GichenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jrbrgangl929 ^reitag^den U. Januar Nummer 3 Die Einsame. Von Li Tat p e h. Vom Schwalbenberg !m Sturme Wehn Blätter ohne Zahl; Einsam schau' ich vom Turme Nach meinem Chgemahi. Die grünen Wolken gleiten Zerrissen übers Meer, Herbstliche Lieder breiten Sich weich darüber her. Dort unten ziehn in Hausen Soldaten durch den Sand, Ein Bote kommt gelaufen. Von unserem Heer entsandt. Ach, daß mein Mann im Ruhme Der Rückkehr Tag oergißt! — Was klag' ich, da die Blume Schon am Verwelken ist! Chinesische Marschälle. Bon Anton Schnack. Chow Sin. Ich bin der get&e, schwermütige Marschall Thow Sin. Die Legenden, schreiber wissen nicht mehr wie ich aussah, aber die Dichter meiner Zeit nannten mid): Trauriger Sperling im Regen. Ich habe gelebt siebenundvierzig Winter vor dem Jahre 1100. Ich liebte das Herbstrvhr am Tung-Tingsee, wenn die blauen Stahienteu aus dem Bergland von Hunan in Schwärmen einbrachen. In der Nacht des siebenten Mondes stand meine Geliebte T'o Ki an einem Fenster aus silbernen Stäben. „Was träumt meine grostlauchtigste Geliebte, meine zirpende Amselkehle", sagte ich zu ihr, mich verneigend. „Freund, Sohn der Sonne", zwitscherte ihre Stimme: „Ich träume vom Herbst, der bald über die Stadt Pötsch ou kommen wird. Dann werden die Reiher das Hügelland durchschneiden und die Kraniche des Ostens aus den Wipfeln der Schwarzfichten rasten .. Ich habe viele Soldaten, blaue Soldaten, weiße Soldaten, schwarze Soldaten, Soldaten mit Säbeln aus Perlmutter, Soldaten mit langen Bastschleudern, Soldaten mit gefiederten Pfeilen und F schgrätenspitzen. Ich habe eine Musik aus Gong, Flöte und Trommel. Ich reite viel Ich höbe Träume. Ich habe eine Dose aus mongolischem Gold. Ich gehe die Palasttreppe mit achtundzwanzig Schritten hinunter. Ich habe ein Tor nach Osten, das ganz aus Porzellan gedrechselt ist. Wenn es mir ein» fällt, gehe ich als Flötenspieler in ein Teehaus, und niemand erkennt mich. Die kleine Tänzerin, Stern über dem Weidenbaum genannt, erwartet mich mit einem Lächeln. Sie hat rote Vögel in einem Käfig Wenn der Winter kommt, sterben sie ... T'a Ki liebt die Spiele mit den Elfenbeinbällen. Sie liebt die Feste der vielen Lichter. Sie hat fünfzig Gärten. Sie besitzt neunhundertneunundneunzig Kimonos, alle aus Seide, Goldfäden- und Silberfchuppen. Eie ist zierlich wie eine Bachstelze vom gelben Fluß. Sie singt die geweihten Verse der Dichter Tang und Ting Fang, die sich ihretwegen den krummen Dolch durch die Kehlen zagem Als sie ihr Blut auf dem Gartenkies sah, lächelte sie stolz. Sie ist grausam wie die Dämonen in den Schattenspielen. Sie reitet über die Reisfelder hinweg und läßt die Männer aus Hunan binden Und in die steinernen Türme der Vergessenheit und der Nässe werden. Danach geht sie die gewundene Treppe ihres Pavillons hinauf, nimmt gus Kissen ein paar Fingerspitzen Vogelflaum und läßt die Federn in den Wind verwehen. Und sie lächeli kindlich dazu und nickt und spricht: .Herr, mit der Würde des Himmels, es ist Schnee aus den Bergen ...' Wu - Pei - Fu. Wenn ich vor dem Pergament meiner Palasrfenster stehe, sehe ich mein Herr, das Kriegslager In Layana und den fruchtbaren angeschwvl- lenen Fluß. Mein Lieblingsgeruch ist der Rauch eines Reisigfeuers, das die Soldaten zwischen Steinen brennen haben. Meine Begierde ist der Ruhm. Aus die Schultern sind mir drei grüne Sterne gestickt, auf bte recht« sowohl wie auf die linke. Mein dünner, schwarzer Schnurrbart zitiert; denn ich habe mir ein Reiskorn zwischen die Zähne gesteckt, das ich langsam zermalme. Ich bin ein schweigsamer Kriegsgott, eiserner und klirrender Märsche eoU; am liebsten sehe ich Reiter in die Rocht ser- ichwinden oder Städte mit gepanzerten Drachentoren und geschlitzten Mauerscharten. Ich habe eine Sänfte; sie ist aus grünem Tuch mit SchlangenknSpsen aus Jadcstein und matten Metallstangen. In ihr sitzend, habe ich di« besten Pläne. Ich halte nichts von der Strategie, die nicht im Angriff der Fußtruppen das Entscheidende sieht. Bevor ich eine Schlacht beginne, lasse ich unter meine Soldaten Mondkuchen mit Sprüchen und Sätzen des Konfuzius verteilen. Cs steht darauf: „Mein Held, weich' kriegsfester, ohk Des Landes Allerbester, oh! Mein Held, der führt den langen Speer. Und vor dem König jagt er her." Auf das Grab des Kung fu-Tse habe ich meine Stirne gelegt. Mein Sterndeuter Kahing stand habet, befahl mir, die Augen zu schließen und ihm meine Gesichte zu sagen, die ich wahrend der Berührung mit dem heiligen und em.gen Steine Hütte. Ich fühlte mich in den Garten meines Vaters zurückversetzt, an der großen. Peitopatme sah ein grauer riesiger Skorpion, der langsam den Stamm hinauf kroch. Durch beit Wipfel sah ich den göttlichen Stern Iöllang scheinen. Da sagte mir Kahing, mein Sterndeuter, daß Chang-Ehün, der Marschall im Süden, einen großen Anschlag gegen mich plane. Das Erscheinen des Sternes aber bedeute, daß mir die Hilfe der Götter nahe fei. 2ch ließ das ganze Heer aufbrechen. Wir reiten und marschieren schon drei Tage und zwei Rächte. Heute ist die dritte Rocht. Ich denk« an den großen Thuang tje, der das Buch vom südlichen Blütenland schrieb. Er verachtete die Weisheit und die Lehren meines geistige« Vaters Kung fülle. Während das Zaumzeug der Pferde flirrt, bas schweißige Leder der Soldaten stinkt und die tausend und aber taufend Füße der Marschierenden die Felder der Bauern zerstampfen, denke ich an seinen Traum vom Schmetterling. Chuang-tse träumte einst, er fei ein Folter und schwebe trunken und beglückt über eine Wiese, die am Perlflusse blühte. Rach dem Erwachen wußte er nicht mehr — so hatte « in seinem Buche geschrieben — ob Chuang-tse geträumt habe, er fei der Schmetterling, ober ob der Schmetterling nun träume, er fei der Dichter und Gelehrte Chuang-tse. Ich aber will morgen die Schlacht beginnen ... Chang-Thün. Ich habe ihn gesehen auf einem grauen Bilde, das der Schatten und der Ablauf der Zeit noch trauriger gemach! hatten als es schon war. Er war einsam. Er hatte das Gesicht eines Affen, eine schwarze Mandarinen- mütze, eine Quaste aus Seide und einen Ring mit einem weißen Jadestein. Er ist eben aus dem Palast des kaiserlichen Kindes getreten, wo ein Schauspieler das Fächerlied der Dame Pam-tsicheh-jü vorgetragen bat Auch er, der Marschall, verglich sich mit dem Fächer, der seine Dienste getan Hai und nun weggeiegi wird. Oh, daß ich des Fächers gedenke, dessen Elsenbein ein weißer Elefant durch das Dschungel Siams trug, sagte Chang Chün schwermütig zu sich selbst. Die Beinschneider aus der Provinz Tschekiong haben den heftigen Zahn in klirrende und gelbe Platten zerlegt Die Künstler aus der Stadt im Wind, Wutschou, haben ihn mil hohen Symbolen bemalt: ein gelber Drache war es, ein springender Tiger, ein Hohn in der Morgenröte, eine Tänzerin aus Gold, eine Vogelschar aus Ocker. Er hat in einer kleinen Hand geruht und die süße Luft der Kirfchen- blüte hin- und hergefächeit. Man erzählt, daß die Prinzessin Sin-Kiün auf ihn Tränen fallen liefe, die zu Perlen wurden. Sie war schön wie das Einsinien der Dämmerung über ein Reisfeld. Sie hat gelbe Früchte geliebt Mit guten Worten pries (le den Herbst. Sie hat Porzellan mit Rohrschäften bemalt Den Tee liebte sie und einen Meinen Dolch aus Bronze. Ich werde sie nicht mehr sehen. Ich bin alt und das Gelächter der Höflinge. Mein Haus wird am See Poyang stehen Ich werde allein sein mit den Dienern. Das erhabene Ruderiied des Kaisers Wutt bleibt meine Weisheit: mein Leben mar so lang, ja lang ein Tropfen braucht, bis er vom Ruder aus den Spiegel des Wasser» niederfällt. Es mar ein Richt». , Cha ng < Tsolin. Seht ihn an: er ist starr wie ein Gott. Seine Brust ist ein jlimmern- -es Panorama von Schnüren, Medaillen, Sternen, Quasten und Schnallen. Seine Soldaten mußten in den mandschurischen Sümpfen lauern, um schneeweiße Reiher zu erlegen. Mit ihren Federn hat er seine Mütze geschmückt. Sie steigen über seine Stirne wie ein hoher Geisyr auf. Er war nicht immer so. Er war in junger Zeit der Schriftgewandte eines Räuberhauptmanns aus der Klasse der Hung-Hutze. Sie schlichen an den checken der Dörfer entlang mit kleinen Beilen, Schnurrbärten wie Flechten, schwarzen Beutesäcken und rostigen Säbeln. Da trafen sie einen Bauern; den schlugen sie tot. Da trafen sie einen Kaufherrn, der Mit Bohnen handelte. Sie erdrosselten ihn langsam. Es ist spaßhaft, wie er Soldat wurde. Der Mandarin der Truppen bot dem Briganten an, -als Soldat bei ihm einzutreten, nichts würde ihm dann geschehen. Dieser aber, schlau und mißtrauisch, schickte seinen Schreiber Chang-Tsolin. Sein wildes Räuberblut trug ihn von Stufe zu Stufe. Nun steht er da, die chand am Schwertknaus, ein Mann aus Metall, eine grausame Maske, die in der mandschurischen Steppe nach Ruhm, Macht und Goldbarren brütete. Er wird ausbrechen, wenn der Morgen violett wird. Er hat um sich die Abenteurer gesammelt, die Nachtweiber und den Troß der Verwegenen. Er wird die Pagoden stürzen und die Dschunken aus dem 'Jangtse- kiang verbrennen und versenken. Sein Blick sticht unter hochgelagerten Brauen gnadenlos. Er hat Grabenmörser, Flugzeuge, Funkgeräte, Stahlhelme, Batterien, Granaten, Gewehre, Säbel und Pferde. In der Nacht, die schwarz ist wie eine Höhle, läßt er Musik spielen: fahle Trommeln, grelle Pfeifen, Eisenstäube, Gongs und große Trompeten Den Lauf seines Revolvers hält er gegen den Halbmond und schießt. Die Wölfe in der Steppe heulen; das dünkt ihm herrlich. Da erinnert er sich, daß er einst Räuber war, im Bambusgehölz auf der Lauer, bis das Herdlicht in der Bauernhütte erlosch. „Hunde," schreit er, „brecht aufl Wir wollen reiten." Und sie reiten, reiten, reiten ... Ein Dorf liegt am Morgen in grauer und kalter Asche. Friedrich Schlegel. Zu seinem ISS.Todestage. Bon Dr. Friedrich Spreen. (Nachdruck verboten.) Die Stellung Friedrich Schlegels in der deutschen Geistesgeschichte ist noch immer umstritten. Während er manchen Forschern als der eigentliche „Schöpfer der Romantik" erscheint, hat man gerade neuerdings wieder betont, daß die wichtigsten Ideen der neuen Bewegung schon von anderen ausgesprochen worden sind, so von Herder, von Schleier- machen, von W a ck e n r o b e r. Besonders schroff urteilt Rodler in seiner „Berliner Romantik": „Er versuchte rein ästhetisch lehrhaft zu- sammenzufassen, was längst im Gange war." Aber ein solcher Prioritätsstreit kann doch die Tatsache nicht verdunkeln, daß Friedrich Schlegel der genialste Anreger, der w chiigste Jdeenvermittler im Kreise der Romantik war, daß die Neuorientierung der Menschheit, die, von Deutschland ausgehend, die ganze Kulturwelt durchdrang, durch diesen tiefgründigen und abgründigen Geist mehr beeinflußt wurde als durch irgend einen anderen. Die Wissenschaft beginnt erst jetzt, die ungeheure Bielseitigkeit und Fruchtbarkeit seines Werkes eingehend zu durchdringen und das Folgerichtige feiner zunächst sprunghaft erscheinenden Entwicklung aufzuzeigen. Solange man in der Romantik nur eine Dichterschule sah, mußte dieser dichterisch ziemlich schwachbegabte Denker gegen viel bedeutendere Künstler, wie Novalis und T i e ck, zurücktreten. Seitdem aber die romantische Bewegung als eine geistes- und kulturgeschichtliche Erscheinung von allumfassender Wirkung erkannt ist und man das verwirrende Gewebe ihrer Jdeenkomplexe aufzulösen sucht, rückt die viel- strahlig geniale, rätselhaft komplizierte Gestalt des jüngeren Schlegel immer mehr in den M ttelpunkt, da die entscheidenden Gedankengänge dieser ganzen Epoche fast stets auf ihn zurücklenken. Ungleiche Brüder sind häufig; aber selten wohl haben Blutsverwandtschaft und äußeres Schicksal zwei so verschiedene Naturen zusammengekettet, wie das Brüderpaar August Wilhelm und Friedrich Schlegel; der ältere, ein formal reich begabtes, unendlich aufnahmefähiges, leicht bewegliches Wesen, eine blendende Oberflächenerscheinung, der geschickte Verbreiter und feine Ausbeuter fremder Gebanker, der vortreffliche Vermittler ausländischer Dichtung, der geborene Propagandaheld einer neuen Kultur; und dagegen Friedrich, eine schwerblütige und schwerlebige Persönlichkeit, massig in der Fülle seines Fleisches und schwer beladen mit den Gedankenlasten aller Vergangenheiten, in der Wucht seines Denkens von einer gewaltigen Stoßkraft, aber schwer in Bewegung zu bringen, früh verfettet, körperlich und geistig, vergraben In Tiefsinn und dunkles Brüten, träge und doch beseelt von einem glühenden Drang nach Erkenntnis der letzten Dinge, passiv und doch von schwärmerischem Enthusiasmus zum Wirken, zum Mitteilen gedrängt, Faust zugleich und Hamlet, einer der zwiespältigsten Figuren des deutschen Schrifttums; ein Riese im Erfassen und Verarbeiten einer großen Jdeensülle, der fruchtbarste Anreger und Ausstreuer von Samenkörnern des Geistes. „Er war eine jener Naturen," sagt von ihm Marie I o a ch i m i in ihrem Buch über die Weltanschauung der deutschen Romantik, „die Nietzsche als „Erlöser" bezeichnet hat. Er hatte ein glühendes Herz und einen kalten Kopf, er war eine Mischung von Philosoph und Dichter. Er gehörte in eine Klasse mit den Schiller und Nietzsche, obgleich ihm die eigentliche Kunst der Dichtung versagt war. Solche Menschen scheinen in der Tat das von den Ersöscru zu haben, daß sie sich bald aufreiben und früh aus dem praktischen Leben scheiden. Sie sind die berufenen Revolutionäre des Geistes; sie lieben die Welt, mit der sie unzufrieden sind, und verachten die Menschheit, für die sie sich opfern." Die lodernde Flamme, die in dem Jüngling ausschlug und die Welt erhellte, ist früh niedergebrannt; aber sie glühte und glimmte noch fort in dem rasch alternden Manne, der sich freilich nur von den Schöpfungen seiner Jugend nährte. Friedrich Schlegel begann sein Wirken mit der Erörterung einer Frage, die damals feit mehr als einem Jahrhundert im Mittelpunkt stand, mit der Frage nach der höheren Wertung der antiken oder der modernen Kultur. Goethe, auf der Hohe seiner klassischen Entwicklung stehend, hatte sich für die Antike entschieden, und der junge Schlegel übertrumpft ihn zunächst noch in der „Gräkomanie", will als der „Winckelmann der griechischen Poesie" die ewige und allgemein gültige Stellung hellenischer Dichtung Nachweisen, wie sein Vorbild es mit der bildenden Kunst getan. Der harmonischen „Objektivität" der Alten stellt er die bloße „Interessantheit" der Modernen gegenüber; aber je mehr er sich in die platonische Welt der großen Harmonie versenkt, desto klarer wird ihm der „moderne" Zug in der Antike; vor Nietzsche schon trennt er die Sphären des Apollinischen und Dionysischen, der Klarheit und des Rausches in der griechischen Kultur, erkennt die Tragik des bis dahin für „ewig heiter" gehaltenen Hellenenvolkes, die B u r ck h a r d t später dargestellt hat, entdeckt die „Romantik" in der Antike, die Goethe in der klassischen Walpurgisnacht des „Faust" gestaltete. Unter dem Einfluß Fichtes wird das Subjektive und Individuelle in ihm entbunden; an die Stelle der objektiven „Griechheit" tritt das feinste Verständnis für die zwiespältige, empordrängende, tiefringende Gegenwart. An Goethes Dichtung orientiert er sich; sie erscheint ihm als die „Morgen- röte echter Kunst und reiner Poesie", und im „Wilhelm Meister" offenbart sich ihm das Werk, von dem er nun sein romantisches Kunstideal ableitet. Doch in den „Fragmenten" seiner Zeitschrift „Athenäum", in diesen Grundgesetzen der Romantik, geht er noch weiter und schafft zugleich eine neue Religion, eine neue Weltanschauung, eine neue Lebens- ordnung der individuellen Freiheit, die er in seinem berüchtigte^.,und doch noch heute so anregenden Roman „Lucinde" durch persönliche Bekenntnisse erläutert Mit dieser Schöpfung der romantischen Lehre, die In der Philosophie wie in der Dichtung einen Frühling der Geister entfesselte und Schelling jo gut befruchtete wie Novalis und Tieck, war sein vorwärtsdrängender Erkenntniswille noch nicht befriedigt. Nun strebt er nach einer Verschmelzung der klassischen und romantischen Mächte, nach einer höchsten Totalität und „All-Einheit". Während seines Aufenthaltes in Paris vertieft er sich in die „Sprache und Weisheit der Inder", jucht in dem Mutterland aller Mystik, im Orient, die lieber- brückung der europäischen Gegensätze. Er ist jo nicht nur zum Begründer der deutschen Orientalistik geworden, sondern überhaupt zum Wegbereiter aller derer, die auch heute wieder am Ganges und am Pangtsekiang Erlösung und Harmonie suchen. Von der Beschäftigung Schlegels mit dem Orient ging die deutsche Sprachforschung aus, wie andererseits von seinen mittelalterlichen Studien Germanistik, Geschichtswissenschaft und Kunst- geschichte befruchtet wurden. In seiner neuen Zeitschrift „Europa" trat er nämlich nun für die Ideale des Mittelalters ein, für gotische Baukunst und altdeutsche Malerei, und im Schatten des Kölner Dornes wurde er für den Katholizismus gewonnen. Die Begeisterung für die altdeutsche Größe, für die vergangene Macht des germanischen Kaisertums beflügelte seinen Patriotismus, und im Dienste Oesterreichs wirkt er von Wien aus mit seiner Feder für den nationalen Aufschwung der Befreiungskriege. Die schwungvolle Kraft, die seine Proklamationen gegen Napoleon beseelt, macht ihn auch zum Sänger, und es gelingen ihm seine besten Gedichte, wie das bekannte „Gelübde": „Es sei mein Herz und Blut geweiht, dich, Vaterland, zu retten". Man hat in den Werken Schlegels während der nun folgenden Nestau- rationsepoche einen Abfall von den Idealen feiner Jugend sehen wollen. Aber Günther M ü 11 e r hat in der Einleitung zu der Neuausgabe feiner Altersschrift „Von der Seele" den innigen Zusammenhang in dem Welt- bild des jungen und des alten Mannes nachgewiesen. Die Bedeutung feiner späteren Werke wird dadurch erst ins rechte Licht gerückt. Schlegel hat in dieser Spätzeit seines Schassens die zuerst formulierten Gedankenmassen weiter »erarbeitet und in freilich einseitiger Form, aber in tiefsinniger und großartiger Weise ausgeführt, systematisch geordnet. In dem Hauptwerk dieser Zeit, den Vorlesungen über „Geschichte der alten und neuen Literatur", geht er seiner Lieblingsidee von der Verknüpfung des Klassischen und Romantischen in der Dichtung nach und findet dies Ideal am ehesten verwirklicht in den Höhepunkten der katholischen Poesie, bei Dante und Calderon, die alle Forderungen romantischer Kunst erfüllten und in einer objektiven Harmonie klären. Mit seinem Eintreten für die Weltanschauung des mittelalterlichen Christentums hat Schlegel mit die Regeneration des Katholizismus in die Wege geleitet: seine Schüler, die Adam Müller, Görres, Baader usw., schufen di« Systeme der Staatslehre, der Philosophie, die dann maßgebend wurden, und bereiteten die großen Leistungen der Theologie und Geschichte im 19. Jahrhundert vor. In feinen letzten Vorlesungen über „Philosophie der Geschichte", die er in seinem Todesjahr 1828 hielt, schilderte Schlegel das Heldenzeitalter der deutschen Frömmigkeit, die vorghibellmische Evoche, als eine Stufe auf dem Wege zu dem harmonischen Zeitalter der Zukunft. Die Krönung der geschichtlichen Entwicklung aber sah er voraus In einem „vierten Weltalter", an dessen Grenze er seine Zeit setzte. Wir sind heute dieser paradiesischen Periode, in der das Licht über die Finsternis siegen sollte, um keinen Schritt näher als vor 100 Jahren, ja wir fühlen uns noch weiter entfernt. Aber wir dürfen deshalb den Glauben an die Erlösung der Menschheit nicht verlieren, diesen Glauben, ohne den nach einem Wort Schlegel „die ganze Weltgeschichte nichts wäre als ein Rätsel ohne Lösung, ein Labyrinth ohne Aus gang, ein großer Schutthaufen aus den einzelnen Trümmern, Steinen und Bruchstücken von dem unvollendet gebliebenen Bau, aus der großen Tragödie der Menschen, die alsdann gar kein Resultat haben würde". wie denn auch nichts mehr für mich getan werden kann. Ich bin darüber geht/ ,wie Mensch weiß. wie zu fein, erwarte hinaus." „3d) freue mich, daß dieser Mann eingetreten ist", sagte Sir Joseph, heiter im Kreis umherblickend. „Stört ihn nicht. Es scheint Bestimmung Er ist ein Beispiel — ein lebendiges Cxempei. Ich hoffe und zuversichtlich, daß es an meinen Freunden hier nicht verloren diesen Burschen ins Auge". Ich will nicht behaupten, Gentleman, daß dies nicht ganz natürlich fei — aber ich sage, es ist so, und von dieser Stunde an wird alles auf sein Schuldkonto gebucht, mag nun Will Fern tun oder lassen, was er will." Aldermann Cute steckte seine Daumen in seine Westentaschen, lehnte sich lächelnd in seinem Stuhl zurück und blinzelte einem benachbarten Leuchter zu, als wollte er sagen: „Natürlich! ich sagte es ja. Das ge- jedenfalls aber so schwer, daß ich kein heiteres Gesicht dazu schneiden oder andern glauben machen konnte, ich fei etwas andres, als was ich war. Nun, Gentleman — ihr Gentleman, die ihr in den Par- lamentssttzungen zufammentrefst — wenn ihr einen Mann mit einem unzufriedenen Zug im Gesicht seht, so sagt ihr zueinander: „Er ist verdächtig. Ich habe meine Bedenken", sagte ihr, „über Will Fern. Faßt Im richtigen Moment wurde das Festmahl aufgetragen. Trotty begab sich unwillkürlich mit den übrigen nach der Halle, bendSfr fühlte sich durch eine stärkere Gewalt, als die seines, eignen freii^Willens, dahin gedrängt. Der Anblick war ein ungewöhnlich glänzrDtzer; die Damen waren sehr hübsch und alle Gäste entzückt, fröhlich Uno heiter gestimmt. Als die untern Türen geöffnet wurden und die Leute In ihrer ländlichen Kleidung hereinfchwärmten, erreichte die Schönheit des «Schauspiels ihren Höhepunkt; aber Trotty murmelte nur um so angelegentlicher: „Wo ist Richard? er sollte ihr helfen und sie trösten! Ich kann Richard nicht sehen!" Es wurden einige Reden gehalten: man trank aus die Gesundheit Lady Bowleys; Sir Joseph hatte sich bedankt und hielt eben seine große Rede, indem er an mancherlei Tatsachen bewies, daß er der geborene Freund und Vater usw. der Armen sei, und brachte ein Hoch auf feine Freunde und Kinder und auf die Würde der Arbeit aus, als eine kleine Unruhe unten in der Halle Tobys Aufmerksamkeit fesselte. Nach einiger Verwirrung, etwas Lärm und Widerstand brach ein einzelner Mann durch die Reihen der übrigen und trat vor. Nicht Richard. Nein. Aber einer, an den er auch schon gedacht und nach dem er sich oftmals umgesehen hatte. Bei einer spärlicheren Beleuchtung würde er die Identität des alten, grauen, gebeugten und abgelebten Mannes bezweifelt haben; so aber fiel ein heller Lampenglanz auf dessen verwitterten Kopf, und.er erkannte in der Person, sobald sie sich vorgedrängt hatte, augenblicklich Will Fern. „Was soll das?" rief Sir Joseph ausstehend. „Wer hat diesen Mann eingelassen? Dies ist ein Verbrecher aus dem Gefängnis! Herr Fish, Sir, wollen Sie die Güte haben ..." „Eine Minute!" sagte Will Fern. „Eine Minute! Gnädige Frau, Ihr seid an diesem Tag mit einem neuen Jahr geboren worden. Laßt mich eine einzige Minute sprechen!" Sie legte eine Fürbitte für ihn ein, und Sir Joseph nahm mit angeborener Würde wieder Platz. Der zerlumpte Gast — denn er war erbärmlich gekleidet — blickte in der Gesellschaft umher und bezeigte ihr seine Huldigung mit einer demütigen Verbeugung. „Ihr vornehmen Leute," sagte er, „ihr habt auf die Gesundheit des Arbeiters getrunken. Seht mich an!" „Kommt just aus dem Gefängnis", sagte Herr Fish. „Ja, ich komme aus dem Gefängnis", versetzte Will Fern. „Und zwar nicht zum ersten, zweiten, dritten — ja nicht einmal zum viertenmal." Man hörte Herrn Filer verdrießlich bemerken, daß viermal die Durchschnittszahl übersteige, und er sollte sich vor sich selbst schämen. „Seht mich immerhin an, ihr vornehmen Leute", wiederholte Will Fern. „Ihr seht, ich bin bis zum Aergsten herabgesunken. Man kann mir nichts Schlimmeres mehr anhaben, und ich bin außer dem Bereich eurer Hllfe, denn die Zeit, in der eure freundlichen Worte oder eure freundlichen Handlungen m i r hätten guttun können" — er schlug dabei mit der Hand auf die Brust und schüttelte seinen Kopf — „ist vorbei, wie der Duft des Klees vom vorigen Jahr. Aber laßt mich ein Wort für'diese sprechen" — er deutete aus die Arbeiter in der Halle — „und hört, da ihr wieder zusammengekommen seid, wenigstens einmal die reine Wahrheit!" „Es ist niemand hier," sagte der Wirt, „der ihn zum Sprecher haben möchte." „Wahrscheinlich genug, Sir Joseph. Ich glaube es. Aber darum ist das, was ich sage, nicht weniger wahr. Vielleicht dient mir das nur zum Beweis meiner Wahrheitstreue. Ihr vornehmen Leute, ich habe manches Jahr an diesem Ort gelebt, und ihr könnt dort meine Hütte mit dem eingefallenen Zaune sehen. Hundertmal war ich Zeuge, wie die Damen sie in ihre Bücher zeichneten. Ich habe sagen hören, sie nehme sich gut auf einem Bilde aus; aber aus Bildern g bt es kein Wetter, und sie mag sich daher besser dazu eignen, als zu einem Wohnplatz. Also! Dort habe ich gelebt. Wie hart — wie ditterhart es mir dort erging, will ich nicht sagen. Ihr könnt es jeden Tag im Jahr selber beurteilen." Er sprach, wie er in der Nacht gesprochen hatte, als ihn Trotty in der Straße traf. Seine Stimme klang tiefer und heiserer und zitterte dann und wann ein wenig. Aber er ließ sie niemals leidenschaftlich werden, und selten sprach er lauter, als es die schlichten Dinge und Tatsachen forderten, die er berichtete. „Es ist schwerer, als ihr vornehmen Leute denken mögt, an einem solchen Platz als ordentlicher Mensch zu leben. Daß ich zu einem Mann und nicht zu einem Bieh darin heranwuchs — damals — sagt schon etwas für mich, lieber meine jetzige Lage läßt sich nichts mehr sagen. ,Hch schleppte mich fort," sagte Fern nach einer kurzen Pause, es eben gehen mochte. Weder ich noch irgendein anderer Mensch Me Mvestergrocken. Bon Charles Dickens. f" (Fortsetzung.) „Richard," stöhnte Trotty, unter der Gesellschaft auf- und abgehend; „wo ist er? Ich kann Richard nicht finden! Wo ist Richard?" Wahrscheinlich nicht hier, wenn er noch am Leben ist! Aber Trottys Kummer und das Gefühl der Einsamkeit hatten ihn ganz wirr gemacht; er wanderte noch immer unter der prunkenden Gesellschaft umher, spähte nach feinem Führer und rief: „Wo ist Richard? Zeigt mir Richard!" Auf feinen Kreuz- und Quergängen begegnete er Herrn Fish, dem vertrauten Sekretär, der in großer Aufregung ausrief: „Gott behüte mich! Wo ist Alderman Gute? Hat niemand den Alderman gesehen?" • Den Alderman gesehen? O Himmel, wer hätte auch den Alderman übersehen können? Er war so rücksichtsvoll, so leutselig und verlangte so sehr danach, den Wunsch der Leute, ihn zu Gesicht zu bekommen, so oft als möglich zu erfüllen, daß — angenommen er hätte einen Fehler — es nur der fein konnte« unaufhörlich präsentiert zu werden. And wo immer vornehme Leute waren, da durste man sicher auch auf Gute zählen, «eil die verwandtschaftliche Sympathie großer Seelen stets anziehend wirkt. Mehrere Stimmen riefen, er befände sich in dem Kreise um Sir Joseph. Herr Fish eilte dorthin, fand ihn und nahm ihn heimlich an das nächste Fenster. Trotty näherte sich ihnen — nicht aus eignem Antrieb; er fühlte, daß seine Schritte in diese Richtung gelenkt wurden. „Mein teurer Alderman Gute," sagte Herr Fish; ein wenig mehr hierher, Es hat sich, wie ich in diesem Augenblick erst erfahre, etwas höchst Schreckliches zugetragen, und ich glaube, es wird am besten jein, Sir Joseph erst davon in Kenntnis zu setzen, wenn der Tag vorüber ist. Ihr kennt Sir Joseph und werdet mir Eure Ansicht mitteilen. Der schrecklichste und beklagenswerteste Vorfall!" „Fish!" entgegnete der Alderman, „Fish! mein guter Freund, was Sbt es? Hoffentlich doch nichts Revolutionäres? Nein — doch kein ersuch, sich in die Schritte der Obrigkeit zu mengen?" „Deedles, der Bankier", keuchte der Sekretär. „Gebrüder Dcebles — her heute hätte kommen sollen — der eine so hohe Stellung in der Genossenschaft der Goldschmiede einnimmt ... „S)at doch nicht seine Zahlungen eingestellt?" rief der Alderman. „Es kann nicht sein!" „Sich selbst erschossen." „Guter Gott!" „In seinem eignen Kontor sich eine doppelläufige Pistole an den Mund gesetzt und sich das Gehirn hinausgeblasen. Kein Beweggrund. Fürstliche Verhältnisse!" „Verhältnisse!" rief der Alderman. „Ein Mann von edlem Vermögen. Einer der achtbarsten Männer. Selbstmord, Herr Fish, durch eigne Hand?" „Erst diesen Morgen", erwiderte Herr Fish. „O das Gehirn, das Gehirn!" rief der fromme Alderman, feine Hände erhebend. „O die Nerven, die Nerven — die Geheimnisse dieser Maschine, die man Mensch nennt! Welche Kleinigkeit reicht nicht hin, sie in Unordnung zu bringen! Was sind wir nicht für arme Geschöpfe! Vielleicht ein Diner, Herr Fish. Vielleicht die Lebensweise seines Sohnes, der, wie ich gehört habe, etwas über den Strang schlagen und ohne jede Ermächtigung Wechsel auf den Namen seines Vaters ausstellen fall. Ein höchst achtbarer Mann — einer von den achtbarsten Männern, die ich je kannte! Ein beklagenswerter Fall, Herr Fish! Ein öffentliches Unglück! Ich werde mir's zur Ehrensache machen, um ihn die tiefste Trauer zu tragen! Ein höchst achtbarer Mann. Aber es ist einer über uns. Wir müssen uns darein fügen, Herr Fish. Wir müssen uns fügen!" Wie, Alderman? Kein Wort von „den Selbstmord legen"? Erinnere dich, Friedensrichter, wie du dich stolz deiner hohen Moral rühmtest! Bring diese Waagschalen Ins Gleichgewicht, Alderman! Wirs in die leere das fehlende Mittagessen und die Quellen der Natur, die bei irgendeinem armen Weib durch das hungernde Elend ausgeirocknet und zum Widerstand gebracht wurden gegen die Ansprüche, zu denen ihr Spröß- ling von der heiligen Mutter Eva her berechtigt ist. Wäge mir diese beiden, du richtender Daniel, wenn dein Gerichtstag kommen wird! Wäge sie in den Augen leidender Tausende, die aufmerksam der greulichen Posse, die du spielst, zusehen! Oder angenommen, du hättest deine fünf Sinne verloren — du hast nicht so weit dazu, daß es nicht möglich wäre — und legtest Hand an diese deine Kehle, zur Warnung für deines gleichen (wenn es noch deinesgleichen gibt), damit sie nicht ihre behagliche Schlechtigkeit den zum Wahnsinn getriebenen Gehirnen und gequälten Herzen vorkrächzen — was bann? Die Worte erhoben sich in Trottys Brust, als würden sie in feinem Innern von einer andern Stimme gesprochen. Alderman Gute machte eh anheischig, Herrn Fish zu unterstützen, um nach Ablauf des Tages ir Joseph die traurige Kunde beizubringen. Ehe sie sich trennten, drückte er noch Herrn Fish in bitterm Schmerze die Hand und sagte abermals: „Der achtbarste Mann!" Und bann fügte er noch hinzu, baß er kaum verstehe (nicht einmal er!), warum solche Trübsal auf Erben vorkommen dürfe. „Wenn man’s nicht besser wüßte, so möchte man fast glauben," fuhr Alderman Gute fort, ,chaß bisweilen in den Dingen eine Umsturzbewegung vorgehe, die die allgemeine Ordnung des sozialen Baues aus Ihren Fugen hebt. Gebrüder Deedles!" Das Kegelspiel verlief mit ungeheurem Erfolg. Sir Joseph warf die Kegel mit wunderbarer Geschicklichkeit um; Master Bowley machte aus kürzerer Entfernung gle'chsalls einen Anfangsversuch, und jedermann tagte, daß nun, da ein Baronet und der Sohn eines Baronets Kegel pielten, die Verhältnisse des Landes eine rasche Wendung zum Bessern nehmen müssen. ftatt. Trotty meinte anfangs, es hätten sich ein Mann hinauszuwersen, und daher rühre der ’ if ihre Arbeit gehestet, bis es zu dunkel war, rd al® die Nacht here.nbrach, zündete sie ihre ange, daß sie weinen würde, wenn sie ihr zu Gefickt lies dies und nimm es wieder mit, sie wird es nicht gewesen wäre. Bsrantwvrtttch: Dr. Hans Thyrtst. — Druck und Verlag: Brühl'sche AniversttLtS-Buch- und Sielnhrudetei, R. Lange, Gieß««. t , r i Kleides oder irgendein anderes unbedeutendes Geräusch ' aus seinem Stumpfsinn geweckt, erhob er seinen Kopf und begann zu sprechen, als ob seit seinem Eintritt keine! Pause gebaut und hübsch gewesen war. , ,, ,, Er blieb stehen und wartete, bis ihn Meg einzutreten erlaubte: sie aber wich ein paar Schritte von der offenen Tür zurück und sah ihn stumm und bekümmert an. Trottys Wunsch war erfüllt — er hatte Richard vor sich. „Darf ich hereinkourmen, Margaret?' „Ja, komm herein. Komm herein!" Cs war gut, daß ihn Trotty erkannt hatte, ehe er sprach: denn wenn auch nur ein Zweifel in ihm geherrscht hätte, so würde ihn die rauhe, misitönige Stimme überzeugt haben, daß es nicht Richard, sondern ein anderer Mann sei. . Es waren nur zwei Stühle in der Stube. Sie gab ihm den ihrigen und blieb eine Weile tn einiger Entfernung stehen, wartend, was er w-ihnliche Geschrei! Gott behüte, wir sind derartigen Dingen längst gewachsen — ich selbst und die menschliche Natur." .Wohlan, Gentleman", fuhr Will Fern fort, indem er seine Hände au oft reckte und ein flächiges Rot sein hageres Gesicht einen Augenblick über flammte. „Seht, wie eure Gesetze gemacht sind, um uns einzufangen und zu hegen» wenn es einmal soweit mit uns gekommen ist. Ich versuche, anderswo meinen Unterhalt zu finden, und man behande l mich als einen Landstreicher. Ins Gefängnis mit ihm! Ich komme hierher zurück, sammle in den Wäldern Nüsse und breche - wer täte es nicht? — ein paar dünne Zweige ab. Ins Gefängnis mit ihm! Emer von den Forstern sieht mich am bellen Tag in der Nähe meines eignen Gartens mit einem Gewehr. Ins Gefängnis mit ihm! Sobald ich wieder frei bin, ihr zu sagen habe. Er setzte sich nieder und blickte mit glanzlosem, blödsinnigem Lächeln stier aus den Boden — ein Anblick so tiefer Verkommenheit, gänzlicher Hoffnungslosigkeit und kläglicher Verwahrlosung, daß sie die Hand vor das Gesicht hiell und sich abwandte, um ihn nicht sehen zu lassen, wie sehr sie sein Wesen erschütterte. Durch das Rauschen ihres Sache zu dienen!" iheit, meinen guten Namen und Alle Lords und Ladies In dem „Noch immer bei der Arbeit, Margaret? Du arbeitest spät." „Das geschieht gewöhnlich so." „Und früh?" „Und früh." „Das Hai sie mir gesagt. Sie sagte, du seiest unablässig tätig und gestehcst nie deine Müdigkeit. Nie, solange ihr beisammen lebtet — nicht einmal, als du von Arbeit und Fasten ohnmächtig wurdest. Doch ich habe dir dies bereits gesagt, als ich das letztemal hier war." „Das tatest du," antwortete sie: „und ich beschwor dich, mir nicht« mehr darüber zu sagen. Auch hast du mir's feierlich versprochen, Richard." „Feierlch versprochen", wiederholte er mit einem kindischen Lache« und einem blöden Blick ins Leere. „Feierlich versprochen, natürlich. Feierlich versprochen!" Nach einer Weile schien er sozusagen in den früheren Zustand aufzuwachen, denn er fügte mit plötzlicher Lebhaftigkeit bei: „Aber was kann ich dafür, Margaret? Was soll ich tun? Sie ist wieder bei mir gewesen!" „Wieder?" rief Meg, ihre Hände zusammenschlagend. „D denkt fit ost an mich? Schon wieder?" „D schon zwanzigmal", sagte Richard. „Margaret, sie läßt mir kein« Ruhe. Sie kommt auf der Straße hinter mir her und steckt mir's in di« Hand. Ich höre ihren Fuß in der Asche, wenn ich bei meiner Arbeib bin (ha, ha! das ist nicht oft), und ehe ich meinen Kops umwenden kann, tönt mir ihre Stimme ins Öhr: .Richard, dreh dich nicht um Gib ihr das, um aller Barmherzigkeit willen!' Sie bringt mir es in die Wohnung, schickt es mir in Briefen, klopft an das Fenster und legt es auf bett Sims. Was kann ich tun? Schau her!" Er hielt ihr In Der Hand eine kleine Börse entgegen und tlimpertee mit dem darin enthaltenen Selbe» „Steck es ein," sagte Meg, „steck es ein! Wenn sie wiederkommt, so sage ihr, Richard, daß ich sie von ganzem Herzen liebe — daß ich mich nie schlafen lege, ohne sie zu segnen und für sie zu beten — daß ich bei meiner einsamen Arbeit nie aufhäre, an sie zu denken, daß ich Tag und Nacht bei ihr bin und daß ich, wenn ich morgen sterbe, mit meinem letzten Atemzug noch ihrer gedenken will, daß ich aber dies nicht an* sehen kann!" Er zog die Hand langsam wieder an sich, knitterte den Beutel zusammen und sagte mir einer Art schläfriger Nachdenklichkeit: „Ich jagte ihr dies. Ich sagte ihr's so deutlich, als es sich durch Worte nur aussprechen läßt. Dutzendmai nahm ich seitdem diese Gab« wieder zurück und ließ sie an ihrer Tür liegen. Aber als sie zum letztenmal kam und Angesicht gegen Angesicht vor mich hintrat, was könnt« ich tun?" , „Du hast sie gesehen?" rief Meg. „Du hast sie gesehen? O Lilian, mein süßes Mädchen! O Lilian, Lilian!" „Ich habe sie gesehen", fuhr er fort, nicht gerade als Antwort, sondern seinem Gedankengang folgend. „Sie stand zitternd da — ,Wie sieht sie aus, Richard? Spricht sie nie von mir? Ist sie schmächtiger geworden? Mein alter Platz an dem Tisch — was ist an meinem alten Platz? Untr der Rahmen, an dem sie mich unsere frühere Arbeit lehrte — Hot st« ihn verbrannt, Richard?' Sie war da, und ich hörte sie so sprechen." Meg unterdrückte ihr Schluchzen und beugte sich mit hervorstürzenden Tränen über ihn, um ihm zuzuhören und ja keinen Laut van seine« stern sieht mich am Hellen Tag in der Nahe meines eignen narrens mn einem Gewehr. Ins Gefängnis mit ihm! Sobald ich wieder frei bm, kommt's natürlich zu einem zornigen Wortwcchsri mtt diesem Mann. Ins Gefängnis mit ihm! Ich schneide mir einen stock. Ins Gesangms mit ihm! Ich esse einen faulen Apfel oder eine Rude, Ins Gefängnis mit ihm! Es ist zwanzig Meilen entfernt, und als ich wieder zuruck- tomme, bettle ich an der Straße um ^ue Lleiiiigkelt Äns Gesangms mit ihm! Kurz, her Polizeimann ober der Wildhuter oder sonst lemand findet immer, daß ich hier oder dort iiMnd etwas anstelle. Ins Gefängnis mit ihm, denn er ist ein Landstreicher und bekannter <>uchihaus- vogel So ist denn das Zuchthaus zu seiner einzigen Heimat geworben! Der Alderman nickte wohlweife, als wollte er jagen: „Und obendrein eine recht gute Heimat!" „Glaubt ja mcht, daß ich dies sage, um meiner rief gern. „Wer kann mir meine Freiheit, meinen meine unschuldige Nichte zurückgeben? —...----- - we'cken England sind es nicht imstande. Aber ihr Gentlemen, wenn chr mit andern zu tun bekommt, wie mit mir, fangt die Sache an dem rechten Ende an. Seid so barmherzig, uns, wenn wir in unfern Wiegen liegen, eine bessere Heimat zu geben; reicht uns bessere Kost, wenn wir für |!n(ern Unterhalt arbeiten, und gebt uns wohlwollende Gesetze die uns auf den rechten Weg zurückbringen können, wenn wir von demselben abweichen: aber stellt uns nicht überall, wohin wir uns auch wenden miqen, ew-g nur das Gefängnis, bas Gefängnis, dos Gesang ms vor die äugen! Jede Herablassung, die ihr dem Arbeiter erweisen mögt, wird er so bereitwillig und dankbar hinnehmen, mr nur ein Mensch kann, denn er hat ein geduldiges, friedliches und roULges Herz; aber ihr müßt zuerst den rechten Geist in ihm fassen, denn bis jetzt noch ist der (einige von euch getrennt, mag er nun eine solche Ruine ober em Wrack ein wie ich, oder denen gleichen, die hier herumstehen. Bringt ihn zurück, bringt ihn zurück, ihr vornehmen Leute! bringt ihn zmuck, ehe de-- Tag kommt, da in seiner veränderten Gesinnung auch die Bibel eine andere Erstatt gewinnt und ihm die Worte derselben erscheinen, wie sie m'.r biswellen in dem Gefängnis vorkamen: .Wohin du gehftz kann ich nicht hingeden; wo du wohnst, wohne ich imcht: dein Volk ist nicht mein Volk und dein Gatt nicht der meinige! In der Halle fand nun eine plötzliche Bewegung und Aufregung statt. Trotty meinte anfangs, es hätten sich einige aufgerafft, um den Mann hinauszuwerfen, und daher rühre der Wechsel in der -szene. Aber der näckste Augenblick belehrte ihn, daß der Saal mit ber ganzen Gesellschaft seinen Augen entschwunden war und feine Tochter wieder vor ihm saß, wie sie sich bei ihrer Arbeit abmühte. Ihr Dachstübchen war armseliger und schlechter als das frühere, und Lilian befand sich nicht au ihrer Seite. , , . _. Der Rahmen, an dem letztere gearbeitet hatte, lag auf einem Sims und war zugedeckt, ihr Stuhl stand gegen die Wand gelehnt. In diesen kleinen Dingen und in Megs gramvollem Gesicht sprach sich eine lange Geschichte aus — o, wer hätte sie nicht zu lesen vermocht! Meg hatte die Augen auf ihre Arbeit geheftet, bis es zu dunkel war, ur.i den ^oben zu sehen, und ass bie Nacht herembrach, zündete sie ihre bilnne Keerze an, um weiter zu arbeiten. Noch immer befand sich ihr alter Baier unsichtbar in ihrer Nähe, schaute auf sie nieder und sprach mit ihr — o, mit weich inniger Liebe! — mit leiser Stimme über alte Seiten und über die Glocken, obschon der arme Trotty wohl wußte, daß sie ihn nicht hören konnte. Der größere Teil des Abends war bereits entschwunden, als an ihre Tür gepocht wurde. Sie öfsnete. Ein Mann stand auf der Schwelle — ein mürrischer, schlottriger, schmutziger Trunkenbold, den Laster und UnmWgkett gezeichnet hatten und dem die wirren Haare und der unge- fdiorcne Bari ein wildes Aussehen verliehen; aber dennoch waren einige Spuren an Ihm zu bemerken, die zeigten, daß er in seiner Jugend gut zu entseknen. „Gute Nacht, Margaret." „Gute Nacht!" t . Cr wandte sich wieder nach ihr um, betroffen von den-. Schmerz und vielleicht auch von dem Mitleid mit ihm, das In ihrer Sfmme zitterte. Die Bewegung war rasch und hastig, und für einen Augenblick schien etwas von seinem früheren Wesen in seiner Haltung aufzuzucken. Im nächsten Moment aber ging er, wie er gekommen war. Dieses Ausblitze« ’ eines erloschenen Feuers schien in ihm kein lebendigeres Bewußtsein seiner Würdelosigkeit zu entflammen. Meg mußte m jeder Stimmung, bei schwerem Kummer, bei körperlichen wie seelischen Dualen ihre Arbeit vollenden. So setzte sie sich daher wieder und nähte {ort. Abend» Mitternacht — sie arbeitete noch immer. (Fortsetzung folgt.) Worten zu verlieren. . Seine Arme waren auf die Knie aufgeftüigt, und er legnte sich i« seinem Stuhl vornüber, als sei das, was er jagte, in halb leserliche« Sägen, so daß er Mühe hätte sie zu entziffern, auf den Boden geschrieben. Er snhr fort: , , , .„Richard, ich bin sehr tief gefallen, und im kannst dir denken, wie viel ich gelitten habe, als mir dies zurückgeschickt wurde, wenn ich es über mich gewinnen konnte, es eigenhändig dir wiederzubringen. Aber soviel ich mich erinnern kann, hast du sie einmal zärtlich geliebt. Andere sind zwischen euch getreten. Furch!, Eifersucht. Zweifel und Eitelkeit entsrem- beten dich ihr. Doch du liebtest sie, soweit ich mich erinnern kann.' Ich glaube, sie hat darin recht", sagte er, sich für einen Augenblick unter- brechend. „Es war wirklich der Fall! Doch das gehört nicht hierher. ,D Richard, wenn du sie jemals lieb hattest, wenn du noch ein Gedächtnis hast für das, was dahin ist und verloren, so bring es ihr noch einmal. Nur noch ein einziges Mal! Sag ihr, wie ich gebeten und gebettelt habe. Sag ihr, wie ich meinen Kopf auf deine Schalter legte, wo ihr eigner Kopf hälfe ruhen können, und wie ick fo demütig gegen dich war, Richard. Sag ihr, du hast mir ins Gesicht gesehen und gesunden, daß meine Schönheit, die sie sonst so zu preise» pflegte, völlig entschwun- den sei — mittig dahin — und an ihrer Stelle nur eine so arme, abgezehrte hohle ®i „ , ' I " ' " " !t tarne. Sag ihr alles dies und nimm es aufs neue zurückweisen. Nein, sie wird nicht das Herz haben!'" Er blieb nachsinnend sitzen und wiederholte die letzten Worte, bis er wieder erwachte und sich erhob. „Du willst es nicht nehmen, Margaret?" Sie schüttelte den Kops und bat ihn mit stummer Gebärde, sich