GietzenerKmiilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang My Montag, den M Juni Nummer N Schöne Iunitage. Von Detlev v. L i l i e n c r o n. Mitternacht, die Gärten lauschen, Flüsterwort und Liebeskuß, bis der letzte Klang verklungen, weil nun alles schlafen muß — flußüberwärts singt eine Nachtigall. Sonnengrüner Rosengarten, sonnenweiße Stromesflut, sonnenstiller Morgenfriede, der auf Baum und Beeten ruht — flußüberwärts singt eine Nachtigall. Straßentreiben, fern, verworren, reicher Mann und Bettelkind, Myrtenkränze, Leichenzüge, tausendfältig Leben rinnt — flußüberwärts singt eine Nachtigall. Langsam graut der Abend nieder, milde wird die harte Welt, und das Herz macht seinen Frieden, und zum Kinde wird der Held — flußüberwärts singt eine Nachtigall. Seinselbft vergessen! Von Hans Franck. Gustav Nachtigal, der große Afrikareisende, geriet bei seiner Durchquerung des Sudans in eine Lebenslage oder richtiger gesagt: in eine Todeslage, über die von Millionen Europäern nicht einer aus eigener Erfahrung sprechen kann: Er sollte gegessen werden. Gehört schon diese Gefahr zu den seltensten aller Menschenerlebnisse, so ist die Tat, durch welche er sie bestand, schlechthin einzig. Er selber hat, in vorbildlicher Bescheidenheit, von ihr kein Aufhebens gemacht, sondern sie offenbar für selbstverständlich gehalten. Aber einer feiner vielen Schüler, der sie miterlebte, hat sie überliefert, und — nicht nach Gebühr bekannt — verdient sie, als Beispiel deutscher Eingenommenheit durch einen großen Daseinszweck, erzählt zu werden. ' Gustav Nachtigal — ein Kölner Arzt, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Leibdoktor des Beis von Tunis geworden war — hatte mit unsäglichen Mijhen, aber ohne ernsthafte Gefährdungen, die Sahara durchquert, um dem Sultan von Bornu Geschenke des Königs von Preußen zu überbringen, da man in Deutschland zu begreifen begann, wie weit die Aufteilung der Erde bereits vorgeschritten war, und erste schüchterne Versuche machte, wenigstens noch einige ab genagte Kolonieknöchelchen zu erwischen. Im Jahre 1870 war er in Kuka, der Hauptstadt Bornus, einem Hinterland des erst sehr viel später von Gustav Nachtigal unter deutschen Schutz gestellten Kamerun — feierlich eingezogen. Den Rückweg nach Tunis nahm der ärztliche Forscher nicyt wieder durch die Sahara. Er bereifte vielmehr den damals noch völlig uner- schlosfenen Sudan in feiner ganzen Breite, lieber Bagirmi, Wadai, Dör-Für, Kordosan ging es an den Nil. Dahn nilabwärts über Thorium, et Orde, Korofko, Kairo zurück nach Tunis, wo dem wagemutigen Pionier des Deutschtums zur Belohnung für feine außergewöhnliche Leistung der Titel Preußischer Generalkonsul verabfolgt wurde. Bei dieser Durchquerung des Sudans traf Gustav Nachtigal zwischen Bagirmi und Wadai aus einen bislang gänzlich unbekannten Negerstamm, und zwar — wie er am eigenen Leib erfahren sollte ■ auf Kannibalen. Er hatte sich im Uebereifer von den Mitgliedern feiner Expedition getrennt. Die Krieger des nicht einmal dem Namen nach bekannten Sudanvölkchens überfielen ihn. Sie schlugen den Wehrlosen aber nicht nieder, schleppten ihn vielmehr zu dem Hüttenhaufen, in welchem ihr König residierte. Dort wurde er an einen Baum gebunden und sollte — kein Zweifel! — sollte gegessen werden. . Gustav Nachtigal schloß sein Lebensbuch ab. Es standen ansehnliche Posten auf der Aktivaseite. Unbestreitbar: Er hatte mancherlei Nicht- alltägliches daheim und in der Fremde geleistet. Aber gegenüber dem, was zu leisten war, was er noch hätte leisten können, gegenüber den verwirrend großen Posten auf der Pafsivafeike fielen seine sämtlichen bisherigen Leistungen nicht ins Gewicht. Was alles konnte er zum Exempel — obwohl an Händen und Füßen gebunden — in diesem Augenblick Wichtiges beobachten! Vorgänge, Handlungen, Gebrauche die noch kein Forscher festgehalten und, wenn er sie doch für sich feftgielt, noch keiner der Heimat wissenschaftlich einwandfrei beschrieben hatte. Immer sorgsamer, immer leidenschaftlicher verfolgte Gustav Nachtigal das Tun und Treiben der Neger. Freilich, keine alltägliche Mahlzeit sollte vor sich gehen. Sondern ein Festschmauß. Das ganze Dorf, das vollzählige Völkchen war auf den Beinen. Vom glitzernden König bis zum armseligsten Untertan, vom zahnlosen Greis bis zum kaum standfesten Kind. Nirgendwo Willkür, Zufall. Alles ging nach altem, bis ins einzelne festgelegten Ritus vor sich. Das Ausschichten des Holzes ■— eine heilige Handlung. Das Herbeiholen der Kessel — ein gottesdienstlicher Akt. Die Bereitstellung der Trinkge- fäße — eine sakrale Leistung. Das Wetzen der Messer — ein wollust- durchschauertes Mysterium. Selbstverständlich durste bei einer solchen Feier die Musik nicht fehlen. In feierlichem Zuge wurden die Instrumente herbeigeschafft. Warum waren die einen von ihnen unfaßbar lang, während die andern durch Kürze aufsielen? Das konnte kein Zufall sein. War bestimmt nicht unsinnig. Wurden jene nur zu Hause benutzt, von berufsmäßigen Sängern, sozusagen von den Negerbarden? Mußten diese, im Gegensatz zu ihnen, handlicher sein, weil sie auf die Streiszüge — zur Jagd, in den Krieg — mitgenommen wurden? Wieviel Saiten hatten sie? Gleichviel? Nicht doch! Auf der Kriegergitarre waren mindestens die doppelte Zahl wie auf der Bardengitarre. Warum nicht umgekehrt? Und wie waren die Saiten befestigt? Wie wurden sie gestimmt? Seltsam: Die Wirbel staken nicht — nach europäischer Weise — im Kopf des Instruments. Sie befanden sich auf dem Klangkörper, geradezu — ja, es ließ sich nicht anders sagen — oben auf dem Instrumentbau«!». Woraus bestand der Fingerhut, mit dem die Saiten gerissen werden sollten? War auch seine Spitze aus Horn? Sicher nicht. Genauer hin- sehn! Festhalten die überaus wichtigen Beobachtungen. Im Innern festhalten! Sämtliche Vorbereitungen zum Volksschmauß waren beendet. Die einen griffen nach den Instrumenten. Setzten mit Spielen ein. Die andern begannen zu tanzen. Rund um den Gefangenen. Die dritten Huben an zu fingen. Gustav Nachtigal geriet außer sich. Welcher Forscher hatte das gesehen? Wer hatte es ausgezeichnet? Wo waren die Bücher, die es beschrieben? Wissenschaftlich exakt beschrieben!. Nicht gegründet auf Erzählungen aus drittem, zehntem Mund und also hundertfach verfälscht, sondern gegründet auf eigene, unverfälschte, hinreichende Beobachtungen. Alles war bis ins einzelste festgelegt. Das Gebaren, die Melodien, die Texte, die Folge der Tänze. Genauer hinhören! Schärfer Hinsehen! Aber wer konnte dieses hundertfältige auf und ab in sein Gedächtnis aufspeichern? Also durch Buchstaben, durch Noten, durch Zeichen festhalten. Papier, Bleistift!! Gustav Nachtigal gewahrte zu seinem Kummer, daß er gefesselt war. Gefesselt? Er muhte die Hände freihaben. Punktum. Gab es nicht sog. Artisten, die zur Belustigung der Menschen, um Geld durch ihre Spielerei zu verdienen, sich aus den kunstvollsten Fesselungen befreiten? Und er, der frei sein mußte, um der Forschung unschätzbare Dienste zu leisten, er sollte es nicht fertig bringen, die Arme, die Hände aus kunstlos geschlungenen Negerstricken herauszuziehen? Die Hände endlich frei. So — mit Gewalt — ging es nicht. Auch so nicht. Und so nicht. Aber so! Nun noch die Arme frei! War leichter. Viel leichter. Gustav Nachtigal griff in feine Rocktasche, holte Bleistift und Notizbuch hervor, begann zu schreiben: Worte, Noten, Zeichen. Die Neger spielten, tanzten, fangen inmitten wilden, finnebenebetnben Rausches. Gustav Nachtigal stand inmitten gläserner Klarheit und schrieb. Einer der Tanzenden gewahrte es. Glaubte, er werde im nächsten Augenblick die Rechte mit dem blinkenden Dingelchen heben und schießen. Wollte beiseite lausen. Wollte nach einem Speer greifen. „Tanzen!" schrie Gustav Nachtigal ihn an. Und der Neger tanzte. Durch den Anruf schienen mehreren der Neger die Augen aufzugehen. Sie begonnen um sich zu sehen. Das Marterpfahllied drohte ins Stocken zu geraten. „Singen!" befahl Gustav Nachtigal. Und die Neger sangen. Von Minute zu Minute steigerte sich das Singen und Tanzen. Nicht mehr die Gier des freiumherspringenden Kannibalenstammes trieb den Tumult gipfeln. Beherrscht wurde er von dem Willen des gefesselten deutschen Mannes: der Menschheit durch Kündung bislang unbekannter Menschlichkeiten zu dienen. Plötzlich aus dem Dickicht eine Salve. Drei Neger tot am Boden. Die übrigen fliehen in alle Winde: König und Untertanen; Greise, Männer, Frauen, Kinder. Die Gefährten des Forschers tarnen jubelnd herbeigelaufen. Wie könnt ihr mich bei der wichtigsten Arbeit meines Lebens stören?" schreit Gustav Nachtigal sie an. 2lrbeit —? stören —? __ Niemand begreift. jU?'*'' „Die bedeutendste aller Entdeckungen unserer Expedition! Und ihr vertreibt mir, ehe sie abgeschlossen ist, die Neger durch eure dumme Schießerei!" Dumme Schießerei —? Dumme -—? „Seht her: Gesänge der Sudanneger beim Menschenschlachtsest! Wortwörtlich ausgezeichnet. Notengerccht sestgehalten." Jawohl: Beim Menschenschlachtfest. Und der geschlachtet werden sollte bei diesem Fest, der geschlachtet und aufgesressen wäre, wenn sie nicht dummerweise geschossen hätten: Er! „Ich??" Wer soi^t? Öb"er^as ganz vergessen hätte? Wie in aller Welt es nur möglich wäre, seiner Errettung vom Tode nicht behilflich zu sein? „Vielleicht bin ich gerettet worden, weil ich den Tod vergaß — l chinundherblicken. Begreifen. Keiner wagt zu antworten. Dann lieh Gustav Nachtignl sich losbinden und begann — als ob nichts Außergewöhnliches sich ereignet hätte, weder mit ihm noch durch Ihn _ den Gefährten die Opferfestlieder vorzulesen, vorzusingen und, hingerissen von ihrer Rauschgewalt, vorzutanzen. Begegnungen auf der Elefantenjagd. Von Afrikaforscher Hans Scham bürg k. An der Wasserscheide des Kongo und Zambesi, im Lande der Wa- tunda, erwachte der Morgen. Zögernd, unsicher. Kein Vogelgezwitscher begrüßte die ausgehende Sonne, kein Summen der Insekten, die danach trachten, in den ersten Strahlen ihre taufeuchten Flügel zu trocknen. Im dichten Rebel lag das Land. Vergeblich suchten die Sonnenstrahlen einen Weg durch das feuchte Grau zu finden. Hie und da piepst em Bogel. Zaghaft, verschämt. Ist nicht sicher, ob wirklich ein neuer Tag geboren ist, ob er im Traum erwacht. Plustert sich auf in der Kalte. Neugierig mustern die blanken Aeuglein die graue Welt. Vereinzelte Insekten versuchen aufzuschurren. Vergeblich, die graue Feuchtigkeit druckt sie zu ^°Jch saß am schlecht brennenden Lagerfeuer. Nur widerwillig fraß die rote Glut das feuchte Holz. Mich fror. Ich fluchte. Die Trager legten mein kleines Zelt zusammen. Der Nebel hatte sich durch die Leinwand gefressen. Ganz naß, doppelt so schwer wie sonst, war die Last. Der Träger, der immer wegen der leichten Last von seinen Kameraden beneidet wurde, sah höhnisch lächelnde Gesichter durch die Nebelwand stoßen. Doch er war Philosoph. Ich bewunderte seinen zur Schau getragenen Gleichmut. Er fluchte innerlich. Das ist am frühen Morgen ungesund. Nachdem die Sachen verschnürt waren, kamen die Leute ans Feuer. Hockten nieder nach. Negerart, mit ausgebreiteten Armen, die Handfläche dem Feuer zugekehrt, als wollten sie die Glut umarmen, sie an den kalten Körper drucken. , , . Wir waren mitten im Elcfantenrevier. Hatten am vorhergehenden Abend frische Fährte gesichtet. Lagerten hier, um nicht zu nahe an die Elefanten heranzukommen; sie nicht zu vergrämen durch den Lärm, den selbst die auf Elefantenjagd bestens geschulten Träger machen. Ich hatte Befehl gegeben, kein Holz mit der Axt zu schlagen. Nur trockene Aeste zu brechen. Brechendes Holz schreckt die Elefanten nicht, aber ein Axt- schlaq, ein Geräusch von Metall, treibt sie zur Flucht. Em Luftzug von Menschen, tausend Meter entfernt, setzt sie in Bewegung. Lautlos schließen sie sich zusammen. Mächtigen Schemen gleich gleiten sie auf weicher Sohle durch den Wald. Wandern rastlos dahin, die ganze Nacht hindurch, um eine möglichst große Strecke zwischen sich und ihre Verfolger zu bringen. Es war sieben Uhr. Wir sahen noch am Feuer. Sonst waren wir um diese Zeit schon lange auf dem Marsche. Von den zwölf Stunden Licht der Tropen, gleichmäßig das ganze Jahr hindurch, muh man auf der Elefantenjagd jede Minute ausnutzen. Heute fehlt mir der Mut, den Aufbruch zu befehlen. t m , _ . r,. „ Die Sonne nahm den Kampf auf. Druckte den Nebel zur Erde, stieß Löcher hinein. Auf den Hügeln tauchten die Baumspitzen aus dem Nebelmeer, aus denen die Vögel fröhlich zwitschernd die wärmenden Sonnenstrahlen begrüßten. , „ , .. Ich gab den Befehl zum Aufbruch. Noch steif vor Kalte hoben die Träger ihre Lasten. Mein Mambunda-Elefantenjäger Makamanda setzte sich an die Spitze. Unsere Richtung war heute genau nach Westen. Alle Elefantenfährten, die wir am Tage vorher gesehen hatten, waren nach Süden gegangen. So kreuzten wir die Fährten und konnten die frische ^Jn^jenen Tagen hatte ich mich zu einem lebenden Kompaß herausgebildet. Nur einmal am Tage brauchte ich mich nach dem Kompaß zu orientieren, um dann mit absoluter Sicherheit die Richtung einzuhalten. Die Elefantenjagd hatte mich folgende Methode gelehrt. Wenn ich vom Standlager abmarschierte, schliig ich eine Himmelsrichtung ein, in der ich Elefanten vermutete. Diese Richtung wurde solange ungehalten, bis ich eine Fährte fand, die mehrere Tage alt fein konnte. Dann nahm ich sie auf lieh mich vom Elefanten in das Elefantenrevier führen. Sobald andere Fährten bewiesen, daß wir im richtigen Revier waren, wurde wieder eine Richtung genommen, die quer zu den Spuren lief. Ich ging stets an zweiter Stelle hinter dem Jäger und gab die Richtung an. Wir marschierten durch lichten Hochwald über offene Stellen, auf denen mannshohes Farrenkraut üppig wucherte. Auf den großen Blattern lag die Feuchtigkeit der Nacht, die uns bis auf die Haut durchnäßte. Das Gelände senkte sich einem Flutzlauf zu. Ein« Ebene breitete sich vor uns aus, auf der noch der Nebel lag. Ein Wolkenmeer von hoher ®erg= warte gesehen. Wir tauchten hinein in die Feuchtigkeit, die uns mit kalten . Aus der grauen Sichtlosigkeit sprang ein Pfiff. Ein Riedbock, dessen scharfe Augen den Nebel durchdrangen, oder dem ein Windzug unsere Witterung zugetragen hatte, war flüchtig geworden, suchte Schutz in sicherem Schilf, am Rande des Flußlaufes. Plötzlich stockt Makamanda. — Zeigt auf die andere Seite des Flusses. Mächtige schwarze Körper bewegen sich dort durch den lichter werdenden Nebel. Ich hebe die Hand. Meine gut geschulten Träger sinken lautlos zu Boden. Bevor ich mein Fernglas an die Augen bringe, schiebt sich wie ein Vorhang eine neue Nebelwand vor uns. Ein Windstoß zerteilt sie. Durch die beschlagenen Linsen läßt sich nur undeutlich sehen. Doch sicher sind es Elefanten. Der Rauch meiner Pfeife zeigt den Wind günstig. Ich reiche zurück nach der Elefantenbüchse. Prüfe noch einmal den Wind. Drehe mich um, durch Zeichen den Trägern Ruhe gebietend. Und als ich wieder hinschaue nach den Elefanten, da bricht siegreich die Sonne durch und ihre Strahlen spiegeln sich aus dem schwarzglänzenden Fell einer Herde Wafserböcke, die im flatternden Nebel riesengroß erschienen waren. Eine Nebel-Fata morgana hatte uns ein Trugbild gezeigt, eine Hoffnung erweckt, die die Sonne grausam zerstörte. Auf der Flußebene, die von Elefantenwechsel durchfurcht, herrschte reges Leben. Herden von Pferdeantilopen zogen dem Walde zu. Im Nebel verschwinden die Beine. Es sieht aus, als schwimmen sie durch ein graues Meer. Kleine rote Oribi, von denen nur die Köpfe mit dem geraden, spitzen Gehörn sichtbar, sprangen schreckhaft ab, wenn wir ganz nahe herangekommen. Unsichtbar kläfft ein Schakal. Ganz verschwommen im Nebel und Sonnenschein eine große Herde Zebra. Ihr gestreiftes Fell paßt sich den abwechselnden Nebel- und Sonnenstreifen an. Man könnte ie für Schaitey halten, für Astralleiber einer Hypnose. Eine Gruppe ehrwürdiger Marabus hielt eine wichtige Ratssitzung am Fluhufer. Wir marschierten am Fluß entlang, der hier durch eine Sumpfniederung fließt. Die Karawane blieb etwas zurück. Ich sollte erst mit Makamanda einen gangbaren Weg finden. Im Schilfbestand bewegt sich eine schwere Antilope. Noch kann ich sie nicht ausmachen. Langsam wachsen aus dem Schilf zwei helle Gehörnspitzen, streben höher und zeigen die Spiralform des Kudugehörns. Doch dann wechselt kaum fünfzig Schritte vor mir ein prächtiger Sitantunga, diese seltene Sumpfantilope, über eine Lichtung, deren Gehörn dem Kudu gleicht. Wie immer, wenn man auf Elefantenjagd nicht schießen darf, sah ich an diesem Tage das seltenste Wild, das ich oft wochenlang vergeblich gejagt hatte. Aus der Niederung stiegen wir wieder hinauf zum Hochwald. Immer wieder kreuzen Elefantenfährten unseren Weg, aber alle waren drei bis vier Tage alt. Nachdem wir so einige Zeit marschiert waren, lächelte uns das Glück. Vor uns, deutlich abgezeichnet auf dem feuchten Gras, lag eine frische Fährte. Es schien, als ob der Elefant erst eben durchgewechselt sei. Es war die Spur eines mächtigen Bullen. Sorgfältig wurde sie untersucht. Sie war doch schon einige Stunden alt. Der Morgennebel hatte sich noch darauf gesenkt. Feuchtigkeit lag in den Rissen, die die Sohle in das Erdreich gedrückt hatte. Der Boden war hart, der Fuß des Riesen hatte sich nicht tief eingesenkt. Eine Elefantenspur auf hartem Boden sieht aus, wie ein großer Emailleteller, mit vielen Rissen und Sprüngen. , Nachdem alle Träger beisammen waren, nahmen wir die Fährte auf. Ein Boy ging als letzter, die Leute zusammenzuhalten. Der Elefant führte uns erst in schnurgerader Richtung durch lichten Hochwald. Es war leicht, ihm zu folgen. Die. erste Losung, die mir fanden, war schon kalt. Makamanda hatte recht behalten. Der Elefant war hier vor Tagesgrauen marschiert. Wir machten uns auf eine lange Verfolgung gefaßt. Das Gelände stieg gleichmäßig. Es ging einer Wasserscheide zu. Dort lvaren immer Dickichte. Vielleicht wollte er sich einstellen im Schatten, wo ihm wenig Gefahr droht. Im Dickicht sing auch die Spur an kreuz und quer zu gehen. Er hatte angefangen zu äsen. Aber auch die nächste Losung war noch kalt. Unter einem hohen Baum hatte er gestanden, mit dem Vorderlauf den Sand aufgewühlt und sich in den Greifer des Ruffels geschärt. Fast immer ein Zeichen, daß sich der Elefant einstellen will. Den Sand bläst er sich unter den Leib und über den Rücken, um sich von den lästigen Stechfliegen und anderen Parasiten zu befreien, die ihn quälten. Hier mußte er sich zwischen sechs und acht Uhr aufgehalten haben, denn auf einigen Spuren lag noch der Morgentau, während andere schon den Tau zerstört hatten. Wie ein offenes Buch liegt in solchen Fallen am Boden ausgezeichnet, die Geschichte der Bewegung des Elefanten vor dem Jäger. Wir waren wohl kaum drei Stunden hinter dem Tier. Nacy aller Voraussicht mußt er noch in dem Dschungel stehen. Ich befahl den Trägern zu rasten. Zeigte ihnen am Stand der Sonne, wann sie mir wieder folgen sollten. Mit Makamanda ging ich alleine weiter. Im Gehen knickten wir Zweige, legten auch sorgfältig Zweige über andere Fährten, die frisch aussahen. „Schloßen den Weg , roie der Reger in ganz Afrika sagt. Wie man es auch mit den Negerpsaden macht, die vom eigenen Weg abzweigen. So waren wir sicher, daß uns die Leute mit den Lasten nicht verfehlten. , „ , Mit aller Vorsicht pirschten wir weiter. Blieben oft stehen, um Den Wind zu prüfen. Horchten auf jedes Geräusch. Wir konnten jeden Augenblick auf den Elefanten stoßen. Berechnen ließ es sich nicht mehr, stier im Dschungel konnte man ihn ebensogut in fünf Minuten, wie erst nast vielen Stunden antreffen. Bald merkte ich aber, daß er feine Absicht geändert hatte. Wohl war er noch äsend kreuz und quer gezogen, halle aber noch einige Scharstellen gemacht, aber ebenso deutlich erkannte ich, daß er immer eine bestimmte Richtung einhielt. Es war unheimlich ruhig im Dschungel. Kein Vogelgezwitscher, keine Schreie munterer Affen. Es ist ein eigenartiges Vergnügen, Elefanten in diesen Dschungeln zu folgen. Vorsichtig pirscht man weiter. Das sterz klopft zum Zerspringen. Jeden Augenblick kann auf wenige Schritte »er Elefant vor einem stehen. Undurchdringlich die grüne Blatterwand Dschungel, die auf wenige Schritt jeden Ausblick versperrt. ytoB 9) stockt der vorausgehende Fährtensucher! — Bestimmt, gerade >n Augenblick, wo man einen Fuß hochgehoben hat, um über eine man hinwegzutreten. Auf einem Bein balancierend, muß man stehen cieioei • Lauscht angestrengt nach vorn. Glaubt ein Geräusch zu hören. . „ leicht ist es aber nur das ungestüme Schlagen des eigenen H^ns, eine Buschantilope, die flüchtig abgeht. Dann gebt es roeiter. Bal he es über einen umgestürzten Baumriesen klettern, bald sich wie em I unter den Lianen durchwinden. Sähe man nicht die untrüglichen Z hi die Trittsiegel der Elefanten vor sich, nicht zu glauben, daß kurze o vorher der mächtige Dickhäuter durchgewechselt. Hinter ihm hak | > en am ’n vor Nach Sonne, alleine Zweige nie der rpfaben aß uns 1111 den Augen- r. Hier •ft nach icht ge- i, halle nie ich, r, keine efonien is Herz itic der nd des plötzlich in dem Liane bleiben. - Melis, oder d heißt Wiefel Zeichen, ze Zell sich der verschwommen. , r m , Als wir am Abend zu Tode erfdjöpft, die hoffnungslose Verfolgung aufgeben, da fagt Makamanda resigniert: „Herr, die Löwin, die uns begleitete, war keine Löwin, es war ein Waldgeist, der nachher deine Kugel in den Baum lenkte." Kinderspiel und Kunst. Bon Dr. Hedwig Fischmann. cs zu ) wie lt sie. sicher ;. Ich Wind. Is ich durch einer aaren. fnung rrschte > . Im durch 1 t dem ' ganz mmen 's Fell könnte e ehr- umpf- st mit gt sich ngsam r und kaum Sumpf» mmer, r Tage immer rei bis te uns :s, lag wechselt :de sie nnebel >ie die r Fuß hartem n und te auf. Elefant is war n kalt, grauen i. Das waren >o ihm d quer ig war Zorder- efcharl. Sand in den iuä(ten. I t, denn on den herum. Schnell werfe sich mich zurück, den zweiten Lauf anzuMngen. Verschwunden der Elefant, wie vom Erdboden verschlungen. Mit einigen Sprüngen bin ich am Platz, wo er gestanden hat. Suche nach Schweißfpur. Folge dem Weg, den er durch das dichte Gestrüpp gebrochen. Deutlich die weitausgreifende, flüchtige Fährte. Kein Tropfen Schweiß. Kehre wieder zurück zum Anschuß. Suche, — suche. — Unmöglich, daß ich gefehlt habe! — Ein Ruf: Makamanda! — Ich stürze zu ihm. — Da zeigt er mir traurig den Anschuß in dem Baum, unter dem der Elefant gestanden. Grausames Jagdpech! Er hatte nicht diesseits, andern jenseits des Baumes gestanden. In dem trügerischen Schatten war die graue Rinde des Baumes, mit der grauen Haut des Elefanten «rfmnqct wieder geschlossen. Den Rüssel steif, schräg nach Unten gehalten, l ? t „r lieb die Lianen über den Rücken gleiten lassen. Weber die Baum- «smme die wir mühselig überklettern, ist er leicht hinweggetreten. 1 Der'Elefant war nicht im Dschungel geblieben. Er hatte seinen nton aeändert, um wieder auf seine Kollegen zu stoßen. Vielleicht war bJ Alleinseins müde. Hatte eine Radionachricht von einer Herde be- »nmrnrni sich ihr anzuschliehen. . ff/ hatte wieder zu marschieren begonnen. Bald waren wir auch am Rande des Dschungel, folgten der Spmr im offenen HoA 2 Wir waren jetzt dem Elefanten dicht auf den Werfen. Er halte, sich Dkllmnael Zeit qelaffen. Es lag frische Losung auf dem Wechsel. Lm'§b feucht schimmernd. Makamanda steckte den bloßen Fuß hin- Kant ehrfurchtsvoll. — Es lag etwas Wollüstiges tu dieser einfachen fanblung. Ohne den Fuß herauszuziehen, spähte er nach allen Seiten, tonte ben Finger an die Sippen, Ruhe heischend und sagte ganz stolz, Ä es sein Verdienst fei, nur das eine Wort warm" .. Es war jetzt leicht der Fährte zu folgen. Ich konnte das Spuren Makamanda alleine überlassen. Ich spähte nach vorn unb den Seiten. «Tift immer möglich, daß ein Elefant einen Bogen schlagt. L' o'I kann mir nichts Aufregenderes vorftellen, als die Verfolgung eines (fletaten auf frischer Fährte. Alle Sinne, jeder Nerv aufs mißerste aefoannt Man weiß, daß man dme Kampf mit einem wehrhaften Riesen kntaeacnqeht, der, wenn er nicht gleich tödlich getroffen wird der gefa^r- iMe Gegner der Tierwelt ift. Selbst im offenen Gelände fahrt man bei ebem Geräusch zusammen. Ein aufwirbelndes Frankolin bringt das Herz zum Stillstand. Eine kaum merkliche Bewegung lenkt mein Auge zur Seite. Da steht aant ruhig, uns mit feinen großen Lichtern vertrauensvoll anaugend, elli ^weißrückiger Duiker. Eine ganz seltene Urwaldan ttope, die immer noch in meiner Sammlung fehlte. Die Versuchung zu schießen war noch fdimerer, als bei dem Sitatunga. Aber heute galt bie Jagd nur komg- idiem Wild. Die kleine Antilope stand ganz ruhig. Sie hatte woh. vor kurzem den Elefanten durchwechfeln sehen. Wußte sie, daß wirchm olqten, oder hielt sie uns auch für Elefanten? — Es ift mir häufig paffiert daß selbst die scheusten Antilopen auch auf freier Steppe ruhig sichm bleiben, wenn ich Elefanten nahe folgte. Einige hundert Meter vor uns ruft ein Honigvögel. Schrill gellt fein o-idiiv tfdnp" durch den Wald, in dem die Vogelwelt eigentümlich wenig vertreten ist. Begleitet er den Elefanten, dieser kleine Satan, der ' mir schon so manches Stück Wild vergrämt hat? Ich pähe aufmerksam nach allen Seiten und — was ist das. — Parallel mit uns bewegt sich etwas Großes, Braun gelb es. — Em ,,«ft - wie ein gut dressierter Jagdhund steht Makamanda. Ich deute vor- fichtia, doch schon erkenne ich eine Löwin, die gemächlich, kaum sechzig Schritte entfernt, mit uns entlang trollt. Neugierig äugt sie herüber. Sobald sie merkt, daß wir halten, verhofft auch sie. Wie mühselig und erfolglos hatte ich Löwen gejagt. Ich hieß nicht umsonst bei meinen Kameraden in Rhodesia „der Elefantenschreck, beim wo ich hinkam, waren die Löwen wie weggeblasen. Hier nun dieser leichte Schuß! Was war denn nur heute? — Wollte mich nach Weiber- art Diana narren? — f, . , . . Wir gehen weiter. Gleich trollt die ßomin, es scheint em junges Ster, gemächlich neben uns her. Wieder laß' ich halten, wieder verhos sie. Setzt sich ruhig auf die Hinterhand, wie em großer Hund. Gähnt gelangweilt. Mehrere Male dasselbe Manöver. Ich merke, wie Makamanda unruhig wird. Auch mir fällt die stumme Begleiterin aus die Nerven. Ich versuche sie zu vergessen, nur nach dem Elefanten auszuschau en. Vergeblich! Zu groß war die Anziehungskraft der geschmeidigen, jungen ■ Barne. Voller Wut nehme ich ein Stück trockenes H°lz, werfe nach hr. Natürlich ohne sie nur annähernd zu erreichen. Ich hatte ja vielleicht noch kräftiger, weiter werfen können, aber man weiß doch nie, t Damen gelaunt find. Sie nahm kaum Notiz davon. Cs kam mir vor, als ob sie mir nur einen verächtlichen Blick zuwarf. Jedenfalls trabte sie weiterhin friedlich neben uns her. Makamanda schien sich mit der Begleitung abgesunden zu haben. So viel Mühe ich mir gab, ick) konnte den Blick nicht von ihr lassen. — Da, — beinahe wäre idj über meinen Jäger gefallen, der lautlos zufammen- sank und mit weit ausgestreckter Hand nad) vorne zeigte. Hundert Meter vor uns zog ruhig der Elefantenbulle. Verhofft, um einen besonders leckeren Zweig mit dem Ruffel abzureißen und m Rachen zu schieben. Bei jeder Sdjroingung heben sich zwei mächtige Stotz- zähne schneeweiß ab gegen das dunkle Grün des Waldes. Dor mir die edelste Beute. Vergessen, ausgelöscht die Löwin , bte feüenen Antilopen. Noch einmal den Wind geprüft, der leidlich f^ht- Vorsichtig die fdjwe Doppelbüchse entsichert. Ich nehme die Führung. Makaman^i dicht hinter mir mit der Reftrvebüchse. Wie ein Leopard gleite ich lautlos auf Gummisohlen durch den Wald. Jede Deckung ausnutzend von Baum S» Baum. Ganz langsam zieht der Elefant. Jetzt verhofft er wieder steht un Schatten eines großen Baumes. Blitzschnell madje ich ^on Platz a , dem ich schießen will. Eine kleine Lichtung liegt dazwischen. ttch husche darüber hinweg. Nock) steht der Bulle. Einen Augenblick halt H *8 und Lunge zu beruhigen. Die Nerven sind,ruhig, jetzt,.wo das Ziel vor / Augen steht. Noch ein paar Schritte. — Ein Baum dietet Deckung, dem ich vorsickstig die Büchse anstreiche. Der E lech nt steht günstig, Mnz breit. Allerdings etwas stark im Schatten. Doch deutlich auszumachen. Kaum dreißig Gänge. — Kopf- oder Blattfchuß? — Schatten und schwere Büchse. Ich entscheide mich für Blatt. Der Elefant steht regungslos l Brummt zufrieden Selbst sein unljeimlid) feiner Instinkt 'hn ^me Gefahr wittern. Die schweren Zähne berühren fast den Boden. Ich bringe Kimme und Korn auf den Ohrrand. Gehe langsam herunter, bis ich die Spitze habe, die an der Vorderfäule anliegt. Tief, dort, wo dei^ Herz sitzt- Freie Schußbahn, ruhig liegt das Gewehr. — Nicht ein Zttlern des Laufes. - Langsam krümme ich ben Finger. - Sie Explosion von zehn Gramm Nitro-Pulver zerreißt die Stille des Waldes. Harter Anschlag des fünfundsiebzig Gramm schweren Geschosses. Der Rückstoß dreht ch tm5>od) auch von dem letzten Schein der Heiligkeit, den klügeln, befreit, durchaus verwurzelt im irdischen, sehr irdischen Boden der Sev llaner Kalle stellen sich Murillos „Wurfelspielende Knaben dar. Versunken ist für diele zerlumpten, auf der Erde kauernden Betteljungen die ge- imte Umweltaufetbem Vefultat ihres Wurfes, den sie mit lebhaften Kesten begleiten Welch packende Verkörperung einer leicht zur verderb- lidien Klamme emporlobernben jugendlichen Spielleidenschaft! Und dann, durch eine ®eU ron biefen temperamentvollen Spielern getrennt, tos bodi her gleichen Zeit, dem gleichen Lande angehörende Bildnis des selbst zum Spielen zu müden, bleichen Gefchöpfchens, des Jnfanten Phi >PP Frühlingszeit — heiterer Spiele und Tänze Zeit! Die unbezwingliche Luft der Jugend, in Kraft- und Gefchicklichkeitsübungen das eigene, hoch anfchwellende Lebensgefühl zu bewähren, das der Winter, wenn auch nicht besiegt, so doch durd) die Enge des umschließenden Hauses znruck- gedämmt hat,, treibt mächtig empor gleich dem steigenden Soft der Pflanze. Und wieder wie schon in jahrhundertfernen Lenzen spielen die Kinder die ewig alten und ewig neuen Spiele, die sich so erstaunlich wenig gewandelt haben, trotzend der Alleswandlerin Zett. Aus alten Chroniken und Dichtungen, aber auch in besonders beredter Weise aus den Werken der bildenden Kunst klingt das brausende Lied uberschau- mender, im Spiel sich befreiender Jugendluft in kaum verändertem Rhythmus durch die Jahrhunderte. t , ... «Bieter Brueghel, das große, erdenfrohe Kind, hat wie kein anderer vor ihm, wie kein anderer nach ihm em buntes, farbensattes Gemälde der „Kinderspiele" in dem köstlichen Bild der Wiener Galerie, dieser unschätzbaren Fundgrube für die Geschichte des Spiels, gestaltet. Wie es hier wimmelt und wogt auf dem freien Platze der Stadt, aber audi tief hinein in die enge Gasse von all den kleinen Menschlein, die m halb täppischen, halb geschickten Bewegungen die Glieder regen und einzeln ober öfter noch in geselligen Gruppen sich ganz dem Rausch des Spieles hingeben. Und wie vertraut sind auch unserer heutigen Jugend noch all diese Belustigungen, an denen sich die derben flämischen Buben und Mädel des 16. Jahrhunderts hier ergötzen! -Steckenpferd Schlag- reifen, Windrädchen in allen Formen, Kugelwerfen und Stelzenlaufen beglücken die Besitzer ober Teilhaber dieser Herrlichketten ebenso w andere die improvisierten Spiele des Bockspringens, Fatzrettens, «ett- ziehens, Purzelbaumschlagens oder das Ueber-dle-Bank-ziehen eines Kameraden in dem sich die immer lauernde Grausamkeit der Kinderseele Genüge tun kann. Und wer nicht mit dabei sein kann bei dem ausgelassenen Zeitvertreib der Gefährten, der laßt wenigstens aus den Fenstern die langen Wimpel der Freude flattern. Em Chor jauchzender ' lachender Kinderftimmen, durchaus nicht melodiös abgestimntt, aber dafür desto kräftiger und urwüchsiger, genau so, wie er uns noch heute auf Kinderspielplätzen entgegenschallt, schwingt über dieser unvergänglichen künstlerischen Widerspiegelung der Jugendfreude. . Doch dieses sehr weltliche Jubellied Brueghels ertönte in einer Seit, die das Thema des spielenden Kindes sonst nur leise und verhüllt himmlischer oder mythologischer Einkleidung anzuschlagen wagte. Zwar feie antite Kunst, ganz besonders die der Spatzett, hat das Kind und auch" dös dem Spiele hingegebene Kind gern gestaltet, und chr verdanken wir eine so reizvolle Schöpfung wie das knochelspielende Mädchen Aber die folgenden Jahrhunderte bis weit hinein in die Neuzeit fesselt das spielende Kind nur in der Gestalt des Jesusknaben und seines Gefährten, des kleinen Johannes, denen sich, halb als Spielgenosse, halb als Spiel« ?cUa häufig ein Vogel oder das nicht immer sanft behandelte Lamm zuge ellt, wie z.B. auf den allbekannten Darstellungen Rasfae ls, Dikrers oder bei Rubens. Oder aber die kunstler. che Freude an den im Spiele bewegten Linien des kindlichen Körpers lebt Juf) in ben reigenfchlingenden, musizierenden und dabei echt jungenhaft tobenden Putten aus, die, mögen sie auch ihren Platz aus einer Kirchenbruftung haben oftmals herben, ungestümen Schulbuben — abgesehen von ben Klüaelchen __ zum Verwechseln gleichen, wie dies bei D 0 n a t e l l 0 mehr noch als liriLuca della Rob bin der Fall ist Von ihnen führt eine unsichtbare Linie über die Verschiedenheit der Zeiten und der Weltanschauungen hinweg zu Hans Thomas kerngesunden, reigew tanzenden und gelegentlich sich balgenden Jungen und Mädchen. Und auch die^Dürer scheu Enqlein, die sich im Heim der Maria und m der Werkstatt Josefs mit Besen und anderem Hausgerät so nützlich machen, ähneln sie nicht in ihrem geschäftigen Eifer putzigen Erdenrindern, „Großreinemachen" spielen? Vollkommen aber enthüllen sich die Putten als ausaelaisene Bübchen und Mägdlein in den mythologlsch-allegoriscyen Dcttstellungen, wie etwa in Tizians „Venu-opfer", das ganz wie em irhifrfw« «äinberieft anmutet, bei dem sich die kleinen Schelme an her UeberfüUe der köstlichen Aepfel wohl fein kaffen, mit den Fsuchten Ball spielen, sich selbst übereinander kugeln und allen erdenklichen Unfug Prosper! trott Vekasquez k Ungenützt hangen an seinem Schürzchen Klapper und Glöckchen, die blutleeren Hände sind zu schlaff, sie zu schütteln, wie sie zu matt sind, das kleine Hündchen, den Spielgefährten, zu streicheln. Armes reiches Kind — reiche Bettelkinder, die sich ein Königreich des Glücks erspielen! Voll und laut schlägt das Rokoko die beiden Töne „Spiel" und „Kind" an. Aber seltsam: der reine, helle Akkord „Spielendes Kind" klingt kaum jemals auf. Immer find es die Erwachsenen, die sich auf den „Ländlichen Festen" W a t t e a u s und der ihm nahestehenden Künstler, aber auch auf den Gemälden des deutschen Meisters Chodowiecki an Kinderspielen, wie Ball, Blindekuh, Hahnenschlagen, ergötzen, denen sich nur gelegentlich einige Kinder, das Thema der Erwachsenen aufnehmend, aber nicht selbständig varierend, zugesellen. Erst in den Werken jenes Meisters, der das schlichte Bürgertum und die Familie, nicht die schimmernde, festliche Welt des Rokoko in den Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses stellt, bei Chardin, kommt das spielende Kind wieder zu seinem Recht. Freilich, welch unheimlich artig« Kinder sind es, die dieser Maler gleichsam als leuchtende Vorbilder für seine kleinen Mitbürger und -bürgerinnen darstellt! Geduldig bauen sie ihre Kartenhäuser, blasen still vergnügt ihre Seifenblasen, und wenn sie, wie das zierliche Mädchen mit dem Federball, sich doch zu einem freieren, lebendigeren Spiele anlassen, dann wird gewiß auch dieses zahm genug verlaufen; dafür bürgt schon das tadellose weiße Schürzchen der adretten kleinen Dame, von dem Schere und Nadelbüchlein, von sittsamem Tun zeugend, herabhängen. Freier und unbekümmerter entfaltet sich die spielende Jügendlust in der die Kinder- und Märchenseele gleich verständnisvoll belauschenden Kunst S ch w i n d s , der in einem Lithographien-Zyklus die verschiedensten Arten der „Kinderbelustigungen", im Freien wie im Zimmer, im Wechsel der Jahreszeiten, aber stets umwoben vom Zauberschleier echten Kinderglücks, gestaltet hat.-Denn selten stand wohl eine Zeit dem Wesen des spielenden Kindes näher als die selbst alles Behagen und alle, auch die kleinsten Freuden aus der Enge des Alltags herausschöpfende Biedermeierzeit und ihre Kunst, zumal in der heitern, musikdurchwogten Schubert-Stadt. Wie ein bedeutsames Symbol blickt auf dem entzückenden Bilde Peter Fendis, „Spielende Kinder", die froh bewegte Silhouette der Karlskirche herein in diese glückerfüllte Kinderstube, in der ein am Boden kauerndes, kleines Mädchen seine Puppenkinder rund um einen Teller zum Mahle gruppiert hat, eins nach dem andern als eifrige Gastgeberin mit dem Kopfe hineintauchend, während ein zweites Kind beide Aerinchen voll Puppen und Katzen als neue Gäste herbeischleppt und ein drittes sich den Freuden des Tanzes mit einer Puppen-Partnerin hingibt. Warm und hell fluten hier die Wogen seligsten Kinderglücks! Und in gleich liebevoller Weise versteht auch der demselben Kreise angehörige W a l d m ü l l e r sich in die Freuden des kindlichen Spiels einzufühlen, fei es, daß er die staunende Schar um die Wunder des Guckkastenmannes versammelt, — wie es auch Knaus oder Ludwig Richter vor dem Puppenspieler tun, — sei es, daß er die wilde Horde im Nachgenuß der soeben erlebten Iahrmarktsfreudcn und im Vorgenuß des heimgebrachten Lebkuchens im Spiegel seiner Kunst auffängt. Ein besonders reizvolles und von allen Kunstrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts immer wieder künstlerisch gestaltetes Thema bieten die kindlichen Spiele im und am Wasser, dieser wundersame Zusammenklang bewegter, enthüllter Kinderkörper mit dem gleitenden Spiel der lichtdurchtränkten Fluten, der gleichermaßen die klassische wie die impressionistische Darstellungskunst, den Pinsel Feuerbachs wie Liebermanns gereizt hat — um nur zwei äußerste Gegenpole, die sich in diesem vielgestalteten Motiv berühren, anzuführen. So spiegelt sich in tausendfacher Brechung die frohe Kinderlust des Spiels in den Werken der Kunst, aber gleich den gebrochenen Sonnenstrahlen trotz all ihrer Vielfarbigkeit von der großen Einheit und Unwandelbarkeit ihres Ursprungs kündend — der im Spiel sich offenbarenden Kinderseele. Von der Slrahlenforschung. Ein neues Instiluk in Berlin. Von Erich G u t k i n d. Ein großartiges Werk ist vollendet. In tiefer Stille, geräuschlos, ohne jede Reklame, die oft viel geringere Leistungen begleitet. Das Institut für Strahlenforschung, der Universität Berlin angegliedert, ist nach fünfjähriger intensiver Arbeit zur Vollendung herangereift, so daß die weitverzweigten Arbeiten nun ausgenommen werden können. Ein wundervolles Denkmal jener sublimen Gelehrtenbescheidenheit, die aller echten und dauernden Leistung eignet. Eines der wichtigsten Gebiete der modernen Forschung, und eines der interessantesten und zukunftsreichsten, hat nun eine Heimstätte gefunden, die für lange Zeit in der Welt einzig dastehen wird. Die Leitung dieses Instituts liegt in den Händen von Professor Friedrich, der den Lehrstuhl für das Grenzgebiet zwischen Medizin und Physik an der Universität inne hat. Der Gelehrte, der uns sein eben fertig gewordenes Werk vom Dach bis zum Keller in liebenswürdigster Weise zeigt und erläutert, ist Mediziner, Biologe, Physiker, Chemiker, aber auch Ingenieur und Organisator in einer Person. Ingenieur, — denn die unendlich komplizierten Anlagen für Stromerzeugung, sowie vieles der Apparatur, die ja für die besonderen Zwecke dieser Forschung erst erfunden werden mußte, entstand unter Professor Friedrichs langjähriger Arbeit. Das Haus hat eigene Werkstätten, um die nötigen Apparate möglichst selbst zu bauen. Und Organisator, — denn hier wird unter anderem die Kontrolle der deutschen Radiumvorräte zentralisiert sein, die besser zusammengefaßt, bereit gestellt und ständig geprüft werden sollen. Wir haben zur Zeit etwa zwei Gramm Radium in Preußen und fünf bis sechs Gramm in Deutschland. Der Preis für je fünfzig Milligramm beträgt etwa 250 Mark. Aber auch die Bekämpfung der Krebskrankheit wird hier einen wesentlichen Stutzpunkt finden. Wie vorsichtig man auch immer über die Erfolge der Bestrahlungstherapie beim Krebs benten mag, sicher ist, daß auch hier wieder einmal das Organisatorische Ijintec den großartigen Resultaten der Wissenschaft hemmend hinterher hinkt. Die Strahlenforschung hat nun also ein Haus bezogen kam Luiseu- platz), das eigens für diesen Zweck umgebaut wurde. Solchen Umbau dars man sich nicht einfach vorstellen. Er handelt sich nicht nur um eine g», schickte Raumausnutzung, sondern um eine Fülle von gänzlich ungewöhm lichen Aufgaben. Ettpa 45 Laboratoriumsräume dienen, jeder in beson- derer Weise, diesem unübersehbar großen Forschungsgebiet, in dem ein Dutzend mächtiger Wissenschaften Zusammenstößen und sich durchdringen. Hier gibt es Räume, die röntgendicht sein müssen, und deren Mauern als« aus Material bestehen, das für Röntgenstrahlen undurchlässig ist. Es gibt auch „Bleikammern", die wie riesige Tresore aussehen, und einen absoluten Grad von Undurchlässigkeit für die alles durchdringenden Röntgenstrahlen haben, um störende Wirkungen zu vermeiden. Lästig ist auch die in einem Berliner Hause natürlich ständige Erschütterung. Da müssen Vorrichtungen ersonnen werden, um Instrumente erschütterungsfrei auszuhängen. Es kommt hier, wie auch sonst in der Physik, aus unvorstellbar feine Messungen an, auf Feststellung winzigster chemischer oder biologischer Veränderungen. Selbstverständlich gibt es in diesem Haus auch jene Waagen, für die ein Milligramm noch so etwas wie ein plumpes Zehnkilo-Gewicht ist, und die noch verschwindenden Bruchteile selbst so winziger Massen abwiegen können. Aber es gibt auch Veränderungen in so geringen Dimensionen, daß selbst diese Waagen versagen, und dos Spektroskop helfen muß, oder Instrumente, die allerfeinste elektrische Zustandsänderungen anzeigen. Ueberhaupt sind wir gezwungen, ganz neue Maßsysteme auszudenken. Maßeinheiten für Röntgenstrahlen und andere Wirkungen zu finden, bei denen die gewöhnlichen Maßgrößen nicht ausreichen. So verwendet man hier eine sehr interessante neue Meßmethode, die man die „biologische Uhr" genannt hat. Man weiß, daß gewisse Lebensoorgänge, wenn man exakt gleichbleibende Bedingungen herstellt, äußerst genau rhythmisch verlaufen. So gibt es zum Beispiel winzige Algenarten, denen man unter dem Mikroskop abgesehen hat, daß sie sich in sehr genau gleichbleibenden Zeitabständen immer in derselben Form durch Teilung fortpflanzen. Unter dem Einfluß verschiedener Bestrahlungen ändert sich diese Periode, so daß wir hier mit dem Leben Stroh- lungseffekte messen können. Das Institut ist gezwungen, den nötigen Strom selbst zu erzeugen und hat in seinen Kellerräumen die erforderlichen Anlagen. Ein Anschluß an das Berliner Stromnetz wäre nicht ratsam, wegen der ständigen Stromschwankungen, die exaktes Messen unmöglich machen würden. Es gibt im Hause Drehstrom, Wechselstrom, Akkumolatorenstrom und alle Grade der Stromspannung bis zu zweihunderttausend Volt. Man untersucht die Wirkung der Radiumstrahlung, der Röntgenstrahlung, aber auch vor allem der gewöhnlichen Lichtstrahlung auf die organische Materie. Die Erforschung der Lichtwirkung ist vielleicht ein wenig ins Hintertreffen geraten. Dennoch ist sie nicht weniger wichtig. Man muß bedenken, daß die Lichtstrahlung in die Moleküle greift, jene anderen Strahlen ober mehr in die Atome. Nun kommt es bei der Wirkung auf das Lebendige gerade auf die molekularen Vorgänge an. Noch wissen wir wenig, was denn nun die Strahlen tatsächlich im Organismus und in der Zelle machen. Welche photochemischen, welche physikalischen Effekte sie Hervorrufen. Das neue Institut will alle diese Fragen klären, denn es isi in erster Linie Forschungsinstitut. Es ist freilich dann auch Lehranstalt, nicht nur für Studenten, sondern auch für Aerzte, die sich auf diesem Gebiet praktisch weiterbilden wollen. So gibt es in diesem seltsamen Haus Zimmer für ultraviolette und Zimmer für ultrarote Strahlen. Diese ultraroten Strahlen gehören ebenfalls zu den etwas vernachlässigten Forschungsgebieten. Hier besteht die Schwierigkeit der Beobachtung darin, daß diese Strahlen weder sichtbar sind, noch auch photographisch sichtbar gemacht werden können. Wir sind hier angewiesen auf Messung feinster Wärmeveränderungen oder Einflüsse auf elektrische Zellen. Natürlich gibt es im Hause, auf dem Dach, eine richtige meteorologische Station, die Wind, Barometerdruck, Temperatur und Einstrahlung registriert. Eine für die Großstadt besonders wichtige Beobachtungsreihe. Denn über solcher Riesenstadt liegt eine Dunstschicht von einem Kilometer und mehr Höhe, in der eine Reihe der lebenswichtigsten Strahlen absorbiert werden. Bringt man ein Kind unter sonst genau gleichen klimatischen Bedingungeni an einen Ort außerhalb dieser Dunstschicht, so beginnt es sich schnell zu bräunen, unter der Wirksamkeit von Strahlen, die in der Stadt verschluckt waren. So macht man an allerhand geeigneten farbigen Flüssigkeiten Ausbleichversuche, die in einen Parallelis- mus gebracht werden, zu entscheidenden Vitamin-Wirkungen unter Strahlungseinflüssen. Das Studium der Beziehung zwischen Vitaminen und Strahlen gehört natürlich ebenfalls in das Aufgabengebiet des Instituts. .. Sehr interessant ist eine Strahlengattung, die nicht auf geroöfjmidK physikalische Art erzeugt wird, sondern biologischen Ursprungs ist. Diese Strahlen gehen von lebendigen Geweben aus, und zwar von solchen Geweben, die in Wachstum begriffen sind. Diese Strahlenart geht aus eine Entdeckung des russischen Gelehrten G u r e w i t s ch zurück. Sie eignet vor allem also allen embryonalen Geweben und zeigt sich an Pflanzenkeimlingen. So regt die von einem Zwiebelkeimling ausgehende Strahlung einen anderen unmittelbar nahe angebrachten zum tum an. Neue Perspektiven eröffnen sich, wenn wir hören, daß soW Strahlung auch ausgeht von dem wuchernden, also wachsenden Krebsgewebe. Diese Vorgänge, die vielleicht neue therapeutische Wege öffnen, werden sorgsam erforscht werden. So steht zu hoffen, daß die Zusammenhänge zwischen Lebens- und Strahlungsvorgängen durch diese wunderbare neue Stätte wissenschaftlicher Spitzenforschung theorettM geklärt und praktisch ausgewertet werden. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Buch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.