SietzenerZamilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang (929 Freitag, den 8. November Nummer 87 Wanderer. Von Paul Appel. Still in die Grotte trat er ein Und ruhte in dem reinen Raum, Hob das Gesicht zur vollen Wand Und sah den steinern süßen Traum. Die Fackel leuchtete dem Blick, Sie legte weit den Schimmer bloß. Feucht aus dem dämmernden Gestein Sprang ein Geäder klar und groß. Der Wanderer hob halb den Arm. Er dehnte fremd die eigene Hand Und glich sie an dem heiligen Gang Der Adern an der alten Wand. Und atmete, die Seele wach, Und wandte um und sand hinaus: Da grüßte ihn das weiche Tal Mit Blumen und dem hellen Haus. Er bückte sich dem nächsten Blatt, Er nahms, er hielts ins reiche Licht: Da keimten Rippen auf im Grün Wie selige Adern, süß und dicht. Und gleich, wie ers auch nicht bedacht, Spannt auf dem Rücken feiner Hand Der Wanderer das junge Blatt Und sah sich heilig ihm verwandt. Der zauberstrenge Schöpfergruß Glitt heiß zu seines Blutes Grund, Hob ihm die Seele auf ins Aug, Und Zucken schönte seinen Mund. Lord und Liebe. Eine wahre Begebenheit ans Alt-Wien. Bon Karl Lerbs. Ein Engländer, jung noch, aber bereits erfolgreich bemüht, die natürliche Heiterkeit seiner Züge mit der nüchternen Sachlichkeit zu überdecken, wie sie in seinem Lande gefordert wird; von steifer Gelassenheit der Haltung und tadellos korrekt vom grauen Zylinder über das schwarzgcrnndete Monokel, den gepflegten Backenbart und die schwarze Halsbinde bis herab zu den grauen Gamaschen; dazu überlieferungsgetreu tariert über seine ganze sonstige bekleidete Leiblichkeit; ein junger Engländer also fuhr an einem löblichen Junitage des Jahres 1803 mit Extrapost in Wien ein. Er war natürlich, wie alle Engländer in romanhaften Begebenheiten, ein Lord, und da er einen zahlungsfähigen Eindruck machte, so tat der Schwager sein Mögliches, um den Einzug in Wien mit irdischem Glanze zu umgeben. Die Pferde indessen, rauher Peitschenführung ungekvohnt, spielten plötzlich ein bißchen „Durchgehen" und rasselten mit der Kutsche durch die Straßen, daß die Mehlspeisen in den Kochtöpfen tanzten und den Scheiikenmufikanten die Fiedelbogen wegsackten. Auf den Engländer machte das selbstverständlich nur geringen Eindruck; sein Kammerdiener und Reisemarschall aber, der bei der bedrohlichen Fahrt mit untergeschlagenen Annen wie eine Statue der Seelenruhe neben dem Schivager auf dem Kutschbock thronte, verlor an einer scharfen Biegung das Gleichgewicht und kippte ganz unzeremoniös vom Wagen. Als die Pferde diesen gewiß unbeabsichtigten Erfolg erzielt hatten, standen sie reumütig still, und der Lord hatte Gelegenheit, auszusteigen und die gestürzte Statue zu besichtigen. Er stellte mit wenigen zielbewußten Griffen fest, daß der Diener einen Arm und ein Sein gebrochen hatte. Zur Enttäuschung des Volkes, das den Vorfall gern, ausgiebiger genossen hätte, ließ der Lord den Verunglückten rasch von einigen hilfsbereiten Männern in die Kutsche packen und in den bereits vorher bestimmten Gasthof fahren, wo er dann sofort den Hausknecht zu dem bekanntesten .Wundarzt Wiens schickte. Der Medikus war ein berühmter Mann, der sich durch riesige Leibesfülle, Atemnot, Vergnügtheit und eine ans Wunderbare grenzende Geschicklichkeit der Hand auszeichnete. Nachdem er mit einem „Jessns, do schaut man!“ sein Mitleid und einem „A so an Hold!" seine Bewunderung für die steinerne Ruhe des Verunglückten bekundet hatte, tat er seine Arbeit so vortrefflich, daß der unentbehrliche Butler schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit seinen Dienst wieder aufnehmen konnte. Der prächtige Chirurgns war daher keineswegs erstaunt, als der Lord nach einigen Wochen abermals nach ihm schickte. Er ließ sich zum Gasthof tragen, wuchtete, strahlend im rosigen Glanze satter Jovialität, in das Zimmer des Lords, lobte schnaufend das herrliche Wetter und die dadurch crnfene Schönheit der Praterauen und erbot sich sodann, seinen verehrten Gönner von jeglicher Krankheit zu heilen, die ihn etwa befallen haben möchte. Der Lord, statt jeder Antwort, ging zur Tür, schloß sie von innen ab, steckte den Schlüssel in die Tasche; kehrte zurück und deutete mit einer Handbewegung auf den Tisch in der Mitte des Raumes: Da lag ein praller Beutel und eine Pistole mit gespanntem Hahn. „Sie haben, Sir," sagte der Engländer mit vollkommen beherrschter Stimme, „vor einigen Wochen bei der Behandlung meines Dieners bewiesen, daß Sie ein Arzt von ungewöhnlichen Gaben sind. Ich habe Sie deshalb dazu ausersehen» mir einen unschätzbaren Dienst zu leisten. Sie werden mir jetzt sofort mein rechtes Bein im Kniegelenk ablösen. Der Beutel mit Dukaten da auf dem Tische wird dafür, nebst meinem Dank und meiner Weiterempfehlung, Ihr unvollkommener Lohn sein.“ Hier drückte er den aufstehenden Doktor mit entschiedener Bewegung wieder auf seinen Sitz herab und fuhr etwas lauter fort: „Wenn Sie sich aber weigern, so bin ich leider genötigt, zur Unterstützung meiner Bitte den Beistand dieser Pistole in Anspruch zu nehmen." Der Chirurgus verlor vor körperlichen Leiden niemals sein begründetes Selbstvertrauen, aber die Behandlung dieser offenbar auf geistigem Gebiets liegenden Erkrankung hätte er doch lieber einem Kollegen überlassen. Er lachte etwas unsicher, verschluckte sich dabei und nützte die so entstehende Pause zu schneller Ueberlegung; dann, durch ein verdächtiges Knacken des Pistolenhahnes gewarnt, stotterte er mühsam scherzend: sein verehrter Gönner beliebe doch wohl zu spaßen, da an dem fraglichen Bein kein sichtbarer Schaden zu entdecken sei. Die auf seinen Brustkasten zielende Mündung der Pistole war eine wirksame Entkräftung dieses Einwandes. Alsdann gut, sagte der dicke Herr, dessen Gesicht mit Ausnahme der Nase die Röte, s» ziemlich eingebüßt hatte — so wolle er nur eben feine Dienerschaft herbeirufen, die den Patienten während der Operation festzuhalten habe. Aber auch dieser Fluchtversuch schlug fehl. „Ich bin ein Engländer, Sir,“ sagte der Lord verächtlich, „und werde mit keiner Wimper zucken. Fangen Sie endlich an, wenn es gefällig ist!" Hier glaubte der Doktor einen rettenden Einfall zu haben: „Aber eS fehlt ja an den nötigen Instrumenten!“ rief er triumphierend. „Keineswegs, Sir," war die Antwort. Der Lord klappte mit der Linken einen kleinen Koffer auf, und vor den erstaunten Augen des Doktors lag die schönste Sammlung chirurgischer Werkzeuge, blutstillender Medikamente und sauberer Verbandsstoffe, die er je gesehen hatte. lieber alledem hatte er in sein heiteres Phlegma zurückgefunden. In den Augen seines sonderbaren Patienten las er eine kalte Entschlossenheit, die jeden Zweifel entkräftete. Da war ein Mann, der ein Bein los sein wollte, und für die Hilfe dazu einen Beutel Gold Bot; seine Gründe dafür waren schließlich seine eigene Sache. „So dich ein Glied ärgert, reiße es aus und wirs es von dir,“ dachte der Doktor, goß Wasser in eine Schale, kramte in dem Jnstrumentenkasten, entkleidete das Bein des Lords, der immer noch mißtrauisch die Pistole festhielt, und begann mit gewohnter überlegener Sachlichkeit sein Werk. Nun trat natürlich bald ein Zustand ein, in dem selbst ein englischer Edelmann nicht mehr Herr seiner Sinne ist, und der Arzt hätte seinem Patienten wohl noch rechtzeitig den Schlüssel wegnehmen und Hilfe holen können; aber man darf wohl vermuten, daß die sozusagen künstlerische Vollendung seiner Arbeit ihn gänzlich beschäftigte und keinen Nebengedanken heranließ. Jedenfalls nahm er das Bein im Kniegelenk ab, verband die Wunde und brachte den Ohnmächtigen, der weder Schmerzensschrei noch Seufzer ausgestvßen hatte, zu Bett. Nachdem er den Kranken bann der Fürsorge des steinernen Butlers überantwortet und die nötigen Verordnungen gegeben hatte, steckte er den wohlverdienten Beutel zu sich und kletterte kopfschüttelnd die Stiege hinab. Es ist nur in Kürze zu berichten, daß der junge Lord, völlig ausgeheilt und von dem erfinderischen Doktor mit einem Holzbein ausgerüstet, das den Schaden bis auf ein mäßiges Hinken fast unmerklich machte, nach etwa sechs Wochen die Stadt Wien mit Extrapost verließ. „Ich bin Ihnen, sehr geehrter Herr, für den Vorfall, den Sie mit mit erlebten, immer noch die Erklärung schuldig,“ las der Doktor in einem Schreiben, das er ein Jahr später aus London empfing, und das ihn in gerührte Heiterkeit versetzte. „Wenn ich sie bisher nicht gab, so lag das daran, daß es mir widerstrebt, über unfertige Dinge zu reden. Heute darf ich sagen, daß ich Ihnen mein Lebensglück verdanke. Ich lernte einige Zeit vor meinet Abreise ans England eine junge Dame kennen, zu der ich Neigung faßte. Zu meiner Verwunderung lehnte sie meine Werbung indessen ab, obwohl alles gut zu passen schien, und verweigerte mir die Angabe des Grundes. Nach vielem und dringlichen Fragen erfuhr ich schließlich — was nur ihre Familie wußte —, daß sie in früher Jugend das linke Bein verloren hatte und seitdem ein vortrefflich konstruiertes Holzbein trug. Trotz meiner Versicherung, daß ich sie mit dem Bein aus Holz ebenso lieben würde, als ob es eines aus Fleisch und Blut wäre, beharrte sie auf ihrer opferwilligen Weigerung. Ich beschloß, eine weite Reise zu machen, um den Schmerz der Enttäuschung zu vergessen. Aber es gelang mir nicht. Die Heilung meines Dieners durch Sie brachte mich auf einen Ausweg. Den angewendete» Zwang haben Sie mir, als notwendig, gewiß verziehen. Da? welkere wissen Sie. Ihre Gefchfcklichkett hat eS mir ermSglicht, mich dem Körperzustande meiner Geliebten anzupassen und an ihrer Seite so durchs Leben zu gehen, wie ihr eigener Körperschaden es verlangt. Ihr Widerstand ist besiegt. Wir sind verheiratet und glücklich. Ich bin, mein Herr, mit dem Ausdruck meines Dankes und meiner Hochachtung Ihr ergebener Lord W." Fabelerlebnis. Von Dr. Johannes Günther. (Nachdruck verboten.) Für das Gefühl des modernen Menschen, der sich gern in Freiheit entwickelt, hängt der Fabel ein unangenehm moralpädagogischer Zopf an. In der Tat leiden die meisten Fabeln, die wir kennen, an der Absichtlichkeit. Der allzu bestimmte Zweck nimmt der Fabel das Künstlerische, ohne das sie nun doch wohl einmal nicht zu denken ist. Denn wenn die Fabel auch zu einem guten Teil Sache der Pädagogik ist, so soll sie doch zu einem anderen guten Teil der Kunst angehören. Sagte doch Lessing: „ ... der Fabeldichter steht auf dem gemeinschaftlichen Raine der Poesie und der Moral..." Aber derselbe Lessing hat auch in seiner Fabeltheorie geschrieben: „Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall zurückführen, diesem besonderen Falle die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt, so heißt diese Dichtung Fabel". Ein solches Theorem trägt eben dazu bei, das Kunstwerkchen, das sich „Fabel" nennt, mit Absichtlichkeit zu überlasten, vielen verstockten und langweiligen Fabelschreibern rechtzugeben und die Fabel überhaupt verhaßt zu machen. Ich glaube, daß das Werden oder, wie man hier besser sagen müßte: die Konzeption der Fabel für ihre Frucht und für ihre Wirkung entscheidend ist. Das sollen drei Beispiele aus drei verschiedenen Zeiten zeigen: * In dem altflämischen Schauspiel „Lanzelot und Sanberein" ist die Szene von besonders stiller Schönheit, wo Sanderein mit dem Ritter unter einem Blütenbaum sitzt. Sie möchte ihm gestehen, daß sie nicht mehr unberührt sei. Aber Scham hält ihre Worte zurück, auch wünscht sie, die Liebe des Ritters nicht zu verlieren. Da faßt sie einen besonders blütenreichen Zweig und fragt: „ ... Käm jetzt ein Falk' zum Baum herab und riß' sich eine Blüte ab, ? danach indessen weiter keine, so daß nicht mehr er hätt' denn eine, — soll darum mich der Baum betrüben, ich weniger vielleicht ihn lieben? ..." Zunächst antwortet der Ritter nur in dem Bilde der Fabel: nein, um der einen fehlenden Blüte willen achte er den Baum nicht geringer. Er schont vorsichtig ihren inneren Menschen. Erst am Ende streicht er gütig über ihn hin: „ ... So sei, mein Lieb, nicht mehr verwirrt, was sich in deiner Brust begibt, weiß ich genau. Doch unverzagt! Mein Herz dich ohne Schranken liebt. Nun zieh mit mir, du reine Magd!" • Wir kennen alle Martin Luthers kurze, markige, treuherzige Fabeln, aber die besten Fabeln, die Luther dichtete — die hat er gar nicht geschrieben. Ich spreche da nur einen scheinbaren Widerspruch aus. Die Lösungen mögen uns einige Stellen aus seinen „Tischreden" geben: „ ... Doktor Martmus sagte: ich habe gesehen, daß in Italien auf harten Steinfelsen die allerschönsten Oelbäumlein wuchsen; da lernte ich die Worte verstehen, so im Psalm geschrieben sind: ,aus den Felsen sättigt er sie mit Honig' und wir müssen's allhier zu Wittenberg auch bekennen, da unser Land gar sandig ist, dennoch gibt uns Gott aus diesen Steinen fluten Wein und köstlich Korn. Aber weil dies Wunderwerk täglich geschieht, o verachten wir's". „ ... Auf einen Abend sah Doktor Martin ein Vögelein auf einem Baume sitzen und die Nacht über darauf ruhen; sprach er: ,Dies Vögelein hat sein Nachtmahl gehalten und will hie fein sicher schlafen, bekümmert sich gar nicht noch sorget für den morgenden Tag oder Herberge, wie David sagte: Wer unter dem Schirm des Allerhöchsten wohnet...' Es sitzt auf seinem Zweiglein und lässet Gott sorgen". „Doktor Martin, Anno 38 den 17. August, hörte, daß sich seine Kinder untereinander zankten und haderten, und bald wiederum vertrugen und versöhnten, sprach er: »Lieber Gott, wie wohl gefällt dir solcher Kinder Leben und Spielen! Ja, alle ihre Sünden sind nichts denn Vergebung der Sünden!'" So erging es Luther: er hatte Augen und Ohren immer offen, und alle Kreaturen und Dinge, die er so wahrnahm, entdeckten sich ihm im buchstäblichen Sinn, sie ließen ihre Decke, ihre Hülle fallen, sie zeigten den tiefen Sinn, der ihnen inne wohnte, den tiefen göttlichen Sinn. Dazu gehört nun ein Satz, den Luther ein andermal sprach: „Die größten Wunderwerke Gottes werden in den allerkleinsten und unachtsamsten Kreaturen und Dingen geschehen. Gott ist an keinen Ort gebunden, er ist auch an keinem ausgeschlossen. Er ist an allen Orten, auch in der geringsten Kreatur, als in einem Baumblatt ober in einem Gräslein und ist doch nirgend. „Nirgend" — das heißt: greiflich und beschlossen; an allen Orten ist er: denn er schaffet, wirket und erhält alle Dinge." * In unseren Tagen lebt noch ein viel zu wenig bekannter Dichter: Paul Gurk. Wenn man in seinem Fabelbuch lieft, das vor sieben Jahren erschien, oder auch Me weiteren Fabeln auf sich wirken läßt, die feitdem hier und da hervortraten und sich zu einer neuen Fabelsammlung vorbereiten — dann hat man bestimmt den Eindruck, daß dies keine absichtlich zurecht gesuchten und zurecht gemachten Fabeln sind, sondern daß es Naturzusammenhänge, Natursituationen, Naturbilder, Naturerscheinungen waren, Die sich dem Dichter Gurk im begnadeten Zufall offenbarten und ihn in ihrer Gehaltsfülle nicht losließen, bis er sie aus dem persönlichen Erlebnis in die strenge Sicherheit und Klarheit poetischer Form hinaufhob. Beim Dichten der Fabeln, die fo zustandekommen, verwandte Gurk nicht oder nicht bloß die (wenn auch an sich wertvollen und einstmals auch irgendwie erlebten) Fabelschablonen, sondern, in unbewußter Befolgung von Luthers Wort über die Allgegenwart des regierenden Geistes, entdeckte er in Natur- erfcheinungen, welche gerade unser modernes Auge interessieren, in Gebrauchsgegenständen, welche die Hände des modernen Menschen anpacken, ewige Gültigkeit, und all diese Dinge wurden ihm zu Spiegeln ewiger Wahrheit. Aber nicht bloß in solchem Fabelbuch, sondern — und das scheint mir fast das Wichtigste — auch in den anderen Werken Paul Gurks macht sich dieser Denkstil bemerkbar, der eben alles sinn- und gehaltvoll sieht: Seinem Thomas Münzer wird zugerufen, nachts, an einer Kohlenhalde' beim Fackellicht: „Du Empörer aus deines Herzens Not und deines Blutes Gemeinschaft: ich klage um dich! Wie diese Fackeln wirst du sein. Brand, Glut, Licht für andere, selbst sich verzehrend und in die Erde gestampft von kotigen Füßen... Möchtest du vorher sterben!" In seinem Buch „Die Wege des teelschen Hans" heißt eine von den vielen Stellen, an die ich hier denke: „ ... Es wird dunkler. Regen tropft, mißmutig, mit Langeweile, weil es am Himmel nicht mehr auszuhalten war. Nun kommt er unter die Stiefel und wird zerschmiert, während die Stiefel sich über das glitschige, unmoralische Pflaster beschweren. . ." Und von „Meister Eckehart" wird erzählt: „ . .. Lächelnd strich der Meister durch die Gassen. Sie waren voll von dunkelbewegter Lust und von der Süßigkeit heimlicher Zwiesprache der ruhenden und ihre Last ausatmenden Häuser, die sich zueinander zu neigen schienen und sich ansahen ..." Die seltsame Hellhörigkeit und Hellsichtigkeit, mit der Gurk den Dingen und den Kreaturen auf den Grund lauscht, — so tief, daß sie dem Lauscher mit menschlichen Worten zu reden und mit menschlicher Ueberlegung zu handeln scheinen — dieses Erlebnis, dieser Zufall, der die künstlerisch echte Fabel gebiert, das ist 'ja eigentlich die dichterische Grundbegabung Überhaupt. Diese Begabung hebt, wie es die Romantiker so fein erkannten, die hemmenden Unterschiede zwischen den Erscheinungsformen auf und schafft die gegenseitige Offenbarung. Aus diesem Grunde wohl nannte Novalis (in seinem Märchen, das dem „Heinrich von Ofterdingen" eingeordnet ist), jenes mutige Wesen, das ganz naiv, ganz naturverbunden alle Trennungen innerhalb der Schöpfung aufhebt, „Fabel" und schrieb: „Die Wärme naht, die Ewigkeit beginnt, Wenn Meer und Land in Liebesglut zerrinnt. Die kalte Nacht wird diese Stätte räumen, Wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt. In Freias Schoß wird sich die Welt entzünden Und jede Sehnsucht ihre Sehnsucht sinden." Uns verstimmt die Fabel, bereu Verfasser mit durchaus belehrender Absicht von der „Moral" ausging und eine der Wirklichkeit entlehnte Einkleidung suchte. Aber uns überzeugt die Fabel, deren Einkleidung der Zufall in der Wirklichkeit (nicht der vorstellende Verstand) hergab. — Ja noch weiter: am Anfang muß das Erlebnis stehen. Aus der Kraetur, aus dem Ding müffen wir überrascht den Gehalt erkennen, vielleicht sogar die Weisheitlehre empfangen. «-Frische Luft." Von Dr. Hellmut Thomafius. (Nachdruck verboten.) Wenn uns, die wir dazu verurteilt find, einen erheblichen Teil unseres Lebens im Zimmer zu verbringen, die Luft darin zu schlecht, zu schwer, zu dick, zu heiß geworden ist, so öffnen wir die Fenster. Wir lassen „frische Lust" herein. Sehen wir uns diese frische Luft etwas näher an, so erkennen wir, daß sie in den Städten sehr weit von dem Ideal entfernt ist, das dem Hygieniker vorschwebt. Sie enthält Unmengen fester Bestandteile in Form von Staub, der von der Straßenoberfläche herstammt, sowie Rauch und Ruß, die aus den Schornsteinen zahlreicher Feuerungen entströmen. Diese Quelle liefert auch den erhöhten Betrag an Kohlenfäuregas, das darin enthalten ist. Weitere Gafe kommen hinzu: vor allem die schweflige Säure, die sich bei der Verbrennung mehr ober minber schwefelhaltiger Kohle hübet, ferner das Gasgemenge aus dem Auspuff der Automobile und noch manches andere. In dem Maße wie die Städte wachsen und wie der Verkehr zunimmt, mehren sich diese in der Luft enthaltenen fchädlichen Bestandteile. Die Menge steigt in einzelnen Großstädten zu einem erheblichen Betrage an. Wenn wir nach dem Stiften unserer Zimmer tatsächlich eine Erquickung fühlen, fo muß man in Anbetracht der Zusammensetzung dieser sogenannten „frischen" Lust ernstlich die Frage auswerfen, ob hier nicht die Suggestion eine wesentliche Rolle spielt. Was man wünscht, das glaubt man gern. Außerdem wird die Erquickung vielfach auch durch die niedrigere Temperatur der Außenluft, durch ihren geringeren Gehalt an Feuchtigkeit und eine Reihe fonstiger Umstände herbeigeführt, die belebend wirken. Die durch feste Bestandteile und Gase der verschiedensten Art verunreinigte Stadtluft trägt sicherlich nicht zur Förderung der Gesundheit und zur Erhöhung der Arbeitsfähigkeit Bei. Deshalb ist neuderings der Gedanke aufgetaucht, ob man nicht für nufere Wohnräume, in denen wir uns doch den größten Teil unseres Lebens aufhalten, eine besondere Luft schaffen soll, die in bezug auf ihre Zusammensetzung tatsächlich das Ideal darstellt, das der Mensch zum Leben benötigt. Unsere Technik ist so wert vorgeschritten, daß wir die über den Straßen lagernde Luft gewissermaßen als einen Rohstoff betrachten können, den wir derart zu reinigen, zu verfeinern und zu behandeln vermögen, daß er allen zu stellenden hygienischen Anforderungen entspricht. In einzelnen Fällen sind bereits besondere Behandlungsverfahren durchgesührt worden, die den Zweck hatten, der Lnft gewisse Eigenschaften zu verleihen. Es ist dies vor allem in verschiedenen technischen Betrieben der Fall. Bei der Zigarettenfabrikation z. B. gibt man ihr einen bestimmten Gehalt an Feuchtigkeit und eine bestimmte Temperatur. Es hat dies den Zweck, die Geschmeidigkeit des Tabakblattes zu erhöhen und das beste Aroma zu erzielen. In Spinnereien trifft man ähnliche Maßnahmen, um den Spinnfaden möglichst geschmeidig zu machen. Auch in verschiedenen Theatern finden fich Einrichtungen, durch die filtrierte Luft ins Innere eingeführt wird. In jüngster Zeit hat man in Kinotheatern sogar große Kühlanlagen eingebaut, die im Sommer in Tätigkeit treten und den Aufenthalt im Zuschauerraum angenehm machen sollen. Jetzt ist in Amerika an einem großen Wolkenkratzer der technisch bemerkenswerte nnd in hygienischer Hinsicht so bedeutsame Versuch durchgeführt worden, für Zehntausende von Menschen, die darin arbeiten, eine Luft zu schaffen, die immer gleich rein, gleich angenehm, gleich erfrischend und vor allem int höchsten Grade hygienisch ist. Sie ist besser als die Außenluft, die beim Oeffnen der Fenster hereinströmen würde. Sie enthält keine Spur von Staub oder schädlichen Gasen. Im Keller sowohl wie im obersten Stock sind ihre Temperatur und ihr Gehalt an Feuchtigkeit immer die gleichen. Um dieses Ziel zu erreichen, war vor allem eines nötig: Das ganze Riesengebäude mußte ein in sich abgeschlossenes Ganzes werden. Es konnte nicht mehr ins Belieben des Einzelnen gestellt werden, die Lnft irgendwie zu ändern, sie weiter zn erwärmen oder abzukühlen. Deshalb sind die Fenster nicht mehr zum Oeffnen eingerichtet. Sie dienen lediglich dazu, um Licht einzulassen. Bei den Türen läßt sich ähnliches natürlich nicht durchführen. Von hier aus kann Luft ins Gebäude strömen. Durch sorgfältige Messungen hat man ihre Menge festgestellt. Besondere Maßnahmen wurden getroffen, um ihren Einfluß auszugleichen. Im übrigen aber ist der Betrag, um den es sich hier handelt, ziemlich gering. Die in dem erwähnten Gebäude befindliche Luft wird tatsächlich von außen als Rohstoff bezogen. Da die gewöhnliche Luft in der Nähe des Erdbodens viel mehr Staub enthält als in größerer Höhe, so wird sie oben an der höchsten Stelle des Gebäudes eingesaugt. Die Lustmenge ist so bemessen, daß sie im Verlauf von acht Minuten das ganze Gebäude und jeden in ihm enthaltenen Raum durchströmt. Die eingesaugte Luft wird, ehe sie in irgendeinen Raum eintritt, durch eine Regenvorrichtung hindurchgedruckt. Hier wird sie gründlich gewaschen. Alle in ihr enthaltenen festen und der größte Teil der gasförmigen Bestandteile werden dabei entfernt. Die Untersuchungen haben ergeben, daß durch diese Beregnung tatsächlich 95 v. H. des in der Außenluft enthaltenen Staubes herausgewaschen werden. Die geringen noch vorhandenen gasförmigen Bestandteile werden dann mit Hilfe von Chemikalien gebunden, so daß die Luft nunmehr vollkommen rein ist. Im Sommer ist die Außenluft jedoch zu warm. Sie muß auf die für die Gesundheit am zuträglichsten erachtete Temperatur von 17,5 Grad Celsius abgekühlt werden. Dies geschieht durch entsprechende Abkühlung des zum Waschen verwendeten Wassers. Dieses strömt durch ein Kühlsystem, das es auf eine niedrige Temperatur bringt. Die Temperatur des Wassers ändert sich dabei stets nach der der Außenluft. Besondere, sehr sinnreich erdachte Vorrichtungen arbeiten vollkommen selbsttätig, um bei höherer Außentemperatur eine stärkere Abkühlung, bei niedrigerer eine geringere herbeizuführen. Auf alle Fälle hat die Luft im Gebäude überall, im Sommer sowohl wie im Winter 17,5 Grad Celsius. Im Winter wird sie selbstverständlich entsprechend erwärmt. Die von den Fenstern des Gebäudes eingenommene Fläche ist sehr groß. Ist es nun im Winter sehr kalt oder im Sommer sehr heiß, so tritt die Gefahr ein, daß sich die Jnnenluft an den riesigen Fensterslächen zu stark abkühlt oder zu stark erwärmt, so daß die 17,5 Grad unter- oder überschritten werden. Um dies zu verhüten, sind alle Fenster als Doppelfenster gebaut. Eine weitere Gefahr liegt darin, daß durch das Vorbeistreisen der Luft an den Körpern von etwa 20000 Menschen ebenfalls eine Temperaturerhöhung eintritt. Die Beobachtungen haben gelehrt, daß dies nur in verhältnismäßig geringem Grade der Fall ist. Deshalb läßt man etwa einen halben Grad Spielraum. Zeigen die in allen Räumen angebrachten Thermometer ein Ansteigen Über diesen Betrag an, so tritt sofort selbsttätig eine stärkere Kühlung des Regenwassers ein. Die Räume, die zuletzt von der Luft durchströmt werden, würden unter bestimmten Umständen an manchen Tagen eine zu warme Luft erhalten. Deshalb ist in der Mitte des Weges, den die Luft zurücklegt, noch eine besondere Regelungskammer eingeschaltet, durch die eine Zwischenkühlung stattfinden kann. Im Winter benutzt man einen Teil der durch Ventilatoren aus dem Gebäude wieder ins Freie geförderten Luft dazu, um das Regenwasser vorznwärrnen, etje es dann schließlich durch die besondere Erwärmungseinrichtung auf die richtige Temperatur gebracht wird. Dadurch werden erhebliche Mengen von Brennstoff gespart. Weitere Einrichtungen dienen dazu, die Luft stets auf dem gleichen Feuchtigkeitsgrad zu halten. Bald wird Feuchtigkeit zugegeben, bald wird ihr Feuchtigkeit entzogen, je nachdem es die Verhältnisse der Außenlust notwendig machen. Die Personen, die in diesem Gebäude leben, fühlen sich außerordentlich wohl und zeigen vor allem nur geringe Ermüdungserscheinungen. Das ist aber keine Suggestion, denn ein großer Teil von ihnen hat überhaupt keine Ahnung, in welcher Weise hier eine Jdealluft verbreitet wird. Sie sind also ganz unbeeinflußt. Die Erfolge in gesundheitlicher und — wegen der Erhöhung der Arbeitsfähigkeit — auch wirtschaftlicher Hinsicht sind derartig, daß man nunmehr daran gehen will, auch andere Wolkenkratzer mit ähnlichen Einrichtungen zu versehen. Vielleicht geht man später auch zu kleineren Gebäuden und Wohnungen über. Hier wird man also in Zukunft eine Luft gemeßen, bte ihresgleichen nirgends sonst in der Großstadt hat. So merkwürdig es klingt: wenn die in diesen Gebäuden Arbeitenden zu ihrer Erholung die Dachgärten ober die öffentlichen Parks aufsuchen, so werden sie, wenigstens was die Lust anbetrifft, einen Tausch zum Schlechten machen. Sidonie Beeskow. Novelle von E. A. ©teeren. Copyright by Carl Sünder Verlag, Berlin W 62. (Schluß. Es ist Percys letzter Abend; ich habe nicht viel von ihm gesehen, er hat mit Hanna gesegelt und war mit Hanna droben in den Felsen. Auch ein Vater wird eines Tages überflüssig, es gibt stärkere Magnete, und man muß die Nadel ihren Pol suchen lassen. Als ich heimkomme, ist mir, als huschte Hanna flink wie ein Wiesel über den Gang zu der Tür, die in den Garten führt. Sieh da, bist du schon wieder auf der Flucht und hast Scheu, mir zu begegnen?! — Mutter Berg hat für ihre Gäste einen Salon, der so traurig und kahl ist, daß kein Mensch ihn gerne betritt. Ein Kamin ist darin aus grauem Stein, in dem, so lange ich denken kann, noch kein Holzblock je gebrannt hat, zwei steife Sessel stehen davor wie Wächter vor einem leeren Grabe. Die Tür ist angelehnt, und ich weiß nicht, was mich trieb, aber ich drückte behutsam auf die Klinke und schaute hinein. Da saß Percy, mein Junge, zusammengekauert im großen Sessel am Kamin, eingewühlt in ein Schluchzen, das seinen zuckenden Rücken bog. Lautlos weinte Percy seine Schmerzen in sich hinein. Er hörte nicht, daß ich zu ihm trat, und fühlte nicht, daß ich es war, der über sein Haar strich —• wieder und wieder über sein dunkles, seidenes Knabenhaar, bis ein Zittern in meine Hand lief und nach meiner Kehle griff. Nicht reden, Percy, nichts sagen ... ich weiß, ich weiß . . . du bist am Anfang, und ich bin am Ende . . . es ist alles eins! Am nächsten Morgen reifte Percy ab, quer durch Deutschland, zu seiner Mutter zurück. Er ließ noch einmal Onkel Josua grüßen und Florian, seinen alten Freund, den Schisser Heino — gut, mein Sohn, ich werde alles ausrichten und deine Grüße getreulich bestellen! Und auch die Blumen nicht vergessen, die Percy mir für Hanna gab; im letzten Augenblick, als der Zug schon in Fahrt war. * Es regnet schon den ganzen lieben, langen Tag. Der See ist grau verhangen von den Fahnen des Regens, die aus den Wolken herabhängen. Das jenseitige Ufer bleibt dicht verhüllt und in Grau verschwommen. In den Dachrinnen trommelt der Regen seit Stunden und Stunden und rauscht in einigen Litaneien auf das Laubdach der Bäume. Bald ist der Sommer vorbei, und die Herbststürme kommen und fegen alles zusammen. Was kann man anders tun als im Zimmer sitzen und lesen ober in der Diele mit Onkel Josua Domino spielen? Nach der Zeitung ausschauen und darauf warten, daß Mutter Berg den Gong schlägt und zum Essen ruft! — Ich habe gar keine Lust, meinen Regenmantel hervorzuholen und mit auf- gespanntem Schirm durch den aus geweichten Schmutz der Straßen zu pilgern, nur um die Zeit totzuschlagen, die so grau dahinschleicht wie der Regen, der rings um uns niedergeht. Dann ist es schon besser, sich von Onkel Josua während des Spiels erzählen zu lassen: von dem wunderbaren Steinregen zu Sumadan in der Regentschaft Preanger auf Java, über den der Resident ein langes Protokoll an die Regierung schickte, das niemand glauben wollte; von Subhadra, dem Fakir, und warum der Amethyst, der rosafarbene aus Sibirien, angenehme Träume bringt und Schwermut und Trauer stillt. Onkel Josua spricht ganz ruhig davon, wie andere von ihren Geschäften und dem Wetter. Alle Wunder sind ihm selbstverständlich geworden und nichts Wunderbares mehr. In die strömende Monotonie des Regens säet er bunte Märchen, feuchtschwer wie der erdige Dust, der aus dem Garten zu uns hereinqnillt. Denn Fräulein Beeskow — in einem langen, triefenden Mantel — ist von draußen gekommen und steht in der Tür, durchnäßt und das beperlte Haar in Strähnen. An ihren Schuhen klebt Lehm, und die Kleider hängen an ihr wie schwere Fetzen. Sie sieht aus wie ein grauer, zerzauster Vogel. Was hat sie in Wind und Wetter herumzulaufen, sie kann krank werden und sich auf den Tod erkälten, denn man sieht ja, daß sie stundenlang draußen gewesen fein muß! Mit einer müden, schwankenden Bewegung tritt sie an unfern Tisch, auf dem die Dominosteine wie Schafe durcheinanderstehen, streicht das nasse Haar aus. der Stirn und fragt halblaut, ohne uns anzusehen: „Wo ist Hanna? — Wissen Sie, wo Hanna ist?" O da ist so viel Angst in ihrer Stimme, so viel bebende, herzblutende Angst, und es muß schlimm um Sidonie Beeskow stehen, daß sie ihrer Scheu nicht mehr achtet und uns Männer nach Hanna fragt! Nein, wir wissen es nicht; sie ist kurz nach Mittag ausgegangen, aber wer soll wissen wohin, wer von uns soll wissen zu wem!? Es ist nicht der Regen, der aus Sidonie Beeskow einen so flügellahmen, zerzausten Vogel gemacht hat. Onkel Josua und ich, wir sagen wohl freundlich lächelnd: jaja, es ist böses Wetter draußen und ein häßlicher Wind, der durch und durch geht und die Menschen totenblaß macht und ihre Zähne aufeinanderschlagen läßt, aber wir glauben kein Wort von dem, was wir sagen! Wir sehen in dich hinein, arme Sidonie Beeskow, durch und durch — und wissen es besser! Sie wandert ruhelos und verloren zwischen Tür und Tisch und hat fein Auge mehr dafür, daß ihre Bluse zerknittert und der Saum ihres Kleides abgerissen ist und am Boden schleift. Sie ist nachlässig geworden und läßt alle Dinge laufen, wie sie wollen. Wundert euch nur und bedenkt: das ist Fräulein Beeskow, die kein Stäubchen auf ihrem Rock duldet und immer daherkam wie aus dem Ei geschält! Das ist Sidonie Beeskow mit der unbewegten Stirn und den kühlen, stolzen Augen! Jetzt aber flattern und krampfen sich ihre schönen Hände, wenn sie hastige Fragen tut und törichte, unbesonnene Worte redet, um die Leere nicht so zu spüren, die ihr bleischwer zum Herzen steigt und den Atem zusammenpreßt. „Wo ist Hanna? — Wissen Sie nicht, wo Hanna ist?" Nein, wir wisien nicht, wo Hanna jetzt stecken mag, wir können nur den Kopf schütteln und die Schultern heben. Und ein winzig Teil von Sidoniens Furcht verstehen, die in ihren Augen hockt und wortlos zu uns herüberschreit. Plötzlich beugt sie sich zu mir nieder, wie wenn sie sich nicht mehr aufrechthalten könnte, und ihre Hand schwankt kraftlos in der Richtung, wo Mutter Bergs Salon und der tote Kamin liegt: „Ich"sah Percy . . . dort ... am letzten Abend" sagt sie tonlos und traurig. Ich bleibe stumm und nicke — dreimal, langsam und verstehend. Soll ich ihr vielleicht sagen: jawohl, mein liebes Fräulein Beeskow, Sie haben ganz recht gesehen, Percy war unglücklich und weinte, wie man mit siebzehn Jahren unglücklich ist und seinen Kummer riesengroß macht!? Soll ich ihr kluge, dumme Worte sagen über die Liebe, der niemand befehlen kann und auf die es in Gottes weiter Welt kein Recht gibt?! Richt für Percy, nicht für mich — für niemanden! Und wenn er noch so verloren und einsam wäre! Thomas Wiehl wird sich hüten, vor Sidonie Beeskow sein bißchen Weisheit auszukramen! Er nickt dreimal mit dem Kopf, und das ist Antwort genug! * Es ist, wie wenn ein Stein ins Rosten kommt: er lockert sich aus seinem Erdreich, nur ein wenig und noch ein wenig, beginnt ganz sachte zu rollen und tänzelt dahin; sein Laus wird schneller, er hüpft und springt die Halde herab rind stürzt in rasenden Sprüngen in jähe Tiefe. Und zuletzt denkt niemand mehr daran, daß es als ein Spiel begann. Vielleicht ist es nur eine landläufige, großmäulige Redensart, wenn ich sage: mich jammert ihr armes, verirrtes Leben, denn was geht es mich an, der ich genug mit mir herumschleppe!? Ob Sidonie Beeskow von Tag zu Tag mehr verfällt, den Straßenbuben zum Gespött herumläuft und nicht Antwort findet auf die törichtste aller Fragen, warum der letzte Mensch, an dem ihr Sein hing, sie verleugnet — was geht es mich an! Warum ihr Gutes mit Bösem, mit der Kälte des Herzens, vergolten wird? Habe ich dich nicht gewarnt, Sidonie Beeskow, und dir gesagt, daß von allen Wesen, die Gott schuf, Hanna das schönste und gefährlichste seil? Die Grabstätte in Braunschweig hat sie verkaufen müssen, damals als jener Kavalier auS der großen Welt zu uns kam, sie ist hin und verloren, um der Ruhe und des Friedens willen. Run, das war vielleicht klug getan und kein allzuhoher Preis, aber die kleine kunstmalende Kröte, unser Fräulein von Gillfeldt, sagt, daß nun auch die zweite Grabstätte bereits verkauft sei und daß kein Mensch recht wisse, wohin ihr das Geld wie der Sand zwischen den Händen zerrinne. Denn sich selbst gönnt sie nicht das geringste — das weiß ein jeder von uns und auch Mutter Berg, und deshalb verwundert es sie so sehr, daß Fräulein Beeskow ihre letzte Rechnung noch nicht bezahlt hat und mit verlegener, scheuer Miene auf der Treppe an ihr vorbeihastet! Das sind kuriose Dinge und schwer zu fassen. Beinahe möcht ich glauben, was man erzählt, daß nämlich Sidonie Beeskow wie von Sinnen sei und blindlings alles wegschenke, an irgendwen, an Fremde, an Kinder auf der Straße, vielleicht an Hanna — ich weiß es nicht! Aber warum, nicht wahr, warum sie das tut, wer sagt uns das? Man kann wohl plappern und Erklärungen stümpern, aber das letzte Warum bleibt immer verborgen. Ein Erfrierender will Wärme kaufen und an Menschen- nähe sich geklammert halten, das letzte Licht, das ihm leuchtet, nicht in der Finsternis verlieren. Vielleicht ist es das, vielleicht auch nicht — man weih nicht viel voneinander! Und ihr müßt immer bedenken, daß Sidonie Beeskow eine Frau ist, leichter ans chaotisch Dunste und das Unvernünftige verloren als wir Männer! ♦ Wir haben Mondwechsel, und der Wind ist umgeschlagen. Der Regen vorbei und letzte, schöne Tage über Land und See, bevor der Herbst uns übersällt und die verdunkeltenWälder auflodern läßt in gelbroten Flammen. Für heute Abend ist Mutter Bergs Gartenfest angesagt, und alle Vorbereitungen sind schon getroffen. Ich habe Oehry und Jahmann engagiert und ihnen eine besondere Belohnung versprochen für den Fall, daß sie sich nicht betrinken. Aber der Fall wird nicht eintreten; wir haben schon genug Gartenfeste bei Mutter Berg mitgemacht, um das Schicksal zweier Musikanten Vorhersagen zu können! Es ist ein so warmer, schöner Sommerabend voll Dunkelheit und heimlichem Leuchten; man kann ganz unbesorgt auf der großen Terrasse dicht am See sitzen und die schottischen Wollplaids getrost auf den Stuben lassen. Windstiller Friede über dem Wasser — niemand wird sich erkälten und es morgen in den Gliedern spüren! Wir haben Mutter Berg schon hochleben lassen und der gütigen Spenderin der Freude mit dem Glas in der Hand gedankt ; das ist so guter alter Brauch bei uns, und auch Herr Zollinger, der doch die ganze Bowle gestiftet hat, was keine Kleinigkeit ist bei so vielen Menschen, auch Herr Zollinger aus Stuttgart kommt erst als zweiter an die Reihe! Obwohl die Bowle in diesem Jahre besser und stärker ist als jemals zuvor und Herr Zollinger sie eigenhändig gebraut hat. Onkel Josua hat seinen Freund, den Pfaff von Andelshofen, mitgebracht — ein besonderes Vorrecht von Mutter Bergs ältestem Gast und durch die Jahre verbrieft und geheiligt. Uebrigens findet Mutter Berg, daß eine schwarze Soutane und ein priesterlich Gesicht ihrem Fest eine gewisse Würde und Weihe gibt und als Folie uns alten Ketzern gar nicht übel ansteht. Und auch mir ist's recht so, denn der Andelshoser ist ein schnurriger und umgänglicher Mann, der neben Onkel Josua sehr wohl bestehen kann, trinkfest ist und ein gütiges, fauberes Herz hat. Wir sitzen in der Laube am Ende der Terrasse auf unserem Altentell, wie Florian es lachend nennt, und schauen geruhig auf die roten, blauen und goldenen Monde der Lampions, die an unsichtbaren Fäden leise zwischen den Zweigen schwanken wie verankerte Schiffe in nächtlichem Hafen. Ihr bunter Schein fällt zitternd in den See und macht die Dunkelheit der Weite doppelt schwer und groß. Unsere Terrasse ist eine winzige, lichte Insel im Ozean der Nacht, ein klingender Kahn auf schwarzem Gewässer! Sage mir niemand, daß Herr Oehry falsch spielt und Jaßmanns Cello ein armseliges Instrument sei — es mag wahr sein, aber es trifft nicht die Bedeutung! Die kleine, kokette Frau Zollinger tut Unrecht, sich über unser Trio lustig zu machen und es mit Größen zu vergleichen, die in der Welt einen Namen haben. Wir sind hier nicht in der Welt und wir wollen gar keine vollendeten, gottbegnadeten Meister, es ist uns genug, wenn das 1 Zittern einer Geige im Winde verweht und ein Cello dunkel brummend über die Schatten kriecht! Und seht, ist unser Trio nicht herrlicher als alle Meisterschaft der Welt, süßer und verführerischer als die Kunst der Vielgerühmten! Denn Hanna hebt ihre Füße zum Tanz und löst den Wohllaut ihrer Glieder in eitel Schönheit! Du Geige und du Cello — seid ihres Leibes demutsvoller Diener und ihrer Jugend glückliche Trabanten! Seid der Kuß, der ihre tiesste Sehnsucht weckt und die verborgene Kraft ihres göttlichen Rhythmus! Laßt sie im Ebenmaß des Tanzes sich vollenden und führt sie aus schreitendem Klang zu den Wundern ihrer Bestimmung .... Niemand als Thomas Wiehl weiß, wie schön Hanna ist, niemand hat ihre Schönheit so sehr geliebt und sein Ende in ihr gefunden! Niemand außer mir kann sie tanzen sehen und dazu lächeln! Mutter Berg ist eine fürsorgliche, lluge Frau und hat junge Leute geladen, die mit Hanna tanzen und Herz und Kops darüber verlieren. Nicht irgendwen, der nichts weiter als zwei Tanzbeine hat — so unpraktisch ist Mutter Berg belleibe nicht! Aber nette, junge Leute in Position und fester Stellung, nicht zu klug und nicht zu dumm, angemessene Heiratsware, auf die man, so Gott will, eines Tages seine mütterlichen Sorgen abladen kann, und die den Segen lohnen, den man ihnen gibt l Und Hanna tairzt mit ihnen, aber mir will scheinen, daß es nicht die Hände der angenehmen jungen Leute sind, die Hanna sucht, und nicht ihre Stimmen, nach denen sie unruhvoll die Augen wendet. Es steht ein Habicht über ihr in der Lust, auf den ihre Hände warten und vor dem ihre Augen sich schließen! Kleine, süße Hanna, ich höre durch Geige und Cello und die bunte Nacht dein Herz, das schwer von Blut wie ein Schrei dich zerreißt: stoß zu, du mein Bogel! — und schlage mich mit deinen Schwingen! Nach so viel Tanz und Spiel ist unsere Stunde gekommen! Dreimal haben Florian und Hanna miteinander getanzt, dreimal hat Onkel Josua mir einen Wink gegeben und sein Glas erhoben. Worauf sollen wir Grillenfänger und Geisterseher anstoßen und trinken? Aus HannaS Gesundheit? — Ach, sie bedarf unser nicht mehr, ein Habicht hat sie entsührt, und in seinen Fängen ist alles Vergangene für sie tot! Aus die Liebe? — der Himmel bewahre uns, von der verdächtigsten Sache der Welt so viel Aufhebens zu machen! Trinken wir auf die Ruhe unserer alten Tage und die kleine Weisheit unserer gelichteten Scheitel! Das ist nicht viel und bei Gott nichts sonderlich Großes, aber genug, um eine gute Bowle und ein Gartenfest Mutter Bergs damit zu beschließen! Aber es sieht nicht so aus, als ob dies Fest schon enden wollte! Wahrhaftig, es muß eine unerschöpfliche Bowle sein, die Herr Zollinger da bereitet hat! — Die beiden Mägde und Emil, der Lohndiener, werden nicht müde, hin und her zu rennen und unsere Gläser immer von neuem zu füllen. Sie wird auch nicht dünner im Lauf der Stunden wie sonst bei Mutter Berg; im Gegenteil, der Andelshofer, der ein Kenner ist, behauptet, sie nehme seit Mitternacht zu an Stärke und herrlichem Duft. Nein, es ist kein Gedanke daran, daß die Gäste so bald schon aufbrechen! Jugend toill alle Lust bis zur Neige, und wir drei in der Laube — ach, wer fragt nach uns!? — Die bunten Lampen glühen und zittern int Gezweig und von den kleinen Tischen, halb im Dunkel, flammt Lachen auf und das Gewirr vieler Stimmen und Händeklatschen... .... Die Lust ist schwer und verdunkelt von irren Klängen. Horcht: Oehry, der betrunkene Oehry, spielt! Die Geige unterm Kinn, schwankt er auf und ab, verneigt sich tief vor den Damen, und nie in seinem Leben hat er besser und heißer gespielt. Morgen wird er zu mir kommen und um Zulage bitten, weil er so wunderschön gespielt habe und zu Höherem berufen sei! Habt ihr Herrn Zollinger je lustiger gesehen als heute Nacht? Sein Gesicht ist rund und rot und ein einziges, dröhnendes Lachen. Er schwenkt wie ein Bär das magere Fräulein von Gillfeldt im Kreis, und ihre dünnen Lippen sind blutrot. So oft sie am Springbrunnen vorübertanzen, hebt er sie hoch in die Luft und droht, sie ins Wasser zu werfen, wenn sie ihm keinen Kuß gibt. Was vermag sie gegen den Riesen, das kleine, kunstmalende Etwas! Gott und ihre Ahnen werden ihr verzeihen, denn ihre Seligkeit ist gar zu groß, und es geschah ihr selten, daß ein Mann ihren Kttß begehrte! Nun haben wir alle der Reihe nach begrüßt, die bei Mutter Berg ein- und ausgehen, aber sagt mir, wo ist Sidonie Beeskow geblieben? — Sie hatte die Tische mit Blumen geschmückt, in flachen Schalen und schlanken Vasen, und sür jeden Tisch sorgsam und liebreich Blumen von der gleichen Farbe gewühlt. Da war niemand unter uns, der ihrem zarten Farbensinn und ihrem guten Geschmack nicht ein Lob spendete und ihr ein artiges Kompliment sagte, das sie schüchtern und erschreckt von sich abwehrte. Dann hat sie sich still zu Mutter Berg gesetzt, mit dem Rücken gegen die Büsche und mit dem Blick auf die Tanzenden und den mächtigen See, in dem Sterne sich spiegeln wie Lichter aus der Tiefe. Als Hanna und Florian miteinander tanzten und in der Verzauberung ihres Blutes sich fanden, sah ich Sidonie Beeskow im Schatten der Büsche stehen mit weitgeöffneten, höhlendunklen Augen aus bleichen, blutleeren Wangen. Wie ein Mensch, der plötzlich den Sinn ersaßt und die Wahrheit sieht durch zerrissene Schleier. Dann sah ich sie nicht mehr. Mutter Berg und Fräulein Thudichum erzählten mir später, daß Sidonie nach Hanna gefragt habe — mit zitternder Stimme, weil ihr fröstelte —• und daß sie zögernd fortgegangen sei, Hanna zu suchen. Ins Haus oder tiefer in den Garten hinein. Niemand hatte acht darauf gegeben. Denn wer sollte auch an letztes Leid und die Verlorenheit der Einsamen denken, wenn Oehrys Geige zum Tanz spielt und alle Menschen unbeschwert und fröhlich sind! — Am nächsten Morgen, in grauer Frühe, kam Heino, der Schiffer, und sagte, ein leeres Boot treibe weit draußen auf dem See, und vielleicht sei ein Unglück geschehen.... Man schickte Leute aus mit Haken und Stangen, und sie suchten viele Stunden lang, aber Sidonie Beeskow fanden sie nicht. Sie blieb in der Tiefe und kein Mensch hat je erfahren, wo sie Ruhe fand. Ihre letzte Grabstätte wurde drei Monate später von Amts wegen verkauft.... Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.