Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <929 Meitaa, den 8. Februar NummeNl IägerUed. Von Eduard Mörike. Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee, wenn er wandelt aus des Berges Höh': zierlicher schreibt Liebchens liebe Hand, schreibt ein Brieslein mir in ferne Land'. In die Lüfte hoch ein Reiher steigt, dahin weder Pseil noch Kugel fleugt: tausendmal so hoch und so geschwind die Gedanken treuer Liebe sind. Die Treppe von Brienne. Eine Anekdote von Wilhelm Schäfer. Der rieidmarschalt Blücher Hal sich den ganzen Januartag mit den Franzosen h-rumgeschlagen und noch zuletzt die Attacke aus das Korps Dachesnes li’atgei tu'ii, als er zur beacht durch die vrennende Start Brienne in das Schloß zurückkehrt, wo er beim Frühstück schon durch Kanonenkugeln gestört worden ist und wo er rasch fernen Abendtrunk halten will. Es sieht übe! aus, wie sie hmeinkommen; das Dach hat gebrannt und mitten in das Portal ist eine Bombe gefallen, daß die Zwifchendecken «iiigsftürzt und die Fenster zersplittert smd. Die Herrschasten haben gedacht, ich wiire zu Hause!, spottet der Alte, dem unterwegs ein brennendes Holzstuck den Rock eiiigefengt hat und der krebsrot iiver dem weißen Schnauz bart ist von der nützlichen Wir ter» lust. Bis sie den Wein aus dem Keller gebracht haben, steigt er ins Dach hiuaus, durch die Löcher rundum im schwarzen Lund die Lage der Feuer zu sehen oder was sonst noch vom Feind sichtbar ist: und er findet sich Sichert genug, den Pferden im Hos Ruhe zu (affen bei Wasser und Hoferstroh, ehe sie reiten. Aber wie er danach im Speisesaa! sitzt, breitbeinig nach seiner Ge- wohnheit und die Stuhllehne zwischen den Knien — die Tafel ist schon gedecu und aas ochr euuger kurzen ze.gt die Wände noch unzerstört — wie er das erste Glas in einem Schluck nimmt und es schmeckt ihm trotzdem: fällt dicht unter dem Fenster ein Schuß, und ehe sie noch das Wie und Warum dieser Schießerei wissen, ist das Gefecht fchon im Gange, weil die Tirailleurs sich durch di« Gärten herangeschlichen haben und eben dabei sind, das Schloß zu besetzen. . „Hoho!", sagt der Alte und streckt das leere Glas der Ordonnanz hin, daß sie es wieder fülle: der Bonaparte Hot hier [eine Kriege schule ge- krnt! Er will uns examinieren! Aber wie er noch trinkt, geht schon die Tür auf und einer von den Tirailleurs guckt herein, ein tie.ner Kerl mit einem mejstnggelben Gesicht, der als Spürhuiid zu hitzig vorgerannt rst und, [ich seiber zum größten Schrecken, das Wild findet. Denn well ec allein mit seinem schwarzen Augenpaar steht, hier aber blitzt ihm oerer ein halbes Dutzend entgegen, reißt er sein Gewehr bei Fuß, und steht eher Nützlich als kriegerifch aus. Auciable!, ruft der Graf Rostiz und wirft ihm fein volles Glas 00» die Füße, daß der rote Wein nut den Scherben aujjpritzt, und der Ticameur tut, wie ihm befohlen, zieht die Tür hinter stcg za und verschwindet so rasch, daß der Alte herzhaft lacht und sich noch ein drittes Glas «.nschenken läßt. Aber darum sitzen sie doch in der Falle; und es ist gut, daß der Unteroffizier Schneider, den sie als Ordonnanz bei sich haben, die unangenehme Tür sogleich verrammelt und über di« engen Umstände der bin» teren Treppe Bescheid weiß, aus der sie unangefochten hmab in den Hos zu den Pferden ■ ommen. Da ist die schwarze Dunkelheit schwankend vom Flackerlichj der Brände, und überall platzt das Feuer aus den Gewehren: wie Nadelstiche sehen die blitze«,den Schüsse aus gegen den feurigen Schwall in der Lust, aber darum knackt es doch in den Steinen bedenklich von Kugeln. Und als sie uorreiten wollen gegen das Tor, ist es besetzt und die Stabswache darin schon überwältigt. Attackieren!, flucht der hitzige Blücher und reißt seinen Säbel heraus; Ober cer kühlere (äneifenau reitet qu.r vor, legt ihm die Hand an den Arm und jagt: Halt! Das wäre der geradeste Weg nach Paris, nämlich gefangen! Auch hat der Graf Noftiz rasch einen besseren Borschlag mit dem Unteroffizier Schneider beredet: über die große Terrasse nach hinten hinauL, die Trepe hinab und links durch die Gärten zu den Sackenjchen Russen. Das ist zwar ein Kunstreiterstück über die sechzig steinernen Stufen, aber eben darum! Unb weit die Falle nur dieses Loch hat, durch das die Tirailleurs üelber tarnen, aber die schießen und rennen in ihrer Verbissenheit vorn hinaus, den Weg abzuschneiden; und oben im Schloß hat der Spürhund Hilfe gcho t, den großen Wiidfang zu tun: geschieht diese seltsame Flucht so, daß sie dem Feind mitten hinein ins Gehege reiten; denn den stemernen Abgang hat er nicht mitbedacht, und daß da Pferde hinunter konnten. U>rd der das Kunstreiterstück mitmacht und bannige Freude aile E zweiundsiebzig Jahren. Einmal bockt sein Schimmel, als es zu lange hinab in das dunkle Loch geht; er läßt bnÄu9».™ ai.'Lfe»e Besinnung zu warten, und spricht kÄ ■ 5 v yt doch nicht Furcht haben, Hans? und nimmt ihn feft in die Schenkel, bis er die Hufeisen wieder über die Kante hinabsetzt. ,untIn finb' schwelt ein Brand in der Nähe so auf, daß er ? »u sechs Pferden da an der steinernen m a[.3 suchten die Leiber der Tiere M'it an- ble Reiter steil hintenüber, als ob die Vorderfüße der Pferde ihre eigenen Storchbeine wäre.!. t ^illeurposten sieht sie und schießt; die Kugeln knattern und springen wie Erbsen unter den Beinen durch. Das Brandlicht verblaßt und vergeht in der Dunkelheit, wie es kam; und als es nach einer Minute h?? b,e uufmacht, liegt die Treppe schon leer, und nur b?r Hustckstm, voii Pferden verstirbt nach links, die wieder Erdboden Ä. bCu 2"6en'. ^.rte Hande in ihen Zügeln und Sporen in ihren Weichen haben, wie sie es von ihren Reitern gewohnt sind. Drs beute Anekdote. Ein Stück Kulturgeschichte. Bon Dr. Hans Hajek. (Nachdruck verboten.) Was ift eine Anekdote? Das Wort ist heute ungemein in Mode ge- kommen, ohne immer den gleichen Begriff zu decken: die meisten verstehen darunter immer noch die „Witze", wie sie unsere Zeitungen bringen oder unsere Stammtische erzählen; ein Buch des Dichters Wilhelm Sc, a f e r tragt diesen Titel und enthält Bilder aus der Geschichte die aber viel zu ausgemalt sind, um ihren Namen mit Recht zu fuhren; und legt nennt sich auch tue kleine Komödie von Molnar Anekdote — kaum mit Recht, weil auch das knappste Theaterstück viel zu viel Beiwerk enthalten muß, um im strengen Sinne als Anekdote gelten zu können. Was ist also eine Anekdote? Ernst Bernheim, der bekannte Methodologe der deutschen ®e- schichtswissenschaft, faßt die An-kdote als Abart der Sage und stellt sie nahe mit der Legende, dem historischen Sprichwort und den sogenannten geflügelten Worten zusammen: „Die Anekdote hat den Charakter der Sage im kleinen. Sie begnügt sich mit der Ueberlieferung bezeichnender Zuge, konzentriert in einer charakteristischen Wendung das Wesen von Persönlichkeiten und Vorgängen und weicht bei alledem ebenso leicht von dem Tatsächlichen ab. wie die Sage. Namentlich ist es ja bekannt genug, wie jedermann geneigt ist, eine gute Aneidote mit besserer Wirkung im Kreise der Zuhörer auf diesen bekannte Personen und Verhältnisse zu übertragen, und es gibt so auch in der historischen Sphäre förmliche Wanderanekdoten, die immer wieder bei anderer Gelegenheit auftauchen * Den in ihrer Volkstümlichkeit miteinander konkurrierenden Personen Friedrichs des Großen in Preußen und Jo sefs II. in Oesterreich werden z. B. auch gleiche oder ähnliche Anekdoten zugeschrieben, die zum Teil der literarischen Tradition entstammen und etwa von dem arabischen Kalifen Harun al Rafchid erzählt werden. Gewisse Züge %»• hören überhaupt zu Zeiten zum Kostüm einer Person. Jede Anekdote — und darin liegt ihr kulturgeschichtlicher Hauptwert — zeichnet den Anekdotenerzähler und sein Publikum. Die.Anekdote ist demnach das primitivste und wohl auch das älteste Clement geschichtlicher Ueberlieferung im weitesten Sinne. Bedeutlam bleibt auch für ihre spätere Geschichte, daß sie ihrem Wesen nach auf die mündliche Weitergabe gestellt ist. Dem widerspricht nicht, daß sie gelegentlich zu praktischen und viel später zu Unterhaltungszwecken ober gar aus wissenschaftlichen Absichten ausgezeichnet wird: solange sie lebendig bleibt, kehrt die Anekdote immer wieder in dem Umlauf münd- licher Ueberlieferung zurück und lebt da ihr eigenes Dasein nach den Gesetzen, die der mündlichen Weitergabe von Nachrichten und Erzählungen entsprechen. Wir können deshalb nicht erwarten, ihr schon in sehr alter Zeit auf diesem primitiven Boden zu begegnen; denn wer sollte wohl ein Interesse an ihrer Aufzeichnung gehabt haben? Vielleicht dürfen wir einen Spottvers hierher rechnen, den eine St. Gallener Handschrift des 9. Jahrhunderts uns zufällig bewahrt hat: „Liebwien fetzte an den Grus (er braute {ein Weizenfestbier) und gab feine Tochter aus (er verlobte sie); da kam aber Sterzgefieder, bracht' ihm feine Tochter wieder." Freilich: die Charakterisierung ist zu arg verwischt, als Ml ®ir heute noch anekdotenhafte Wirkung bavun verspüren — foian ahnen wir, daß es bäuerliche Kreise sind, die hier gezeichnet und „angepslaumt" werden. Aber die deutsche Anekdote begegnet uns nicht allein auf dieser volkstümlichen Ebene. In der griechischen und römischen Antike war sie längst in die Kunstübung der Gebildeten, der Gelehrten «ingedrungen und erscheint schon in der Rhetorik des Aristoteles unter dem Namen und der Funktion des Paradeigma, des Beispiels oder Exempels, wie es dann im Mittelalter heißt. Freilich verwenden die antiken Redner und Rcde- lehrer auch „erfundene" Geschichten, vor allem die äsopischen Fabeln als Exempla, aber die Kunstform ist durchaus die der Anekdote, d. h. der relativ kurzen, auf einen charakteristischen Zug konzentrierten Erzählung, deren Charalteristik nur hier zur moralischen Belehrung ausgemünzt wird. In der Spätantike gibt es schon ganze Sammlungen solcher moralischer Anekdoten. Aus der Rhetorik geht ihr Gebrauch in die praktische Theologie der Kirchenväter über, von denen besonders Gregor der Große die Predigt und den Exempelgebrauch des Mittelalters nach- S beeinflußt hat. Die erste große Exempslsammlung auf deutschem i ist die des Cistercienmönches Caesarius vonHeisterbach (um 1170 bis 1240), eines Rheinländers, der zwischen 1221 und 1224 seinen Eiaiogus miraculorum schrieb: der äußeren Form nach ein Ge- ipräch zwischen dem Novizenmeister eines Klosters und einem Novizen (dem jungen Mönch, der sein, Probejahr ablegt, ehe er die bindenden Gelübde tut). Die lateinisch ausgezeichneten Anekdoten dieser Sammlung, in deutscher Uebersetzung und Auswahl heute leicht zugänglich, sind eine Fundgrube mittelalterlicher Kultur- und Sittengeschichte, nicht immer stubenrein nach heutiger Ansicht, aber immer und überall interessant. Die weitere Geschichte dieser Exempelsammlungen kann und soll hier nicht verfolgt werden; sie zieht sich durch das ganze Mitelalter und setzt sich im 16. und 17. Jahrhundert in die uferlose Literatur der „Promptuarien" fort, in denen Anekdoten aller Art nach ihrer Beziehung zu den zehn Geboten oder nach ihrer Einordnung in die Kategorien der Tugenden, der Laster usw. zur Berwendung für Predigt und Seelsorge zusammengestellt sind. Lutherische und katholische Buchungeheuer beschließen die Aus der antiken Rhetorik und Stilistik wanderte die Anekdote aber nicht nur in die Predigt und in die Seelsorge, sie setzt sich auch in ihrem ursprünglichen Bereiche, der Geschichte, durch. In der spätantiken Geschichtsschreibung spielt sie eine wesentlich größere Rolle als noch bei Caesar, bei Livius, bei Tacitus, obwohl sie da nicht fehlt. Bei Plinius schon z. B. steht die hübsche Geschichte von dem tei-tonischen Gesandten, der um 109 v. Chr. nach Rom kam und dort zum ersten Male römische Bildwerke sah: als man ihm einen alten Hirten mit einem Stabe auf dem Forum zeigte und ihn fragte, wie hoch er das Kunstwerk schätze (es gab eben damals schon Geld- und Bildungsprotzen!), da gab er zur Antwort, er möchte einen solchen Kerl nicht einmal lebendig geschenkt haben. Wie bezeichnend für die Zeit, in der auch wir Deutsche noch „Wilde" waren, deren Naivität man beglotzte und belachte. Zwei Jahrhunderte später war Germanien in Nom die große Mode, wie es bei uns nacheinander die Neger, die Russen, die Südseeleute gewesen sind in den letzten Jahren. Aus der spätantiken Geschichtsschreibung übernehmen die mittelalterlichen Schriftsteller die Verwendung der Anekdote und brauchen sie reichlich zur Charakterisierung ihrer Helden. Auch Anekdotensammlungen gibt es schon früh, wie etwa die Geschichten von Karl dem Großen des St. Gallener Mönches Notker B a ! b u l u s. Ueberhnupt haben besonders die Lebensbeschreibungen einzelner bedeutender Männer fcer, politischen und der Kirchengeschichte die Anekdote gerne benützt, um das Bild anschaulich zu machen. In der Renaissance gerbinnt die Freude an der Aufzeichnung derartiger kurzer, persön'icher Zöge erneutes Leben, um freilich im 17. Jahrhundert ebenso wie die Predigtexempel im Wüste ungeheuerlicher Wälzer zu ersticken. Ich nenne nur einen Titel, der aber wohl eine Vorstellung gibt: „Täglicher Schau-Platz der Zeit, auff welchem sich ein iedweder Tag durch das gantze Jahr mit seinen merkwürdigsten Begebenheiten, so sich vom Anfang der Welt biß auff diese jetzige Zeiten an demselben zugetragen, vorstellig machet... Inaleichen die notabelsten Schlachten, Eroberungen, Feuers-Brünste, Wasier-Fl'ckhen, Erdbeben, Mord-Thaten und andere denckwürdige Wunder-Fälle aufsgesühret werden." 1695 zusammengestellt durch den Lausitzer Heinrich Änshelm von Ziegler und Klipphausen*). Aber mit diesen barocken Anekdotensammlungen, die durchzustudieren eine Dual, die durchzublättern sehr unterhaltend ist, hak die Ausgabe der Anekdote in der Geschichtsschreibung doch keineswegs ihr Ende. Mag man auch später, und gerade von wissenschaftlicher Seite, gegen die „anek- dotische Darstellung" dieses oder jenes Schriftstellers Einspruch erhoben haben, die Anschaulichkeit anekdotischer Einzelzüge zur Verdeutlichung des Gesamtbildes ist doch immer wieder anerkannt worden, weniastens da, wo man auf solche Anschaulichkeit und Verdeutlichung einigen Wert legte und nickt in der einförmigen Abstraktion und Langweiligkeit oder in unverständlicher Dunkelheit den Inbegriff „wissenschaftlicher" Schreibweise erblickte. In der volkstümlichen, mündlichen Geschichtsüberlieferung lebt die Anekdote weiter. Ms Beispiel solcher anekdotischer Erinnerung aus früherer Zeit sei hier die hübsche kleine Geschichte vom Vater Wrangel wiedergegeben, _bie mir erst im vorigen Sommer ein Ur-Berliner schmunzelnd erzählte. Der populäre preußische General, ein gebürtiger Stettiner, stand im November 1848 vor Berlin, um zur Unterdrückung der revolutionären Unruhen dort einzurücken. Da ließ ihm die Bürgerschaft von Stettin, wo er eben auch seine Garnison h<'if«, mitteiken, man mürbe seine Frau aufhängen, wenn er es wage, in Berlin einzumarschieren. Trotzdem rückte er am 9. November mit den vor der Reichs- Hauptstadt versammelten Truppen dort ein. Und sagte nur unterwegs zu seinem Adjutanten: „Nu soll mir bet bloß wundern, ob sie ihr hängen". *) der auch sonst in der Barockliteratur eine gewiss« Rolle foieit Einige Tage später bekam er di« Nachricht, daß seine Fran soll uz Wohlbehalten sei, uab da meinte er ganz ruhig: ,.Det hab ick mir schon gedacht. Us die Stettiner is (een Verlaß nicht" Besser läßt sich di« unbeirrbare Konsequenz des alten Soldaten wohl nicht kennzeichnen. Auf eine kulturhistorisch besonders interessante Art von Anekdote» muß noch hingewiesen werden, weil sie literarisch die reichste Ernte gebracht hat: auf das, was man im Mittelalter, im 16. und 17. Jahrhundert, einen Schwank nennt. Kleine, oft sehr derbe und nicht selten hanebüchene Geschichtchen sind diese Schwänke Anekdoten, die sich nur nicht um eine individuelle Gestalt, sondern um einen Typus gruppieren: um den Bauern, um den Mönch, um den Soldaten, um die Frau, oder auch um ein typisches Verhältnis: um die Ehe, um Geburt und Tod, um Wochenbett und Begräbnis, um Geschäft und Amt, um Schule und Kirche. Die Kasernenhofblüten, die Schulwitze, die lächerlichen Geschichten von Künstlern, von Gelehrten und anderen Zeitgenossen, die nicht ganz in den Alltagsstiefel passen, alle die Witze und Anekdoten, die unsere mehr oder minder geistreichen Witzblätter füllen, haben im mittelalterlichen Schwank ihre Ahnen und beanspruchen mit ihnen das Interesse der Kulturgeschichte. Solange wir nur die neuesten Nummern der „Jugend", des „Simplizissimus", des „Kladderadatsch", der „Fliegenden Blätter^ usw. ansehen, kommt uns die kulturgeschichtliche Bedeutung natürlich nicht zum Bewußtsein; wenn wir aber einmal die Jahrgänge durchsetzen, die weiter und weiter zurücklicgen, ober Witzblätter und Schwank- Sammlungen verschollener Zeiten öffnen, da wird uns um vieles klarer, ein wie reicher kulturgeschichtlicher Schatz hier vergraben liegt und noch zu heben ist. Im winterlichen Holland. Bon Helene Schede, (Nachdruck verboten.) Endlich haben die Holländer den von groß und klein, arm und reich heiß ersehnten weißen Winter. Nie ist das Bild dieses Landes, das feine Bewohner Stück für Stück dem Meer abgerungcn haben, geheimnisvoller als im Schnee, wenn Flocke auf Flocke fällt und die weite Ebene mit ihren Ortschaften, Wegen, Deichen, Kanälen lautlos roie unter der Decke eines Riesensargs verschwindet. Unabsehbar fern dehnt sich das schimmernde Weiß, glatt und faltenlos, nur hie und da hebt und senkt sich in unmerklichen Erhöhungen und Vertiefungen unter dem Totenlaten die Brust der warmen mütterlichen Erde. Wie verzaubert stehen die Bäume in ihren weihen Perücken. Kleine, spielerische Häuser mit lustigen blauen, roten, grünen Röcken unter der Hermelinkapuze blicken regungslos auf das Silberband der Kanäle, die keine sanft dahingleitenden Schiffe mehr beleben. Zahllose Wasserarme legen ihr funfeinbes Geschmeide um freundliche Städte und friedlich !unter schützenden Deichen jchiummernde „Polders". Teiche und Sinnen» een sind g.froren. Die Erde blickt aus Millionen seltsam unbeweglicher kristallener Augen zu dem tief herabhängenden, eintönig grauen Himmel. Selbst die Zuidersee mit ihren unruhevollen, landgierigen Wellen ist zu einem gläsernen Meer erstarrt. Unendliches Schweigen liegt über der weiß grün schillernden Fläche. Scharen von Möven steigen aus, hängen als leichte, silberdurchwirkte Schleier im Nichts, gleiten in fchimmernden Wolken dahin. Vor den F.scherdörferii am Ufer halten Segelschiffe mit hochgestreckte» Lanzen.stille Wacht. Die Männer haben jetzt Zeit. Sie stehen breitbeinig im blau ich Wollwams, die Tuchkappe auf dem Kopf, die Pfeife zwischen den ZUHtzen, am Strand, schlendern durch den Ort mit dem schleppenden, wicgendön Gang der Menschen, die mehr auf dem Wasser als auf dein Lande leben. Auch die Frauen bewegen sich langsam und bedächtig, wie die Königinnen auf dem Schachbrett. Der Fremde, der mitten in der „Saison" den lichtüberfiuieten Sälen, dem Faschingswirbel der Großstadt entronnen ist, betrachtet voller Staunen biefe Wesen, die Gott bet Herr aus demselben Ton geschaffen hat wie die Tillergirls und Revue« fterne. Zwölf bis fünfzehn Unterröcke, die Tag und Nacht getragen werden, umhüllen den Unterkörper. Auf diesem von zwei Beinen getragenen Rechteck ruht in einem eng anliegenden Mieder und einem schweren, am Hals sich bauschenden Schal der Oberkörper. Den Kops umrahmt eine weiße Haube, unter deren Spitzenwerk in manchen Gegenden ein Helm mit funkelnden, spiralförmigen Ornamenten leuchtet. Dies« Frauen sind kerngesund. Ihre Arme und Hände sind purpurrot, und diese Naturfarbe, zu der man weder Creme noch Puder braucht, gilt als Zeichen besonderer Kraft und Schönheit. In diesen winzigen Fischerhäusern herrscht Glück und Zufriedenheit, zumal jetzt, wo der Winter die stürmische See im gläsernen Sarg gefangen hält und niemand mehr in langen Rächten um das Schicksal der Männer zu dangen braucht. Eis und Schnee sind für die Bevölkerung die großen Freudefpender. Het ijs draagt! Das Eis trägt! Jubelnd hallt die Kunde durch das Land und verwandelt Überall den schwerblütigen, „heftigen" Holländer in ein lebensprühendes, elastisches, dem Glück der Stunde hingegebenes Wesen. „Holland auf den Schlittschuhen ist Holland im besten Licht", hat ein Ausländer und guter Kenner des Volkes gejagt, und Heine meint, die niederländischen Frauen seien gefrorene Vulkane, die auf dem Eis zu tauen begännen. Das Wasser, dieses erdfeindliche Element, das Zusammengehöriges scheidet, Deiche wie Spielkarten zerreißt und blühendes Land Überschwemmt, wird zum Vundesgenossen bcs Menschen, rückt bas Ferne in die Nähe und bringt die Stimmen des Lebens in die Kirchhofstille der toten Städte an der Zuidersee. In Holland wird das Schlittschuhlaufen nicht nur als Sport oder Vergnügen betrieben, es bedeutet das beste, angnehmste und schnellste Fortbewegungsmittel. Auf den spiegelblanken Kanälen taufen die Bauer» mit Lasten zur Stadt, der Kaufmann eilt ins Geschäft, die Jugend i» die Schule und die Universität. Das Volk fühlt sich auch des Nachts auf dem glatten Kis so sicher wie daheim in Hol.rschuben und Pantoffeln 3« dem Wettkampf zwischen der friesische» unb der holländischen Schule, von der die eine mehr aus Geschwindigkeit, die andere aus Schönheit und Anmut der Bewegungen sah, hat durchweg die SchneUigkeit gesiegt. Tie langen, durchlaufenden friesischen „Noren" haben die aus alten Stichen und Gemälden wohl bekannten, nach vorn gebogenen holländischen „Klompjes" verdrängt, und auch die kleidsamen, in allen Farben leuchtenden Schnürbänder mußten dem nüchternen Lederriemen als der zuverlässigeren Bindung weichen. Pfeilschnell, vornübergebeugt, manchmal fast bis auf die Eisfläche kauernd, schießen die Gestalten dahin. Gute Läufer legen die Strecke von Amsterdam bis Leiden in wenig mehr als einer Stunde zurück. Es ist ein besonders beliebter Spaß der jungen Leute, von Rotterdam nach Gouda zu lausen, sich dort eine jener äußerst zerbrechlichen, ein bis eineinviertel Meter langen Tonpfeifen zu kaufen und sie in der Dämmerstunde heil und ganz über das Cis nach Hause zu bringen. Man fährt einzeln oder mit verschlungenen Armen zu zweit oder an einem untex- gefaßten Stock in langen Reihen hintereinander. Das Springen auf dem Eis gehört zur guten sportlichen Leistung. Gute Läufer „nehmen" mühelos einen Mühlendeich und bringen es zu Sprüngen bis zwanzig Fuß. In vergilbten Chroncken liest man die Namen der großen Schlitt- ichuhläufer aus längst versunkenen Zeiten. Der eine konnte in weitem Bogen über die Lehnen von drei hintereinander gestellten Kücher.stühlen fliegen, ein anderer steuerte auf seinen stählernen Schuhen einen mit "Rennpferden bespannten Wagen, wobei er blitzschnell von einer Seite des Gefährts zur andern sprang. Ein „burgemeester" aus der Mitte des IS. Jahrhunderts, der mit einer wichtigen Meldung betraut worden war, legte den vierzigstündigen Weg von Haag nach Leuwarden in einem knappen Tag zurück und war „bei seiner Ankunft so frisch, daß er die Buchstaben seines Namens auf das Eis schrieb"! Diese Schönschreibkunst ist übrigens heute noch beliebt. Ganze Alphabete, verschlungene Arabesken, der Name der Geliebten, Liebesworte und heiße Herzen werden in die funkelnde Fläche eingeritzt. Allerorts werden Wettläufe, Preis- und Vergnügungsfahrten veranstaltet. Die altberühmte „Elsstedentocht" (Elfstädtetour) führt in einer Entfernung von 200 Kilometer von Leuwarden aus durch die schönsten und malerischsten Städte Frieslands. Ohne Beschwerden macht man auf den zugefrornen Wassergräben, die einen Kreis um die Polder ziehen, die „Rmgfahrten" von einer dieser Binneninjeln zur andern. Das „Waterland" mit seinen wasserdurchsurchten Gebieten, seinen lustig bemalten Liliputhäusern und blank gebohnerten (!) Ställen öffnet den Winterfreunden weit seine Pforten. Diese Touren werden an bestimmten „Anlegestellen" unterbrochen; man schnallt die Schlittschuhe ab und verzehrt mit großem Appetit die allbeliebte, herkömmliche Erbsensuppe mit Eisbein. Das große .strekpleister" (Senfpflaster- oder große Schla- 6er) bleibt aber immer noch die Zuiderfee mit ihren einzigartigen Fischerdörfern Volandam und Monnikendam und ihren weltverlorenen, durch uralte Sitten und Trachten berühmten Inseln Marken und Urk. Die Strecken sind genau mit Stangen und bunten Wimpeln bezeichnet; denn selbst jetzt, wo der Winter die Wellen in Banden hält, hat dieses Meer seine Tücken. Aus scstgesrorener Fläche lösen sich jäh Schollen los, und manch verwegener Schlittschuhläufer ist auf diesen schwimmenden Cis- särgen abgetrieben und von dem gurgelnden Wasser in die ewige Rächt gezogen worden. An manchen Stellen sieht man im Eis künstlich ausgehauene, mit mächtigen Strohbündeln ausgestopfte Löcher. Es sind die Fallen, in denen sich zu Taufenden die „Spierlinge", die kleinen Silberfijche verfangen. Das Bündel wird nachts mitsamt seinen Insassen von den Fischern ausgehoben, auf Schütten verladen und heimgebracht. Am andern Morgen werden die Spierlinge, die dutzendweise, wie Pfannkuchen im Fett gebacken werden, in der Stadt verkauft und straßauf, straßab tönt der Ruf: „Spiering, spiering, mou kan je batten! (jetzt tannft du backen!). Am Abend funkeln bunte Lichter über der spiegelnden Kristallfläche. Lampions glühen Rubinen gleich auf dem weiten, wallenden Mantel der Schneekönigin. Menschen wogen, wirbeln auf unhörbaren Sohlen, weichen einander aus, suchen und finden sich. Leises Lachen erklingt. Paare tauchen auf, gleiten dahin, verschwinden. Männer mit langen Besen fegen das Eis immer wieder blank. „Denk om den baanfcger!" tönt es in singendem Tonfall, und jeder spendet seinen Obolus. In den Duden und Zelten knistern die Oesen, schaukeln die Lampen. „Seg ereis an!" „Legt einmal an!" Hier gibt es Anismilch, Erbsensuppe, „koek-en zoopies" (Kuchen und Schnaps) und vor allem den köstlichen Magen erwärmenden „Boere jongens". (Männerbranntwein). Man sitzt ein Weilchen, trinkt und scherzt und fliegt bann zu zweit im weiten Bogen davon. Die Kapelle spielt, Sterne blinken, sllberne Schellen läuten, die Musik dieser wunderlichen Winternacht. Wunder der Fernüberiragung. Von Dr.-Jng. Heinz Krüger. Dor kurzem fand zwischen Berlin und Breslau ein ungewöhnlich interessanter Versuch statt, der immer eine Merkwürdigkeit in der Ge° schichte der elektrischen Nachrichtentechnik bleiben wird. Es fand nämlich eine gemeinsame Sitzung der elektrotechnischen Vereine beider Städte statt, obwohl die Versammlungslokale 325 Kilometer voneinander entfernt waren, und nur ein ebenso langes Fernsprechkabel als Verbindung diente. Der Versuch ist, das soll hier gleich vorausgeschickt werden, in vollem Umfange gelungen. .In der Entwicklung der Fernkabeltechnik haben ja die letzten Jahre außerordentliche Fortschritte gebracht, die nicht zum kleinsten Teil durch den Rundfunk veranlaßt waren. Die Uebertragung aus einen entfernten bender ist nur möglich, wenn das Kabel selbst der Musik oder Sprache keine Verzerrungen hinzufügt, also vollkommen rein überträgt. D.e Post W für solche Zwecke in ihrem sehr stark im Ausbau befindlichen Fern- kabeinetz die sog. Kernvierer zur Verfügung gestellt. Das sind zwei Ader- Mare, die in der Achse des Kabels liegen und von der Malle der übrigen Drähte durch einen Metmantel abgesondert sind. Allerdings bedürfen solche Drähte noch einer besonderen Herrichtung, um Sprache oder Musik verzerrungsfrei zu übertragen. Denn Kabel haben an sich eine große Neigung, hohe Töne zu verschlucken, so daß schließlich eine Sprache herauskommt, die klingt, als wenn man in ein leeres Faß spräche In der Fernsprechkade! selbst mit ihren dünnen Drähten von 0,9 Millimeter ein unüberwindliches Hindernis des Fernsprechverkehrs. Erst allmählich lernte man, damit fertig zu werden. Zunächst war es notwendig, um überhaupt auf große Entfernungen Sprache übertragen zu können, in bestimmten Abständen sog. Belastungskabel in das Kabel einzuschalten. Außerdem finden die aus dem Rundfunk sattsam bekannten Röhren« Verstärker in der Fernsprechtechnik ausgedehnteste Anwendung, und die Fernsprechkabel selbst mit ihren dünnen Drähten von 0,9 Millimeted Durchmesser wären gar nicht denkbar ohne diese Hilssgeräte. Man kann rechnen, daß alle 75 Kilometer ein Kabel in ein Velstärkeramt eingeführt werden muß, soll eine Fernübertragung möglich fein. Für die Zwecke des gewöhnlichen Fernsprechens richtete man natürlich sowohl die Spulen wie die Verstärker so ein, daß eine möglichst große Entfernung überbrückt wird, womit nicht einmal die größte Reinheit der Uebertragung verbunden ist. Aber beim Telephonieren merken wir meist gar nicht, wie verzerrt die Sprache ankommt, und wir würden uns sehr wundern, wenn wir statt unseres gewohnten Telephonhörers einmal die Unterhaltung unserer Freunde durch einen Lautsprecher genießen könnten. Dann würde man erst gewahr werden, wie verzerrt die Sprache ist. Schadet das für das Fernsprechen nichts, so ist es doch für den Rundfunk und ähnliche Uebertragungen ganz unm glich. Hier muh die größte Reinheit gewahrt werden. Das kann man erreichen, indem man die Spule kleiner macht als gewöhnlich, damit die für die Sprache und Musik sehr wichtigen und charakteristischen hohen Töne besser durchkommen und indem man notfalls noch den Verstärker so einrichtet, daß die hohen Töne bevorzugt werden, denn gerade die Zischlaute geben einer Sprache erst richtig das Gepräge und ihr Wegfall hat zur Folge, daß man die Stimme des Sprechenden gar nicht mehr erkennt. Wie außerordentlich entwickelt die Technik dieser Kabelübertragungen ist, konnte man an dcMkMortrags- abend merken. Der Vorsitzende des Berliner Vereins, ProfeKr K. W. Wagner, konnte an feiner Stimme in Breslau einwanÄMf erkannt werden. Das besonders Interessante an diesem gemeinsamen VeMnsabend war ober, daß er doppelseitig war, d. h. es wurde sowohl in Berlin wie in Breslau gesprochen und in beiden Städten auch gehört. Der Vortrag wurde zwar in Berlin gehalten, aber die Diskussion fand sowohl in Berlin wie in Breslau statt, und es gelang, eine vollkommen einwandfreie Verständigung zwischen den Diskussionsrednern zu erzielen. Dazu war es natürlich notwendig, daß in beiden Städten Mikrophone aufgestellt wurden. Aus diesen gelangte die Energie nach einer kleinen Vorverstärkung in das Kabel, das sie nach Breslau ober Berlin weiter« beförderte. Am Ende des Kabels war ein Verstärker größten Ausmaßes angebracht, der soviel Energie lieferte, daß zwei Riesenlautsprecher damit betrieben werden konnten. Infolgedessen waren sowohl Vortrag wie Diskussion in beiden Städten tadellos zu hören. Bei solchen Uebertragungen in zwei Richtungen tritt eine Schwierigkeit auf, die auch im Rundfunk nicht unbekannt ist, die sog. akustische Rückkoppelung. Die von dem Lautsprecher in Breslau z. B. ausgeftrahllen Schallwellen treffen auf das dort stehende Mikrophon, werden durch dasselbe nach Berlin übertragen, dort strahlt sie der Lautsprecher aus, sie treffen auf das Berliner Mikrophon, werden verstärkt nach Breslau zurückübertragen, kommen dort abermals verstärkt in den Lautsprecher, treffen von neuem - das Mikrophon usw. Es kann auf diese Weise vorkommen, daß sich ein geringfügiger Laut zu einem fürchterlichen Geheul steigert, wie mM es auch erlebt, wenn der Lautsprecher zu nahe am Empfänger stehWvo dann die Audionröhre die Rolle des Mikrophons spielt. Zum Schätz, vor solchen gegenseitigen Beeinflussungen waren zwischen Lautsprechern und Mikrophonen große Schallschirme aufgestellt, und außerdem wurde von der Post die Verstärkung in der gerade nicht benutzten Richtung soweit herabgesetzt, daß die Verständigung zwar nicht aufgehoben, aber die Selbsterregung sicher vermieden wurde. Infolge dieser sorgfältigen Vorbereitung verlief der Vortragsabend nebst der Diskussion vollkommen störungsfrei, und es war tatsächlich fein Unterschied gegenüber einer gemeinsamen Versammlung beider Vereine an derselben Stelle. Das Gelingen dieses interessanten Versuches eröffnet sehr weite Perspektiven. Konnte man schon dem Rundfunk nachrühmen, daß er das geistige Leben in den kleinen Städten und auf dem Lande gewaltig steigere, indem er dem Landbewohner dasselbe biete, was der Großstadtbewohner hat, so gilt das in gleichem Maße nunmehr auch für das Vereinsleben abseits der Großstadt. Gerade für die dort bestehenden Vereine mit wissenschaftlichen ober ähnlichen Zwecken ist es ja außerordentlich schwer, sich interessante Vortragsstosfe oder Redner zu beschaffen, und die in den Kleinstädten oder aus dem Lande tätigen Aerzte, Juristen, Theologen ufto. werden dadurch nur allzu leicht von der lebendigen Fortentwicklung in ihrem Berufe abgeschnitten. Das kann In Zukunft anders werden; denn es wird immer möglich {ein, daß solche Vereine sich an einen wertvollen Vortrag, der in einer Großstadt stattfindet, anschlietzen. Aber noch ganz andere Dinge sind möglich. Die Kabelübertragung ist ja nicht das Wesentliche dabei. Sie könnte ebensogut durch eine drahtlose Uebertragung ersetzt werden. Nun besteht ja seit einiger Zeit ein transatlantischer Telephonieverkehr auf langen Wellen. Es ist kein Grund einzusehen, warum eine solche Uebertragung nicht ebensogut auf den Telephoniesender übernommen werden könnte, wie wir es fo oft !M Rundfunk erleben. Es wäre dann z. B. möglich, daß deutsche Vereine oder deutsche Wissenschaftler an Kongressen und Verein-sitzungen, die in Amerika stattfinden, teilnehmen, nicht nur durch Zuhören, sondern auch durch Eingreifen in die Diskussion. Die Bereicherung, die unser ganzes wissenschaftliches Leben dadurch erfahren würde, kann gar nicht überschätzt werden, und auch zur gegenseitigen Verständigung der Völker werden solche technischen Möglichkeiten nicht wenig beitragen. ■ Gustav Adolfs Page. Novelle von Conrad Ferdinand Meyer- (Sortksung.) „Ich werde dich deinem Vater zurücksenden", sagte er. „Nein," antwortete sie, „er würbe mich erstechen." Eine mitieidige Regung milderte die Strenge des Königs. Er suchte St das Mädchen einen geringen Strassall. „Du hast dich im Lager in ännerkleiüern umgetrieben, dieses ist verboten", beschuldigte er sie. „Niemals," widersprach die Korinna aufrichtig entrüstet, „nie beging ich diese Zuchtlosigkeit." „Aber," fuhr der König fort, „du brichst die Che und machst eine edle junge Fürstin unglücklich." Eine rasende Eifersucht loderte in den Augen der Slawonierin. „Wenn er nun mich mehr, mich allein liebt, was kann ich dafür? was kümmert mich die andere?" trotzte sie wegwerfend. Der König betrachtete sie mit einem erstaunten Blicke, als frage er sich, ob sie je in eine christliche Kirderlehre gegangen sei. „Ich werde für dich sorgen", sagte er dann. „Jetzt befehle ich dir: Du lass.st von dem Lauenburger aus immer und ewig. Deine Liebe ist eine Todsünde. Wirst du gehorchen?" Sie hielt erst mit zwei lodernden Fackeln, bann mit einem festen starren Blick den des Königs aus und Shüttells das Haupt. Dieser wendete sich gegen den Generalgewaltigen, er unter der Türe stand. „Was soll der mit mir?" frug das Mädchen schaudernd. „Jst's der Henker? Wird er mich r.chten?^ „Er wird dir die Haare scheren, dann bringt dich der nächste Transport nach Schweden, wo du in einem Besserungshause bleibst, bist du ein evangelisches Weib geworden bist." Ein heftiger Stoß von wunderlichen Befürchtungen und unbekannten Schrecken warf das kleine Gehirn über den Haufen. Ein geschorenes Schädelch^n, welche entehrendere, beschämendere Entblößung konnte es geben! Schweden, das eisige Land mit seiner Winternacht, von welchem sie hatte fabeln hören, dort sei der Eingang zum Reiche der Larven und Gespenster!. Besserung? Welche ausgesuchte, grausame Folter bedeutete dieses ihr unbekannte Wort? Ein evangelisches Weib? Was war das, wenn nicht eine Ketzerin? Und ’fo sollte sie zu alledem noch ihres bescheidenen himmlischen Teiles verlustig gehen? Sie. die keine Fasten brach und keine fromme Hebung versäumte! Sie ergriff das Kreuz, das an dem zerrissenen Kettchen niederhing, und küßte es inbrünstig. .. Dann ließ sie die irren Augen im Kreise lausen. Diese blieben aus dem Häg.m haften und Rachelust flammte darin auf. Sie öffnete den Mund, um den König, welcher sie des Ehebruchs geziehen, gleicherweise einen Ehebrecher zu schelten. Dieser stand ruhig beiseite. Er hatte den Vries des Pagen in die Hand genommen und durchflog denselben mit nahen Plicken. Seine aufmerksamen Züge, deren aus Gerechtigkeit und Milde gemischter Ausdruck etwas Majestätisches und Göttliches hatte, erschreckten die Korinna; sie fürchtete sich davor als vor etwas Fremden und Unheimlichem. Das wildwüchsige Mädchen, welches jedes von einer faßlichen Leidenschaft verzogene Männerantlitz richtig beurteilte, ohne davor zu erschrecken, wurde aus dieser veredelten menschlichen Miene nicht klug. Sie mochte den König nicht länger ansehen. „Am Ende," dachte sie, „ist der Schneekönig ein gefrorener Mensch, der die Nähe des Weibes und die ihn heimlich umschleichende Liebe n cht spürt. Ich könnte das junge Blut verderben! Wozu aber auch? Und dann — sie liebt ihn." Jetzt trat der Profoß einen Schritt vorwärts und streckte die Hand nach der Mawonierin aus. Diese gab sich verloren. Blitzschnell richtete sie sich an dem Pagen auf und wisperte ihm ins Ohr: „Laß mir zehn Messen lesen, Schwesterchen! von den teuren! Du bist mir eine dicke Kerze schuldig! Nun, eine hat dos Glück, die andere" — sie fuhr in die Tasche, zag einen Dolch heraus, schleuderte die Scheide ab und zerschnitt sich in einem kunstfertigen Zug die Halsader wie einem Täubchen. So mochte sie es in einer Feldküche gelernt und geübt haben. Der Generalgswaltige spreitete seinen roten Mantel, legte sie der Länge nach darauf, hüllte sie ein und trug sie wie ein schlafendes Kind auf beiden Armen durch eine Seitentüre hinweg. Jetzt wurde es im Nebenzimmer lebendig von allerhand ungebührlich laut geführten Unterhaltungen und mit dem Schlage Neun trat der König, welchem ßeubeifing die Flügeltüre öffnete, unter die versammelten deutschen Fürsten und Herren. Sie bildeten in dem engen Raume einen dichtgedrängten Kreis und mochten ihrer fünfzig oder sechzig sein. Die Herrschaften hielten sich nicht allzu ehrerbietig, manche sogar nachlässig, als ob sie ebensowenig die f|arbe der Scham als die Farbe der Furcht tonnten: schlaue neben verwegenen, ehrgeizige neben beschränkten, fromme neben frechen Köpfen; die Mehrzahl Leute, die ihren Mann stellten und mit denen gerechnet werden mußte. Links vom Könige hielt sich in bescheidener Haltung der Hauptmann Erlach, der eigentlich hier nichts zu suchen hatte. Dieser Kriegsmann war unter die Fahnen Gustav Adolfs getreten, als des gottesfürchtigsten Helden feiner Zeit, und hatte dem Könige oft bekannt, ihn jammere der Sünden, die er hier außen im Reiche sehen müsse: Undank, Maske, Fallstrick, Intrige, Kabale, verdecktes Spiel, verteilte Rollen, verwischte Spuren, Bestechung, Länderverkaus, Verrat, lauter in seinen helvetischen Bergen vollständig unbekannte und unmögliche Dinge. Er hatte sich hier eingefunden, vielleicht um seinem intimen Freunde, dem französischen Gesandten, welcher sich von feiner Sitteneinfalt an gezogen fühlte, etwas Neues erzählen zu können, worauf die Franzosen brennen, wie sie einmal sind; vielleicht auch nur, um zur Erbauung seiner Seele einem Sieg der Tugend über das Laster beizuwohnen. Er kniff seelenruhig die Augen und wirbelte die Daumen der gefalteten Hände. Diesem Tugendbilde gegenüber, rechts vom Könige, stand die freche Sünde: der Lauenburger, mit unruhigen Füßen in seiner reichsten Tracht und seinem kostbarsten Spitzenkragen, dämonisch lächelnd und die Augen rollend. Er war einem Knecht des Gewaltigen begegnet, welchem dieser seine« Mantel übergeben. Unter dessen Falten hakte er eine Menschengestalt erkannt, war hinzugetreten und hatte das Tuch ausgeschlagen. Gustav maß die Versammlung mit einem verdammenden Blick. Dann brauste der Sturm. Seltsam — der König, gereizt durch den Widerspruch dieser stolzen Gesichter, dieser übermütigen Haltungen, dieser prunkenden Rüstungen mit dem Unadel der darunter schlagenden Herzen, bedient« sich, um den Hochmut zu erniedrigen und das Verbrechen zu brandmarken, absichtlich einer groben, ja bäurischen Rede, wie sie ihm sonst nicht eigen war. „Räuber und Diebe seid ihr vom ersten zum letzten! Schande über euch! Ihr bestehlet eure Landsleute und Glaubensgenossen! Pfui! Mir ekelt vor euch! Das Herz göllt mir im Leibe! Für eure Freiheit hab« ich meinen Schatz erschöpft — vierzig Tonnen Goldes — und nicht soviel von euch genommen, um mir eine Reithose machen zu lassen! Ja, eher dar wär' ich geritten, als mich aus deutschem Gute zu bekleiden! Euch Senkte ich, was mir in die Hände fiel, nicht einen Schweinestall hab« für mich behalten!" Mit so derben und harten Worten beschimpfte der König diesen Adel. Dann einlenkend, lobte er die Bravour der Herren, ihre untadelig« Haltung aus dem Sch'.achtfelde und wiederholte mehrmals: „Tapfer seid ihr, ja, das seid ihr! Heber euer Reiten und Fechten ist nicht zu klagen!" ließ dann aber einen zweiten noch heftigeren Zorn aufflammen: „Rebelliert ihr gegen mich," forderte er sie heraus, „so will ich mich an der Spitze meiner Finnen und Schweden mit euch herumhauen, daß di« Fetzen fliegen!" Er schloß dann mit einer christlichen Vermahnung und der Bitte, die empfangene Lehre zu beherzigen. Herr Erlach trocknete sich mit der Hand eine Träne. Die Herren gaben sich die M ene, es fechte sie nicht sonderlich an, aber ihre Haltung war sichtlich eine bescheidenere geworden. Einige schienen ergriffen, ja gerührt. Das deutsche Gemüt erträgt eine grobe, redliche Schelte besser, als eine lahme Predigt oder einen seinen schneidenden Hohn. Insoweit wäre es nun gut und in der Ordnung gewesen. Da ließ der Lauenburger, halb gegen den König, halb gegen seine Standeegenossen gewendet, in nackter Frechheit ein luchoses Wort fallen: „Wie mag Majestät über einen Dreck zürnen? Was haben wir Herren verbrochen? Unsere Untertanen erleichtert!" Gustav erbleichte. Er winkte dem Generalgewaltigen, der hinter der Türe lehnte. „Lege diesen, Herrn deine Hand auf die Schulter!" besohl er ihm. Der Prosoß trat heran, wagte aber nicht zu gehorchen; denn der Fürst hatte den Degen aus der Scheide gerissen und ein gefährliches Gemurmel lief durch den Kreis. Gustav entwaffnete den Sauenburger, stemmte die Klinge gegen den Fuß und ließ sie in Stücke fprngen. Dann ergriff er die breite behaart« Hand des Gewaltigen, legte und drückte selbst sie auf die Schulter de» Sauenburgers, der wie gelähmt war, und hielt sie dort eine gute Weil« fest, sprechend: „Du bist ein Reichsfürst, Bube, dir darf ich nicht an den Kragen, aber die Hand des Henkers bleibe über dir!" Dann wandte er sich und ging. Der Profoß folgte ihm mit gemessen«« Schritten. Den Pagen ßeubeifing, welchen die enge stehenden Herrschaften in eine Fensternische gedrängt hatten, vor der eine schwere Damastdeck« mit riesigen Quasten niederhing, hatte der Vorgang bis zu einem krampfhaften Lachen ergötzt. Nach dem blutigen Untergange der Korinna, der ihn zugleich erfchüttert und erleichtert hatte, waren ihm die von seinem Helden heruntergemachten Fürsten wie die Personen einer Komödie erschienen, ungefähr wie ein Knabe mit Vergnügen und unterdrücktem Gelächter seinen Vater, In dessen Hut er sich weiß und dessen Ansehen und Macht er bewundert, einen pflichtvergessenen Knecht schelten hört. Bei der ersten Silbe aber, welche der Sauenburger aussprach, war er zusammengeschrocken über die unheimliche Aehnlichkeik, welch« die Stimme dieses Menschen mit der {einigen hatte. Derselbe Klang, dasselbe Mark und Metall. Und dieser Schreck wurde zum Grauen, als jetzt, nachdem König Gustav sich entfernt hatte, der Sauenburger eine erkünstelte Loche aufschlug und in die gellenden Worte ausbrach: „Er hat wie ein Stallknecht geschimpft, der schwedische Bauer! Donnerwetter, haben wir den heute geärgert! Pereat Gustavus! Es lebe die deutsche Libertäl! Machen wir ein Spielchen, Herr Bruder, in meinem Zelt? Ich lasse ein Fäßchen Würzburger anzapfen!" und er legte seinen rechten Arm in den linken der Fürstlichkeit, die ihm zunächst stand. Dieser Herr aber zog seinen linken Arm höflich zurück und anroortete mit einer gemessenen Verbeugung: „Bedcmre, Euer Lieb den. Bin schon versagt". Sich an einen andern wendend, den Raugrafen, lud der ßauenbu'ger ihn mit noch luftigeren und dringlicheren Worten: „Du darfst es mir nicht abschlagen, Kamerad! Du bist mir noch Revanche schuldig!" Der Raugras aber, ein kurz angebundener Herr, wandte ihm ohne weiteres den Rücken. So oft er feine Versuche wiederholte, so oft wurde er, und immer kürzer und derber abgewiesen. Bor seinen Schritten und ®e- bärben bildete sich eine Leere und entfüöte sich der Raum. Jetzt stand er allein in der Mitte des von allen verlassenen Gemaches. Ihm wurde deutlich, daß er fortan von seinesgleichen strenß werde gemieden werden. Sein Gesicht verzerrte sich. Wütend ballt« der Gebrandmarkte die Faust und drohte, sie erhebend, dem Schicksale oder dem Könige. Was er murmelte, verstand der Page nicht, aber der Ausdruck des vornehmen Kopfes war ein so teuflischer, daß der Lausche« einer Ohnmacht nahe war. (Fortsetzung folgt) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Ltniversitäts Dnch- und SteindruÄerei, 2L Lauge, Gieße«.