GiehenerKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1929 Zreitag, den MMäi Das Wörtlern. Von Christian M o r g e n st e r n. Kürzlich kam ein Wort zu mir, staubig wie ein Wedel, wirr das Haar, das Auge stier, doch von Bildung edel. Als ich, wie es hieße, frug, sprach es leise: „Herzlich". Und aus seinem Munde schlug eine Lache schmerzlich. Wertlos ward ich ganz und gar, rief's, ein Spiel der Spiele, Modewort mit Haut und Haar, Kaviar für zu viele. Doch ich wusch's und bot ihm Wein, gab ihm wieder Würde, und belud ein Brieslein fein mit der leichten Bürde. Schlafend hat's die ganze Nacht weit weg reisen müssen. Als es morgens aufgewacht, kam ein Mund, es — küssen. Der Imker. Von Hans Friedrich B l u n ck. Ich habe einen jungen Freund zu Besuch auf Meiner Sonuuerkate. Er sieht aus, als könnte er Gedichte schreiben, aber er ist nur ein gewöhnlicher Student, hat es erst bei der Juristerei versucht, und als die ihm nicht gefiel, sich bei den Landwirtschaftlern einschreiben lassen. Nun haust er in den Ferien hier draußen und weiß viel von Blumen und neuer Obstzucht; ich hörte ihm mit der leichten Ueberlegenheit des Alterfahrenen zu und weiß doch, es ist nichts von all dem verloren, was er an Betrachtungen aufbringt. „Junge, probier es selbst aus", rede ich ihm oft zu; er hat jedoch kein Geld, kein Gut. Er glaubt vielleicht einmal meine Kate pachten zu können, aber die paar Morgen tun es auch nicht. Zudem, warum soll er gerade bei mir seine Schulzucht versuchen, wo ich meinen Garten so herrlich wild habe wachsen lassen. „Wo gehen Sie hin?" fragt er mich heute, als ich ihnr wieder einmal erklärt hatte, daß seine graben Beete nicht zwischen meine Bäume passen. Ich stoße mit dem Stock auf. „In die Wildnis", sage ich noch halb im Zorn. Um den Bach herum liegt ungepflegtes Gebüsch, da sitze ich am liebsten und erhole mich. „Kommst du mit?" Nein, er hat keine Zeit, er hat etwas vor, er will ins Dorf oder dergleichen, aber ich habe so meinen Verdacht. Er hat seit einigen Tagen öfter das Bedürfnis, sich von dem alten Jörgen Reimers durch die Kuh- ställe führen zu lassen. Jörgen Reimers ist ein altes Faultier von Bauer, der den guten Stand seines großen, mir benachbarten Hofes feiner sehr tüchtigen Frau verdankt. Aber Jürgen Reimers ist sehr stolz, daß der Student seine Kühe besieht, er ist sehr stolz, wenn er erzählen kann: „Vor fünfundzwanzig Jahren, als ich noch so jung war wie du —" Er merkt gar nicht, daß mein junger Freund seine Wirtschaft für veraltet und oberflächlich hält und daß er gar nicht wegen der gefüllten Ställe kommt, sondern, wie ich vermute, wegen der jungen Mieke Reimers, leiner Tochter, die so frisch und hübsch ist, wie man sie nie dem alten Gesellen zutraut. Als wir am Sonntag im Dorf waren, um uns das ■mngreiten anzusehen, hat mein Taugenichts von Freund denn auch mit allen großen Bauerntöchtern getanzt, aber mindestens siebenmal mit Mieke Reimers. Ich muß also allein in meine Wildnis gehen. Ich mache einen Um- meg, ich trotte über die Brücke mitten im Dorf, um nicht über den Nachbarhof zu müssen und schlendere auf der andern Seite den kleinen Fluh hinauf, bis ich da bin, wo er zwischen Steinen und altem Gletscherland einen kühnen Bogen schlägt, der von Buchen und Wildkirschen, von Eschen und Schlehen und Brombeergebüsch fast überwachsen ist. Che ich mich indes auf meinen heimlichen Lauerplatz begebe, wo die l »"»gel vorüberlaufen, will ich doch noch beim alten Imker Sell Honig Wetten. Der alte Sell, eigenttich Zimmermann und Rutengänger, der I>ch hier oben feinen Bienenschauer einrichtete, zimmert schon seit langem nicht mehr, sie bohren sich ihre Brunnen, wo sie sie haben wollen und wenn sie sechzig Fuß tief schachten müssen. Schließlich ist das Bienenvolk für solch alten Eingänger wie Sell auch die umgänglichste Gesellschaft. Ich habe wohl ein Jahr lang drüben auf meiner Kate gesessen, ehe ich diesen einsamen Menschen überhaupt entdeckte, und was man bann so gier und dort im Dorf über ihn hörte, trug nicht immer dazu bei, ihn grabe zum Freunb zu wünschen. Ich klopfe also an bie Tür ber Kate, bie auf der Landzunge just über meinem Wildbusch liegt. Niemand öffnet, nur ber Hund überschlägt sich wie rasend an seiner Kette. Ich gehe deshalb weiter und tue zwischen Stockrosen und Dach einen Blick ins Fenster. Vauernstühle hat Sell, die ich verwünscht gern erworben hätte. Schöne, alte geschnitzte Muster, 1832, 34, 36, steht darauf eingegraben; immer wenn damals einer der Sell erwachsen war, hat man einen Stuhl für ihn schnitzen lassen. Acht Stühle stehen da, es ist damals eine große Sippe gewesen. Was will der Imker noch mit acht Stühlen? Aber er gibt keinen ab. Ich möchte ihm überhaupt gern dies ober das stehlen, ich habe mir das Bord, das zwei Hand breit unter der Decke um bie Stube läuft, gemerkt unb habe etwas Aehnliches in meine Kate eingebaut, ich versuche bie gemalten Muster, bie bie Decke entlanglaufen, zu behalten unb wieberhole sie mit meinem Farbentopf. Ich habe ben Alten ohne rechte Gegenliebe gern, wie man meist biefen alten eigensinnigen Tröpfen halb aus (Erbarmen, halb aus Bewunberung, eine bumme Vorliebe entgegenbringt. Hinzukommt, baß bei Sell noch so eine Geschichte mitspielt, bie ich auch nicht recht finbe, unb bie boch Einbruck macht. Als er schon in gutem Mannesalter war, — ein Zimmermann in allen Gassen, erzählen bie älteren Leute im Dorf, — hat es ihn einmal bös getroffen, haben sie ihn wegen einer Wegelagerei mit ein paar anbern nach ber Stadt gebracht. Es war wohl mehr eine nächtliche Schlägerei zwischen Holzarbeitern und Maurern gewesen, bei der er dabei gewesen sein sollte. Die Geschichte ist zwanzig Jahre her, aber sie wurde in der Stadt böse angesehen, weil dem Maurer damals sein Geld genommen war und einer von den Leuten zeitlebens gelähmt blieb. Sell hat nie zugegeben, daß er dabei gewesen fei, aber er hat auch nicht beweisen können, wo er in jener Nacht gesteckt hatte. Und weil ihn zwei von den Ueberfallenen gesehen haben wollten, wurde er mit verurteilt. Zwei Jahre ist er fort- geblieben. Dann, als er wiederkam, war er ein anderer. Er kaufte die kleine Kate in ber Flußfchlinge, zimmerte nicht mehr, sonbern imkert seit zwanzig Jahren, gemieben vom Dorf, wo er jebem ber Bauern gern einen Schabernack spielt, unb gerade auskömmlich lebend von dem Honig, ben ihm seine Tiere zubringcn. Aber immer einsam, sehr einsam. Ich klopfe an bie Fensterscheibe, ich laufe um die Kate herum, ich finde Sell nicht. Ich muß wohl schon zu den beiden Bienenschauern, obgleich ich immer etwas Angst vor diesen summenden Schwärmen habe. Ob Sell übrigens in jener Rächt dabei gewesen ist? Ich hörte kürzlich so ein Gerede, bas beschäftigt mich all diese Tage. Da ist jemand, der sagte mir, Sell hätte wohl eine Entlastungszeugin nennen können, bie zwei Jahre wären unnötig gewesen. Aber er hat sie nicht angeben wollen unb bas Mäbchen selbst hat wohl auch nicht den Mut bazu gehabt. Sie war bamals schon mit Jörgen Reimers verlobt, sie hat ihn bann auch geheiratet. Als Sell nach seiner Gefängnisstrafe wieder ins Dorf kam, war alles längst feinen Gang gegangen. Jörgen Reimers unb feine Frau wohnten auf dem alten Rachbarhof, ein Mädchen wurde ihnen bald geboren, es ist bas einzige geblieben. Die Frau arbeitete den Hof hoch, sie arbeitete, als wenn ber Teufel hinter ihr her wäre. Sell kaufte bie Kate gegenüber, aber bas habe ich ja schon erzählt. Die Bienen fliegen zahlreicher um mich, ich suche meine Ruhe zu bewahren. Wenn man erst nach einer schlägt, ist es ärger als zuvor. Vor mir hebt sich bie Schuppenwaiid, in einem Geviert gegen bie Winde gebaut, in dessen Innern die Körbe stehen. Es summt mir schon von weitem in ben Ohren. „Sell", rufe ich. Ein wüstes Bartgesicht, halb in Pfeifengualm gehüllt, lugt um die Ecke, ein riesiger Handschuh winkt. „Kommen Sie man, Herr Doktor!" Ich darf ja nun nicht feig erscheinen. Mit hochgezogenen Brauen, die Hände in ben Taschen versteckt, den Kragen hochgestülpt, wage ich mich bis zum Eingang. Sell hebt gleich prahlend einen der beiden Körbe hoch, in dem sich, wie ein brauner gärender Teig ein zahlloses Volk bewegt. Ich suche mich im Schutz des Pfeifengualms zu halten, sehe beim zweiten Korb, wie bie armen Drohnen just in dicken Streifen aus den Schlupflöchern herausgestoßen werden, gepeinigt für ein Leben, das ihnen boch nun einmal fo bestimmt war, roütenb verfolgt von den feigen Arbeiterinnen, die ihnen, wo sie sich halb ohnmächtig über die Erde schleppen, noch einen wütenden Stich nach dem andern beibringen. Ich habe etwas gegen die Bienen um diese Zeit, ich winke Sell, um in ber Kate mit ihm zu verhandeln, ich bin froh, daß bi« letzte Biene, einigermaßen beruhigt über meine Harmlosigkeit, hinter uns bleibt. „Was kostet benn der Honig in diesem Jahr, Herr Sell?" Der Alte will sich noch nicht gleich festlegen. Er denkt nach unb' rechnet, während er tut, als begleitete er mich höflich zum Weg zurück. r .Mieviel wollen Sie denn haben, Herr Doktor?" Kommt darauf an, wie teuer er ist", sage ich noch. Da bleibt der Imker plötzlich stehen, mit einem so sonderbaren Ruck, daß ich selbst mich erschreckt oder neugierig umschauen mutz. Der Weg hat einen Durchblick zum Fluh, schmal, ich mutz mich schon dicht hinter Sell stellen. Ich gerade fast ins Lachen, wie ich seinem Blick folge: In einem kleinen geteerten Kahn, der wohl einst als Fähre benutzt wurde, sehe ich da zinten meinen jungen Freund, den Windhund, den Studenten. Und wer taucht hinter ihm aus dem Busch? Natürlich niemand anders als Jörgen Reimers Tochter, die den ganzen Tag vom Hof nach unserer Kate herüber sang. Jörgen Reimers Tochter? Im gleichen Augenblick schietzt mir das letzte Gerücht blitzschnell durch den Kopf. Aber wenn das stimmt, wäre sie ja Reimers Tochter nicht, wäre sie der Grund, warum dieser Mann zwei Jahre schwieg, wäre ste — Und plötzlich, fast hätte ich es erwartet, sehe ich, wie der Alte, die Augen rot unterlaufen, einen Stein aufhebt. Ich packe mit beiden Händen seinen Arm. „Was wollen Sie tun, Sell?" Er sieht schlimm zu mir hoch: „Was ist das für einer, was will er von ihr?" „Laß ihn, Sell, latz die beiden doch. Das ist ein ehrlicher Jung, ich kenne ihn." Und weil ich spüre, daß er mir nicht glaubt, füge ich flüsternd hinzu, „ich glaube, das ist schon ein Brautpaar." Der Imker ist so überrascht, der Stein fällt zu Boden. „Halloh", schreie ich zum Fluh hinunter, um die zwei austnerksam zu machen. „Die Beern da," sagt Sell und wendet sich rasch, ich merke wie ein Zittern ihn überläuft, „da soll keiner mit spielen." Fast hilsesuchend sieht er mich an, aus einer wunderlich fremden Liebe. „Der Junge ist ein guter Freund," erkläre ich ihm noch, „und ein tüchtiger Bauer, sollst mal sehen, was er aus dem alten Hose macht." „äft das so?" stottert Sell erlöst. Bon berühmten Blinden. Bon Oskar Baum. Einst kam eine Generalsgattin zum Direktor einer Blindenanstalt und bat ihn, für ihren erblindeten Gemahl eine anregende Beschäftigung yussindig zu machen. Er riet, der alte Herr möchte doch aus einem präpa- flerten Brett Schach spielen, die Punktschrift lernen ober mit der so geistvoll konstruierten Taylorschen Rechentafel Mathematik treiben. „Ja, ja," meinte die Dame, „aber da würde er merken, daß er blind ist. Das geht doch nicht!" Diese Angst vor dem Worte „blind" ist wohl der bezeichnendste Ausdruck für die Ansicht, die auch in den gebildetsten Kreisen allerorten über den Blinden verbreitet ist. Einen jammervollen, hilflosen Menschen stellt man sich vor, der, in seine Dunkelheit wie in ein Gefängnis etn- geschlossen, nur Klagen oder Bitten an die Außenwelt gelangen läßt, träge und freudlos fein Leben hinschleppt, sich und seiner Umgebung ^UnbSod) gab es im Kulturleben aller Völker Blinde genug, die sich zu den höchsten Stufen der Ehre und des Ansehens emporarbeiteten, und durch Bedeutung und Wert ihrer Leistungen ihr Volk, die ganze Menschheit zu Dank verpflichteten und so auf weithin sichtbare Weise bewiesen, was innere Kraft gegen nutzere Beschränkung, gesammelter geistiger Wille gegen physische Hindernisse vermag. Fawcett, seit dem einundzwanzigsten Jahre ohne Augenlicht, ein bedeutender Fachschriststeller und Parlamentarier, wurde 1880 von Gladstone zum Generalpostmeister von England ernannt, zum Minister in unterem Sinne. Es ist kaum zu begreifen, wie ein so modernes, verwickeltes Verkehrsleben wie das Englands von einem Blinden geleitet werden konnte, und Fawcetts Amtszeit gilt allgemein für eine glückliche, an Reformen reiche. Schon als Student in Cambridge zeichnete er sich durch besondere mathematische Begabung aus und erhielt mehrere Preise. Während einer Jagd traf ihn ein Schrotkorn aus seines eigenen Vaters Büchse ins Auge, wodurch er gänzlich erblindete. Nichtsdestoweniger setzte er seine Studien fort und war auch literarisch tätig. Rach Verössentlichung eines großen nationalökonomischen Werkes „Manual of political economy“ wurde er an die Universität Cambridge als Professor für Nationalökonomie berufen. Einige seiner bedeutendsten Schriften wurden auch ins Deutsche übersetzt. Er war mit Frau Garret Millieont, einer der hervorragendsten Führerinnen der englischen Frauenbewegung, sehr glücklich verheiratet. Einen interessanten, fast abenteuerlichen Lebensgang hatte ein Ungar, Gabriel v. Hertelendy. Als Advokatenjohn in Budapest 1800 geboren, im zwölften Jahre erblindet, in der Wiener Blindenanstalt erzogen, zeigte er eine besondere Begabung für mechanische Arbeiten, erfand 1836 eine Maschine zum Bohren artesischer Brunnen, die vielsach Anerkennung fand, und übersetzte als erster Homer ins Ungarische. Nachdem er in verschiedenen Städten als Blindenlehrer tätig gewesen war, ging er zur Vorführung seiner Bohrmaschine nach Wien, später nach Triest und Venedig. Er erhielt sich zum Teil durch Unterricht, teils durch Ausbessern von Uhren und anderen Maschinen. 1838 war er Lehrer an der Blindenanstalt in Padua, blieb aber auch hier nicht lange, sondern kehrte nach Wien zurück, wo er alle Geldmittel flüssig machte, um eine größere Reise zu unternehmen. In Hannover unterrichtete er den erblindeten Kronprinzen Georg in verschiedenen Handgriffen und mechanischen Arbeiten, wofür ihm der dankbare Schüler ein Ehrengehalt aussetzte. Er war aber von so aufrechtem männlichen Stolz und Ehrgeiz, daß er aus dies Ehrengehalt sofort verzichtete, als er zufällig die Aeuße- rung eines Beamten hörte, sein Gehalt sei eine überflüssige Staatsausgabe. Er ging nach Paris. Im dortigen Blindeninstitut errichtete er die damals noch nicht eingeführte Tischlerei. Aber auch hier duldete es ihn nicht lange. In Italien verheiratete er sich und endete sein reichbewegtes Geben in der Heimat in Not. Ein genialer Kopf war der mit drei Jahren erblindete Udelrich Schönberger (1601 bis 1648), ein berühmter Lehrer der Philosophie "an der Königsberger Universität, der, obwohl er erst mit zwölf Jahren als Gärtnersjohn in die Dorfschule geschickt wurde, noch in jungen Jahren an der Leipziger Universität den gradus magistri erwarb, sieben Sprachen beherrschte und lehrte, und erfahren in Mathematik, Musik unb Mechanik war. Der Ruhm seiner Begabung, die Simon D a ch in einem gelehrten Gedicht verherrlichte, lieh sagenhafte Gerüchte um ihn entstehen, die heute noch als beglaubigte Tatsachen in wissenschaftlichen Nachschlagewerken berichtet werden, wie: er habe so geschickt aus Flinten geschossen und das Ziel so sicher getroffen, daß er anderen, die sich bet besten Augen erfreuten, oft den Siegespreis entriß. Auch soll er die Farben durch Tastsinn unterschieden haben, was auch anderen berühmten Blinden der früheren Jahrhunderte nachgesagt wird. Auf seinem Ehrengrab in der Regensbürger Kathedrale steht die Inschrift: Schoenbergerus hic est, qui lu mine captus utroque, Argos philosophus peciore inille tulit. (Hier ruht Schönberger, der, obwohl beider Augen beraubt, als Gelehrter tausend Augen in seiner Brust trug.) Der als Jüngling erblindete Schweizer Franz Huber aus bet zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beschäftigte sich von Jugend auf mit der Natur, den Eigenschaften und Verrichtungen der Bienen und brachte es darin so weit, daß er neue Erfahrungen und Entdeckungen machte. Z. B., daß die Befruchtung der Bienenkönigin nicht in dem Stocke, sondern hoch in der Luft vor sich gehe. Seiner sehr glücklichen Ehe mit bet schönen Slimer Bullin tut Voltaire an mehreren Stellen in seinen Werken Erwähnung. Sie machte selbst auch Beobachtungen in dem Lieblings- fache ihres Mannes und unterstützte ihn in feinem Studium.. Einen merkwürdigen Weg zur Wissenschaft sand ein blinder Gänse- junge Jakob aus Netra, einem hessischen Dorf, um 1750. Damals gab es natürlich noch keine Blindenschule und noch weniger eine Blindenschrift. Er besuchte die Ortsschule, um wenigstens das Wort Gottes zu hören; sonst war er den Hütern der Gänse beigegeben, um da zu Helsen und wenigstens etwas zu verdienen. In der Muße dieser beschäftigungslosen Stunden sann er auf Mittel, die es ihm ermöglichen könnten, wie die anderen Kinder zu lesen und auswendig zu lernen. Er versuchte, mit seinem Messer in Stäbchen von Holz, eigens ausgedachte Bezeichnungen für Worte zu schneiden, die er jederzeit wiedererkennen, aussprechen und — wie wir sagen — lesen konnte. Dies glückte ihm, und als er einige Uebung darin hatte, mutzten ihm die Jungen aus ihren Büchern verlesen; er schnitzte die Worte und lernte auf diese Weise, was in der Schule vorgenommen wurde. Es erregte, wie begreiflich, Aufsehen; er wurde beim Unterricht adliger Kinder zugezogen und der Pfarrer lehrte ihn Latein, das er, wie es heitzt, gleich einer lebendigen Sprache beherrschte. Wo et einen seiner Schulkameraden bewegen konnte, ihm etwas vor- Ön, versäumte er es nicht. Da satz er denn und schrieb mit seinem r hurtig und unermüdlich auf den hölzernen Stäben mit. Die Stäbe waren etwa fingerdick und eine Elle lang, und an den Seiten mit den ihm verständlichen Zeichen bedeckt. Auf diese Art hatte sich Jakob eine ganze Bibliothek angelegt. Die Stäbe wurden mit Nummern versehen, zu Bündeln zusammengestellt, und auch diese wieder entsprechend bezeichnet. Außer ihm konnte niemand die Schrift lesen, da er nichts wörtlich niederschrieb, sondern nur den Sinn der Rede in sehr knapper Form. Diese hatte er sich auch in seiner Ausdrucksweise angewöhnt, so daß fein Vortrag schwer zu verstehen war. Jakob versuchte sich als Lehrer der Mathematik und war auch als Arzt tätig. Die von ihm benützten Arzneiflaschen hatte er zur Unterscheidung mit gekerbten Hölzchen versehen. Seiner Bibliothek ging es wie der Alexandrinischen: die Leute, bei denen er sie eingestellt hatte, heizten die Stube damit. Jakob hatte außerordentlich viel Phantasie; über ein ihm gegebenes Thema konnte er eine lange, oft märchenhafte Erzählung ausfpinnen. Er hatte außerordentliche Kenntnisse. Sogt man doch von ihm, daß es keinen Ort auf Erden, keine Begebenheit in der Geschichte von einigem Belang gegeben habe, die ihm nicht bekannt gewesen wäre. Er starb 1771. Sogar einen bedeutenden blinden Bildhauer gab es: Vida l, 1832 zu Slimes in Frankreich geboren. Er kam als Knabe nach Paris, um sich der Kunst zu widmen und studierte im Atelier des berühmten Baryt. Seine Ausbildung konnte als vollendet betrachtet werden, als« im zwelundzwanzigsten Jahre infolge schwarzen Stars unheilbar und fast vollständig erblindete. Dies Mißgeschick beeinträchtigte jedoch seine Ideen und Entwürfe durchaus nicht, und als er im 23. Lebensjahr völlig erblindet war, hatten sich feine Hände an die Arbeit ohne Sehen gewohnt, so daß er dennoch Bildhauer zu bleiben beschloß. In seinem Gedächtnis waren die durch das frühere Sehen empfangenen Eindrücke treulich erhalten, und da er jetzt nicht mehr mit dem Auge vergleichen konnte, studierte er eingehend mit den Händen. Kein Minder entwickelte solche Denktätigkeit beim Betasten wie Vidal; bewundernswürdig, wie er Die Einheit der Form aus dem Summieren der Teilberührungen auszufassen, ja zu genießen vermochte. Er besuchte Menagerien, befragte -bter- bändiger, ja," er trat sogar mit ihnen in den Käfig der wilden Tim. Die früher betriebenen naturwissenschaftlichen Studien kamen ihm M sehr zugute, denn er beobachtete genau die einzelnen Organe, das epm der Muskeln, um alle Verhältnisse und Stellungen wahrheitsgetreu wiedergeben zu können. Er ließ sich auch Photographien cnsfdmetben, um diese Silhouette zu besühlen. Seine Ausdauer war von reichern; W« belohnt. Seine Werke — er war, wie sein Lehrer, ausschließlich biwhauer — wurden wiederholt in Paris ausgestellt und mit verdien!- Medaillen ausgezeichnet. Da man nicht glauben wollte, er habe Blinder diese Dinge geformt, kam eine Kommission in sein Atelier, u ihn arbeiten zu sehen. Er starb 1892. So könnte ich noch viele aussühren, die trotz ihres Mangels a g- meine Geltung errangen, ohne daß sie hierdurch die Meinung über Blinden in der Wett dauernd beeinflußt hätten. Es ist allerdings 1 das rechte Verfahren, an den auserwählten, gleichsam über Das gewachfenen Vertretern, die Fähigkeiten und Anlagen einer schäft, eines Volkes, einer Menschengattung zu beurteilen. Muyt oe zelnen, die Menge müssen wir beobachten, wollen wir eine gern fl Uebersicht gewinnen. Jagdausflug. Von Richard Huelfenbeck. Wir versammeln uns im South Africa=i)otel, der englisch« Major Wellington, ein deutscher Herr namens Schneider, Frau Generaldirektor Schub und ihre Tochter Pia, ein belanglos aussehendes Fräulein Schwarz und ich- Der Agent, der erklärt, sehr beschästigt zu sein, übergibt uns dem Wohlwollen eines sehr dünnen langen Herrn, der sich auf scharfes Zureden als Mr. Hecht oorftellt. Er ist der Vertreter eines Konsortiums, welches den Passagieren der „Anna" einen Jagdausflug vermittelt. Mr. Hecht, dessen rötlich durchscheinende Rase mich frappiert, garantiert für mehrere Antilopen, Krokodile, Affen usw. Ungefragt fügt er hinzu, cs sei in dieser Gegend auch schon ein Löwe vorgekommen. Als er dies s«gj, kratzt er sich in, Rücken, als ob ihm da ein Schauer herabliese. Fräulein' Schwarz erklärt plötzlich, sie gehe nicht mit, wenn es hier Löwen gäbe, ihr Billet habe nur auf Krokodile und Affen gelautet, inehr könnten ihre Nerven nicht ertragen. Der deutsche Herr meint, etwas Mut tue gut, wenn man einen Jagdausslug unternehme, aber gerade die Gefahr würze doch erst eine solche Sache. Fräulein Schwarz benchigt sich langsam. Die Stimmung wird wieder erregter, als der Agent und Herr Hecht die Gewehre verteilen. Pia nimmt eins und hängt es sich um den Hals; dann lacht sie laut und backfischhaft, macht einige Tanzschritte. Frau Generaldirektor Schub, die weiß, was gute Sitte ist, verwehrt ihr ein solches Benehmen. Als Fräulein Schwarz ein Gewehr bekommen soll, wird sie blaß, obwohl der Agent sagt, es handele sich nur inn eine Formalität. Mr. Hecht erklärt, wir würden dem Wild kaum o nahe kommen, daß es uns angreifen könne, aber besser sei besser. Wenn die Herrschaften es wünschten, würden wir die Barkasse überhaupt nicht verlassen. Der Ruhigste von uns ist Mr. Wellington, er macht in seinen Knickerbockers Schritt für Schritt — das Gewehr auf dem Rücken, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an. Er denkt, ich habe bezahlt, dem Purser mein Geld auf den Tisch gelegt — und damit basta ... jetzt sind die Burschen verpslichtet, etwas dafür zu leisten. Wir gehen zum Elisabeth-River, an einer Holzpier, die beim Stotz der Wellen heftig zittert, wartet die Barkasse. Zwei Schwarze in schmutzigeii Turbanen fassen an die Mütze, ziehen grinsend die Lippen hoch. Mr. Hecht ist den Damen behilflich, er sührt sie über den schmalen Holzsteg und weift ihnen ein Polster an. Fräulein Schwarz geht mit verhaltener Unruhe, das Gewehr baumelt ihr seltsam am Rücken. Als Mr. Hecht „Los!" sagt, wirft einer der Schwarzen den Motor an und wir gleiten auf den Fluß hinaus. Man steht von der Mitte des Stromes die flache Stadt, überfchaitet von einigen Euphorbien, losgelöst aus einer Bergkette. Das schmale Band des Uers wird noch dünner, endlich zum Strich. Die Barkasse schaukelt heftig, wenn der Wind die Wellen gegen die Bordwand klatscht. „Sehen Sie," sagt Mr. Hecht, „das ist das Meer — dort in der Richtung, gnädige Frau ... da müssen Sie noch einen Schornsteinzipfel von der Anna erwischen..." Wir recken uns di« Hüls« aus, aber wir können nichts sehen; Fräulein Schwarz bewegt merkwürdig die Nasenflügel, sie sieht auf ihre Fußspitzen und hält den Lauf des Gewehres mit beiden Händen umklammert. Frau Generaldirektor Schub zieht mich ins Gespräch, st« sagt, ihr Mann habe es diesmal für gut gehalten, daß sie, statt wie üblich nach der Ostsee, eine kleine Erholungsreise nach Afrika unternehme. Die moderne Technik mache die Ausführung eines solchen Planes zu einem Vergnügen; selbst Pia, die an allem etwas auszusetzen habe, müsse das zugeben. Pia ist achtzehn Jahre alt, hat lange Giraffenbeine, rötliches Haar und eine leicht aufwärts gebogene Nase. Sie ist hübsch und frech, junge Herren behandelt sie aus Prinzip wie Ltistboys - deshalb habe ich niich bis jetzt von ihr zurückgehalten. Dann hält Pia es für richtig, der Mutter zu sagen, sie habe Heimweh. „Heimweh?" Frau Schub ist entsetzt, denn sie weiß, daß Pia heult, wenn sie Heimweh hat. Wie kommt das, fragt sie sich. Pia hat doch vor einer halben Stunde noch laut gelacht. Und nun Heimweh? Hat ste sich den Magen verdorben, gestern an Bord zu lange getanzt? Man hätte unter der Glasveranda bleiben sollen. Wir fahren eins, zwei, drei Stunden, die Stadt ist längst verschwunden, an ihrer Stelle begleitet die Steppe das Schiff. Ich habe beobachtet, daß die Schwarzen seit .zwei Stunden nicht eine einzige Gefühlsäußerung in ihrem Gesicht sehen ließen, hin und wieder hebt einer die Hand, um eine Fliege, ein Moskito abzuwehren, sonst nichts. Sie sind aus Stein, aus Bronze. Dagegen wird Mr. Hecht immer lebhafter, er hat sich an den deutschen Herrn herangemacht, die beiden sind in vertrautem Gespräch. Mr. Hecht istdabei, anzudeuten, daß der Agent eigentlich ein unfähiger Trunkenbold fei — aber man müsse hier in der Wildnis die Leute nun mal so nehmen, wie sie Gott geschaffen habe. Herr Schneider begleitet diese Geständnisse mit einem dicken, gutmütigen Gesicht, greift an den Rand seines Tropenhelmes, legt ein Bein über das andere. Fräulein Schwarz, in deren Haltung plötzlich etwas Wildentschlossenes gekommen zu sein fcheint, fällt es auf, wie lange die Fahrt dauert. «ie meint, der Kapitän habe gesagt, wir müßten um sechs Uhr zurück sein, weil er mit der Flut den Hasen verlassen wolle. Mr. Hecht beruhigt sie und sagt hetont, er übernehme für alle Einzelheiten des Unternehmens die Verantwortung. Wir beobachten die Ufer genau. Einzelne Agaven, Palmen. Die bewaldete Gebirgskette leuchtet blau herüber. „Gibt es dort im Gebirge Elefanten?" fragt jemand. „Und ob", sagt Mr. Hecht. „Im vorigen Jahre hat ein junger Mann aus der Companieoffice dort einen ausgewachsenen Bullen geschossen, zwanzig Leute mußten die Hauer herunter in die Stadt schleppen — das war keine leichte Arbeit." Nach einer weiteren Stunde Fahrt gestehen wir uns, daß die Unternehmung zwar schön, aber eintönig ist. Mr. Hecht schnaubt sich in ein rotgeblümtes Taschentuch, das klingt fast magisch, hier im Innern Afrikas. »Da! Da!" schreit Herr Schneider, „eine Antilope..." Als wir näher kommen, ist es eine verlassene Negerhütte. Ueberhaupt läßt das Wild auf sich warten, wir sind darüber etwas erbittert, aber w!r wagm es dem selbstsicheren Herrn Hecht noch nicht zu sagen. Pia beginnt leise vor sich hin zu schluchzen, sie hat Heimweh, es ist nichts zu machen. Frau Schub und Mr. Wellington, der ein Kavalier ist vom Scheitel bis zur Sohle, versuchen sie zu trösten. Einmal sieht es aus, als hätten sie Erfolg, aber dann werden sie 'von Pia angefaucht, daß sie entsetzt in ihre Bootsecken znrückfliegen. Je trostloser Pias Weinen wird, desto unruhiger wird Mr. Hecht. Ich höre, wie er sagt, er könne alles ertragen, nur nicht das Weinen einer Frau. Einmal habe er dabei solchen Erregungsansall bekommen, daß er das Ouen tief in die Billarddecke gerannt habe. „Wie ein Torero" sage ich, um auch einmal zu Wort zu kommen. Mr. Hecht schaut.mich ungemütlich an. Run ist es klar: das Wild, das uns so großartig versprochen war, erscheint nicht. In einer halben Stunde müssen wir umkehren, und wir hoben noch nicht den Schwanz eines Affen gesehen. Die Stimmung gegen Mr. Hecht verdichtet sich zu lautem Unmut. Pia schluchzt herzzerbrechend. Fräulein Schwarz sitzt weiterhin wie eine Stulue, das Gewehr zwischen die Knie geklemmt. Dann gibt Hecht den Schwarzen Anweisung, ans User zu fahren, wir zmäiigen uns zwischen Mangrovewurzeln durch. „Hier ist die Stelle, wo die Krokodile zu laichen pflegen..." Mr. Wellington bricht in schal- lends Gelächter aus. „Wir nennen das hier laichen," sagt Hecht, „es kommt ja auf Worte nicht an — wir sind nicht wiffenfchasttich gebildet." Als wir alle an Land geklettert find, windet sich eine kleine Schlange unter einem Stein her. „Eine junge Kobra, um Gotteswillen", fagt Hecht. „Das ist eine Blindschleiche" meint Wellington. „Es ist merkwürdig, dah Sie alles besser roiffen..." Wellington sagt ruhig: „Ich habe simsund- zmanzig Jahre unter dem Aequator gewohnt." Daraufhin wird Hecht sichtbar bleich, selbst die rötliche Nase versärbt sich. Herr Schneider nimmt seinen Kodak und photographiert die Blindschleiche. „Da es hier kein Wild gibt," sagt Wellington mit einer unheimlichen Ruhe, „wollen wir wieder nach House fahren." „Warten Sie noch ein wenig", meint Hecht unsicher. „Nein — wir warten nicht mehr/ schreien wir, „der Kapitän fährt ohne uns ab..." .. Als wir in dos Boot zurückklettern, geschieht ein Ungaick, Fräulein Schwarz fällt ins Wasser, sie steht hilflos bis an die Brust im modrigen Schlamm. Wir ziehen sie heraus, entwinden ihr das Gewehr und betten sie auf die Bootsbank. Das Fräulein hat die Augen geschlossen, liegt da wie eine Leiche. Pia beginnt wieder zu weinen. Die Situation ist sehr ungemütlich geworden, zumal ein Wind die Schaumspritzer aus unsere Anzüge fetzt und uns schnell durchläßt. Hecht hat sich ganz in die «teuer- ecke zurückgezogen und spricht nichts mehr. Ich sitze bei Fräulein Schwarz, sie flüstert leite vor sich hm, ich suche zu erfahren, ob ich ihr noch behilflich sein kann. Sie sagt mir, ich mochte ihr an Bord gleich den Schiffsarzt in die Kabine schicken, sie leide so sehr an Schlaflosigkeit. Herr Schneider, der Gute, erinnert Jid), daß er eine kleine Flasche Kognak in seinem Mantel mitnahm. Er bietet bereit» R als wir die Schornsteinspitzen der „Anna" sehen, einigen wir, ums barauf, daß wir wenigstens ein halbes Dutzend Krokodile, eine Herde Kudus >ind zahllose Assen beobachtet haben. Kinder des Volks. Von Alfred Bock. (Fortsetzung.) „Muggenthaler, wo bleiben Sie?" . Der Kleine wischte sick) den Schweiß von der tottrn. „Hab' bis in die Rächt hinein sd)assen müssen. Dann hab ich mich umgezogen und bin im Trab hierher gerannt." 'Was gab's denn?" . ~ t, , "(Ein Haufen Arbeit. Zuguterletzt noch eine eilige Testamentserrichtung." „Wer?" „Der Bäcker Spieß." „Hab's auch dem Notar gesagt: aus die Dauer zwing ich's nicht allein." Schollas horchte auf. „Allein? Ja, bin ich denn nicht da? Der Kleine kniff fein linkes Auge vollends zusammen Und hielte: „Sprechen wir heut nidjt mehr davon." Schollas führte den Kollegen ins Nebenzimmer und bewirtete ihn mit Wein und Backwerk. Don einer bangen Ahnung getrieben, forschte er weiter: , „Muggenthaler, was haben Sie auf der Pfanne? „Ich? Nichts!" versetzte der Kleine. Man sah ihm an, daß er log. „Mit Ihrer Geheimniskrämerei! sagte Schollas erregt. „Reden «sie voll der Leber weg." Muggenthaler hob lächelnd uas gesullte Glas. „Kolleg', ich weiß dock) wohl, was sich an Ihrem Hochzeitstag schickt. Sie sollen leben und Ihre Frau Liebste daneben!" Ohne ihm Bescheid zu tun, brachte der Hochzeiter stockend heraus; „Der Notar hat es nicht für nötig gehalten, mir zu gratulieren. Der Kleine wiegte den Kopf hin und her. „So, so!" „Hat er Ihnen gegenüber etwas geäußert? ' „Sprechen wir heut nicht mehr davon." Schollas sprang auf. „Die Wahrheit, Muggenthaleri" Dieser wich aus. „Ich bitt' Sie, hier ist bei Gott nicht der Ort." „Die Wahrheit, Heuchler!" donnerte Schollas. Der kleine Mann tat sehr verletzt. „Was fällt Ihnen ein? Gut, wenn Sie mich zwingen." „Heraus damit!" Muggenthaler warf den Kopf zurück. „Der Notar kündigt Ihnen morgen am Tag." Der Schreiber wechselte die Farbe. „Das ist nicht möglich, Muggenthaler.'! „Sie sagten's ja selbst, er hat Ihnen nicht zur Hochzeit gratuliert." „Allerdings." Der Kleine lachte giftig. „Da sollt' Ihnen doch ein Licht aufgehen, warum Sie Ihre Stelle verlieren." „Kanaille!" schrie Schollas außer sich, „da stecken Sie dahinter." Der Kleine erhob sich kreidebleich. „Sie Flegel! Behandelt man so einen Gast? Gleich verlass' ich das Schandlokal!" Sprach's und trippelte hinaus. Der Notarschreiber sank auf einen Stuhl. In diesem Augenblick wurde nebenan der Tanz unterbrochen. Der Buckelmüller gab ein Solo zum besten. „Schönstes Schätzer!, laß dich herzen, Ich vergehe sonst vor Liebesschmerzen, Denn du weißt es gar zu wohl. Daß ich dich ewig lieben soll. Di — holdia ria — di Di — holdia ria — di Denn du weißt es gar zu wohl, Daß ich dich ewig lieben soll." Stürmischer Beifall belohnte den Sänger. Gleich darauf intonierte Herr Schaffmayer, der Klavierviutuose, einen Hopser, und die Paare drehten sich aufs neue. 5. An einem letzten Oktobertage las man im Lokalblättchen folgende Anzeige: Oeffentliche Vorträge. Freitag, den 1. November, abends 8 Uhr, im kleinen Saal des Gasthofs „Zum Adler": „Vortrag und Erklärung Goethefcher Gedichte." Jedermann ist willkommen. Vollhardt. Bereits eine Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit war das Sälchen im Adler gefüllt. Da sah man kleine Kaufleute, niedere Beamte, Handwerker und Arbeiter beisammen. Viele hatten ihre Frauen und Töchter mitgebracht, die meisten waren sonntäglich gekleidet. Vollhardt hatte die Bitte ausgesprochen, man möge vor Beginn und während der Dauer seiner Vorträge Rauchen und Trinken unterlassen. Daran wurde unverbrüchlich festgehalten. Er hatte sich seine Leute erzogen. Das Wunderbarste war, daß er es zuwege gebracht, Sinn und Verständnis für die Meisterwerke unserer großen Dichter bei einer Klasse der Bevölkerung wachzurufen, der ästhetische Dinge bis dahin ferngelegen hatten. Er war dabei planmäßig zu Werk gegangen. Zuerst hatte er seinen Zuhörern vorgestellt, was man in der Schule lerne, reiche bei weitem nicht aus fürs Leben. Daher sei es Pflicht, sich fortzubilden. Unwissenheit und Unbildung seien eine Krankheit, gegen die man energisch zu Felde ziehen müsse. Ein Heilmittel seien gute Bücher. Die liefere die Freibibliothek. Nicht Geld allein, sondern auch Wissen verliehen den Menschen Einfluß und Macht. Volkswohlstand und Volksbildung gingen Hand in Hand. Ein gemeinsames Ziel müsse allen vor Augen schweben: sich zu geistig freien Menschen zu entwickeln. In diesem schönen Bestreben solle man sich verbrüdern. Torheit sei es, zu glauben, unsere großen Denker und Dichter Hütten nur für wenige Auserwählte geforscht und geschrieben. Ein jeglicher habe ein Anrecht darauf, an ihren Schöpfungen sich zu erbauen. Wem einmal die Augen aufgegangen, der greife nicht mehr zu den Schauerromanen, die die geldsüchtige Kolportage verbreite. Er lege sein Programm voll Zuversicht vor und lade zu reger Teil- nahnre ein. Es war klar, daß in der Folge der Vorträge gar manches Wort, gar mancher Gedanke am Ohr der Leute vorüberglitt. Das hatte Vollhardt nicht anders erwartet. Desto größer war seine Befriedigung, als er die Zahl der Hörer von Abend zu Abend sich mehren sah. Damit hatte er den Spöttern und Zweiflern gegenüber den vollgültigen Beweis erbracht, daß auch in diesen Schichten der Bevölkerung ein Bildungsdrang vorhanden war. Den Trieb in die rechten Bahnen zu leiten, war nun sein eifriges Bemühen, und er war von der Ueberzeugung beseelt, eine wichtige, soziale Aufgabe zu erfüllen. Der Spengler Klaus, der in der vordersten Reihe sah, gewahrte, sich umwendend, den Schreiner Strubel. „Ei, ei, was seh' ich? Der Struwwelpeter!" Der Schreiner schmunzelte. „Ja, no, ich macht' halt auch was profentieren." „Das ist recht. Pass' einmal acht, 's ist wunderschön." „Letzt sagt's der Louis." „Wo ist dann der heut?" „Ei, der schafft droben ins Rabenaus. Und ist wahrscheinlich nicht fertig worden." „Guck, Peter, ich hab' kein' Abend verbambelt. Da steckt steckt man zwischen seinem Blei und Zinn und gibt auf sonst nix keine Gedanken. Das ist falsch. Unsereins erfährt ja gar nicht, was es für großartige Menschen gibt." „Das ist wahr." „Wann man so den Vollhardt hört, wird einem der Kopf wie eine Latern'. Dadebei brauchst du nicht alles zu bedappeln. 's bleibt schon was hängen. Hernach schmeckt dir dein Dippchen noch einmal so gut. Und denkst: nu weiß ich doch auch Bescheid und lauf' nicht herum liebe Vieh." — roie’s Hinter dem Schreiner Strubel nahmen der Larbcer Klingelhöfer unb der Bleicher Mulch Platz. Mulch hatte den letzten Vortrag versäumt und begehrte von seinem Nachbar zu wissen, um was es sich gehandelt bah, Der Barbier gab bereitwillig Auskunft. „Er hat vom Goethe gesprochen. Weißt, von dem sie den Götz mit der eisernen Faust ins Schneiders Saal gespielt haben." „Du Narr, ich werd' doch den Goethe kennen." „Desto besser. Nu hat er von dem seinem Leben erzählt. Und was et all' geschrieben hat! Eine Masse. In der Freibibliothek steht's bei- einander ' „Hm, Hm!" „Ich hab' so meine Gedanken gehabt. Was hat in dem Goethe seinen, Kopf all' gestocken! So was kommt nicht wieder vor. Heutzutag hört man an allen Ecken und Enden von Dicktuern und Gescheidigkeitskrämem. Geh' weg! Gegen den Goethe gehalten, sind sie dumm wie Schotenstrvh.' „Das will ich glauben." „Es heißt als, weil er sich unter den Fürstlichkeiten bewegen tat Hütt' er Katzenbuckel gemacht. Ich sag', er war ein Frankfurter. Und wa, ein echter Frankfurter ist, der macht ums Leben kein' Katzenbuckel." „Und braucht's auch nicht. Dann da sitzt Geld." „Nu ist der Vollhardt vorigesmal nicht fertig worden. Für eine Stund' war der Goethe ein bißchen viel. Heut liest er bloß Gedichte »ot. Und hat gemeint, das wär' fürs Gefühl." „Dessentwegen sind soviel Weibsleut da." „Kann sein." — Im Hintergrund des Saals, wo die Frauen und Mädchen faßen, war die Unterhaltung besonders lebhaft. „Du hast gut schwätzen, du stehst allein. Wann ich abends von bet Arbeit komm', hab' ich zu flicken und zu stopfen." „Ich mach' mein Sach' abends auch in Ordnung. Dessentwegen (ei' ich doch. Und wann's elf drüber wird." „Was liest du dann?" „Ei no, was ich so vom Herr Vollhardt krieg'." „Ich muß doch auch einmal zu ihm gehn." „Früher ist als der Lllgeschmidt zu mir kommen. Der hat so hefte gehabt. Das Stück zehn Pfennig. Und war nix wie Mord und Totschlag drin, daß man nachts davon träumen tat." „Ich hab' auch einmal was gelesen. Wie hieß dann das gleich? 3a so: Der Räubechauptmann von Leupoldsgrün/' „Ich kenn's. Dem war nicht wohl, wann er nicht alle Wach' ein paar abgemurkst hast'." „Akkurat so war's." „No ich hab' einmal was vom Lllgeschmidt gehabt. Das hieß: Therese Kranes, die Volkssängerin von Wien. Und war sehr schön. Hab' alsfott geflennt." „Das mag sein, aber guck, jetzt kosten ein' die Bücher doch nix. Nm daß man sie wieder abgeben muß." „Und ist so kein gruselig Zeug." „Horcht einmal da drüben!" „Wie hat der Herr Pfarrer gesprochen?" „Ich warne euch vor religionslosen Büchern. Wenn Ihr lesen mott, lest Gottes Wort." „Wann war dann das?" „Letzten Sonntag in der Ehristenlehr'." „Das ist auf den Herr Vollhardt gemünzt." „Der Pfarrer hat ein' Zorn auf den." „Macht' wissen, warum?" „Cj, weil er ihm ins Handwerk pfuscht." „Was schwätzt du da für dummes Zeug?" „Hält dann der Vollhardt etwa Kirch'?" „Behüt', hier schläft feine ein!" „Hab' acht! Die Gottlosen gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken." „Das ist müßig Geschneubel." „Ob zum Pfarrer, ob zum Vollhardt, das mag jedes halte«, wie's will." „Ich geh zum Vollhardt und hoff' doch auf die ewige Seligkeit." „Der Pfarrer ist kein Mann fllr die armen Leut'." „Lebt in Herrlichkeit und Freuden." „'s brotzelt bei ihm den ganzen Tag." „Das gehört nicht hierher." „Mußt du dein Maul in alles hängen?" „Schweigt still!"! „Was geht dann da vorne vor?" Bei den Männern erhob sich ein Gelächter. Der lange Zut, dem der Schalk rittlings im Nacken sah, war als Hospitant erschienen und trieb allerlei Narrenspossen. Jetzt stellte er sich auf den Rednerstuhl und sprach mit vollendeter Komik: _ ., „Geliebte Brüder und Schwestern! Laßt euch einmal angucken, a« beisammen. Wahrhaftig'n Gott, Rasen habt ihr, lang und kurz, dick und dünn. Aber zwei Finger breit drüber fehlt euch was. Um Hinunelswnlen, was wollt ihr hier? Offen und ehrlich, verdaut ihr denn, was der Schul- meister euch vorkauen tut? Ich sprech' nein, dreimal nein. Was Jolle« dec Kuh Muskate? Ihr seid fllr den Fortschritt und fallt aus oei Hintern!" „Halt's Maul! 'naus!" unterbrach man ihn. Der Lange aber rief mit dröhnender Stimme: . „Geliebte Brüder und Schwestern! Ich kenn' inich in der Welt uns sieben Dörfern aus. Geschrieben steht: Lasset uns essen und trinken, den morgen sind wir tot. — ,Bier her, Bier her, oder ich fall' um! Ein paar Männer sprangen auf und zogen den Spötter vom w herunter. ' (Fortsetzung stlgi^ Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniverfitSts-Duch^ und Steinbruckerei, V. Lange, Giefte»