GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Zreitag. den U-Oktober Nummer 79 —— ! ......... ..... ...........— Hainbuchenlaube. Aon Friedrich Rückert. 0 Laub', in der ich manchen Tag des Denkens und des Dichtens pflag, wer denkt in dir und dichtet, nun dich der Herbst gelichtet? Sonnenstrahlen, die das Laub gelüpft, Zaunkönige, die im Strauch geschlüpft, sahn still mir ab vom Munde den Klang im Herzensgründe. Der alte Pächter ging vorbei und wußte nicht, was mit mir sei, wie übern Zaun er guckte und dann sich seitwärts duckte. Ich aber, was mir Feld und Hain und ihre Geister gaben ein, von Leben und von Lieben, hab ich hier ausgeschrieben. Sie haben gern mit mir verkehrt, mich, was sie wußten, hier gelehrt; nun ich von hier muß kehren, wen werden sie es lehren? Sie werden, wenn in Winternacht sie sich was Neues ausgedacht, Herkommen, mich zu suchen in dieser Laub' Hainbuchen. Und wenn sie da nicht finden mich, so werden sie verbinden sich zu Tanz und Musizieren und Glanzirrlichtelieren. Dann spricht der Pächter, wo er lauscht, und sieht und hört, wie's flimmt und rauscht: Der lange Herr, ich glaube, spukt in der Buchenlaube. Aebelmorgen am Bodensee. Aon Hermann Hesse. Die Nebelmorgen haben nun wieder begonnen. In den ersten Tagen waren sie beengend, düster und traurig machend, solange man noch das leuchtende Blau und Rotbraun der Hochsommermorgen frisch im Gedächtnis hatte. Sie schienen kalt, stumpf, freudlos, vorzeitig herbstlich und erweckten jene ersten, halb unbehaglichen, halb sehnsüchtigen Gedanken an Stubenwärme, Lampenlicht, dämmerige Ofenbank, Bratäpfel und Spinnrad, die jedes Jahr allzu früh kommen und die ersten Herbstschauer sind, ehe die fröhlichen und farbigen Wochen der Obst- und Weinlese sie wieder vertreiben und in ein nachdenkliches, erwärmendes Ernte- und Ruhegesühl verwandeln. Nun ist man schon wieder an die Seenebel gewöhnt und nimmt es für selbstverständlich hin, daß man vor Mittag die Sonne nicht zu sehen bekommt. Und wer Augen dafür hat, genießt diese grauen Bormittage dankbar und aufmerksam mit ihrem feinen, verschleierten Lichterspiel, mit ihren an Metall und Glas erinnernden Seesarben und ihren unberechenbaren perspektivischen Täuschungen, die oft wie Wunder und Märchen und fabelhafte Träume wirken. Der See hat kein jenseitiges Ufer mehr, er verschwimmt in meerweite, unwirkliche Silberfernen. Und auch diesseitig sieht man Umrisse und Farben nur auf ganz kleine Entfernungen, weiter hinaus ist alles in Wolke, Duft und feuchtes Licht grau aufgelöst. Die ernsten, einzelstehenden, überaus charaktervollen Pappelwipfel schwimmen matt als fahle Schatteninseln in der nebeligen Lust, Boote gleiten in unwahrscheinlichen Höhen geisterhaft über den dampfenden Wassern hin, gedämpfte Laute — Glockengeläute, Hahnenrufe, Hundegebell — durch die feuchte Kühle, wie aus unerreichbar fernen Gegenden herüber. Heute früh, da ein leichter Nordostwind ging, steckte ich das hohe, schmale Dreiccksegel auf meinen kleinen Nachen, ftopfte mir eine Pfeife und trieb langsam seeabwärts durch den Nebel. Die Sonne mußte chon überm Berg fein, denn das frühmorgendliche Bleigrau des Waffer- piegels verwandelte sich langsam in klares Silber, beinahe so wie bei chwachem Mondlicht. Bon den sonst so freundlich nahen, laubigen und chilfbestandenen Usern war nichts zu sehen, und da ich keinen Kompaß besitze, segelte ich wie durch völlig fremde, uferlose Gewässer und Wolkenmeere dahin und konnte nicht einmal über die Geschwindigkeit meiner Fahrt irgendwelche Schätzung aufstellen. Doch untersuchte ich nach einer Weile die Tiefe und da ich keinen Boden fand, warf ich eine Schwemmschnur mit Hechtlöffel auf 20 Meter Tiefe aus und zog sie gemächlich hinter mir her. So trieb ich vielleicht eine Stunde lang weiter, im Steuersitz zusammengekauert, immer int weißen Nebel. Es war kühl. Die linke Hand, in der ich die Segelleine führte, war mir steif und gefühllos geworden, und ich ärgerte mich, daß ich keine Handschuhe mitgenommen hatte. Dann begann ich träumerische Halbgedanken zu spinnen. Ich dachte an einen merkwürdigen Verwandtenmord, der zur Zeit des Konstanzer Konzils im Schlosse meines Dörfchens Gaienhofen geschehen war und mich durch manche Umstände interessierte, und dachte an jene ganze, seltsame, erregte Zeit, in der unser stilles Seeufer ein Mittelpunkt der Welt und Kultur und die Bühne für große geschichtliche Einzelschicksale gewesen ist. Es unterhielt und befriedigte mich, die hinter Nebeln verborgenen, wohlbekannten Ufer mit den Bildern jener lang verschwundenen Menschen, ihrer Geschicke und Leidenschaften zu bevölkern. Einer Erbschaft wegen bringt ein Baron seinen Bruder um, Beziehungen zu fernen Ländern spielen ahnungsvoll herein, und von dem mit vornehmen Kon- zilgästen, Pomp und Luxus überfüllten Konstanz her glänzt verlockend der Reiz einer üppig reichen Kultur ... Ein sich überstürzender, schrill schnurrender Laut schreckte mich auf, während noch meine Phantasie bemüht war, sich die Kostüme und Waffen jener süddeutschen Barone und welschen Gäste zu Beginn des 15. Jahrhunderts vorzustellen. Hastig kehrten meine Sinne zum gegenwärtigen Augenblick zurück; in der Erregung des Jagdglücks faßte ich nach dem Haspel, zog vorsichtig an und fühlte einen kräftigen Fisch am Haken, der sich mit verzweifelter Leidenschaft zur Wehr setzte. Langsam ziehend, förderte ich einen schönen Hecht an die Oberfläche und brachte ihn im Hamen ein. Darauf setzte ich die Schnur mit Eifer von neuem aus, während der gefangene Fisch im Kasten wütend schlug und plät cherte. Dabei mußte ich das Steuer loslassen und ein plötzlicher Windstoß schlug mir, da das Boot sich gedreht hatte, die Segelstange und das flatternde Segel kräftig um die Ohren. Der Richtung ungewiß, ließ ich dem Wind das volle Segel und trieb mit zunehmender Schnelligkeit gerade aus, bis der schattenhafte Umriß einer mit alten Nußbäumen bestandenen Landzunge sichtbar wurde. Von den undeutlich auftauchenden, grau verschleierten Rebhügeln krachten da und dort die Flintenschüsse der Wein- bergwüchter. Ich zog meine Segel ein und ruderte langsam uferwärts, denn die allmählich wärmer werdende Luft roch stark nach nahem Regen. So suchte ich denn die nächste Schiffslände, fand sie auch nach kurzer Fahrt, und während ich mein Boot ans Land zog und mich nach dem Namen des kleinen thurganischen Dorfes erkundigte, begann es erst dünn und gleichsam widerwillig, dann immer kräftiger und ausgiebiger zu regnen. Auch wenn nicht allen Anzeichen nach zum Nachmittag Helles Wetter zu erwarten gewesen wäre, hätten mich der Regenguß und die kurze Verbannung in ein unbekanntes Dorfwirtshaus durchaus nicht betrübt. Ohnehin gebe ich auf sogenanntes „schönes Wetter" gar nichts, denn jedes Wetter ist schön, wenn man Augen und Seele aufmacht; und dann gehört es für mich zu den bevorzugten kleinen Wanderfreuden, unerwartet vom Wetter in Winkel und zu Menschen getrieben zu werden, die ich sonst wohl nie ausgesucht und gesehen hätte. Es ist immer eigen und sehr oft köstlich, für Augenblicke ober Stunden als ungemeldeter Gast in fremden Stuben bei Unbekannten zu sitzen, ein Stück kleines Leben zu sehen und eine Weile in Gesichter zu blicken, die man nie zuvor sah, die einem oft in wenigen Augenblicken vertraut und unvergeßlich werden und die man vielleicht nie wieder sieht. Es war kühl in der halkdunklen Schankstube, draußen stürzte der Regen immer heftiger herab und troff in Bächen an den Fensterscheiben nieder. Der Wein, natürlich der unvermeidliche sogenannte Tiroler, war verzweifelt herb und machte mich frösteln. Am großen tannenen Tisch saß ein einziger Gast, ein struppiger alter Fischer mit verdrießlichem Trinkergesicht, und hatte eine Quinte Schnaps vor sich stehen. Das' alles war nicht sehr beglückend. Ich fing schließlich an, die gestrige Steckborner Zeitung zu lesen — Beratungen des Ausschusses Über Vergrößerung der Badeanstalt, Fischmarktbericht, ein Scheunenbrand, Stand der Reben, bevorstehende Erhöhung der Zuckerpreise usw. Und es regnete immer lauter mit einer zähen und erbitterten Leidenschaftlichkeit, in oft wechselndem Takte, der etwas ebenso Aufregendes und Trostloses hatte. Ich war nahe daran, meine von zu Hause mitgebrachte und durch den Hechtfang noch erhöhte schöne Morgenfreudigkeit zu verlieren. Da hörte ich, während ich mir die Pfeife frisch stopfte, daß der Wirt den verdrießlichen Alten als JakLbeli anredete, und beim Klange des Namens fielen mir allerlei Geschichten ein. Lom Jaköbeli hatte ich viel reden hören. Er war ein thuringanischer Fischer, den man weit herum im Volke kannte, ein Sonderling und Trinker, mit einem totid) ins Verrückte und einer merkwürdig glücklichen chand beim Fischen. Er wisse alle Wetterregeln und Kalendersachen unfehlbar auswendig, hatte ich sagen hören, und vielleicht auch noch manche Künste, die nicht jeder verstehe. Je länger ich nun den Alten betrachtete, desto fester war ich überzeugt, er müsse der Jaköbeli sein. Also warf ich ihm ein paar Bemerkungen übers Wetter hin, über diesen ungewöhnlich heißen Sommer, die frühen Septembernebel und die Aussichten für den heurigen Wein. Jaköbeli ließ mich eine Weile reden, äugte ernsthaft zu mir herüber und räusperte sich ein paarmal. Dann machte er plötzlich, indem er sein Gläschen beiseite schob, eine großmütige, abwinkende und Gehör erbittende Gebärde wie ein alter Prophet und begann zu reden. Dieser Sommer, sagte er, jawohl mein Herr, ist ein besonderer Sommer gewesen, und ich sage gar nichts, aber man wird schon sehen, was alsdann kommen wird, mein Herr. Viel Nuß und Haselnuß, das gibt einen strengen Winter, und viel Bucheln und Eicheln, das gibt große Kälte. Es heißt auch: Ist St. Dominik trocken und heiß, so wird der Winter lange weiß. So ist's wirklich und wahrhaftig. Aber das will ja noch wenig sagen. Das nächste Jahr dagegen, wenn man daran denkt, was ich sage, das wird ein Hungerjahr, ein heißes Jahr. Frucht und Obst wird verbrennen und dörren, desgleichen Gras und Kartoffeln, aber viel Kirschen. . Warum denn?, fragte ich. Er winkte verächtlich ab. Was ich sage, mein geehrter Herr. Das nächste Jahr wird ein Sonnenjahr heißen, und die Sonne führt ein gutes Regiment, aber zu trocken und heiß. Auch der Winter wird alsdann noch strenger werden. Wie es vor dreihundert Jahren geschehen ist, daß der Rhein Grundeis gehabt hat und Kinder erfroren in der Wiege. Es folgten noch mehrere Wetterreime, die ich leider vergessen habe. Darauf ein zarter Versuch, mich zum Zahlen eines weiteren Schnapses zu veranlassen; ich überhörte ihn freundlich. Nun klagte er über Nebel und Kühle, schlechten Fischfang und Gliederreißen, nochmals auf die Zuträglichkeit eines wärmenden Schnapses hinweisend, den er sich auch bestellte, und den ich schließlich, seinem flehenden Blick gehorchend, zu bezahlen versprach. Auf das hin wurde er fröhlich, rückte mitteilsam nahe zu mir her und begann fidele Geschichten zu erzählen, meistens von ungeheuerlichen Trinkereien oder fabelhaften Fischzügen. Die beste war folgende: Einmal hatte er in Horn am Zeller See Fische verkauft und das Geld dafür sofort vertrunken. Als er wieder abfahren wollte, war er so bezecht, daß ihn die Strandzöllner nicht ins Boot steigen lassen wollten, denn er war der Ruder nimmer mächtig und der See war unruhig und hatte Schaum. Er fuhr aber trotzdem ab, versuchte eine Strecke zu rudern, sank dann ermüdet ins Boot und schlief ein. Und als er wieder erwachte, trieb sein Nachen gerade an die Schifflände von Steckborn, die er hatte erreichen wollen. Aber noch besser! Zufällig war, was er im Rausche nicht beachtet hatte, seine Schwemmschnur noch ins Wasser gehängt, und wie er sie nun einholen will, muß er aus Leibeskräften ziehen, denn es hängt ein vierzehnpfündiger Hecht daran. Natürlich verkaufte er den Fisch sogleich und konnte sich noch zu Nacht einen zweiten Rausch leisten. Ich gab dem Jaköbli zu verstehen, diese Sorte von Geschichten sei nicht die schönste und er sei doch eigentlich zu alt für solche Streiche. Da streckt er wieder mit großartiger Bewegung die Hand gegen mich aus, streicht sich den Bart und beginnt wieder Hochdeutsch zu reden. (Sie Geschichten hatte er im Dialekt erzählt.) Zum Fischen, mein guter Herr, gehört einfach Glück, nichts als Glück. Da kann einer dreimal mit Segeln fahren, silberne Hechtlöffel kaufen und solches Zeug, das hilft alles nichts. Es kann einer den größten Heidenrausch haben und fängt doch mehr. Nämlich, der eine hat Glück und der andere hat keins. Es ist nur, daß man in einem guten Stern- und Himmelszeichen geboren ist, verstehen Sie? Ich verstand. Aber als er mich nun herausfordernd überlegen anblickte, und nochmals einen Schnaps bezahlt haben wollte, fand er mich unerbittlich. Eine gute Weile schwieg er feindselig und spuckte häufig auf den Boden, dann aber begann er, zum Wirt gewendet, anzügliche Reden zu führen. Du hast ja neuerdings fcheint's großen Fremdenverkehr — hm — fremde Herrschaften, ja — hm. Früher ist man da drinnen noch unter sich gewesen — jawohl, sag' ich, unter sich gewesen. Könntest ja auch noch Hotelier werden, du, wenn's so weiter geht. Weißt, für so fremde Herren, so feine. Jawohl. Hotelier, da wird noch Geld verdient. — Und so weiter. Dieser Ton war mir aus anderen Fischerschenken unheimlich bekannt, und es gefiel mir gar nicht, daß der Wirt und noch viel mehr der Sohn soviel husteten und das Lachen verbissen, und mich ansahen wie die Aasgeier. Es schien mir plötzlich, als wollte der Regen anfangen nachzulasfen. So fragte ich denn, was ich schuldig sei, zahlte schnell, aber ohne ein Trinkgeld zu geben, und verließ die ungastliche Bude mit einem höflichen Gruß, der mit keiner Silbe beantwortet wurde. Statt dessen brach hinter mir, noch ehe die Türe zu war, ein boshaftes Gelächter aus. Am liebsten wäre ich umgekehrt und hätte den Grobianen meine Meinung gesagt oder mich zum Trotz erst recht fest hinter den Tisch gesetzt. Aber da fiel mir ein Abend in Basel ein, wo ich einst mit zwei Freunden zusammen einen arglosen Berliner Gast mit allen Schikanen aus unserer Stammkneipe weggeekelt hatte, und ich gab beschämt den Fischern recht. Zugleich fiel mir auch ein, daß ich allein und die drinnen zu dreien waren. Und so segelte ich langsam nach Hause zurück, wo ich bald nach Mittag durchnäßt ankam und meiner schon ängstlich gewordenen Frau den gefangenen Hecht, die Erlebnisse des Morgens und die Wetterprophezeiung des ölten Jaköbli auspackte. Die Räuber im Olymp. Von E. v. Ungern-Sternberg. Anstatt der fröhlichen Götter des alten Hellas bevölkern im modernen Griechenland Räuber die heiligen Haine und Felsen des Olymp. Aber es sind nicht etwa Strauchdiebe und Beutelschneider, die die hehre Erbschaft des Zeus und der Athene angetreten haben, nein, es sind Ritter der Berge, die der edlen Profession eines Rinaldo Rinaldini und eines Karl Moor Ehre machen, und die sich mit einer Aureole von Romantik zu umgeben verstehen, die ihnen die Sympathien aller, die in unserer nüchternen Zeit das Abenteuer suchen, sichern. Der griechische Räuber schont und beschützt die Armen, er plündert nur die Reichen aus, fordert Löse- gelder, mit denen er Bedürftige unterstützt, kämpft mit Tapferkeit gegen Polizei und Gendarmen, er meidet auch jedes unnötige Blutvergießen. Die Räuber bezeichnen sich selbst als Fürsten der Berge. Ihr Reich ist wild und zerklüftet, es beginnt, bald nachdem man die Hauptstadt Athen verlassen hat. Man fährt zwischen Bergen dahin, die wie Steinhaufen ausfehen. Zu ihren Füßen blühen noch immer wie zu den Zeiten des Perikles Myrthen und Lorbeer. Zwergtannen ragen in tiefem Grün zwischen den Klüften, und am Horizont glänzt ein Heller Strich, schaumgekrönt und wogend, es ist dasselbe Meer, wo Aphrodite geboren wurde und wo Odysseus seine Irrfahrten unternahm. Die Landleute und Hirten haben ihre Zelte aus Furcht vor den Wölfen auf die Spitze der Felskugel gefetzt. In der nächtlichen Stille schweigen die Zypressen und Delbäume, die Wacholder und Oleandersträuche bewegen sich nicht, bis der Mond als riesiger Granatapfel über Attika emporschwimmt und Räuber und Schafhirten ihre Schlupfwinkel verlassen. In den Schluchten versteckt sich Nymphenheimlichkeit. Felder von wilden Narzissen strömen einen sanften Dust aus. Aus den Hütten der Bergdörfer treten Frauen von wilder Schönheit an den Ziehbrunnen, der noch aus der Patriarchenzeit stammen mag, und lassen den Eimer in die schwarze Tiefe gleiten. Von den Männern weiß man nicht, ob sie friedliche Hirten sind ober ob sie hinter den Felsenvorsprung treten und dem Fremden mit der Büchse im Arm auflauern werden. Eine besondere Berühmtheit hat jetzt der Räuberhauptmann Tsatsas erlangt, der kürzlich etwa 130 Touristen auf einmal gefangen nahm, die, nichts Väses ahnend, sich in sein Berggebiet gewagt hatten. Auch er blieb der noblen Räubertradition treu. Er ließ z. B. die Gemahlin eines reichen Bankiers frei, die mit ihrem kleinen Töchterchen reifte, weil er in feiner Höhle keine „Kleinkinberbewahranstalt" habe und für das Mädel nicht sorgen könne. Allerdings fordert er, daß man ihm nachträglich ein bedeutendes Lösegeld zustelle. Auch ein paar Offiziere und Studenten entließ er gnädig, da von ihnen doch nichts zu holen fei, und er sie nicht daran hindern wollte, ihren üblichen Kaffee in Athen zu trinken. Nur vier reiche Kaufleute und einen Politiker entführte er in seinen Schlupfwinkel mit dem Versprechen, sie nach Empfang eines Lösegeldes von einigen Millionen Drachmen wieder in Freiheit zu setzen, andernfalls sie sterben müßten. Da die Räuber als ©entfernen ihr Wort zu halten pflegen, so wird das Lösegelb sicherlich gezahlt werden. Trifft nämlich die geforderte Summe nicht pünktlich an einem angegebenen Orte ein, so ist damit das Todesurteil über den Gefangenen unwiderruflich gesprochen. Wird aber das Lösegeld gezahlt, so findet in der Räuberhöhle ein Freudenfest statt, an dem der Entführte teilnimmt. Er wird bewirtet, Freundschaftsbeteuerungen werden gewechselt, meistens wird ihm vom Lösegeld auch noch eine kleine Summe als Wegzehrung und Geschenk überreicht. Er kann nun ruhig durch die einsamen ®erge gehen, er sieht unter dem Schutz des Räuberhauptmanns, und kein Haar darf ihm gekrümmt werden. Man behauptet, daß die Räuber mächtige Beschützer in Athen und in einigen anderen großen Städten haben, mit denen sie ihre sehr beträchtliche Beute teilen, denn selten gelingt es der Regierung, eine Bande auszuheben, obwohl ein hohes Kopfgeld auf ihre Ergreifung ausgesetzt ist. Aber die Belohnung lockt nicht. Teils aus Anhänglichkeit, teils aus Furcht verrät ihn niemand, und niemand kennt genau (eine Schlupfwinkel in den Bergen. Die Strafe, die den Verräter treffen würde, ist furchtbar, die Rache des Räubers kennt keine Hemmungen. Es ist vorgekommen, daß ein Bauer ober ein Hirte, ber sich bei ben Genbarmen gemeldet hatte, um sie nachts zu den Räubern zu führen, am Morgen zerfleischt vor seiner Hütte gefunden wurde. Fällt aber ein Räuber in einem Kampf mit den Gendarmen ben Salbölen in bie Hänbe, so erwartet auch ihn ein grausamer Tod. Ihm wirb ohne lange Gerichtsverhanblung ber Kopf vom Rumpfe getrennt unb in seinem Heimatsborfe als abschreckendes Beispiel an einen Pfosten genagelt. Aber die Räuber lassen sich keineswegs in ihrem Gewerbe abschrecken, und die Regierung ist bisher machtlos gewesen, dem Räuberunwesen zu steuern. Im Gegenteil finden sich immer mehr Männer, bie der Gesetzlichkeit den Rücken kehren, die Büchse ergreifen, in die Berge flüchten und freie Räuber werden. Die Räuberbanden beschränken sich nicht allein auf den Olymp. Vor etwas weniger als einem Jahre vollführten sie einen kühnen Brigantenstreich in der Gegend von Janina, ber nicht weniger als ber Ueberfall Tsatsas auf bie Touristenkarawane von sich reben machte. Sie nahmen auf offener Straße ben Staatssekretär im Finanzministerium Mylonas unb ben reichen Parlaments« abgeorbneten Melas gefangen unb entführten sie in bie Berge. Sie verlangten für bie beiben Herren ein ßöfegelb von 5 Millionen Drachmen. Da sie bie Regierung nicht zwingen konnten, bas Gelb aufzubringen, folgten sie dem Beispiel Dionys bes Tyrannen unb entließen Melas auf Ehrenwort in feine Heimat, um bie Summe zu beschaffen. Ihm wurden bie Augen verbunden und in bunfeler Nacht wurde er auf der Landstraße nach Janina ausgesetzt. Da Melas aber zur festgesetzten Frist nur etwa eine Million aufbringen konnte, so kehrte er, getreu feinem Wort und um das Leben des Freundes zu retten, mit der erhaltenen Teilsumme an den festgesetzten Treffpunkt zurück, appellierte an die Kitter lichkeit ber Briganten und bat um einen weiteren Aufschub, ber ihm auch gewährt wurde, lieber den Rest stellte er einen Schuldschein aus, an dessen ehrlicher Einlösung die Räuber nicht zweifelten. Ein Rechtsanwalt in Janina, ein gewisser Gyras, der sich öffentlich abfällig über den Rüuberhauptmann geäußert hatte, wurde dafür bestraft. Man fing ihn am Hellen Tage vor dem Gerichtsgebäude ab, verschleppte ihn, ohne daß die Gendarmen eingreifen konnten, in die Berge und ließ ihn nicht eher frei, bevor eine Million Lösegeld für ihn bezahlt worden war. Auch die Tochter des holländischen Konsuls wurde sequestriert und in den Bergen gefangen gehalten, bis auch für sie ein Hohes Lösegeld entrichtet worden war. Die junge Dame hatte sich über ihren Aufenthalt unter den Briganten nicht zu beklagen, man behandelte sie wie eine kleine Prinzessin, tat ihr jeden Gefallen, sorgte für ein weiches Mooslager, Und die Räuberbrüute leisteten ihr am Abend um das Lagerfeuer Gesellschaft. Die Räuberromantik Griechenlands paßt schlecht in das nüchterne 20. Jahrhundert, aber sie bietet Abwechslung im grauen Einerlei der politischen Streitigkeiten unserer Tage. Der europäische Reisende, der Athen und die Akropolis besucht, braucht die Räuber nicht zu fürchten. Er sieht und spürt sie nicht. In seinem Hotel liest er bei einem Glase geharzten Landweins die Räubergeschichten aus dem Olymp, er denkt an die Erzählungen von Karl May, die jetzt in Griechenland wieder aufleben. Oer Galzhaushatt des Körpers. Von Professor Dr. Waltet Arnold!. Schon in früheren Zeiten war es im wifsenschaftlichen Versuch erwiesen, daß Tiere bei ausreichender Ernährung, jedoch mangelhafter Salzzufuhr erkrankten, und daß gewisse Salze in bestimmten Mindest- mcngen unbedingt notwendig zur Erhaltung des Lebens seien. Heber die eigentliche Bedeutung der verschiedenen Salze für die Lebensvorgänge war dagegen nur sehr wenig bekannt. Wichtig und anregend waren folgende Feststellungen: Eine einfache Kochsalzlösung wirkte „giftig" auf die Eier gewisser Meerestiere. Diese Giftwirkung ließ sich durch ganz geringe Zusätze verschiedener anderer Salze ausheben. Ringer, Jacques Loeb und viele andere Untersucher bis in die jüngste Zeit hinein haben sich bemüht, die für die Lebensvorgänge zweckmäßigsten Salzmischungen genau festzulegen. Es gelang ihnen, die Gründe für die Giftwirkung, in einer fehlerhaften Mischung, dadurch aufzuklären, daß sie insbesondere die hohe Bedeutung der gegenseitigen Mengenverhältnisse, z. B. von Natrium-, zu Kalium, zu Calcium-, zu Magnesiumsalzen, von kohlensauren zu phosphorsauren Salzen und zu den Chlorverbindungen nachwiesen. Damit öffneten sich schon einige Möglichkeiten, etwas über den Einfluß des einzelnen Salzes und feiner Bestandteile zu erfahren. Man mußte nur solche Lebensvorgänge genauer verfolgen, auf die die Salze und ihre Bestandteile eine Wirkung ausiiben. Einige Beispiele, bei denen dies möglich ist: Zunächst bestehen zwischen den Salzen und dem Wasserhaushalt enge Beziehungen — ferner zwischen Salzen und gewissen quellbaren Körperbestandteilen (Kolloiden), wie z. B. den Eiweißstoffen — dann zwischen Salzen und elektrischen Vorgängen im Körper — bei der Regelung des Gleichgewichts zwischen sauren und basischen Stoffen im Körper sind die Salze von großer Bedeutung — Wasser- und Stoffbewegung, anderseits die chemischen Umsetzungen von Eiweiß, Fett und Zuckerstoffen sind bis zu einem gewissen Grade an die Beteiligung bestimmter Salze gebunden. Vorbedingung war es allerdings, daß die naturwissenschaftlichen Nachbargebiete, wie die Chemie, die Physik, die physikalische Chemie, neue Betrachtungs- und Forschungsverfahren schufen, die alsdann auch in den Dienst der medizinischen Forschung gestellt werden konnten. So gelangte man über die einfachen Mengen- und Bilanzdestimmungen hinaus auf den Kernpunkt der ganzen Fragestellungen: Welche Aufgaben haben die Bestandteile der einzelnen Salze im Stofshaushalt des Menschen zu erfüllen? Betrachten wir einmal das Kochsalz. Es besteht aus Natrium und Chlor. Jeder dieser Bestandteile hat seine eigene Bedeutung. Vom Natrium nimmt man an, daß es für den Wassergehalt des Körpers wesentlich sei. Als basisch wirkender Stoss vermag es, nach Abtrennung des Chlors, mit sauren Stoffen Verbindungen einzugehen, oder, anders ausgedrückt, Säuren abzusättigen. Der zweite Bestandteil, das Chlor, ist imstande, sich mit Wasserstoff zu verbinden, also Salzsäure zu bilden, die von gewissen Zellen der Magenwand bei der Verdauung abgesondert wird. Natrium-, Kalium-, Calciumsalze zeichnen sich durch wichtige elektrische Eigenschaften aus und werden deshalb mit dem eine Sonderstellung einnehmenden Magnesium zur Gruppe der Elektrolyte zufammen- gefaßt. Eisen-, Jod-, Phosphor-, Schwefel-, Kieselsäure- usw. Verbindungen kommen in anderen Formen vor und bilden eine zweite Gruppe. Ich brauche kaum hervorzuheben, daß es ein verhängnisvoller Irrtum wäre, diesem oder jenem Salze eine „wichtigere" Rolle etnräumen zu wollen, als einem andern. Jedes einzelne Körpersalz ist an sich unentbehrlich und hat seine eigene Bedeutung. Verschieden sind jedoch die Mengen, die der Mensch täglich braucht, oder die Zeit, die vergehen darf, in der das betreffende Salz ohne Schaden für den Menschen aus der Nahrungszufuhr wegbleiben darf. Nun sollte man glauben, es bedürfe nur des Nachweises, daß bei einem Krankheitszustand dieses oder jenes Salz in zu geringer Menge oder im Heberfluß vorhanden sei, um durch entsprechende Herabsetzung oder Steigerung der Zufuhr einen Ausgleich zu schaffen. Eine derartig einfache Vorschrift ist nur in seltenen Fällen (Nierenerkrankungen) bis 3u einem gewissen Grade berechtigt. Bei regelrechter Kost ist die Menge der zugeführten Salze, von besonderen Umständen abgesehen (z. B. jod- armen Gegenden), ausreichend. Daß es dennoch zu Störungen im Salz- Haushalt kommt, liegt in solchen Fällen nicht an einer unzweckmäßigen -oufuhr, sondern kann auch andere, an die Tätigkeit gewisser Organe, namentlich gewisser Drüsen geknüpfte „innere" Gründe haben. Neue Forschungen hoben uns eine ungemein große Bereicherung unserer Kenntnifle über den Salzhaushalt gebracht. Wir wissen, daß der Mensch täglich einer Zufuhr von etwa 5 Gramm Kochsalz, anderseits von nur etwa 20 Millionstel Gramm Jod als Mindestmenge bedarf. Diese und andere Zahlenangeben sind jedoch annähernd Durchschnittsmengen, die für den einzelnen Menschen je nach Lebensart, Klima, Erkrankungszuständen usw. ganz wesentliche Abweichungen erfahren. Die Körperzellen enthalten je Gramm etwa ein Zehntausendstel Gramm Eisen, ohne welches die Atmung und das Leben der Körperzellen nicht möglich ist. Aber es handelt sich da keineswegs um „irgendeine" Eisenverbindung, in der das Eisen wirksam sein kann, sondern um ganz bestimmte. Es gibt im Körper andere Eisenverbindungen, die für die Atmung nicht in Betracht kommen. — Der Hauptjodspeicher ist die Schilddrüse. Wiederum handelt es sich um ganz bestimmte Jodverbindungen. Der Körper stellt sich aus gewissen notwendigen Bausteinen selbst die geeigneten Salzverbindungen her. Er kann nur selbst die früher erwähnten richtigen gegenseitigen Mengenverhältnisse der als Elektrizitätsträger sich betätigenden Salze abstufen. Er kann ferner nur selbst gewissen Salzen die geeignete Form (z. B. ionisiert oder entionisiert) geben. Wenn man also wirklich begründete Heberlegungen und nicht nur durchaus unsichere einfache Aehnlichkeitsschlüsse aus gewissen, sehr groben Beobachtungen ziehen will, wird man mit allen Behauptungen über die allgemeine Zweckmäßigkeit der Zufuhr dieser oder jener Salze recht zurückhaltend sein müssen. Nicht einmal bei verschiedenen Personen mit den gleichen Krankheitszuständen sind solche Verallgemeinerungen angebracht. Den Weg, den gewisse Sonderlinge einschlagen und für den sie ihre Trommel schlagen, hat mit einer vorurteilslosen, kritischen Bearbeitung nichts zu tun. Es wäre jedoch vermessen, würde etwa die Wissenschaft an den mitunter ausgezeichneten Beobachtungen des Volkes, d. h. also von Nichtfachleuten, achtlos vorbeigehen. Sie wird diese Beobachtungen ruhig und sachlich prüfen, sich bemühen, die Zusammenhänge aufzuklären, und sie dann in den vorhandenen Wissensfchatz einreihen oder ablehnen. Oer Gasthof zu den drei Monarchen. Novelle von Alfons v. C z i b u l k a. (Schluß.) Eben hatten endlich doch die letzten Gäste das Wirtshaus verlassen. Auch im Garten faß keiner mehr, weil es in Strömen regnete, und man keine zwei Schritte weit sah. Adrian Krafft kletterte gerade auf eine kleine Leiter, um die Laterne über seinem Schilde zu löschen, da hörte er das Geklapper von Hufen auf den Katzenköpfen und eine Stimme, die im Befehlstone rief: „He, Bürger, wo ist das beste Wirtshaus hier?" — Worauf eine andere antwortete: „Dort das Licht! Das ist der „Goldene Ochs", gut — aber grob!" Gleich darauf war das Geklapper wieder zu hören und hinter dem Wirt tauchte aus dem niederrauschenden Dunkel eine Pferdenafe im Lichtkreise auf. Adrian Krafft meinte in dem Reiter einen preußischen Osiszier zu erkennen, hinter dem als ein Schatten im Nebel noch ein Husar auf einem Gaule hielt. Der Offizier sprang aus dem Sattel, warf der Ordonnanz den Zügel zu, besah sich musternd die Hauswand des Gasthoss und befahl, indes der Wirt noch oben auf feiner Leiter stand: „Zeig Er mir feine Zimmer!" Langsam kroch Adrian Krafft von seinem Hochsitz herunter und antwortete mürrisch: „Jetzt ist Schlafenszeit. Was wird's an den Zimmern viel zu sehen geben! Ist doch eins wie das andere." Doch da faßte ihn der Offizier schon am Kragen, drehte ihn zum Tore herum und herrschte ihn an: „Er, Lümmel Er! Ist Er des Teufels? Vorwärts, hol' Er Licht und marfchier' Er voran!" Flegel sind nicht immer die Tapfersten, und so holte der Wirt, ohne noch ein Wort zu sagen, eine Lampe aus der Gaststube und wackelte gehorsam, gefolgt von seinem späten Gast, die Treppe hinauf. Indes der Husar mit den Pferden fluchend nach dem Stallknecht rief. Oben auf dem Gange fragte der Offizier: „Wo sind die besten Zimmer?" Der Wirt riß drei Türen auf und antwortete: „Hier, Eure Gnaden, die drei. Haben Morgenfonne, sehen alle auf die Wiesen und Felder hinaus ..." „Das genügt mir. Ich sehe schon. Also, hör' Er, Wirt, Er hat Glück. Verdient's eigentlich gar nicht. Denn er ist ein Flegel. Bekommt Einquartierung heute. Drei hohe Herren mit einem kleinen Stab. Schass' Er an Essen und Trinken herbei, was Er nur hat. Gänse, Enten, Kapaune, Puten ..." „Jetzt zu nachtschlafender Zeit? Wird wohl nicht gehen. Waren gestern über hundert Studenten und Schauspieler bei mir. Haden alles leer gefressen." „Leih' Er sich, was Er braucht von den andern Wirten oder den Bürgern!" „Herr, es geht auf Mitternacht. Ich kann die Leute nicht aus dem Schlafe trommeln." „Trommle Er nur! Weiß, daß die Bürger Schlafhauben sind — aber," und der Offizier schmunzelte vergnügt, als genösse er schon im voraus die Wirkung seiner Worte, „für die drei Monarchen kann Er doch wohl eine Ausnahme machen?" Adrian Krafft schnappte nach Luft wie ein Karpfen, riß das Käppchen von seinem kahlen Schädel, was er, feit er Wirt gewesen, noch niemals getan und stotterte: „Jst's möglich, Euer Gnaden — die drei Monarchen?" „Ja, so tst's", antwortete der Offizier und lachte über die Verblüffung des Wirts. „Mein allergnädigster Herr, der König und dessen hohe Verbündete, der Kaiser von Oesterreich und der Zar aller Reußen. Nun will Er jetzt wohl feine Bürger inkommodieren? Aber halt Er den Schnabel. Sag Er nur, daß Er fo spät noch Gäste bekommt. Generale, wenn Er will. So, aber jetzt scher' Er sich.--Halt! Mir gibt Er inzwischen, was Er eben hat. Hat Er Johannisberger? Ein kaltes Huhn? Vortrefflich. Meinem Husaren geb' Er Vier. Das heißt, nein — auch Johannisberger. Soll mal was Gutes haben, der Kerl. — Und nun lauf Er! Zwei Stunden hat Er Zeit." Während der Offizier es sich in der Gaststube behaglich machte, kollerte Adrian Krafft, dem sich das Hirn wie ein Kreisel drehte, durchs Haus, weckte seine Alte und die Mägde und lief dann selbst, von zwei Knechten mit Körben begleitet zur „Fetten Ente", zum „Bären" und zum „Schimmel". Weckte auch den oder jenen Bürger und kaufte Enten, Gänse, Kapaunen, Puten und Wein. Ueberall mußte er das Dreifache des Wertes bezahlen, weil die Menschen die Bedrängnis ihres Nächsten auszunützen lieben. Doch"zahlte der Wirt, ohne auch nur einen Kreuzer abzuhandeln, da er ja wußte, daß die drei Monarchen ihm jede Gans mit Gold aufwiegen würden. Bald schmorte und prasselte es in den Pfannen und Röhren, und in den Stuben und Küchen war ein Kommen und Gehen mit Lichtern, daß die wenigen Bürger, die noch wach waren, sich wunderten, was beim „Goldenen Ochsen" so spät noch geschähe. In der großen Gaststube wurde in der Mitte ein Tisch mit weißem Linnen wie zu einer Hochzeit gedeckt. An den Fensterscheiben putzte schnaufend noch die Wirtin, als ferne, durch das Rauschen des Regens gedämpft, schon Wagenrollen zu hören war. Der Rittmeister, der eben einer dritten Flasche Johannisberger — drei Taler das Stück — den Hals gebrochen, fuhr auf, stülpte den Kalpak aufs Haupt und klirrte in die Torfahrt hinaus. Dort standen schon mit roten Köpfen aufgeregt der Wirt und die Wirtin, dahinter die Dienstleute, mit den Händen verlegen über ihre Schürzen wischend. Als der Offizier hinaus auf den Hauptplatz treten wollte, wo der Husar eine Laterne hochhielt, bogen die Wagen rumpelnd in die Torfahrt ein. Aus dem ersten stiegen vier hohe Offiziere, aus dem zweiten drei andere-, denen der Rittmeister behilflich war und dann Meldung erstattete. Dann schritten alle hinter dem Wirt, der vor lauter Ehrfurcht mit feinem Käppchen unaufhörlich den Boden fegte, der Gaststube zu. Bald saßen der Kaiser Franz, der König von Preußen und der Zar, zwei Feldmarschülle, ein General, ein Obrist und der Rittmeister um die Tafel herum. Und es verschwanden die Gänse, Enten, Kapaune und Puten wie Spatzen, und der teure, goldgelbe Wein floß in Strömen. So daß dem Wirt über die Rechnung, die er zu präsentieren gedachte, das Herz in Rührung zerfloß. Draußen in der Küche schlug die Wirtin die Hände vor Erstaunen zusammen. Denn sie wußte nicht, worüber sie sich mehr wundern solle. Daß Kaiser, Könige und Marschälle noch mehr zu essen vermochten als die Studenten. Oder darüber, daß der Zar Alexander dem Liebhaber der Schauspielertruppe wirklich so ähnlich sehe wie ein Ei dem andern. Und sie ließ immer neue Pfannkuchen in den Schüsseln sich türmen. Als auch diese vertilgt, und die Speisen abgetragen waren, nur noch der Wein auf der Tafel stand, sprach der Kaiser Franz, freundlich mit dem Kopfe nickend wie ein Schauspieldirektor, der mit seiner Trupps zufrieden gewesen: „Nun wird uns die Durchlaucht den weiteren Kriegsplan auseinandersetzen." Dabei machte er eine verbindliche Handbewegung auf einen wohlgenährten Herrn im weißen Waffenrock der Oesterreicher. Der Feldmarschall, der ein bartloses, vergnügtes Gesicht und ein würdiges Bäuchlein besaß, erhob sich ein wenig schwerfällig. Verneigte sich vor den Majestäten und sagte leise zum Wirt, der glotzend dastand: „Verschwind' Er!" — Dann ließ er sich vom Obristen eine braune Ledermappe reichen und kramte allerlei Karten und Papier hervor. Während Abrian Krafft, von Neugierde geplagt, in den Gang des ersten Stockwerkes stieg, wo ein Ochsenauge hinein in die Gaststube führte. Der Vortrag des Marschalls war wohl von militärischer Kürze gewesen, denn er ging schon zu Ende, als oben der Wirt, von der Dunkelheit geschützt, leise den einen Flügel des Ochsenauges öffnete. Er hörte den Feldherrn nur noch fragen, ob er nun alleruntertänigst den Schlachtplan aufzeichnen dürfe. Während die beiden Kaiser und der König freundlich nickten, und die ganze Tafelrunde so fröhlich lachte, als hätte sie den Kaiser Napoleon schon beim Kragen, trat der Marschall an die schwarze Tafel, auf der die Schulden der Studenten standen. Damit er besser sehen könne, hob der Rittmeister, der Quartier gemacht, eine Lampe. Wie so das grelle Licht auf den Feldmarschall schien, fiel es Adrian Krafft plötzlich ein, daß dies wohl der Generalissimus der Alli- ierten sein müsse, weil er wirklich dem Komiker der Schauspielertruppe wie ein Zwillingsbruder ähnle, wie am vergangenen Abend der Liebhaber verkündet hatte. Doch sand der Wirt keine Zeit, über diese Aehnlichkeit zu staunen, denn drunten nahm der Marschall und Generalissimus den Schwamm, der neben der Tafel hing und löschte mit zwei temperamentvollen Schwüngen das Sündenregister der Studenten. Ehe er seinen Schlachtplan aufzuzeichnen begann. Worüber Adrian Krafft einen schmerzhaften Stich im Herzen verspürte. Und nur mit Mühe unterdrückte er einen Fluch, als unten die drei Monarchen sich über diese Handlung gar nicht empörten, sondern fo schallend auflachten, daß er sich wunderte, wie Kaiser und Könige sich so ungebührlich benehmen konnten. Denn es bekam der Kaiser Franz vor lauter Lachen einen roten Kops. Es schlug sich der König von Preußen klatschend auf den Schenkel, und der Zar aller Reußen lehnte im Stuhle und rief: „Kinder, ich kann nicht mehr!" Weil aber Adrian Krafft, über solches Betragen feinen Kopf schüttelnd, an den Fensterrahmen des Ochsenauges stieß, daß es leise klirrte, fanden die drunten ihre fürstliche Würde wieder. Worauf der Generalissimus in Ruhe auf der Tafel Vierecke, Kreise, Pfeile und Linien zeichnete. Von den einen sagte, es wären die Verbündeten, während die anderen das Heer des Kaisers Napoleon vorstellten, der somit wie eine Maus in der Falle süße. Als er feine Rede beendet, begab sich der Marschall zur Tafel zurück. Nach einer Weile erschien wieder dienstbereit der Wirt. Da sahen die Fürsten und Marschälle, nachdem sie während des Vortrages noch gut ein jeder eine Flasche geleert, wieder würdig um den Tisch herum. So daß Adrian Krafft sich dachte, daß auch so hohe Herren sich aufs Heucheln verstünden. Da erhoben sich der Zar und der Kaiser, und der Wirt fragte leise den Rittmeister, ob die Majestäten nun zu Bette gingen. Doch er bekam zur Antwort, daß daran leider nicht zu denken fei, da man unverzüglich aufbrechen müsse, um den Kaiser Napoleon noch am Morgen aus den Federn zu rütteln. Eben als der Offizier nach diesem Bescheide bi» Stube verließ, um nach den Wagen zu sehen, rief der König von Preußen, der noch an der Tafel faß, nach dem Wirt. „Hör' Er," fragte der König, „hier in der Gegend ist doch eine meiner Universitäten? Da kehren wohl die Studenten häufig bei ihm ein?" „Gewiß, Majestät, alle Tage fast", antwortete dienstbeflissen der Wirt. „Zahlen sie auch brav?" „Halten zu Gnaden, Majestät, nicht eben rasch. Ich muß Geduld haben und fleißiger antreiben als mir lieb ist", stotterte Adrian Krafft und schielte nach der schwarzen Tafel, als könne er es immer noch nicht glauben, daß dort der Schlachtplan gegen den Kaiser Napoleon das Sündenregister der Studenten nbgelöft hatte. Die Augen des Königs folgten dem Blicke des Wirts: „Ich verstehe. Da hat unsere Durchlaucht im Eifer die Schulden der Studiosis gelöscht. Mach' Er sich nichts draus. Wird mit dem übrigen bezahlt. Sollen auch was davon merken, die Studenten, daß ihr König in ihrer Nähe weilte. Drum regulier' Er sie auch einen Monat lang auf meine Kosten. Schick' Er dann feine ganze Forderung an meine Rechnungskammer nach Berlin. Hat Er verstanden?" Der Wirt, vor dessen Äugen Taler und Zahlen tanzten, dienerte noch, als der König sich schon erhoben. Darum sah er auch nicht, daß der Rittmeister eintrat und wieder Meldung erstattete: Erst als man ihn rief, blickte er auf. Der König fragte: „Wirt, hat Er einen Gaul, auf dem man reite» kann? Das Pferd des Rittmeisters lahmt, und er muß heute noch zur Armee. Hat Er eins? Es darf taufend Taler kosten." Adrian Krafft überlegte nicht lange. Taufend Taler! Keine dreihundert war der verpfändete Gaul des Studenten wert. Da würde man mit dem Herrn Studiosus wohl leicht ins Reine kommen. So antwortete Adria» Krafft, daß er einen schönen Rappen habe, der wohl tausend Taler wert fei. Da lachte der König und rief: „Wirt, Er ist ein Filou. Schreib' Er den Gaul auf die Rechnung!" Dann schritt er hinter dem Kaiser und dem Zaren in die Torfahrt hinaus, wo schon die Wagen hielten. Adrian Krafft hatte eben noch Zeit einen Bückling zu tun, da zöge» auch schon die Pferde an, und die drei Monarchen mit ihren Feldherren verschwanden unter Wagengerassel im Dunkel der Nacht. Einen Augenblick später fegte der Rittmeister auf dem Rappen zum Tore hinaus. Während die Ordonnanz, den Schimmel des Offiziers als Handpferd führend und mit der glühenden Pfeife gnädig zum Abschied winkend, hinterdrein ritt. Und weil der Schimmel gar nicht lahmte, fo freute sich der Wirt doppelt über den guten Handel. Nur hätte er gedacht, daß ein preußischer Husar mehr von Pferden verstünde. * Am Morgen liefen die Bürger, denen der Wirt, von Stolz gebläht, gesagt hatte, daß eben in der Gegend eine Hauptschlacht geschlagen werde, — was er nach dieser Nacht ja wissen mußte — auf die Hügel hinaus. Als sie am Nachmittage mißmutig heimkehrten, weil von einer Schlacht nichts zu sehen und auch nicht der sanfteste Kanonendonner zu hören war, hing über dem Tore des „Goldenen Ochsen", noch vo» nasser Farbe glänzend, schon ein mächtiges Schild „Gasthof zu den drei Monarche n". Bald kamen auch die ersten Studenten, denen Adrian Krafft gnädig und aufgeräumt sagte, sie konnten nun einen Monat lang essen und trinken so viel sie nur wollten. Je mehr, desto besser. Es zahle alles der König von Preußen. Was dieser freilich nicht tat. Doch das merkte der Wirt erst später. Als er nämlich sechs Wochen nach seiner Rechnungslegung in die Stadt zum 2lfitt befohlen wurde. Dort fuhr in einer Stube, nachdem er feinen Namen genannt — Adrian Krafft, Wirt „Zu den drei Monarchen" —, ein Amtmann mit puterrotem Kopf auf ihn los. Hiekt ihm die Rechnung über die Studentenschuld und die Monarchentafel, über den Rappen und den Freitisch unter die Nase und schrie, was dieser Unfug wohl bedeuten solle, ob er im Kopfe nicht richtig sei ober zu viel getrunken habe. Von einem Monarchenbesuch beim „Golbenen Ochsenwirt" wisse man nichts in Berlin. Doch als der Wirt, ftotternb unb in immer rafenberem Sturze aus den Wolken fallenb, von jener Nacht erzählte unb wie bie Monarchen unb vor allem ber König fo gnädig gewesen, da schlug ihm der Amtmann, der nun rot vor Lachen war, auf die Schulter unb sprach: „Mann, was feib Ihr für ein Esel!" Da erst merkte Abrian Krafft, baß die Schauspieler ihre letzte ^Vorstellung nicht drüben im Stadtsaal, sondern int „Goldenen Ochsen" gegeben. Nun begriff er, warum der Generalissimus dem Komiker so ähnelte, der Zar dem Liebhaber glich, der Kaiser Franz würdig wie ein Heldenvater dreingesehen, der König sich schallend auf den Schenkel geschlagen, und der Schimmel des Rittmeisters nicht lahmte. Weil aber bie Schauspieler längst über bie Grenze ber preußischen Staaten waren, man auch bie beiben bemoosten Häupter, die den Unfug ausgeheckt, nicht finden konnte, so mußte Adrian Krafft den „Goldenen Ochsen" verkaufen, um dem Gespött zu entgehen und seine Schulden zu bezahlen. Der neue Besitzer aber, ber Sinn für Humor hatte, ließ es beim neuen Namen beroenben. So daß bas Wirtshaus heute noch „GastM zu ben brei Monarchen" heißt, wiewohl niemals ein regierenber Herr über feine Schwelle getreten ist. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerfitäts-Duch-und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.