vergessen und sich als Teile des Ganzen fühlen, in oem denn doch zuletzt das Göttliche liegt, ja, der Gott — als einem solchen ist, mir jedes Volksfest ein eigentliches Sselenfest, eine Wallfahrt, eine Andacht. Wie aus einem aufgerollten, ungeheuren, dem Rahmen des Buches entsprungenen Plutarch lese ich aus den heitern und heimlich bekümmerten Gesichtern, dem lebhaften oder gedrückten Gange, dem wechselseitigen Benehmen der Familienglieder, den einzelnen halb unwillkürlichen Aeußerungen mir die Biographien der unberühmten Menschen zusammen, und wahrlich! man kann die Berühmten nicht verstehen, wenn man die Obskuren nicht durchgefühlt hat. Don dem Wortwechsel weinerhitzter Karrenschieber spinnt sich ein unsichtbarer, aber ununterbrochener Faden bis zum Zwist der Göttersöhne, und in der jungen Magd, die, halb wider Willen, dem drängenden Liebhaber seitab vom Gewühl der Tanzenden folgt, liegen als Embryo die Julien, die Didos und die Medeen. Auch vor zwei Jahren hatte ich mich, wie gewöhnlich, den lust- gierigen Kirchweihgästen als Fußgänger mit angeschlossen. Schon waren die Hauptschtoierigkeiten der Wanderung überwunden, und ich befand mich bereits am Ende des Augartens, die ersehnte Brigittenau hart vor mir liegend. Hier ist nun noch ein, wenngleich der letzte Kampf zu bestehen. Ein schmaler Damm, zwischen undurchdringlichen Befriedungen hindurchlaufend, bildet die einzige Verbindung der beiden Lustorte, deren gemeinschaftliche Grenze ein in der Mitte befindliches hölzernes Gittertor bezeichnet. An gewöhnlichen Tagen und für gewöhnliche Spaziergänger bietet dieser Verbindungsweg überflüssigen Raum; am Kirchweihfeste aber würde seine Breite, auch viermal genommen, noch immer zu schmal sein für die endlose Menge, die, heftig nachdrängenü und von Rückkehrenden im entgegengesetzten Sinne durchkreuzt, nur durch die allseitige Gutmütigkeit der Lustwandelnden sich am Ende doch leidlich zurechtfindet. Ich hatte mich dem Zug der Menge hingegeben und befand mich in der Mitte des Dammes, bereits auf klassischem Boden, nur leider zu stets erneutem Stillestehen, Ausbeugen und Abwarten genötigt. Da war denn Zeit genug, das seitwärts am Wege Befindliche zu betrachten. Damit es nämlich Der genuß lechzenden Menge nicht an einem Vorgeschmack der zu erwartenden Seligkeit mangle, hatten sich links am Abhang der erhöhten Dammstraße einzelne Musiker aufgestellt, die, wahrscheinlich die große Konkurrenz scheuend, hier an den Propyläen die Erstlinge der noch abgenützten Freigebigkeit einernten wollten. Eine Harfenspielerin mit widerlich starrenden Augen. Ein alter invalider Stelzfuß, der auf einem entsetzlichen, offenbar von ihm selbst verfertigten Instrumente, halb Hackbrett und halb Drehorgel, die Schmerzen seiner Verwundung dem allgemeinen Mitleid auf eine analoge Weise empfindbar machen wollte. Ein lahmer, verwachsener Knabe, er und seine Violine, einen einzigen ununterscheidbaren Knäuel bildend, der endlos fortrollende Walzer mit all der hektischen Heftigkeit seiner verbildeten Brust herabspielte. Endlich — und er zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich — ein alter, leicht siebzigjähriger Mann in einem fadenscheinigen, aber nicht unreinlichen Moltonüberrock (Aock aus weichem Wollstoff) mit lächelnder, sich selbst Beifall gebender Miene. Barhäuptig und kahlköpfig stand er da, nach Art dieser Leute, den Hut als Sammelbüchse vor sich aus dem Boden, und so bearbeitete er eine alte vielzersprungene Violine, wobei er den Takt nicht nur durch Aufheben und Niederfetzen des Fußes, sondern zugleich durch übereinstimmend« Bewegung des ganzen gebückten Körpers markierte. Aber all diese Bemühung, Einheit in seine Leistung zu bringen, war fruchtlos, denn was er spielte, schien eine unzu- sammenhängende Folge von Tönen ohne Zeitmaß und Melodie. Dabei war er ganz in fein Wierk vertieft: die Lippen zuckten, die Augen waren starr auf das vor ihm befindliche Notenblatt gerichtet — ja wahrhaftig Notenblatt I Denn indes alle andern, ungleich mehr zu Dank spielenden Musiker sich auf ihr Gedächtnis verließen, hatte der alte Mann mitten in dem Gewühl« ein kleines, leicht tragbares Pult vor sich hingestellt mit schmutzigen, zergriffenen Noten, die das in schönster Ordnung enthalten mochten, was er so außer allem Zn- sammenhange zu hören gab. Gerade das Ungewöhnliche dieser Ausrüstung hatte meine Aufmerksamkeit auf ihn gezogen, so wie es auch die Heiterkeit des vorüberwogenden Haufens erregte, der ihn auslachte und den zum Sammeln hingestellten Hut des alten Mannes leer lieh, indes das übrige Orchester gange Kupferminen einsackte. Ich war, um das Original ungestört zu betrachten, in einiger Entfernung auf den Seitenabhang des Dammes getreten. Er spielte noch eine Weile fort. Endlich hielt er ein, blickte, wie aus einer langen Abwesenheit zu sich gekommen, nach dem Firmament, das schon die Spuren des nahenden Abends zu zeigen anfing, darauf abwärts in seinen Hut, fand ihn leer, setzte ihn mit ungetrübter Heiterkeit auf, steckte den Geigenbogen zwischen die Saiten; „sunt certi denique fines“ (Aus Horaz: „es gibt schließlich doch gewisse Grenzen") sagte er, ergriff sein Notenpult und arbeitete sich mühsam durch die dem Feste zuströmende Menge in entgegengesetzter Lichtung, als einer, der heimkehrt. Das ganze Wesen des alten Mannes war eigentlich wie gemacht, um meinen anthropologischen Heißhunger aufs äußerste zu reizen. Die dürftige und doch edle Gestalt, seine unbesiegbare Heiterkeit, so viel Kunsteifer bei so viel Unbeholfenheit; daß er gerade zu einer Zeit heimkehrte, wo für andere seinesgleichen erst die eigentliche Ernte anging: endlich die wenigen, aber mit der richtigsten Betonung, mit völliger Geläufigkeit gesprochenen lateinischen Worte. Der Mann hatte also eine sorgfältigere Erziehung genossen, sich Kenntnisse eigen gemacht, und nun — ein Bettelmusikant! Ich zitterte vor Begierde nach dem Zusammenhänge. Aber schon befand sich ein dichter Menschenwall zwischen mir und Hm. Klein, wie er war, und durch das Notenpult in seiner Hand nach allen Seiten hin störend, schob ihn einer dem andern zu, und schon hatte ihn das Ausgangsgitter aufgenommen, indes ich noch in der Mitte des Dammes mit der entgegenströmenden Menschenwoge kämpfte. So entschwand er mir, und als ich endlich selbst ins ruhige Freie gelangte, war nach allen Seiten weit und breit kein Spielmann mehr zu sehen. Das verfehlte Abenteuer hatte mir die Lust an dem Volksfeste genommen. Ich durchstrich den Augarten nach allen Richtungen und beschloß endlich, nach Hause zu kehren. 5>n die Nähe des kleinen Türchens gekommen, das aus dem Augarten nach der Taborstraße führt, hörte ich plötzlich den bekannten Ton der alten Violine wieder. Ich verdoppelte meine Schritte, und siehe da! der Gegenstand meiner Neugier stand, aus Leibeskräften spielend, im Kreise einiger Knaben, die ungeduldig einen Walzer von ihm verlangten. „Einen Walzer spiel'!" riefen sie; „einen Walzer, hörst du nicht?" Der Alte geigte fort, scheinbar ohne auf sie zu achten, bis ihn die kleine Zuhörerschar schmähend und spottend verließ, sich um einen Leiermann sammelnd, der seine Drehorgel in der Nähe aufgestellt hatte. „Sie wollen nicht tanzen," sagte tote betrübt der alte Mann, sein Musikgeräte zusammenlesend. Ich war ganz nahe zu ihm getreten. „Die Kinder kennen eben keinen anderen Tanz als den Walzer," sagte ich. „Ich spielte einen Walzer," versetzte er, mit dem Geigenbogen den Ort des soeben gespielten Stückes auf seinem Notenblatte bezeichnend. „Man muh derlei auch führen, der Menge toegen. Liber die Kinder haben kein Ohr," sagte er, indem er wehmütig den Kopf schüttelte. — „Lassen Sie mich wenigstens ihren älndank wieder gut machen," sprach ich, ein Silberstück aus der Tasche ziehend und ihm hinreichend. — „Ditte! bitte!" rief der alte Mann, wobei er mit beiden Händen ängstlich abwehrende Bewegungen machte, „in den Hut! in den Hut!" — Ich legte das Geldstück in den vor ihm stehenden Hut, aus dem es unmittelbar darauf der Alte herausnahm, und ganz zufrieden einsteckte; „das heißt einmal mit reichem Gewinn nach Hause gehen," sagte er schmunzelnd. — „Eben recht," sprach ich, „erinnern Sie mich auf einen Umstand, der schon früher meine Neugier rege machte! Ihre heutige Einnahme scheint nicht die beste gewesen zu sein, und doch entfernen Sie sich in einem Augenblicke, wo eben die eigentliche Ernte angeht. Das Fest dauert, wissen Sie wohl, die ganze Nacht, und Sie könnten da leicht mehr gewinnen als an acht gewöhnlichen Tagen. Wie soll ich mir das erklären?" „Wie Sie sich das erklären sollen?" versetzte der Alte. „Verzeihen Sie. ich weih nicht, wer Sie sind, aber Die müssen ein wohltätiger Herr sein und ein Freund der Musik," dabei zog er das Silberstück noch einmal aus der Tasche und drückte es zwischen seine gegen die Brust gehobenen Hände. „Ich will Ihnen daher nur die Ursachen angeben, obgleich ich oft deshalb verlacht worden bin. Erstens war ich nie ein Nachtschwärmer und halte es auch nicht für recht, andere durch Spiel und Gesang zu einem solchen widerlichen Vergehen an» zureizen; zweitens muh sich der Mensch in allen Dingen eine gewisse -Ordnung festsetzen, sonst gerät er ins Wild« und Unaufhaltsame. Drittens endlich — Herr! ich spiele den ganzen Tag für die lärmenden Leute und gewinne kaum kärglich Brot dabei; aber der Abend gehört mir und meiner armen Kunst. Abends halte ich mich zu Hause, und" — dabei ward seine Rede immer leiser, Röte überzog fein Gesicht, fein Auge suchte den Boden — „da spiele ich denn aus der Einbildung, so für mich ohne Noten. Phantasieren, glaub' ich, heiht es in den Musikbüchern." Wir waren beide ganz stille geworden. Er, aus Beschämung über das verraten« Geheimnis feines Linnern; ich, von Erstaunen, den Mann von den höchsten Stufen der Kunst sprechen zu hören, der nicht imstande war, den leichtesten Walzer faßbar wiederzugeben. Er bereitete sich indes zum Fortgehen. „Wo wohnen Sie?" sagte ich. „2ch möchte wohl einmal Ihren einsamen Uebungen beiwohnen." — „Oh," versetzte er fast flehend, „Sie wissen wohl, das Gebet gehört ins Kämmerlein." — „So will ich Sie denn einmal am Tage besuchen," sagte ich. — „Den Tag über," erwiderte er, „gehe ich meinem Unterhalt bei den Leuten nach." — „Also des Morgens denn." — „Sieht es doch beinahe aus," sagte der Alte lächelnd, „als ob Sie, verehrter Herr, der Beschenkte wären, und ich, wenn es mir erlaubt ist zu sagen, der Wohltäter; so freundlich sind Sie, und so widerwärtig §iehe ich mich zurück. Ihr vormehmer Besuch wird meiner Wohnung immer eine Ehre sein; nur bäte ich, daß. Sie den Dag ihrer Dahinkunft mir grohgünstig im voraus bestimmten, damit weder Sie durch Ungehörigkeit aufgehalten, noch ich genötigt werde, ein zur Zeit etwa begonnenes Geschäft unziemlich zu unterbrechen. Mein Morgen nämlich hat auch seine Bestimmung. Ich halte es jedenfalls für meine Pflicht, meinen Gönnern und Wohltätern für ihr Geschenk eine nicht ganz unwürdige Gegengabe darzubieten. Ich will kein Bettler sein, verehrter Herr. 3ch weiß wohl, daß die übrigen öffentlichen Musikleute sich damit begnügen, einige auswendig gelernte Gassenhauer, Deutschwalzer, ja Wohl gar Melodien von unartigen Liedern, immer wieder von denselben anfangend, fort und fort herabzuspielen, so daß man ihnen gibt, um ihrer los zu werden, oder weil ihr Spiel die Erinnerung genossener Tanzfreuden oder sonst unordentlicher Ergötzlichkeiten wieder lebendig macht. Daher spielen sie auch aus dem Gedächtnis und greifen falsch mitunter, ja häufig. Don mir aber sei fern, zu betrügen. Ich habe deshalb, teils weil mein Gedächtnis überhaupt nicht das beste ist, teils teeil es für jeden schwierig sein dürfte, verwickelte Zusammensetzungen geachteter Musikverfasser Note für Note bei sich zu behalten, diese Hefte mir selbst ins Reine geschrieben." Er zeigte dabei durchblätternd auf fein Musikbuch, in dem ich zu meinem Entsetzen mit sorgfältiger, aber widerlich steifer Schrift ungeheuer schwierige Kompositionen alter berühmter Meister, ganz schwarz von Passagen und Doppelgriffen, erblickte, ilnd derlei spielte der alte Mann mit seinen ungelenken Fingern! „Indem ich nun diese Stücke spiele,' fuhr er fort, „bezeige ich meine Verehrung den nach Stand und Würden geachteten, längst nicht mehr lebenden Meistern und Verfassern, tue mir selbst genug und lebe der angenehmen Hoffnung, daß die mir mildest gereichte Gabe nicht ohne Entgelt bleibt, durch Veredlung des Geschmackes und Herzens der ohnehin von so vielen Seiten gestörten und irregeleiteten Zuhörerschaft. Da derlei aber, auf daß ich bei meiner Rede bleibe" — und dabei überzog ein selbstgefälliges Lächeln seine Züge — „da derlei aber eingeübt sein will, find meine Morgenstunden ausschlietzend diesem Exerzitium bestimmt. Die drei ersten Stunden des Tages der ilebung, die Mitte dem Droterwerb, und der Abend mir und dorn lieben Gott, das heißt nicht unehrlich geteilt," sagte er, und dabei glänzten feine Augen wie feucht; er lächelte aber. „Gut denn," sagte ich, „so werde ich Di« einmal morgens überraschen. Wo wohnen Sie?" Er nannte mir di« Gärtnergasse. — „Hausnummer?" — „Nummer 34 im ersten Stocke." — „3n der Tat,' rief ich, „im Stockwerke der Vornehmen?" — „Das Haus, sagte er, „hat zwar eigentlich nur ein Erdgeschoß; es ist aber oben neben der Dodenkammer noch ein kleines Zimmer, das bewohne ich gemeinschaftlich mit zwei Handwerksgesellen." — „Ein Zimmer zu dreien?" — „Es ist abgeteilt," sagt« er, „und ich habe mein eigenes 'Sette" „Es wird spät," sprach ich, „und Sie wollen nah Hause. Auf Wiedersehen denn!" und dabei fuhr ich in die Tasche, um das früher gereichte gar zu kleine Geldgeschenk allenfalls zu verdoppeln. Er aber hatte mit der einen Hand das Notenpult, mit der anderen seine Violine angefaßt und ries hastig: „Was ich devotest verbitten muß. Das Honorariurn für mein Spiel ist mir bereits in Fülle zuteil geworden, eines andern Verdienstes aber bin ich mir zur Zeit nicht bewußt." Dabei machte er mir mit einer Abart vornehmer Leichtigkeit einen ziemlich linkischen Kratzfuß und entfernte sich Ich hatte, wie gesagt, die Lust verloren, dem Volksfeste für diesen Tag länger beizuwohnen, ich ging daher heimwärts, den Weg nach der Leopoldstadt einschlagend, und, von Staub und Hitze erschöpft, trat ich in einen der dortigen vielen Wirtsgärten, die, an gewöhnlichen Tagen überfüllt, Heute ihre ganze Kundschaft der DrigittenaU abgegeben hatten. Die Stille des Ortes, im Abstich der lärmenden Volksmenge, tat mir Wohl, und mich verschiedenen Gedanken über- lassens an denen der alte Spielmann nicht den letzten Anteil hatte, war es völlig Nacht geworden, als ich endlich des Rachhausegehens gedachte, den Betrag meiner Rechnung auf den Lisch legte und der Stadt zuschritt. (Fortsetzung folgt.) Oer Geburtstag. Kleine Novelle von Felix Langer. Es war ein plötzlicher Entschluß, der Franz an seinem vierzigsten Geburtstag ans Telephon zwang und Isa anrufen lieh. Er hatte sie jahrelang nickt gesprochen, trotzdem erkannte sie seine Stimme sofort. „Wie geht's?" „Wie geht's?" Die üblichen Fragen schienen Befangenheit auf beiden Seiten zu maskieren. Es war zwanzig Jahre her, daß sie miteinander befreundet gewesen, er, der Schule knapp entronnen und Lehrling in einer Farben- A-G., sie, gerade siebzehn geworden, Stenotypistin in einem Anwalts- bureau. Mit allem Ueberschwang der ersten Liebe hatten sie bei Butterbrot und Flaschenbier Feste gefeiert, die kein Krösus sich hätte für Gold erkaufen können, Heute war Franz Chef einer eigenen Fabrik imd auch Isa hatte Karriere gemacht, ihr Anwalt hatte sie geheiratet. «Schicksal, Schicksal, sie hätte zu lange auf Franz warten müssen, der zäh an seinem Ziel arbeitet«, eigner Herr in einem eignen Betriebe zu werden. „Weißt du, daß ich heute Geburtstag habe," sagte Franz. „Wirklich?" Ich gratuliere. Natürlich, um diese Zeit herum war es ja immer. Der wievielte ist es denn? „Der Vierzigste." .Minder Gottes!" stöhnte Isa, „Man wird alt. „Es ist zwanzig Jahre her, daß wir einander kennenlernten," sagte Franz. „Willst du meinen Geburtstag mit mir feiern?" „Ich?" Es klang überrascht, doch mit einem Anflug von Lüsternheit nach der Abwechslung, die der Anlaß verhieß. „Eigentlich — ging« «s. Mein Mann ist verreist. Wo willst du... Es schien Franz zu billig, wenn er antwortete: bei mir. Er überlegte, dann sagte er, „Erinnerst du dich noch an den Tag, da wir zum ersten Male miteinander ausgingen? Es war an meinem zwanzigsten Geburtstag. Wir kamen zum Feenschloß am See und wären gern hineingegangen, aber ich hatte nicht genug Geld für das teure Restaurant. So gingen wir in ein einfaches Bräu und waren trotzdem sehr lustig. Wollen wir das Feenschloß heute nachholen? Ich habe einen neuen Wagen und mit dem Selbe wird es diesmal auch reichen." Isa lachte: „Zwanzig Jahre sind immerhin «in« lange Zeit, ich bin aber einverstanden. Du hupst um sechs vor meiner Wohnung?" Isa war mit ihren siebenunddreißig sehr jung geblieben, schlank und mädchenhaft. Die Illusion, daß es die einstige Isa sei, mit der Franz ins Feenschloß fuhr, wurde höchstens durch die Kostbarkeit ihrer Kleidung gestört, die sich von ihren billigen Mädchenkleibern wesentlich unterschieb. Sie erzählt« von ihren Kindern, in zwei Jahren würbe der Junge das Abitur machen, und auch ihr Mädchen wolle studieren. Sie selbst sei im Sommer in Scheveningen gewesen, für den Herbst sei Oberitalien geplant, was man im Winter machen würde, wiße man noch nicht. Franz, der Isa in einer leicht sentimentalen Stimmung erwartet hatte, geneigt zu Reminiszenzen, mußte unwillkürlich in Isas Fahrwasser kommen und mit Gleichwertigem aufwarien, mit Reisen, Neumöblierung seiner Wohnung und gesellschaftlichen Plänen für die Saison. Als sie am Feenschloß hielten, erkannten sie es nicht mehr, es war renoviert worden. „Es war aber schon sehr nötig," fragte Isa, „man konnte in den Raumen nicht mehr recht sitzen, geschweige denn tanzen." Das Essen sei auch nicht mehr auf der Höhe gewesen und die Bedienung salopp. Man gehe jetzt lieber zu „Tiensin" am anderen Ufer, man müsse dort mit dem Auto über die Fähre und das eben sei das Erregende und gesellschaftlich Verlockende. Uebrigens freien Coblers mit ihrem Horch neulich beinahe ins Wasser gefallen. Franz hatte ein besonderes Souper zusammenstellen wollen, «J|a hatte widersprochen, sie lebe nach Kalorien, höchstens eine Tasse Tee ohne Zucker dürfe sie heute noch zu sich nehmen, kein Berführungsversuch konnte sie erschüttern. So taute Franz an einem Schnitzel und nippte an einem Glase Mosel, während Isa, da sie nichts aß, ohne Unterbrechung erzählte, erzählte... Und Franz mußt« unwillkürlich denken, daß sie damals, als süßer Balg von siebzehn, kaum ein Auto von einer Lokomotive unterschieden hatte, ein Ausflug in der überfüllten Elektrischen hatte sie mehr entzückt als heute vielleicht Oberitalien plus Scheveningen, auch,von Kalorien hat« sie nichts gewußt. Aber entzückend war sie gewesen, jung und natürlich. Nicht abzusehen, wie sie sich gefühlt hätte, wenn er damals an seinem zwanzigsten Geburtstag die paar Mark für em Abendessen im Feenschloß hätte entbehren können, das sie heute nicht mehr mondän genug fand. Es war ihm plötzlich als sei es sehr lächerlich, daß er hier mit Isa zusammen aß, um «inen Tag zu feiern, der im Grund« genommen gar nicht feiernswert war. Er ließ nur allzudeuttich die Entfernung erkennen, die zwischen Wünschen und Zielen, zwischen Traumen und Wirklichkeiten, zwischen Jugend und blasierter Reise lag. Es war Franz, als habe er hinter einer bunten Kugel herlaufen wollen, di« ihm entglitten war, ängstlich bemüht, sie wieder einzufangen. , Ein Pärchen erschien auf der Terrasse, ein Junglmg mit Brille und langen Haaren, das Mädel blond und bildhübsch. Der Ober kam mit der Speisekarte. „Können mir Kaffee und Kuchen bekommen, fragte der Jüngling. Mit verachtend-überlegenem Achselzucken legte der Kellner bie Speisekarte fort und korrigiert« betont: „Mokka in Kännchen! „Haben Sie nicht Kaffee in Taffen?" „Nein," knurrt« der Ober. Zögernd bestellte der Jüngling Franz hatte zugehört und mußte lächeln, schmerzlich durchklungen. Es war ihm, als fei er selbst der Jüngling, vor zwanzig Jahren, und Isa das Mädchen vor der gleichen Frist. Genau so hatte er bamafs tm, Restaurant bestellt, wenn sie zusammen ausgegangen waren. Mit einem seltsam beglückenden, beinahe väterlichen Gefühl betrachtet« er bie beiden jungen Menschen, die sich in dem eleganten Restaurant nicht überaus wohl zu fühlen schienen, weil sie beide wahrscheinlich an die durch die unerwartete Mehrausgabe gebotenen Sparmaßnahmen für morgen denken mußten. Franz erhob sich und ging dem Ober nach, von einem plötzlichen Em° falle getrieben. Er bestellte ein Souper wie er es für sich und Isa hatte bestellen wollen. „Wenn wir fort sind, servieren Sie es den jungen Herrschaften und geben Sie ihnen diesen Zettel." Er riß ein Blatt aus feinem Notizbuch und kritzelte ein paar Worte. Dann zahlte er und holte Isa, die sich indessen zum Aufbruch bereit gemacht hatte, das heißt mit Lippenstift und Rouge koloriert hatte. Sie wollte geradewegs zum Auto, doch Franz zog sie beiseite hinter die Weinumrankung der Terrasse, von wo aus man das junge Pärchen sehen konnte. Gerade servierte der Kellner die Vorgerichte und überreichte den Zettel. Der Jüngling nahm ihn erstaunt entgegen, das Mädchen steckt« neugierig (ein Näschen über den Tisch, und er las: „Bitte lassen Sie sich diesen kleinen Imbiß so gut schmecken, wie er dem Absender vielleicht geschmeckt hätte, wenn er so jung und so glücklich wäre wie Sie." Die beiden sahen einander verblüfft an. Der Jüngling schien gesonnen mit Männerstolz den Ober herbeirufen zu wollen, weil sich in seiner Brust offenbar Abwehrgefühle gegen das Geschenk regten, das überdies vielleicht ein schlechter Scherz, nachträglich mit einer hohen Rechnung zu bezahlen, sein konnte. Da kam der Ober wieder und entkorkte den Wein. Eva lächelte Adam an, gewillt ihn zum Apfelschmaus zu verfuhren und die Gesten des Obers schienen zu erläutern, woher die Spende kam. Der literarisch bebrillte Jüngling schien zu begreifen, daß das Erlebnis vielleicht einen tragischeren Hintergrund haben mochte, als di« lockenden Delikatessen auf dem weißen Tischtuch vermuten lassen konnten und formulierte offenbar jetzt feinen Eindruck tiefsinnig-philosophisch, denn über das Gesicht des Mädchens huscht« der Schatten echt weiblichen Mitleids, als begriffe es, daß es sich um nicht ganz glückliche Liebesangelegenheiten handle. Aber der Hunger und die Jugend siegten in beiden über die sentimentalen Regungen und während Franz, ernster geworden, als ihm recht war, die sacht begreifende Jfa zum Wagen führte, griffen bie beiden jungen Menschen übermütig zu, und die Krebsscheeven krachten zwischen ihren Zähnen. K-ndercheaier. Von Martin Borrmann. - Mein vierzehnjähriger Freund, in einer abgelegten Uniform über die Bühne stampfend, spielte einen verfolgten preußischen Offizier aus ben Freiheitskriegen. Um anzudeuten, daß es die Zeit napoleonischer Bewegung war, in welcher sein Spiel sich abrollte, trug er zum Waffenrock statt der Uniformhose seine Unterbeinkleider. Es war mein bester Darsteller, der „Star" unter der teils überaus eifrigen, teils widerspenstigen Theatertruppe, der ich, selber erst vierzehnjährig, als Direktor vorzustehen die Ehre hatte. ' ™ „ Fast alle wollten wir damals zur Bühne. Mit meinem Star hatte ich einen Kontrakt abgeschlossen. Der Kontrakt enthielt alle Punkte, die wir uns damals als wesentlich dachten für die Forderungen eines Stars: daß ich ihm Schminke und Uniform zu liefern hatte, daß er nur zu einer bestimmten Anzahl von Proben zu erscheinen verpflichtet wäre und hoc^ ftens mit einem Mitglied feine Garderobe zu teilen hätte — und daß ich sogar die Vorstellung abfagen mühte, wenn er wider Erwarten heiser werden sollte. Uebrigens wußten wir beide, daß dies alles nur Scherz war. Aber wir hätten beide überhaupt nicht Theater gespielt, wenn die Würze dieser unwägbaren Nebenreize nicht gewesen wäre. Es waren selig« Jahre. Die Schularbeit drückte, aber wir gaben ihr diesen Druck zurück. Am Sonntag trugen wir schon Gewandungen, dl« ein wenig in Herrenschnitt gehalten waren und zu denen Stehkragen gehörten Aber wochentags ruderten wir in Matrosenanzügen auf dem Oberteich herum, von Entdeckerlust und dem Geheimnis unserer Herzen bedrängt, oder fuhren Rad auf der Chaussee nach Gvanz, Bache und Wälder hierbei als Stätten unserer Expeditionen empfindend. Auch die Weit« des Landes, die dort anhob, wo wir umkehren und zu Erdbeeren mit Milch nach Haufe zurückkehren mußten, war Geheimnis. In den Herbst- und Osterferien aber hielten wir täglich Proben zu Haufe ab. Das Stück aus den Freiheitskriegen war von einem Freunde verfaßt, der sich als Dichter Flod (ober auch manchmal Dolf) Sulow nannte. Leider weilte er während der Uraufführung auf dem Lande von dem er stammte — aber unser Kritiker (ich hatte chn zugleich mit der Truppe engagiert!) schickte ihm einen ausführlichen Bericht über die Vorstellung in welchem er von einem „Achtungserfolg seines Stucke- redete. Das Wort hatte uns allen unmäßig imponiert, obwohl wir famt dem Kritiker nicht wußten, was es bedeutete. ... Danach rollte sich eine Jambentragodie ab, die ich selber verfaßt hatte. Sie hieß „Der rote Räuber" und spielte in Italien; jedenfalls waren die Namen der Personen italienischen Stücken entlehnt Hier war auf der Szene schon Schloß und Gebirge zu sehen. Der Aufbau war aus Min- lo-'schen Waschpulverkisten hergestellt worden. . .. . Es entstand vor dem letzten Akt zwischen uns eine Spannung. Wurde es Kränze geben? Wer würde sie empfangen? Nun, es gab Kranz«. Es gab sogar einen Stoß in den Rücken von feiten eines Nebendarstellers, der sich vernachlässigt fühlte. Und der Lorbeer wanderte, als er entwertet ^Jch"sccker^hielt mich damals für einen Klassiker. Denn mein Freund, der Star meines Theaters, hatte bereits vor meiner Bekränzung em 3itat aus dem „roten Räuber" in einen Schulaussatz geschmuggelt. Da mein Freund die Quelle dieser Weisheit nicht angegeben hatte, war st«, vom Lehrer unbemerkt, ohne Tadelstrich wieder an ihn zunickgelangt. Ein Vers meines roten Räubers hatte also das Auge der Schillbehorde paniert, ohne ihr aufzufallen! Man hatte ihn nicht von einem Klafsiker- pers zu unterscheiden vermocht! Wahrscheinlich hatte man ihn für ein Zitat aus dem Tasso gehalten! Das machte mich natürlich stolz! Sehr stolz war ich auch, wenn ich mit dem Star gemeinsam unser Theater abends verließ, nachdem wir uns „abgeschminkt" hatten. Wir glaubten beide, man müsse es uns nun ansehen, daß wir Schauspieler wären und vor kurzem noch auf der Bühne gestanden hätten! Wir hatten etwa dreißig Personen als Zuschauer, in der Mehrzahl die Brüder und Schwestern unserer Schauspieler, aber es waren auch vier oder fünf Erwachsene dabei. Ein Zimmer war als Zuschauerraum eingerichtet, ein anderes als Bühne. In der großen Flügeltür hing der Borhang, der sich mit einer Schnur seitlich aufziehen ließ. Die Nägel, an denen die Schnur hing, zerspalteten unseren Türrahmen; aber was machte uns das in jenen seligen Jahren? Der darstellerisch Mindestbegabte meiner Komparsen, der sonst nur mit Hantel und Taschenlampe für Donner und Blitz zu sorgen hatte, bediente das Publikum, indem er Programme verteilte. Diese Programme waren die leibhastigen Theaterzettel unseres alten Stadttheaters, die wir gesammel und ihrer eigentlichen Ankündigung beraubt hatte. Ein handgeschriebener Zettel war von uns in jedes Programm eingeheftet, der unser Theaterstück und unsere Rollen anzeigte. Wiederum war gerade das Beiwerk mit besonderer Lust ausgestattet. Kein Settel, der nicht unsere Warnung enthalten hätte, daß den Damen das Aufbehalten der Hüte im Zuschauerraum verboten sei und daß man die Stühle „nicht mit Gegenständen belegen" dürfte! Es war ferner dort angezeigt, nach welchem Akt die Pause stattsinden würde und was wir (ganz wie im Theater der „Großen"!) an neuen Stücken vorbereiteten! Mit richren- dem Fleiß hatten zwei meiner Freunde dies innere Programm dreißig- mal mit der Hand abgeschrieben. Der Komparse also verteilte die Zettel und löschte das Licht im Zu- fchauerraum. Sein Auftreten war die einzige Berbindung zwischen Bühne und PublikumI Angstvoll und streng achtete ich im übrigen darauf, daß die neugierige Menge keinen Blick hinter das Heiligtum warf. Geschah wider meinen Willen doch solch ein verbotenes Hineinspähen in den Kulijsenraum, war ein Teil meiner Freude sofort dahin! Mehrfach versuchten wir es. „Alt-Heidelberg" aufzuführen, selbst- verstänolich nur einen Akt, den ersten, in welchem Katchen noch nicht auftrat. In Körners „Toni" lösten wir hingegen das Problem der weiblichen Rollen so, daß ich, schwarz angemalt, die alte Regerinschlainpe Babeckan humorvoll spielte, während für die Toni selbst ein neues Mitglied, das mir das Schicksal gerade sandte, engagiert wurde. Auf meiner Klasse war ein Junge von jener frauenhaften Zartheit, wie sie manche Knaben besitzen. Als der Ordinarius sich dazu entschloß, mich aus die vorderste Bank zu setzen, wurde er mein Nebenmann. Ihn überredete ich zur Uebernahme der Rolle; später wurde er dann mein Freund und spielte ständig mit. — Noch ein anderes Mitglied meines Theaters ist unvergessen! Er betätigte sich nur selten als Schauspieler, dichtete aber die humoristischen Einlagen, die wir zwischen den Stucken spielten. Weil er sehr musikalisch war, wurde er gewissermaßen unser Kapellmeister. Ailf Musik und Theologie ging, ehe der Krieg begann, fein Lebensplan aus. Er wurde zusammen mit meinem „Star" ein sehr naher Freund von mir. Wahrscheinlich haben wir schauderhaft gespielt, waren rechte Kulissen- reißer, und das Larnpenfieber mag das ©einige dazu beigetragen haben, um die Aufführungen unerträglich zu machen. Selten behielten wir während des Spiels über uns selbst die Kontrolle. Wenn auf der Bühne Kämpfe darzustellen waren, gerieten wir so in Eifer, daß wir noch wochenlang die blauen Flecken von Schwerthieben an uns trugen. Aber damals erschien uns das alles gut und vortrefflich, und war es wohl auch, denn die Herzen der kleinen Zuschauer fanden in uns ihr Gleichnis und flogen uns zu. Noch heute würde ich gern auf dieser Kin- dcrbühne stehen, umblitzt vom Schein der Taschenlampe, umgrollt vom Donner der Hantel, die der unbegabte Komparse auf dem Fußboden hin und her rollen muhte, damit das Gewitter vollkommen fei. Wo blieb mein Theater, mein Personal, meine Komparserie? Hier ist, imch so heiteren Erinnerungen, Schreckliches einzugestehen. Fast alle diese jungen Menschen, die sich hier auf so lustige Weise für das Leben übten — denn nichts anderes war unser ganzes Tun im tiefsten Grunde —, fast alle diese blutdurchströmten und zukunftshungrigen Menschen zer- mähte der Krieg, ehe das eigentliche Leben für sie begonnen. Erst fielen der Kritiker und jener zarte Darsteller der Toni, und es fiel mein lieber, lieber Kapellmeister. Es starb an der Wirkung des Krieges der Star, mit dem ich doch einst einen Kontrakt auf Lebenszeit geschlossen! Es starben viele von den Helfern und viele von den Komparsen. Alle jungen Menschen starben. Nur der Direktor blieb auf der merkwürdigen Erde zurück und denkt unter dem nächtlichen Rätselhimmel in den Hellen Weltenraum hinein an feine Theatertruppe. Ausgrabungen in Pergamon. Bon Geh.-Rat Dr. Theodor Wiegand, Direktor der Staatlichen Antikensammlungen, Berlin. (Nachdruck verboten.) Der bekannte Berliner Archäologe Geh.-Rat Wiegand gräbt zur Zeit wieder in Pergamon. Er berichtet im Folgenden über den bisherigen Stand der Forschungen. Besitzen wir in Berlin nicht den großen Schatz des pergamenischen Zeusaltars? Haben nicht Karl Human, Wilhelm Doerpfeld und Alexander Conze viele Jahre lang an der Aufklärung der pergameni- fchen Stadt und Landschaft gearbeitet? Gibt es dort denn immer noch neue Entdeckungen zu machen? So höre ich manchen fragen und darf antworten: Ja, es gibt auch heute noch große Aufgaben In Pergamon. Niemand anders soll sie lösen als wir Deutschen, denn wir dürfen eine so große, von uns begonnene Unternehmung nicht unvollendet liegen lassen, ohne uns den Tadel der Wissenschaft zuzuziehen. Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl Wir kennen heute schon den großen Mauerring, den Cumenes II. um feine Residenz zog, w,r durchschreiten die mit gewaltigen Quadern gefügten Tore und wandern auf gepflasterten Straßen, vorbei an zahlreichen Kaufläden, zum unteren Markt, von da zu dem dreifachen Terrassenbau des Gymnasiums, über dem der Tempel der Hera Basileia thront. Wir kennen das auf riesenhaften Stützmauern dem Abhang abgewonnene Demetecheiligtum mit den Sitzräumen für die Mysten bei den feierlichen nächtlichen Zeremonien. Emporsteigend bis zu 250 Meter über dem Meeresspiegel stehen wir, hoch über denk Theater, an der Stätte des großen Altars und treten in das Athenaheiligtum ein, das die weliberuhnue Bibliothek beherbergte bis zu dem Tage, da Antonius sie, als Geschenk für Kleopatra, rücklichtslos entführte. Weiter empor geht der Weg zu den mofaikreichen Palästen der Könige und dem gewaltigen Marmortempel, den der beste Militärkaiser Roms, Trajan, auf dem höchsten Punkte der Burg als weithin strahlendes Symbol seines Imperiums errichtet hatte. Dort oben, nahe dem Tempel, an der nördlichsten Spitze der Burg haben die neuen, von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft unterstützten Grabungen seit 1927 wieder eingesetzt. Wir fanden an dieser Stelle nicht weniger als fünf lange Arsenalbauten, die zur Aufnahme von Waffen und ]onftigem Kriegsgerät sowie von Nahrungsmitteln gedient haben. Damit diese nicht durch Bodenfeuchtigkeit litten, hat man künstliche Hohlböden angelegt, durch zahlreiche fchießschartenartige Schlitze in den Grundmauern sorgte man für die Luftzirkulation. Solche Bauten waren auch schon in römischen Lagern am Rhein und in England gefunden worden. Hier aber liegen sie in einer 30U bis 400 Jahre ölte- ren Gestalt vor uns und zeigen, daß auch diese Art militärischer Anlagen zuerst von den Griechen erfunden worden find. Denn wir können diese pergamenischen Arsenale genau datieren mit Hilfe der Dachziegel, die den Stempel nebst Regierungsjahr des Königs Attaios des Ersten tragen. Dieser Herrscher starb im Jahre 197 v. Ehr. Bier Jahre vorher hatte er eine überaus gefährliche Belagerung durch Philipp V. von Makedonien auszuhalten, und in jener Zeit, ehe der feindliche Einbruch erfolgte, sind die Arsenale angelegt worden. Nicht nur Reste von Waffen fanden sich: rings um die Gebäude lagen in Massen nur noch die steinernen Geschützkugeln, ivelche zeigten, daß der König über nicht weniger als sieben verschiedene Kaliber von Abwehrgeschützen verfügte. Die lchwersten Geschosse wiegen 76 Kilogramm (drei antike Talente), das leichteste 64 Kilo. Bis zu unserer Entdeckung hatte man diese Munition, von der sich gelegentlich einmal ein Stück schon früher gesunden hatte, für türkisch oder bestenfalls byzantinisch gehalten. Unerforscht ist ein großer Teil der die mittleren Höhen des Burgbergs bedeckenden Wohnguartiere, vor allem aber die in der Ebene liegende Unterstadt, die heute vielfach von türkischen Wohnhäusern bedeckt ist. Mitten aus diesem Gewirr einer orientalischen Landstadt erhebt sich in ungeheuren Dimensionen ein dunkelroter Ziegelbau, flankiert von zwei mächtigen Rundtürmen, davor liegt ein rechteckiger Hof von 20 000 Quadratmetern Größe. Noch vermag niemand diesen Bau, der z. T. über dem kunstvoll überwölbten Selinosfluh steht, mit Sicherheit zu deuten. War es die große Basilika der Römer, wo der Prätor Recht sprach und wo die antike Börse ihr lebendiges Wesen trieb? War es die Therme der Römerstadt mit davorliegender Palästra? Die modernen elenden Baracken müssen aus diesem Prachtbau der hadrianischen Kai- serzeit entfernt werden. Dann wird man zunächst auf den späteren Einbau einer großen byzantinischen Kirche stoßen, deren Spuren sich bereits vor einigen Jahren bei einer kleinen Versuchsgrabung zeigten; vermutlich ist es die Johannesbasilika, und man dürfte damit wohl eine der sieben apokalyptischen Kirchen Kleinasiens sinden. Für die Geschichte des frühen Christentums kann dies sehr wichtig werden. Keiner der heidnischen Götterkulte hat Pergamon mehr beherrscht als der des Heilgottes Asklepios. Man hatte wohl aus den antiken Schriftstellern einige Nachrichten über die Einrichtungen feines Heiligtums, man wußte, daß es außerhalb der Stadt in einem wasserreichen schönen Tal lag und man kann heute noch die mehr als tausend Meter lange Halle, unter deren Schutz man zum Heiligtum pilgerte, in ihren Trümmern über Wiesen und Aecker hin verfolgen bis zu den Höhen, von denen ein Bach mit rauschendem Wasserfall herabstürzt. Aber vom eigentlichen Heiligtum sah man nur einen großen, wüsten Trümmerhaufen, aus dem man in früheren Jahren viele Werkstücke zum Bau von Moscheen, Kasernen, Bädern und Schulen entführt hatte. Dieser formlose Trümmerberg wurde von uns im Herbst 1928 angegriffen, und es ergab sich alsbald ein sehr interessanter Befund: ein gewaltiger Rundbau von mehr als fünfzig Metern Durchmesier, aus zwei Stockwerken bestehend. Das untere Stockwerk zeigt gewölbte, konzentrische Gänge, die mit Marmorinkrustation geschmückt waren und von denen Treppen nach dem Obergeschoß führten. Waren die unteren Räume offenbar dem mit der Inkubation (Tempelschlaf als Heilmittel) dienenden Medizinbetrieb gewidmet, so befand sich oben, in dem mittleren Rund, das von sechs halbrunden Kapellen umgeben war, der eigentliche Platz der Götterverehrung. Damit waren aber unsere Entdeckungen noch nicht beendet: östlich, dicht neben diesem Rundbau, fand sich ein zweiter, dessen Hauptteil ebenfalls eine große Rundung zeigt, dem aber eine breite Freitreppe mit Säulenstellungen vorgelagert ist, also ein Ban ähnlich dem Grundriß des Pantheons in Rom. Noch stehen dort unsere Untersuchungen im Anfang. Es wird wohl noch zwei Jahre dauern, bis das ganze Ergebnis vorliegt, das sich dann, wie wir hoffen, nicht nur auf die gewonnenen wichtigen Architekturen des zweiten Jahrhunderts n. Ehr. bezieht, sondern auch auf die zu erwartenden Inschriften über die Heilgötter und den Heilbetrieb. Denn in der gleichen Zeit, in der diese Prachtbauten errichtet wurden, hat einer der größten Berste des Alterstnms, Galenns, in Pergamon gelebt und das Asklepieion war der Ort, wo er seine Patienten empfing, feine Schüler belehrte und wo dankbare Patienten ihre Heilung inschriftlich zu bezeugen pflegten. Was davon erhalten ist, werden die nächsten Ausgrabungen lehren. 'sche Qniversitäts'Vuch- und Steindruckerei, 2t. Lange, Gießen.