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Von BalderOlden. Am 3. Juni 1889 war Peters heimlich von Vagamoya aufgebrochen, um Emin Pascha in Süd-Sudan zu entsetzen, seine Macht als Landpfleger im Englisch-Aegyptischen Auftrag, aber ohne Rückhalt, neu zu stärken und dort, im Herzen Afrikas, ein neues Reich unter neuer 1 Souveränität zu errichten. Dank einem Aufwand von Tapferkeit, Genialität des Willens und legendärem Glück, wie er in der Gesamtgeschichte afrikanischer Expeditionen kein zweites Mal verzeichnet ist, erreichte er die Residenz Emin Paschas. Den Pascha aber erreichte er nicht. Eine andere Hilfsepedition, die bei Peters' Abmarsch längst für verloren galt, die Stanleys, war von der Westküste aus, durch den Kongo vorgestoßen, hatte (Emin, statt ihn zu unterstützen, aus seinem Wirkungskreis geholt und fast wie einen Gefangenen zur Küste geschleppt. Im April 1889 während Peters am Tana-Strom hin, im Kampf zugleich mit allen Gewalten der zivilisierten Welt der elementaren Natur, dem Nordufer des Viktoria-See zustrebte, zog die große Stanley- Expedition mit ihrer Kriegsbeute, Emin Pascha, vom Süd-Ufer des Viktoria-Sees Bagamoya zu. \ Während Peters mit dreißig Bewaffneten seine Karawane durch wuttobende Massaihorden schleppte, jeder Tag ein Kampftag war und seine Vernichtung schicksalsbeschlossen schien, wurde Emin Pascha an Stanleys Seite in Bagamoya eingeführt, er war neunundvierzig Jahre alt, halb blind, „ein kleines mageres Figürchen mit ganz orientalischem Typus, erzählte viel und lebhaft, und war glücklich über jeden deutsch sprechenden Menschen". Stanley „ein kleiner Mann mit etwas großem Kopf, energischem Gesicht, scharfen, klugen Augen, weißem Haar und dunklem Schnurrbart, ernst, würdig, sechsundvierzigeinhalb Jahre alt", hielt ihn geduckt wie einen Neger, hatte ihn auf dieser Reise immer neu ge- bcmütigt. Beim Festbankett, das Wißmann gab, ließ (Emin den Kaiser, Wih- mann Stanley, Stanley Wißmann leben. „Auffallend war es, daß niemand des Mannes gedachte, dem zu Ehren das Festmahl eigentlich veranstaltet war, der zum erstenmal nach elf Jahren wieder unter feinen deutschen Landsleuten faß. Emin selbst ober erhob sich zum zweiten Male, jetzt um Worte des Dankes und der Anerkennung für die katholische Mission auszusprechen, die ihn unterwegs, als er vom Nötigsten entblößt in Usambiro angekommen war, unterstützt und auch schon in früheren Jahren so manches Mal ihm bei der Vermittlung von Nachrichten usw. eine helfende Hand geboten We. Dann erhob sich Emin, ohne Aufsehen zu machen und ging ins Nebenzimmer. Nach kurzer Zeit war das Unglück geschehen. Der Held des Tages, dessen niemand gedacht, hatte in seiner Kurz- . sichligkeit ein tiefgehendes Fenster für eine Tür gehalten und war aus । ’ "er ersten Etage kopfüber in den Hof gestürzt. Aber vier Wochen später war die Schädelfraktur notdürftig ausgeheilt. Das Deutsche Reich, die Britisch-Östafrikanische Gesellschaft und der j belgische Kongo-Staat bemühten sich um (Emins Dienste. Es sickerte Mrch, Stanley habe ihn nur „gerettet", um seinen Einfluß im Äequa- s?nalland zu brechen. Am Tage nach seinem Sturz ließ Stanley seine Ucute unter Androhung, sie in Ketten zu legen, einschiffen und über «anfibar nach Mombas bringen; sie durften sich nicht mit ihrem i)errn in Verbindung setzen. Das war die Zeit des Preisboxens der europäischen Mächte um Kolonien in Afrika. ,, ^-uiiu Pascha, als Eduard Schnitzer ein evangelischer Deutscher jüdi- '7?n Blutes wählte den deutschen Dienst. Selten im Leben hat er so "loiut und ohne Zaudern einen Entschluß gefaßt. .m. Bas Verhältnis dieses als Gelehrter, Forscher und Organisator ; ^menten Mannes zu Deutschland charakterisiert sich in jenen Bagamoya- Tagen in drei Briefen, denen ich je eine Stelle von ungeheurer Leuchtkraft entnehme. „Die Königsberger philosophische Fakultät hat mich zum Dr. h. c. und die Akademie Leopoldina Carolina zum Mitgliede ernannt; auch die Hallenser Geographische Gesellschaft. So wenig mir eigentlich an dergleichen liegt, so sehr erfreut es mich, durch mein eigenes Schaffen zu etwas gekommen zu fein. Ich werde eines Tages die Diplome zusammen- packen und sie Melanie senden, sie erfreut sich an dergleichen." „Du freust Dich über die Gnade, welche mir Seine Majestät unser Kaiser und König bewiesen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie tief ergriffen ich war, als an dem Tag meiner Ankunft hier Kapitän Fotz von S. M. Korvette „Sperber" vor den versammelten Offizieren und Konsuln mir das Glückwunschtelegramm Sr. Majestät, gegengezeichnet Bismarck, überreichte. Und wiederum einige Tage später, als ich mit dem Tode rang, kam Wißmann und brachte die Verleihung des Kronenordens 2. Klaffe mit dem Stern! Da kann man doch gern für den Kaiser sein Leben lassen." Der dritte Brief ist an die Arminia in Breslau gerichtet, die Schnitzer vor einunddreißig Jahren „ohne Band", also — wir wissen die Gründe nicht — entlassen hatte, dem Weltberühmten jetzt aber h. c. bas Band übersandte. (Ein Semester nur hatte sind. tned. Schnitzer ihr angehörtt „Wohl hat mein Fatum mich nach erratischer Laufbahn auf Pfade geführt, welche weit von den (Euren abliegen, wohl habe ich einsam und allein meine Wege wandeln müssen und oft hart genug die Entfremdung von aller Welt empfinden müssen. Eins aber habe ich mir zu wahren gesucht — den festen Glauben an die Ideale, denen wir als Burschenschafter nachzuringen gelernt, den Glauben an das ewig Gute, das ewig Schöne in der Welt, den Glauben an die ideale Natur des Menschen. Und darin liegt ja eben die Berechtigung der Burschenschaft und die Bürgschaft für ihr Gedeihen noch in späten Zeiten, daß sie di« Hüterin dessen ist, was uns das Beste und Teuerste sein soll, die Hüterin wahrer Humanität und reinen Strebens. Und so seid denn herzlich bedankt für Eure Liebe und glaubt, daß ich die (Ernennung zu Eurem Ehrenmitgliede als einen Beweis betrachte, daß mein jetziger Weg der Richtige fei und ich als Pionier des Fortschritts in Afrika meiner alten Arminia keine Schande mache. Und darauf, daß die alte Arminia blüh« und wachse, darauf ein ein herzliches Schmollis! Euer Bundesbruder Dr. Emin Pascha." In Bagamoya hörte (Emin zum erstenmal, daß eine deutsche Hilfsexpedition unter Dr. Carl Peters ihn fern im Lande der großen Seen suchte, falls sie nicht, wie Gerüchte wissen wollten, längst ein Opfer der Wildnis geworden. Sollte Dr. Carl Peters, wie wir hoffen, noch am Leben fein, fo wird es ihm gewiß eine große Genugtuung gewähren, wenn er einige anerkennende Zeilen von Ihnen erhielte", schrieb ihm der Vorsitzende des „Deutschen Emin-Pascha-Comitees". Am 26. April 1890, vier Wochen nach seinem fünfzigsten Geburstag, rückte Se. Exzellenz (Emin Pascha von Bagamoya ab, in völlig unklarer Stellung, weil sein Vertrag mit dem Reich noch nicht ratifiziert war, aber mit einem festen Befehl in der Tasche. „Euer Exzellenz haben die südlich um den Viktoria-Nyanza-See gelegenen Gebiete von der Kavirondebucht ab und die Länder zwischen Viktoria-Nyanza, und Tanganyika bis zum Muta Nstge und Albert Nyanza für Deutschland zu sichern, derart, daß die Versuche Englands, in diesen Gebieten Einfluß zu gewinnen, scheiterten." Unter seinem Kommando standen sieben Europäer, 103 schwarze Soldaten und 592 Träger, für Afrika eine stattliche Macht. Er hatte sein Testament zugunsten Feridas gemacht, seines Kindes aus der Ehe mit einer Negerin, außer feiner Schwester Melanie das einzige Wesen, an dem fein Herz hing. Im Deutschen Reichstag hielt am 30. Mai desselben Jahres der spätere Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Major Siebert, eine Rede voll Lobes wie eine Grabrede,, die sie endlich auch war, denn Emin Pascha marschierte in den Tod. „Emin Pascha ist ein vortrefflicher Charakter, ein durch und durch national gesinnter Deutscher; aber er ist auch durch und durch gelehrt, und zwar ein stiller Gelehrter, dem seine naturwissenschaftlichen und geographischen Forschungen über alles gehen. Gerade deshalb, wegen feiner langjährigen Tätigkeit im Innern Afrikas, hat ihn der Reichs- kommiffär zu gewinnen gesucht und ihn gewonnen, weit er in Emin einen gänzlich friedlich gesinnten Mann als Führer der Expedition fand. Unter dem Namen und mit dem Geschick (Emins wollen wir friedliche Politik im Innern treiben. (Emin hat durch feine fünfzehnjährige Tätigkeit im Innern die fabelhafte Geduld gewonnen, um mit Negern ein Schauri durchzuführen; wo es sich oft um Kleinigkeiten handelt, weiß er ein, zwei, drei Tage zu verhandeln, während einem andern Europäer die Geduld reißt. Gerade durch diese abgebrochenen Schauris, durch die Ungeduld der Europäer sind so viele Schwierigkeiten entstanden und so Diele Kriege und Bluttaten in Afrika hervorgerufen. Wir hoffen gerade in Emin Pascha einen friedlichen Führer durch das Innere Afrikas gewonnen zu haben, und in diesem Sinne ist seine Expedition auszu- ^^An diesem 30. Mai hatte Peters endlich die Südufer des Viktoria-Sees erreicht und rastete auf einer Missionsstation, unter liebenswürdigen und gebildeten Weißen. Nach einem Jahr unausgesetzt voll von Strapazen und Kämpfen, in denen seine Gefolgschaft auf ein Bruchteil geschmolzen war, während sein einziger weißer Begleiter, der heldenhafte Tiedemann, schwer krank lag, schrieb Peters über diese „ruhigen und idyllischen Tage". „ , ,r . , Man wird mir zugcben, daß eine solche Lebensweise in Innerafrika angenehm genug ist, und wird sich vielleicht wundern, wenn ich mitteile, daß mich bereits nach einer Woche eine kaum zu bändigende Unruhe ergriff, welche mich antrieb, irgend etwas zu unternehmen, sei es, die Araber von Margo anzugreifen, oder die feindlichen Bewohner an der anderen Seite des Creek zurückzuschlagen. .. In Mpua-Mpua, einer wohlbefestigten deutschen Militarstation, trafen sich am 19. Juni auf ihren Wegen von Bagamoya und nach Bagamoya die beiden Männer, ganz durch Zufall! Es wußte keiner vom andern, ob er am Leben war: „Exzellenz, darf ich Ihnen Herrn Dr. Peters vorstellen? sagte Herr von Bülow. „Ich freue mich sehr, Sie zu sehen", sagte Emin Pascha, indem er meine Hand ergriff und sie streichelte. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll für alles das, was Sie für mich getan haben." Bald darauf saßen sie zusammen in Emins Zelt, das „mit Büchern und Präparaten ganz den Eindruck einer deutschen Gelehrtenstube' machte. ., „ „Aber nun, mit welcher Art van Erfrischungen kann ich Ihnen dienen? Trinken Sie ein Glas Rotwein, Portwein, ein Glas Bier oder...?" Dann begann das Gespräch mit der Mitteilung: Fürst Bismarck ist nicht mehr Reichskanzler. Drei Tage blieben sie zusammen, im selten unterbrochenen Gespräch. Am 22. Juni marschierte um 7 Uhr morgens Peters nach Osten, um 8 Uhr Emin ins Innere ob. Aus ihrer zweitägigen Unterhaltung hat Peters alles notiert, was auf die Lage jenes Augenblickes Bezug hatte. Emin, sonst in seinem Tagebuch so ausführlich, ließ nur eine Bemerkung zurück, die nicht sehr bewegt klingt, „Gott sei Dank, daß wir aus dem Getrinke herauskommen". In einem späteren Bries sprach er dann mit rückhaltsloser Bewunderung von Peters. „Ich habe leider zu kurze Zeit in seiner Gesellschaft leben können, um ihm zu zeigen, wie tief ich mich ihm und seinen Begleitern verpflichtet fühle; um so mehr freue ich mich, daß er daheim die so wohlverdiente Anerkennung findet. Er ist ein Mensch, vor dessen Intelligenz und Willenskraft man sich beugen muß, und ich bin der erste — ich weiß ja am Besten die Schwierigkeiten zu schätzen, die er überwunden hat —, ihm meine volle Bewunderung zu zollen." Dies zweitägige Zusammensein, gewissermaßen am Grab ungeheurer Hoffnungen, stelle ich mir trotz „Getrinke" wie eine einzige Schicksals- stunde vor; zwei Männer, die — wenn sie sich sechs Monate früher im Süd-Sudan trafen, — der Geschichte und der politischen Landkarte Afrikas ein anderes Gesicht gegeben hätten, die beiden größten Erschließer, die Deutschland zur Kolonisierung Afrikas gestellt hat. Die beiden Gelehrten, beides kleine, zähe, drahtige Menschen, kurzsichtig und militär- untauglich, sahen sich gewissermaßen ähnlich: in dem Sinne, wie zwei Menschen von gemeinsamem Schicksal, gleichen Einflüssen und Entbehrungen einander ähnlich geknetet werden. Der vierunddreißigjährige Peters war mürb und verwittert wie der 16 Jahre ältere Pascha. Aber nach Temperament, Wollen, Tempo des Lebens waren sie klassische Antipoden. Emin war in die Wildnis, auf Entdecker- und Erobererpfade, geraten, weil er sich nicht ins medizinische Staatsexamen wagte. Als Dr. weck, hatte er schon Jahre lang und sehr erfolgreich praktiziert, fein Wissen war enorm, er war ein Stolz seiner Lehrer — aber der Atmosphäre des Examensaales nicht gewachsen. Peters konnte mit den Wissenschaften spielen, so exakt hielt sein eisengliedriges Hirn die Dinge fest. Als Student hatte er in zehn Wochen eine historische Preisarbeit geschrieben, die für unlösbar galt, weil sie für den gesetzten Termin von sechs Monaten zu umfassend sei. Als er die goldene Medaille erhielt, erklärte er einem besiegten Rivalen: „Dazu nehme ich gar keine Glückwünsche an", lieber sein Abitur, den Doktor, das Oberlehrerexamen sagte er „das waren alles Lappalien" und konnte dem armen Pascha erzählen „Examenfieber ist mir stets lächerlich gewesen". Er hatte als völlig mittelloser Student zu Geschichte, Geographie, Geologie als Nebenfach Philosophie studiert und schrieb mit sechsundzwanzig Jahren eine Habilitationsschrift „Weltwille und Willenswelt", in der er aus Kant und Schopenhauer die große Synthese schaffen wollte; wenig später gab er „The early history of the Violine-Family“ seines Onkels Engel, eines Englisch schreibenden Musikhistorikers heraus, warf sich unmittelbar danach auf ein Werk „Inwieweit ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?" und organisierte, die Energie eines Feldherrn und Handlungsreisenden in einer Person vereinend, die Gesellschaft für deutsche Kolonisation. Nach der Vorarbeit kaum eines Jahres ging er als erster Pionier dieser Gesellschaft — gegen den Willen der deutschen Regierung, — von seinem Freund Jühlke begleitet, nach Ostafrika und brauchte einen Monat, um den Grundstock zu Deutschlands Kolonialreich zu schaffen. Emin hegte als junger Student den Plan zu einer medizinisch- philosophischen Arbeit „Beziehungen zwischen Seele und Körper". Es blieb bei dem Plan, Sammlungen und Tagebücher, deren ungeheurer Schatz erst jetzt vollständig veröffentlicht wird, das waren seine „sämtlichen Werke". Er war Mediziner, Zoologe, der große Spezialist in Ornithologie, ein Linguist von unerhörter Genialität. Im Babel von Kleinasien beherrschte er alle dort gängigen Sprachen: Italienisch, Jlly- risch, Türkisch, Neugriechisch, Albanesisch, Arabisch, so daß er, der einzige Deutsche und Arzt, amtlicher Dolmetscher war. Griechisch, Latein, Englisch, Französisch beherrschte er vollendet, und „als Kenner innerasrikani- scher Idiome dürfte er von keinem Afrikareisenden auch nur annähernd erreicht worden sein. Wenn seine Auszeichnungen auf diesem Gebiete verloren gegangen sein sollten, so wäre dies für künftige Afrikasorscher ein unersetzlicher Verlust ..." „Seine Kenntnisse auf allen Gebieten menschlichen Wissens waren geradezu phänomenal", urteilte Biegler. Viel über diese beiden Männer sagt ihr Verhältnis zu den Schwarzen, dem menschlichen Material ihrer kolonisatorischen Tätigkeit. Emin wurde ermordet, weil er die Sklaverei bekämpfte. Sein Programm für die neue Kolonie war: „Freiheit des Handels, offener Zutritt zum Markt für Kaufleute, Erleichterung der Transporte, Hebung und Belohnung der Landwirtschaft, Elementarschulen — das wären die ersten, grundlegenden Reformen. Man hebe nur von allem das Vertrauen, und die Schwarzen werden, überzeugt von dem Wert und dem Einfluß des Wohlstandes, der ihnen geboten wird, wenn auch nicht aus Dank, so doch aus Interesse auf die neue, ihnen angewiesene Bahn gezogen werden." Peters dagegen: „Als rohes und dummes Vieh ist der Neger aus des Schöpfers Händen hervorgegangen. Er ist der geborene Sklave, dem sein Despot nötig ist. Verlogen, diebisch, falsch und hinterlistig. Der Küstenneger ist ein gemeiner Bastard, feige und falsch, völlige sittliche Gleichgültigkeit sein Vorherrschendes". Als Peters zur Ernin-Pascha-Expedition ansetzte, träumte er nichts weniger als souveräner Herr der Aequatorial-Provinz zu werden. Emin Paschas Lebensziel war ein stilles Haus in Afrika, in dem er die kleine Ferida erziehen, Fauna und Flora sammeln, bestimmen, präparieren wollte, seine Schwester Melanie Hausfrau wäre. Als Sechzigjähriger faßte Peters den Extrakt seines glorreich begonnenen und doch so mißglückten Lebens in diesem Brief an Fritz Behn zusammen: „Je allgemeiner die Angriffe oder Verleumdungen gegen mich in Deutschland von fast allen Seiten wurden, um so selbstbewußter fühlte ich mich. Ausschließlich ein gewisses Bedauern, von meiner eigentlichen Lebensarbeit getrennt zu werden, gerade als ich in das Aller tarn, wirklich etwas zu leisten, konnte mich erfüllen. Für mich selbst begann damals die Zeit meiner eigentlichen Asrikaforschungen, als ich daran ging, das alte Ophirproblem zu lösen. Dies gab mir vollständigen Ersatz für meine kolonialpolitische Tätigkeit, welche von vornherein durch Intrigen niedrigster Art gerade von meinen Landsleuten verbittert war und von denen ich genug hatte. Als das Tragische in meinem Leben erkenne ich die Halbheit, welche mich immer zurückgehalten hat, mich äußerlich an das englische Volk anzuschließen und mich zu Beginn dieses Krieges veranlaßte, nach Deutschland zurückzukehren und mein Schicksal mit diesem zu verknüpfen. Aber zum Vergnügen ist schließlich keinem von uns dieses Leben gegeben." Emin Pascha, im Bewußtsein nahen Verderbens nur von Sorge um Ferida gequält, zog dieses Fazit: „Mir wird ganz bange, wenn ich in dem Verzeichnis, das mir Die „Arminia" in Breslau gesandt hat, sehe, wie alle meine ehemaligen Kommilitonen als Pastoren, Professoren, Regierungsräte und andere große Tiere in Amt und Würden fungieren und nützliche Staatsbürger geworden sind, während ich allein noch als rechter Zigeuner mich in der Welt umhertreibe und es weder zu Herd noch zu Heim gebracht habe ... Ich will aber darüber nicht klagen; jeder Mensch muh die ihm vorgezeichnete Laufbahn durchmessen, nur daß die meine erratisch und närrisch ausgefallen ist, dem kann eben nicht geholfen werden. Lange kann es doch kaum mehr dauern. Suchen wir uns also noch so nützlich wie möglich zu machen und die gebliebene Zeit möglichst im Interesse des. Wissens zu verwerten — voila tont!" „Kismet, es hat so kommen sollen", war Emins Leitmotiv sein ganzes Leben hindurch. Das Motto Peters' aber: „Ich bin Ich". Beide erreichten kein Ziel. Beiden wurde ihr Temperament zum Verhängnis. Hundert Jahre Schiffsschraube. Von Alfons v. C z i b u l k a. Keine Entdeckung hat die Beziehung der Völker und damit das Weltbild so einschneidend verändert wie die Erfindung des Propellers. Auch nicht die Eisenbahn. Erst der Propeller schuf den modernen Weltverkehr. Er erst gab der Seefahrt, die bis dahin ja doch nur ein Tasten von Küste zu Küste wär, und in weiterer Folge auch der Luftfahrt ungeahnte Möglichkeiten. Denn mit jedem Schiff, das vor jenem denkwürdigen Hoch- fommertage des Jahres 1829, an dem zum ersten Male ein Schrauben- dampfer fuhr, die Segel setzte, begann gleichsam immer von neuem das abenteuerliche Wagnis der Entdeckerzeit, allen Dämonen des Meeres zum Trotz jene fremden Küsten zu erreichen, die damals dem^ Binnenländer noch so ferne schienen wie uns, die wir schon von Raunychist und Planetenreisen träumen, kosmische Welten. . , Nur dünne, immer wieder zerrissene Fäden verbanden die Erdteue. Daran änderte auch nichts die Erfindung des Dampfschiffes. Wenn heute noch dem Raddampfer auf Flüssen und sturmfreien Seen der Vorrang gebührt, so hätte er unseren Weltverkehr doch niemals ermognc9- Er war ja doch nur ein kläglicher Ersatz des Segelschiffes, bem gegemwe es fein einziger Vorteil war, unabhängig von Wind und Windstille z Erst als Josef Ressel die Schiffsschraube erfand, begann auch auf de" Meeren die neue Zeit. Wer aber weiß das heute noch? Wer denkt Dam , daß auch diese für die Geschicke der Menschheit so bedeutungsvolle , finbung deutschen Geistes ist? Freilich war Joseph Ressel — 1. Chrudim in Böhmen geboren — Oesterreicher. Unb es ist lange Ze» y ' durch historische Unsitte gewesen, alles Oesterreichische, das dach die oc. Jlly- mzige Eng- "ikani- hernd iebiete wscher waren hwar- 6min m für fleute, dwirt- r Re- rnrzen andes, Jnier- öpsers Despot völlige nichts 6min kleine irieren ch be- Fritz tid) in fühlte itlichen ' tarn, >egann daran 6rsatz durch rt war Leben , mich Beginn mein ließlich ge um nir die raligen andere b ärger in der ibe ... vorge- lärrisch inn es ch wie [je des. ganzes ibe er- nis. > Welt- i. Auch serkehr. i Küste j Mög- : Hoch- cauben- neuem Meeres Sinnen« rmfdjiff irdteile. in auch >r Vor- wglichü jenüber litte zu mf den daran, lle Er- 793 in eit hin- e deut- lchen Dinge durch Jahrhunderte so gewaltig beeinflußte, als abseits der deutschen 'Geschichte stehend zu betrachten. Damit ist auch Ressels Name im Reiche vergessen. So sehr vergessen, daß es geschehen konnte, daß die Engländer, ja selbst die Franzosen, die Gntdeckung des Propellers für (ich in Anspruch nahmen, obwohl doch die Priorität Joseph Ressels einwandfrei erwiesen ist. Denn vor dem Jahre 1928 ist kein Schraubendampfer gefahren. Das Leben dieses großen Erfinbers ist ein echt deutsches und österreichisches Schicksal jener geistig engen, törichten Jahrzehnte, die man so gerne in wehleidiger Romantik die gute alte Zeit zu nennen beliebt. Msstls Vater war aus Sachsen nach Böhmen eingewandert. Nachdem der Junge das Gymnasium zu Linz an der Donau, später den Artilleriekurs in Budweis besucht hatte, bezog er, neunzehn Jahre alt, die Wiener Universität. Dort studierte er Mechanik, Physik und 6hemie. Schon aus jener Zeit stammen Ressels erste 6ntwürfe des Propellers. Damals schon legte er jenen Gedanken fest, der seinen Mitmenschen allerdings völlig narrisch erscheinen mußte, mittels einer durch elektrische Kraft bedienten archimedischen Schraube Luftschiffe anzutreiben. Kein Wunder, daß man annahm, es wirble die Schraube, mit der er erst den eben erfundenen Luftballon lenkbar machen wollte, bedenklich in seinem Hirne herum. Da sein Vater verarmte, mußte Ressel sein Studium abbrechen, und bewarb sich, um möglichst rasch zu einer Anstellung zu kommen, um einen Freiplaß in der staatlichen Forstakademie. Wie er diesen Platz naä) mancherlei Schwierigkeiten auch wirklich bekam, das ist zu erheiternd, und zugleich zu bezeichnend für die Kläglichkeit seiner Zeit, als daß es übergangen werden könnte. Als ihm der Gintritt in die Forstschule trotz vorzüglicher Zeugnisse verweigert wurde, gelang es ihm, die Aufmerksamkeit des Kaisers Franz auf sich zu lenken. Aber nicht etwa durch seinen Einfall, Luftballons mit Propellerschrauben anzutreiben. Der gute Kaiser Franz, der weder gut, noch besonders gescheit war, hätte diese vermeintliche Windbeutelei mit irgendeinem urwienerischen, vermutlich sehr unkaiserlichen Ltusdruck abgetan. Joseph Ressel aber ließ ihm eine mikroskopisch kleine Zeichnung der Schlacht von Leipzig überreichen, die er mit jenem Spieltrieb, der fast jedem Erfinder eigen ist, angefertigt hatte. Dafür bekam er den Freiplatz und ein kaiserliches Stipendium. Als Vierundzwanzigjähriger verließ er die Akademie und wurde staatlicher Förster in Kärnten. Gerade zu einer Zeit trat er ins Leben, da der behördliche Dünkel nichts jo geringschätzte und zugleich fürchtete wie das Genie. Von Genies wollte die Aera Metternich und das eben mühsam wieder zusammengeflickte Europa nichts wissen, feit das Genie Bonaparte die alte Welt aus den Fugen gerissen. Darum blieb auch Ressel, ging er auch einem durchaus bürgerlichen und ordnungsmäßigen Berufe nach, für die hohe Obrigkeit Zeit feines Lebens eine fufpekte Persönlichkeit, ein Phantast und Projektenmacher. Was er am eigenen Leibe bitter zu spüren bekam. Auch schien die Laufbahn eines Forstmannes nicht gerade fordernd für feinen eigentlichen Lebenszweck zu fein. Doch hatte sie auch ihr Gutes. Bei den vielen einsamen Wanderungen seines Waldlebens konnte er feinen schöpferischen Gedanken unbehindert nachgehen, und schließlich brachte ihn sein Beruf nach einigen Jahren nach Triest, also ans Meer. Er kam zur Domäneninspektion Istrien, die sich eben mit Versuchen beschäftigte, die von den Venetianern durch Jahrhunderte abgeholzten und verwüsteten Karstgebiete aufzuforsten. Nun war er also am Meer. Und damit schien der Augenblick gekommen, in dem er seinen Gedanken, Fahrzeuge mittels Schrauben anzu- treiben, in die Wirklichkeit umsetzen konnte. Aber so leicht war das im Biedermeier nicht. Vor allem hatte er kein Geld. 700 Gulden jährlich, das war der Höchstgehalt, den er überhaupt erreichen konnte. Damit tonnte man keine Schraubendampfer bauen. Und für so einen verrückten Einfall wollte kein Mensch auch nur einen Heller wagen. Erst fünf Jahre nach seiner Ankunft in Triest streckten ihm zwei Kaufleute den überwältigenden Betrag von 60 Gulden vor. Für dieses Geld lieh er eine Schraube mit 18 Zoll Durchmesser anfertigen. Der Propeller wurde in ein Ruderboot eingebaut und mittels einer Kurbel von zwei Männern bewegt. Das Bot fuhr wirklich. Nun bekam er auch unter dem Datum 11. Februar 1827 das Patent für feine Schraube. Aus der Patentschrift geht übrigens hervor, daß er auch an die Verwendung der Schraube als Wasserturbine dachte. Nur wollte Ressel an den Bau eines Schraubendampfers gej)en. Aber er hatte nicht mit der Konkurrenz gerechnet. In Trieft gab es Nämlich einen englischen Großhändler, der das ausschließliche Privileg besi.ß, mit einem Raddampfer regelmäßige Fahrten zwischen Triest und Venedig auszuführen. Freilich fuhr der Raddampfer" so langsam, daß die meisten Leute es vorzogen, wie bisher mit dem Post- segler zu reisen. Dieser Engländer, der nach dem gelungenen Versuche mit dem Ruderboote wohl ahnen mochte, daß es feinem Raddampfer ans Leben ging, fetzte nun Himmel und Hölle in Bewegung, um zu verhindern, daß Ressel die Erlaubnis zum Bau eines Schraubendampfers bekam. Und da die Welt damals noch weit mehr mit Verboten gepflastert war als heute, so ging es natürlich nicht an, daß Ressel ohne obrigkeitliche Gewährung drauflos baute. Auf das Geschrei des Engländers verbot übrigens die Polizei auch die Gründung einer Aktiengesellschaft, die zum Bau von Schraubendampfern ins Leben gerufen werden sollte. Die vier Schisse, die nach dem gelungenen Versuche der Vizekönig von Aegypten bei Resse! bestellt hatte, konnten ebenfalls nicht gebaut werden, weil Aegypten keine Anzahlung leisten wollte. Endlich fand Ressel aber doch einen Geldgeber. 6inen ziemlichen Halunken. Aber immerhin, er konnte nun bauen. Denn Zur gleichen Zeit war auch die Konzession zum Bau eines Schraubendampfers von Wien aus erteilt worden. Im Juli 1829 — das genaue Datum steht nicht fest —■ wurde das große Ereignis Wirklichkeit. Der kleine Dampfer „Civetta" fuhr, ge« Weben von einer großen, zwischen Hintersteven und Ruder eingebauten schraube, mit 40 geladenen Honoratioren an Bord über den Golf von Irfeff. Das Schiff Mächte 6 Knoten Fahrt. Für den ersten 'ernstliches Versuch — eine Leistung, die sich sehen lassen konnte. Es war die Geburtsstunde des Weltverkehrs. Daran konnte auch die weise Polizei nichts ändern, die alle weiteren Versuche verbot, weil die sonst so gelungene Probefahrt durch das Undichtwerden eines Dampfrohres ihr Ende fand. Dieses Verbot ist eines der köstlichsten Kuriosa aus dem recht umfangreichen Kapitel menschlicher Dummheit. Denn die Polizei von Triest dekretierte, es habe die Probefahrt ergeben, daß die Erfindung nichts tauge, denn die Maschine sei hin, die Schraube aber ganz, also habe die Schraube die Maschine zerstört. . Noch im gleichen Sommer führte Ressel seine Erfindung auch in Paris erfolgreich vor. Aber das half ihm nichts. Der Triester Geldgeber zog sich wegen des polizeilichen Verbotes zurück. Vielleicht auch aus dem Grunde, weil die Regierung den salomonischen Bescheid hatte ergehen lassen, es dürfe Ressel die Linie Triest—Venedig nur unregelmäßig befahren, weil der regelmäßige Dienst nur dem Engländer zustehe. Die Geschichte schlief ein. Und erst die Engländer haben etliche Jahre später Ressels große Entdeckung nutzbringend und weitschauend angewandt. Freilich hatte Ressel davon nicht das Geringste. Seine große Tat brachte ihm weder Geld noch Ruhm. So wenig wie seine übrigen Erfindungen, worunter die Erfindung der Rohrpost wohl nach der Schraube die bedeutendste ist. Er galt weiter als Phantast und Projektenmacher. Und weil er auch in seinem Dienst eigene und sehr gescheite Einfälle hatte — besonders in der Frage der Wiederaufforstung des Karstes — so wurde er von Amts wegen weidlich schikaniert. Ein Genie und noch dazu im Amt — das schien unmöglich. In recht bescheidenen Verhältnissen ist Joseph Ressel im Jahre 1857 in Laibach gestorben. Nun erst begann man, wenigstens ein paar Jahre lang, zu begreifen, wer er gewesen. Die deutschen Bundesstaaten, mit Ausnahme von Preußen, setzten ihm ein Denkmal vor der Wiener Technischen Hochschule. Das war aber auch alles. Er blieb vergessen. Die „Allgemeine Deutsche Biographie" nennt nicht einmal seinen Namen. Die Irrdenbrrche. Lin Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen. Von Annette v. D r o st e - H ü l s h o s f. (Fortsetzung.) Welcher Mutter geht bas Herz nicht auf, wenn sie ihr Kind loben hört? Der armen Margret ward selten so wohl, jedermann nannte ihren Jungen tückisch und verschlossen. Die Tränen traten ihr in die Augen. „Ja, gottlob, er hat gerade Glieder." — „Wie sieht er aus?" fuhr Simon fort. — „Er hat viel von dir, Simon, viel." Simon lachte: „Ei, das muß ein rarer Kerl fein, ich werde alle Tage schöner. An der Schule soll er sich wohl nicht verbrennen. Du läßt ihn die Kühe hüten? Ebenso gut. Es ist doch nicht halb wahr, was der Magister sagt. Aber wo hütet er? im Teigengrund? im Roderholze? im Teutoburger Wald? auch des Nachts und früh?" — „Die ganzen Nächte durch; aber wie meinst du das?" . Simon schien dies zu überhören; er reckte den Hals zur Ture hinaus: „Ei, da kommt der Gesell! Vaterssohn! er schlenkert geradeso mit den Armen wie dein seliger Mann. Und schau mal an! wahrhaftig, der Junge hat meine blonden Haare!" In der Mutter Züge kam ein heimliches, stolzes Lächeln; ihres Friedrichs blonde Locken und Simons rötliche Bürsten! Ohne zu antworten, brach sie einen Zweig von der nächsten Hecke und ging ihrem Sohne entgegen, scheinbar, eine träge Kuh anzutreiben, im Grunde aber, ihm einige rasche, halbdrohende Worte zuzuraunen; denn sie kannte seine störrische Natur, und Simons Weise war ihr heute einschüchternder vor- getommen als je. Doch ging alles über Erwarten gut; Friedrich zeigte sich weder verstockt noch frech, vielmehr etwas blöde und sehr bemüht, dem Ohm zu gefallen. So kam es denn dahin, daß nach einer halbstündigen Unterredung Simon eine Art Adoption des Knaben in Vorschlag brachte, vermöge deren er denselben zwar nicht gänzlich seiner Mutter entziehen, aber doch über den größten Teil seiner Zeit verfügen wollte, wofür ihm bann am Enbe des alten Junggesellen Erbe zufallen solle, bas ihm freilich ohnebies nicht entgehen konnte. Margret ließ sich gebulbig ausein- anbersetzen, wie groß 'ber Vorteil, wie gering bie Entbehrung ihrerseits bei bem Hanbel sei. Sie wußte am besten, was eine kränkliche Witwe an ber Hilfe eines zwölfjährigen Knaben entbehrt, ben sie bereits gewöhnt hat, bie Stelle einer Tochter zu ersetzen. Doch sie schwieg und gab sich in alles. Nur bat sie ben Bruber, streng, boch nicht hart gegen ben Knaben zu sein. . _ , „Er ist gut," sagte sie, „aber ich bin eine einsame Frau; mein Sohn ist 'nicht wie einer, über ben Vaterhanb regiert hat." Simon nickte chlau mit bem Kopf: „Laß mich nur gewähren, wir wollen uns schon vertragen, unb weiht bu was? gib mir den Jungen gleich mit, ich habe zwei Säcke aus ber Mühle zu holen; ber kleinste ist ihm grab recht, und (o lernt er mir zur Hand gehen. Komm, Fritzchen, zieh deine Holzschuh an'" — Unb halb sah Margret ben beiben nach, wie sie fortschritten, Simon voran, mit seinem Gesicht die Luft durchschneidend, wahrend ihm bie Schöße des roten Rocks wie Feuerflammen nachzogen. So hatte er ziemlich bas Ansehen eines feurigen Mannes, ber unter bem gestohlenen Sorte büßt; Friebrich ihm nach, fein unb fchlank für fein Alter, mit zarten, fast eblen Zügen unb langen blonben Sorten, die bester gepflegt waren, als fein übriges Aeußere erwarten ließ; übrigens zerlumpt sonneverbrannt unb mit dem Ausdruck der Vernachlässigung und einer gewissen rohen Melancholie in den Zügen. Dennoch war eine große Familienähnlichkeit beider nicht zu verkennen, unb wie Friebrich so langsam einem Führer nachtrat, bie Blicke fest auf benfelben geheftet, ber ihn gerabc durch bas Seltsame seiner Erscheinung anzog, erinnerte er unwillkürlich an jemand, ber in einem Zauberspiegel bas Bilb seiner Zukunft mit verstörter Aufmerksamkeit betrachtet. I r Jetzt nahten die beiden sich der Stelle des Teutoburger Waldes, wo Las Brederholz den Abhang des Gebirges niedersteigt und einen sehr dunklen Grund ausfüllt. Bis jetzt war wenig gesprochen worden. Slwon schien nachdenkend, der Knabe zerstreut, und beide keuchten unter ihren Säcken. Plötzlich fragte Simon: „Trinkst du gern Branntwein?" — Der Knabe antwortete nicht. „Ich frage, trinkst du gern Branntwein? gibt dir die Mutter zuweilen welchen?" — „Die Mutter hat selbst keinen, sagte Friedrich. — „So, so, desto besser! — Kennst du das Holz da vor uns? „Das ist das Brederholz."—„Weißt du auch, was darin vorgefallen ist? — Friedrich schwieg. Indessen kamen sie der düstern Schlucht immer näher. „Betet die Mutter noch so viel?" hob Simon wieder an. — „Ja, jeden Abend zwei Rosenkränze." — „So? und du betest mit?" — Der Knabe lachte halb verlegen mit einem durchtriebenen Seitenblick. — „Die Mutter betet in der Dämmerung vor dem Essen den einen Rosenkranz, dann bin ich meist noch nicht wieder da mit den Kühen, und den andern im Bette, dann schlaf ich gewöhnlich ein." — „So, so, Geselle!" — Diese letzten Worte wurden unter dem Schirme einer weiten Buche gesprochen, die den Eingang der Schlucht überwölbte. Es war jetzt ganz finster; das erste Mondviertel stand am Himmel, aber seine schwachen Schimmer dienten nur dazu, den Gegenständen, die sie zuweilen durch eine Lücke der Zweige berührten, ein fremdartiges Ansehen zu geben. Friedrich hielt sich dicht hinter seinem Oheim; sein Odem ging schnell, und wer seine Züge hätte unterscheiden können, würde den Ausdruck einer ungeheuren, doch mehr phantastischen als furchtsamen Spannung darin wahrgenommen haben. So schritten beide rüstig voran, Simon mit dem festen Schritt des abgehärteten Wanderers, Friedrich schwankend und wie im Traum. Es kam ihm vor, als ob alles sich bewegte und die Bäume in den einzelnen Mondstrahlen bald zusammen, bald voneinander schwankten. Baumwurzeln und schlüpfrige Stellen, wo sich das Regenwasser gesammelt, machten seinen Schritt unsicher; er war einige Male nahe daran, zu fallen. Jetzt schien sich in einiger Entfernung das Dunkel zu brechen, und bald traten beide in eine ziemlich große Lichtung. Der Mond schien klar hinein und zeigte, daß hier noch vor kurzem die Axt unbarmherzig gewütet hatte. Ueberall ragten Baumstümpfe hervor, manche mehrere Fuß über der Erde, wie sie gerade in der Eile am bequemsten zu durch- jchneiden gewesen waren; die verpönte Arbeit mußte unversehens unterbrochen worden sein, denn eine Buche lag quer über dem Pfad, in vollem Laube, ihre Zweige hoch über sich streckend und im Nachtwinde mit den noch frischen Blättern zitternd. Simon blieb einen Augenblick stehen und betrachtete den gefällten Stamm mit Aufmerksamkeit. In der Mitte der Lichtung stand eine alte Eiche, mehr breit als hoch; ein blasser Strahl, der durch die Zweige auf ihren Stamm fiel, zeigte, daß er hohl sei, was ihn wahrscheinlich vor der allgemeinen Zerstörung geschützt hatte. Hier ergriff Simon plötzlich des Knaben Arm. „Friedrich, kennst du den Baum? Das ist die breite Eiche." — Friedrich fuhr zusammen und klammerte sich mit kalten Händen an seinem Oheim. „Sieh," fuhr Simon fort, „hier haben Ohm Franz und der Hülsmeyer deinen Vater gefunden, als er in der Betrunkenheit ohne Buße und Oeluna zum Teufel gefahren war." — „Ohm, Ohm!" keuchte Friedrich. — „Was fällt dir ein? Du wirst dich doch nicht fürchten? Satan von einem Jungen, du kneipst mir den Arm! laß los, los!" — Er suchte den Knaben abzuschütteln. „Dein Vater war übrigens eine gute Seele; Gott wird es nicht so genau mit ihm nehmen. Ich hatte ihn so lieb, wie meinen eigenen Bruder." — Friedrich ließ den Arm seines Oheims los; beide legten schweigend den übrigen Teil des Waldes zurück und das Dorf Brede lag vor ihnen, mit seinen Lehmhütten und den einzelnen besseren Wohnungen von Ziegelsteinen, zu denen auch Simons Haus gehörte. Am nächsten Abend saß Margret schon seit einer Stunde mit ihrem Rocken vor der Tür und wartete auf ihren Knaben. Es war die erste Nacht, die sie zugebracht hatte, ohne den Atem ihres Kindes neben sich zu hören, und Friedrich kam noch immer nicht. Sie war ärgerlich und ängstlich und wußte, daß sie beides ohne Grund war. Die Uhr im Turm schlug sieben, das Vieh kehrte heim; er war noch immmer nicht da, und sie mußte aufstehen, um nach den Kühen zu schauen. Als sie wieder in die dunkle Küche trat, stand Friedrich am Herde; er hatte sich vornübergebeugt und wärmte die Hände an den Kohlen. Der Schein spielte auf seinen Zügen und gab ihnen ein widriges Ansehen von Magerkeit und ängstlichem Zucken. Margret blieb in der Tennentür stehen, so seltsam verändert kam ihr das Kind vor. „Friedrich, wie geht es dem Ohm?" Der Knabe murmelte einige unverständliche Worte und drängte sich dicht an die Feuermauer. — „Friedrich, hast du das Reden verlernt? Junge, tu das Maul auf! du weißt ja doch, daß ich auf dem rechten Ohr nicht gut höre." — Das Kind erhob seine Stimme und geriet dermaßen ins Stammeln, daß Margret es um nichts mehr begriff. „Was sagst du? einen Gruß von Meister Semmler? wieder fort? wohin? die Kühe sind schon zu Hause. Verfluchter Junge, ich kann dich nicht verstehen. Wart, ich muß einmal sehen, ob du keine Zunge im Munde hast!" — Sie trat heftig einige Schritte vor. Das Kind sah zu ihr auf mit dem Jammerblick eines armen, halbwüchsigen Hundes, der Schildwacht stehen lernt, und begann in der Angst mit den Füßen zu stampfen und den Rücken an der Feuermauer zu reiben. Margret stand still; ihre Blicke wurden ängstlich. Der Knabe erschien ihr wie zusammengeschrumpft, auch seine Kleider waren nicht dieselben, stein, das war ihr Kind nicht! und dennoch — „Friedrich, Friedrich!" xief sie. In der Schlafkammer klappte eine Schranktür und der Gerufene trat hervor, in der einen Hand eine sog. Holschenvioline, das heißt einen alten Holzschuh, mit drei bis vier zerschäbten Geigensaiten überspannt, in der anderen einen Bogen, ganz des Instrumentes würdig. So ging er gerade auf fein verkümmertes Spiegelbild zu, seinerseits mit einer Haltung bewußter Würde und Selbständigkeit, die in diesem Augenblicke beit Unterschied zwischen beiden sonst merkwürdig ähnlichen Knaben stark hervortreten ließ. „Da, Johannes!" sagte er und reichte ihm mit einer Günnermiene das Kunstwerk; „da ist die Violine, die ich dir versprochen habe." „Mein Spielen ist vorbei, ich muß jetzt Geld verdienen." — Johannes warf noch einmal einen scheuen Blick aus Margret, streckte dann langsam feine Hand aus, bis er das Bargebotene fest ergriffen hatte, und brachte es wie verstohlen unter die Flügel feines armseligen Jäckchens. Margret stand ganz still und ließ die Kinder gewähren. Ihre Gedanken hatten eine andere, sehr ernste Richtung genommen, und sie blickte mit unruhigem Auge von einem auf den andern. Der fremde Knabe hatte sich wieder über die Kohlen gebeugt mit einem Ausdruck augenblicklichen Wohlbehagens, der an Albernheit grenzte, während in Friedrichs Zügen der Wechsel eines offenbar mehr selbstischen als gutmütigen Mitgefühls spielte und sein Auge in fast glasartiger Klarheit zum ersten Male bestimmt den Ausdruck eines ungebändigten Ehrgeizes und Hanges zum Grohtun zeigte, der nachher als so starkes Motiv seiner meisten Handlungen hervortrat. Der Ruf seiner Mutter störte ihn aus Gedanken, die ihm ebenso neu als angenehm waren. Sie saß wieder am Spinnrade. „Friedrich," sagte sie zögernd, „sag einmal —" und schwieg bann. Friedrich sah auf und wandte sich, da er nichts weiter vernahm, wieder zu seinem. Schützling. — „Nein, höre —" und dann leiser: „Was ist das für ein Junge? wie heißt er?" — Friedrich antwortete ebenso leise: „Das ist des Ohms Simon Schweinehirt, der eine Botschaft an den Hülsmeyer hat. Der Ohm hat mir ein Paar Schuhe und eine Weste von Drillich gegeben, die hat mir der Junge unterwegs getragen; dafür habe ich ihm meine Violine versprochen; er ist ja doch ein armes Kind; Johannes heißt er." — „Nun?" sagte Margret. — „Was willst du, Mut- ter?" — „Wie heißt er weiter?" — „Ja — weiter nicht — oder, warte — doch: Niemand, Johannes Niemand heißt er. Er hat keinen Vater", fügte er leiser hinzu. _ e Margret stand auf und ging in die Kammer. Nach einer Weile tarn sie heraus mit einem harten, finsteren Ausdruck in den Mienen. „So, Friedrich," sagte sie, „laß den Jungen gehen, daß er seine Bestellung machen kann. — Junge, was liegst du da in der Asche? hast du zu Hause nichts zu tun?" Der Knabe raffte sich mit der Miene eines Verfolgten so eilfertig auf, daß ihm alle Glieder im Wege standen und die Holschenvioline bei einem Haar ins Feuer gefallen wäre. * . , „ „Warte, Johannes," sagte Friedrich stolz, „ich will dir mein halbes Butterbrot geben, es ist mir doch zu groß, die Mutter schneidet allemal übers ganze Brot." „Laß doch," sagte Margret, „er geht ,a nach Hause. , Ja, aber er bekommt nichts mehr; Ohm Simon ißt um sieben Uhr." Margret wandte sich zu dem Knaben: „Hebt man dir nichts auf? Sprich, wer sorgt für dich?" — „Niemand", stotterte bas Kinb. — „Nie- manb?" wieberholte sie; „ba nimm, nimm!" fügte sie heftig hinzu; „bu heißt Niemanb unb niemand sorgt für dich! Das fei Gott geklagt! Und nun mach dich fort! Friedrich, geh nicht mit ihm, horst du, geht nicht zusammen durchs Dorf." — „Ich will ja nur Holz holen aus dem Schuppen", antwortete Friedrich. — Als beide Knaben fort waren, warf sich Margret auf einen Stuhl und schlug die Hände mit dem Ausdruck des tiefsten Jammers zusammen. Ihr Gesicht war bleich wie ein Tuch. „Ein falscher Eid, ein falscher Eid!" stöhnte sie. „Simon, Simon, wie willst du vor Gott bestehen!" So saß sie eine Weile, starr mit geklemmten Lippen, wie in völliger Geistesabwesenheit. Friedrich stand vor ihr und hatte sie schon zweimal anqeredet. „Was ist's? was willst du?" rief sie auffahrend. — „W bringe euch Geld", sagte er, mehr erstaunt als erschreckt. — „Gelb? wo?" Sie regte sich und die kleine Münze fiel klingend auf den Boden. Friedrich hob sie auf. — „Geld vom Ohm Simon, weil ich ihm habe arbeiten helfen. Ich kann mir nun selber was verdienen." — „Geld vom Simon? wirf es fort, fort! — nein, gib es den Armen. Doch nein, behalt es" flüsterte sie kaum hörbar; „wir find selber arm; wer weiß, ob wir bet dem Betteln vorbeikommen!" — „Ich soll Montag wieder zum Ohm unb ihm bei ber Einsaat helfen." — „Du wieder zu ihm? nein, nein, nimmermehr!" Sie umfaßte ihr Kind mit Heftigkeit. „Doch," fügte sie hinzu, und ein Tränenstrom stürzte ihr plötzlich über die eingefallenen Wangen; „geh, er ist mein einziger Bruder, unb bie Verleumdung ist groß! Aber halt Gott vor Augen und vergiß das tägliche Gekket nicht! Margret legte das Gesicht an die Mauer und meinte laut. Sie hattt manche harte Last getragen, ihres Mannes üble Behandlung, noch schwerer seinen Tob, unb es war eine bittere Stunbe, als bie Witwe bas letzte Stück Ackerland einem Gläubiger zur Nutznießung überlassen mußte unb ber Pflug vor ihrem Hause stillestanb. Aber so war ihr tue zumute gewesen; bennoch, nachbem sie einen Abenb durchweint, eine Nacht burchwacht hatte, war sie bahin gekommen, zu benten, ihr Bruder Simon könne so gottlos nicht sein, der Knabe gehöre gewiß nicht ihm, Aehnlichkeiten wollen nichts beweisen. Hatte sie doch selbst vor vierzig Jahren ein Schwesterchen verloren, das genau dem fremden Hechelkrämer glich. Was glaubt man nicht gern, wenn man fo wenig hat und durch Unglauben dies wenige verlieren soll! Von dieser Zeit an war Friedrich selten mehr zu Hause. Simon schien alle wärmeren Gefühle, deren er fähig war, dem Schwestersohn zugewendet zu haben; wenigstens vermißte er ihn sehr unb ließ nicht nach mit Botschaften, wenn ein häusliches Geschäft ihn auf längere Zeit bei ber Mutter hielt. Der Knabe war feitbem wie verwandelt, das träumerische Wesen gänzlich von ihm gewichen, er trat fest auf, fing an, sein Aeußeres zu beachten unb balb in ben Ruf eines hübschen, ge- roanbten Burschen zu kommen. (Fortsetzung folgt.) ______ Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, D. Lange, Dietzen.