SiehenerAmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <929 Montag, den März Kummer 20 Die Stunde schlug ... Von Theodor Storm. Die Stunde schlug, und deine Hand liegt zitternd in der meinen, an meine Lippen streiften schon mit scheuem Druck die deinen. Es zuckten aus dem vollen Kelch elektrisch schon die Funken; o fasse Mut und fliehe nicht, bevor wir ganz getrunken! Die Lippen, die mich so berührt, sind nicht mehr deine eignen; sie können doch, solang du lebst. Die meinen nicht verleugnen. Die Lippen, die sich so berührt, sind rettungslos gefangen; spät oder früh, sie müssen doch sich tödlich heimverlangen. Dee Schuster von London. Erzählung von Kory T o w s k a. Marquis von St. Herem, ein zäher Diplomat und Mann von stolzer, kalter Denkart, war Gesandter Frankreichs am Hof der Königin Elisabeth von England. Als er eines Tages ein Paar neue Schuhe brauchte und sich nach dem besten Schuhmacher Londons erkundigte, nannte man ihm einen gewissen Vezins. Er berief diesen und war im höchsten Grade erstaunt, einen jungen Mann von reizendem Aussehen und tadellosem Anstand zu finden, den er, hätte er ihn in besserem Anzug irgendwo getroffen, gewiß für einen Edelmann gehalten hätte Während er sich von ihm Maß nehmen ließ, trat zufällig seine Tochter Anne ins Zimmer und der Marquis befahl dem Vezins, feiner Tochter gleichfalls ein Paar Schuhe anzumessen. Das junge Mädchen, ebenso betroffen wie ihr Vater von der Schönheit und Anmut des jungen Menschen, wagte kaum, dem Befehle nachzukommen. Als der junge Handwerker ihren Fuß in feinen Händen hielt, fuhr ein Zittern über ihren Körper. Auch die Hände des jungen Mannes zitterten, kaum konnten sie das Maßband halten. Und was etwa feine Bläffe und fein Beben noch verschwiegen, das sagte ihr der Blick, mit dem er zu ihr aufschaute. Wie ein Wetterstrahl war die Liebe in die beiden jugendlichen Herzen gefahren. Der Marquis hatte nichts davon bemerkt und ahnte nicht, mit welch herzbeklemmender Ungeduld feine Tochter dem Augenblick entgegen- harrte, da der schöne Jüngling die fertigen Schuhe bringen würde. Der arme Bursche war lange mit sich uneins, ob er die Schuhe selbst hintragen ober einen Boten senden solle. Wer war er und wen liebte er! Diese Liede konnte ihm nur Unglück bringen. Je schneller er die hoffnungslose Leidenschaft erstickte, desto besser für ihn. Trotzdem siegte schließlich der Wunsch, die Angebetete wiederzusehen und mit Herzklopfen betrat er neuerlich das Gemach. Des Fräuleins rührender Ton, der Wechsel von Röte und Blässe auf ihren Wangen, die Verwirrung ihrer Worte und Blicke gaben ihm bei diesem Besuch die Gewißheit, daß seine Liebe nicht hoffnungslos fei, soweit es sich um das Fräulein selbst handelte. Was ihr Vater dazu sagen wurde, danach fragte er in diesem Augenblick nicht. Sein Herz jubelte auf, kaum blieb er feiner mächtig genug, sich vor Herrn von St. Herem nicht zu verraten. Dieser war mit der Arbeit zufrieden und versprach weitere Aufträge. Der Blick aber, den das Fräulein dem Schuhmacher beim Abschied schenkte, beschwor ihn, nicht auf ein paar zerrissene Sohlen zu warten und seine Augen versprochen es ihr. Das Herz von den kühnsten Hoffnungen geschwellt, stürmte er so heftig durch das Vorzimmer, daß er mit einem vornehmen Herrn zufammenstieß, bei dem er sich artig entschuldigte. Dieser Herr, Chevalier Francois de la Staue, bet, soeben aus Frankreich angekommen, sich beim Gesandten seines Landes melden wollte, erkundigte sich im Laufe des Gesprächs, wer der hübsche Junge gewesen sei, den er im Vorzimmer getroffen und dessen Aussehen und Manieren in einem so seltsamen Gegensatz zu feiner bescheidenen Kleidung stünden. Als er die Antwort erhielt: „Der Schuster Vezins", ging es wie ein Auck durch seinen Körper. „Vezins, sagen Sie?" fragte er in einer Erregung, die der Marquis nicht verstand. „Und Schuster?" fügte er kopfschüttelnd hinzu. „Ist der junge Mann Franzose?" Der Marquis zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er gut arbeitet und ®a6 Ich ihn empfehlen kann." Woraus Herr de la Noue von etwas anderem sprach. In ihrem Gemach erwog unterdessen das Mädchen die Aussichten ihrer Liebe. Sie waren trübe genug. Was half es, daß der (Beliebte wert war. Ahnen, Rang und Vermögen zu besitzen? Da er sie nicht besaß, konnte er niemals der ihre werden. Ihren Vater anzuflehen, wäre vergebens gewesen. Während Anne de St. Herem sich solchen trüben Gedanken überließ, schwelgte ihr Anbeter in der Erinnerung an das Geständnis ihrer Liebe, das ihr Auge ihm so unwiderleglich vermittelt hatte. Und vor diesem Geständnis schwand aller Kleinmut dahin, alle vernünftigen Erwägungen und gesellschaftlichen Bedenken. Er wollte, er muhte die Geliebte erringen. Da die übrigen Wege verrammelt waren, blieb nur die Flucht. Doch wohin? Das war die einzige Frage, die ihm noch Kopfzerbrechen machte. Doch der Gott der Liebe, so hoffte er, werde ihm auch weiter hilfreich sein. Und er behielt recht. Noch am selben Tage wurde er zu Herrn de la Noue gerufen, um ihm ein paar Schuhe anzumeffen. Während er seine Arbeit tat, ruhten die Blicke des Chevaliers sonderbar forschend aus seinem Antlitz. Unablässig hatten sich die Gedanken des alten Mannes in den letzten Stunden mit dem Jüngling befaßt. Den Namen Vezins hatte des Herrn de la Noue einzige Schwester getragen, die er vor fünfundzwanzig Jahren an den Grafen Vezins, einen sehr reichen Edelmann zu Anjou, verheiratete. Die Ehe gestaltete sich unglücklich, weil Kindersegen ausblieb. Als endlich nach a Jahren ein Knabe geboren wurde, war es für die Gräfin zu spätz. elle d'Ariagnan, ein Fräulein aus vornehmem aber verarmten Haufe, befaß des Grafen Herz und bald auch feine Hand, denn die Gräfin, gebrochen durch Kummer und Demütigungen, siechte an den Folgen der Geburt hin und starb bald darauf. Das Knäblein folgte ihr in Kurzem. Niemals hatte Francois de la Noue das Los feiner einzigen Schwester verwinden können. Dieser Kummer war schuld, baß er unvermählt blieb und sich ganz dem Kriegshandwerk widmete, das ihm den Namen „Der Eisenarm eintrug. Nun traf er hier in England einen jungen Menschen, der nicht nur die unvergessenen geliebten Züge der Schwester trug, sondern auch ihren Namen und der, den Jahren nach, wohl ihr Sohn sein konnte. Von diesem Augenblick an war es des alten Kriegsmannes einziges Bestreben, sich Gewißheit zu verschaffen, ob er hier nur vor einem Spiel des Zufalls stand ober vor der Lösung eines Verbrechens. Ein halb vergessenes Gerücht war in ihm aufaetaucht, daß der Tod der Gräfin von Vezins durch verbrecherische Hand beschleunigt worden sei, und Daran knüpfte sich ihm nun ein zweiter Verdacht: wer die Gräfin getötet hatte, der konnte auch ihren Sohn, den Erben der Vezinsschen Güter, beseitigt haben. Möglichst unbefangen fragte er den jungen Mann nach seiner Herkunft, seinen Ettern. Was er erfuhr, machte seinen Verdacht zur Gewißheit. Der junge Vezins war ein angenommenes Kind, Franzose von Geburt, das fein Pflegevater, ein unbemittelter Handelsmann namens Williams, einst aus Anjou herübergebracht hatte. Da der junge Mann selbst ein mehreres nicht wußte, eilte Herr de la Noue zu dem Pflegevater. Im Anfang wollte dieser brave Mann nicht, mit der Sprache heraus, doch gestand er endlich, daß eine Kammerfrau zu Angers, die er feit Jahren durch feine Handlesreifen kannte, ihm eines Tages heimlich das Würmchen gebracht und ihn weinend gebeten habe, es nach England hinüber zu retten, da ihm zu Angers der Untergang geschworen sei. Das habe er aus Menschlichkeit vollbracht und an dem Kinde sonst getan, was seine geringen Gliicksumstände erlaubten Mit dieser Kunde ausgerüstet, schiffte sich der Chevalier nach Frankreich ein. Dem wackeren William gebot er Verschwiegenheit, bis er die volle Klärung zu Angers erreicht haben würde. Der Handelsmann hielt fein Wort, doch konnte er sich nicht entbrechen, dem Pflegesohn zu sagen, wenn er je im Leben Hilfe brauche, so solle er sich an den Chevalier de la Noue wenden. Was brauchte es mehr für den jungen Verliebten? Die Freistatt der Liebe war gefunden. Fortan gab es für ihn kein Hemmnis mehr. Bald war das Einvernehmen mit Anne hergestellt, und sie war bereit, mit dem Erwählten ihres Herzens nach Frankreich zu fliehen Sie verkaufte heimlich ihren Schmuck, und nun harrten beide nur der Gelegenheit, dem Marquis entweichen zu können. Dazu half eine Einladung der Königin zur Jagd an den Gesandten. Wenige Tage später warfen sich die beiden jungen Menschen Herrn de la Noue in seinem Schloß bet Singers zu Füßen. Dem alten Krieger fiel es nicht schwer, dem Pärchen den verliebte« Streich zu verzeihen. Es war ihm gelungen, mit Hilfe der Aussage Williams und der zum Glück noch lebenden Kammerfrau, die ränkefücht ge, geldgierige und geroiffenlofe Isabelle d'Ariagnan, jetzt Gräfin von Vezins, zu entlarven und der verdienten Strafe und Verachtung zuzuführen. Nichts stand mehr im Wege, den jungen Vezins als gesetzmäßigen Erben seines inzwischen verstorbenen Vaters einzusetzen. Nicht so leicht zur Verzeihung geneigt war der Marquis von St. Herem, der Himmel und Hölle in" Bewegung gesetzt hatte, die Spur der entflohenen Tochter zu finden, was ihm bei feinen Machtmitteln als Gesandter schnell geglückt war. Der stolze Mann glaubte vom Schlag ge- rührt zu werden, als er die Zitternde fand und neben ihr — seinen Scyuster. Erst als er vernahm, daß dieser Schustergeselle des Herrn de la Naue Nesse war, des Grasen Vezins Sohn und im Begriff, von Rat und Parlament zu Anjou feierlich in alle Rechte dieser berühmten Fa- milie eingesetzt zu werden, söhnte er sich mit der Wahl seiner Tochter aus und das liebende Paar konnte am Altar den Bund ewiger Treue schließen. Jahre vergingen. Drei liebliche Kinder umspielten die glücklichen Eltern, und die Tage flössen dahin in ungetrübter Freude. Da erhielt Vezins eines Tages die ihn tief betrübende Nachricht, daß sein Pflegevater gestorben sei, der Brave, den er reich belohnt hatte. Zu gleicher Zeit empfing de la Noue einen Brief von der Hand des Geistlichen, der Williams letzte Beichte empfangen. Gemäß dem Wunsche des Toten sei er verbunden, Herrn de la Noue mitzuteilen, daß der Säugling, den Williams einst redlich nach England, retten wollte, die Meerfahrt nicht Überstand. Jener Jüngling, den der Chevalier als Neffen und das Gesetz als Grasen von Vezins anerkannt habe, sei Williams leiblicher Sohn gewesen, den er unter dem Namen des gräflichen Kindes erzogen habe, um ihm die Möglichkeit eines Glücksalles offenzuhalten, wie solcher denn auch tatsächlich eingetreten sei. Er wolle nicht mit einer Lüge vor den höchsten Richter treten. Herr de la Noue aber möge nach seiner Weisheit tun und reden oder schweigen. Als der Edelmann diesen Brief gelesen hatte, brauchte er eine Weile, um seine Gedanken zu ordnen. Also doch Schuster! Ohne Rang, ohne Stand, ohne Ahnen! Aber nicht ohne Adel! Denn was sonst wäre ihm ausgefallen an dem schlichtgekleideten jungen Menschen? Die Aehnlichkeit mit der Schwester? Er wußte längst, daß sie Täuschung war. ein Blendwerk, nachträglich hervorgerufen durch den Namen Vezins, wie so vieles hier auf Erden Blendwerk ist, nur weil es einen großen Namen führt. Die liebende Anne allein hatte sich durch nichts blenden lassen, sie hatte ihr Schicksal in die Hände des armen, niedrig geborenen, doch hoch denkenden Menschen gelegt und war in ihrer Liebe nicht enttäuscht worden. Francois de la Noue hat geschwiegen, auch in seiner letzten Stunde. Der „Eisenarm" fühlte sich stark genug, seine Sache vor Gott durchzu- kämpsen. Eine Lüge? Gewiß. Doch sagte ihm die innere Stimme, daß es hienieden Lügen gibt, die dort oben Wahrheiten sind. Lago Maggiore« Von Wilhelm H a u s e n st e i n. Sie sollten auch einmal nach Ascona fahren, hören Sie? Vom Gotthard geht es nach Bellinzona hinab, und schon dies ist Wohltat: aus dem grauen, nassen, mehr oder minder kalten Norden, aus dem Norden mit dem zumindest ungewissen Sonnenschein hinüberkommen in den Tessin, wo das Licht, die Wärme verbürgt ist, wo der Sonnenschein, wo die warme Luft dasteht als ein gebauter Raum mit unerschütterlichen Fundamenten und Mauern; wo die Trockenheit nicht beklemmt, weil auch sie eine Form der Ueppigkeit ist. In Bellinzona zweigt sich die Bahn gegen Locarno ab; nach einer halben Stunde glänzt der Lago Maggiore im Licht des Nachmittags. Die Palmen werden zahlreicher; die Stützen der Neben sind Granitpfosten. Sie nehmen den Autobus nach Ascona oder, mit einigen Franken mehr, ein Taxi. Wenn Eie Zeit haben und gescheit sind (wer gescheit ist, hat immer Zeit), so warten Sie das Schiss ab, das von Locarno südwärts über den Lago fährt, und an der Piazza vor Ascona landet; manchmal ist auch ein Motorboot da, für die Luxuriöseren. Warten Sie ein Schiff ab; ich bitte Sie; essen Sie derweilen eine Cassata bei der schönen Frau Ravelli. Sie werden sehen, was eine Cassata ist! Man sollte trachten, Ascona von der Wasserseite zu erreichen; so wie man nicht von Mestra über den Bahndamm nach Venedig fahren sollte, sondern von Fusina her mit dem Schiff, das nahe der Piazzetta anlegt. Ascona wendet das Gesicht gegen den See. Man soll dem Städtchen — oder ist es eigentlich ein Dorf? ein Markt? — nicht in den Rücken fahren. Ascona schaut auf den Lago südwärts; es schaut auf die Bucht, und aus der Bucht soll man es ansehen, Antlitz gegen Antlitz. Vergißmeinnichtblaue und rosarote Häuser, cremegelbe und weiße, alle, alt, alle auf lateinische Weise einfach, alle ziemlich groß und etwas vernachlässigt, säumen das Ufer — die Niva von Ascona, die Piazza von Ascona. Da und dort schauen die Bäume eines Gartens über die graue Steinmauer, die mürb aussteht und dennoch hält. * Nun sind Sie da. Nun müssen Sie mit Ascona zuwege kommen. Dies ist nicht ganz einfach; ich habe es erlebt; man kann für jedes berühmte „Behagen vom ersten Augenblick ab" nicht Gewähr leisten! Vielleicht ist Ascona gerade etwas zu heiß. Eine fatalere Schwierigkeit: Ascona ist nicht leicht zu fassen. Ich meine: die ganze Situation, die Ascona heißt — das Drum und Dran, die Landschaft, das Verhältnis des Ortes zur Landschaft. Eben darum habe ich geraten: kommen Sie zu Schiff an — damit Sie mit einem festen Bild beginnen; das Gemüt braucht ein festes Bild; man muß eine Situation innehaben, um sich in ihr wohlzufühlen. Nun — eben dies, dies Jnnewerden, Jnnehaben, wurde seltsam schwer; Ascona, die Welt um Ascona ist nicht leicht zu greifen mit Blicken und Gedanken, abgesehen von der Front gegen das Wasser. Man hat etwas Mühe, die Gestalt dieser Welt wahrzunehmen, ja zu entdecken. Ich habe in den Tiroler Alpen — verzeihen Sie den Ausdruck — eine Nase wie ein Jagdhund; in und um Ascona habe ich die Wege verfehlt; ich konnte keinen behalten; das Gedächtnis fürs Oertliche, der bloße Sinn für Unterscheidungen waren wie gelähmt. Lag ich nachts im Dunkeln, so konnte ich die Linien der Berge nicht in meinem Halbschlaf zeichnen. • Indessen, man ist da; man bewegt sich hinein. Sonderbar: ich brachte eigentlich nicht das Gesühl zustande, da zu sein; ich verlor das Gefühl der eigenen Gegenwart an Ort und Stelle! Aber man muß sich um derlei nicht kümmern; man muh diesen Zustand der milden Idiotie sogar dankbar hinnehmen; es sind Ferien und dies ist am Ende ihr rechter Stil. Es gibt im übrigen allerlei da drunten, da drüben. Es gibt: Das Cafs Centrale der Signora Maria, in deren ermüdeten Zügen die Unsterblichkeit lateinischer Schönheit steht; sie bereitet einen Esp-csso, der Tote weckt, einen Cap.llair, in dem der Süden alle Schwedenpunsche schlägt, obwohl er es nicht nötig hätte; verrate ich, daß dies glühende Getränk aus Kaffee, Rum, Zitrone, Vermouth und etlichen anderen Säften gemischt ist, so heißt dies nichts, denn es fehlt die persönlich mengende Menschenhand der Signora Maria. Es gibt: Wege, schmale Wege, zwischen hohen, grauen, uralten Mauern, unverputzten Mauern, über deren Rand die riesigen und klargcsormten Blätter der Feigenbäume stehen oder ein Schwall rosenroter Oieander- blüten ein sanftes Feuer unter dem purpurblauen Himmel macht. Terrassen auf den flachgedeckten Häusern, Terrassen, auf denen man schlafen kann, während der Nachtwind mit lauem, dennoch kräftigem Hauch um Lippen und Schläfen geht und das Firmament feststeht mit Sternen und Milchstraße, ob auch Sternschnuppen durch das Dunkel sah- ren, wie ein Feuerwerk. Wälder mit zahmen Kastanien. Balkone, aus denen man in der Dämmerung und in die Nacht hinein den roten Nobbiolo trinkt und den roten Freisa, die schäumen wie Champagner. Die Trattoria des Signor Quattrini, diese Tratttoria, die das Beiwort „antica" im Schilde führt, so daß man an den Horaz denken muß; die Trattoria Quattrini mit der kühlen Vigna; wo die Neben sich um Granitpfähle und Granitbalken ranken und der Risotto (zwar mit etwas zuviel Safran), die Fische, der Polio arrestato, der Asti aus Muskatellertrauben, der Zabaglione aus Eigelb und Marsala köstlich schmecken. Gärten mit weißen und roten Oleandern, immer wieder Oleandern, die nach Vanille duften, aber angenehmer als Vanille selbst, sozusagen nur gleichnishaft; Garten mit einer Fülle von Dahlien, Gärten mit hundert Blumenarten; Blumengärten, die voll sind und etwas müde vom heißen Sommer — Blumengärten, die gleich Frauen im kostbarsten Alter, Frauen von vierzig, unter den dunkelgrünen Zedern stehen. Endlich die reizende Fahrt nach Magadino drüben am andern User zum Abendessen im Garten des Albergo Suisse. s- Dies ist nicht alles! Es gibt die Straße hinab vom Monte Veritä, die Straße mit der Sicht auf Ascona und den See. Sie ist herrlich bei Tage — und herrlicher bei Nacht: dann sind die Dächer schwarz; dann scheinen sie schwarzer Samt zu fein; Licht liegt wie von Nampenlampen hochgeworfen nur in der aufragenden Höhe getünchter Häuserwände — in breiten, goldgelben Streifen, die von samtigen Schwärzen überschnitten werden. In einem hellen Wirtsgarten unten sieht man die Arbeiter Boccia spielen; der Spielplatz scheint eine saubere Bühne zu sein; die Spielenden find scharf belichtete Komödianten oder Marionetten; sie sind wie Figuren von Jacques Callot. Drunten im „Riposo" ober im Ristorante „Lago" wird getanzt; die Musik flattert herauf, verdünnt, ein wenig lächerlich, ein wenig heillos — man hört es unverletzten Gemütes aus dieser geweihten Höhe des Standpunkts; jetzt fängt der Campanile an, und feine uralten Tone fallen ordnungslos in ben See, bröckelnbe Ruinen eines Glockenspiels aus entwichenen Jahrhunderten. Don Süden her kommt scharf, schneidend, seinblich bas Scheinwerferlicht des italienischen Zollboots. Der schöne Augenblick ist erstochen. e Wir sind auf dem Höhenweg nach Ronco gegangen; hoch oben entlang dem See, der einem Strome gleichen würde, wenn er nicht stillstünde; dieser Weg war das Paradies. Wir fliegen auf den Cardada. Es ist eine beträchtliche Anstrengung gewesen. Wir sahen den See weithin nach Süden reichen; zwischen Bergkulissen kam immer wieder ein abgeschniticn blinkendes Stück Lago Maggiore zum Vorschein, weit hinaus; auf halber Höhe eines Berges, in einer Mulde, funkelte ein Alpfee, weih von Licht wie Schnee. Wir tranken und aßen in einer Bergwirtschaft. Die Bedienende war hübsch. Wir sagten fragenden Tones: Signorina? Signora? Sie antwortete ironisch: e le stosse (es ist dasselbe — kommt auf eins heraus). Vorn gegen den Delta der Maggia hin, liegt der „Lido" von Ascona. Eine grüne Wiese; Bäume wie bei uns; eine heimlich-nördliche Landschaft. Ein langer Sandsaum davon mit hundert nackten Kindern, die springen, die mit Sand bauen und ins Wasser patschen; ihre eingebrannten Körperchen leuchten orange. Signor Antognini, mit dem Kops eines Malatesta, hakennasig, starknackig, einen blauen Blick von luziferi- scher Strenge entsendend, schreitet über den Strand, der ihm gehört; vollkommen' schön wie ein griechischer Palästrit, breitschultrig, schmal- Stig, die Kniescheiben eingetieft, nicht vorgeprellt, mit einer braunen lüfulatur bekleidet, deren Mächtigkeit das edle Maß nicht verloren hat. Wir liegen den ganzen Tag zum Baden umher und essen Trauben, Birnen, riesige Pfirsiche. Die Berge um den See stehen wie mit Eisen eines Bildhauers geschnitten, ihre Form hat mehr Ordnung, ich möchte sagen: mehr menschlich schöne Willkür als bas Gebirge bei uns; die Gebirge unserer Heimat sind sozusagen naturalistischer. Die Schatten fangen an, schwerer zu werden: ihre dumpfe Bläue liegt früher do, dichter, breiter, länger als vorgestern: die Grünheit der besonnten Höhen enthalt ein leichtes Rostrot; der Herbst ist gekommen. s Ach, es ist schön hier! Man gibt sich über nichts genau Rechenschaft, man ist seiner selbst und der Dinge umher nicht ganz sicher; aber man ist drinnen in dem Zustand, der „Ascona" heißt. • ... und abends die Terrasse des Barons, die große Terrasse. Ueber der Ecke der Terrasse, dort, wo das Gemäuer des Geländers gegen ben See und gegen den Himmel verstößt wie die Spitze eines Schiffes — dar । steht der Torso einer griechischen Marmorfigur, einer Figur im gelosten, ügen u£|jO, nsche Geästen Senile mten i uder- I man tigern i 1 mit ■ t fah- linein ham- iwort i; die Gra- s zu- tellcr» idern, sagen hun- vam arsten User ä, die Tage -einen ochge- — in , mitten । Bac- Spie- , । ib wie orante t wenig s aus le an, iuincn n her r nischen ntlang | itünbe; >' st eine i nach hnitten s; aus iß von i ft. Die : ? Gig- mt aus in As- irdliche indern, einge- n Kops uziferi. liLL schman raunen ; en hat. rauben, t Eisen möchte ! die Gesängen dichter, enchält mschast, er man . Ueber zen den — dort ;elösten, lässig-sanften Stil des Praxiteles, mit bernsteinfarbener Patina. Hinten an der teebraunen Hvlzwand steht eine Gewandsigur im altertümlichen Stil der Griechen, rosa wie berauchter Meerschaum; eine Priesterin oder . Göttin, Demeter-vielleicht, sicherlich sechs Jahrhunderte vor-Christus gemeißelt, so alt wie der Apoll von Tenea. Die geformten Steine der Griechen stehen unter dem Hellen Licht des Mondes; dis Strahlen der Lampen im Haufe fallen gelber, röter hinaus in das Licht vom Himmel — mischen sich mit dem weißen Mondlicht vor der Brust der Griechen; zwei .Andachten als eine. Im Zimmer drinnen sitzt Edwin Fischer am Klavier, spielt inbrünstig Beethoven. 2tuf der Terrasse erscheint der faszinierende Kopf Fernand C r o m m e l-y n ck s, des belgischen Dramatikers, blond, blauäugig, hager, scharf profiliert, liebenswürdig, voll drängender, werbender Wärme. In der verborgensten Ecke der Terrasse, hinter einer asiatischen Steingöttin mit kugelförmigen Brüsten, ist aus einem Liege- stnhl 8ten6 Schickele ausgestreckt; wortlos abgesondert, zwischen Mufik und Mond; zuständlich, voll jener gespannten Trägheit, in der die wahre Poesie wächst wie in einem Ackergrund; ein Schein aus dem Zimmer neben ihm trifft seine Brille, seinen starken blonden Scheitel, sein kräs- tiges Gesicht mit den feinen Spuren des Erlebens, Erleidens, dies Gesicht, das einem Kleriker gehören könnte, der ein Dichter wäre. Aus der großen Glastür tritt Annette Stoib; sie tritt aus der Tür wie aus Tönen; sie ist zerstreut, ist abwesend, ist vollkommen gesellschastlich und wie verirrt — und schon verschwunden, als Hütte sie nicht eben dagestanden. Der Baron bringt ein Glas Wein daher, verbindlich, heiter, gesund, ein wenig chinesisch — bringt den Wein, wie cm Glücksgott das Glück. D, feine Gespräche über Wagner, lieber Monsieur Crommelynck, verehrte 2(nnette Kolb; Ihr seid für ihn, ich weih es, und ich kann so schwer begreiflich machen, warum ich „gegen ihn" bin! Und keine Gespräche über bildende Kunst — denn diese Gefahr ist da —: Ascona beherbergt Maler, Kunsthändler und leider auch Kunsthistoriker. Aber in einer Nacht, zwischen zwei und drei, geschah es, daß RenL 8 chickele auf einen Tisch schlug; daß er aufbrach aus feiner Verschwiegenheit wie aus einer Höhle oder einem Busch und die Malerei von heute mit einer Philippika in den Boden schlug, vor lauter Fachleuten. Da er fein Fachmann war, konnte es nicht anders ausgehen, als daß er der einzige war, der recht behielt. Es war prachtvoll. Sein Gesicht brannte rot, glühte weinig unter dem schweren blonden Scheitel; er zerriß das gelbe runde Paketchen nach einer Maryland fingernd: die Brillengläser sprühten Licht; die blauen Alemannenaugen dahinter waren mit elektrischen Strömen geladen. Ich jubelte. Wir tranken auf die Alten. CLzaunc gehörte zu ihnen so gut wie Poujsin oder Lorrain. * Sie laufen Gefahr, etwas zu viele Menschen zu finden, die mit der Kunst zusammenhängen; Sie laufen Gefahr, Kunstgespräche führen zu müssen. Dies muß ich Ihnen gestehen. Eie stoßen auf Weltanschauungen. Nehmen Sie sich in acht. 2lscona ist Zustand, Ascona ist aber auch Weltanschauung, zwar heute nicht mehr so sehr wegen der asconischen Natur- preopheten — sie sind da, die letzten ihres Geschlechts; aber wegen der Literatur und wegen der bildenden Künste und wegen der Musik und des modernen Tanzes. Sie können die mauvaise chance haben, das halbe künstlerische Berlin und München anzutresfen und etwas mehr! Aber Sie können auch zu den Borromeischen Inseln entweichen, ober nach Lugano oder nach dem Comersee hinüber, oder wie wir es einmal verzweifelt und übermütig trieben, nach Venedig ... Oder Sie können ein Schild auf Ihren Asconeser Balkon hängen, so gut wie Marianna Werefkin, wenn sie arbeiten will: „Nicht zu Haufe". Fahren Sie einmal nach Ascona; Sie follten es tun. Spätestens im März, wenn sich dies Land mit Blumen Überschüttet, mit Violett und Gelb, Weiß, Blau und Rosa. Unterm Birnbaum. Von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) Aber das vierte Mal kamen sie bis an die verrammelte Tür, stießen sie mit Kolben ein und fprangen die Treppe hinaus. Immer höher zogen sich unsere Tapferen zurück, bis sie zuletzt, mit den Frauen und Kindern und im bunten Durcheinander mit diesen, auf dem abgedeckten Dache standen. Da sah ich jeden einzelnen so deutlich vor mir, wie ich Sie jetzt sehe, Bauer Mietzel" — dieser fuhr zurück — „denn ich hatte meine Wohnung in dem Hause gegenüber und hörte, wie sie unser Lied fangen: „Roch ist Polen nicht verloren." Und bei meiner Ehre, hier, an dieser Stelle, hätten sie sich trotz aller Uebermacht des Feindes gehalten, wenn nicht plötzlich, von der Seite her, ein Hämmern und Schlagen sag' ich, wie von Aexten und Beilen." „Wie? Was? Don Aexten und Beilen?" wiederholte Mietzel, dem fein bißchen Haar nachgerade zu Berge stand. „Was war es?" „3a, was war es? Vom Nachbarhause her ging man vor; jetzt war ein Loch da, jetzt eine Bresche, und durch die Bresche hin drang das russische Regiment auf den Dachboden vor. Was ich da gesehen habe, spottet jeder Beschreibung. Wer einfach niedergefchofsen wurde, konnte von Glück sagen, die meisten aber wurden durch einen Bajonettstich auf die Straße geschleudert. Es war ein Graus, meine Herren. Eine Frau wartete das Massacre, ja, vielleicht Schimpf und Entehrung (denn dergleichen ist vor- gekommen) nicht erst ab; sie nahm ihre beiden Kinder an die Hand und stürzte sich mit ihnen in den Fluß." „Alle Wetter," sagte Kunicke, „das ist stark! Ich habe doch auch ein Stück Krieg mitgemacht und weiß wohl, wo man Holz fällt, fallen Späne. So war es bei Möckern, und ich sehe noch unseren alten Krosigk, wie der den Marinekapitän über den Haufen stach, und wie bann das Kolbenschlagen losging, bis alle dalagen. Aber Frauen und Kinderl 2llle Wetter. Szulski, bas ist scharf. Is es benn auch wahr?" „Ob es auch wahr ist? Verzeihung, ich bin kein Ausfchneider. Herr Kunicke. Kein Pole schneidet auf, das verachtet er. Und ich auch. Aber was ich gesehen habe, daß hab' ich gesehen und eine Tatsache bleibt eine Tatsache, sie sei ro.c sie sei. Die Dame, die da herunter sprang (und ich schwör Ihnen, meine Herren, es war eine Dame), war eine schöne Frau, keine 36, und so wahr Gott im Himmel lebt, ich hält' ihr was Bessres gewünscht, als diese naßkalte Weichsel." Kunicke schmunzelte, während der neben anderen Schwächen und Leiden auch an einer Liebesader leidende Mietzel nicht umhin konnte, seiner nervösen Erregtheit plötzlich eine ganz neue Richtung zu geben. Szulski selbst aber war viel- zu sehr von sieh und seiner Geschichte durchdrungen, um nebenher noch zu Zweideutigkeiten Zeit zu haben, und fuhr, ohne sich stören zu lassen, fort: „Eine sch-ne Frau, sagt' -ich, und hingemordet. Und was das Schlimmste dabei, nicht hingemordet durch den Feind, nein, durch uns selbst; hingemordet, weil wir verraten waren. Hätte man uns freie Hand gelassen, kein Russe wäre je über die Weichsel gekommen. Das Volk war gut, Bürger und Bauer waren gut, alles einig, alles da mit Gut und Blut. Aber'der Adel! Der Sibel hat uns um dreißig Silberlinge verschachert, bloß weil er an sein Geld und seine-Güter dachte. Und wenn der Mensch erst an sein Geld denkt, ist er verloren." „Kann ich nicht zugeben", sagte .Kunicke. „Jeder denkt an fein Geld. 'Alle Wetter, Szulski, das sollt' unserm Hradscheck schon gefallen, wenn der Reisende von Olszewski-Goldschmidt und Sohn alle November hier vor- spräch' und nie an Geld dachte. Nicht wahr, Hradscheck, da liehe sich bald auf einen grünen Zweig kommen und brauchte keine Schwester oder Schwägerin zu sterben und keine Erbschaft ausgezahlt zu werden." „Ah, Erbschaft", wiederholte Szulski. „So so; daher. Nun, gratuliere. Habe neulich auch einen Brocken geerbt und in Lemberg angelegt. Lemberg ist besser als Äratau. Ja, das mutz wahr sein, Erbschaft ist die beste Art zu Gelde zu kommen, die beste und eigentlich auch die anständigste ..." „Und namentlich auch die leichteste", bestätigte Kunicke. „Ja, das liebe Geld. Und wenn's viel ist, das heißt sehr viel, bann darf man auch dran denken! Nicht wahr, Szulski?" „Natürlich", lachte dieser. „Natürlich, wenn's viel ist. Aber, Bauer Kunicke, denken und denken ist ein Unterschied. Man muß wissen, daß man's hat, soviel ist richtig, bas ist gut und ein angenehmes Gefühl und stört nicht ..." „Nein, nein, stört nicht." „2(ber, meine Herren, ich muh cs wiederholen, denken und denken ist ein Unterschied. An Geld immer denken, bei Tag und bei Nacht, bas ist soviel, wie sich immer drum ängstigen. Und ängstigen soll man sich nicht. Wer auf Reisen ist und immer an feine Frau denkt, der ängstigt sich um seine Frau." „Freilich", schrie Kunicke. „Ouaas ängstigt sich auch immer." Alle lachten unbändig, und nur Szulski selbst, der auch darin durchaus Slnekdoten- und Geschichtenerzähler von Fach war, daß er sich nicht gern unterbrechen ließ, suhr mit allem erdenklichen Ernste fort: „Und wie mit der Frau, meine Herren, so mit dem Geld. Rur nicht ängstlich; haben muh man’s, aber man muß nicht ewig daran denken. Oft muß ich lachen, wenn ich so sehe wie der oder jener im Postwagen ober an der Table d'hote mit einem Male nach seiner Brieftasche faßt, „ob er’s auch noch hat." Und bann atmet er auf und ist ganz rot geworden. Das ist immer lächerlich und schadet bloß. Und auch das.Einnähen hilft nichts, das Ist ebenso dumm. Ist der Rock weg, ist auch chas Geld weg. Aber was man auf (einem Leibe hat, das hat man. All die andern Vorsichten find Unsinn." „Recht so", sagte Hradscheck. „So mach' ich's auch. Aber wir sind bei dem Geld und dem Einnäben ganz von Polen abgekommen. Ist cs denn war, Szulski, daß sie Diebitschen vergiftet haben?" „Bersteht sich, es ist wahr." „Und die Geschichte mit den elf Talglichten auch? Auch wahr?" „Alles wahr", wiederholte Szulski. „Daran ist kein Zweifel. Und es tarn so. Constantin wollte die Polen ärgern, weil sie gesagt hatten, die Russen fräßen bloß Talg. Und da ließ er, als er eines Tages elf Polen eingeladen hatte, zum Dessert elf Talglichte Herumreichen, bas zwölfte aber war von Marzipan und natürlich für ihn. Und versteht stch nahm er immer zuerst, dafür war er Großfürst und Vizekönig. Aber das eine Mal »ergriff er sich doch und da hat er’s runter würgen müssen." „Wird nicht sehr glatt gegangen fein.“ „Gewiß nicht ... Aber, ihr Herren, kennt ihr denn schon das neue Polenlied, das sie jetzt fingen?“ „Denkst du daran--“ „Nein, das ist alt. Ein neues.“ „Und heißt?" „Die letzten Zehn vom vierten Regiment ... Wollt ihr's hören? Soll ich es fingen?" „Freilich." „Aber ihr müßt cinfaUen ..." „Versteht sich, versteht sich." Und nun fang Szulski, nachdem er sich geräuspert hatte: Zu Warschau schwuren tausend auf den Knien: Kein Schuh im heil'gen Kampfe sei getan, Tambour schlag' an, zum Blachselb laßt uns ziehen, Wir greifen nur mit Bajonetten an! Und ewig kennt das Vaterland und nennt Mit stillem Schmerz fein viertes Regiment. „Einfallen! Chorus," „Weiter, Szulski, weiter." Ade, ihr Brüder, die zu Tob getroffen An unsrer Seite dort wir stürzen sahn. Wir leben noch, die Wunden stehen offen Und um die Heimat ewig ift’s getan; Herr Gott im Himmel, schenk' ein gnädig End' Uns letzten Zehn vom vierten Regiment. Chorus; „Uns letzten Zehn vom vierten Regiment." Alles jubelte. Dem alten Quaas aber traten feine schon von Natur vorstehenden Augen immer mehr aus dem Kopf. .Menn ihn letzt seine Frau sähe", rief Kunicke. „2)a hiitt er Oberwasser." Ja. ja." Und nun stieß man an und ließ die Palen leben. Nur Kunicke. der an anno 13 dachte, weigerte sich und trank auf tue Russen. Und zuletzt auch auf Quaas und Kätzchen. Mietzel aber war ganz übermütig und halb wie verdreht geworden und fang, als er Kätzchens Namen horte, mit einem Male: Nicht mal seiner eignen Frau» Kätzchen weiß es ganz genau. Miau Quaas sah verlegen vor sich hin. Niemand indessen dachte mehr an Uebelnehmen. Und nun wurde der Ladenjunge gerufen, um neue Flaschen zu bringen. VI. So ging es bis Mitternacht. Der schräg gegenüber wohnende Kunicke wollte noch bleiben und machte spitze Reden, daß Szulskt, der schon ein paarmal zum Aufbruch gemahnt, so müde sei. Der aber ließ sich weder durch Spott noch gute Worte länger zurückhalten: ,.er müsse morgen um neun in Frankfurt sein". Und damit nahm er den bereitstehenden Leuchter, um in seine Giebelstube hinaufzusteigen. Nur als er die Türklinke in der Hand hatte, wandte er sich noch einmal und sagte zu Hradscheck: „Also vier Uhr, Hradscheck. Um fünf muß ich weg. Und versteht sich, ein Kaffee. Guten Abend, ihr Herren. Allerseits wohl zu ruhn!" ♦ Auch die Bauern gingen: ein starker Regen fiel und alle fluchten über das scheußliche Wetter. Aber keine Stunde mehr, so schlug es um, der Regen ließ nach und ein heftiger Südost fegte statt seiner über das Bruch hin. Seine Heftigkeit wuchs von Minute zu Minute, so daß allerlei Scha- den an Häusern und Dächern angerichtet wurde, nirgends aber mehr als an dem Hause der alten Jeschke, das grab' in dem Windstrome lag, der, von der andern Seite der Straße her, zwischen Kunickes Stall und Scheune mitten durchfuhr. Klappernd kamen die Ziegel vom Dachfirst herunter und schlugen mit einem dumpfen Geklatsch in den aufgeweichten Boden. „Dat's joa groad', as ob de Bös kämmt", sagte die Alte und richtete sich In die Höh', wie wenn sie aufstehen wolle. Das Herausklettern aus dem tzochstelligen Bett aber schien ihr zu viel Mühe zu machen, und so klopfte sie nur das Kopfkissen wieder auf und versuchte weiter zu schlafen. Freil.ch umsonst. Der Lärm draußen und die wachsende Furcht, ihren ohnehin schadhaften Schornstein In die Stube herabstürzen zu sehen, ließen sie mit ihrem Versuche nicht weit kommen, und so stand sie schließlich doch auf und tappte sich an den Herd hin, um hier an einem bißchen Ascheng ut einen Schwefelfaden und dann das Licht anzuzünden. Zugleich warf sie reichlich Kienäpfel auf, an denen sie nie Mangel litt, feit sie letzten Herbst dem vierjährigen Jungen von Förster Rothnogel, drüben in der neumärkischen Heide, das freiwillige Hinken wegkuriert hatte. Das L>cht und die Wärme taten ihr wohl, und als es ein paar Mi- hutcn später in dem immer bereit stehenden Kaffeetopfe zu dampfen und zu brodeln anfing, hockte sie neben dem Herde nieder und vergaß über ihrem Behagen den Sturm, der draußen heulte. Mit einem Male aber gab es einen Krach, als bräche was zusammen, ein Baum ober ein Strauchwerk, und so ging sie benn mit dem Licht ans Fenster und, weil das Licht hier blendete, vom Fenster her in die Küche, wo sie den oberen Türlaben rasch aufschlug, um zu sehen, was es sei. Richtig, ein Teil des Gartenzauns war umgeworfen, und als sie das niedergelegte Stück nach links hin bis an das Kegelhäuschen verfolgte, sah sie zwischen den Pfosten der Sattenrinne hindurch, daß in dem Hradscheckschen Hause noch Licht war. Es flimmerte hin und her, mal hier, mal da, so daß sie nicht recht sehen konnte, woher es kam, ob aus dem Kellerloch unten ober aus dem dicht darüber gelegenen Fenster der Weinstube. „Mten Jott, supen fe noch?" fragte die Jeschke vor sich hin. „Na, Kunicke is et kumpafel Un bann {eggt he hinnerher, bat Webber wihr schult un he künn nich anners." Unter dieser Betrachtung schloß sie den Türladen wieder und ging an ihre Herdstätte zurück. Aber ihr Hang zu spionieren ließ ihr keine Ruhe, und trotzdem der Wind immer stärker geworden war, suchte sie doch die Küche wieder auf und öffnete den Laden noch einmal, in der Hoffnung, 'was zu sehen. Eine Weile stand sie so, ohne daß etwas geschehen wäre, bis sie, als sie sich schon zurückziehen wollte, drüben plötzlich die Hrad- schecksche Gartentür auffliegen und Hradscheck selbst in der Türöffnung erscheinen sah. Etwas Dunkles, das er schon vorher herangeschafft haben mußte, lag neben ihm. Er war in sichtlicher Erregung und sah gespannt nach ihrem Hause hinüber. Und bann war's ihr doch wieder, als ob er wolle, daß man ihn sähe. Denn wozu sonst das Licht, in dessen Flackerschein er dastand? Er hielt es immer noch vor sich, es mit der Hand schützend, und schien zu schwanken, wohin damit. Endlich aber mußt' er eine geborgene Stelle gefunden haben, denn das Licht selbst war weg und statt seiner nur noch ein Schein, da, viel zu schwach, um den nach wie vor in der Türöffnung liegenden dunklen Gegenstand erkennen zu lassen. Was war es? Eine Truhe? Nein. Dazu war es nicht lang genug. Ober ein" Korb, eine Kiste? Nein, auch das nicht. ,,Wat he man bett?" wiederholte sie. Aber ehe sie sich, aus ihren Mutmaßungen heraus, ihre Frage noch beantworten konnte, sah sie, wie der ihr aus Minuten aus dem Auge gekommene Hradscheck von der Tür her in den Garten trat und mit einem Spaten in der Hand rasch auf den Birnbaum zuschritt. Hier grub er eifrig unb mit sichtlicher Hast und mußte schon ein gut Teil Erde herausge- morsen haben, als er mit einem Male das Graben aufgab und sich aufs neue nach allen Seiten hin umsah. Aber auch jetzt wieder (so wenigstens schien es ihr) mehr in Spannung als in Angst unb Sorge. „Wat he man hett?" winderholte sie. Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl Dann sah sie, daß er das Loch rasch wieder zuschüttete. Noch eben Augenblick unb die Gartentür schloß sich unb alles war wieder dunkel „Hm", brummte die Jeschke. „Dat's joa binoah, as ob he een’ ab» murkst hett'. Na, fo bull wahrd et joa woll nich sinn .. Nei, net, denn wihrt bat Licht nid). Sinters ick tru em nich. Un ehr tru ick ook nich." Und damit ging sie wieder bis an ihr Bett und kletterte hinein. Aber ein rechter Schlaf wollt' ihr nicht mehr kommen, unb in ihrem Halbwachen Zustande sah sie beständig das Flimmern im Kellerloch unb dann den Lichtschein, der in den Garten fiel, unb bann wieder Hradscheck, wie er unter dem Baume stand und grub. VII. Um vier Uhr stieg der Knecht die Stiege hinauf, um Szulski zu wecken. Er fand aber die Stube verschlossen, weshalb er sich begnügte, zu klopfen und durch das Schlüsselloch hineinzurufen: „Is vier, Herr Szulski: steihn', upp." Er horchte noch eine Weile hinein, und als alles ruhig blieb, riß er an der klapprigen Türklinke hin und her und wiederholte: „Sieihn', upp, Herr Szulski, is Tied: ich spann nu an." Unb banach ging er wieder treppab und durch den Laden in die Küche, wo die Hradschecksche Magd, eine gutmütige Person mit krausem Haar unb vielen Sommersprossen, noch halb verschlafen, am Herbe stand und Feuer machte. „Na, Maleken, ook all rut? Wat feggft du dato? Klock vieren. Is doch Menfchenfchinnerei. Warümm nich um söfs? Um söss wihr ook noch Tied. Na, nu koch uns man en beten wat mit." Unb damit wollt' er von der Küche her in den Hof hinaus. Aber der Wind riß ihm die Tür aus der Hand unb schlug sie mit Gekrach wieder zu. „Jott, Jakob, ick hebb mi so versiert. Dai künn joa ’nen Doben upp» wecken." „Soll ook, Male. He hett joa ’nen Doben ftoap. Nu wahrd he woll uppstoahn." Eine Halde Stunde später hielt der Einspänner vor der Haustür unb Jakob, dem die Hände vom Leinehalten schon ganz klamm waren, sah ungeduldig in den Flur hinein, ob der Reisende noch nicht komme. Der aber war immer noch nicht zu sehen, unb statt seiner erschien nur Hradscheck und sagte: „Geh hinauf, Jakob, unb sieh nach, was es ist. Er ist am Enbe wieder eingeschlafen. Unb sag’ ihm auch, fein Kaffee würde kalt ... Aber nein, laß nur; bleib. Er wirb schon kommen" Unb richt g, er kam auch unb flieg, während» Hradscheck so sprach, gerade die nicht allzuhohe Treppe herunter. Diese lag noch in Dunkel, aber ein Lichtschimmer vom Laden her ließ die Gestalt des Fremden doch einigermaßen deutlich erkennen. Er hielt sich am Geländer fest und ging mit besonderer Langsamkeit und Vorsicht, als ob ihm der große Pelz unbequem unb beschwerlich sei. Nun aber war er unten, und Jakob, der alles neugierig verfolgte, was vorging, sah, wie Hradscheck auf ihn zuschritt und ihn mit vieler Artigkeit vom Flur her in die Wohnstube hinein komplimentierte, wo der Kaffee schon seit einer Viertelstunde wartete. „Na, nu wahrd et joa woll wihr’n", tröstete sich der draußen immer ungeduldiger Werdende. „Kömmt Tied, kömmt Roat." Unb wirklich, ehe fünf Minuten um waren, erschien das Paar wieder auf dem Flur unb trat von diesem her auf die Straße, wo der verbindliche Hradscheck nunmehr rasch auf den Wagen zuschritt unb den Tritt herunterließ, wöh- renb der Reisende, trotzdem ihm die Pelzmütze tief genug im Gesicht sah, auch noch den Kragen seiner Wolfsschur in die Höhe klappte. „Das ist recht", sagte Hradscheck. „Besser bewahrt, als beklagt. Unb nun mach flink, Jakob, und hole den Koffer!" Dieser tat auch wie befohlen, und als er mit dem Mantelsack wieder unten war, saß der Reisende schon im Wagen und hatte den von ihm als Trinkgeld bestimmten Gulden vor sich auf das Spritzleder gelegt Ohne etwas zu sagen, wies er darauf hin und nickte nur, als Jakob sich bedankte. Dann nahm er die Leine ziemlich ungeschickt in die Hand, woran wohl die großen Pelzhandschuhe schuld (ein mochten, unb fuhr auf bas j Orthsche Gehöft unb die schattenhaft am Dorfausgange stehende Mühle zu. Diese ging nicht; der Wind wehte zu heftig. Hradscheck sah dem auf dem schlechten Wege langsam sich fortdewegen- ben Fuhrwerk eine Weile nach, fein Kopf war unbedeckt unb sein spärlich i blondes Haar flog ihm um die Stirn. Es war aber, als ob die Kühlung ihn erquicke. Als er wieder in den Flur trat, fand er Jakob, der sich das ! Guldenstück anfah. „Gefällt dir wohl? Einen Gulden gibt nicht jeder. Ein feiner Herr!' ! „Dat fall woll fien. Awers roorümm he man fo still wihr? He feggie joa keen Wuhrt nich." „Nein, er hatte wohl noch nicht ausgeschlafen", lachte Hradscheck. „Is ja erst fünf." „Persteiht sich. Klock feto red’ ick ook nich oeel." VIII. Der Wind hielt an, aber der Himmel klärte sich, unb bei hellem ■ Sonnenschein fuhr um Mittag ein Jagdwagen vor dem Tschechiner Gast- | hause vor. Es war der Friedrichsauer Amtsrat; Trakehner Rapphengste, : der Kutscher in Livree. Hradscheck erschien in der Ladentür und grüßte I respektvoll, fast devot. ? „Tag, lieber Hradscheck; bringen Sie mir einen „Lust" ober lieber gleich zwei; mein Kutscher wird auch nichts dagegen haben. Nicht wahr, Johann? Eine wahre Hundekälte. Und dabei diese Sonne." Hradscheck verbeugte sich unb rief in den Laden hinein: „Zwei Pfefferminz, Ede; rasch!" und wandte sich dann mit der Frage zurück, womit l er sonst noch dienen könne? „Mir mit nichts, lieber Hradscheck, ober anderen Leuten. Oder wenig- ; ftens der Obrigkeit. Da liegt ein Fuhrwerk unten in der Ober, wahrschein- i lief) fehlgefahren und in der Dunkelheit vom Damm gestürzt." „Wo, Herr Amtsrat?" ir$)ier gleich. Keine taüfenb Schritt hinter Orths Mühle." (Fortsetzung folgt.) ■ ’sche Univerf itäts^Duch. und Steindruckerei, D. Lange. Dießen.