SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Freitag, den 8. März Zihrgang 1929 Nummer 19 Das Megatherium. Bon I.B.v.Scheffel. Was hangt denn dort, bewegungslos Zum Knaul zufammgeballt. So riefenfaul und riesengroß Im Ururururwald? Dreifach so wuchtig als ein Stier, Dreifach so schwer und dumm —■ Ein Klettertier, ein Krallentier: Das Megatherium! Träg glotzt es in die Welt hinein Und gähnt als wie im Traum Und krallt die scharfen Krallen ein Am Embahubabaum. Die Früchte und das saftige Blatt Verzehrt es und sagt: „Ai!" Und wenn's ihn leergefressen hat, Sagt's auch zuweilen: „Wai!" Dann aber steigt es nicht herab, Es kennt den kürzern Weg: Gleich einem Kürbis fällt es ab Und rührt sich nicht vom Fleck. Mit rundem Eulenangesicht Nickt's sanft und lächelt brav: Denn nach gelungener Fütterung kommt Als Hauptarbeit der Schlaf. — ... OMensch, dem solch ein Riesentier Nicht glaublich scheinen will, Geh nach Madrid!, dort zeigt man dir Sein ganz Skelett fossil. Doch bist du staunend ihm genaht. Verliere nicht den Mut, So ungeheure Faulheit tat Nur vor der Sündslut gut. Du bist kein Megatherium, Dein Geist kennt höhere Pflicht, Drum schwänze kein Kollegium Und überfriß dich nicht. Nütz deine Zeit, sie gilt statt Gelds, Sei fleißig bis zum Grad, Und steckst du doch im faulen Pelz, So fall mit Vorsicht ab! Bruchstück eines Lebens. Von Jakob H a r i n g e r. Ich bin geboren im März. Meine Eltern find schlichte Leute. Der alte Baier läuft heute noch herum ums tägliche Leid und Brot. Immer, wenn mich die große Sehnsucht ein Stündlein heimtreibt ins kleine Garten- wirtthaus, jagt die Mutter: „Jetzt hast d'noch dein' schäbigen Mantel." Und der Vater schimpft: „Was tut denn der Lump schon wieder da." Ja, wie schön meine Eltern geträumt haben! ... Halt wie alle Eltern träumen. Und sie Haden sich 's vom Mund abgespart und mich aus die Schule geschickt, „damit sich der Bub nicht so plag'n braucht wie unsereins, und daß er vielleicht später, wenn er Beamter oder Pfarrer ist, für seine alten Leut' was übrig hat." Aber der Bub ist kein Pfarrer geworden, sondern ein Taugenichts, der dem lieben Herrgott den Tag stiehlt. Wie oft hat er gelogen: „Mutter! Wart', ich will euch schon ein kleines Häusl erarbeiten, da du's und der Vater auch noch schön habt." Aber es sind „Sprüche" geblieben wie mein ganzes Leben und Irren. 0 Mutter, ich fühl's ja, wie's bitter ist, wenn dich der Herr Stadtrat fragt: „Was ist doch Ihr Sohn?", und du mußt das kummervolle Haupt senken und schweigen. Und du armer Vater, wie mild du in den Cafes ber kleinen Städte die Witzblätter liest, enttäuscht über alles lächelnd. hast mich oft verleugnet. Und doch, wenn ich elend im Krankenhaus lag, kamst du von drüben, aus der fernen Heimat, mit seligem Weihnachtsleuchten und hast geweint: „Armer Bub, wenn du gesund bist, darfst du heim!" Aber der ewige Bub ging nicht heim. Er mußte matt vor Gasöfen, in Glasschmelzereicn, Verbrecherspelunken an die Frühlingszeit der „andern" denken, ans blonde Birkenhaar eines lieben, guten Kindes, das langst vorüberging. Oder faß in traurigen Sonntagsanlagen, unsäglich einsam, wo man fühlt, wie alt man geworden ist, und wo alle Viertelstündlein fragen: Warum ist bloß dir alles versagt? Es hätte oft so schön sein können, da wollten alle Sterne mir helfen, da sank ich selig in» Knie. Aber immer riß mich die Hölle — oder ein Gott? — wieder in grauenhafte Not. Wie rannte ich durch Nooembergassen in meine grüne Totenmansarde und las von Columbus, Sokrates, Galilei. Von ihren Fesseln und den tausend Martern, die ihnen hartherzige, verblendete Menschen angetan. Weinte über den Erfinder der Dampfmaschine, den sie ins Irrenhau» sperrten, über van Gogh, der elendig, zerknirscht, in unsagbaren Himmelsfarben aufschrie und von nichts lebte als feiner Not. Oder träumte von Napoleon, wie er den greifen Grenadier zum Obersten trommeln ließ und all seine Orden dem Glücklichen geschenkt. Und las in Zeitungen, daß Menschen verhungern und sich erschießen. Da harfie Hölderlins unsterbliche Liebe an mein mondloses Bett. Oh, wie viele Tränen stürzten, und ich dachte nimmer, wie klein ich sei und arm! Das waren schöne, paradiesische Briefe, die ein sanfter Todesengel mir brachte. Und da flötete Schlaf mir goldene Fontänen. Ich lag im fafirnen Park der Schwermut, spielte mit dem Kinderball und den süßen Ampeln des Abends. Wenn ich so recht unglücklich bin, denk ich an die guten Freunde, die mir begegnet sind und wie sie alle sich enttäuscht von mir wandten. Ich könnte mich ja selber nicht zum Freund nehmen. Aber was versprachen sie nicht alles? Und vergaßen das eine, daß auch ich bloß ein Mensch und Bettler bin. Sie vergaßen, daß ich aus ihren schönen Landhäusern In den stinkenden Schlafsaal einer Vorstadtkneipe wankte. Freilich mußte ihnen alle meine Trauer, meine Not zuviel werden! Ich vergaß ja auch manchmal: daß Bettler warten müssen und geduldig sein .. Und so warfen ft« mich, wie ein schmutziges Hemd, in den Kehrichthaufen des Vergessens. Ja, ich bin ein Phantast, ein Tagedieb. Aber ich glaube, wirklich mein Leben lang nichts Schlechtes getan als zuviel geträumt zu haben. Was tut die Welt, die große, große Welt mit Träumern noch? Wa» sollen ihr welke Kleeblätter, Mädchenbänder, Freundesleid, Maibäume um den Dorsweiher, Heimatalleen zum kleinen Bahnhof? Wa» sollen ihr die Gebetbücher der Erinnerung, die Büsche der Schwermut und die HeiU^Grabkugeln der Kindheit? ... Daß die Nacht soviel Sterne hat und mir keiner mehr winkt, daß keine Frau bei mir ist und daß ich nun bald auch keinen Gott mehr haben dars! Ach, an kein Grab verseusze ich die letzte Klage. Und wie süß und kühl muß es unter der Erde sein! Da droht kein Morgen mehr, still wird's, gar nichts macht das Herz schwer und tränenvoll. Aber du dumme, dumme Seele, war klagst du denn? War nicht auch oft Sonne da und die Schlösser und die Berge? Du, mein Salzburg, bin ich nicht immer noch ein tändelndes Kind, wenn ich durch deine Plätze irre? Waren nicht Fenster, wo du schöne Weiber sahst ober Lieder von Hugo Wolf und Schubert dir wie Trauben zu Füßen sanken?" Was bist du immer traurig? ... Lies in Thomas a Kempls! Ich will wieder auf einer Waldwiese Andersens „Nachtigall" anflehen ... Ach, es sind noch Schenken, wo herrlich ein Grammophon Strauß, Suppe, Offenbach jauchzt und schluchzt. Und im verschmierten Notizbuch grüßt dich das sehnsüchtige Bildni» der „Bettlerin" Burne-Iones', das du aus einer alten Gartenlaube geschnitten. Vielleicht schläft noch eine Stunde für mich, die wie ein goldener Knabe schmeichelt: Sei wieder brav ... Schau, kleine Seele: Alle Menschen können ja nicht Hochzeit feiern ... Da tät die Trauer bitterlich seufzen, wenn sie dich nimmer hält'! Freilich war's schöner, wenn unser Mädel durch den Abend wiegt, wenn ein Freund uns klagt und wir mit lustigen Menschen durch frohe Juli- tauben lachen. Nun ist's Nacht geworden. Drüben im andern Haus jubelt ein Mädchenklavier. Der Herbststurm klirrt ans schwarze Fenster. Mir hat er keine Früchte gebracht. — Es ist ja so vieles vorbei.'ich habe keine Hoffnung mehx. Und der Tod wird vielleicht doch nicht so süß und still sein. Da mutzt du warten: warten auf die Ewigkeit. Und sie werden dich eingraben, lebendig: sie wißen ja nicht, daß du noch auf eine Freude harrrst, harren mußt, daß du eher nicht enden kannst, bevor nicht auch dir wieder Frauenhände geflötet und ein träumerischer Sagenmund „Gut Nacht" gewünscht hat. Ach, wie wir alle aufs Christkind hoffen, von später träumen und über die Rosen der alten Zeit tränen! Wie wir uns das armselige Leben verärgern in Zorn und Trotz! O du Heiligs-Leid, du stille Einsamkeit, zürnt nicht, daß ich euch ausgeplaudert, verzeiht um des einen w llen, der, versunken aus eurer Heide, heimkehrt in bangere Erde und trostlos schönere Morgenpost wähnt; den aus diesen Festen eine Inbrunst an- schneit — vom Todesengel: die letzte Erinnerung geigend, und der den leisen Kuß einer Schwermut spürt. Alter Schnee. Don Theodor Kramer. Die Wolken fließen still und lang, von Schnee erhöht sind Rain und Hang, die Kreuze braun, die Stamme breit, es hat schon lange nicht geschneit. Die Hufspur trabt, die Stille hallt, es dorrt und rinnt im schlittern Wald; das Schlingkraut bricht, es rinnt das Laub und deckt den Schnee mit braunem Staub. Der Farn auch rinnt sich samenarm, die Bäume ruhn, nicht kalt noch warm; nur seltner Hauch, der übern Schnee sich schiebt, läßt raten auf ein Reh. Kadidja, Notflügel und andere Exoten. Von Paul E i p p e r. Wie würde die schöne Jungsrau aus Somaliland lachen, könnte sie ihre Photographie sehen, angereiht an das Bildnis von Miß Minna Lu, der anmutigen Chinesin, die am 8. August 19ü9 in Chilt-Ho-Kien geboren ist! Was wurde woht Red-Wing, der tooi)n eines Sloux-Jndianers sagen, könnte er sich abgebildet sehen neben Negern und Mongolen? Und wo gib sie heute wohl, die exotischen Schönheiten, die für kurze Zeit ihre puren neben der meinen in den Sand gezeichnet haben? Die Somalis haben schöne Frauen; Kadidjas Mutter, die das achte oder neunte Kind auf dem Arm, das neunte oder zehnte unter dem Herzen trägt, entbehrt auch heute nicht einer herben Schönheit; fic ist noch immer bezaubernd schlank in den Gelenken — aber was will das heißen gegen Kadidja selber, die bronzeglänzend, jung, kokett, wie eine lockende Blume durch Stellingen geschritten ist und die Berliner „mondänen Damen" erröten ließ durch die Herrlichkeit ihres federnden Ganges. Kadidja ist die Tochter Hersy-Eggas, ein Häuptlingskind von siebzehn Jahren, in die von der Religion oorgeschriebenen fünfzehn Meter Tuch gewickelt, lebensfroh und stolz. Sie trägt ihr endloses Gewand wie eine Pariser Toilette, der billige Glasperlenschmuck wird zur raffinierten Kombination, und das glänzend schwarze Haar ist in eine höchst mondäne Ballsrisur gestochten. Ihr Vater Hersy gebietet über einen großen Somalistamm; er ist ein Fürst in seinem Land und schon vor zwanzig Jahren der Freund des alten Carl Hagenbeck gewesen. Während des Herero-Aufstandes lieferte er dem Deutschen Reich Tausende von Reitkamelen für die Schutztruppe. Der alte Somalihäuptling war in seinem Leben mehr als ein Dutzendmal in Deutschland gewesen, er ist noch öfter von den Engländern verhaftet worden, wegen Spionage, verbotenem Tierfang und ähnlichen, nicht stichhaltigen Delikten; ein lebenslustiger, durchaus optimistischer alter Herr! D Hersy! Verzeih mir den „alten Herrn"! — Im vorigen Sommer flüsterte er sehr stolz seinem Freunde Lorenz Hagenbeck ins Ohr: ,^Herjy nach Stellingen vier Frauen mitgebracht, acht andere in Somaliland zurückgelassen; zuviel Weiber tun nicht gut in Germany." Lorenz Hagenbeck zwinkerte ein wenig mit dem linken Auge: „Na, oller Knabe, wird dir das nicht bald zuviel? Zwölf Frauen?" „D, nix zuviel, dort Lieb- lingssrau, wo eben zum Wasserbrunnen gehen, haben ein Kind von mir, auf Uebersahrtdampfer entstanden, wird noch in Stellingen hervorkommen. Hersy bann 25-Kinder-Vater, aber nicht Schluß machen. Hersy jung, erst sechzig Jahre." Glücklicher Hersy-Egga! $ In diesem Jahr ist der jugendliche Sechziger nicht mit nach Deutschland gekommen; er hat seinen Sohn Ali geschickt und seine Tochter Kadidja und Lorenz Hagenbeck grüßen lassen — er sei ein wenig krank, ein Löwe habe ihn angefallen. Ali, der in diesem Jahr als Häuptling-Stellvertreter die fünfundsechzig Somalis anführt, die im Berliner Zoologischen Garten ihre Zelte gebaut haben, entledigte sich seines Auftrages in fließendem Deutsch. Kein Wunder, er war von 1910 bis 1914 Gast der Familie Hagenbeck, hat In Hamburg die Schule besucht, und kann sogar Schreibmaschine schreiben. * Außer dem Häuptling und seiner Familie hat kein Krieger dieser Truppe bislang etwas anderes gesehen als fein Dorf im Innersten Afrikas. Sie sind unbeleckt von jeder Kultur, mit allen Vorzügen ihrer Rasse ausgestattet, die ein Mischvolk darstellt von Negern, Arabern und Juden. Kaum einer ist unter 1,80 Meter groß, und wenn sie gehen, zuckt uns Europäern die Scham im Gebein. Ein königliches Schreiten. — unerreichbar für uns, ebenso wie wir es niemals fertig bringen werden, so anmutig und so bequem auf den Hacken zu sitzen. Sie sind übrigens sehr keusch, die stolzen Krieger, und wenn die Ledigen unter den Anfechtungen ihrer Begierde allzusehr leiden, fetzen sie sich abseits, nehmen den Dolch aus ihrem Gürtel und ritzen sich einen kleinen Schnitt ins weiche Fleisch unterhalb der Zunge. Dann tropft ihr heißes Blut in den Sand, Aderlaß und Beruhigung! Sie find auch fromm. Sobald ihre Kriegsfpiele beendet sind, wenn die Trommel schweigt, die edlen Araberhengste abgesattelt unter dem Sonnendach stehen und alle Wurfspeere in der Zielscheibe stecken, knien sie sich vor die hoben Gebetstafeln, auf deren Holzplatten mit Kohle eine Sure aus dem Koran geschrieben steht, und beten, ziehen die schönen arabischen Setfern stundenlang mit dem Zeigefinger nach. Aber sie sind auch lebensfroh. Ihr Gesang jauchzt vom Morgen bis zum Abend, so oft sie ihre Kampfspiele treiben „Jo—hoh, jo—hoh, hIii! Jo bohl, indes die Lanzen an die Schilder klappern. Ms sie am ersten Abend in Stellingen den Mond am Himmel erblickten, stießen sie Freudenrufe aus und fühlten sich mit einemmal zu Hause — sie hatten ja den wohlvertrauten Freund ihrer Nächte wieder- gefunden. Sie lachen gern, und wenn sie etwas komisch finden, gebärden sie sich wie Kinder. Einst wurde ein sibirisches Kamel durch den Tierpark geführt, und wie auf Kommando brachen alle Somalis in frenetisches Gelächter aus. Sie kannten nur das einhöckerige Dromedar und hielten dieses Trampeltier mit feinen zwei Höckern für einen schlechten Witz. Wenn die Sonne scheint, lehnen sie sich über das BambuLgeländer ihres Kraals, polieren mit dem Holz des Katstrauches ihre elfenbeinglitzernden Zähne und lachen die Europäerinnen an, die neugierig herbei- getommen sind. Wie ganz anders ist der kleine „Rotflügel". Ich lernte ihn in Sarra- fanis Zirkus kennen, irgendwo im Rheinland, als er ganz frisch aus den Refervat-Territorien Nordamerikas herübergekommen war'. Sein Vater ist der stolzeste Krieger des Häuptlings „BigSnake", der im Sioux- Dialekt „Zuzeea Tankau" heißt. Rotflügels Eltern kümmerten sich wenig um den dreijährigen Jungen, der den ganzen Tag durch die Pserdeställe bummelte, Neugierig und immer mit verschmierten Backen. Alles, was seine dicken Paschhändchen zu fassen bekamen, sührte er zum Mund, und als er erst einmal begriff, daß in meinen Taschen stets ein paar Zuckerstückchen waren, schlossen wir unzertrennliche Freundschaft. „Red Wing" hat mir stundenlang Geschichten erzählt, in seltsam melodischen Worten, die mir vollkommen unverständlich blieben; er bot mir seinen stolzen Federnschmuck an, stahl wie ein Rabe immer neue Tauschobjekte, bis er dann schließlich ohne Umweg meine Taschen selber leerte, ein echter Krieger der Sioux. Vater und Mutter saßen indes auf einer Strohmatte vor dem Tibby- Zelt, hatten eine Unmenge europäischer Zigarettenschachteln vor sich aus- gebreitet, die farbige Glasperlen enthielten. Die Squaw war besonders geschickt, fädelte lange Schmuckfchnüre auf, wickelte aus Mefsingdraht glitzernde Fingerringe, flocht Matten, stickte Bänder und Decken. Er aber malte mit Pinsel und Erdfarben äußerst farbenprächtige Ornamente auf gegerbtes, weiches Leder. Wenn alles gut geht, wird diese Familie während ihrer Sarrasani- Tournee genügend Geld machen, um übers Jahr irgendwo in Oklahoma ein Holzhaus zu kaufen, Pferde, Ziegen, Hühner und — ein Ford-Auto- mobil. Es sind ja „gezähmte" Indianer, von Regierungswegen geschützt, schwache Enkel kriegerischer Helden. Aber wenn Rotflügels Mutter zum Tanz antrat, die gelb, rot, weiß, blaugestreifte Decke über ihre Schultern warf, mit einem schön gestickten Band die Adlerfedern im Kopshaar fest- band, und die blauschwarzen Strähnen durch die kreisende Bewegung nach beiden Seiten flatterten, wenn Amuletts und Perlenketten auf ihrer Brust rasselten, dann glomm in ihrem starren Gesicht ein Leuchten auf — Blut der Väter, uns Weißen fremd, Geist von jenem Geist, der über die endlosen Prärien zog, hinter Büsselherden und dem Riefenelch. « Miß Lu, die märchenhaft schöne, neunzehnjährige Chinesin, ist feit frühester Kindheit Artistin, Schülerin von Hai Dung, ein Phänomen der Akrobatik, in jeder Hinsicht vorzüglich ausgebildet. Ich sprach sie öfters in ihrer Garderobe an einem weltstädtischen Varietetheater, staunte über ihren deutschen Wortschatz und sah aus dem Führungsbuch, daß Miß Lu in ihren jungen Jahren bereits Japan, Indien, Arabien, Rußland, Norwegen, Belgien, Frankreich, England, Holland, die Schweiz, Kanada und beide Amerika bereist hat. Wenn die kleine Chinesendame zwei Schritte von mir entfernt auf ihrem Schemel fitzt und kokett das Näschen aus ihrer Coty-Schachtel pudert, ahnt der Besucher nicht die Gelenkigkeit und Kraft, die in den kindlich zarten Gliedern dieses Mädchens wohnen. Hai Yung, der Lehrmeister, lehnt am großen Koffer, lächelt verbindlich und nickt jedesmal, wenn er auf eine Frage Antwort gibt, lieber Stirn und Nase zieht eine breite, blutige Schramme: „Gestern abend nix aufgepaßt. Miß Lu aus« geglitten; is (ich) mußten Salto zu Seite massen, damit Mädchen aus die Beine fallen. Untermann müssen so, sonst Miß Lu brechen das Genick.' Inzwischen hat die Primadonna der Chinesengruppe den phantastischen Kopfputz aufgesetzt, der aus klingelnden Silberplättchen und buntfarbenen Stickereien besteht; vom Nagel holt Miß Lu den goldgestickten Drachenkimono, ein Knix, sie tänzelt zur Tür hinaus, über Korridor und (teile Treppen hinauf zur Bühne. Am andern Morgen folge ich Hai Dungs Einladung zur Probe. Die kleinen Kinder der Truppe haben gerade Tanzunterricht; sie hüpfen über schwingende Stricke, stehen auf dem Kopf und laufen über das gespannte Drahtseil. Die Männer wirbeln mit Schwertern und blitzenden Dolchen. Zwei von ihnen ringen, und ihre nackten Körper sind mit Del eingefettet; der Blick des Chefs prüft überall, ein paar zwitschernde Laute, am Ton höre ich, ob's Beifall ist oder Tadel. Und sobald eine Pause entsteh! zwischen den Hebungen, holt Mann, Frau oder Kind eines jener dünnen, langen Bambusstöckchen, legt einen Teller miss obere Ende und wirbelt die Scheibe, spielt damit mit jener Selbstverständlichkeit, die ein besonderer Vorzug chinesischer Artisten ist. . Jetzt kommt aus der Kulisse ein junger, schlanker Knabe, nackte Beine, Sandalen, ein kurzes schwarzes Turnhöschen und ein weißes Hemd mit langen Aermeln. Cs ist Miß Lu, der neunzehnjährige Star, nun doppelt schön ohne die Bühnenschmlnke, mit einem Gesicht, bas klassisch zu nennen wäre, spielte da nicht geheimnisvoll und unbestimmbar jener erotw Harub des fernen Ostens mit, zu dem von uns keine Brücke hinübersuyn. Und bann zeigten mir die beiden, Ches und Meisterschülerin, jenen Trick, den Miß Lu als einzige Dame der Welt ausführt und an dem p° Jahre lang Tag nrn Tag Stunden geprobt hat. „Geschmeidigkeit der Glieder gehört dazu, vollständiges (Eingearheitfein beider Partner, Jugend, Gleichgewichtsgefühl und ungeheure Willenskraft", sagt der ewig fälbeln^ Hai Dung. Zweimal schon hat er den Partner habet verloren. Sie fielen unglücklich und brachen das Rückgrat dabei.. „Miß Lu ist meine M Kraft und — sie ist sehr schön." Dabei verneigte er sich leicht, dieweil v> also Apostrophierte wie ein kleines Schulmädel ein Seil mit beide Händen wirbelte und darüber [prang. Erdteil Sibirien. Von Herbert R u l a n d. In dein Land, nach dem die sibirische Kälte benannt ist, gibt es große Reisplantagen; es gedeihen dort also Pflanzen, die nur in den klimatisch bevorzugten wärmsten legenden Europas wachsen. Die Vorstellung, die der Europäer von dem „emsigen Sibirien" hat. ist schon deshalb saisch. weil dieses ungeheure Gebiet, das fünsundzwanz gmat jo groß wie Deutzch- land ist, weder klimatisch noch in seinem Pflanzenwuchs keine Einheit darstellt sondern in sich je.bst Raum für die größten Gegensätze besitzt. Am Limürstrom, dort, wo jetzt im Rahmen der Sowjetumon eine autonome Mische Republik geschossen werden soll, und weiter östlich, der Grenze der Mandschurei sorgend bis zu den Ufern des Stillen Ozeans, gibt es in fast menschenleeren Gegenden gewaltige Flächen fruchtbaren Bodens, ein Land, das im Winter raum kälter ist, als der Februar dieses Jahres in Mitteleuropa war, dessen Frost aber durch Windstille erträglicher gemacht wird Im Sommer ist dieses sonnige Gebiet von größter Fruchtbarkeit! C5 jst sogar geeignet, aus ihm allerlei subtropische Pflanzen zu ziehen. Aber auch in Westsibirien gibt es weite Flächen, die vorläufig noch vom Urwald bedeckt sind, durch die kein Weg führt: heute noch das Jagdgebiet halbzivilisierter Nomaden, morgen vielleicht schon der Kern eines sich bildenden „östlichen Kanadas". Man dars unter Sibirien nicht allein das Gebiet in unmittelbarer Nähe des nördlichen Eismeeres verstehen. Zusammen mit den Republiken des Fernen Ostens bedeckt es 12,5 Millionen Quadratkilometer, ist also fast um ein Drittel größer als Europa: kein Land, andern ein Erdteil! In den drei Jahrhunderten, die Sibirien zum Zarenreich gehörte, ist ost versucht worden, den Strom der landhungrigen Bauern, die stets eine schwere politische Gcsahr für den Zarismus biloeten, über den Ural weit nach Osten zu lenken — aber diese Experimente mißglückten, weil sie mit ungenügenden Mitteln und von ungeschickten Verwaltungsbeamten durch- geführt wurden. Die Sowjetregierung handelt unter einem Zwange, wenn sie nun die Versuche unter Einfatz größerer Kapitalien von neuem aufnimmt. Sie muß das Agrarproblem lösen, nicht nur um die Versorgung ihrer städtischen Bevölkerung ficherzustellen, sondern auch landwirtschaftliche Güter zum Eintausch der dringend benötigten Maschinen Und Werkzeuge zu erhalten. Vor anderthalb Jahren wies Trotzki, der damals schon seiner wichtigsten Aemter entkleidet, aber noch nicht verbannt worden war, in Moscan in einem aussehenerregenden Vortrag aus die wachsende weltwirtschaftliche Bedeutung Sibiriens hin und prophezeite, daß dieses Land dank seinen natürlichen Reichtümern in Zukunft eine bedeutsame Rolle in der Wirtschaft der Welt spielen werde. Die herrschende Richtung in der Bolschewistischen Partei hat sich daran gewohnt, Trotzki zu bekämpsen, seine Ratschläge aber nach einiger Zeit in nur wenig veränderter Form zu befolgen. In den letzten anderthalb Jahren hat sich die Sowjetregierung nun tatsächlich bemüht, Sibirien beschleunigt zu entwickeln. Jährlich wandern vorläusig ungefähr 100 000 Bauern über den Ural — aber bald soll diese Zahl vervielfacht werden. Wissenschaftliche Expeditionen durchqueren das nördliche Asien, um die natürlichen Hilfsquellen für menschliche Ansiedlungen zu entdecken, und es hat sich dabei herausgestellt, daß wir bisher über die geologische Struktur Sibiriens sehr schlecht unterrichtet waren. Die größte Schwierigkeit, die sich der Erschließung des Landes entgegenstellt, ist in dem Fehlen eines genügenden Verkehrsstraßennetzes zu sehen. Außer der transsibirischen Eisenbahn, die wenig verzweigt ist, gibt es nur die gewaltigen Flußläufe, auf denen sich der Verkehr im «ommer mit Dampfschiffen und im Winter mit Schlittenfuhrwerken abwickelt. Der Schlittenverkehr ist vorzuziehen, da die Flüsse nicht reguliert sind und den Dampfern manche Gefahren bieten. Wie bedeutungsvoll aber em gutes Verkehrsftraßennetz für die Entwicklung der stibirischen Landwirtschaft wäre, zeigt das Beispiel der sibirischen Butteraussuhr. Einige tüchtige Dänen hatten in westsibirischen Distrikten den modernen Molkereibetrieb eingeführt, wie er in ihrer Heimat üblich ist: während im Jahre 1889 aus Sibirien nur zweieinhalb Millionen Kilogramm Butter ausge- führt wurden, konnte man im Jahre 1909 schon 140 Millionen Kilogramm auf der sibirischen Eisenbahn nach Rußland befördern. Aus Nowo- Nikolaijewsk führt der Kühlwagen die Butter bis an die Ostsee, wo sie ins Schiff umgeladen und nach England ober Frankreich weiter g^utjrt wird. Eine Verbilligung der Butterausfuhr ist jetzt dadurch möglich geworden, daß man als Verpackung nicht mehr teure Faßdauben, sondern gewöhnliche Kisten aus sibirischem Tannenholz benutzt. Bei den letzten Ladungen sibirischer Butter, die in London eingetroffen find, war nicht der geringste Holzgeruch festzustellen. Nach England versendet man seit ganz kurzer Zeit auch Cheddarkäse, der in den Molkereien des Altaigebirges hergestellt wird. In diesem Jahr soll die Kasein-Fabrikation wesentlich gesteigert werden; bis jetzt arbeiten in Sibirien 43 Fabriken, doch hofft man, daß im Lause dieses Jahres schon 128 Fabriken diesen wichtigen Rohstosf Herstellen werden, lieber 20 Millionen utubel tniu die Sowjetregierung in diesem Jahr zum Ausbau der sibirischen Molkereiindustrie verwenden. . Aber nur diejenigen Teile Sibiriens, die leicht mit der Bahn zu erreichen sind, können sich an dem einträglichen Exportgeschäft beteiligen, während in den meisten übrigen Ortschaften nur soviel Lebensmittel die Erzeugung lohnen, wie man selbst verhrauchen kann. In Omsk kost« z. V. ein Huhn 20 Kopeken, in Werchne-Udinsk zahlt man nur nom 10 Kopeken, und fern der Eisenbahn sind 5 Kopeken viel zu viel Geld für eine so wertlose Ware. Ebenso kann man die Waldbestände, an Denen Sibirien ungeheuer reich ist, wegen der mangelnden Verkehrsmittel kaum ausnutzen, da der Transport des Holzes feinen Wert weit uberfteigt. Die Leiter der sibirischen Wirtschaft sind nun darauf verfallen, die grohen Waldbestände auf eine andere Weise nutzbar zu machen. Amerika erzeugt nämlich zu geringe Mengen Terpentinöl und Kolophonium. Wahrend bisher jährlich ungesähr 530 000 Tonnen Kolophonium und 110 000 Tonnen Terpentin auf den Markt gekommen sind, hätten 660 000 Tonnen Kolophonium und 140 000 Tonnen Terpentinöl verkauft werden können Diese Rohstoffe sollen nun in großen Mengen den Tannenbäumen der sibirischen Wälder abgezapft werden. Schon in diesem Jahr werden un Bezirk Jskutsk gewaltige Wäldereien auf diese Weise nusgebeutet werden. Man hat für den Beginn der Arbeiten vorgesehen, daß 4000 Saisonarbeiter und 300 technische Instrukteure tätig sein sollen. Auch andere wirtschaftliche Produite werden in steigendem Maße erzeugt: im Gebiet der Diroten wird eine Zucht von Moschustieren angelegt, und im nördlichen Jenesscigebiet züchtet man Weißfüchse. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt das Land am Aldai.gebirge und zwischen dem Lenastrom und seinen rechten Nebenflüssen als eine der goldreichsten Zonen Asiens. In neuerer Zeit hat man an vielen Stellen Sibiriens und besonders in dem obenerwähnten Bezirk große Goldfunde gemacht, aus denen man schlichen will, daß Ostsibirien, Kamschatka, die Behringstraße und Alaska ein zusammenhängendes Goldfeld von außergewöhnlicher Ergiebigkeit darstellen. Aber das find nicht die einz qen Bodenschätze dieses von der Natur so reich bedachten Landes es gibt an vielen Stellen Petroleum, und in den berüchtigten fibiri- scheu Bieibergwerken findet sich auch Silber. Zwischen Ob und Jenesse, liegen reiche Kohlenfelder neben Eisenerzlagern, und im nördlichen Ufer- gebiet des Balchasch-Sees hat man soeben Drei mächtige Vorkommen von Kupfererzen entdeckt. An vielen Stellen ist Asbest gefunden worden, an den Flußläufen der Mama, Koltowka und Kamnita baut man Glimmer ab, in Telbeh wird zur Zeit ein großes Hochofenwerk errichtet, in der Gegend des Balchasch-Sees entsteht eine nicht zu unterschätzende Salz- tndustrie. Das ist nur eine kleine Auslese aus den in der letzten Zeit cm« geleiteten Arbeiten, eine Verheißung, die nicht unbedingt bald erfüllt zu werden braucht. Es ist fraglich, ob die Sowjetregierung Geld genug bereitstellen kann, um die Erschließung dieses aussichtsreichen Landes so schnell durchzuführen, wie sie es verspricht. Unterm Birnbaum. Von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) „Und von woher denn?" „Von meiner Frau Schwester." _ , .Bist doch ein Glückskind. Ewig find ihm die gebratenen Tauben in» Mau! geflogen. Und aus dem Hildesheimfchen, jagst du?" „Ja, da fo 'rum." „Na, da wird Reegke drüben froh jein. Er war schon ungeduldig. .Weitz; er wollte klagen. Die Neu-Lewiner sind immer ängstlich und Pfennigfuchser und können nicht warten. Aber er wird es nu wohl lernen und sich anders besinnen. Mehr Jag ich nicht und patzt sich auch nicht. Man soll den Mund nicht voll nehmen. Und was ist am Ende solch bißchen ®elb?9 ■ , Gelb ist nie ein bißchen. Wieviel Nullen hat es denn? „Das Beste ist, daß cs nicht viel Wirtschaft macht unb daß meine Frau nicht erst nach Hilbesheim braucht. Solche weite Reift, da geht jq gleich die Hälfte drauf. Oder vielleicht auch das Ganze." „War es denn schon in dem Brief?" „I, bewahre. Bloß die Anzeige von meinem Schwager, und daß das Geld in Berlin gehoben werden kann. Ich schicke morgen meine Frau. Sie versauert hier ohnehin." „Versteht sich", sagte Mietzel, der sich Immer ärgerte, wenn von dem „Versauern" der Frau Hradscheck die Rede war, „Versteht sich, laß sie nur reifen; Berlin, das ist so was für die Frau Baronin. Und vielleicht bringt sie dir gleich wieder ein Atlasfosa mit. Oder 'nen Truineau. So heißt es ja wohl? Bei fo was Feinem mutz unferein immer erst fragen. Der Bauer ist ja zu dumm." Frau Hradscheck reifte wirklich ab, um die geerbte Summe von Berlin zu holen, was schon im voraus das Gerede der ebenso neidischen wie reichen Bauernfrauen weckte, vor allen der Frau Ouaas, die sich ihrer gekrausten blonden Haare halber, ganz einfach für eine Schönheit hielt und aus dem Umstande, daß sie 20 Jahre junger war als ihr Mann, ihr Recht zu saft eben so vielen Liebschaften herleitete. Was gut aussah, war ihr ein Dorm im Auge, zumeist aber die Hrad- scheck, die nicht nur stattlicher unb klüger war als sie selbst, sondern -um Ueberslutz auch noch in Verdacht stand (wenn auch freilich mit Unrecht), den ältesten Kantorsfohn — einen wegen Demagogie relegierten Tunichtgut, der nun bei dem Vater auf der Bärenhaut lag — -u Spottverfen auf die Tschechiner unb ganz befonbers auf die gute Frau Ouaas angeftiftet zu haben. Es war eine lange Reimerei, drin jeber was wegkriegte. Der erste Vers aber lautete: Woytafch hat den Schulzen-Stock, Kunicke ’nen langen Rock, Mietzel ist ein Hobelspan, Ouaas hat keinem was getan, Nicht mal seiner eignen Frau, Kätzchen weih es ganz genau. Miau, miau. ■ Dergleichen konnte nicht verziehen werden, am wenigsten solcher Bettelperson wie dieser hergelaufenen Frau Hradscheck, die nun mal für die Schuldige galt. Das stand bei Kätzchen fest. Ich wette," sagte sie zur Mietzel, als diese denselben Abend noch, an dem die Hradscheck abgereift war, auf der Oelmühle vorsprach, „ich wette, daß sie mit einem Samthut und einer Straußenfeder roteöer. kommt. Sie kann sich nie genug tun, diese zierige Person, trotz ihrer vierzig. Unb alles bloß, weil sie „©mein" sagt unb nicht „switzen tonn, auch wenn sie brei Kannen Fliedertee getrunken. Sie sagt aber nicht Fliedertee, sie sagt Hollunder. Unb das soll denn was fein. Ach. liebe Mietzel, es ist zum Lachen." , ... Ja, ja!" stimmte die Mietzel ein, schien aber geneigt, die größere Schuld auf Hradscheck zu schieden, der sich einbilbe, Wunder was Feine« geheiratet zu haben. Unb sei boch bloß ’ne Kattolsche gewesen unb met- leicht auch ’ne Springerin; wenigstens habe sic so was munkeln Horen. „Unb überhaupt, der gute Hradscheck," fuhr sie fort, „er soll doch nur still fein. In Neu-Lewin reden sie nicht v!e! Gutes von ihm. Die Rese hat er fitzen lassen. Und mit eins war sie weg und keiner wech wie und rouium. Und war auch von Ausgraben die Rede, bis unser alter Woytasch 'rüber fuhr und alles wieder füll machte. Natürlich, er will keinen Lärm haben pnd is 'ne Suse. Hause darf er ohnehin nicht reden Oder ob er der Hradschecken nach den Augen sieht? Sie hat so was. Und ich sage bloß, wenn wir alles hergelaufene Volk ins Dorf kriegen, so haben wir nächstens auch die Zigeuner hier und Frau Woytasch kann sich dann nach nein Schwiegersohn Umsehen. Zeit wird es mit der Rike: dreißig is sie ja schon." So ging gleich am ersten Tage das Geklatsch. Als aber eine halbe Woche später die Hradscheck gerade so wieder kam, wie sie gegangen war, das heißt ohne Samchut und Straußenfeder, und noch ebenso grüßte, ja womöglich noch artiger als vorher, da trat ein Umschlag ein, und man fing an, sie gelten zu lassen und sich einzureden, daß die Erbschaft sie verändert habe. „Man sieht doch gleich." sagte die Ouaas, „daß sie jetzt was haben Sollte sollte das immer was jein, und sie logen einen grausam an, und war eigentlich nicht zum Aushalten. Aber gestern war sie anders und sagte ganz klein und bescheiden, daß es nur wenig sei." „Wieviel mag es denn wohl sein?" unterbrach hier die Mietzel. ,Hch denke mir so tausend Taler." „O mehr, viel mehr. Wenn es nicht mehr wäre, wäre sie nicht so, da zierte sie sich kuhig weiter. Nein, liebe Mietzel, da hat man denn doch so seine Zeichen, und denken Sie sich, als ich sie gestern frug, „ob es ihr nicht ängstlich gewesen wäre, so ganz allein mit dem vielen Geld," da sagte sie: „nein, es wär' ich nicht ängstlich gewesen, denn sie habe nur wenig mitgebrachl, eigentlich nicht der Rede wert. Das meiste habe sie bei dem Kaufmann in Berlin gleich stehen lassen." Ich weiß ganz bestimmt, sie sagte: das meiste. So «wenig kann es also nicht sein." Unterredungen, wie diese, wurden ein paar Wochen lang in jedem Tschcchiner Hause geführt, ohne daß man mit Hilfe derselben im ge- ringsten weiter gekommen wäre, weshalb man sich schließlich hinter den Postboten steckte. Dieser aber war entweder schweigsam oder wußte nichts, und erst Mitte November erfuhr man von ihm, daß er neuerdings einen rekommandierten Vries bei den Hradschecks abgegeben habe. „Von woher denn?'' „Aus Krakau." Man überlegte stch's, ob das in irgendeiner Beziehung zur Erbschaft stehen könne, fand aber nichts. Und war auch nichts zu finden. Denn der eingeschriebene Brief lautete: „Krakau, den 9.November 1831. Herrn AbelHradscheck in Tschechin, Oderbruch. Enn Wohlgeboren bringen wir hiermit zu ganz ergebenster Kenntnis, daß unser Reisender, Herr Szulski, wie alljährlich so auch in diesem Jahre wieder, in der letzten Novemberwoche, bei Ihnen eintreffen und Ihre weiteren geneigten Aufträge in Empfang nehmen wird Zugleich ober gewärtigen wir, daß Sie, hochgeehrter Herr, bei dieser Gelegenheit Veranlassung nehmen wollen, unsere seit drei Jähren anstehende Forderung zu begleichen. Wir rechnen um so bestimmter darauf, als es uns, durch die politischen Verhältnisse des Landes und den Rückschlag derselben auf unser Geschäft, unmöglich gemacht wird, einen ferneren Kredit zu bewilligen. Genehmigen Sie die Versicherung unserer Ergebenheit. Olszewski-Goldschmidt & Sohn." Hradscheck, als er diesen Brief empfangen hatte, hatte nicht gesäumt, auch seine Frau mit dem Inhalte desselben bekanntzumachen. Diese blieb ünscheinend ruhig, nur um ihre Lippen flog ein nervöses Zittern. „Wo willst du's hernehmen, Abel? Und doch muß es geschafft werden. Und ihm eingehändigt werden ... Und zwar vor Zeugen. Willst du'» borgen?" Er schwieg. „Bei Kunicke?" „Nein. Geht nicht. Das sieht aus nach Verlegenheit. Und die darf e» nach der Erbschaft sgeschichte nicht mehr geben. Und gibt'» auch nicht. Ich glaube, daß ich s schaffe." „Gut. Aber wie?" „Bis zum 30. hab ich noch die Feuerkassengelder." „Die reichen nicht." „Nem. Aber doch beinah. Und den Rest deck' ich mit einem kleinen Wechsel. Ein großer geht nicht, aber ein kleiner ist gut und eigentlich besser als bar. Sie nickte. Dann trennte man sich, ohne daß weiter ein Wort gewechselt worden wäre. Was zwischen ihnen zu sagen war, war gesagt und jedem seine Rolle zugeteilt. Nur fanden sie sich sehr verschieden hinein, wie schon die nächste Minute zeigen sollte. Hradscheck, voll Beherrschung über sich selbst, ging in den Laden, der gerade voll hübscher Bauernmädchen war, und zupfte hier der einen am Busentuch, während er der andern die Schürzenbänder aufband. Einer alten aber gab er einen Kuß. „Einen Kuß in Ehren darf niemand wehren — nid)' wahr, Mutter Schickedanz?" Mutter Schickedanz lachte. Der Frau Hradscheck aber fehlten die guten Nerven, deren ihr Gatte sich rühmen konnte. Sie ging in ihr Schlafzimmer, sah in den Garten und überschlug ihr Leben. Dabei murmelte sie halb unverständliche ! Worte vor sich hin und schien, den Bewegungen ihrer Hand nach, einen Rosenkranz abzubeten Aber es hals alles nichts. Ihr Atem blieb schwer, und sie riß endlich das Fenster auf, um die frische Luft einzusaugen So vergingen Stunden. Und als Mittag kam, kamen nur Hradscheck und Ede zu Tisch. V. Es war Ende November, als an einem naßkalten Abend der von der Krakauer Firma angekündigte Reifende vor Hradschecks Gasthof vorfuhr. Er kam von Küstrin und hatte sich um ein paar Stunden Beträtet, weil die vom Regen aufgeweichten Vruchwege beinah unpassierbar gewesen waren, am me.sten im Dorfe selbst. Noch die letzten dreihundert Schutt von der Orthjchen Windmühle her hatten ein gut Stück Zeit ge- kostet, weil das ermüdete Pserd mitunter stehen blieb und trog alkm Fluchen nicht weiter wollte. Jetzt aber hielt der Reisende vor der Ladentür, durch deren trübe Scheiben ein Lichtschein aus den Damm fiel, und knipste mit der Peitsche. „Halloh, Wirtschaft!" Eine Weile verging, ohne daß wer kam. Endlich erschien der Laden- junge, lief aber, als er den Tritt heruntergetlappt hatte, gleich wieder weg, weil er den Knecht, den Jakob, rufen wolle." «Gut, gut. Aber flink ... Is das ein Hundewetter!" Unter solchen und ähnlichen Ausrufungen schlug der jetzt wieder allein gelassene Reisende das Schutzleder zurück, hing den Zügel in den freigewordenen Haken und kletterte, halb erstarrt und unter Vermeidung des Tritts, dem er nicht recht zu trauen schien, über das Rad weg auf eine leidlich trockene, grab* vor dem Ladeneingange durch Aufschüttung von Müll und Schutt hergerichtete Stelle. Wolstschur und Pelzmütze hatten ihm Kopf und Leib geschätzt, aber die Füße waren wie tot, und er stampfte hin und her, um wieder Leben ins Blut zu bringen. Und jetzt erschien auch Jakob, der den Reisenden schon von früher her kannte. „Jott, Herr Szulski, bi so'n Wetter! Un so ’ne Weg'! I, doa kämmt joa keen Düwel nich." „Aber ich", lachte Szulski. „Joa, blot Se, Herr Szulski. Na, nu geihen's man in de ©turn’. Un bat Fellisen besorg' ick. Un will ook glieks en beten wat inböten. Ich roeet joa: de Giebelstuw’, de geele, de noah de Keg.lboahn to " Während er noch so sprach, hatte Jakob den Koffer auf die Schuller genommen und ging, dem Reisenden vorauf, auf die Treppe zu. als er ober sah, daß Szulski, statt nach links hin in den Laden, nach rechts in das Hradicheckfche Wohnzimmer eintreten wollte, wandte er sich wieder und sagte: „Nei, nich doa, Herr Szulski. Hradscheck is in de Wienstuw ... Se roeeten joa." „Sind denn Gäste da?" „Versteiht sich. Wat arme Lüd' sinn, na, de bliewen to Huus, awers Oll-Kunicke kämmt, un denn klimmt Orth ook. Un wenn Orth kämmt, denn kämmt ook Ouaas un Mietzel. Geihen's man in. Se tempeln all wedder." o Eine Stunde später war der Reisende, Herr Szulski, der eigentlich ein einfacher Schulz aus Beuthen in Oberschlesien war und den National- Polen erst mit dem polnischen Samtrock samt Schnüren und Knebelknöpfen angezogen hatte, der Mittelpunkt der kleinen, auch heute wieder in der Weinstube versammelten Tafelrunde. Das Geschäftlich.' war in Gegenwart von Ouaas und Kunicke rasch abgemacht und die hochaufge- laufene Schuldsumme, ganz wie gewollt, durch Barzahlung und kleine Wechsel beglichen worden, was dem Pseudo-Polen, der eine so rasche Regulierung kaum erwartet haben mochte, Veranlassung gab, einiges von dem von seiner Firma gelieferten Rüster bringen zu lassen. „Ich kenne die Jahrgänge, meine Herren, und bitt’ um die Ehr'." Die Bauern stutzten einen Augenblick, sich so zu Gaste geladen zu sehen, aber sich rasch erinnernd, daß einige von ihnen bis ganz vor kurzem noch zu den Kunden der Krakauer Firma gehört halten, sahen sie das Anerbieten schließlich als einen bloßen Geschäftsakt an, den man sich gefallen lassen könne. Was aber den Ausschlag gab, war, daß man durchaus von dem eben beendigten polnischen Aufstand hören wollte, von Diebitsch und Paskewitsch, und vor allem, ob es nicht bald wieder losgehe. Szulski, wenn irgendwer, mußte davon wissen. Als er das vorige Mal in ihrer Mitte weilte, war es ein paar Wochen vor Ausbruch der Insurrektion gewesen. Alles, was er damals als nahe bevorstehend prophezeit hatte, war eingetroffen und lag jetzt zurück, Ostrolenka war geschlagen und Warschau gestürmt, welchem Sturme der zufällig in der Hauptstadt anwesende Szulski zum mindesten als Augenzeuge, vielleicht auch als Mitkämpfer (er ließ dies vorsichtig im Dunkels beigewohnt hatte. Das alles traf sich trefflich für unsere Tschechiner, und Szulski, der als guter Weinreisender natürlich auch ein guter Erzähler war, schwelgte förmlich in Schilderung der polnischen Heldentaten, wie nicht minder in Schilderung der Grausamkeiten, deren sich die Russen schuldig gemacht hatten. Eine Hauserstürmung in der Dlugastraße, just da, wo diese mit ihren zwei schmalen Ausläufern die Weichsel berührt, war dabei fein Paradepferd. „Wie hieß die Straße?" fragte Mietzel, der nach Art aller verquienten Leute bei Kriegsgeschichten immer hochrot wurde. „Dlugastraße", wiederholte Szulski mit einer gewissen gekünstelten Ruhe „Dluga, Herr Mietzel. Und das Eckhaus, um das es sich in meiner Geschichte handelt, stand dicht an der Weichsel, der Vorstadt Praga grab’ gegenüber, und war von unseren Akademikern und Polytechnikern besetzt, das heißt von den wenigen, die von ihnen noch übrig waren, denn die meisten lagen längst draußen auf dem Ehrenfelde. Gleichviel indes, was von ihnen noch lebte, das steckte jetzt in dem vier Etagen hohen Hause, von Treppe zu Treppe bis unters Dach Aus dem abgedeckten Dach, aber befanden sich Frauen und Kinder, die sich hinter Balkenlagen verschanzt und mit herangeschleppten Steinen bewaffnet hatten. Als nun die Russen, cs war das Regiment Kaluga, bis dicht heran waren, rührten sie die Trommel zum Angriff. Und so stürmten sie dreimal, immer umsonst, immer mit schwerem Verlust, so dicht fiel der Steinhagel auf sie nieder. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'jche Universitäts^Duch« und Stein drucker ei. D. Lange, Gießen.