GiehenerKimilieiiblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den 9. September Nummer 70 Der Obstaufkäufer. Von Theodor Kramer. I. Gespenstisch hör ich jedes Frühjahr Gänse im Stadtkontor und wittre fernen Blust; anleg ich selbst dem Schecken dann die Trense und lenke das Gespann ins Land um Rust. Die Sonne glänzt, die flüggen Dohlen klagen, der Obsthang flirrt verschneit vom Blütentag; hellsichtig lug ich aus dem Kälberwagen und wie im Traume schätz ich den Ertrag. II. Und wieder wiegt mich das Gestöhn der Deichsel, doch meine Backen glühn vor Schweiß und Staub; im Weinberg reift bei Stargeschrei die Weichsel, glatt glänzt die Rinde, dicht das Kirschenlaub. Vorm Buschen spring ich ab, mein Atem wimmert, mit zähen Heinzen feilsche ich beim Wein; die ganze Ernte, wie vom Baum sie schimmert, samt Kern und Stengel ist noch heute mein. Die Erinnerung. Von Kurt H e y n i ck e. Drei alte Herren, welche den Rest eines größeren Freundeskreises bildeten, der einige Jahrzehnte hindurch das gesellschaftliche Leben der großen und schönen Stadt S. durch manches heitere Abenteuer bereichert und bunt gemacht hatte, beschlossen, nachdem sie die Sechzig überschritten hatten, alljährlich zu Britt, solange der Tod sie noch nicht trennte, ein Fest zu feiern. Dieses Fest war kein lautes, keines mit Gastmahl und Bewirtung, mit Musik und gar Tanz (denn heutzutage tanzen die alten Herren so rüstig wie die jungen), nein: es sollte ein stilles Fest sein, ein leise zwischen Heiterkeit und Wehmut schwankendes; es stand nicht unter dem immer noch hell leuchtenden Stern der Gegenwart, sondern die Seele dieser Feier wurde aus den Schatten der Vergangenheit beschworen. Die drei alten Herren feierten nicht sich, sondern eine Erinnerung an ihre Jugend, und - auch nicht eine Erinnerung schlechthin, sondern eine Gestalt, eine Person, einen Menschen, welche sich mit einem starken, tiefen und nachhaltigen Erlebnis in den Gedanken des einen ober anderen der drei Greise eingegraben hatten, unauslöschlich auch noch in so späten Jahren. So gedachte man eines Lehrers, der einst verehrt worden war und der nun, nahe an die Neunzig, über den Gruß längst vergessener Schüler sich wunderte und den Sinn einer Gabe, eines Geschenkes mit einem schon altersschwachen Verstand nicht begriff; man brachte sich einer Frau in Erinnerung, welche, nun längst Mutter und Großmutter, beim Anblick einer Blumenspende an eine inzwischen von vielen härteren Wirklichkeiten zugedeckte traumhafte Stunde aus sehr jungen Tagen erinnert wurde. Die Spenden der drei Freunde geschahen auf zarte und unaufbring« üche Art unb ebenso zart unb leise und still wurde der Tag dem Gedächtnis der eigenen Jugend gewidmet. Es war wie das Bekränzen eines Bildes, wie ein Blumenopfer vor einer geliebten Statue. In diesem Jahre reihten sich in den Spielplan des Theaters der Stadt Eine Anzahl Werke, durch welche die drei Freunde an eine Schauspielerin erinnert wurden, die einst in diesen klassischen Dichtungen ihr Herz zu Begeisterung und edlem Aufschwung emporgerissen hatte. Jene Jähre waren dahin, die Begeisterung der Jugend war einer Abneigung gegen den heutigen Schauspielstil gewichen, und wie die Freunde dem Theater jetzt fast fremd gegenüber standen, so hatte auch Marianne Borina den Staub der zauberischen Bretter, welche allabendlich den Boden eines Märchenreiches bilden, von Fuß unb Gewand geschüttelt uud sich in einen thüringischen Kurort zurückgezogen, um den Abend mrcs Lebens ruhig und in Abgeschiedenheit hinzubringen. Die drei Freunde tauschten ihre Erinnerungen aus; das Bild der vergötterten Schauspielerin trat stark vor ihre Seele. Sa beschlossen sie, m diesem Jahre der Borina a«f schöne unb ritterliche Weise zu gebenten. Sie beratschlagten lange, dann aber dachten sie, daß es am besten sei, tn den Kurort zu fahren, die alte Schauspielerin auszusuchen und ihr durch einen Besuch dafür zu danken, daß sie in der Erinnerung von tret alten Herren in so wunderbarer Lebendigkeit Auferstehung feiere. Sie wußten freilich nicht, wie die Frau ihre Huldigung ausnehme» würde. Aber vielleicht empfing die Borina die Gnade ihres Greisentum» wie sie selbst; sie zählte ihre Jahre mit ruhiger Ergebung in Gottes Fügung und ohne Schmerzen auf einen Anruf nach oem stillen Lande des Jenseits wartend; diese geruhsame Heiterkeit ließ sie alljährlich ein solches Fest der Erinnerung mit Anstand und Frohsinn feiern. Sie drei Männer nahmen in einem Hotel des Kurortes Wohnung und erkundigten sich nach der Schauspielerin. 3er Wirt wußte nur, daß die Bewohner des Landhauses Sorina recht zurückgezogen lebten, wie eingekuschelt zwischen Bäumen, Hecken und Strckuchwerk. Nun: die drei alten Herren sagten, daß sie nichts überstürzen würden, schließlich waren sie ja auch zu ihrer Erholung auf einige Tage hierhergefahren, also sandten sie ihre Karten in das Landhaus und ließen in einigen Zeilen den Zweck ihres Besuches durchblicken. Ser Bote kam mit der Nachricht zurück, daß Frau Sorina, die sich nicht ganz wohl fühle, eine Nachricht schicken werde. Ser Tag sank und der Abend war mild unb duftig, das Tal roch nach Tannen so stark, daß man meinte, jeder Ziegelstein, jede Tür im Haus habe diesen Waldgeruch. Sie drei Freunde machten um diese Stunde einen Spaziergang durch den Ort. Ser Himmel war klar unb der Mond wanderte mit voller Scheibe über den sternbesäten Himmel. Nicht aus Zufall, sondern mit dem erkennbaren Wunsche, einen Blick in das Haus oder den Garten der Sorina zu tun, lenkten die Männer ihre Schritte dorthin. Es war schon spät, nach zehn Uhr. Das Haus lag mit feiner Vorderfront dunkel. Eine hohe Hecke versperrte jede Einsicht in den Garten. Aber als die Freunde nach Einbiegen in einen Seitenpfad sich der Rückfront des Hauses näherten, glaubten sie Licht in der Villa zu bemerken. Zwischen Straße unb Haus dehnte sich langgestreckt der Garten, den eine hohe Mauer umgab, es war auch hier nicht möglich, Einschau zu halten. In diesem Augenblick bemerkte einer der Freunde in dieser Mauer eine Tür, die unter hängendem Efeu verborgen war unb mehr aus Mutwillen, als mit ber Absicht, einzubringen unb keineswegs in bem Glauben, baß sie sich öffnen würde, drückte er auf die Klinke. Sie gab nach. Da der Schlüssel von innen steckte, so lag sicher ein Versehen des Gärtners vor, denn es war gegen alle bisher gemachte Erfahrung und stand im Widerspruch zu den Schilderungen des Wirtes, daß in diese so behütete Burg auf allzu leichte Weise Eingang zu gewinnen war. Sie standen einen Augenblick verdutzt, aber an diesem dem Andenken an ihre Jugend geweihten Tage erhielten auch Uebermut und Schelmerei Macht über sie: leise ließen sie die Türe in den Angeln gehen und traten ein. Für die Eindringlinge über die Maßen günstig, standen zwischen Haus und Mauer in dem langen Garten Gebüsche und Baumgruppen so dicht, daß die drei Freunde im Schutze von Busch, Blatt und Dunkelheit sich unbemerkt dem Hause nähern konnten. Sie entdeckten, daß die Lichtflut nicht aus Fenstern kam, sondern in breiter Front über eine Art Terrasse schoß, welche unmittelbar mit dem Hause verbunden war. Zwar meinten die Freunde, daß es gewagt sei, weiter in dem fremden Garten zu verweilen, aber Neugier hielt sie noch an ihrem Platze fest, ein unbestimmbares Gefühl ließ sie auf eine Erklärung warten, weshalb diese ungewöhnliche künstliche Helligkeit über diesen Teil des sonst düsteren und dunklen Hauses ausgeschüttet war. Da trat eine Frau auf die Terrasse. Sie Lauschenden sahen es, ihr Atem stockte. Biese Frau war kostümiert, sie trug ein elisabethanisches Kostüm. Mit einigen Schritten durchmaß sie die Terrasse, ihre Bewegungen waren groß und habet von einem seltsamen, ungewöhnlichen Pathos. Jetzt konnten die Männer auch in dem bühnenscheinwerserhaft flutenden Licht bas geschminkte Antlitz erkennen, jetzt sahen sie nicht nur Ge- bärben, sie hörten auch eine Stimme: „Laß mich der neuen Freiheit genießen, laß mich ein Kind sein, sei es mit! Und auf dem grünen Teppich der Wiesen prüfen den leichten geflügelten Schritt!" Sie drei Freunde erschauerten. Sie erkannten die Borina. Sie Stimme war brüchig, von einer gekünstelten, krampfhaften Schrillheit, als wolle die Besitzerin ber Stimme vergeblich einen großen Raum meistern unb als wichen bie Begrenzungen dieses Raumes höhnisch vor ihren Bemühungen zurück. Nun wendete sich die alte Schauspielerin gegen eine gedachte, un- sichtbare Mitspielerin und redete die Worte der Maria Stuart, als die (ie «inst Herzen und Sinne bezwungen und erhoben hatte, redete tönern, leer, ohne Klang: „Bin ich dem finstern Gefängnis entstiegen, Hält sie mich nicht mehr, die traurige Grust? Laß mich in vollen, durstigen Zügen Trinken die freie, die himmlische Lust!" Die drei Männer, welche in jedem Jahre eine Erinerung an ihre Jugend leicht und mit einer heiteren Weisheit, mit einein nassen und mit einem trockenen Auge, wie man sagt, feierten, erkannten, das dort auf der dühnenrecht erleuchteten Terrasse ein Mensch Jugend feierte, Erinnerung ausgrub, wie sie, nur nicht auf so leichte, gleitende, freundliche Art. Die Lorina, welche die Falten ihres Gesichtes nur mühsam oerschmiilken, aber auf keinen Fall den warmen jungen Laut ihrer-einstigen Stimme zurück- zaubern konnte, sprach vor dem Publikum, das nicht aus Menschen, sondern aus Gras, Baum, Blume, Himmel bestand, Monologe, welche einmal die Menschen hingerissen hatten. Zu alt, mit versagender Stimme noch aus der Bühne zu stehen, hinweggefegt von einer neuen Zeit, rettete sich die Alte in diesen Trug, in diese Täuschung. Sie spielte Totes, sie nahm die Abgeschiedenen aus ihren Gräbern.' Sie betrog das Alter mit dem Spiel, welches sie ihrer Erinnerung entriß. Die drei Freunde waren sehr still. Der Baum über ihnen rauschte mit seinen Blättern in leisem Abendwind, und die Borina hatte auf der Terrasse ihren Monolog zu Ende gesprochen. Aber noch bewegte sie sich in dem alten Kostüm, es sah aus, als flattere ein Nachtfalter gegen ein unbarmherziges Licht. Die drei alten Herren empfanden Schmerz. Denn nun war ihre Erinnerung an die große Dorina gestorben, sie hatten erkannt, daß der Geist der Erinnerung nicht immer auf geruhige Weise und mit weisem Lächeln heraufrufen kann, sondern daß Gewesenes auch gespenstisch fein kann, wie Tod, wie etwas, das durch Beschwörung dem Jenseits entrissen wird und grausig und zum Erschrecken ist. Die Freunde waren fast sroh, als sie am nächsten Tage die Nachricht erhielten, Frau Sorina lasse für die Ehre danken, aber sie fei nicht wohlauf und man möge einer Greisin verzeihen, wenn sie die Herren nicht empfange. Von den Blumen, welche sie ihr mit einigen Worten der Verehrung schickten, konnten ihr noch einige auf das Grab gelegt werden. Als die Freunde wieder in S. anlangten, erfuhren sie vom Tode der Dorina, die im hohen Alter plötzlich verschieden sei. Der Monolog auf der Terrasse war ihr letztes Auftreten gewesen. Ivo Barburiza, der Salpeterfürst. Von Kurt I e s e r i ch. Das ist die Geschichte, die man oben in den Pampas erzählt, wenn man des Abends in den ärmlichen Baracken der Cantinas beisainmen sitzt und sich süßlichen Pisco oder scharfen Whisky hinter die Binde gießt und der vergangenen goldenen Zeiten gedenkt, in denen es noch leicht war, aus gewonnenem Salpeter gutes Geld zu machen. Das waren noch Tage an der Westküste ... damals ... viva Chile, mierda ...! Es ist die Gefchichte, die sich Matrosen auf jugoflawischen Fracht- dampfern erzählen, des Nachts, wenn sie Wache haben und das Schiff durch die ewige lange Dünung des Stillen Ozeans schlingert und sie sprechen immer wieder von ihr, denn es ist schön sie zu hören und die Zeit vergeht und die Seemeilen ziehen vorüber, viele Seemeilen, denn es ist ein langer Weg bis Europa! Es ist die Geschichte, die Börsenmakler in London einander in die Ohren raunen, in Paris hörte ich sie neulich beim Lunch im „Ritz" an der Place de Vendöme, unlängst ist sie auch auf den Promenaden von Cannes und Nizza aufgetaucht. Phantasie hat ihr ein buntes Kittelchen geliehen, der Klatsch hat sie ausfrisiert und Neid verfolgt sie aus leisen Sohlen.Es ist die Geschichte eines Lebens, über dessen Weg ein Stern leuchtete, ein kalter, strahlender, präck)tiger Stern ... ein Komet vielleicht, der Komet des Glücks! Vor etwa dreißig Jahren ankerte auf der Reede von Jquique ein österreichischer Frachtdampfer. Die Wintschen ratterten und ließen Ballen auf Ballen der weißen Salpetersücke in den Ladeluken verschwinden. Drüben an der Küste zogen Wolkenfetzen um die traurigen Berge der Cordilleren und die Holzbaracken der kleinen Stadt drückten sich an die Felswand, als hätten sie Angst, die gewaltige Brandung des Stillen Ozeans könne über sie hereinbrechen, sie zertrümmern, verschlingen, aus- streichen ... An der Reeling stand ein Dalmatiner Matrose und schaute an Land: Jn diesem elenden Loch also wohnten die Männer, denen die Pesoscheine ins Haus flatterten, dachte er, über diese Berge hinweg geht ihre Straße, dessen Wegweiser die haushohen Stauden der Kakteen sind, bis hoch hinauf in die weiße Salpeterebene der trostlosen Pampa. Da oben graben sie den salzigen Schatz, der ihnen Vermögen brachte, während man selber mit dem kärglichen Lohn von ein paar Kronen Wochen und Wochen durch die Einöde der Ozeane fährt. Die Pampa konnte nicht schlimmer fein! Salpeter! Pesos! Reichtum! — Wünsche kamen über ihn, vielleicht vergingen sie wieder, denn er schaute den endlosen Reihen der Pelikane zu, wie sie von einer oben Bucht in die andere zogen. Des Nachts schlich sich der Matrose mit seinem Hab und Gut an Land und kehrte nie wieder zurück. In der Schiffsliste strich man den Namen „Ivo Barburiza" und fetzte dahinter den Vermerk „desertiert". Ivo ging herauf in die Pampa und arbeitete wie jeder andere auch, Spitzhacke, Schaufel und Sprengpatrone waren fein Handwerkszeug und nichts unterschied ihn von dem großen Heer der Abenteurer, das da zusammengekommen war um reich zu werden. Mühsam war es und kümmerlich, zwar gab es guten Lohn, aber was nutzte das, wenn er in Pisco zerfloß, ober bei Weibern hängen blieb, in den paar Tagen, die man zuweilen an der Küste verbrachte. Eines Tages war der Salpeterarbeiter Ivo verschwunden, wurde Fischerknecht, sparte fein Geld, bis er ein Boot kaufen konnte, eine „Laucha", die den Personen- und Gepäckverkehr zwischen den ankommenden Dampfern und der Küste aufrecht erhielt. Denn Häfen gab es und gibt es noch heute kaum in Chile. Das Geschäft ging gut und Ivo sparte. Einige Jahre später wurde in Jquique eine „Lebensrnittel- und Fouragehandlung Ivo Barburiza" gegründet, die die Pampa mit allem belieferte, was man oben auf den Salpeterfeldern brauchte. Preise machte man nach Gutdünken, denn Konkurrenz gab es nur wenig und leben mußten die in den Bergen doch auch. Und man bezahlt sogar für den einzigen Trost, den es bort oben gibt: Schnaps unb Whisky!! Das also war der rechte Weg zum Reichtum, dachte Ivo und erhöhte den Preis für Konservenfleisch um einen Halden Peso. Was tat es, man war auf ihn und feine ganz wenigen Kumpane angewiesen. Die hielten zusammen und hielten die Preise. Niemand dachte daran, bah es Wuchergelb war, was ihnen in den Taschen klimperte. Das war nun eben mal so! Bastante! Die Jahre vergingen, man trug Geld auf die Bank, spekulierte, — aus einigen tausend Pesos wurden hundert Pfund, man spekulierte wieder unb gewagter, was konnte schon schief gehen an ber erwachenben Westküste! Aus den hunbert Psunb wurde Tausende. Ja bas waren noch Zeiten in ber Salpeterpampa! Unb bann schlug ber Weltkrieg seine rote Brandfackel in die Staaten Europas. Auch in Chile stockte der Handel, die Schiffe liefen nicht aus, an ber fübamerikanischen Küste kämpften deutsche Geschwader mit den Engländern, ber Weg nach Europa war gesperrt, das Salpeter« aeschäft stand still, die Aktien sanken ins Bodenlose, die Herren ber Pampa verloren den Kops! Was nun? Barburiza kalkulierte: war der Krieg schnell beendet, ging alles wieder feinen alten (Sang. Dauerte der Krieg lange, und blieb ber Seeweg verschlossen, ging man bem Ruin entgegen, würde aber Europa den Verkehr mit Chile wieder aufnehmen, unb das war bas Wahrscheinliche, benn die großen Heere fchosfen mit Stahl unb Pulver, unb zur Herstellung von Pulver braucht man Salpeter, ja bann waren Millionen zu verdienen, wenn er recht lange dauerte. Es war ein Vabanquespiel, aber Barburiza hat es gewagt unb heute wissen wir alle genau, bah er es glänzend gewonnen hat. Am August 1914 kaufte er für den Betrag seines ganzen Vermögens fast gänzlich entwertete Salpeterakiien. Unmitelbar darauf erfolgte die Vernichtung des deutschen Geschwaders bei Falkland, unb halb trafen die ersten alliierten Schiffe ein, um Salpeter zu laben. Die Aktien stiegen, bas Geschäft blühte, wie nie zuvor, unb Barburiza, der nunmehrige Besitzer einiger Salpeterminen war mit einem Schlage ein reicher Mann. Jetzt hörte man feinen Namen zum ersten Male auf der Börse in London. Gesellschaften wurden gegründet, in denen fein Geld steckte, Geschäfte wurden getätigt, Spekulationen unternommen, alles glückte, denn alles stand unter ber Devise „Krieg in Europa"! Aus Zehntausenben würben Hunberttausenb unb Millionen von Pfunden. Der Kriegsgott zahlte großzügig für Salpeter! Reichtum war also erreicht, das Ziel, das sich einstmals ber erlaufene Matrose gesetzt hatte. Aber bes Menschen Sehnsucht ist unerschöpflich. Wer Gelb hat, will auch Macht. Barburiza war ein Dalmatiner, feine Heimat hatte er nie vergessen. Diese Heimat kämpfte auf Oesterreichs Seite, in Wahrheit aber kämpfte sie um ihre Freiheit. Mit Bardurizas Gelb und Mithilfe würbe während des Krieges die erste jugoflawifche Regierung jufammengefteUt, die ihren Sitz in London hatte. Der Abfall ber slawischen Truppen von ber k. u. k. Armee war nicht zum kleinen Teil feinem Einfluß zu verbanfen. Die Freiheit seiner Heimat kam unb mit ihr der Friede. Der Welthandel lebte wieder auf und Barburiza gehörte jetzt zu den wenigen Großen, die ihn regierten. War das Macht? Vielleicht! Aber sie genügte nicht. Alle Staaten ber Erde durchlebten die Nachkriegswehen, Unzufriedene gab es überall mehr als sonst. In Chile murrte bas Volk. Das war eine Gelegenheit! Der General Altamirano stürzte bie Regierung, proklamierte die Revolution, unb Barburiza finanzierte sie. Aber es wurde, wie man in Chile nicht mit Unrecht sagt, eine Revolution ber Schieber. Die neuen Machthaber waren balb entthront, mit ihnen Barburiza, der unumstrittene König der Salpeterminen. Generale zieht man zur Rechenschaft, was aber tut man mit Finanzputfchisten, an deren Kapital bas Wohl und Wehe bes gesamten Staates hängt? Der Mann, ber den bisher größten chilenischen Scheck unterschrieb, ber Häfen baute, dessen Schisse Salpeter holten, der die gesamten Fleischkonsumenten Nordchiles versorgte, dem Krankenhäuser, Fabrikanlagen und fast die ganze Pampa gehörte, diefer Mann, der nod) dazu ein Landfremder war, konnte nicht anders, muhte immun bleiben. Aber gegen den unglücklichen Revolutionär stand die Stimmung des Volkes. Das Volk forderte Sühne. Barburiza hätte nicht Barburiza fein müssen, um nicht die Gefahr zu erkennen, die im Falle einer neuen Revolte bem Wirtschaftsleben Chiles unb damit feiner Wettmachtstellung drohte. Wie fchon zweimal in bem Geben feines unerhörten Aufstieges suchte er sein Glück im Verschwinden unb verschwand nach England. Kurze Zeit regierte er seine Welt aus seinem Palast am Leadenhall. Aber in London war man bem einstigen treuen Verbündeten englischer Kriegsinteressen nicht sonderlich wohlgesinnt. Barburiza ging nach Paris. Dort scheint er bleiben zu wollen, dahin hat er sich seinen Chauffeur, seine Vertrauten aus Valparaiso nachkommen lassen. Bon dort leitet er seine Agenturen in allen bedeutenden Plätzen der Welt, dort unterzeichnet er Kaufverträge unb arbeitet vom frühen Morgen bis in den späten Abend, so, wie er einstmals arbeitete, als es galt, in seiner kleinen Officina in Jquique mühselig erworbene Pesos zusammenzukratzen. Unb das Seltsame ist: biefer Mann ist ohne Erben. Niemanden gibt es, ber ihm verwandt wäre, fein einziger Neffe starb vor einigen Jahren in Chile. Auf einem 12 000-Tonnen-Dampfer war fein Leichnam bie einzige Fracht nach Europa. Unter einem prunkvollen Denkmal ruht er im Felsen einer Dalmatiner Insel. Barbunzos Schisse bampfen über die Ozeane, fein Name klingt gut in den Pm lüften ber Welthanbelsbörsen unb feine Geschäfte finb golbene Fl Modi e hoch oben in ben Cordilleren entspringen, bereu ungekrönter Komg kr ist. Barburiza ist reich geworden und — alt. Er ist ein König und er i[t — allein. Ob er ein glücklicher König ist? Das wissen sie alle nicht, die seine Geschichte erzählen, in Paris, London oder Santiago. „Nach Seeiöo, nach Sevilla!" Spanisches für die gebildete Welt. Von Dr. Lenore Kühn. Nein, cs ist nicht ganz so, wie der Dichter singt: „Die Schönen von Sevilla — Mit Fächer und Montilla — Blicken den Strom entlang", — denn der Guadalquivir (auf deutsch „der große Fluß") hat wegen seines Tiefgangs zwar eine große kommerzielle Bedeutung — Sevilla ist erst kürzlich im Handel von ihrer nördlicheren Schwesterstadt Barcelona überflügelt worden — aber gesellschaftlich sozusagen spricht der Guadalquivir in dieser einzigartigen Stadt keineswegs eine Rolle. Aber sonst stimmt es doch, mit dem Fächer und der Montilla und den Schönen von Sevilla, die vielleicht der größte Schmuck dieser zauberhaften und liebenswürdigsten Stadt sind. Jede Frau wird dort zu einem Gemälde durch die stolze, hochgetürmte aus uralter Tradition umgebildete Epitzenschleiertracht über dem schimmernden Riesenkamm, und die sran- semvogenden buntgcstickten „Mantones", die großen Tücher tragen dazu das Ihrige bei. Und selbst die Zeitungsfrau steckt sich noch Rosen ins Haar. — Da ich geradezu verliebt in die Stadt und ihre Bewohner bin, fällt es mir schwer, der Reihe nach ihre Reize auszuzählen. Für solche, die an falscher Romantik leiden, sei gleich bemerkt, daß die landschaftliche Umgebung Sevillas bei der Einfahrt enttäuscht. Richtige biedere Feld- und Wiesenlandschaft. Was auch das Land an Romantik und Schönheit birgt, erfährt man erst bei den sog. „Romerias" (Kreuzung zwischen Prozession und Landpartie), wo die kecken, bildhübschen Mädel mit buntem Falbelrock und Zipfeltücher auf dem Kopf, verwegen aus der Kruppe des Pferdes hinter ihren Burschen sitzend, einhergaloppicren. Auch die Stadt präsentiert sich zunächst zwar nur wie eine gemütliche und keineswegs aufregend sensationelle Mittelstadt. Aber schon vor der Ornamentik des Rathauses, das fo beiläufig an einem Platz liegt, bleibt man mit offenem Munde stehen. Biegt man in eine der Seitengäßchen — fabelhaft schmal und fabelhaft sauber, wo die Balkons sich gegenseitig säst in die Fenster gucken, — und hat man das mit einigem Leiden geschmückte Glück, in einem „echten", vergitterten Sevillaner Haus (mit Oeffnungs- und Schließvorrichtung von mittelalterlicher Primitivität) bei einer „echten" freundlichen Sevillaner Wirtin zu wohnen, so steigt einem schon das Parfüm dieser merkwürdigen Sevillanerstimmung in die Rase. Dreifach konzentriert in der Calle de los Sierpes, kürzer „Sierpes" genannt, die eigentlich in ihrer salonartigen Stimmung nur mit dem Mär- kusplatz in Venedig verglichen werden kann. Es ist eine Verkehrsader, wo es keinen Fährverkehr gibt und wo den ganzen Tag in den Cafes und Läden, ebenerdigen Klublokalen (bloß zum Gaffen auf die Straße geschaffen) eine unbegreiflich gutgelaunte Menschenmenge in geschäftigem Müßiggang einherflaniert. Betritt man den Dom, — um den weltberühmten „Giralda", das Wahrzeichen Sevillas zu ersteigen, — so befällt einen das zweite große Staunen. Diese mystisch dämmrige Riesenhöhle hat Dimensionen und Proportionen, die sich nur mit dem Inneren des Domes von Chartres vergleichen lassen — die herrlichste Gotik, die sich denken läßt. Was sonst noch darin ist, — so daß große Retabel des Mittelschiffs und das mächtige Prunkdenkmal des Columbus — davon liehe sich allein schon seitenlang erzählen. Daneben dann plötzlich ein orientalischer Hof mit Orangenbäumen und kostbaren arabischen Nischen aus der einen Seite, — auf der andern die Wunder des Mkazar, der Königsburg Sevillas. Nicht diesen traumhaften Spitzenhöfen der maurischen Phantasie, die hundersach geschildert sind, wohl aber den Parks und Gärten Sevillas möchte ich noch ein Loblied fingen. Schon wegen der „Jardines de Murillo", einer öffentlichen Anlage — wo kein Stück Papier herumliegt in den wunderbarsten blütenstrotzenden Wandelgängen —, wegen des Parks Maria Luise und wegen der Gärten des Alkazar — letztere jetzt ein wenig vernachlässigt und nicht von so vollkommener Schönheit wie die andern beiden ■— würde es sich verlohnen, quer durch Europa vnb quer durch Spanien den recht beschwerlichen langen Weg zu machen. Geht man chintcr dem weiten Komplex des Alkazar durch stille winklige, schattige Mauerstraßen, wo einem Rosen und Schlinggewächse aller Art sozusagen bis auf die Nase hängen, und betritt man die „wohlgeordnete Mannigfaltigkeit" der stilisierten Wandelgünge der „Jardines de Murillo", mit ihren niedrigen Hecken, Laubbögen, Brunnen und langen Promenaden inmitten einer tropischen Vegetation, so meint man, die vollkommenste öffentliche Gartenkunst zu erblicken. Es stört auch merk- würigerweise gar nicht, daß dazwischen ganz primitive kleine volkstümliche Trink- und Speisehallen liegen. Die gleiche Selbstdisziplin und gebildete, rein ästhetische Freude der Bevölkerung, die keine Blume abreist und, wie gesagt, kein Fetzchen Papier verstreut, macht den riesigen rarque Maria Luisa (in dem jetzt oer größte Teil der Jbero-amerikanischen Ausstellung gelegen ist), zu einem Gesamteiudruck von vollkommener Schönheit. Es sei nur noch eine Tatsache als Beleg der Wohlgesittetheit des Sevillaners erwähnt. Eten im Park ist ein von Majolika-Ruhebänken umgebener erhöhter Platz gelegen, die „Glorieta de Cervantes", übrigens mit den geschmackvollsten und lustigsten Episodenschilderungen aus dem Leben Don Quichotes aus den Majolika-Kacheln der Bänke, in modern konzisem Stil. H>er sind auch zierliche Bücherbehälter mit Fächern aus dem gleichen Material aufgestellt; zur Belehrung und Zerstreuung der Rastenden lagen »ort die Werke von Cervantes aus — wohlweislich nur bis zur Hoffnung der Ausstellung, d. h. dem Zustrom der Fremden. Es ist nie f|n Buch aus diesen öffentlichen Bücherregalen verschwundOi. m ,®er „Parque Maria Luisa" ist ein Märchen.. Ich stehe nicht an, trotz -llersackles, Sanssouci, Schwetzingen, Villa Borghese oder anderen berühmten und herrlichen Parks ihn für vielleicht den schönsten Park Europas zu halten. Allerdings tat wohl die Natur das meiste dazu, aber die Kultur hat sich so diskret und phantasievoll schmückend eingesügt, daß sogar im Zustande einer Ausstellung — was viel besagen will, — die Schönheit dieses tropischen Urwaldes mit eingestreuten Inseln von durchziselierten Stilgärtchen und Bassins und Fontänen von immer neuen reizvollen Formen nicht zerstört werden konnte. Der Baumwuchs ist unerhört großartig und die gründämmerigen langen Alleen und Laubengänge, die hochragenden Koniferen und Palmen, Kaskaden und Parterres von leuchtend rosa oder tiefroten Rosen, hellblauen Jasmin, lilaroten Vougainvillien, die gegen dunkle Zypressen stehen oder die Gebäude dicht umranken, ober sich in Kanälen und Teichen spiegeln, wo die großen rosa und weihen Wasserrosen schwimmen, — kurz, das Geblühe und Ge- grüne aller Arten und aller Orten ist wahrhaft phantastisch. Im übrigen aber ist von der alten maurischen Garten- und Wasserkunst, mit den zierlich halbrunden, einfach profitierten, blankbunten Kachelbänken den schön gemusterten Brunneneinfassungen schimmernden Bassins und Fontänen das Hauptgepräge dieses Parkes bestimmt. Es ist erstaunlich, welcher Reiz dem Wasser als solchem abgewonnen wurde. Schwäne, Enten, Pfauen, Tauben beleben die Flächen und Plätze, klagende Waldvögel flöten geheimnisvoll im Dickicht des Abends, wenn der Park in phantastischen Farben erglüht. Die Äusstellungspaläste, alle mehr oder weniger durch hispanischen Stil zusammengetönt — fügen sich schön in dieses wunderbare Gelände, das den Gang von Palast zu Palast zum genußreichen Spaziergang macht. Sie sind charakteristisch, mit den Volksmotioen der alten süd- amerikanischen Kulturen in durchaus modern dekorativem Sinne geschmückt. Das Schönste ist ohne Zweifel der echt spanische großartige Hauptpalast und die Gestaltung der „Plaza de Espana" von Gonzalez. Der riesige halbkreisförmige Palast mit flankierenden hohen Türmen und heiter blitzenden Majolikakuppcln in hellblau und gelb ist ebenso charaktervoll wie vornehm. Die dekorative Ausstattung ist auf dieser ganzen Jbero-amerikanischen Ausstellung erstaunlich gediegen und vornehm im Geschmack, bis zu jedem Stuhl und bis zum Tintenfaß des vornehm- behaglichen Pressepavillons. Das gleiche gilt von der ausgestellten Dekorationskunst. Argentiniens wie Portugals, bej eleganten Kasinos der Stadt Sevilla wie des kostbaren Palastes von Peru. Zwei riesige Paläste bergen nur spanische Kunst — köstliche Dinge, reiche Silbcraltäre aus Südspanien und herrliche Skulpturen der Kirchenkunst. Der „Pabellon real" und das sog. „Landhaus von Goya" (woselbst eine der seltenen Geschmacksentgleisungen in panoptikumartigen Szenen sichtbar ist) ergänzen diese Kunsteinbrücke mit kostbaren Gobelins, Fächerausstellung (ein Studium für sich!). Allein die Buchdruckausstellung im Hauptpalast (mit bibliophilen alten Drucken und hochinteressanten Schriftstücken prähistorischer Zeit), die großen sorgfältigen Kolonial-Ausstellun- gen Spaniens und Portugals, die angewandte Kunst und handwerklichen Produkte der großen südamerikanischen Staaten und die erwähnten einzigartigen Kunstausstellungen gaben vom ersten Tage der Eröffnung an eher ein Zuviel als Zuwenig für den Besucher und inzwischen sind noch die Charakterpavillons der gesamten spanischen Provinz und andere Gebäude vollzählig hinzugetreten. Das beispiellose Abenteuer des Hans Pfaall. Von Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) Mit den Geldmitteln verschaffte ich mir nach und nach sehr feines Resseltuch und Batist in Stücken von je 12 Ellen, Schnur, eine Menge Kautschukfirnis, einen großen, tiefen, auf Bestellung angefertigten Weidenkorb und verschiedene andere Dinge, die zum Bau und zur Ausstattung eines Ballons von außergewöhnlicher Große notwendig waren. Ich veranlaßte meine Frau, ihn so rasch wie möglich fertig zu machen, und gab ihr alle möglichen Anleitungen für bas besonbere Verfahren. Inzwischen verarbeitete ich den Zwirn zu Netzwerk von ausreichenbem Umfang, takelte es mit einem Reifen unb den nötigen Tauen und kaufte zahlreiche Instrumente unb Material, um in den Regionen der höheren Atmosphäre Versuche anzustellen. Dann ergriff ich bie Gelegenheit, in eine verborgene Gegenb im Osten von Rotterbam fünf eisenbeschlagene Fässer zu schaffen, jebes von etwa SO Gallonen Inhalt, unb ein noch größeres, sechs Zinnröhren von drei Zoll Durchmesser, passender Form unb zehn Fuß Länge; außerbem eine Menge einer besonberen metallischen Substanz, eines Halbmetalls, bas ich nicht nennen will, nebst einem Dutzend Korbflaschen mit einer ganz gewöhnlichen Säure. Das Gas, bas aus letzteren Bestanbteilen gcbilbet wird, ist niemals von einem anderen Menschen als von mir hergestellt, oder doch wenigstens nie zu einem ähnlichen Zwecke verwendet worden. Ich kann nur die Behauptung wagen, daß sein wesentlicher Bestandteil Stickstoff ist, daß es bisher für nicht reduzierbar galt unb daß feine Dichtigkeit etwa 37,4ma( geringer ist als bie von Wasserstoff. Es ist geschmacklos, aber nicht geruchlos; brennt, wenn unvermischt, mit grünlicher Flamme unb wirkt sofort tobbringenb auf tierisches Leben. Ich würbe mich nicht scheuen, bas ganze Geheimnis offen barzulegen, wenn es nicht (wie ich vorhin schon erwähnte) von Rechts wegen einem Bürger von Nantz in Frankreich gehörte, ber es mir bedingungsweise mitteilte. Dieselbe Persönlichkeit überließ mir auch — ohne eine Ahnung von meinen Absichten — ein Verfahren, Ballons aus ber Haut eines gewissen Tieres zu bauen, einem Stosse, burch ben das Ausströmen von Gas fast unmöglich jein soll. Ich fanb es aber doch zu teuer unb nahm schließlich auch an, daß Batist unb Nesseltuch mit einem Ueberzug von Kautschukfirnis ebenso gut seien. Ich erwähne biesen Umftanb, da ich es für wahrscheinlich halte, daß späterhin bie betreffenbe Persönlichkeit einen Ballonausstieg versuchen wird und ich ihr bie Ehre einer ganz vorzüglichen Erfindung nicht streitig machen will. An allen Stellen, wo eins ber kleineren Fässer während der Füllung des Ballons liegen sollte, grub ich heimlich kleine Hohlen, die auf diese Weise einen Kreis von 25 Fuß Durchmesser bildeten. In ben Mittelpunkt dieses Kreises, der fiir das größte Faß bestimmt war, grub ich wieder eine Höhle, aber von größerer Tiefe. In jede der kleinen Vertiefungen legte ich einen Blechkasten, der 50 Pfund, und in die größere ein Fäßchen, das 150 Pfund Schießpulver enthielt. Das Fäßchen und die Blechkästen verband ich in zweckmäßiger Weise mit einer verdeckten Zündleitung, und nachdem ich in einen der Blechkasten das Ende von etwa vier Fuß Zündschnur eingeführt hatte, bedeckte ich die Höhle, legte das Faß darüber und ließ das andere Ende der Schnur kaum sichtbar etwa einen Zoll aus dem Faß herausKngen. Dann stillte ich die übrigen Höhlen aus und setzte die Fässer in der für sie bestimmten Lage darauf. Außer den oben angeführten Gegenständen brachte ich auch einen der von Grimm verbesserten Kondensierungs-Apparate für atmosphärische Luft in das Lager und versteckte ihn dort. Ich fand jedoch, daß diese Maschine noch erheblicher Abänderung bedurfte, bevor sie den Zwecken, für die ich sie verwenden wollte, angepaßt werden konnte. Aber durch angestrengte Arbeit und unermüdliche Ausdauer erreichte ich einen vollen Erfolg für alle meine Vorbereitungen. Mein Ballon war bald fertig. Er sollte mehr als 40 000 Kubikfuß Gas enthalten und mich nach meiner Berechnung leicht in die Höhe bringen mit allen Geräten, wenn ich sie richtig verstaute, und obendrein 175 Pfund Ballast. Ich hatte drei Firnisüberzüge und fand, daß das Batistneffeltuch allen Zwecken ebenso entsprach wie Seide, genau so fest war und sehr viel billiger. Als alles fertig war, erzwang ich von meiner Frau einen Eid der Verschwiegenheit über alles, was ich seit dem Tage meines ersten Besuches in der Buchhandlung unternommen hatte, versprach ihr meinerseits, sobald es die Umstände gestatteten, zurückzukommen, gab ihr das wenige Geld, das ich noch besaß, und sagte ihr Lebewohl. Ich sorgte mich gar nicht um sie. Sie war, was man eine tüchtige Frau nennt, und konnte sich ohne meine Hilfe in der Welt durchschlagen. Ehrlich gesagt, glaube ich, daß sie mich immer für einen Faulpelz hielt, eine schwere Zugabe, die nur dazu taugte, Luftschlösser zu bauen, und daß sie eigentlich froh war, mich los zu sein. Es war tiefe Nacht, als ich mich von ihr verabschiedete; ich nahm die drei Gläubiger, die mich so sehr gequält hatten, als aides-de-camp mit, und wir trugen den Ballon mit Gondel und Zubehör auf einem Umwege an die Stelle, wo die anderen Gegenstände lagen. Dort fanden wir alles unberührt, und ich begann sofort meine Arbeit. Es war der erste April. Wie schon gesagt, war die Nacht dunkel, kein Stern zu sehen, und ein feiner Sprühregen fiel von Zeit zu Zeit, was uns recht unbehaglich war. Aber meine größte Sorge galt dem Ballon, der trotz des schützenden Ueberzuges durch die Feuchtigkeit anfing ziemlich schwer zu werden. Deshalb ließ ich meine drei Gläubiger sehr fleißig arbeiten, gestoßenes Eis rund um das Mittelfaß legen und die Säure in den anderen umrühren. Aber sie hörten nicht auf, mich mit Fragen zu überhäufen, was ich denn mit allen diesen Vorrichtungen vorhabe und brachten ihre Unzufriedenheit über die schreckliche Arbeit, die ich ihnen aufzwang, zum Ausdruck. Sie konnten nicht einsehen (sagten sie), was Gutes dabei herauskommen solle, wenn sie bis auf die Haut naß würden, nur um an solchem greulichen Zauberwerk teilzunehmen. Mir wurde unbehaglich und ich schaffte mit aller Kraft darauf los; denn ich glaubte sicher, daß die Idioten annahmen, ich habe einen Vertrag mit dem Teufel ab geschloffen und das, was ich eben zu tun im Begriff war, fei irgend etwas geheimnisvoll Böses. Deshalb fürchtete ich sehr, daß sie mich alle verlassen könnten, brachte es aber doch zuwege, sie zu beruhigen, da ich ihnen versprach, alle Schulden voll auszubezahlen, wenn ich dieses Geschäft zu gutem Ende brächte. Solchen Reden gaben sie natürlich ihre eigene Auslegung, da sie zweifellos glaubten, ich werde auf alle Fälle in den Besitz großer Mengen baren Geldes gelangen und, vorausgesetzt, daß ich alles bezahlte, was ich ihnen schuldig war, und mit Rücksicht auf ihre Dienste noch einiges mehr, kümmerte es sie wenig, was aus meiner Seele und meinem Leibe würde. Nach etwa viereinhalb Stunden schien mir der Ballon genügend gefüllt. Ich befestigte also die Gondel und brachte alle meine Geräte hinein: ein Teleskop; ein Barometer mit einigen wichtigen Aende- rungen; ein Thermometer; ein Elektrometer; einen Kompaß; eine Magnetnadel; eine Sekundenuhr; eine Glocke; ein Sprachrohr usw.; außerdem eine luftleere Glaskugel, die sorgsam mit einem Stöpsel verschlossen war; den Kondensator nicht zu vergessen; etwas ungelöschten Kalk; ein Stück Siegelwachs; einen reichlichen Wasservorrat und eine große Menge Speisevorräte, wie z. B. harten Fleischkuchen, der in verhältnismäßig kleinem Umfang viele Nährstoffe enthält. Außerdem brachte ich ein paar Tauben und eine Katze in der Gondel unter. Da der Tag schon anbrach, fand ich, es sei -hohe Zeit aufzusteigen. Ich ließ wie zufällig eine brennende Zigarre zur Erde fallen, und als ich mich bückte, um sie aufzuheben, zündete ich heimlich das Ende der Lunte an, das, wie gesagt, ein wenig über den unteren Rand eines der kleinen Fässer heraushing. Dies geschah, ohne daß die drei Gläubiger das Geringste merkten; in die Gondel springend, schnitt ich das einzige Tau durch, das mich an der Erde festhielt, und freute mich, als ich merkte, daß ich mit unfaßbarer Geschwindigkeit aufwärts schoß, in aller Gemütlichkeit 175 Pfund Bleiballast mitführend mit dem Bewußtsein, daß ich noch einmal soviel hätte tragen können. Ms ich die Erde verließ, stand das Barometer auf 30 Zoll, der Celsiusthermometer auf 19 Grad. Aber kaum hatte ich eine Höhe von 50 Ellen erreicht, als dröhnend und krachend in der greulichsten und stürmischsten Weise ein so dichter Orkan von Feuer und Kies und brennendem Holz, glühendem Metall und zerfetzten Gliedern ausstieg, daß mein Herz verzagte und ich vor Entsetzen zitternd auf den Boden der Gondel fiel. Ich begriff nun, daß ich die Sache übertrieben hatte, und daß die schlimmsten Folgen des Stoßes mir noch bevorstanden. Nach weniger als einer Sekunde fühlte ich auch alles Blut meines Körpers in meine Schläfen stürzen und gleich darauf eine Erschütterung, die ich nie vergessen werde, plötzlich durch die Nacht brechen, als wollte sie das Firmament auseinanderreißen. Als ich später Zeit zur Uebertegung hatte, führte ich natürlich die furchtbare Wucht der Explosion — insofern sie mich selbst betraf — auf ihren wahren Grund zurück, auf meine Lage direkt darüber und in der Stoßrichtung ihrer größten Gewalt. Aber damals dachte ich nur daran mein Leben zu retten. Der Ballon fiel erst zusammen, dann dehnte er sich furchtbar aus, dann wurde er mit greulicher Schnelligkeit um und um getrieben, und schließlich, schwankend und taumelnd wie ein Betrunkener, schleuderte tzr mich, den Kops nach unten und das Gesicht nach außen, über den Rand der Gondel, wo ich in schrecklicher Höhe an einem etwa drei Fuß langen Stück dünner Schnur baumelte das zufällig durch einen Riß am Boden des Weidenkorbes hing und in dem beim Fallen glücklicherweise mein linker Fuß sich verfangen hatte Es ist unmöglich, völlig unmöglich, sich von dem Grauen meiner Lage einen annähernden Begriff zu machen. Krampfhaft rang ich nach Lust- ein Schauer wie Schüttelfrost erregte jeden Nero und Muskel meines Körpers; ich fühlte, wie meine Augen aus den Höhlen traten, eine furchtbare Uebelteit überwältigte mich, und schließlich verließ mich die Besin- nung und ich fiel in Ohnmacht. Wie lange ich in dieser Lage blieb, kann ich unmöglich sagen; immerhin muß es eine ziemlich lange Zeit gewesen fein, denn als ich wieder langsam zu mir tarn, begann es zu tagen, der Ballon war in ungeheuerer Höhe über dem wilden Ozean und nirgends, soweit der Hori- zont reichte, eine Spur von Land zu sehen. Meine Gefühle, als ich zum Bewußtsein kam, waren aber doch nicht so angsterfüllt, wie man annehmen könnte. Allerdings war viel Wahnsinn in der ruhigen Betrachtung meiner Lage. Ich hob meine Hände, eine nach der anderen, an meine Augen und überlegte erstaunt, durch welchen Vorgang das An- schwellen ihrer Adern und die schreckliche Schwärze der Fingernägel entstanden fein könne. Dann untersuchte ich vorsichtig meinen Kopf, schüttelte ihn mehrmals und befühlte ihn mit großer Aufmerksamkeit, bis ich zu meiner Befriedigung fand, daß er nicht, wie ich eigentlich halb gefürchtet hatte, dicker war als mein Ballon. Dann griff ich in ge- schickter Weise in meine beiden Hosentaschen, vermißte darin ein Päckchen Tabletten und einen Zahnstocherbehälter, bemühte mich, den Grund ihres Verschwindens zu begreifen und war unbeschreiblich betrübt, als mir dies nicht gelang. Ich merkte nun, daß mein linkes Fußgelenk sehr schmerzte, und ein undeutliches Bewußtsein meiner Lage begann in meinem Geiste aufzudämmern. Aber, so merkwürdig es klingen mag, ich war weder erstaunt noch von Grauen ergriffen. Wenn ich überhaupt irgend etwas empfand, war es eine Art frohlockender Befriedigung über die Klugheit, die ich entfalten wollte, um mich aus dieser Klemme zu ziehen, und keinen Augenblick zweifelte ich an meiner endlichen Rettung. Während weniger Minuten blieb ich in tiefes Sinnen gehüllt. Ich erinnere mich deutlich, daß ich öfters die Sippen zusammenpreßte, den Zeigefinger an die Seite meiner Nase legte und überhaupt Bewegungen und Gesichtsverzerrungen machte wie Leute, die, behaglich im Lehnstuhl sitzend, über wichtige und verwickelte Dinge nachdenken. Als ich meine Gedanken dann genügend gesammelt glaubte, legte ich mit großer Vorsicht und Ueberlegung meine Hände auf den Rücken und löste eine große eiserne Schnalle am Gurtband meiner Hose. Diese Schnalle hatte drei Zähne, die etwas rostig waren und sich deshalb schwer drehen ließen. Trotzdem gelang es mir mit einiger Mühe, sie in rechtwinkelige Sage zum Rahmen der Schnalle zu bringen, und ich freute mich, daß sie in dieser Stellung festhielten. Das so hergestellte Instrument zwischen den Zähnen haltend, begann ich nun, den Knoten meiner Krawatte zu lösen. Ich mußte mehrmals ausruhen, bis mir dieses Vorhaben gelang, aber schließlich führte ich es aus. Am einen Ende der Krawatte befestigte ich die Schnalle, das andere band ich der Sicherheit halber fest um mein Handgelenk. Dann zog ich meinen Körper mit ungeheurem Aufwand von Muskelkraft in die Höhe, und es gelang mir beim ersten Versuche, die Schnalle über die Gondel zu werfen und sie, wie beabsichtigt, in den mittleren Rand des Weidengeflechts einzutakeln. Jetzt war mein Körper nach der Seite der Gondel geneigt in einem Winkel von 45 Grad, aber daraus darf nicht geschloffen werden, daß ich nur 45 Grad unter der Senkrechten war, im Gegenteil lag ich fast wagerecht mit der Ebene des Horizonts, denn der erreichte Sagenwechsel hatte den Boden der Gondel erheblich außerhalb meiner Stellung gedrängt, was natürlich eine sehr dringende Gefahr bedeutete. Es ist zu' bedenken: erstens, daß, wenn ich beim Sturz, aus der Gondel mit dem Gesicht nach dem Ballon gefallen wäre statt nach außen, wie es tatsächlich war, zweitens, wenn das Tau, an dem ich hing, über dem oberen Rande statt durch einen Spalt am Boden der Gondel gehangen hätte, — ich sage, es ist klar, daß in jedem der erwähnten Fälle cs mir unmöglich gewesen wäre, auch nur soviel fertig zu bringen wie bisher, und die Eröffnungen, die ich jetzt machen werde, wären der Nachwelt verloren gegangen. Ich hatte also allen Grund, dankbar zu sein, obgleich ich tatsächlich noch zu verstört war, um überhaupt irgend etwas zu fein. Ich blieb etwa eine Viertelstunde in dieser außergewöhnlichen Sage hängen, ohne die geringste Bewegung zu machen, in einem sonderbaren Zustande idiotischer Freude. Aber dieses Gefühl mußte natürlich rasch vergehen Itnb ihm folgten Entsetzen, Furcht und das Bewußtsein völliger Hilflosigkeit, gänzlichen Zusammenbruchs. Das Blut, das solange in den Gesäßen meines Kopfes und meines Halses angesammelt war und bisher meinen Geist im Delirium aufrecht erhielt, begann nun in seine eigenen Kanäle zurückzufließen, und die Klarheit, die sich zur Erkenntnis meiner Gefahr gesellte, raubte mir meine Selbstbeherrschung und den Mut, ihr zu begegnen. Aber zu meinem Glück dauerte diese Schwäche nicht lang. Zu rechter Zeit kam der Geist der Verzweiflung mir zu Hilfe, und mit krampfhaftem Schreien und Mühen schleuderte ich meinen Körper auswärts, bis ich schließlich mit schraubenartigem Griffe den ersehnten Rand erreichte, mich darüber wand und schaudernd der Sänge nach in die Gondel fiel. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Sans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sch« Universitäts-Duch- und Vteindruckerei, D. Lange. Gießen.