GietzeimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang (929 Montag, den 9. Dezember Nummer 96 Frankfurter Brenten. Von Eduard M ö r i k e. Mandeln erstlich, rat' ich dir, Nimm drei Pfunde, besser vier (Im Verhältnis nach Belieben): Diese werden nun gestoßen Und mit ordinärem Rosen- Wasser seinstens abgerieben. Je aufs Pfund Mandeln akkurat Drei Vierling Zucker ohne Gnad'. Denselben in den Mörsel bring', Hierauf ihn durch ein Haarsieb schwing! Von deinen irdenen Gefäßen Sollst du mir dann ein Ding erlesen, — Was man sonst eine Kachel nennt; Doch sei sie neu zu diesem End'! Drein füllen wir den ganzen Plunder Und legen frische Kohlen unter. Jetzt rühr' und rühr' ohn' Unterlaß, Bis sich verdicken will die Mass' Und rührst du eine Stunde voll: Am eingetauchten Finger soll Das Kleinste nicht mehr hängen bleiben; So lange müssen wir es treiben. Nun aber bringe das Gebrodel In eine Schüssel (der Poet, Weil ihm der Reim vor allem geht, Will schlechterdings hier einen Model, Indes der Koch auf ersterer besteht)! Darinne drück's zusammen gut; Und hat es über Nacht geruht. Sollst du's durchkneten Stück für Stück, Auswellcn messerrückendick (Je weniger Mehl du streuest ein. Um desto besser wird es sein). Alsdann in Formen sei's geprägt, Wie man bei Weingebacknem pflegt; Zuletzt, — das wird der Sache frommen. Den Bäcker scharf in Pflicht genommen, Daß sie schön gelb vom Ofen kommen! Oer AnwaltSschreiber heiratet. Märchen von Hans Friedrich B l u n ck. Dann habe ich noch eine andere Geschichte gehört, aber die ist gewißlich wahr. Da ist einmal dicht an der Grenze unseres Landes ein Riese Burrsewer gewesen, der hat eine winzige Tochter Heddeke gehabt, nicht viel größer als eine Menschenfrau. Das arme Mädchen hat, obschon ihr Vater unter den Riesen viel zu sagen hatte, keinen Freier finden können, weil sie für einen rechten Riesenjungen nun einmal zu klein geblieben war. Sie hat es überhaupt recht einsam gehabt. Ihr Vater war viel über Land und sie hatte nur einige Freundinnen bei Mahren und Buschweibern. Und einmal hat sie sich auch den kleinen und großen Koraks gefangen und seinen Vetter Schiuckop dazu. Ihr wißt, das sind die verwunschenen Zwergkinder, die den Leuten in den Leib schlüpfen und immer, wenn sie bei Tische sitzen und gerade niemand etwas zu sagen weiß, rasch miteinander reden: Koraks, was sagst du nur? Koraks, in wessen Bauch steckst du eigentlich? Schluckop, Schluckop, hier bin ich, Vetter! Diese drei Knirpse waren wohl das kurzweiligste Spielzeug von Klein-Heddecke. Sie vertrieb alle langweiligen Gäste damit, aber kein einziger im Riesenschloß wußte, daß sie die Herrin der ungezogenen Burschen war, und das Mädchen hütete sich sehr, es jemand merken zu lassen. Na, endlich hat die Riesentochter Heddeke es aber doch nicht mehr aus- gehalten vor Langeweile und Einsamkeit. Sie hat deshalb einen bösen Plan ausgeheckt, — die Riesen nehmen dergleichen ja nicht so genau. Und sie hat von der Stadt über den Rain des Riesenlands hinüber einen Weg zu Burrsewers Brunnen ausgetreten und hat Zweige und SReiftg darüber hingelegt, so daß kein Mensch sehen konnte, was für eine Falle darunter lag. , , . m ,, ., ., Der allererste, der darauf hineinfiel, ist ausgerechnet der Gescheiteste drüben aus der großen Stadt gewesen, wenigstens der mit dem allergrößten Mund, Hans Raps, der Anwaltsschreiber. Wie der in feinem grauen Hut und im neuen Osterrock übers große Moor will, verirrt er sich, findet einen sonderbaren Weg und —„rumplump" sagt es und „Huie uni) „Hulterpulter" und Hans Raps planscht unten im tiefen Brunnenloch. Gleich wollte natürlich die kleine Heddeke hin und sich den Fang besehen. Aber gerade in dem Augenblick kommt der alte Riesenvater selbst zurück. Das Mädchen darf sich ja nicht merken lassen, und hat ein entsetzlich schlechtes Gewissen und Angst wie noch nie. Burrsewer merkt bald, daß etwas nicht in Ordnung ist. Er hört immer einen aus dem Brunnen jammern und platschen, geht hin und läßt den Eimer hinunter. Als er ihn wieder aufzieht, hängt da zu seinem Verdutz pudelnaß Hans Raps an der Kette. Und schilt ja los, — aber das will ich gar nicht wiederholen. Der Riese wundert sich erst. Dann muß er lachen, was so'n Knirps alles zugleich sagen kann und wartet, daß Hans Raps zu Ende kommt und er antworten kann. Aber es dauert eine Viertelstunde und es dauert eine halbe Stunde, und Hans Raps redet noch immer. Der Riese wird ungeduldig, er will ja auch einmal zu Wort kommen und räuspert sich einige Male. Aber Hans Raps ist längst beim Schadenersatz und Heddeke steht neben Surrefemer und freut sich ja gewaltig, daß ihr Vater nicht zum Fragen kommt. Der gute Wind, der über die Heide fährt, trocknet Hans Raps den Rock, er trocknet ihm die Weste und zuletzt das nasse Hemd. Aber Hans Raps hat noch nicht ausgeredet, Wind und Riesen haben nichts zu sagen. Endlich fällt dem Anwaltsschreiber auf, daß er noch immer auf dem Eimer sitzt und daß er wieder nach unten sausen wird, wenn der Riese den Brunnenschwengel losläßt. Er springt also mit einem Satz auf das feste Land und wendet sich beherzt an das Fräulein. Den Augenblick benutzt der Riese und fragt, wie der Herr überhaupt in die Hünenheide käme, und was er nun eigentlich von ihm wolle. Ach, da weiß Raps ja Bescheid und auf solche Frage hat er gerade noch gewartet. Hat er nicht gelesen, wie dumm die Riesen sind und wie sie den Ueberirdischen für nichts und wieder nichts eine große Burg in die Wolken gebaut haben? Wie er hierher gekommen fei, wiederholt Hans Raps laut, ja, das wisse er selbst nicht. „Aber darauf kommt es gar nicht an. Ich frage, wer hat mich in den alten Brunnen fallen lassen? Auf wessen Grund liegt diese Fanggrube? Wer haftet dafür?" Der Riese kann ja nicht gleich auf alles antworten, und Hans Raps nimmt seinen Vorteil wahr. „Ha," sagt er, „ich merke, der Herr wird nachdenklich. Ja, seinen Brunnen solle man zudecken, das ist eine teure Geschichte. Und das will ich gleich sagen: Auf schöne Vergleiche lasse ich mich nicht ein, habe ich nie getan. Ich verlange, der Herr Riese Burrsewer baut Hans Raps augenblicklich ein Haus, hier auf dem Fleck, wo ich steh^ dafür, daß Hans Raps auf feinem Gebiet in den Brunnen gefallen ift* „Kann geschehen", sagte der alte Riese gutmütig. Er ist ganz erleichtert, daß man nicht mehr von ihm verlangt und hat noch ein Sausen in den Ohren von Hans Raps Reden. Er winkt sich seine kleine Heddeke zu Hilfe und die sieht den neuen Nachbarn an, das ihm ganz lieblich zu Mut wird. Dann machen die zwei sich ans Werk und der Riese hat wohl in einer Stunde ein herrliches Haus aufgebaut, Hans Raps kann kaum mitreden, was er alles wünscht, so rasch geht das. „Was nun?" fragt der Riese gutmütig und muß über das verdutzte Gesicht des Schreibers lachen. „Was nun?" fährt er los. „Ja, meint der Herr denn, daß man in solcher Wildnis allein Haufen will? Wo sind die Bedienten? Wo ist Wagen und Pferd, wo ist, und das mein’ ich vor allen andern, wo ist die Hausfrau für mein Schloß?" Der alte Riefe sieht sich lachend um. „Schick einmal zu deinen Freundinnen, Heddeke", und im gleichen Augenblick ist die auch wie versunken und der Anwaltsschreiber trippelt, noch etwas frierend vor der Tür feines neuen Hauses auf und ab und erzählt dem Riefen von ähnlichen Fällen, die er durchfochten hat. Trippetrappe, kommt da ein kleines blasses Weibchen entlang. Es. ist ein Kartosfelfräulein vom letzten Stadtgarten, hat lilabunte Augen, ein gütiges Gesicht und einen alten Sack als Rock. „Ham", sagt der. Anwaltsschreiber, er hat doch so fein Bedenken. „Hm, wie alt ist das Fräulein?" „Ein halbes Jahr", fagt sie und knickst. „Das ist nicht viel, und wie alt denkt sie zu werden?" scherzt Hans Raps. Ach, zum Herbst würde sie verbrannt, seufzt die Kleine bescheiden. Aber bis dahin habe sie ja noch ein wenig Zeit. „Zum Herbst verbrannt?" sagt der Schreiber entsetzt, und seine Augen quellen heraus. „Ach nein, so etwas kann ich nicht leiden, ich bin entsetzlich empfindsam." Da seufzt das kleine Kartoffelfräulein traurig, wandert sehnsüchtig an Hans Stapfens schönem großen Haus vorbei und geht ihre Straße. Kommt eine kleine Dunkelhaarige mit schwarzen flatternden Bondern an den Armen vorbei. Sie tänzelt und weist Hans Raps lachend die weißen Schneidezöhne. Der Schreiber wird sehr vergnügt. „Wie alt ist sie denn? fragt er. „Die ist vielhundert Jahre!" sagt der Riese und denkt, das gefällt dem Schreiber besser. „Was? Vielhundert Jahre?" schreit Hans Raps entsetzt. Er weiß ja nicht, daß die Riesentochter eine kleine Nachtmahr zu ihm sandte. „Und wie lange lebt sie noch?" „Ach, vielhundert Jahre!" „Aus meinen Augen!" schreit Hans Raps und hat Furcht vor dieser Unheimlichen. Da kommt eine große kralle Bauerndirn vorbei, ein buntes Tuch tief um die Stirn. Sie hüpft und singt im Wandern, hat einen weißen Ziegenbock am Seil und einen großen Kochquirl in der Faust und blickt Hans Raps so lustig an, sein Herz geht weit auf. So eine will er haben, sagt er zu dem alten Hünen. Und der freut sich, daß die Sache zu Ende geht, macht gleich seinen Riesenfegen und singt ein Hochzeitslied über die beiden. Da, als er gerade mit der Trauung fertig ist, schlägt das Fräulein das Tuch zurück. Der Vater schreit vor Zorn, und das Riesenmädchen Heddeke lacht und küßt ihren neuen Bräutigam und küßt den betrogenen Vater. Und sie dreht sich vor Vergnügen, daß die Röcke fliegen, nimmt den jungen Ehemann aus den Arm und tanzt mit ihm über die Schwelle ins neue Haus hinein. Und alle Steine auf der Türschwelle lachen und alle Balken wünschen viel Glück, Koch und Dienerschaft stehen bereit und der alte Riese muß sich ja auch dreingeben und bückt sich ganz tief, um in den Hochzeitssaal zu folgen. Was sitzt da nur schon für sonderliches Heiratsvolk bereit! Alles ist längst geladen, groß und klein, bunt und weiß und schwarz durcheinander. Und lustig geht es zu! Die Trompeten schallen, und die Kellner tragen einen gebratenen Ochsen nach dem andern auf. „Hexerei!"" denkt Hans Raps. Aber er hat schließlich nichts dagegen. Er meint nur, daß er sich wohl irgendwo geltend machen muß. Er ärgert sich ja noch ein klein wenig, daß seine Frau ihn über die Schwelle getragen hat. Und weil es ihm sonst gefällt, solch Haus und solch ansehnliche Sippe zu haben, will er beweisen, daß er Herr ist und Herr bleibt. Also unser Hans Raps steht auf und klopft an sein Glas. Die junge Frau lacht wie ein Schelm dazu, aber der alte Riese denkt traurig, was für ein Unheil über ihn und seine Tochter gekommen ist, daß dieser gerade ein Anwaltsschreiber ist, der den ganzen Tag nichts Besseres zu tun weiß, als Wind und Wetter vollzureden. Also Hans Raps klopfte an sein Glas „Koraks!" sagt er vernehmlich, gerade, als alle die Hälse heben. Das heißt, eigentlich sagt der Anwaltschreiber nichts, sondern jemand so unter seinem Zwerchfell spricht für ihn. Hans Raps ärgert sich, er hat den Beginn der Rede verloren und will vom neuen anfangen. „Huckop," sagt er aber nur, „Huckop!" Und die junge Frau lacht. Der Schreiber ist so überrascht, er muh sich setzen und einen Augenblick nachdenken. Er spricht höflich nach allen Seiten und weiß für seine Frau ein paar schöne Worte. D schweigt auch der in seinem Bauch, der Ochsenbraten schmeckt herrlich und das Leben gefällt unferm Anwaltsschreiber ja wieder vorzüglich. Er möchte dem Ausdruck geben, — so sagt er — klopft an sein Glas und steht auf, und alles wird totenstill. Aber wie er den Mund offen tut, „Schluckop", sagt er wieder erbarmungslos und „Koraks", „Ko—ora—a—ks", streiten sich der große und kleine Koraks vor allen Gästen laut und vernehmlich. Da muh Hans Raps sich wieder setzen und plinkt dreimal mit den Augenlidern, so betreten ist er. Im Augenblick jedoch, wo er richtig Platz hat und schweigt, ist alles wieder gut. Es ist sogar hochvergnüglich, das junge Weib anzuschauen und ihr den Arm umzulegen. Aber mit der Hochzeitsrede will es an dem Tag nichts mehr werden. Na, ihr habt ja Hans Raps oft gesehen, er kam noch eine ganze Weile zu uns und hat in vielen Prozessen geredet und gewih auch schon geredet. Aber es heiht, zu Hause hat er nicht so viel zu sagen gehabt wie zwischen den Menschen. Und seine Freunde, denen er mitunter sein herrliches Schloß draußen in der Heide zeigte und die das prächtige Weib kennen lernten, haben sich oft gewundert, wie feierlich und schweigsam er in ihrer Nähe zu sein pflegte. Er sagte oft, er hätte es leicht im Magen bei der scharfen Lust im Riesenland. Aber andere sagen, daß sein Weib mit dem Bruder Koraks und Schluckop verbündet gewesen ist, und wenn es dem Anwaltsfchreiber wahrhaftig auch nicht schlecht geht und viel Lachen in seinem Hause erschallt, — mit den großen Reden daheim hat es aufgehört. Es ist das ja schliehlich auch nicht der einzige Fall dieser Art. Virtuosen und Komponisten. Eine Studie von Fritz H. C h e l i u s. Es will dem Laien vielfach nicht in den Sinn, daß der große Virtuose, der alle Welt begeistert, nicht auch ein großer Komponist zu sein braucht. Oder umgekehrt, daß der bedeutende Komponist zumeist nicht in der Lage ist, die Werke anderer gestalten zu können. Das, was in den Augen des Laien als ein Widerspruch erscheint, ist an sich gar keiner, sondern eine natürliche Notwendigkeit. Aber es liegt vielleicht int Werdegang unserer abendländischen Kunst begründet, daß in dieser Beziehung die Begriffe von Außenstehenden nicht auseinander gehalten werden können. Wie viele Jahrhunderte ist es denn her, daß sich die Begriffe Virtuos und Komponist vollkommen deckten? Im Zeitalter der Renaissanee, des Rokoko und des Barocks, als die Fürsten aller Grade sich ihre eigenen Hauskapellen hielten, war es für den Hofmusikus einfach selbstverständlich, daß er nicht nur als Komponist bei jeder paffenden Gelegenheit hervortrat, sondern auch als Virtuose in der Lage war, seine Kompositionen am hervorragendsten ausführen zu können. Es gehörte also zu den Ausgaben eines fürstlichen Hoftnustkus, nicht nur in der Satztechnik der Zeit durchaus bewandert zu fein, sondern auch die verschiedensten Instrumente vollkommen zu beherrschen. E» ist leicht möglich, daß die damaligen Zeiten «us der Not eine Tugend gemacht haben, da die Etadtpfeifereien, denen die Heranbildung des musikalischen Nachwuchses oblag, doch zumeist über das rein Handwerkliche nicht hinauskamen und die individuelle Weiterbildung des großen Künstlers letzten Endes schon feine eigene Angelegenheit (oder die feines Genius) gewesen ist. Diese handwerkliche Vorbildung auf der einen, das individuelle Können auf der änderen Seite führten dann dazu, daß man dem wohlbestellten Hofmusikus beide Funktionen aufbürdete, zumal auch in den meisten Fällen gar nicht die Möglichkeit einer Trennung der beiden Aufgaben vorhanden war. Und dann dürfen wir nicht vergessen, daß die Sensibilität der Nerven, die ganze Ausbildung des musikalischen Geschmackes noch nicht so diffizil waren wie heutigen Tages. Aus dieser Situation heraus bildete sich dann die nur schwer umzustoßende Anschauung, daß der Komponist auch der beste Virtuose für seine eigenen Schöp- Jungen sein müsse, was den Damaligen auch um so wahrscheinlicher dünkte, als sich in jener Zeit kein Komponist die Interpretation seiner Schöpsung aus der Hand nehmen ließ. Natürlich gab (und gibt) es Fälle, wo sich beide Fähigkeiten in einer Person vereinigen; aber das sind doch sehr große Ausnahmen. I. S. B a ch, der Thomaskantor, war in der Tat für seine Kompositionen der vollendetste Virtuose. Aber schon bei Beethoven zeigt es sich, daß diese beiden Fähigkeiten nicht unbedingt zusammengehören; denn das Beethoven so ziemlich der schlechteste Orchesterinterpret seiner grandiosen Werke war, wissen wir. Es war auch ungefähr im Zeitalter Beethovens, als man diese Fragen zu diskutieren und die Trennungslinie zu ziehen begann. Denn man empfand allmählich, daß es zweierlei ist, ein Kunstwerk zu schaffen und zu interpretieren. Es ließen sich zahllose Beispiele ansühren, daß die Schöpfer hervorragendere Werke nur recht mittelmäßige Interpreten ihrer Ton- schöpfungen waren und andererseits ganz hervorragende Virtuosen recht mittelmäßige Komponisten. Ausnahmen bestätigen, wie gesagt, nur die Regel. Und es ist doch auch ganz erklärlich, daß es so fein muß, denn der schaffende Künstler ist derartig einem dauernden Gärungsprozeß feiner eigenen Gedanken unterworfen, daß er nicht die Fähigkeit aufbringen kann, in den Gedanken anderer auszuaehen. Umgekehrt aber ist der Virtuose so sehr auf das Versenken in die Gedankenwelt anderer Künstler eingestellt, daß er nur schwer den Weg zu sich selbst findet. Jeder schaffende Künstler muß Egoist fein, das bedingt seine Berufung, fein Werk, das ihm immer an erster und oberster Stelle stehen muß. Schon deshalb ist es dem schaffenden Künstler erschwert, sich in einen fremden Jdenkreis, so zu versenken, daß er ihm Künder und Ausdeuter werden könnte. Ein Wagner zum Beispiel war derart egozentrisch eingestellt, daß außer seinem Werk kaum etwas für ihn existierte (wenigstens wenn es ihm nicht förderlich oder anregend für fein Werk fein konnte). Ihn kann man sich als nachschaffenden Künstler schon gar nicht vorstellen, um so weniger, als wir wissen, daß er auf keinem einzigen Instrument ein Virtuose war. Sein Gegenspiel in dieser Beziehung ist sein großer Freund und Förderer Franz Liszt. Der war zu feiner Zeit unbestritten der Virtuose. Er errang sich diese Stellung nicht nur durch seine fabelhafte Technik, sondern mehr noch durch die Fähigkeit, daß er seine eigene selbstschöpferische Person vollkommen auszuschalten vermochte und sich so restlos in die wiederzugebenden Werke hineinversenken konnte. Aber solche Fälle, wo eine so grenzenlose Selbstverleugnung eintritt, sind überaus Jetten. Daß Franz Liszt trotz seiner wertvollen und bleibenden Kompositionen nicht in der Reihe der ganz großen Sterne prangt, ist wohl durch diesen Dualismus zwischen Schaffendem und Nachschaffendem zu erklären. Es ist leicht verständlich, daß der komponierende Virtuose zunächst an sein eigenes Instrument denkt, wenn er sich zu eigenem Schassen auf« rafft. Auch Liszt bildet davon keine Ausnahme, und vielleicht liegt gerade in dieser Tatsache der Grund, warum Liszt trotz seiner eminenten Fähigkeiten sich nicht in die vorderste Reihe der Schaffenden aufzuschwingen vermochte. Man braucht sich seine Werke nur einmal unter diesem Gesichtswinkel anzusehen und man wird erkennen, wie sehr sie im Grunde klavieristisch angelegt sind, weil eben der Komponist den Birtuosen nicht völlig verleugnen konnte. Man schaue sich sein Klavierkonzert in Es oder das zweite in A=Dur an, und man wird verstehen, was ich damit sagen will. Ein ganz ähnliches Beispiel ist P a g a n i n i, der aus Mangel an Violinliteratur, die seinen Fähigkeiten angepaßt war, zum Komponisten wurde. Auch er hat Werke geschaffen, die heute noch im Konzertsaal leben und das Technisch-Raffinierteste darstellen, was wir überhaupt auf dem Gebiete der Violinliteratur besitzen. Aber gerade an seinen Kompositionen können wir deutlich beurteilen, wie sein Schaffen nicht ein eruptiv aus dem Innern hervorbrechender Drang nach schöpferischem Auswirken war, sondern eine Verlegenheitssache, die aus Mangel an geignetem Stoss sich diesen Stoff selbst erst schuf. Man geht wohl nicht fehl, wenn man den Satz ausstellt, daß, je intensiver sich der Virtuose auswirkt, um so mehr der Drang zu eigenem Schassen in den Hintergrund tritt. Und betrachten wir unsere Gegenwart unter diesem Gesichtswinkel, so können wir eigentlich nur e i n markantes Beispiel ansühren, das sich vielleicht mit einem Liszt in Paralelle setzen ließe: Eugen d'Akbert. Hier haben wir auf der einen Seite den Typ des Virtuosen, auf der anderen Seite den selbstschaffenden Künstler — aber derartige Erscheinungen sind große Ausnahmen. Gewiß wird man heute öfters den Fall erleben, daß sich namhafte selbstschaffende Künstler auch pianistisch oder als Begleiter auf dem Konzertpodium hören lassen. Aber von „Virtuosen" im engeren Sinne des Wortes ist da nicht zu reden, denn es bringt unsere musikalische Ausbildung heute schon mit sich, daß eigentlich jeder, der sich auf musikalischem Gebiete betätigt, ein Instrument gründlich beherrschen muß. Man könnte eine ganze Reihe von Beispielen aufzählen — lauer Scharwenka, Moritz Moskowski, Moritz Rosenthal und viele andere gehören hierher — bei denen sich dieser Dualismus in ganz ausgesprochener Weise zeigt; bei denen sich aber auch die Widersprüche dieser beiden Arten der künstlerischen Arbeit offenbaren. Und der Schluß ist zumeist der, daß bei solchen Doppelnaturen der Virtuose in dem Künstler die Oberhand behält, weil die selbstschöpferischen Potenzen nicht stark genug sind, um die virtuosen Fähigkeiten völlig zu verdrängen. Geht man diesen Fragen intensiver nach, so ergibt sich, daß Virtuose und schaffender Künstler sich auf zwei ganz getrennten Gebieten des künstlerischen Schaffens betätigen, die nur in den seltensten Fällen sich von einem und demselben Menschen beherrschen lassen. Di Brasil die la Bordi Leben leicht sich bi erroar saß ol 11 ’> wehte drei 2 Dame eines synod, große eine sich n Keine Sui i triebe wenn wiede Gran der aus. jetzt bahn Janei ihr G Mie bis 31 und i fie d von brach recht Ichwe Berg und a An der Grenze. Von Leo Sternberg. Der Hochwald regt sich nicht... Die Wipfel ragen rote vorgetrieben bis zur letzten Grenze ... Ist schon die Zeit, dem Wachsen zu entsagen und stillzustehn? ... Wie stürmte das im Lenze und riß an seiner Wurzel Schlangentauen und bäumt« hoch sich über Wipfelwellen hinaus, in freien Weltenraum zu schauen, und wollte Leitern an die Sterne stellen! Genug! ... Kein Wind bewegt der Harfe Schweigen. Bis in die Wurzel tiefer Säftefrieden... Gestreut der Samen ... Andre mögen steigen! Die Welt — der Welt! Sie haben sich beschieden... Noch ein paar Träume gehn mit Feuersohlen, auf nadelbrauner Dämmrung sammtnen Matten und letzte Lichter, geisterhafte, holen noch einen goldnen Zweig aus kühlem Schatten. Wie einsam sind die Wege! Zwischen Mauern verlassne Gänge ... Leer die Bank am Weiher ... Und alles spürt mit Lächeln und Erschauern: die Nebel nahn mit ihrem weichen Schleier. Deutsche Siedlerschicksale in Brasilien. Von H. o. H a y n e ck. Die „Monte Sarmiento" hatte den Aequator schon seit zwei Tagen überschritten. Die Feste in den schwülen Nächten waren verrauscht, die übermütige Laune hatte einer ernsteren Stimmung Platz gemacht. Nahte die lange Reise sich doch ihrem Ende, wo das Schicksal fast jeden der Bordinsassen an der Hand nahm und einem meist entbehrungsreichen Leben fern von der alten Heimat zuführen würde. Mit Ausnahme vielleicht von einigen wenigen Studienreisenden, einigen Persönlichkeiten, die sich durchgesetzt hatten, einigen jungen Liebesleuten, die drüben ein Amt erwartete und die nun ihre Hochzeitsreise machten. Eine solche Gruppe saß oben auf dem Vootsdeck, dem kleinen Kapitänssalon. „Meine Herrschaften, eben blitzt das erste Leuchtfeuer an der Küste von Brasilien auf", teilte der 1. Offizier mit „Den Ozean hätten wir also mal wieder überquert." Alles steht auf. Eine feierliche, klare Nacht. Das Kreuz des Südens erstrahlte voll am Sternenhimmel. Der Südpasiat hatte eingesetzt und wehte recht kühl. „Wir haben mit dem brasilianischen Küstendampfer noch drei Tage Fahrt auf der Lagune dis Porte Alegre", meinte eine deutsche Dame aus Rio Grande. — „Ist es fchön da?" fragte die junge Frau eines Pastors. „Wir sind nämlich dorthin von der Berliner Oberkirchensynode abgesandt — allerdings nach Santa Cruz." — „Ja, eine schöne große Stadt ist es schon," meinte die Angebrochene, „wir haben da eine große Villa mit allem europäischen Komfort" — und sie strich sich mit der Hand über das Haar — „aber es ist da gar nichts los. Keine gute Musik wie in Deutschland, kein Theater, meist nur schlechte Filme, sofern nicht einmal ein guter Ufa-Kulturfilm herüberkommt. Santa Cruz ist übrigens noch weit." — „Der Staat Rio Grande do Sui ist saft halb so groß wie Deutschland," mischte sich ein deutscher Oberlehrer ein, „cs wohnen dort allein 300 000 Deutsche in geschlossenen Siedlungen in der Stadt Porto Alegre 30 000, aber die Siedlungen, in denen vielfach, wie Überall in Brasilien, Raubbau getrieben wird, weil die Bauern nicht rechtzeitig für Düngung sorgen, wenn der Urwaldboden ausgepumpt ist, werden auch dort manchmal wieder verlassen, und bald sind die letzten Urwaldlose vergeben. Rio Grandenser zweite Bauernsöhne wandern vielfach jetzt nach den noch unerschlosfenen Gebieten des Hinterlandes von Santa Catharina, an der Hauptbahnlinie Santa Catharina— Porto Uniao—Rio Grande, aus. Dort ist teilweise aber noch wilde Campgegend." — „Es gehen jetzt auch viele deutsche Auswanderer nach dem neuen zukunftsreichen Gebiet der Stadt Theophilo Ottoni, das durch die Bahia- und Minas- bahn erschlaffen wurde", ergänzte der Großkaufmann aus Rio de Janeiro. Dort können deutsche, möglichst geschlossene Siedlungen, noch ihr Glück machen. Da ist nach viel Platz für einen Nachschub van deutschen A^iedlern. Allerdings ist überall ein kleines Kapital van mindestens 2000 bis 3000 Mark nötig. Ohne Geld kann man jetzt nirgends mehr anfangen, und das wird meist dumm verläppert." „Die deutsche Gesandtschaft in Ria de Janeiro und die deutschen Be- russkonsuln in den verschiedenen Staaten, geben übrigens überall gern Auskunft bei Anfragen", ergänzte ein Großkaufmann von dort. „Wenn sie nur vor der Ansiedlung gefragt würden! Weil das nicht geschah und ungeeignete Städter aus anderen Berufen kamen, bettelten unsere verunglückten deutschen Siedler nachher in den Großstädten. Brasilien stellt sich der einwandernde Deutsche überhaupt meist salsch vor. Das Leben im Urwald erscheint nach Karl Mays Geschichten hochromantisch. Er träumt van einem Jndianerlebcn, von Assen und Tigern. Die Wirklichkeit ist rauheste Arbeit." „ Was ich hier hörte, wurde mir im Lande überall bestätigt. Ein Wagen brachte mich nach der Landung im Hasen van Ria de Janeiro an schäumender Brandung vorbei nach einer deutschen Pension, einem früheren Palacio, in einem Palmengarten. „Donna Luise", eine prächtige treue Süddeutsche sargte für mich. Der zeitweilige Hausdiner, der ein Schürfrecht in den „Chapadas" von Minas Geraes erworben hatte, in denen Halbedelsteine, besonders Aquamarine und Turmaline, gefunden wurden, erhielt von anderen Steinsuchern einen Schlag über den Kopf, wurde beraubt und von einem Mächtigeren vertrieben. Er kämpft in Rio einen schweren Kampf um fein Recht, aber er will durchaus wieder in das schone Bergland hinter Rio, aus dem übrigens die Schleifereien von Oberstem unb Idar heute fast ihre gesamten Steine beziehen. Der Staat Minas Geraes hak, besonders feit er durch eine gute Bahnlinie mit Rio Be Janeiro unb Sao Paulo verbunden ist, eine große Zukunft, schon wegen seines ungehobenen Reichtums an Erzen und Diamantfetbern besonders bei Diamantina, welch letztere indes in englischen Händen sind. Seine schnell emporgeblühte Hauptstadt Bello Horizonte zählt 100 000 Köpfe, darunter auch deutsche, überall sehr geschätzte Handwerker. Dort haben auch viele vornehme Brasilianer ihren Landsitz, ihren Sitio. Weiter östlich liegt der sich langsam erschließende Staat Goyaz — der Kaffeestaat der Zukunft — und der fast unerschlossene wälderreiche Staat Motto Grosso, wo die brasilianische Regierung noch kostenlos Landlose an Siedler auf« teilt Ribero Clara ist dort z. B. eine Stadt mit vielen Werkstätten, wo auch Deutsche arbeiten. Deutsche Einzelsiedler wären dort ganz verloren. Immer wieder wird von den Brasildeutschen ermahnt, von Staats wegen feste Siedlungsverträge abzuschließen, wie dies neuerdings Japan tut, das seine Siedler gruppenweise mit Aerzten, Apotheken, Rechtsanwälten, Architekten und sogar mit Ziegelbrennern und Maurern herüberschickt. Auf meinen Reisen ins Land überzeugte ich mich von der Ueppigkeit des Wildwuchses auf den allmählich angelegten primitiven Kulturen: Zuckerrohr, Vergreis, Mais, Bananen, mit Ananas als Unterfrucht, Kaffee, Kakao, Baumwollstauden, Apfelsinen und Mandarinen — alles wächst wie toll. Eine Bananenpflanze trägt immerwährend unb wird 80 Jahre alt, ein Kaffeestrauch ist 50 Jahre lang erntefähig, fast alles ohne die noch kaum angewandte Düngung. Aber vieles verkommt. Die Leute können nicht versenden. In den Hausgärten pflückte ich köstliche Früchte, wie die Anona, die Karambola, die besonders exotisch aussehende Baummelone und in Rio de Janeiro die Vanillenschote. Auf dem milderen Hochland gedeiht neuerdings die von Deutschen, Japanern und Italienern angepflanzte, teuer bezahlte Kartoffel, die wildwachfenden Teewälder (Herva Matö), deren gesundes Blattgetränk sich überall einführt. Der Wald, der von dem Siedler als „Roca" niedergebrannt wird und dessen angekohlte Stämme mangels besserer Verwendung bestenfalls an Sägemühlen verkauft werden, enthält je nach der geographischen Breite und der Sage der Siedlung Edelhölzer, wie Jacaranda (Palisander), Mahagoni, Farbhölzer unb Leguminosenbäume, termitensichre Bauhölzer wie Zedern, Lorbeer, Mora, das berühmte brasilianische Rotholz, den Chinarindenbaum, ferner Eukalyptus unb Pinien; das Holz ist in dem baumarmen Argentinien sehr begehrt. Alles ist in solcher Fülle vorhanden, das Land aber fo weitläufig, daß man bisher kaum an eine durchgreifende Organisation gedacht hat. Eines Tages wird der einzig schöne Urwald tn der Serra am Atlantik mit seinen tausendfarbigen Riefen-Schrnetterlingen, feinen zierlichen Kolibris, feinen bunten Papageien, feinen drolligen Affen durch das rohe Niederbrennen, fo groß er auch ist, zu Ende gehen, weil die Menschen feine Schätze nicht wie die verdrängten und fast im Aussterben begriffenen Indianer zu werten wußten. Was ein wohlorganisierter Staat, wie z. B. Sao Paulo mit feiner Hauptstadt, dem eine Million Menschen umfassenden „Chikago Südamerikas", und einer Menge von Großbanken und Großfirmen, unter denen sich auch viele deutsche befinden, volkswirtfchaftlich zu leisten vermag, sah ich dort. Freilich, Sao Paulo und Curityba im Staate Parana, das ich später besuchte, liegen, wie die meisten aufblühenden Städte, auf dem nah an der Küste sich aufbauenden Hochplateau gesund auf etwa 800 bis 1000 Meter Meereshöhe. Dort liebt sich die Arbeitskraft um das Doppelte. Und man sagt, daß das wunderschöne Rio de Janeiro, dessen Befreiung von Gelbfieber und anderen Tropenkrankheiten der brasilianischen Regierung jährlich Millionen kostet, einmal aushören wird, Bundeshauptstadt zu fein. Was die brasilianische Regierung in den großen Städten auf dem Gebiet der Sanierung^ auf dem Gebiet des Unterrichts und des Schulwesens mit enormen Geldopfern schafft, tut sie großzügig. Sie schuf z. B. allein 25 000 Schulen auf dem 20 Staaten unb über 8,5 Millionen Quadratkilometer umfassenden Areal, in denen der Schulbesuch kostenlos ist. Brasilien ist eine Vorratskammer für fein werdendes Volk und die Menschheit unb infolge seiner Ausdehnung, seiner Unbewohntheit das Land der Zukunft. Nußknacker und Mausekönig. Ein Märchen von E. T. A. Hoffman n. (Fortsetzung.) Ja, der Nußknacker hätte ganz gewiß Arm unb Beine gebrochen, wäre im Augenblick, als er sprang, nicht auch Mamsell Klärchen schnell vom Sofa aufgesprungen und hätte den Helden mit dem gezogenen Schwert in ihren weichen Armen aufgefangen. „Ach, du liebes, gutes Klärchen", schluchzt« Marie, „wie habe ich dich verkannt! Gewiß gabst du Freund Nußknackern dein Veilchen recht gerne her." Doch Mamsell Klärchen sprach jetzt, indem sie den jungen Helden sanft an ihre seidene Brust drückte: „Wollet Euch, o Herr, krank unb wund, wie Ihr seid, doch nicht in Kampf und Gefahr begeben! Seht, wie Eure tapfern Vasallen kampflustig unb des Sieges gewiß sich sammeln! Skaramnz, Pantalon, Schornsteinfeger, Zitherspielmann und Tambour sind schon unten, und die Devisenfiguren in meinem Fache rühren unb regen sich merklich. Wollet o Herr, in meinen Armen ausruhen oder von meinem Feberhut herab Euren Sieg anschaun!" So sprach Klärchen; doch Nußknacker tat ganz ungebärdig und strampelte so sehr mit den Beinen, daß Klärchen ihn schnell herab auf den Boden feijjn wußte. In dem Augenblick ließ er sich aber sehr artig auf ein Knie nieder unb lispelte: „0 Dame, stets werd ich Eurer mir bewiesenen Gnade unb Huld gedenken in Kampf und Streit!" Da bückte sich Klärchen so tief herab, daß sie ihn beim Aerrnchen ergreifen konnte, hob ihn sanft auf, löste schnell ihren mit vielen Füttern gezierten Leibgürtel los unb wollte ihn dem Kleinen umhangen-, doch der wich zwei Schritte zurück, legte die Hand auf die Brust und sprach sehr feierlich: „Nicht so wollet, o Dame, Eure Gunst an mir verschwenden; denn" — er stockte, seufzte tief auf, riß bann schnell das Bändchen, womit ihn Marie verbunden hatte, von den Schultern, brückte es an Ne Sippen, hing es wie eine Feldbinde um unb sprang, bas blank gezogene Schwertlein mutig schwenkend, schnell unb behende wie ein Vögelchen über die Seifte bes Schranks auf den Fußboden. . — Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniverfitätS-Buch» und Steindruckerei, A. Lange, Sieben. Ihr merkt wohl, höchst geneigte und sehr vortreffliche Zuhörer, daß Nußknacker schon früher, als er wirklich lebendig worden, alles Liebe und Gute, was ihm Marie etü. 0,e, recht deutlich fühlte, und daß er nur deshalb, weil er Marten so gar gut worden, auch nicht einmal ein Band von Mamsell Klärchen annehmen und tragen wollte, unerachtet es sehr glänzte und sehr hübsch aussah. Der treue gute Nußknacker putzte sich lieber mit Mariens schlichtem Bändchen. Aber wie wird es nun weiter werden? — Sowie Nußknacker hcrab- springt, geht auch das Quieken und Piepen wieder los. Ach, unter dem großen Tische halten ja die fatalen Rotten unzähliger Mäuse, und über alle ragt die abscheuliche Maus mit den sieben Köpfen hervor! — Wie wird das nun werden? Die Schlacht. „Schlagt den Generalmarsch, getreuer Vasalle Tambour!" schrie Nußknacker sehr laut, und sogleich fing der Tambour an, auf die künstlichste Weise zu wirbeln, daß die Fenster des Glasschranks zitterten und dröhnten. Nun krackte und klapperte es drinnen, und Marie wurde gewahr, daß die Deckel sämtlicher Schachteln, worin Fritzens Armee einquartiert war, mit Gewalt auf- und die Soldaten heraus und herab ins unterste Fach sprangen, dort sich aber in blanken Rotten sammelten. Nußknacker lief auf und nieder, begeisterte Worte zu den Truppen sprechend. „Kein Hund von Trompeter regt und rührt sich!" schrie Nußknacker erbost, wandte sich aber dann schnell zum Pantalon, der, etwas blaß geworden, mit dem langen Kinn sehr wackelte, und sprach feierlich: „General, ich kenne Ihren Mut und Ihre Erfahrung; hier gilt's schnellen Ueberblick und Benutzung des Moments — ich vertraue Ihnen das Kommando sämtlicher Kavallerie und Artillerie an — ein Pferd brauchen Sie nicht. Sie haben sehr lange Beine und galoppieren damit leidlich. — Tun Sie jetzt, was Ihres Berufs ist!" Sogleich drückte Pantalon die dürren langen Fingerchen an den Mund und krähte so durchdringend, daß es klang, als würden hundert Helle Trompetlein lustig geblasen. Da ging es im Schrank an ein Wiehern und Stampfen, und siehe, Fritzens Kürassiere und Dragoner, vor allen Dingen aber die neuen glänzenden Husaren rückten aus und hielten bald unten auf dem Fußboden. Nun defilierte Regiment auf Regiment mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel bei Nußknacker vorüber und stellte sich in breiter Reihe quer über den Boden des Zimmers. Aber vor ihnen her fuhren raffelnd Fritzens Kanonen auf, von den Kanonieren umgeben, und bald ging es bum — bum, und Marie sah, wie die Zuckererbsen einschlugen In den dicken Haufen der Mäuse, die davon ganz weiß überpudert wurden und sich sehr schämten. Vorzüglich tat ihnen aber eine schwere Batterie viel Schaden, die auf Mamas Fußbank aufgefahren war und pum — pum — pum, immer hintereinander fort Pfeffernüsse unter die Mäuse schoß, wovon sie umfielen. Die Mäuse kamen aber doch immer näher und überrannten sogar einige Kanonen; aber da ging es prr — prr — prr, und vor Rauch und Staub konnte Marie kaum sehen, was nun geschah. Doch so viel war gewiß, daß jedes Korps sich mit der höchsten Erbitterung schlug und der Sieg lange hin und her schwankte. Die Mäuse entwickelten immer mehr und mehr Massen, und ihre kleinen silbernen Pillen, die sie sehr geschickt zu schleudern wußten, schlugen schon bis in den Glasschrank hinein. Verzweiflungsvoll liefen Klärchen und Trudchen umher und rangen sich die Händchen wund. „Soll ich in meiner blühendsten Jugend sterben — ich, die schönste der Puppen?" schrie Klärchen. — „Hab' ich darum mich so gut konserviert, um hier in meinen vier Wänden umzukommen?" rief Trudchen. Dann fielen sie sich um den Hals und heulten so sehr, daß man es trotz des tollen Lärms doch hören konnte. Denn von dem Spektakel, der nun losging, habt ihr kaum einen Begriff, werte Zuhörer. — Das ging prr — prr — puff — piff — schnetterdeng — schnetterdeng — bum —burum — bum — burum — bum durcheinander, und dabei quiekten und schrien Mauskönig und Mäuse, und dann hörte man wieder des Nußknackers gewaltige Stimme, wie er nützliche Befehle austeilte, und sah ihn, wie er über die im Feuer stehenden Bataillone hinwegschritt! Pantalon hatte einige sehr glänzende Kavallerieangriffe gemacht und sich mit Ruhm bedeckt; aber Fritzens Husaren wurden von der Mäuseartillerie mit häßlichen, übelriechenden Kugeln beworfen, die ganz fatale Flecke in ihren roten Wämsern machten, weshalb sie nicht recht vor wollten. Pantalon ließ sie links abschwenken, und in der Begeisterung des Kommandierens machte er es ebenso und seine Kürassiere und Dragoner auch, das heißt, sie schwenkten alle links ab und gingen nach Hause. Dadurch geriet die auf der Fußbank postierte Batterie in Gefahr, und es dauerte auch gar nicht lange, so kam ein dicker Haufe sehr häßlicher Mäuse und rannte so stark an, daß die ganze Fußbank mitsamt den Kanonieren und Kanonen umfiel. Nußknacker schien sehr bestürzt und befahl, daß der rechte Flügel eine rückgängige Bewegung machen solle. Du weißt, o mein kriegserfahrener Zuhörer Fritz, daß eine solche Bewegung machen beinahe so viel heißt als davonlaufen, und betrauerst mit mir schon jetzt das Unglück, was über die Armee des kleinen, von Marie geliebten Nußknackers kommen sollte. — Wende jedoch dein Auge von diesem Unheil ab und beschaue den linken Flügel der nußknackerischen Armee, wo alles noch sehr gut steht, und für Feldherrn und Armee viel zu hoffen ist. Während des hitzigsten Gefechts waren leise, leise Mäuse- kavalleriemassen unter der Kommode herausdebouchiert und hatten sich unter lautem gräßlichen Gequiek mit Wut auf den linken Flügel der nuß- knackerischen Ärmee geworfen; aber welchen Widerstand fanden sie da! — Langsam, wie es die Schwierigkeit des Terrains nur erlaubte, da die Leiste des Schranks zu passieren, war das Devisenkorps unter der Anführung zweier chinesischer Kaiser vorgerückt und hatte sich en quarrö plein* formiert. Diese wackern, sehr bunten und herrlichen Truppen, die aus vielen Gärtnern, Tirolern, Tungusen, Friseurs, Harlekins, Kupidos, Löwen, Tigern, Meerkatzen und Affen bestanden, fochten mit Fassung, Mut und * In voller Viereckform. Je nach der Größe des im Innern vorhandenen leeren Raums unterschied man volle und hohle Karrees. Ausdauer. Mit spartanischer Tapferkeit hätte dies Bataillon von Eliten dem Feinde een Sieg entrissen, wenn nicht ein verwegener feinoiccher Rittmeister, tollkühn vordringend, einem der chinesischen Kaiser den Kopf .abgebissen und dieser im Fallen zwei Tungesen und eine Meerkatze erschlagen hätte. Dadurch entstand eine Lücke, durch die der Feind eindrang, und bald war das ganze Bataillon zerbissen. Doch wenig Vorteil hatte der Feind von dieser Untat. Sowie ein Mäusekavallerist mordlustig einen der tapferen Gegner mittendurch zerbiß, bekam er einen kleinen gedruckten Zettel in den Hals, wovon er augenblicklich starb. — Half dies aber wohl auch der nußknackerischen Armee, die, einmal rückgängig geworden, immer rückgängiger wurde und immer mehr Leute verlor, so daß der unglückliche Rußknacker nur mit einem gar kleinen Häufchen dicht vor dem Glas» schranke hielt? „Die Reserve soll heran! — Pantalon — Skaramuz — Tambour — wo seid ihr?" so schrie Nußknacker, der noch auf neue Truppen hoffte, die sich aus dem Glasschrank entwickeln sollten. Es kamen auch wirklich einige braune Männer und Frauen aus Thorn mit goldenen Gesichtern, Hüten und Helmen heran; die fochten aber so ungeschickt um sich herum, daß sie keinen der Feinde trafen und bald ihrem Feldherrn Nußknacker selbst die Mütze vom Kopfe heruntergefochten hätten. Die feindlichen Chasseurs bissen ihnen auch bald die Beine ab, so daß sie umstülpten und noch dazu einige von Nußknackers Waffenbrüdern erschlugen. Nun war Nußknacker, vom Feinde dicht umringt, in der höchsten Angst und Not. Er wollte über die Leiste des Schranks springen; aber die Beine waren zu kurz. Klärchen und Trudchen lagen in Ohnmacht, sie konnten ihm nicht helfen; — Husaren — Dragoner sprangen lustig bei ihm vorbei und hinein. Da schrie er aus in heller Verzweiflung: „Ein Pferd — ein Pferd — ein Königreich für ein Pferd!" — In dem Augenblick packten ihn zwei feindliche Tirailleurs bei dem hölzernen Mantel, und im Triumph aus sieben Kehlen aufquiekend sprengte Mausekönig heran. Marie wußte sich nicht mehr zu fassen. „O mein armer Nußknacker!" so rief sie schluchzend, faßte, ohne sich deutlich ihres Tuns bewußt zu sein, nach ihrem linken Schuh und warf ihn mit Gewalt in den dicksten Haufen der Mäuse hinein auf ihren König. In dem Augenblick schien alles ver- stoben und verflogen; aber Marie empfand am linken Arm einen noch stechenderen Schmerz als vorher und sank ohnmächtig zur Erde nieder. Die Krankheit. Als Marie wie aus tiefem Todesschlaf erwachte, lag sie in ihrem Bett- chen, und die Sonne schien hell und funkelnd durch die mit Eis belegten Fenster in das Zimmer herein. Dicht neben ihr saß ein fremder Mann, den sie aber bald für den Chirurgus Wendelstern erkannte. Der sprach leise: „Nun ist sie aufgewacht!" Da kam die Mutter herbei und sah sie mit recht ängstlich forschenden Blicken an. „Ach, liebe Mutter," lispelte die kleine Marie, „sind denn nun die Mäuse alle fort, und ist denn der gute Nußknacker gerettet?" — „Sprich nicht solch albernes Zeug, liebe Marie!" erwiderte die Mutter; „was haben die Mäuse mit dem Nußknacker zu tun? Aber du böses Kind hast uns allen recht viel Angst und Sorge gemacht. Das kommt davon her, wenn die Kinder eigenwillig sind und den Eltern nicht folgen. Du spieltest gestern bis in die tiefe Nacht hinein mit deinen Puppen. Du wurdest schläfrig, und mag es sein, daß ein hervor- springendes Mäuschen, deren es doch sonst hier nicht gibt, dich erschreckt hat; genug, du stießest mit dem Arm eine Glasscheibe des Schranks ein und schnittest dich so sehr in den Arm, daß Herr Wendelstern, der dir eben die noch in den Wunden steckenden Glasscherbchen herausgenommen hat, meint, du hättest, zerschnitt das Glas eine Ader, einen steifen Arm behalten oder dich gar verbluten können. Gott sei gedankt, daß ich, um Wittern cht erwachend und dich noch so spät vermissend, ausstand und in die Wohnstube ging! Da lagst du dicht neben dem Glasschrank ohnmächtig auf der Erde und blutetest sehr. Bald wär' ich vor Schreck auch ohnmächtig geworden. Da lagst du nun, und um dich her zerstreut erblickte ich viele von Fritzens bleiernen Soldaten und andere Puppen, zerbrochene Devisen, Pfefferkuchenmänner; Nußknacker lag aber auf deinem blutenden Arme und nicht weit von dir dein linker Schuh." „Ach, Mütterchen, Mütterchen!" fiel Marie ein, „sehen Sie wohl, das waren ja noch die Spuren von der großen Schlacht zwischen den Puppen und Mäusen, und nur darüber bin ich so sehr erschrocken, als die Mäuse den armen Nußknacker, der die Puppenarmee kommandierte, gefangen nehmen wollten. Da warf ich meinen Schuh unter die Mäuse, und dann weiß ich weiter nicht, was vorgegangen." Der Chirurgus Wendelstern winkte der Mutter mit den Augen, und diese sprach sanft zu Marien: „Laß es nur gut sein, mein liebes Kind! Beruhige dich, die Mäuse sind alle fort, und Nußknacker steht gesund und lustig im Glasschrank." Nun trat der Medizinalrat ins Zimmer und sprach lange mit dem Chirurgus Wendelstern; dann fühlte er Mariens Puls, und sie hörte wohl, daß von einem Wundfieber die Rede war. Sie mußte im Beite bleiben und Arznei nehmen, und so dauerte es einige Tage, wiewohl sie außer einigem Schmerz am Arm sich eben nicht krank und unbehaglich fühlte. Sie wußte, daß Nußknackerchen gesund aus der Schlacht sich gerettet hatte, und es kam ihr manchmal wie im Traume vor, daß er ganz vernehmlich, wiewohl mit sehr wehmütiger Stimme, sprach: „Marie, teuerste Dame! Ihnen verdanke ich viel; doch noch mehr können Sie für mich tun." Marie dachte vergebens darüber nach, was das wohl sein könnte; es fiel ihr durchaus nicht ein. Spielen konnte Marie gar nicht recht wegen des wunden Arms, und wollte sie lesen ober in den Bilderbüchern blättern, so flimmerte es ihr seltsam vor den Augen, und sie mußte davon ablassen. So mußte ihr nun wohl die Zeit recht herzlich lang werden, und sie konnte kaum die Dämmerung erwarten, weil bann bie Mutter sich an ihr Bett setzte und ihr sehr viel Schönes vorlas und erzählte. Eben hatte die Mutter die vorzügliche Geschichte vom Prinzen Fakardiu vollendet, als die Türe aufging und der Pate Drosselmeier mit den Worten hereintrat: „Nun muß ich doch wirklich einmal selbst sehen, wie es mit der kranken und wunden Marie steht." (Fortsetzung folgt.)