Zreltag, den 9. August Nummer 61 Jahrgang 1929 iefiert. erlichen enn in richt zu worden erktags- )örte so iel und serstube i seiner Scheibe, Dann ibt, und be rote Mitter. o klein, eise zu- mbrau- onb: er Letzte Einkehr. Von Theodor Storm. Noch wandert er; doch hinter ihm schon liegen längst die blauen Berge; kurz ist der Weg, der noch zu gehn, und tief am Ufer harrt der Ferge. Doch blinket schon das Abendrot und glühet durch das Laub der Buchen; so muß er denn auch heute roch wie sonst am Wege Herberg' suchen. Die liegt in grünen Ranken ganz und oanz von Abendschein umglommen; am Tore steht ein blondes Kind und lacht ihn an und sagt: Willkommen. Seitab am Ofen ist der Platz; schon kommt der Wirt mit blankem Kruge. Das ist ein Wein! — So trank er ihn vor Jahren einst in vollem Zuge. Und endlich schaut der Mond herein von draußen durch die dunkeln Zweige; es wird so still; der alte Mann schlürft träumerisch die letzte Neige. Und bei des bleichen Sternes Schein gedenkt er ferner Sommertage, nur halb ein lauschend Ohr geneigt, ob jemand klopf' und nach ihm frage. nickend, und stellte ein ungefähr siebzehnjähriges bildschönes . vor das zaghaft die Treppe vom Garten heraufschritt Bald darauf kam die Mutter. Ein fernes Erinnern stieg ungewiß aus dem schleiern- den Dunst langvergangener Tage in dem Dichter auf, ohne daß es volle Mittagsklarheit gewinnen wollte. Sie bemerkte es Wohl und der einstmals gemeinsame Besitz schien, aus dem Dammer plötzlich in den Tag gezerrt, eher zu trennen als zu vereinen, bis die heitere Laune des Direktors und die warme, sonnensüße Stimmung dee Stunde sie immer mehr verbanden, «nd der eine stumm m des andern npfang 'S war, rfte so- zu bete recht )e. Der sen; es e Tage zs weit uenden auf die wollte r guten on den rsleute. en gut ntfchul- te recht Finan- Pfeifer- Eichen- r Chri- lur auf gelstein ob. Die Stabt- nsteige- inander i Tische bstwind nn sein gziehen auf, bie i mehr, s bahin finben, oft bem ter. Da immer ibs vor unb ab, bie bas stig, bie nb verölt me- flatterte te wild. Getöse, n Lauf un son- sehr er achte et er un- en. Ein ut weh nüßien: ut weh, bis sie t diesen chaffest, n Mut. r Krieg lb aus. ms bet irot im marer Fresken des Onkels gelegt hatte. Bdeine Tochter," sagte Herr Preller fröhlich Karl leicht zu- ■nb. und stellte ein ungefähr siebzehnjähriges bildschönes„Mädchen Armen hielten, der kleine, beinahe zierliche, weißbärtige Dichter mit dem ausgearbeiteten, zerfurchten Gesicht und der große, breitschultrige. ein wenig unbeholfene Sohn, dessen feine, verinnerlichte Züge sofort die verwandtschaftliche Zugehörigkeit erkennen liehen. Glücklich glitten des Aelteren Augen an seinem Lösche, dem stillen Musikanten, herauf, und er vergaß fast, ihm das umfangreiche Paket zu geben, das Tante Do, Storms zweite Frau, trotz ihres häufigen Kopfleidens! für ihn eingepackt hatte. Dann gingen sie, häufig respektvoll gegrüßt, dem Gasthof zu, in dem Karl für den Vater ein Zimmer bestellt hatte, und Theodor Storm las nicht ohne Befriedigung an der kleinen Anschlagtafel des „Gemeinnützigen", daß „der bekannte Dichter Theodor Storm aus Husum, der Vater unseres trotz seiner Jugend schon allgemein geachteten Mitbürgers, des Klavier- und Gesanglehrers Karl Storm, in diesen Tagen unsere Stadt mit seinem Besuche zu beehren gedächte". Lind ebenso zuvorkommend geleitete sie der Wirt nach oben ins Zimmer, über dessen Tür sogar eine bunte, aus jungem Duchenlaub und zierlichen Waililien freilich mehr derb als anmutig gewundene Girlande mit einem „Herzlich willkommen" winkte. Vater und Sohn sahen sich gegenüber. „Willst du nach der langen Fahrt von Hamburg nicht lieber erst eine Stunde ruhen?" fragte Karl sorglich, behutsam das Fenster, durch das vom Walde her frisch der Morgenwind wehte, schließend. „W-o ich dich wieder habe, mein lieber Junge?" antwortete er, ihn innig mit seinen tiefen blauen, ein wenig verschleierten Augen umfassend. „Dafür ist zu Hause noch Zeit — oder auch nicht. Du verstehst schon!" „Hast du Nachricht von Hans?" Karls Stimme zitterte im Ge- danken an den unglücklichen älteren Bruder, dessen Leben immer steiler einem trüben, selbstverschuldeten Ende zutrieb. Gr nickte. „Frag nicht weiter! Es ist keine Sorge mehr; es ist ein Entsetzen, das mir das Blut vergiftet. Ich bin dem Ltnglück gegenüber machtlos." Karl Storm schwieg. „Llnd Mutter?" Er hatte auch der Stiefmutter gegenüber nie das kalte „Tante Do" gebrauchen mögen, tote es der Vater, als sie noch kleiner waren, gewünscht hatte. „Es geht ihr besser. Sie hat auch alle Kräfte nötig; denn ich fürchte — und auch Onkel Aemil gibt wenig Hoffnung — daß es mit Großmutter langsam zu Ende geht. Aber —" er sah, wie die Tränen langsam in die Augen seines Jungen aufstiegen — „das alles soll uns den Mut nicht rauben! Vor einigen Wochen schrieb ich Hiehfe, der immler ,noch nicht über den Tod seines Wilfried ‘ Hinwegkommen kann: Der alte dumme Vers: Wenn die Hoffnung nicht wär', so lebt ich nicht mehr, ist unglaublich richtig. Andere verlieren! ihre Kinder durch den Tod, ich durch das Leben. Leid ist überall." setzte er, dumpf in den alten Schmerz zurückfallend, Hinzu. „Aber man darf nicht in Erinnerungen schwelgen, wenn man im Leben noch etwas leisten will, und, glaube ich, es ist das Gebot unseres! Landes und unserer Familie, nicht zu zerbrechen. Vorwärts! Was GichMrMMmenvMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Theodor Storm. Eine Geschichte. Von Ludwig Bäte. Der etwa fünfundzwanzigjährige Musillehrer Karl Storm ging langsam die grüne Lilmenstrahe der kleinen Gartenstadt Barel, der ehemaligen Residenz der Oldenburger und Bentincks, hinab dem roten Backsteinbahnhof der Großherzoglich Oldenburgischen Ersenbahn zu. Es war noch früh, und die Drosseln, die schon gegen drei Llhr angefangen hatten zu singen, strömten immer noch ihre schweren Strophen durch die üppigen Gärten, wenn auch Johann Hlnrrchsen, der grämliche Junggeselle und pensionierte Zolkaufseher an der Ecke der Mühlenstraße, argwöhnisch in seine beiden Glaskirschenbaume lugte, deren Früchte kräftig zu reifen begannen. Lieber den sauberen, weißgestrichenen Staketen hingen dicke Fliedertrauben, und der Goldregen schob sich schimmernd in die köstliche Palette von Grün, Weih imb Violett. Vom Hafen her tutete ein Dampfer, ein Handwagen init frisch in der nahen Jade gefangenen Krabben fuhr vorüber, einige Arbeiter schritten gemächlich dem kleinen Eisenwerk zu, dem Herr Preller, in dessen Hause er herzlich-freundliche Aufnahme gefunden, vorstand. m , Ein Lächeln lief über sein ernstes, gutes Gesicht. Es war auch zu drollig gewesen, wie er seine Familie kennengelernt hatte. Kommt da eines Rachmittags eine sehr bewegliche, noch immer schöne Dame M ihm unb erzählt, daß sein Vater sie einst in Hamburg als etwa zehnjähriges Kind oftmals auf ben Armen getragen unb ihr Märchen erzählt ober Gedichte vorgelesen habe. Eines Abends, als er nut einem Freunde aus Mona bei ihnen gewesen, habe ste mit ihren Geschwistern früher als sonst zu Bett gehen müssen. Plötzlich aber seien sie aufgestanden, hätten die Türen aufgerissen und sich mit einem „Gode Rächt, ji Mulapen!" nochmals von der verdutzten und dann laut lachenden Gefellschast verabschiedet. Sie hatte ihn etngelaben, sie zu besuchen, und ihr Mann, der Reffe des alten Odysseemalers, hatte ihn besonders ins Herz geschlossen und ihn oft mit in sein Atelier genommen, in dem er nebenher landschafterte, ihm auch seine Tochter Agnes als Klavierschülerin zugeführt. Er hatte das damals sofort an Vater geschrieben, und der hatte gleich Gruße bestellt unb so die alte Bekanntschaft wieder angeknüpft. Der Stationsvorsteher griff militärisch an seine rote Dienstmütze. Dann fuhr der Zug von Oldenburg ein. ~ _ r Er fand den Vater bald aus der spärlichen Zahl der Reisenden heraus. Es war ein eigentümlicher Anblick, wie sich beide in den machen deine Stunden?" Glücklich begann Karl von mancherlei Erfolgen zu erzählen. Seit kurzem leitete er auch den Gesangverein, und so hoffte er, in einigen Jahren die Schulden auf das Klavier, das ihm der Vater vor kurzem gekauft, abtragen zu können. Sie waren so ins Erzählen gekommen, daß sie das Klopfen der Wirtstochter, die das Frühstück brachte, gänzlich überhört hatten. Auch nachher, als sie dem Walde zu- fd)ritten, bekamen sie manchen erstaunten Blick der Leute, daß der sonst so höfliche, aufmerksame Musiklehrer ihre Grüße nicht erwiderte, bis der Vater, der gewissenhaft seinen breitkrempigen Strohhut gezogen hatte, leicht auf feine Llnaufmerksamkeit deutete. Am Mittag waren sie bei der Familie Preller gebeten. Das schöne, vornehme Haus im englischen Villenstil stand weit .auf. Auf dem Mur mit den Büsttrn der Klassiker hieß' sie dep Direktor willkommen und führte sie in den geräumigen Gartensaal, in den das lichte, frühsommerliche Grün der Bäume, das tiefe Rot der Geranienbeete mit dem betäubenden Duft des Flieders und der zahllosen hochstämmigen Rosen hineintrieb. Schwer sielen die blauen Glyzinen vom Dach herunter, unb eine Ranke war sogar durch das Fenster gekommen, wo sie jemand anmutig um die Kopien der Weimarer Fresken des Onkels gelegt hatte. Antlitz di« Jugend wiederzusuchen begann, Auguste Preller mit leisem Lächeln, Storni im wehen Schwingen des alten Schwalbenreims von dem, was mein einst war. Sie gingen nach dem Essen durch den Garten. Die hohen Dirken lehnten unbeweglich im Mittagslicht, Sonnenregen rieselte sacht, «in dünner Wasserstrahl siel schläfrig in das breite Drunnenbecken, und von der Hecke her schwamm schwül und mit leichtem Heimat- anklang der Ruch der Waldrebe. Sie besuchten den wundervollen Friedhof, schritten durch die schaumkrautblühenden, abendlich ein- däminernden Wiesen dem Hasen zu, über dem von Wilhelmshaven her die Möven kreischten, und nachher spielte Karl Mozart. Er war kein Künstler, aber aus seinem Spiele quoll rein die schlichte Seele des kindlichfrommen, guten Menschen, der alles liebevoll und schenkensfreudig an sein Herz zog. Immer stiller wurde es in Storm, und die Bitterkeit, die manchmal noch mit ernstem Dorwurf, diesem Kinde ein allzu strenger, ungeduldiger Dater gewesen zu sein, quälte, starb sacht und ohne Schmerz. Er hatte sie im „Stillen Musikanten" zu erlösen gewußt, und auch das Leid um den geliebten Aeltcsten war ruhiger und ohne 3om geworden, seitdem es ebenfalls und mit erschütterndem Klang in seine Kunst aufgegangen war. Ein tröstliches Goethewort kam wie ein Licht von weitem zu ihm her: „ilnö wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide". Auch das würde einmal vergessen sein, wenn es auch immer wieder, doch mit sinkender Flamme, brennen würde. Fast tat ihm das Wort leid, das er vorhin in rasch aufwallendem, heißem Zorn über Hans gesagt hatte. Ist nicht alles Leben im Grunde Leid und überschauert von dunkeln, schwer schattenden Flügeln? 3n alle Fröhlichkeit rinnt das dumpfe Brausen der Zypressen, und jeder, der sich Mensch nennen darf, steht halbsatt vom Tische des Lebens auf. Denn zutiefst in der Seele schläft, trügerisch von glitzernden Wellen überkräuselt oder von schweren Sturzseen durchpflügt, tief wie Dineta das dunkle Gespenst des Endes, an das kein Anfang wieder anknüpft. Es war schon spät, als ihn Karl in seinen Gasthof zurückbrachte. Aus dem Tische stand mit einem scheu verehrungsvollen Gruß der jungen Agnes Treller ein Strauß weißer Rosen. Tief in ©innen schrieb er auf eine Karte, die er schon am Morgen nach Husum hatte schicken wollen: Die Tage sind gezählt, vorüber bald ist alles, was das Leben einst versüßt. Was will ich mehr, als daß vorm Schlafengehn ‘ die Jugend mich mit frischen Rosen grüßt! Wenn die Aepfel reif sind. Von Theodor Storm. Es war mitten in der Nacht. Hinter den Linden, die längs dem Plankenzaun des Gartens standen, kam eben der Mond herauf und leuchtete durch die Spitzen der Obstbäume und drüben auf die Hinterwand des Hauses, bis hinauf auf den schmalen Steinhof, der durch ein Staket von dem Garten getrennt war; di« weißen Borhänge hinter dem niedrigen Fensterchen waren ganz von seinem Licht beschienen. Mitunter war's, als griffe eine kleine Hand hindurch und zöge sie heimlich auseinander; einmal sogar lehnte die Gestalt eines Mädchens an die Fensterbank. Sie hatte ein weißes Tüchlein unters Kinn geknotet und hielt eine kleine Damenuhr gegen das Mondlicht, auf der sie das Rücken des Weisers aufmerksam zu betrachten schien. Draußen vom Kirchturm schlug es eben dreiviertel. Unten zwischen den Büschen des Gartens auf den Steigen und Rasenplätzen war es dunkel und still; nur der Marder, der in den Zwetfchen sah, schmatzte bei seiner Mahlzeit und kratzte mit den Klauen in die Baumrinde. Plötzlich hob er die Schnauze. Es rutschte etwas draußen an der Planke; ein dicker Kopf guckte herüber. Der Marder sprang mit einem Satz zu Boden und verschwand zwischen den Häusern; von drüben aber kletterte ein untersetzter Junge langsam in den Garten hinab. Dem Zwetschenbaum gegenüber, unweit der Planke, stand ein nicht gar hoher Augustapfelbaum; die Aepfel waren gerade reif, die Zweige brechend voll. Der Junge muhte ihn schon kennen; denn er grinste und nickte ihm zu, während er auf den Fußspitzen an allen Seiten um ihn herumging; bann, nachdem er einige Augenblicke stillgestanden und gelauscht hatte, band er sich einen großen Sack vom Leibe und fing bedächtig an zu klettern. Bald knickte es droben zwischen den Zweigen, und die Aepfel fielen in den Sack, einer um den andern in kurzen, regelrechten Pausen. Da zwischendrein geschah es, daß ein Apfel nebenbei zur Erde fiel und ein paar Schritte weiter ins Gebüsch rollte, wo ganz versteckt eine Bank vor einem steinernen Gartentischchen stand. An diesem Tische aber — und das hatte der Junge nicht bedacht — saß ein junger Mann mit aufgestütztem Arm und gänzlich regungslos. Als der Äpfel seine Füße berührte, sprang er erschrocken auf; einen Augenblick später trat er vorsichtig auf den Steig hinaus. Da sah er droben, wohin der Mond schien, einen Zweig mit roten Aepfeln unmerklich erst und bald immer heftiger hin und her schaukeln; eine Hand fuhr in den Mondschein hinauf und verfchwand gleich darauf wieder samt einem Apfel in den tiefen Schatten der Blätter. Der unten Stehende schlich sich leise unter den Baum und gewahrte nun endlich auch den Jungen wie eine große schwarze Raupe um den Stamm herumhängen. Ob er ein Jäger war, ist seines kleinen Schnurrbartes und seines ausgeschweiften Jagdrocks unerachtet schwer zu sagen; in diesem Augenblicke aber muhte ihn so etwas wie ein Jagdfieber überkommen; denn atemlos, als habe er die halbe Nacht hier nur gewartet, um die Jungen in den Apfelbäumen zu fangen, griff er durch die Zweige und legte leise, aber fest, seine Hand um den Stiefel, welcher wehrlos an dem Stamme herunterhing. Der Stiesel zuckte, das Apselpslücken droben horte auf; aber kein Wort wurde gewechselt. Der Junge zog, der Jäger faßte nach; so ging es eine ganze Weile; endlich legte der Junge sich aufs Bitten. „Lieber Herr!" „Spitzbube!" „Den ganzen Sommer haben sie über den Zaun geguckt!" „Wart' nur, ich werde dir einen Denkzettel machen!" und dabei griff er in die Höhe Und packte den Jungen in den Hosenspiegel. „Was das für derbes Zeug ist!" sagte er. „Manchester, lieber Herr!" Der Jäger zog ein Messer aus der Tasche und suchte mit der freien Hand die Klinge aufzumachen. Als der Junge das Einschnappen der Feder hörte, machte er Anstalten, hinabzuklettern. Allein der andere wehrte ihm. „Bleib nur!" sagte er, „du hängst mir eben recht!" Der Junge schien gänzlich wie verlesen*). „Herrjemine!" sagte er, „es sind des Meisters seine! — Haben Sie denn gar kein Stöckchen, lieber Herr? Sie könnten es mit mir alleine abmachen! Es ist mehr Pläsier dabei; es ist eine Motion; der Meister sagt, es ist so gut wie .Spazierenreiten!" Allein — der Jäger schnitt. Der Junge, als er das kalte Mester so dicht an seinem Fleisch heruntergleiten fühlte, ließ den vollen Sack zur Erde fallen; der ander« aber steckte den ausgeschnittenen Flecken sorgfältig in die Westentasche. „Nun kannst du allenfalls herunterkommen!" sagte er. Er erhielt keine Antwort. Ein Augenblick nach dem andern verging; aber der Junge kam nicht. Bon seiner Höhe aus hatte er plötzlich, während ihm von unter her das Leid geschah, im Hause drüben dos schmale Fensterchen sich öffnen sehen. Ein kleiner Fuß streckte sich heraus — der Junge sah den weihen Strumpf im Mondschein leuchten — und bald stand ein vollständiges Mädchen draußen auf dem Steinhof. Ein Weilchen hielt sie mit der Hand den offenen Fensterflügel; dann ging sie langsam an das Pförtchen des Staketenzaunes und lehnte sich mit halbem Leibe in den dunkeln Garten hinaus. Der Junge renkte sich fast den Hals aus, um das alles zu betrachten. Dabei schienen ihm allerlei Gedanken zu kommen; denn er ver- zog den Mund bis an die Ohren und stellte sich breitspurig aus zwei gegenüberstehende Aeste, während er mit der einen Hand das geschädigte Kleidungsstück zusammenhielt. „Nun, wird's bald?" fragte der andere. „Es wird schon", sagte der Junge. „So komm herunter!" „Es ist nur", erwiderte der Junge und biß in einen Apsel, daß der Jäger es unten knirschen hörte, „es ist nur, daß ich just ein Schuster bin!" „Was denn, wenn du kein Schuster wärst?" „Wenn ich ein Schneider wäre, würde ich mir das Loch von selber sticken." Und er fuhr fort, seinen Apfel zu verspeisen. Der junge Mann suchte in seiner Tasche nach kleiner Münze, aber er sand nur einen harten Doppeltaler. Schon wollte er die Hand zu- rückziehen, als er von unter her ganz deutlich ein Klinken an der Gartentür vernahm. Auf dem Kirchturm drüben schlug es eben zwölf. — Er fuhr zusammen. „Dummkopf!" murmelte er und sckstug sich vor die Stirn. Dann griff er wieder in die Tasche und sagte sanft: ^,Du bist wohl armer Leute Kind?" „Sie wissen schon", sagte der Junge, „’s wird alles sauer verdient. „Sv fang und laß dir sticken!" Damit warf er das Geldstück zu ihm hinauf. Der Junge griff zu, wandte es prüfend im Mondschein hin und wieder und schob es schmunzelnd in die Tasche. Draußen auf dem langen Steige, an dem der Apfelbaum in den Rabatten stand, wurden kleine Schritte vernehmlich und das Rauschen eines Kleides auf dem Sande. Der Jäger biß sich in die Lippen; er wollte den Jungen mit Gewalt herunterreißen; der aber zog sorgsam die Beine in die Hohe, eins ums andere; es war vergebene Mühe. „Horst du nicht?" sagte er keuchend, „du kannst nun gehen!" _ „Freilich!" sagte der Junge, „wenn ich den Sack nur hätte!" „Den Sack?" „Er ist mir da vorher hinabgefallen." „Was geht das mich an?" „Nun, lieber Herr, Sie stehen just da unten!" Der andere bückte sich nach dem Sack, hob ihn ein Stück vom Boden und ließ ihn wieder fallen. „Werfen Sie dreist zu!" sagte der Junge, „ich werde schon fangen.' Der Jäger tat einen verzweifelten Blick in den Baum hinauf, wo bi« dunkle, untersetzte Gestalt zwischen den Zweigen stand, sperrbeinig und bewegungslos. Als aber draußen die kleinen Schritte in kurzen Pansen immer näher kamen, trat er hastig auf den Steig hinaus. Ehe er sich's versah, hing ein Mädchen an seinem Halse. „Heinrich!" „Um Gottes willen!" Er hielt ihr den Mund zu und zeigte in den Baum hinaus. Sie sah ihn mit verdutzten Augen an; aber er adjtflc nicht daraus, sondern schob sie mit beiden Händen ins Gebüsch. „Junge, vermaledeiter! — Aber daß du mir nicht wiederkommst und er erwischte den schweren Sack am Boden und hob ihn ächzend M den Baum hinaus. „Ja. ja", sagte der Junge, indem er dem andern behutsam seine Bürde aus den Händen nahm, „das sind von den roten, die fallen ms Gewicht!" Hieraus zog er ein Endchen Bindfaden aus der Tasche uns schnürte es «ine Spanne oberhalb der Aepfel um den Sack, wahrens er mit den Zähnen die Zipfel desselben angezogen hielt; dann lud u ihn auf seine Schulter, sorgsam und regelrecht, so daß die Last^gleiV mäßig auf Brust und Rücken verteilt wurde. Nachdem dieses GesM zu seiner Zufriedenheit beendet war, faßte er einen ihm zu Huupn ragenden Ast und schüttelte ihn mit beiden Fäusten. „Diebe in »■ *) Der Worte beraubt. : wechselt. : Weile; ib dabei l. „Was er freien ipen der andere sagte er, -töckchen, ist mehr gut wie besser so sack zur en sorg- rmmen!" verging; Plötzlich, iben dos t) heraus — und Hof. Ein mn ging sich mit betrach er ver- auf zwei das ge- >fel, daß in Schu- L >n selber >ze, aber sand zu- der Gar- wöls. — vor die „Du bist >erbknt.' ! zu ihm Hein hin in den Rauschen ppen; er sorgsam e Mühe. !" >o>n Befangen.' , wo die inig und Pausen e in den r achtete iommst!' hzcnd in im seine allen ins schc und während i lud er st gleich 'Geschäft -äugten in den Äepfeln!" schrie er; und nach allen Selten hin prasselten die reifen Früchte durch die Zweige. Unter ihm rauschte es in den Büschen, eine Mädchenstimme kreischte, die Gartenpforte klirrte, und als der Junge noch einmal den -als ausreckte, sah er soeben das kleine Fenster wieder zuklappen und den weißen Strumpf darin verschwinden. Einen Augenblick später saß er rittlings auf der Gartenplanke und lugte den Weg entlang, wo sein neuer Bekannter mit langen Beinen in den Mondschein hinauslief. Dabei griff er in die Tasche, befingerte seine Silbermünze und lachte so ingrimmig in sich hinein, daß ihm die Aepfel auf dem Buckel tanzten. Endlich, als schon die ganze Haus- genossenschaft mit Stöcken und Laternen im Garten umherrannte, lieh er sich lautlos an der andern Seite hinuntergleiten und schlenderte über den Weg in den Nachbarsgarten, allwo er zu Haus war. Sommermittag. e Bon Theodor Storm. Nun ist es still um Hof und Scheuer, und in der Mühle ruht der Stein; der Birnenbaum mit blanken Blättern steht regungslos im Sonnenschein. Die Bienen summen so verschlafen; und in der offnen Bodenluk', benebelt von dem Duft des Heues, im grauen Röcklein nickt der Puck. Der Müller schnarcht und das Gesinde, und nur die Tochter wacht im Haus; die lachet still und zieht sich heimlich, fürsichtig die Pantoffeln aus. Sie geht und weckt de.' Mllllerburschen, der kaum den schweren Augen traut: „Nun küsse mich, verliebter Junge; doch sauber, sauber! nicht zu laut." Das Kernerhaus zu Weinsberg. Bon Felix P a n t e n. Man sollte das Kernerhaus in Weinsberg nur in den abendlichen Stunden besuchen, wenn die Schatten fallen; das ist die Stimmung, die dieses Haus braucht, und alles Wesen, das mit ihm verbunden ist. Da hat das anmutige Weinsberger Tal in der einbrechenden Dunkelheit etwas wie eine fremde Gröhe erhalten, die Nebel steigen auf, die Schotten find schwärzer geworden, fahl liegen die Dächer des Städtchens und zusammengeduckt, und der Kegel mit der Ruine Weibertreu steigt höher und geheimnisvoller empor. Das ist die Stunde, in der alle Romantik wieder erwacht. Auch der Geisterturm, einst ein Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung, am Tage aber ein sehr gewöhnliches Gemäuer, beginnt jetzt undurchdringliche Schwärzen anzunehmen, das gehört zu dieser Ruine, über deren gespenstischen Namen man heute lächeln kann. Er ist ein Teil des Kerner scheu Anwesens. Justinus erwarb ihn, weil man ihn 1829 wieder als Gefängnis «inrichten wollte und der Dichter diese Nachbarschaft nicht wünschte; er diente später den Kerner als Gastzimmer. Lenau schrieb hier einen Teil seines „Faust" und wollte in seinen Zimmern, beim magischen Licht der bunten Fensterscheiben, seinen „Savonorola" vorlesen. „Oft erinnere ich mich an diesen Turm", schrieb er, „und an dich, den lieben Türmer. Ja, diese gemalten Fensterscheiben! Nichts versinnbildlicht mir das Mittelalter mit seinem schönen Geiste mehr als diese Glasmalerei. Gibt es in der ganzen Erdenwelt eine so innige durchdrungene Farbe als die des gemalten Glases?" Das ist die Zeit der ausklingenden deutschen Romantik, die hier spricht: man hält sich nicht mehr an den romantischen Geist, er genügt nicht, er muh überboten werden, man sucht nach Requisiten und man findet sie in gemalten Gläsern. Die Romantik Eichendorffs hat sich aus den Wäldern in die Stuben begeben, sie beginnt bürgerlich zu werden. Auch das Kernerhaus trägt diese Zeichen einer beginnenden Verbürgerlichung und Seßhaftmachung des freien Wandertums, denn es ist in dieser Zeit, im Jahre 1822 erbaut, und trägt feine verräterischen Male, mag auch Theobald Kerner, des Dichters Sohn, noch einiges zu dieser gesättigten Stimmung beigetragen haben. Das Hous ist dicht von Bäumen eingefaßt, in dieser Stunde fallen ihre Schatten schwärzer und machen das Dumpfe noch dumpfer. Dumpfheit ist später die Erinnerung, die man von dieser Stätte mitnimmt. Hier steht wirklich noch die Luft eines ganzen Jahrhunderts, sie lagert in den niedrigen Zimmern, sie klebt an den finsteren Wänden, sie leuchtet aus den ab« gesplitterten Goldrahmen, die noch einmal aufglühen. Portieren wehren mit ihren vielen Raffungen und Falten dem Licht den Eintritt; überall stehen Dinge herum, Hausrat vergessener Formen und verschnörkelter Dinge, die man heute nicht mehr zu sehen bekommt, auch sn keinem Museum, dazu sind sie zu wertlos und unkünstlerisch. Alles ist behängt, bestellt, vollgestopft, die Schränke und Vitrinen bersten vor allerlei ungewissem Tand, dazu diese stehende Luft, die dunkeln Tapeten und Vorhänge —: hier ging die Zeit vorbei, sie ließ alles unangetastet, hier brütet schwer und düster eine Behaglichkeit, wie man i*e sich vor einem Jahrhundert erträumte. ®s ist alles vorhanden, was die bürgerliche Romantik von damals ersehnte, auch das bunte Glas hängt vor den Fenstern des Marien- znnmers, es hängt an den Wänden, auf denen vergilbte Schleifen bleichen, und das rote Zimmer hat diese stimmunggebenden Requisiten in allem Ueberfluß: es erhält fein Lickst durch grüne und rote Scheiben, die jetzt, in dieser schattenhaften Stunde, eine eigenartig unwirkliche Beleuchtung herbeizaubern können. Und während die Sonne schon ganz tief steht, während ein altes Musikwerk fein und zitternd eine Weise aus verstaubten Tagen klimpert, kann es geschehen, daß die Seherin von Prevorst noch einmal leibhaft durch diese Räume wandelt. Es hängt ihr Bild an der Wand, das einzige Originalbild, und zeigt im Profil ein knochiges, derbes Gesicht, das in weihe Tücher eingehüllt ist; die Augen starren aus ausgebuchteten Höhlen regungslos geradeaus. Es ist das Bild einer, die vom Tode gezeichnet ist. Sie kam, diese Friederike H a u f f e, im Herbst 1826 in das Kernerhaus, um hier von Kerner magnetisch behandelt zu werden — das verdunkelte Bild Franz Anton Mesmers schaut finster von einer Wand. Bis dahin war sie, 1801 zu Prevorst bei Löwenstein geboren, ein normales Menschenkind gewesen,, ein gesundes und lebhaftes Mädchen, dem niemand besondere Beachtung schenkte. Sie heiratete ihren Vetter Hausse, und der Ehe entsprossen zwei Kinder. Dann begann ihr Leiden, in dem der Keim des frühen Todes lag. Ihr Grad auf dem Friedhof von Löwenstein ist mit einem goldenen Kreuz und Strahlenkranz geschmückt. Jetz aber scheint sie wieder zu wandeln, zu viele Dinge erinnern an sie und erfüllen die Dunkelheit der niedrigen Zimmer. Da ist der Stuhl, auf dem sie saß; sie liegt in ihrem magnetischen Halbschlaf, sie hat Gesichte, die Geister besuchen sie und sie flüstert eine seltsam tönende Sprache, von der sie sagt, daß sie nicht mit ihrem Kops gedacht sei, sondern dem tiefen Leben ihrer Herzgrube entstamme. Vielleicht ruhte ihr Haar auf diesem Kissen; es ist mit geheimnisvollen Zeichen bestickt, die vielleicht dem Arabischen gleichen. In einer dunklen Ecke des Schreibzimmers steht der Nervenstimmer, der nach ihren Angaben gefertigt ist: ein Gestell aus Glaskugeln, die mit Messingketten verbunden sind, denn die Kugel ist rund und das Abbild aller Vollendung in sich, und Glas und Metall kommen aus den Tiefen der Erde. Sie berührte diese Dinge und fühlte sich erleichtert. Draußen streicht der abendliche Wind durch die Bäume, es geht ein Frösteln durch die Räume und die magnetischen Leute der Seherin tönen wieder, leidend und apathisch: Handacadi — Molu optini poga — Bianna fina —, wie sie Justinus Kerner in seinem Buch von der Seherin ausgeschrieben hat. Das alles naht wieder heran und bedrückt und ängstigt. Die Sprache ist verhallt, die kleine Musikuhr hat ihre Weise zu Ende geklimpert, die Lust wird dumpfer und benimmt den Atem. Man ist der Seherin begegnet, man soll es genug sein lassen. Auch außerhalb dieser niedrigen Stuben ist eine Welt. Ihr Sinnbild ist nicht jenes Auto, das eben mit Hupenlärm die Weinsberger Straße hinaufpoltert, auch nicht jener schwarze Geisterturm, in dessen Nähe es vorbeikommt. Aber der nächtliche Himmel spannt sein Gewölbe über uns, in dem die Sterne ihre ewigen Bilder bauen, und dieser Dom hat die Gestalt der Kugel, das Zeichen aller Vollendung in sich. Wir treten die Erde, in deren Adern die Metalle ruhen. Wir wandern aus den Schatten des Kernerhauses über die Straße, dort ist ein Gasthaus mit schwäbischem Wein, auch er kommt von der Erde, und es ist alles ein Gleiten, ein ewiger U ebergang. Der Sladtpfeifer. Von Wilhelm Heinrich Riehl. (Fortsetzung.) Das Wort fiel wie Feuer auf des Stadtpfeifers Haupt. „Wie? ist vielleicht kein Brot im Haufe?" rief er, jäh aufbrausend. „Wir haben heute morgen das letzte gegessen. Gott weiß, daß ich dir keinen Vorwurf machen will, indem ich's sage." Da nahm der Stadtpfeifer seinen Hut und rief: „Ich will uns Brot holen!" und eilte zur Tür hinaus. Der Frau aber ward's bange, und ob sie gleich schon jetzt in den ersten Monaten ihrer Ehe ein gar festes, starkwilliges Weib war, wie sie auch ein unbeugsames Mädchen gewesen, lief sie doch dem Manne nach und bat ihn weinend, er möge dableiben, sie habe ihm ja kein böses Wort geben wollen. Ader der Stadtpfeifer war so jählings die Wendeltreppe des Turmes hinabgesprungen, daß ihre Bitten ungehört in den engen Mauern verhallten. Da ging sie zurück in die Stube, legte den Kopf in die Hände und weinte bitterlich. Der Stadtpfeifer lief durch die stillen Straßen und wußte selbst nicht, zu welchem Ende. Es war gut, daß es bereits dunkel geworden; hätten ihn die Leute so laufen sehen, sie würden gesagt haben, Heinrich Kull- mann sei übergeschnappt. Böse und gute Gedanken stritten sich in seiner Seele. „Warum habe ich ein Weib genommen, da ich keines ernähren kann? Ein so braves Weib und doch nicht recht für einen Musikanten! Sie faßt mich nicht. Sie fordert Brot, wenn ich nach dem Bogenstrich Tartinis ringe. Und doch hat sie recht — muß ich ihr nicht Brot schaffen? Aber auch ich habe recht, denn wenn ich nur einmal den Bogenstrich gefunden, den ich fühle, dann kann sie wieder ihren Sonntagskuchen backen, so groß „rote einen Mühlstein. Könnte ich ihr nur erst Brot bringen!" Er suchte nochmals in allen Taschen nach etwas verirrter Münze, allein es fand sich nichts. So lief der Stadtpfeifer bis über die Lahnbrucke. Jetzt war er im Freien vor der Stadt. Es war ganz dunkel geworden. Die Spukgestalten, womit der Volksglaube die Felsschluchten vor Weilburg bevölkert, tanzten vor den wirren Sinnen des Dahinstürmenden, und er stutzte plötzlich und hielt ein, mit Schauern des Spruches gedenkend, daß der Tag den Lebendigen gehöre, die Nacht aber den Toten. Er blickte gegen die Stadt zurück. Der Fluß brauste unheimlich in der schwarzen Tiefe; das alte Schloß lagerte sich über den breiten Felsrücken, langgestreckt wie eine riesige Sphinx, die Wache hält an den Türen der Talschlucht. Aber hoch über den verlassenen Bau, aus dessen Fenstern heute kein einziges Licht zum Wasser niederglänzte, ragte der Schlohkurm, und nahe seiner Spitze leuchtete wie ein tröstlicher Schimmer; das war die Kammer, wo Christine saß und weinte. Der Stadtpfeifer blickte starr nach dem einzigen Licht in der Höhe, und es ward ihm in der Seele leid, daß er eben so unfreundlich seines Weibes gedacht. Und indem er so das einzige Licht in der ringsum endlos ausgebreiteten Finsternis anblickte, fiel ihm ein einfältiger Vers ein, den er manchmal von seiner Mutter hatte fingen hören, der hieß: „Wem nie durch Liebe Leid geschicht. Dem ward auch Lieb' durch Liebe nicht; Leid kommt wohl ohne Lieb' allein; Lieb' kann nicht ohne Leiden sein." So schritt er denn nach einer Weile langsam zurück über die Brücke, und im Gehen wiederholte er sich wohl zehnmal immer langsamer und nachdenklicher den Vers, und seine. Schritte hielten zuletzt wie von selber ein, daß er in tiefem Sinnen stehenblieb. Sein Blick senkte sich zur Erde. Da sieht er etwas glitzern: — es ist ein funkelneuer Groschen! Und wie er sich bückt, ihn aufzuheben, sieht er auf einen Schritt voraus noch einen Groschen liegen, und weiterfort noch einen — und so waren es sechse, dicht aneinander, alle so neu und glänzend, wie wenn sie eben jetzt aus der Münze kämen. • „Sechs neue Groschen in einer Reihe," murmelte der Stadtpfeifer leise, tiefbewegt, „sechs Groschen — die hat mir unser Herrgott selber hierher gelegt, der mich nicht verlassen will — sechs Groschen tostet der Laib Brot in dieser teuren Zeit!" Und dann war es ihm nach einem Augenblick wieder unfaßbar, wie er zu dem Gelde gekommen; er erschrak vor sich selbst, als habe er's gestohlen; er prüfte fühlend und besichtigend im Schein der erleuchteten Fenster eines Hauses, ob es kein Blendwerk sei; allein es waren und blieben wirklich sechs neue, blanke Groschen. Es ward ihm aber, daß er hätte weinen mögen wie ein Kind, als er beim Hofbäcker eintrat und die sechs glänzenden Groschen niedergeschlagenen Auges auf den Tisch legte und mit zitternder Hand den Laib Brot dafür hinnahm. Jetzt lief er noch viel schneller zum Schlosse zurück, als er vorhin nach der Brücke gelaufen war. Er preßte das Brot fest unter den Arm, als könne es ihm unversehens wieder davonfliegen. „Da kann man wohl auch sagen," dachte er bei sich, „der Neunundneunzigste weiß nicht, wie der Hundertste zu seinem Brot kommt." Aber während er so hinter der Stadtmauer her den Berg hinanstieg, klang plötzlich ein leises Wimmern an sein Ohr. Er blieb stehen; die Töne schienen vom Boden herauf zu kommen. „Was ist das?" rief er aus. „Heute abend bin ich im Finden glücklich! Da liegt ein kleines Kind — in ein paar arme Lumpen gewickelt. Wahrhaftig, Gott hat mir nicht umsonst den Zorn eingegeben, daß ich wie toll in die Nacht hinein laufen mußte!" Und es kam ihn, wunderbar genug, über diesen zweiten Fund fast eine größere Freude an als den ersten, da er in den Lichtschimmer des nächsten Fensters trat und ein Papier entzifferte, das bei dem Kinde gelegen; darauf stand geschrieben: „Ein arm elendig Weib bittet den Christenmenschen, der dies findet, daß er sich um Jesu willen des Kindes erbarme. Es ist getauft und heißt mit Namen Johann Friedrich." Der Stadtpfeifer nahm fein Brot in den einen Arm und das Kind in den anderen und schlug den Zipfel seines langen Rockes um den armen Wurm. „Herr Gott!" rief er, „du sollst mir nicht umsonst die Groschen auf die Straße gelegt haben!" Dieser kurze Ausruf aber war wie ein volles, brünstiges Gebet. Erst als der Stadtpfeifer mit dem Doppelfund vor seiner Stubentüre stand, überkam ihn Zagen und Verlegenheit! Doch schon öffnete Frau Christine und begrüßte ihn so zärtlich, als müsse der Gruß allein jede Erinnerung von Streit und Ungemut tilgen. Der Stadtpfeifer legte das Brot aus den Tisch und das Kind daneben. „Das habe ich unterwegs gefunden, Christine", sagte er trocken und blickte dabei die Frau so ernsthaft an, daß sie laut lachen mußte, und er selber lachte nun mit. Dann setzte er sich und erzählte treuherzig seine Geschichte und hob im Erzählen das Kind wohl ein dutzendmal auf, damit es ihn anlächle und er es küsse. Als er von den sechs Groschen erzählte, da ward es auch der Frau ganz fromm zumute; doch als er dann weiter feinen Bericht über den Fund des Kindes beendet, sprach sie: „Du tatest recht, daß du das Würmchen mitgebracht hast; morgen wollen wir zum Schultheißen gehen und ihm den Buben einhändigen." Den Stadtpfeiser überlief es, wie wenn er mit kaltem Wasser übergoßen würde. Er erwachte erst jetzt zur klaren Ueberlegung. Daran hatte er noch gar nicht gedacht, was es heiße, ein Kind aufziehen und versorgen, und daß vor allem eine Mutter dazu gehöre, die sich mit voller Liebe und Opferung des hilflosen Geschöpfes annehme. Nicht ihm, sondern der Frau kam hier das entscheidende Wort zu. Es hatte ihm so oorgeschwebt, als müsse der Kleine auf immer bei ihm in feiner Pfeifer- stube bleiben und dort aufwachsen so ohne weiteres, wie ein Blumenstock, den man ans Fenster stellt, zeitweilig begießt und im übrigen unserem Herrgott überläßt. Nun fühlte er auf einmal, wie gedankenlos er geträumt. Er besann sich lange; er kämpfte lange mit sich selber. So viel Kopfbrechens hatte er sich nicht gemacht seit der Stunde, wo er den leichtsinnigen Entschluß faßte, das Bauernmädchen von Ebersbach zu heiraten. Endlich schien auch hier der Entschluß gefunden. Mit einer Festigkeit, die der Frau ganz neu war, sprach er: „Freilich wollen wir morgen früh zum Schultheißen gehen und ihm das Findelkind anzeigen. Die Gemeinde muß für des Knaben Erziehung Geld steuern, — es wird jetzt nicht viel herausspringen — gute Leute müssen um eine Gabe für das arme Ding angegangen werden; das hat alles feinen geweiften Weg, der durch des Schultheißen Stube führt, und du kennst ihn besser als ich. Aber so wenig wie ich diesen Laib Brot wieder zum Bäcker trage, so wenig gebe ich das Kind aus der Hand. Der Schultheiß würde es dem Wenigstfordernden zur Pflege ausbieten; eine Lumpenfamilie würde es ersteigern, um das Kostgeld einzustocken und den Kleinen verkümmern zu lassen." Und er fuhr fort mit erhobener Stimme: „Nicht umsonst trieb es mich, den Weg hinter der Stadtmauer zu gehen, den man sonst im Dunkel meidet. Unser Herrgott schenkt nichts weg, nicht einmal sechs Groschen. Christine! dieses Brot wird uns gesegnet fein, und das Brot wird im Hause nie mehr ausgehen, wen wir das Kind, um desseniwillen uns das Brot geschenkt ward, behalten und zu einem frommen und tüchtigen Mann erziehen. Im Unsegen werden wir das Brot essen, wenn wir das Kind hinweggeben. Anfangs wirst du die größte Last haben, nachher aber kommt sie an mich; wir wollen ehrlich teilen, was mit diesem Kind ins Hans eingezogen ist, die Sorgen und den Segen. Johann Friedrich, armes Waisenkind — Friedrich sollst du von uns genannt und ein Musikant werden! Und es soll dir besser damit glücken als deinem Pflegevater." Christine erschrak über die Bestimmtheit Heinrichs und seinen entschiedenen Ton. Er war ein ganz anderer geworden, feife er das Kind und das Brot auf den Tisch gelegt. Zum erstenmal empfand sie die Autorität des Ehemannes, davor sie sich beugen müsse. Die Worte von dem Segen, der nur auf Brot und Kind verbunden ruhe, durchbebten ihr abergläubisches Gemüt. So resolut sie sonst gewesen: — gerade hier, wo das Weib zu reden berufen war, fühlte sie sich als das schwache Weib. Sie erhob mancherlei Einwand, unter Tränen sogar, aber sie kam nicht auf gegen die fast religiöse Begeisterung des Mannes. Zu allerletzt verschanzte sie sich hinter die böse Nachrede der Freunde und Nachbarn. Wie werde man es ihnen, die selbst arme Leute, auslegen, daß sie ein Findelkind zu sich genommen — vermutlich, damit der Stadtpfeifer es mit seinen Projekten und Notenpapierschnitzeln großfüttere? Heinrich sprach trutzig: „Ziehn dir die Leut' ein schiefes Maul, So sei im Gesichterschneiden auch nicht faul —" sagt Doktor Martin Luther; und ich denke, wir sind beide gut lutherisch." Dann nahm er das Brot, schnitt es an und setzte den Wasserkrug aus den Tisch. „Jetzt wollen wir schweigen und in Frieden unser Abendbrot essen. Hast du aber erst geschmeckt, Christine, wie köstlich dieses Brot ist, und wie der Hofbgcker nie ein gleiches gebacken, dann werden dir die Augen aufgehen, daß du Gottes Hand erkennst, die dieses Kind gerade uns, und uns allein, überantwortet hat — wer weiß, zu welchem Ende!" 3. Kapitel. Das Brot ging nicht mehr aus in des Stadtpfeifers Hause. Sie hatten aber auch das Kind behalten. Mit Wasser und Milch — ein damals noch kaum erhörtes Wagnis — ward der Knabe ausgezogen. Die Hofbäckerin steuerte die Milch dazu. Andere gaben Leinwand, Kleider; auch sonstige milde Spenden mancherlei Art flössen reichlich, solange die Sache noch neu war; dann versiegte die Barmherzigkeit, und nach Jahresstist blieben die paar Gulden allein übrig, welche die Gemeinde beitrug — dec Stadtpfeifer meinte, man könne keinen Hund dafür ordentlich erziehen. Allein Heinrich Kullmann hatte jetzt einen neuen Menschen angelegt. Ein Eifer zu arbeiten, zu erwerben glühte in ihm, daß es Christinen fast bangte. Tariinis Bogenstrich war ganz vergessen, unser Freund war dec reine Stadtpfeifer geworden, doch, das merkte jeder, nur um Gottes willen, um des Weibes und Kindes willen. Er lief zweimal die Woche vier Stunden Wegs weit nach Wetzlar, um bei den Herren vom Reichskammergericht die Musikstunden wieder zu suchen, die er in Weilburg verloren. Da er sich für diese Tage im Turmdienst durch seine Gehilfen mußte vertreten lassen, so galt es, vorher Dispens beim Schultheißen zu gewinnen. Dieser gab abschlägigen Bescheid. Früher würde der Stadi- pfeifer nunmehr beschämt sich in sich selbst verkrochen und keinen weiteren Schritt mehr gewagt haben. Jetzt dagegen ging er mannhaft zum Schultheißen und legte ihm die Sache in so beweglicher Rede vor, daß er mit der Erlaubnis in der Tasche wieder heimgehen konnte. Seit di« wirkliche Not an ihn gekommen, seit er in seinem House einmal beinahe kein Brot mehr über Nacht gehabt hätte, war er ein Manu geworden. Und als ihm wie durch ein Wunder dennoch Brot beschert ward, nahm er mit dem Kinde freiwillig die doppelte Not auf sich, gleich als wolle er nun ein Mann werden, der für zwei Männer steht. Das Brot ging nicht mehr aus in seinem Hause, aber schmal blieb es durch Jahr und Tag. Drei leibliche Kinder kamen nachgerade zu dem gefundenen, so daß die kleine Pfeiferstube übervoll ward. Das Herz des Vaters gehörte den eigenen Kindern; das Herz des Künstlers dem gefundenen; Johann Friedrich war noch keine vierzehn Jahre alt und konnte noch keine große Geige bewältigen, da sagte der Stadtpfeifer schon: „Hinter der Stadtmauer habe ich den großen Musiker von der Gasse aufgelesen, den ich in mir selber immer vergebens gesucht." So ging es durch achtzehn Jahre voll Plage und Not. Die kleinen Leute verstanden aber damals noch gar trefflich die Kunst, elend und zugleich glücklich zu [ein. Heinrich Kullmann kam nicht vorwärts, aber er blieb doch immer als Stadtpfeifer sitzen; er wurde oft nicht satt, aber er verhungerte auch nicht, und wenn er nur feinen ledernen Hvsengurm um zwei Löcher fester schnallt«, so spürte er keinen Hunger mehr, auch bei halbleerem Magen. Weil in den Kriegszeiten jeder zurückging, V> brauchte sich keiner zu schämen, wenn er verdarb. Der Stadtpfeiser machte etwa alle drei Jahre den Versuch, flügge zu werden, fiel aber immer wieder in das alte Nest auf den Schloßturm zurück. Das nahm er hin, ™ hätte es nicht anders kommen können, und blieb so gutmütig, treuherzig und unpraktisch wie immer; aber er blieb jetzt auch ein Mann. Bi am Christine zuweilen ungeduldig, dann sprach er: „Gottes Segen ist 1« doch mit dem Kind und dem Brot über uns gekommen, vielleicht nicht gant so reich, als wir es wünschten: — das Pferd, das den Hafer verdien, kriegt ihn nicht; aber sei versichert, um des Kindes willen wird uns i jene Welt der hier entgangene Hafer gutgeschrieben — mit Zinsen. (Fortsetzung folgt.)___ Verantwortlich; Dr. Hanä Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitätS-Duch-- und Steindruckerei, A.Lange, Gießr^