GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1924 Montag, den U-Februar Nummer 12 Nach dem Ball. Stott Detlev v. ß tue Setz in des Wagens Finsternis Getrost den Atiasschuhl Di« Füchse schäumen ins Gebiß, Und nun, Johann, fahr zu! Es ruht ati meiner Schütter aus Und schläft, ein müder Bellchenstrautz, Die kleine blonde Komtesse. Sie Nacht versinkt in Sumpf und Moor, Ein erster roter Streif. Der Kiebitz schüttelt sich im Rohe Aus Schopf und Pelz den Reif. Roch hört im Traum der Rosse Lauf, Dann schlägt die blauen Augen auf Die kleine blonde Komtesse. Die Sichel klingt vom Wiesengrund, Der Tauber gurrt und lacht, Am Rande kläfft der Bauernhund, All Leben ist erwacht. Ach, wie die Sonne köstlich schien. Wir fuhren schnell nach Sretna Green, Ich und die ktetne Komtesse. Fasching. Bon Robert Seitz. Aufsprudelnde Lebensfreude in-diesen Tagen der Illusion, an denen das blasse Mädchen zur Heroine wird und der Aengstliche sich ein breites Puppsttzwerk an die Seite bindet und stolz einhergeht im Reigen liebreizender Frauengestalten aus-Spanien, Tirol und den Niederlanden. Wie gut es ist, daß zu Beginn der Karnevalszeit die Inventurausver- käuse fallen. Für ein paar Pfennige bekommt man Stoffreste. Seidenbänder und Schleier, die einen im Handumdrehen in einen Harlekin oder in eine Bajadere verwandeln. Die Bodenkammern werden «ach Material durchsuchte eine Fliegenglocke aus blauer Gaze gibt-noch immer die idealste Kopfbedeckung. Der lange Bergstock aus Kindertagen wird -zur Lanze, die mottenzerfressene Schulmappe wird wieder abgestäubt und schmückt einen lustigen Abend lang einen vierzigjährigen Rücken. Ein Optimist versucht, sich in Hansis Sextanethose hinemzuzwängen — ein Unterfangen, das scheitern muß, aber es macht Spatz und erhöht die Vorfreude. Und wir haben das bißchen Freude so bitter nötig in dieser trüben Zeit. Ernste Menschen schütteln den Kopf, vergraben sich in das Leid vergangener Jahre und tragen Sorgen für die Zukunft. Aber ist es,wirklich ein Zeichen van Oberflächlichkeit, wenn wir uns eine kurze Zeit lang von unseren Lebensgeistern herumwirbein lassen? Wurde es nicht zu einem guten Symbol, daß die Musikkapellen auf dem Heimwege von einem Begräbnis einen lebenslustigen Marsch anstimmten? «Hurra, das Leben", singt Liliencron, denn er weiß, daß sich nur aus der Lebensbejahung heraus das Schöpferische gebiert. Richt-umsonst hat der Mensch dem Karneval königliches Geblüt zugesprochen. Prinz Karneval regiert! Er ist der Herrscher, dessen Szepter uns verwandelt, der über dem arbeitssamen Alltag das bunte Reich eines unerfüllbaren Traumes aufbau!. Und ist es auch nur eine Parodie darauf und sind wir auch nur die -Marionetten seiner kurzen Laune, wei! wir es über Sorgen und Mühen verlernt haben, unserem Leben eine festlichere Freudigkeit zu geben, so sind wir doch nicht so mürrisch geworden, um die klingelnde Narrenkappe nicht über die Ohren zu ziehen Und uns ein paar Tage lang nicht lkber uns selbst zu amüsieren. Karneval! Das geht bis in unsere früheste Kindheit zurück, bis zu jenem Abend, an dem wir heimlich durch das Schlüsselloch der Tür blickten, hinter der sich der Vater in einen martialischen Landsknecht verwandelte, Miß uns beinahe Angst wurde vor soviel Wildheit und wir unseren Respekt vor ihm noch um fünfzig Grad hinaufschraubten. Bis zu jenem Abend, an dem die Mutter a« Der schmalen Türspalte, hinter der wir hockten, als Regimentstochter vorbeiMarschierte, eine große Trommel umgehängt, die zu unserem Leidwesen am nächsten Tage schon abgeholt »urde. In unseren Rachtkittekn spielten wir Karneval, banden uns di« Mokattsfen um und stülpten die Kaffeemütze auf und vollführten eine« Spektakel, daß Tante Anna, die uns beaufsichtigen sollte. Tränen des Zorns in den Augen hatte. Oder lachte sie Tränen und scheuchte sie uns durch plötzliche Ueberfälle nur deshalb in unsere verwühtten Betten zurück, um unsere erschrockenen Purzelbäume zu sehen? Was haben wir uns damals für künftige Karnevalszeiten alles aus» I gemalt! Echtes Gold und Silber sollte es {ein, Edelsteine und ganz kostbare Seide. Und was -ist daraus geworden: Glasperlen und blankes Blech und ein paar Reste Satin. Und auch die Purzelbäume wollen nicht mehr gelingen. Aber die Fröhlichkeit reicht noch aus, uns einmal aller Sorgen ledig zu fühlen. Noch verstehen mir, uns selber zu karikieren! Wir nähen uns Flicken auf den Anzug und reiften das Loch in unserem Schuh größer. Wir bletben unrasiert, daß wir aussthen, als hätte man uns von der Landstraße aufgelesen. Oder wir werden der Beduine, der frei umherschweift und sich nach der Zeit nicht zu richten braucht. Oder der karierte Globetrotter, der alle Länder der Welt bereifen darf, oder der Elown, dem man ein rasches Wort nicht übelnimmt Denn wir sind ja der Zauberer, der eine spitze Düte auf dem Kops trägt und einen Bademantel statt der Wundertoga der Magier — und wenn wir auch nicht verstehen; dürres Holz in Gold zu verwandeln, so liegt doch das Bessere in unserer Macht: durch den Zauberspruch unserer guten Laune ein anderer Mensch zu werden als jener, der-wir eben noch waren, als wir gebückt vor dem Pult faßen oder gehetzt an der Schreibmasch ne, eingefangen im gleichförmigen Takt unserer Tage. Denn die Karnevals- zert ist di« Zeit der Verwandlung. Das Ekrxisr CaglroftroSs Eine Faschingsgefchichle. Bon Eise Arnhem. „ Man schrieb das Jahr !7M und es war Faschtogszeit. Im große« Saal des Petersburger Winterpakais strahlten die Lüster im Kerzen» schimmer. Kostbare Blumengewinde hingen wie Trauben von der Decke, schlangen sich als Girlanden um die Marmorpfeiler und kränzten di« isknegelnden Wände. Duft der Blumen und Duft köstlicher Parfüms misch- ien sich betäubend und wogten gleich einer Wolke um tanzende Paare, die sich der Lust des Mummenschanzes fröhlich Hingaben. In bunten Gewändern, in den Trachten aller Völker der Welk, to Uniformen und Phantastekostümen gaben sich der hohe Adel, die Hosbeamten und die Angehörigen der Feudalregimenter ein Stelldichein. Man suchte unter der Maske nach bekannten Gesichtern, und jeder Irrtum wurde Anlaß zu gestdigerter Heiterkeit, die im Lachen der jungen Paare aufjubelt« und mit ansteckender Gewalt auch auf die Netteren übersprang. „Man amüsiert sich", sagte eine hohe Gestalt im schwarzsetdenen Domino und zog die Maske fester über die Augen, die durch die runden Ausschnitte scharf -Ausschau hielten. „Haben Sie die Zarin schon ae° funden, Graf Panin?" Der-Angeredete, ein kleiner,-beweglicher Herr in der Tracht eine» römischen Cäsaren, verneinte. „Sie ist noch nicht erschienen, Durchlaucht. Da ich ihr Kostüm kenne, würde ich Ihre Majestät sofort entdeckt haben." Lebhaft beugte sich der schwarzseidene Domino, der den kleinen Grafe« um zwei Haupteslängen überragte, zu ihm hernieder. „Verraten Sie mir ihr Kostüm, lieber Graf", sagte er schmeichelnd. „Noch immer verliebt, Durchlaucht?" scherzte der Graf und ließ seiner Frage ein hohes, meckerndes Lachen folgen, das den anderen un- angenehm berührte. Allein es lag ihm zu viel daran, eine Auskunft zu erhalten, und feinen Unmut bezwingend sagte er kurz: „Im Gegenteil, ich habe Gründe, der Zarin > auszuweichen." Graf Panin pfiff leise durch die Zähne und dachte: „Der große Potemkin wünscht Katharina aus dem Wege zu gehen? Was zum Teufel -hat das nun wieder zu bedeuten?" Als hätte Fürst Potemkin feine Gedanken erraten, sagte er leise mit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln: „Eine Liebesgeschichte, Graf". Panin verstand, und der Kaiserliche Staatskanzler sah keinen Grund ein, die gewünschte Auskunft zu verweigern, zumal ihm der Seelenzu- stand des-Fürsten mehr als gelegen kam. „Wenn eine üppige Griechin Ihren Weg kreuzen - sollte, Durchlaucht, dann rate ich zu schleunigster Flucht", sagte er vertraulich Potemkin schlug sich lachend gegen die Stirn. „Das hätte ich mir eigenllich denken können ... eine Griechin ... die gute Zarin schwärmt ja seit kurzem für die wallenden Gewänder der Hellenen. Aber, seien Sie bedankt, lieber Graf, Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen." Der Fürst grüßte kurz und drängte sich durch die Reihen der Tanzenden. Mit einem spöttischen Zug um die Mundwinkel sah ihm Panin nach. „Der ist ausgeschaltet, ein Verliebter hat anderes im Sinn als die hohe Politik', dachte er befriedigt und machte sich auf die Suche nach einem spanischen Granden, der auf seinen Befehl durch eine geheime Pforte de« Palastes eingelassen werden sollte. Unbemerkt war Sie Sarin in Len Saal getreten. Sie hatte sich teoe Begleitung »erbeten, um nicht aufzufallen. Das weite, luftige Gewand verbarg geschickt die zunehmende Körperfülle, und stolz hob sich der kluge Kopf mit jener unnachahmlichen souveränen Hoheit, die jedem aufmerk- jomen Beobachter die Kaiserin verraten haben würde, wenn man auf sie geachtet hätte. Aber die Wogen des Tanzes trugen die heiteren Paare an ihr vorüber, Hunderte von Augen glitten über sie hinweg und nur nner mar da, der, hinter einem Pfeiler verborgen, die Zarin beobachtete. Den schwarzen Domino eng um die hagere Gestalt geschlagen, stand der Fürst Potemkin und wartete. Man hatte ihm ein Gerücht zugetragen und dieses Gerücht bedeutete Gefahr. Er wußte, was Panin vorhatte, wußte auch, daß man den Günstling Potemkin in den Augen der Zarin hcrabzusetzen versuchte. Es war bisher nicht gelungen. Wenn aber die Zarin erfuhr, daß, der treue jiuunb, wie sie ihn nannte, sich des Herumreifenden Scharlatans Caglrostro hatte bedienen wollen, um sie mit feiner Hilfe, mit seinen Prophezeiungen zu dem Feldzug gegen die Türken zu best.mmen, — es würde genügen, ihm den Hals zu brechen. Die Zarin wünschte den Krieg nicht und Panin stand mit seiner Partei auf ihrer Seite. Es war beschämend, es sich eingestehen zu müssen, daß sein gerühmter Einfluß auf die Kaiserin in diesem Fall versagte, und Zorn darüber hatte ihn ni dem Schritt getrieben, Cagliostros Künste gegen die Widerspenstige ins Feld zu fuhren, deren Aberglauben er kannte. Sonderbarerweise hatte die Zarin die erbetene Aud.enz für Cagliostro schroff abgetehnt, und Potentem g'aubte zu ahnen, wessen Einfluß er Liese Niederlage verdankte. Was ihm nicht gelungen war, wurde Panin heute auf dem Wege der Ucberrumpelung mit Leichtigkeit erreichen und sich nicht scheuen, den käufrichen Scharlatan als ein gewichtiges Zeugnis gegen Potemkin zu benutzen. Scharf spähte er in den Saal. Plötzlich straffte er sich und sah den beiden Männern entgegen, die sich einen Weg Lurch die Tanzenden bahnten und auf die Zarin zuschritten, die sich in einem Sessel niedergelassen hatte. In diesem Augenblick ging ein junger Offizier in der Tracht eines srientalischen Prinzen an ihm vorüber. Er hielt ihn am Aerme! fest «md lüftete ein wenig seine Maske. Die Hacken zusammenklappend, salu- Sirrte der andere. „Tanzt mit der Zarin," sagte Potemkin befehlend und wies mit dem Kopf die Rrchtung, „tanzt mit ihr, sofort, und laßt Euch nicht merken, daß Ihr wißt, mit wem Ihr tanzt. Ihr seid ein hübscher Junge, sie Wird Eure Aufforderung nicht abschlagen. Vite mon eher!" Als Graf Panin mit seinem Begleiter den Platz der Kaiserin erreicht hatte, entführte ein junger Orientale die Griechin im Rhythmus der Gavotte. Liebenswürdig lächelnd trat Potemkin aus feinem Versteck hervor. „Guten Abend, mein lieber Graf Cagliostro," sagte er, „welche hohe Ehre, Len größten Magier Europas auf unserem bescheidenen Fest Zu sehen." Cagliostro verbeugte sich höflich. Seine dunklen, brennenden Augen hefteten sich auf den Fürsten, dem dieser Blick sichtlich unbehaglich war. Mit einer ruhigen, klangvollen Stimme antwortete Cagliostro: „Es ist sn mir, die hohe Ehre dankbar zu empfinden, die mir der Herr Staats» kanzler mit einer Einladung erwies, deren meine bescheidene Person kaum würdig ist." Potemkin streifte Panin mit einem kurzen Blick. „Cs wird sich kaum Gelegenheit finden, lieber Graf, politische Intrigen an diesem Abend vor Ihrer Majestät Ohren zu bringen." „Sie irren, Durchlaucht," antwortete Panin mit Betonung, „die An- Wesenheit des Grafen Cagliostro hat mit Politik nichts zu tun." „Um so besser, Exzellenz, um so besser. Aber auch persönliche Anstegen werden kaum Gehör finden. Die Kaiserin ... werter Graf, es tut mir aufrichtig leib, Ihnen das sagen zu müssen .., schätzt herumreifende Scharlatane nicht." Cagliostro zuckte zusammen, ein schneller Augenblitz fuhr stechend zu Potemkin hinüber, aber sofort faßte er sich und sagte mit der gleichen Sicherheit und Ruhe wie vordem: „Um das von Ihrer Majestät selbst zu erfahren, bin ich hergekommen, Ew. Durchlaucht." Potemkin lachte rauh. „Eh bien, dann werden Sie es fühlen müssen, wenn Sie mir keinen Glauben schenken wollen." Ohne Verbindlichkeit drehte er den beiden den Rücken und begab sich «uf seinen Platz hinter der Säule zurück. Es war nicht zu leugnen, die Anwesenheit Cagliostroy, diese? herum» vagabundierenden Pseüdograsen, der ganz Petersburg mit seinen Prophezeiungen, Wundermäsiern und Golkmacherkünsten in Aufregung gebracht hatte, bedeutete für ihn unter Umstanden das Ende seiner Karriere. Zweimal schon war der Ausweisungsbefehl an diesen Schwindler ergangen, und zweimal hatte er ihn zu umgehen gewußt. Was ihm damals nicht unlieb war, heute hätte er ihn zu allen Teufeln wünschen mögen. Uederdies war ihm der Mann doch irgendwie unheimlich. Er haßte und fürchtete diese brennenden, durchdringenden Augen, die Würde und Sicherheit, mit der dieser Mensch sein geheimnisvolles Wissen vertrat. Er war unbequem, er war gefährlich und mit gefährlichen Leuten machte man in Rußland nicht viel Umstände. Als Katharina in diesem Augenblick am Arm ihres Begleiters zurückkehrte und Graf Panin mit Cagliostro rasch hinzutreten wollte, ergriff Potemkin des spanischen Granden Arm und zog den vergeblich Widerstrebenden mit sich in den anstoßenden Saal. verzeihen Sie diese gewaltsame Entführung, Graf," sagte er und Zwang sich zur Freundlichkeit, „ich kenne die Zarin und ihre Unberechenbarkeit. Die Stunde, die Gras Panin wählte, um Sie Ihrer Majestät vorzustellen, ist so verfehlt, daß ich Ihnen die sichere Abweisung ersparen m"chie. Kommen Sie, stärken wir uns ein wenig." „Die Schüsseln find leer," lachte er herzlich, „aber warten Sie, ich werde sofort etwas Eßbares zur Stelle schaffen lassen." Während er zur Tür ging und mit einem dort postierten Lakaien «in naar Worte sprach, die von diesem mit einem breiten Grinse» xnt- gegengenommmen wurden, sah Cagliostro im Spiegel, der seinem Platz gegenüber an der Wand hing, den Grafen Panin, der hinter einer Portiere verborgen dicht neben dem Fürsten und dem Bedienten stand und nun, zu Cagliostro gewendet, zwei Finger seiner rechten Hand erhob. Unmerklich nickte der Spanier, er hatte verstanden. Potemkin war zurückgekommen. „So, lieber Graf, ich habe die köstlichsten Früchte bestellt, die im Palais nur für die Kaiserin selbst serviert werden", sagte er mit gewinnender Liebenswürdigkeit und setzt« sich Cagliostro gegenüber. „Und nun erzählen Sie mir etwas recht Interessantes." Ehe Cagliostro antworten konnte, erschien der Diener mit einer Schale auserlesensten Obstes, die der Fü.st ihm aus der Hand nahm uni) seinem Gast zuschob. „Essen Sie, Graf, es sind Früchte aus Ihrer Heimat, die Sie nicht verschmähen sollten." Cagliostro griff zu, und während er sich eine Orange schälte, betrachtete ihn Potemkin mit kaum unterdrückter Ungeduld. Bedachtsam teilte der Graf die Frucht und während er erzählte, schob er sich ein Stück nach dem anderen zwischen die schmalen Lippen. Er aß mit Genuß und ließ der Orange noch eine Traube folgen. Plötzlich hob er den Stopf, sah den Fürsten durchdringend an und sagte: „Wissen Sie auch, Durchlaucht, daß unsere Geschicke seltsam miteinander verknüpft sind? Sie werden drei Tage nach meinem Tode sterben." Potemkin wurde leichenblaß. Er sprang auf und entriß Cagliostro der» Rest der Traube. „Um Gotteswillen, essen Sie nicht ,.." keuchte er, „das Obst ... ist ... das Obst ist .. „Berg stet," sagte Cagliostro ruhig, „ich wußte es. Aber sehen Sie, Durchlaucht, ich bin kein Unmensch und will Ihnen das Leben nicht verkürzen. Hier ... mein Elixier, von dem ich ein paar Tropfen in dieses Glas Wein schütte, hebt die Wirkung des Giftes auf." Mit glasigen Augen starrte Potemkin auf den unheimlichen Gast, der kachelnd den Wein trank und sich erhob, als wäre ihm nichts geschehen. „Ich will über den Vorfall schweigen, Fürst," sagte er, „wenn Sie mir JOOOOO Goldrubel ausbezahlen lassen." Potemkin nickte zustimmend, während feine Lippen noch unter der Todesangst zitterten, die er ausgestanden hatte. Stolz grüßte Cagliostro und verließ den Saal, in dem er einen völlig Verwirrten zurückließ, der von feinen übernatürlichen Fähigkeiten in Liefer Stunde überzeugt worden war. Er wußte nicht, daß Graf Panin in böser Ahnung und in guter Kenntnis russischer Gepflogenheiten dem Diener die gefährlichen Früchte abgenommen und sie durch anders ersetz! hatte. Maskenlreiheit- Von Anna K a p p st e i n. Als Kinder spielten wir „Verkleiden". Wir hängten uns Tischdecke« und Bettlaken um, verkrochen uns in Mutters schleppende Morgenröcke, zogen uns Großmutterhäubchen über den Kopf, durchstöberten das Lumpenfach nach bunten Bandresten, die wir uns in die Haare flochten, und genossen in der Maskerade das wollüstige Vorgefühl, „erwachsen^ zu sein. Denn die Erwachsenen trugen damals lange Kleider; sie fchmück- ten sich, wenn sie sich für ein Fest rüsteten. Es war der Wunschtraum, es ihnen gleich zu tun, der uns Kinder in Flicken und Fetzen auf unser« Ar! Theater spielen ließ. Der Karneval gilt als ein rauschendes Verkleidungsfest für alle Wett. Maskenfreiheit gestattet jeden Uebermui und jede Fopperei. Die Verkleidung, in die man sich vermummt, enthebt der Verantwortlichkeit. Ein großer Rollentausch vollzieht sich: der Besitzende wird zum Land- ftrcicher, die Künstlerin zur Köchin; das KammermSdel verwandelt sich mit Tüll und Füttern in eine glitzernde „Königin der Nacht" her Briefträger zieh! das mittelalterliche Wams des Ritters an, die Mönchskutte deckt den Beruf-komiker. Mit dem Alltagskleid fallen Hemmungen ab. Es bedarf nicht erst eines kl.'.nen Schwipses, damit die Schritte leichter, die Gebärden runder, die Worte kecker werden. Man gibt unter äußerer Verhüllung sein eigenes Wesen freier; man meint eine Rolle zu spiele« — und spielt sich selbst. Richt wie man ist, sondern wie man sein möchte. Wunschträume erfüllen sich für eine Nacht. So ist die Verkleidung des Faschings eigentlich eine Entkleidung. Wenn auf einem Kostümfest jemand ein fremdes Gewand wählt, fs hat ihn eine ihm vielleicht nur halb bewußte Sehnsucht zu der Verwandlung seines äußeren Menschen gedrängt. Unter dem Schutz de» Maskensreihelt erlebt er zugleich, eine, innere Verwandlung, die ihn beschwingt. „Bor jedem steht ein Bild des, hias er werden soll; solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll." Dies etwas höhere Zitat, über das wir einen Schulaufsatz machen mutzten, hat nicht nur ethischer, Bezug. Rein ethisch stellt sich mancher seine Erscheinung jo vor, wie si« sein sollte, — lebten Leib und Seele nicht oft in merkwürdigem Widerspruch zueinander. Und er ruht nicht, bis er jenes innere Bildnis feines Aeußeren ganz nach seinem Geschmack gestaltet Hai, und wäre es nur für die flüchtigen Freuden eines Ballabends. Es Ist rührend, wieviel Schönheitsdurst in kümmerlichen Existenzen steckt, der ohne Selbstkritik des Dürstenden diesen im Uederschwang her Phantasie in unsreiwillig komischen Gestaltwandel zwingt. Portier Krawutschke aus der Mulackftrahe, der in grüner Jugend Flötenbläser werden wollte, mimt beim VereinsmoskenbaU feines Kegelklubs de« Lohengrin; das o-beinige Fräulein Piefke aus dem Heringsladen hüpst — mit 150 Pfund Lebendgewicht — als Rautengelein zwischen Papierschlangen und Bockbiergläsern durch den schweltzdampfenden Saal. Da» ganze Märchengelichter, und, in einer Republik, all die Könige und Königinnen aus dem Lande Nirgendwo entstammen „verdrängten Ke- fühlen", um in der Freud-Sprache zu reden. Soziale Gegensätze gleiche« sich für ein paar Stunden aus; die Nüchternheit des Berufs- und Familienlebens durchrankt sich mit Romantik, Fernflchten zu Aufsttegm'g- lichkeiten öffnen sich. Die Maske, die verbergen soll, verrät den heimlichsten Sinn, den wir unserem Leden geben. Der Spötter Oscar Wild» Hst einen Leistreichen Aufsatz über di« „Wahrheit der Masken" He schrie» serr. ZK Ehakespesres Dramen ist der Narr der wahrhaft Weste und Der Hofnarr, auch in der Weltgeschichte, oft ein einflußreicherer Berater feines pursten als der Sanjier. Narrenfreiheit gab das Recht, die Wahrheit rmszu sprechen, und die Narreuprilsche geißelte Schwächen und Laster auch derer, die so hoch standen, daß sich leine andere Kritik an sie heran- wagte. Der Narr übte ein sittliches Amt, indem er seiner Zeit den Spiegel vorhielt. Heute tut das der Schauspieler. Er zeigt uns unser Gesicht. Gleich dem Narren gehörte er einst zum fahrenden Volk. Er war vogelfrei, wohl nicht nur, weil die Leute ihn als Vaganten verachteten. Sie jürch- teten ihn auch. Unter Deckung feiner Maske schürft der Schauspieler jene elementaren Leidenschaften empor, die im Bürger, den die Ueberlieserung und tausend Rücksichten binden, lebenslang schlummern. Vielleicht ist der Bühnenkünstler in Zeiten, da alles nach Gewinn giert und darum die persönlichen Umrisse sich abschleisen zugunsten einer Allerweltsgefällig, keit, der Tröger echtester und tiefster Lebenswerte. Denn indem er ^Maske macht" und eine „Rolle spielt", reißt er die Masken von den Zügen des Zuschauers und legt Äcfenshastes und Ursprüngliches bloß. Im Leben tragen wir die Masken, die wahrhast undurchdringlichen, — nicht in der Fastnacht, wo man sie lächelnd ablegt, wenn die zwölste Stunde schlägt, oder wo eben die Maske andeutet, „wo wir hinauswollen" Im Leben ist die Maske Selbstschutz, wie der Handschuh, der uns die Bakterien eines schmutzigen Geldscheines, einer abgegriffenen Türklinke scrnhält. Immer mehr lernt der Europäer vom Javaner die Verschlossenheit der Mienen. Die Maske wächst ihm über das Gesicht, er braucht gar nicht darum zu wissen. Umwelt, Stand, Berus wirken an dieser Maske. Auch unsere Kleidung, auf der Straße fast Uniform, ist Maske. „Kleider machen Leute". Beaudelaire spricht von der „Moral der Toilette". Nur wenige genießen den Vorzug, sich noch Poppen- bergs Ideal zu halten, nach welchem die Kleidung „als eine natürliche Haut" uns umschließen soll. Alle wirtschaftlich Unfreien müssen sich behelfen und oft ihr inneres Gesicht von unvorteilhaftem Kleid entstellen Der unverwelkliche Reiz des Maskenballes wirft den Verstellten, Blasierten in die Kindheit zurück. Er spielt, er wird wahrhaftig: er schämt sich nicht, einzug stehen, welcher Lebensform er eigentlich zustredt. Er erlöst sich von strengem Zwang einer Wirklichkeit, di« sein Herz nie völlig anerkennt. „Löblich wird ein tolles Streben, Wenn es kurz ist und mit Sinn; Heiterkeit zum Erdeleden Sei dem fiücht'gen Rausch Gewinns Spanischer Karneval. Don E.v.Ungern-Sternberg. Den Karneval muß die Sonne durchleuchten, sie mutz das Grübeln verscheuchen und die Ungebundenheit des Temperamentes entfesseln Helsen, die Griesgrämigkeit des grauen Alltags muß gebannt und jener angenehmen Verrücktheit Platz gemacht werden, ohne die die Karnevalfeier zu einer Farce ausarten würde. Am Horizont des Karneval aber Muß der Aschermittwoch der Lobenden Menge bewußt bleiben. Die ernste Zeit der Fasten und der Buße, die devorsteht, rechtfertigt diese letzte Explosion der bunten Sinnlichkeit; die Diesseitsfreude wird in lustigen Maskenauszügen Hervorgehoden, und die sonst so strengen Gesetze der traditionellen Marals werden unter der Larve reuelos verletzt, bis dann der Priester den Sündern und Sünderinnen das Aschenkreuz auf die Stirne streicht und sie en die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge mahnt. In Spanien, mehr vielleicht als in andern Ländern, hat der Karneval seine alte Bedeutung gewahrt. Noch immer, wie einst im Mittelalter, reiten auf einem Maulesel Geistliche im Ornat durch die Straßen der Städte und verkaufen unter dem silberhellen Gebimmel eines Glöckchens Eine päpstliche Bulle, deren Erwerb gewisse Fastenerleichterungen gewährt. In Madrid ist es zur Karnevalszeit kalt. Wenn auch am Tage die süd- llche Sonne am fast immer blauen Himmel leuchtet und alle Grillen ver. treibt, so pflegt doch vom schneebedeckten Guadarrama ein eisiger Hauch herunterzuwehen, der mit sinkender Dunkelheit die Glieder erstarren läßt. Der Festzug des Prinzen Karneval findet in 6er Hauptstadt auf dem Paseo de Rosaies statt, auf der prächtigen Promenade im Norden Madrids. Dort sammeln sich die blumengeschmückten Karossen, die Cstudianti» das und Maskenaufzüge und fetzten sich im flimmernden Sonnenschein in Bewegung. Die Blumenfchlacht beginnt und ein Regen von Konfetti fällt aus die lärmend^ Menge. Stockwerkhohe Blumenarrangements gleiten vorüber, zwischen den Rosen und Nelken lachen frohe Mädchenaugen. Dann folgt eine Estudiantina, Gitarrengeklimper und dos Singen einer sonoren Iota! -Danach kommen Toreros, dann Gruppen von phantastischen Masken, die mit Klappern und Trompeten lärmen, und wieder dlumengeschmückte Wagen und Autos, in denen Damen mit der Halb- dwske sitzen und eifrig Blumen und Serpentinen schleudern. Aber der Karneval in Madrid ist ein Volksfest, und so mischen sich denn bald in ven Maskentrubel weniger rücksichtsvolle Gestalten, die zerriebene Kreide um sich streuen und die große Spritzen n»ii parfümiertem Wasser bei sich fuhren. Der Unfug ist zwar verboten, aber im Karneval gelten keine polizeilichen Verordnungen, und die besser gekleideten Masken ziehen sich aus Rosales zurück, verteilen sich über die Straßen Madrids. Auf der Castellano und am Cibelesbrunnen ist großer Korso. Der Boden ist bald Danz mit buntem Konfetti und mit zertretenen Blumen bedeckt. Der Trubel dauert an, bis die Dunkelheit und die nächtliche Kälte die Menge zwingen, sich zu zerstreuen. Die Vernünftigen ziehen sich dann in ihre Wohnungen zurück, aber da der Karneval der Unvernunft gehört, |o eilen sie meisten in die Tanzpaläste, auf den Maskenball in der Zarzuela oder auf die vielen Volksvergnügungen. In der Nacht scheiden sich die Klassen. anderes Publikum vergnügt sich im Alkazor, ein anderes freut sich (eines Lebens in der Bombilla ober in irgendeiner' Denia, wo die Aus» Selaffenheit nicht mit hohem Geldtribut belegt wird. Uederaü ©erpev. _ ffnen, KsnfM und eine gewiss« Maskenfreiheit. Mer auf ven Volks- festen wacht die Eifersucht der „Caballeros^, und alle diese Dolores, Car» men Sol und Marias haben es nicht ganz leicht, ein wenig zu flirten und Faschingssünden zu begehen. In den vornehmen und teuren Ber- gnügungslokalen ist es anders. Die Damen dort gehören meisten der mo» bdncn Welt an, und schon um Mitternacht tragen die Herren ihre Damen auf den Schullern. Seklgläjer klirren. Blumen und bunte Bänder fliegen durch die Luft. Pierrot und Pierette umfangen sich und tanzen zu den Klangen des Negerorchesters einen Tango, sie werden von den bunten Girlanden der Serpentinen umschlungen, andere Paare folgen in etwas gewollter Lustigkeit, das Gewühl mehrt sich, aber über all dem Treiben, das so lehr dem Faschingstreiben in anderen Großstädten ähnelt, lagert ein leichter Schatten von blasierter Langeweile, den niemand bemerken will. Vor den Luxuslokalen, in denen die Karnevalsfeiern stattfinden, warten Reihen von Autos, um die müden Gäste nach Hause zu fahren. Im Morgengrauen schwanken Fußgänger durch die st.ll gewordene Calle Alcala und durch den vornehmen Barrio de Salamanca, ihre Maskenkostüme sind in Uttorbung geraten, ein nüchterner Nordwind bläst ihnen ins Gesicht und läßt sie erschauern. Vor der Calatravakirche liegen auf den kästen Steinsließen mit kreuzförmig ausgebreiteten Armen Büßer und warten, bis sich die Tore zur Frühmesse öffnen werden. Nebenan spielt noch ein Straßenmusikant in buntem Flitterstaat einen Tango. Aschermittwoch ist angebrochen und der Karneval ist zu Ende, nur am folgenden Sonntag flammt der Faschtngstrube! noch einmal in seiner bunten Tollheit ans, um dann endgültig der stillen Fastenzeit Platz zu machen. Ls gibt viele Madrider, die die Karnevalfestlichkeiten fliehen und sich in die weiße Schneewelt des Guadarrama begeben, von dem feuchte Wolken mit Nebelstngern noch der nahen Großstadt tasten. Im Guadarrama, auf den Gebirgsgipsekn von Tres Picos und Navacerradq> üepen die Wintersportplätze Madrids. Von der nur eine Stunde Eisenbahnfahrt entfernten Station Cercedilla führt eine Bergbahn in die Höhe nach Navacerrado, wo ein schönes Hotel erbaut ist und wo sich das Zentralhaus des Winterspvrtklubs, zu dem auch viele Deutsche gehören, befindet. Mit Stieren ausgerüstet füllen zahlreiche Gruppen die Züge nach Segovia, um in der Schneelandfchaft des Guadarrama den Karne- valslärm von Madrid zu vergessen. Anders ais in Madrid ist der Karneval in Andalusien, bunter, lauter, ausgelassener. In Sevilla am Guadatguivir blühen im Februar die Rosen. Unter den hohen Palmen vergißt man im rocumm Sonnenschein, daß es Winter ist. In den Cafes in der Calle de Sierpes sitzt das Publikum auf der Straße und genießt das Leben, denn in Andalusien scheint man niemals Sorgen und Tränen zu kennen. Das ganze Leben ist ein Fest, man überschätzt nicht den Wert der Arbeit, und Gitarre, Gesang und Liebe, dazu noch Stierkämpse und Prozessionen genügen, um das Glücksgesühl der Bewohner zu befriedigen. Aber dis Frau in Andalusien genießt noch weniger Freiheiten als in Kastilien, sie steht unter strenger Aufsicht, und wenn sie auch in den Fasch ngs- Zügen die Halbmaske trägt, jo darf sie — wenigstens das Bürg.-ifräu- lein und die Bürgerfrau — doch nicht allein Maskenbälle besuchen, und tanzen darf sie auch nur mit dem Mann oder mit dem Bräutigam, aber das tut ihrer Grazie und ihrem Charme keinen Abbruch, und trotz aller Bewachung werden im Karneval Intrigen und Romane cingefäbelt, denn in Sevilla, in der Vaterstadt Don Juans, sind Karneval und Liebesabenteuer noch immer unzertrennliche Begriffe. Zahlreich sind die Ausländer, die im Februar das Sonnenland Andalusien besuchen, das im Schnellzuge von Madrid in einer Nachtfahrt erreicht werden kann. Man erlebt dort, fei es nun in Malaga, das niemals einen Winter kennt, ober in Sevilla Karnevalseinbrücke, die unvergessen bleiben. Die Sorglosigkeit steckt an, die Kritik schweigt, und mit der Sonne leuchtet" die Freude am bunten Treiben. Der Karneval Andalusiens ist sreigiebig- mit Illusionen; er überkommt einen wie ein Traum von Glück. Der Karneval in Spanien hat deshalb einen tieferen Sinn, weil er in den Traditionen wurzelt, weil er sich in den Rahmen der Kirchenoorschrifter» sinfügt vnd denk Temperament der Bevölkerung entspricht. A°ä ermittwoch- Von Heinrich Heine. Dieser Liede toller Fasching, Dieser Taumel unsrer Herzen, Geht zu Ende und ernüchtert Gähnen wir einander an! Ausgetrunken ist der Kelch, Der mit Sinnenrausch gefUöi war, Schäumend, lodernd, bis am Rande; Ausgetrunken ist der Kelch. Es verstummen auch die Geigen, Die zum Tanze mächtig spielten. Zu dem Tanz der Leidenschafft Auch die Geigen, sie verstummen. Es erlöschen auch die Lampen, Die das wilde Licht ergossen Auf den bunten Mummenschanz; Auch die Lampen, sie erlöschen. Morgen kommt der Ajchenmittwoch, ßnb ich zeichne deine Stirne Mit dem Afchenkreuz und spreche: Weid, bedenke, daß du Staub bist. Gustav Adolfs Paqe. Novelle von Tonrad Ferdinand Meyer. (Sortlegung.i kV. In der Dämmerstunde desselben ereignisvollen Tages wurde dem König ein mit einem richtig befundenen Saivokonduit versehener fried» ländischer Hauptmann gunetdet. Es mochte sich um die Bestattung der in dem letzten Zusamm. «.stoße Gefallenen oder forst um ein Abkommen handeln, wie sie zwischen sich gegenüberliegenden Heeren getroffen werden. Page Leubelfing führte den Hauptmann in das eben leere Emp- fangsztmmer. ihn hier zu verziehen bittend: er werde ihn anjagen. Der Wailensteiner aber, ein hagerer Mann m t einem gelben verschlossenen Gesichte, hielt ihn zurück: er ruhe gern einen Augenblick nach feinem rafchtw R.tte. Nachlässig warf er sich aus einen Stuhl und verwickelte den Pagen, der vor ihm stehen geblieben-war, in ein gleichgültiges Gespräch. „Mir ist," sagte er leichthin, „die Stimme wäre wir bekannt. Ich bitte um den Namen des Hernr." Leubelfing, der gewiß war,.dieje kalte und diktatorische Gebärde nie in feinem Leben mit Augen gesehen zu haben, erwiderte unbefangen: „Ich bin des Königs Page, Leubelfing von Nüremberg, Gnaden zu dienen." „Eine kunstfertige Stadt", bemerkte der andere gleichgültig. „Tue mir der junge Herr den Gefallen, diesen Handschuh —es ist ein linker —zu probieren. Man hat mir in meiner Jugend-bei den Jesuiten, wo ich erzogen wurde, die demütige und dierstfertige Gewohnheit eiage- prägt, die sich jetzt für meine Hauptmannichast nicht mehr recht schicken will, verlorene und am Wege liegende Gegenstände auszuheben. Das ist mir nun so geblieben." Er zog einen ledernen Reithandschuh aus der Tasche, wie sie damals allgemein getragen wurden. Nur war dieser von einer ausnahmsweisen Eleganz und von einer auffallenden Schlankheit, jo daß ihn wohl neun Zehntel der wallensteinischen oder schwedischen Sol^atenhände hineinfahrend mit dem ersten Ruck aus allen seinen Nähten gesprengt hätten. „Ich hob ihn draußen von der untersten Stufe der Freitreppe." Leubelfing, durch den kurzen Ton und die befehlende Rede de« Hauptmanns etwas gestoßen, aber ohne jedes Mißtrauen, ergriff in gefälliger Höflichkeit den Handschuh und zog sich denselben über die -schlanken Finger. Er saß wie angegossen. Der Hauptmann lächelte zwei» oeut g. „Er ist der Eurige", sagte er. „Nein, Hauptmann," erwiderte der Page befremdet, „ich trage kein ko feines Leder." „So gebt mir ihn zurück^ und der Hauptmann nahm Sen Handschuh wieder an sich. Dann erhob er sich lang,am von seinem Stuhl und verneigte sich, -denn der König war eingetreten. Dieser tat einige Schritte mit wachsendem Eistaunen-und feine stark- gewölbten strahlenden Augen vergrößerten sich. Dann richtete er an den Gast die zögernde« Worte: „Ihr hier, Herr Herzog?" Er hatte-de» Friedländer nie von Angesicht geschen, aber oft dessen überallhin ver» breitete Bildnisse betrachtet, und der-Kops war so eigentümlich, daß man ihn m t keinem andern verwechseln konnte. Wallenstein bejahte mit einer zweiten Verneigung. Der König erwiderte sie mit -ernster Höflichkeit: ,Lch grüße die -Hoheit und stehe zu Diensten. Was wollet Ihr von mir: Herzog?" Er winkte den Pagen mit einer Gebärde weg. Leubelfing flüchtete sich in seine anliegende Kammer, welche, ärmlich ausgerüstet, ein schmaler Riemen, zwischen dem Empfangszimmer-und dem Schlafgemach des Königs, dem ruh gsten des Hauses, lag Er war erschreckt, nicht durch die Gegenwart des gefürchteten Feldherrn, sondern durch das Unheimliche dieses späten Besuches. Ein dunkles Gefühl zwang ihn, denselben mit seinem Schicksale in Zusammenhang zu bringen. Mehr von Angst als von Neugierde getrieben, öffnete er leise einen tiefen Schrank, aus welchem er, — wenn er — wenn es gefügt werden mutz — durch eine Wandspalte den König schon einmal — nur einmal — belauscht hatte, um ihn ungestört und nach Herzenlust zu betrachten. Datz sein Auge und abwechselnd fein Ohr setzt die Spalte nicht mehr verließ, dafür sorgte dec seltsame Inhalt des belauschten Gespräches. Die sich Gegenübersttzenden schwiegen eine Weile, sich betrachtend, ohne sich zu fixieren: Sie wußten, datz, nachdem die das Schicksal Deutschlands bestimmende Schachpartie mit vieldeutigen Zügen und verdeckten Plänen begonnen und sich auf allen Feldern verwickel! hatte, vor der entscheidenden, eine neue Lage der Dinge schaffenden Schiacht das unterhandelnde Wort nicht am Platze und ein Uebereinkommen unmöglich sei. Diesem Gefühle gab der Friedländer Ausdruck. „Majestät," sagte er, „ich komme in einer persönlichen Angelegenheit." Gustav lächelte kühl und verbindlich. Der Friedländer aber begann: „Ich pflege im Bette zu lesen, wann mich der Schlaf meidet. Gestern oder heute früh fand ich in einem französischen Memoirenwerke eine unterhaltende Geschichte. Eine wahrhaftige Geschichte mit wörtlicher Angabe der gericht! chen Deposition des Admirals — ich meine den Admiral Eoligny, den ich als Fekdherrn zu schätzen weiß. Ich erzähle sie mit der Erlaubnis der Majestät.- Bei dem Admiral trat eines Tages ein Partisan ein, Poltrot oder wie der Mensch hieß. Wie ein halb Wahnsinniger warf er sich auf einen Stuhl und begann ein Selbstgespräch, worin er sich über den politischen und militärischen Gegner des Admirals, Franz Guije, leidenschaftlich äußerte und davon redete, den Lothringer aus der Welt zu schaffen. Es war, wir gesagt, das Selbstgespräch eines Geistesabwesenden und es stand bei dem Admiral, welchen Wert er darauf legen wollte — ich möchte die Szene einem Dramatiker empfehlen, sie wäre wirksam. Der Admiral schwieg, da er da» Gerede des Menschen für eine leere Prahlerei hielt, und Franz Guife fiel, von einer Kugel —" »Hat Eoligny so gehandelt," unterbrach der König, „so tobte ich ihn. Er tat unmenschlich und unchristlich." 'u-rantwortltcb: Dr. Hans Lpyriot. — Druckund Verlag: Brühl „Und unritterlich". höhnte bet FriedkSWer fatfe ,Jtur Sache, Hoheit", bat -der König. „Majestät, etwas Aehnliches ist mir heute begegnet, nur hat btt zum Mord sich Erbietende eine noch künstlichere Szene ins Werk gesetzt. Einer der Eurigen wurde gemeldet, und da ich eben beschäftig! war, ließ ich ihn in das Nebenz.mmer führen. Als ich eintrat, tuar « in der schwülen Mittagsstunde entschlummert und sprach heftig im Traume. Nur wenige gestammelte Worte, aber ein Zusammenhang ließ ich erraten. Wenn ich daraus klug geworden bin, hätte ihn Eure Ma» eskät, ich weiß nicht womck, tödlich beleidigt, und er märe entschlossen, a genötigt, den König von Schweden umzubringen um jeden Prei^ ober wenigstens um einen anständigen Preis, was ihm leicht sein werd«, da er in der Nähe der Majestät und in deren täglichem Umgang lebt Ich weckte dann den Träumenden, ohne ein Wort mit ihm zu verlieren, wenn nicht daß ich nach seinem Begehr fragte. Es handelte sich um Auskunft über einen schon vor Jahren in kaiserlichem Dienste ver» schollenen Rheinländer, ob er noch lebe oder nicht. Eine Erbsache. Ich gab Bescheid und entließ den Listigen. Nach seinem Namen fragte ich ' ihn nicht; er hätte mir einen falschen angegeben. Ihn aber auf bat Zeugnis abgerissener Worte einer gestammelten Traumrede zu sep haften, wäre untunlich und eine schreiende Ungerechtigkeit gewesen." ^Freilich", stimmte der König bei. „Majestät," sprach der Friedländer jede Silbe schwer betonend, „ix bist gewarnt!" Gustav sann. „Ich will meine Zeit nicht damit verlieren und mein Gemüt nicht damit vergiften," sagte er, „so zweifelhaften und verwischt«, Spuren nachzugehen. Ich stehe in Gottes Hand. Hat die Hoheit kein« weiteren Zeugen oder Indizien?" Der Friedländer zog den Handschuh hervor. „Mein Öhr und dies«, Lappen da! Ich vergaß der Majestät zu sagen, daß der Träumer schlank war und ein ganz charakterloses, nichtesagendes Gesicht, offenbar ein« jener eng anschließenden Larven trug, wie sie in Venedig mit der größten Kunst verfertigt werden. Aber feine Stimme war angenehm markig ein Bariton oder tiefer Alt, nicht unähnlich der Stimme Eures Pagen, und der Handschuh, der ihm entfiel und bei mir liegen blieb, fitzt selbigem Herrn wie angegossen." Der König lachte herzlich. „Ich will mein schlummerndes Haupt t, den Schoß meines Leubelfings legen", beteuerte er. „Auch ich," erwiderte der Friedländer, „kann den jungen Mensch«, i nicht beargwöhnen. Er hat ein gutes, ehrliches Gesicht, dasselbe keck« Bubengesicht, womit meine barfüßigen böhmischen Bauernmädchen herumlaufen. Doch, Majestät, ich bürge für keinen Menschen. Ein Gesicht kann täuschen und — täuschte es nicht —- ich möchte keinen Pagen um mich sehen, wäre es mein Liebling, dessen Stimme klingt wie bl« Stimme meines Hassers, und dessen Hand dasselbe Maß hat mit bi« Hand meines Meuchlers. Das ist dunkel. Das ist ein Verhängnis. Da« kann verderben." Gustav lächelte. Er mochte sich denken, daß der großartige Empor- kömmling jetzt, da er durch seinen ungeheuerlichen Pakt mit dem Hab«- burger das Re ch des Unausführbaren und Chimärischen betreten hott«, mehr als je allen Arten von Aberglauben huldigte. Den Innern Widerspruch durchschauend zwischen dem Glauben an ein Fatum und den Brr- . suchen, dieses Fatum zu entkräften, wollte der feines lebendigen Gotte« Gewisse mit keinem Worte, nicht mit einer Andeutung ein Gebiet berühren, wo das Blendwerk der Hölle, wie er glaubte, sein Spiel trieb. Er ließ das Gespräch fallen und erhob sich, dem Herzog für sein loyale« Benehmen dankend. Doch -griff er dabei nach dem Handschuh, welche« - der Friedländer nachlässig aus ein zwischen ihnen stehendes Tischchc« geworfen hatte, aber mit einer fo kurzsich igen Gebärde, daß sie bem scharf blickenden Wallenstein, der sich gleichfalls erhoben hatte, feiner- seits ein unwillkürliches Lächeln abnötigte. „Ich sehe mit Vergnügen," scherzte der König, den Friedländer gegen die Türe begleitend, „daß die Hoheit um mein Leben besorgt ist." „Wie sollt' ich nicht?" erwiderte dieser. „Ob sich die Majestät und 14 mit unfern Armaden bekriegen, gehören die Majestät und ich" — der ] Herzog wich höflich einem „wir" aus — „dennoch zusammen. Einer ist undenkbar ohne den andern und" — scherzte er seinerseits — „ftürjft . die Majestät oder ich von dem einen Ende der-Weltschaukel, schlüge da« andere unsanft zu Boden." Wieder sann der König und kam unwillkürlich auf die Sernratung, irgeitbeine himmlisch« Konjunktur, eine Sternstellung habe dem Friedländer ihre beiden Todesstunden Im Zusammenhänge gezeigt, eine der anderen folgend mit verstohlenen Schritten und verhülltem Haupte. Seltsamerweise gewann diese Vorstellung tvvtz seines Gottoertrauen« plötzlich Gewalt über ihn. Jetzt fühlte der christliche König, daß di« ! Atmosphäre des Aberglaubens, welche den Friedländer umgab, ihn W \ zustecken beginne. Er tat wieder einen Schritt gegen den Ausgang. „Die Majestät," endete der Friedländer fast gemütlich seinen 8« ; such, „sollte sich wenigstens ihrem Kinde erhalten. Die Prinzeß lernt brav, wie ich höre, und ist der Majestät an das Herz gewachsen. Wenn mmt keine Söhne hat! Ich bin auch solch ein Mädchenpapa!" Damit empfahl i sich der Herzog. f Noch sah der Page, welchem das belauschte Gespräch wie ein ®t* fpenst die Haare zu Berge getrieben hatte, daß Gustav sich in sein«« Sessel warf und mit dem Handschuh spielte. Er entfernte das Auge do« der Spalte, und in die Kammer zurückwankend, warf er sich neben dcv> Lager nieder, den Himmel um die Bewahrung seines Helden onflchcnd, dem seine bloße Gegenwart — wie der Friedländer meinte und er selbst nun zu glauben begann — ein geheimnisvolles Unheil bereiten konnte. „Was es mich koste," gelobte sich der Verzweifelnde, „ich will mich ihm losreißen, ihn von mir befreien, damit ihn meine unheimliche 3W nicht verderbe." (Fortsetzung folgt)) _____________________________________ f ’fsbe UnivLxkiläkS-Buetz» unb ©tetnbrurferet, X Sange,