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Woran die Studenten natürlich ihren Spatz hatten, und Ädrmn Krafft bei ihnen bald nur mehr der Wirt oern^g/fallen ließ^"^^' ®as er sich trotz seiner Grobheit auch So vertrugen sich die Studiosi mit ihm eine Weile recht gut. Als aber durch die zu keinem Ende kommenden napoleonischen Kriege der m»«» . Itockte, die Straßen verwaisten, immer weniger Gäste aus den Postkutschen kletterten, und gar mit einem regierenden Herrn einstweilen nicht Zu rechnen war, kehrte er auch gegen seine Studenten plötzlich h°rvor. Dach er er nicht die halbe Universität in den Schuldturm sperren konnte, so ertrugen die Studenten seine Knauserich- gutem Humor, bis Adrian Krafft mit seiner Habsicht und Bos- heck schließlich selbst dem Faß den Boden ausstieß. * Die kleine Universitätsstadt wurde plötzlich durch zwei Ereignisse in Aufruhr versetzt. In den ersten Tagen des April erzählten ankommende Reifende, daß Napoleon mit seinen Heeren durch die Gegend ziehen werde. Auch horte man, es wollten die Verbündeten, also die Preußen Lwesterreicher und Russen ihm hier entgegentreten. Woraus die Spießbürger, die akademischen und die andern, schlossen, daß in der Umgebung eine Hauptschlacht drohe und die Stadt am Ende bombardiert, gestürmt und gebrandschatzt werden könnte. . Das zweite Ereignis war freundlicherer Natur. Cs kam auch nicht erst in Gestalt eines Gerüchts, sondern als eine wohlausgerüstete Schau- pielertruppe, die sich für etliche Wochen in der Universitätsstadt nieder- ließ, nachdem sie sich schon mehrere Jahre in Wien, Berlin und Prag rühmlich hervorgetan. * 9 Eine wirkliche Theatertruppe war für das Städtchen, das höchstens alle Jahre einmal einige Vorstellungen kläglicher Schmieren sah, ein sa alles verdrängendes Ereignis, daß man darüber die Möglichkeit es konnte die Kriegshandlung sich in die Gegend ziehen, gänzlich vergaß. Um so rascher, als von den großen Heeren nichts zu sehen war. Worüber sich auch niemand grämte. Nur der Wirt „Zum goldenen Ochsen" im benachbarten Marktflecken sah bekümmert auf dieses ersichtlich an der Gegend vorüberziehende Kriegsgewitter. Denn er hatte sich davon erhofft, daß irgendein Regierender oder doch wenigstens ein Feldherr seinen Gasthof zum Hauptquartier ausersehen werde. Auch die Theatergruppe war dem Adrian Krafft nicht recht. Denn es liefen natürlich die Bürger statt zum Ochsen hinüber zur Stadt, und auch von den Studenten ließ sich keiner mehr blicken. Wiewohl die schwarze Tafel in der Gaststube noch von Kreidestrichen strotzte. Die Studenten saßen allabendlich im Stadtsaal, wo die Truppe alle neuesten Stücke aufführte, die sonst nur die großen Residenzen zu sehen bekamen. Abend für Abend rollte, stampfte und klatschte der Applaus von den Bänken der Studierenden. Nicht nur aus schwärmerischer Kunstverehrung, sondern auch aus dem Grunde, weil die Heroinen, Soubretten und Naiven, auch manche Mädchen vom Chore bildhübsche Frauenzimmer waren. Bald hatten die Aktricen einen kleinen Hofstaat von Studenten um sich. Selbst der komischen Alten, die so alt gar nicht war, wenn sie auch gerade die Schönheit nicht plagte, folgten als getreue Ritter zwei bemooste Häupter, die in der Stadt schon seit manchem Jahr allen Un- st'g ausheckten, mit dem die Herren Studierenden die Philister zu ärgern Weil die Bürger, von ihren Ehehälften in diesen Wochen besonder» behütet, sich um die Damen des Theaters sich nicht bekümmern konnten, so war es an den Studenten, die Honneurs zu machen. So blieben die Lehrsäle leer und die Professoren lasen Kolleg nur von etlichen Schmeichlern und Strebern. Das Studentenvolk aber schwärmte alle Tage mit den Soubretten, Heroinen und Naiven in den umliegenden Wäldern oder fiel in die Luftörter ein, die sonst die Bürger an den Sonntagen aufsuchten. Nur beim groben Wirt waren die Studenten und Schauspieler noch nicht eingekehrt. Denn da die jungen Leute sich nicht lumpen lassen wollten, auch bis über die Aktricen verliebt waren, so sollte der Abschied von der Truppe festlich gefeiert werden. Bei einem lukullischen Mahle und einem Weine, der in jenem Jahre besonders trefflich geraten. An ein solches Schlemmen war aber nur beim „Goldenen Ochsen" zu denken, weil der grobe Wirt ja doch der einzige war, der den Studenten hin und wieder noch borgte. * An einem heißen Maitag, an dessen Vorabend die Truppe nach vier Wochen die letzte Vorstellung gegeben, zogen am Nachmittage die Studenten und die Schauspieler auf Leiterwagen und ächzenden Chaisen, auch zu Fuß und zu Pferde durch den südlichen Torturm des Marktes „Zum goldenen Ochsen". Da die halbe Universität auf den Beinen war, von den Schauspielern nicht nur die Prominenten, sondern auch die Abendffimmung. Von Conrad Ferdinand Meyer. Des Morgens lacht wie eine junge Frau, streng blickt am Abend meine Ufenau, durch Flutendunkel geisterhaft gestreckt, vom nahen Bergesschatten zugedeckt. Lang hat sich das Soldatenschiff ergetzt an einem Echo. Beide schweigen jetzt. Verklungen ist der Vesperglocke Schall, ein dunkler Friede waltet überall. Wär' ich ein Jüngling voller Leidenschaft, beängstigt von der eignen Lebenskraft, in Tränen löste sich, was bang und wild ein junges Herz bestürmt, vor diesem Bild. Nun hab ich handelnd meine Glut gedämpft, den Vesperfrieden hab ich mir erkämpft, und schreite, wann du, Sonne, dich entfernt, getrost durch diesen tiefen Abendernst. In den gestrengen Zügen der Natur empftnd' ich die verwandte Seele nur. Der Gasthof zu den drei Monarchen. Novelle von Alfons von C z i b u l k a. Dieses ein wenig ins breite geratene Haus, dessen Wände mit der Dicke einer Festungsmauer wetteifern, steht heute noch zur Freude aller Weinlustigen in einem Flecken Mitteldeutschlands. Auf einem langgestreckten Hauptplatze, der mit einer Reihe spitzgiebeliger Häuser, der grünen Baumzeile und den beiden ihn abschließenden Tortürmen einen Sjönen und bedeutenden Anblick gewährt. Den Namen „Zu den drei lonardjen" hat der Gasthof nicht immer geführt. In seiner eigentlichen großen Zeit, da die Reisenden zu Wagen, zu Fuß und zu Pferde, die Fuhrleute dort noch unweigerlich einkehrten, und überhaupt ein Wirtshaus an einer Straße noch eine Goldgrube war, hieß er „Zum goldenen Ochsen". Wie ein über seinem Tore hängendes, wohlgenährtes Rindvieh aus vergoldetem Schmiedeeisen schon von weitem verriet. Doch war auch dies gleichsam nur fein amtlicher, von der Obrigkeit registrierter und behüteter Name. Der Volksmund nannte den Gasthof nicht anders als den groben Büffel. Woraus hervorgeht, daß der Wirt ein ungeschliffenes Mannsbild gewesen ist. Er hieß Adrian Krafft, war feist wie der Ochse, der über seinem Dore hing, und als Flegel fast reichsberühmt. Von welcher Tatsache die übrigen Wirtshäuser des Marktes überhaupt noch ihr Dasein fristeten. Denn da es in der Welt ungerecht zugeht, so besaß der grobe Wirt nicht nur den schönsten Gasthof im Orte, sondern auch die Posthalterei und die dazu nötigen Ställe und Räume. Und es wären die „Fette Ente", der „Braune Bär" und der „Schimmel" längst Hungers gestorben, wenn nicht empfindsame Seelen den Goldenen Ochsen gemieden hätten, weil seine rauhe Art ihnen das Essen versalzte. Zu diesen empfindlichen Leuten gehörten nun freilich nicht die Studenten des nahen Universitätsstädtchens, die hier an Sommerabenden oder im Winter an Sonntagen einzukehren pflegten. Die vergalten Grobheit mit Spaß und scherzten sich im übrigen nicht um den fluchenden Wirt, solange er es mit der Bezahlung nicht genau nahm und kein Aufhebens davon machte, wenn die schwarze Tafel in der Wirtsstube weiß von Kreidestvichen war. Adrian Krafft wäre kein Wirt gewesen, hätte er es aus lauter Gutmütigkeit geduldet, daß die Studenten bei ihm so tief in der Kreide stockten. Aber er verstand sein Geschäft, wiewohl er sonst kein Geistes- nnd war. Darum hatte er bald begriffen, daß die Studenten mit ihrem wefang und Musizieren, mit Tanz 'unb Späßen die Reisenden anlockten, «o daß bald nicht nur die Postkutschen, die hier ohnehin Station machten, im .Goldenen Ochsen" umspannten, sondern auch so feine Herrschaften, die in eigenen Reisewagen fuhren, eine Stunde ober zwei ober gar bis in bie Nacht hinein verweilten. Unb auch die.Bürger des Ortes kehrten immer zahlreicher beim Ochsen ober Büffel ein. Noch aus einem anberen Srunbe waren dem groben Wirt die Studenten recht. Er hatte nämlich neben seiner Lust am Fluchen noch eine 3Weite menschliche Schwäche, die beide zusammen einigermaßen seine mutte, die Habsucht, im Zaume hielten. Mag auch sein, daß ihn der -'tarne feines Gasthofs, feit dieser sich in einen Büffel verwandelt, nicht mehr recht freute. Kurz er hoffte, daß, angelockt durch den fröhlichen Nus der Studenten, auch einmal ein regierender Herr, von denen es oamals noch alle Meilen weit einen gab, bei ihm einkehren werde. Für Choristinnen mitzogen, fo war der große Wirtsgarten bald bis aufs letzte Plätzchen gefüllt. Ja, es mußte der grobe Wirt sich noch von der „Fetten Ente" und dem „Schimmel" Tische und Stühle entleihen. Während noch im Garten unter den dickstämmigen, zartgrün schimmernden Linden ein fröhliches Gedränge herrschte, bis jeder den Platz gesunden, auf den es ihn zog, entwarfen die beiden bemoosten Häupter, die mit dem Heldenvater und Direktor, dem Komiker und der komischen Alten das improvisierte Festpräsidium vorstellten, den Schlachtplan dieses festlichen Schlemmens. Es dauerte eine Weile, bis die bedienenden Mägde alles begriffen. Denn was man an diesem Abend zu verzehren gedachte, hätte einer Bischofstafel Ehre gemacht. In der Fröhlichkeit, die in diesem ländlichen Garten herrschte, von Tisch zu Tisch sprang wie ein zündender Funke und bald alle zu einer heiteren Gemeinschaft vereinte, merkte man erst nach etlicher Zeit, daß weder Getränke noch Speisen kamen. Da erst erscholl, zuerst vereinzelt von Ungeduldigen ausgestoßen, dann im Chore scherzend, dringender und schließlich empört, der Ruf „Wirtshaus!" Doch erst als einige Studenten mit dem Hieber klirrend auf die Tische schlugen, der Komiker, den dürstenden Falstaff agierend, furchtbare Flüche ausstieß, erschien der Wirt. Aber er trug nicht, wie man nun wohl hätte erwarten dürfen, Schüsseln »der Flaschen, sondern nur die schwarze Tafel aus der Gaststube. Ohne auch nur die Hand an sein Käppchen zu legen oder für die Grüße zu danken, die ihm von allen Seiten entgegenschollen, stellte er sich ungeschlacht wie er war, vor den Tisch des Präsidiums. Dann klopfte er an sie Schiefertafel, die er mit der Linken hochhielt und sagte mit lauter, nur vom vielen Trinken ein roenig heiserer Stimme, daß Speisen und Getränke bereitstünden. Doch müßten die Herren erst diese seit Monaten ausgelaufene Schuld bezahlen und auch im voraus die bestellte Zeche begleichen. Dann wolle er, so schloß er seine Rede, bei der die einen vor Wut rote Köpfe bekamen, die andern verlegen zü Boden blickten, ein Mahl auftragen lassen, bei dem einem Kaiser oder König wohl das Maul wässern könnte. Nun ist nichts so peinlich, wie wenn einer in Gegenwart seiner Dame en seine Schulden gemahnt wird. Besonders dann, wenn er diese Dame eben bewirten will. Da nun die Aktricen hinter ihren Spitzentüchlein kicherten, ja die Heroine sogar indigniert die Nase verzog, und die komische Alte fröhlich herausplatzte, so drängten die beiden bemoosten Häupter und etliche Studenten den Wirt zum Garten hinaus. In die Wirtsstube, wo sie ihm zuerst sämtliche Teufel an den feisten Hals wünschten und dann mit ihm zu verhandeln begannen. Doch dauerte es eine Weile, bis der Wirt sich damit zufrieden gab, daß einer der Studenten, der zu Pferde gekommen, ihm seinen Gaul für die noch zu verzehrende Zeche überließ. Die angekreidete Schuld auf der Tafel aber sollte in Gottesnamen einstweilen noch unbezahlt bleiben. Denn schließlich war der Wirt ein Wirt und brachte es deshalb nicht zuwege, sich diese Zeche entgehen zu lassen. Auch wußte Adrian Krafft, daß der zum Pfände gebotene Rappe mehr wert wäre als was die Studenten samt ihren Schauspielerinnen in einer Woche verzehren könnten. Darum ließ er sich auch herbei, als er nun an der Spitze der Mägde, die die Schüsseln trugen, im Entenschritt angewackelt kam, sauer lächelnd zu erklären, daß das mit der Tafel nur ein Spaß gewesen. Doch weil er einmal der grobe Wirt genannt werde, habe er seinem Namen Ehre machen wollen. Freilich glaubte das niemand. Doch war die Stimmung, die unter der Aussicht, mit hungrigen Mägen wieder abziehen zu müssen, beträchtlich gelitten, einigermaßen wieder hergestellt. Der gute Wein tat ein übriges, und bald lärmte es im Wirtsgarten, in dem auch vereinzelte Bürger noch ein Plätzchen gefunden, von Gesang und Tanzmusik. Der Tanz freilich war bald zu Ende. Weil in der milden Nacht ein Pärchen nach dem andern durch die Gartentüre entschwand, und bald nur mehr die Studenten zurückblieben, denen das Glück an diesem Abend nicht lächelte. Doch da das weibliche Personal der Truppe nicht mehr als zwanzig Frauenzimmer zählte, so waren es immer noch an siebzig Studenten, die zechend, rauchend und schwatzend mit den Schauspielern zusammenblieben. Und weil diesen unbeweibten Teilnehmern des Festes nichts daran gelegen war, in der Nacht über die Wiesen zu schwärmen, Gründlichkeit aber eine deutsche Tugend ist, so hielten sie bis zum Morgen aus. Es wollte der Dampf der langen Pfeifen schon wie ein Gewölb durch das Geäst der Linden, ehe noch wirklich die Frühnebel einfielen. Während viele schon sanft entschlummert auf den Holzbänken lagen oder die Köpfe weinselig auf die über dem Tisch gekreuzten Arme stützten, ging es beim Präsidium immer noch fröhlich zu. Wie am Abend saßen dort der Heldenvater und Direktor und die beiden bemoosten Häupter mit ihrer komischen Alten, die mit Beziehung auf verwegene Wünsche ihrer Kavaliere und die entschwundenen Kolleginnen meinte, sie wäre feine Freundin von so frühem Schlafengehen, und die Jugend bedürfe eben mehr Schlaf als die Alten. Es lümmelte dort, rittlings auf einem Stuhle, auch noch der „Generalissimus", wie der Liebhaber, im Augenblick freilich ohne Geliebte, den Komiker nannte. Weil er von ihm behauptete, er gleiche mit seinem runden Gesicht und seinem würdigen Bauche aufs Haar dem Schwarzenberg, dem Generalissimus der Alliierten. Es war das Steckenpferd des Liebhabers, solche Aehn- lichkeiten aufzustöbern, weil doch dann unfehlbar darauf die Rede kam, daß er selbst an Gestalt, Gesicht und Haltung dem Zaren Alexander gleiche. Was er für fein Leben gerne hörte. Von diesem Tische schallte alle Augenblicke eine dröhnende Lach- Slve durch den Garten. So daß die Schläfer sich unruhig auf ihren änten wälzten, und die, bei denen der Wein auf die philosophische Ader wirkte und die eben die letzten Fragen des Daseins lösten, unwillig auf dieses Präsidium sahen, das wie die Philister gröhlte. Doch weil die beiden bemoosten Häupter das große Wort führten und jedem ihrer geflüsterten Sätze schallenden Lachen folgte, so beruhigte man sich über dieses Benehmen des Präsidiums, weil man sich wieder einmal einen Hauptspaß erhoffte. Als schließlich schon die Sonne durch das Laubwerk der Linden spielte, konnte Adrian Krafft mit dieser Nacht zufrieden fein. Denn es hatten ihm die Schauspieler und Studenten Küche und Keller fast gänzlich geteert. Darum sand er es sogar der Mühe wert, als endlich die letzten seßhaften Gäste zum Tore hinausschritten — was nicht beim ersten Versuche gelang — den Zeigefinger an sein schwarzes Käppchen zu legen. Wie etwa ein kommandierender General vor seinem letzten Rekruten. Und er grinste sogar geschmeichelt, als der „Generalissimus" und Komiker einen Kratzfuß vor ihm machte und pathetisch sprach: „Herr Wirt, Ihr habt uns Hungernde und Dürstende gespeist und gelabt. Möge Euch'» Gott vergeltenl Auf daß Ihr den „Goldenen Ochsen" bald nach einem gekrönten Haupte nennen könnt." Als Adrian Krafft dann, allein in seinem Sorten, den Gewinn dieser Nacht überschlug, sich auch den zum Pfände gelassenen Rappen näher besah, war er, was bei ihm nur selten vorkam, mit der Welt leidlich zufrieden. Auch freute er sich, daß die Studenten, die nach feiner Meinung nichts wie Unfug und lästerliche Streiche im Kopse hatten, ihm den groben Empfang nicht weiter verübelt. Denn vor ihrer Rache hatte es ihn wegen des Geflüsters und Lachens am Tisch des Präsidiums doch ein wenig gegraut. Nun aber, da alles glücklich oorübergegangen, weit und breit kein Student als Vorbote eines Unheils zu sehen war, sah er fast den ganzen Tag über stillvergnügt in seinem Wirtsgarten. Sah dann am Nachmittage noch die knarrenden Wagen und Karren der Schau- spielertruppe, die nun wohl nach einem anderen Städtchen wanderte, ferne auf der durch die Wiesen ziehende Straße vorüberfahren. Und ging erst in fein Haus zurück, als ein Regen aufzog und die erften Abend- gäfte kamen. Die begrüßte er mit so wenig Grobheit und Brummen, daß davon an allen Tischen die Rede war. Seine Grobheit fand er erst wieder, als ihm einige Säfte zu lange beim Weine blieben. Denn er wollte doch zeitlich zu Bett, weil er in der vergangenen Nacht nicht einen Augenblick geschlafen. Daß es auch in dieser damit nichts sein sollte, konnte er freilich nicht ahnen. (Schluß folgt.) Ich reiste nach Paris... Erinnerung von Sigismund von R a d e ck i. Das Dorf war voll von Tonpfeifen, Holzschuhen, Spekulatius und einem unergründlichen Dreck, der sichtlich „dem Meere abgewonnen" war, aber sonst keinen sittlichen Wert hatte. Wenn ich um 6 Uhr früh zu meinem Kohlenbergwerk wanderte (das sich unter der Erde bereits nach Holland hinüberschmuggelte), so sah ich rechts den Morgen und links die Nacht liegen, in der noch ein paar weiße Bogenlampen das Fördergerüst beleuchteten. „Zwölf Morgenhellen weit verschallt der Geist der Mitternacht ..." fang ich, und arbeitete dann 400 Meter tief an einer Schüttelrutsche, wo ich vom „Oecher Platt" der Jungens gerade noch das Tabakspucken verstehen konnte. Dann kam ich schwarz und müde nach Hause, spielte mit dem Gast- wirtssohn Billard und kramte in den zerfetzten Scharteken herum, die oben auf dem Schrank lagen. Eines Tages fand ich dort unter „Taynes Landkalender" den „Neuesten Führer durch Paris" aus dem Jahre 1876. „Na, gewiß doch," sagte der Gastwirtssohn, „von Aachen bis Paris sind ja nur sieben Stunden Bahnfahrt." Ich lief sofort ins Grubenkontor, lieh mir von den Steigern Me- wissen und Maaßen den Lohn auszahlen, packte meine Ledertasche, sprang in die Elektrische nach Aachen und fühlte einen kleinen Hammer in meinem Kopf fortwährend hämmern: Paris, Paris, Paris ... Auf dem Bahnhof kaufte ich eins Dritter nach Paris, wechselte mir vom Kellner 20 Franken ein und ging noch für ein Stündchen spazieren, zu sehen, was Aachen für eine Stadt ist. Aachen bestand aus lauter dunklen Häusern, und die Laternen, die waren wie überall. Plötzlich merkte ich an meiner Uhr, daß ich eilig zum Zuge mußte. Ich ging, ich trabte, ich lief, doch geriet ich in ein immer winkligeres Mittelalter hinein. Alles schlief, verdammt, — und ich wollte nach Parisi Endlich sah ich einen Herrn und eine Dame hinten bei der Laterne stehen. Ich rannte auf sie zu und rief keuchend: „Ach bitte, wie komme ich zum Bahnhof?!" Da neigte die Dame den Kopf und sagte so einschmeichelnd und schuldbewußt, wie ich es nie gehört habe: „Do you speak English? ..." Mit einem Fluch auf den Lippen stürzte ich fort, daß es durch die toten Straßen schallte. Aber endlich kam ich mit hängender Zunge auf der Plattform an. Dort schlich ein dicker Mann auf mich zu, stellte sich neben mich hin und sagte leise: „Wer mehr als 20 Zigaretten nach Frankreich mitnimmt, wird dort mit Arrest bestraft. Ich könnte Ihnen die überzähligen ab kaufen ..." Ich dankte steif und entfernte mich mit 100 Pappmundstück in der Tasche. Die dicke Luft des Abteils wurde von einem Schnarchen in Stücke zersägt. Ein bleicher Mann drückte sich gekrümmt in seinen Paletotkragen, mit der unzufriedenen Miene des Schläfers, der schlecht liegt. Das dünne Flachsbärtchen um den offenen Mund wurde vorn Blasen immer wieder hochgeweht. Eine korpulente Frau mit schiefem Hut biß immer wieder ein Stück Knackwurst ab, beobachtete dann angstvoll ihr Ausstößen, und nahm hierauf jedesmal jammernd einen Kirschlikör. Dann biß sie wieder ab, bann stieß sie auf, bann nahm sie roieber seufzenb einen Schluck. Wo mar ich ba nur hineingeraten? Plötzlich hielt ber Zug in Namur. Da schrie bie Frau aufgeregt: „Mi ushe w Parishie! (Wir finb schon in Paris!)" Es war das elendste Odessaer Russisch. Alles sprang auf, rieb sich die Augen, guckte hinaus, beschimpfte bie korpulente Frau (auf russisch) und krümmte sich unzufrieden wieder in ben Paletotkragen. Traurig biß sie ein Stück Knackwurst ab. — Da merkte ich, baß alle diese Menschen das Gleiche wie ich im Kopse hatten: Paris, Paris, Paris ... Und so schrie sie olle zwei Stunden, und alle glaubten ihr's, weil sie es selber glaubte. Im Zollhaus von Maubeuge wurden wir alle, hundert Mann in einer Reihe, vor die lange Tonbank gestellt. Es war eine scheußliche Zeit: 4 Uhr morgens mit Gasflammen. Ein Franzose rief ratternd ein paar Phrasen mit dem Wort „tabac" in ben Saal, worauf einige ihre Zigaretten ablieferten. Aber ich nicht, benn ich hatte ihn nicht verstanden 1 V- 6 1 Me- asche, nmer und men* >h ZU weits und das Geist einer noch Gast- , die itjnes Zahre bis n es nzlich etzten Ver- egen. Und miker Ihr -uch's n ge- biefer r be- ) zu- nung den s ihn ) ein und ■ fast dann chau- berte, ging bend- >men, lange er in ch in mir eren, inter 'tzl'ch I, ich hin- ierne ie ich ,mei- peak h es *nber ) zu, etten innte mich tücke igen, ünne wie- ieder und ieder ;luck. regt: ödste ■aus, nzu- nack- e ich zwei t in siche ein ihre aden Wie herzlich befreundet fühlte ich mich den Flaneuren, die sich wie Karten auf dem Trottoir mischten — waren wir doch alle Pariser! Ganz nonchalant setzte ich mich an einen Cafe-Tisch, wo noch ein Japaner und zwei Malaien saßen, und sog die Herrlichkeit durch einen Strohhalm in mich ein. Noch in der nämlichen Stunde erfuhr ich, daß man soeben einen neuen Tanz, den Tango, und eine neue Malerei, den Kubismus, ersunden habe. Ich fand beide, und auch die Mädchen, die vorübergingen, ganz außerordentlich wunderbar. Da würden die Jungens in der Kohle dort unten Augen machen, dachte ich ... oh diese Stadt! Und da war ich in Paris angekommen. Biedermeier. Von Egon Friedell. " Zu der Tischrunde, die sich um Schubert versammelte, gehörte Moritz von Schwind, ihm geistig verwandt durch die Zartheit und Wärme seiner Musikalität. Mit Weber ist Schwind gemeinsam, daß sein Held ebenfalls der deutsche Wald ist. Er hat mit Stift und Pinsel, in immer gleicher Tonart und doch unerschöpflich variiert, das ganze deutsche Leben seiner Zeit erzählt, nicht bloß das äußere, sondern auch das innere, wie es sich in den Traum- und Phantasiegestalten des Volksgemüts auswirkt. Dasselbe tat noch schlichter und anspruchsloser Ludwig Richter. Richter imitiert nicht mit raffinierter Artistik Kindlichkeit wie die „Heidelberger", versucht nicht krampfhaft, sich auf Infantilität zurückzuschrauben wie die „Nazarener", sondern ist ein Kind: achtzig Jahre lang. Er will gar nichts, hat keinen „Stil", sondern plaudert; von einer problemlosen Welt, die atavistisch und doch ewig ist. Der Bauer mit seiner Familie ist bei ihm nicht sozial gesehen, nicht einmal ethnographisch, sondern kommt direkt aus dem Märchen, zeitlos, idyllisch, unwirklich und doch ein Gewächs der deutschen Erde, lieber feinen Bildchen liegt der Zauber einer dörflichen Jahrmarklsschau ober kleinstädtischen Nachmittagsvorstellung, jener anheimelnde Duft von Kaffeekanne und Tabakspfeife, wachsbetropftem Tannenbaum und knisterndem Dfenreifig. Heinrich Heine charakterisiert diese Kultur mit den Worten: „Man übte Entsagung und Bescheidenheit, man beugte sich vor dem Un- fichtbaren, haschte nach Schattenküssen und blauen Blumengerüchen, entsagte und flennte." Die Resignation hatte nicht bloß politische, sondern auch wirtschaftliche Gründe. Die überlegene Konkurrenz Englands, während der Festlandssperre gewaltsam zurückgestaut und nun vernichtend über den Kontinent flutend, drückte zumal die deutsche Industrie zu einer Art ohnmächtiger Heimarbeit herab. Dazu kam, daß die britische Regierung, um die inländische Landwirtschaft zu schützen, einen hohen Zoll gegen fremdes Getreide errichtete und die Ueberfchüfse der nord- und ostdeutschen Agrarproduktion nicht abftrömcn konnten. Die Folge war, daß die bürgerliche Kultur Deutschlands sich in Lebensführung und Gesichtskreis beträchtlich verengte: es kam zu einer Rückbildung in die Daseinsformen der vorklafsifchen Periode; die Seelenhaltung, verwaschen, wehleidig und affektiert und auf den Kultus von Privatgefühlen konzentriert, erinnert an die Aera der Empfindsamkeit. Das Symbol des Zeitalters ist der Nachtwächter, die Bildungsquelle der Lefezirtel und das Theater. Die Lieblingslektüre des Mittelstandes sind die Moralitäten Christopf von Schmids, die rührseligen Lügen Lafontaines, die für damalige Ansprüche „pikanten" Albernheiten Claurens, die Köchinnenromane Spindlers. Auf der Bühne herrschen Kotzebue und Jffland, bis 1828 die Birch-Pfeiffer mit der „Pfeffer- rösel". Im Kostüm macht sich die notgedrungene Einfachheit durch eine wohltuende Neigung zur Diskretion bemerkbar. Beim Frack werden ruhige Farben bevorzugt: braun, grau, dunkelblau, flaschengrün (der „Rock", der im wesentlichen dem heutigen Redingote entspricht, ist auf der Straße und in Gesellschaft noch nicht de rigueur); das einzige, worin die Herrenkleidung individuellen Geschmack entwickeln konnte, war die gemusterte Seidenweste; das Jabot weicht langsam der Krawatte, deren elegante Knotung nicht leicht und Gegenstand eigener Lehrkurse war. Die Fußbekleidung bestand in halbhohen Stulpenstieseln (für die Reife) und aus- gefchnittenen Schuhen, die die hellen Strümpfe fehen ließen, da die engen Trikothofen nur bis zum Knöchel reichten; „en escarpin": in Kniehosen, Strümpfen und Schnallenschuhen ging man nur noch, wenn man an Höfen und in konservativen Gesellschaftskreisen in Gala erschien. Unerläßlich für den Stutzer war die Lorgnette am breiten Band. Der Bart war verpönt, höchstens eine dünne Linie an den Wangen gestattet. Bei den Damen setzte sich nach 1815 wieder der Schnürleib durch, und die Taille, die im Empire unterhalb der Brust angesetzt war, rückte wieder an ihre alte, richtige Stelle; auch die Herren trugen vielfach Korsetts, bei den preußischen Gardeoffizieren gehörten sie angeblich sogar zur tadellosen Adjustierung. Nach 1820 nahmen die Damenärmel ungeheuerliche Formen an: als „Hammelkeulen" und „Elefanten", die nur mit Hilfe von Fischbeingestellen ihre Fasson zu behalten vermochten. Nur in der Musterung entwickelten die Stoffe zahlreiche Nuancen: changeant, moire, ombre, damasziert, geblümt, quadralliert, besonders bei den Bändern, die sich sehr reichlich an Hauben, Hüten, Kleiderröcken befanden. Richtige Mäntel waren infolge der Riesenärmel unmöglich: man trug Damenkragen, die sogenannten Berthen, Schals aus allen möglichen Stoffen, am liebsten aus Kaschmir und Crepe de Chine, und gegen Ende des Zeitraums kommt die Pelzboa auf. Ebenso abenteuerlich wie die Aermel waren die Schuten, eine Art Pferdehüte, sehr groß und sehr unpraktisch, das Gesicht wie Scheuklappen einhüllend, fo daß man in ihnen am Hören und Sehen verhindert war; trotzdem hat sich diese Kopfbedeckung länger gehalten als irgendeine frühere oder spätere. Daneben trug man auch die große Haube und seit der Orient Mode geworden war, Turbane. Der Möbelstil des Biedermeier ist sehr geschmackvoll und wurde mit Recht in unserem Jahrhundert erneuert. Er ist noch einfacher als der Empirestil, aber nicht so nüchtern und geschraubt. Er übernahm von ihm die glatten Flächen, geraden Linien und schlichten Motive, vermied aber und wollte es auch nicht. Und schon ward 'einer nach dem andern körperlich visitiert, wobei manche mit Gezeter abgesührt wurden. Immer näher kam die entsetzliche Gefahr an mich heran, der ich meine 100 Papp- rnundstück dick im Winterpaletot stecken hatte. Ganz melancholisch stopfte ich meine Wollhandschuhe in dieselbe Paletottasche. Der Beamte kam, sah blitzenden Auges auf meine Rundungen, befühlte sie mit der Hand, und bedeutete mir kurz, den Inhalt vorzuzeigen. Ganz betäubt vor Angst wollte ich meine Zigaretten hervorziehen und zog zu diesem Zwecke zuerst meine dicken Wollfäustlinge heraus. Da nickte der Beamte befriedigt und ging zum nächsten weiter. Das find so Situationen, wo man danken lernt. Von hier ab wurde auf allen Stationen mit dem Hörnchen geblasen. „Mi ushe w Parishie" ward ersetzt durch ungeheure Plakate, die auf allen Wiesen standen: „76 Kmtrs to Paris. New York Herald“ — „75 Kmtrs to Paris. New York Herald“ — „74 Kmtrs to Paris. New York Herald“ — bis das ganze Rußland im Kupee bis zur Weißglut erregt war. Ganz, ganz langsam fuhren wir endlich in die große, rauchige Glasscheune ein. Jetzt fiel mir ein, daß ich kaum Französisch verstand und keine Menschenseele in Paris kannte. Ich fühlte mich verloren und verkauft unter all den hastenden Gepäckseelen und knetete mir noch auf dem Perron den Satz zusammen: „Avez-vous un Baedeker allemand de Paris?“ Als ich ihn fertiggebacken hatte, stürzte ich damit zum Zeitungsstand — „Avez-vous — —?“ Aber alles schüttelte den Kopf und bewegte den Zeigefinger hin und her, wie man einem Taubstummen „Nein" sagt. Bekümmert trottete ich mit meiner schweren Ledertasche auf die Straße, um in der ersten Buchhandlung dasselbe zu fragen. Aber es war ein Feiertag und alle Läden geschlossen. Wie bläuliche Schatten jagten die spritzenden Autos durch den Regenmorgen, und alle Leute hatten ungeheure Schals direkt um den Kopf gewunden, fo daß nur die gelben Nasen und schwarzen Augen herausguckten. Endlich fand ich eine Buchhandlung, die offen hatte. „Avez-vous un Baedeker allemand de Paris?“ Er kletterte die Leiter auf und ab, er schüttelte den Kopf, er bedauerte lebhaft. Todmüde setzte ich mich auf einen Stuhl und wiederholte auf alle Beteuerungen stumpfsinnig ein und dasselbe „Avez-vous un Baedeker allemand de Paris?“ Da zuckte er die Schulter und verließ den Laden. Ich blieb wie im Traume sitzen, blickte starr vor mich hin und ließ die Dinge an mich herankommen, z. B. seine Tochter. Sie ging mehrmals an mir vorüber und streifte mich leicht mit dem Kleide. Aha, der berühmte schöne Gang der Pariserin, dachte ich, und sah ihn mir an. Er war wirklich sehr schön. Während ich so im Halbschlaf vor mich hindöste, passierten draußen die tollsten Dinge. Das Mädchen wies mit der Hand auf das Fenster und sagte etwas: wirklich, im Hause gegenüber war ein Feuerschaden ausgebrochen, die Flammen loderten, die Feuerwehr kam herangesaust und spritzte. Gleich darauf fing man einen Taschendieb, der im Gedränge hatte flauen wollen. Welch ein Temperament! dachte ich schläfrig. Endlich kam er triumphierend mit dem Buch und nahm mir einen gesunden Preis ab. Jetzt trottete ich die Straße weitet, ließ mich auf die nächste Bank allen und nahm mein Buch vor. Aber da stellte sich's heraus, daß o ein krebsroter Baedeker allemand de Paris auf die gesamte Apachen- chaft der Umgegend eine magische Anziehungskraft hat. Wie die Geier tatterten sie zusammen: plötzlich war meine Bank voll von Schals mit gelben Nasen, die immer näher rückten, in einem Höllendialekt Gespräche mit mir anknüpfen wollten und sich bereits untereinander um mich zankten. Zitternd flüchtete ick) in ein kleines Cafe. „Cafe au lait“ sagte ich, denn das wußte ich noch von meiner Großmutter, der alten Dame. Ich bekam herrlichsten Milchkaffee in einem kleinen Waschbecken ohne Henkel vorgefetzt. „Grand Hotel du Nord. Quartier latin. Von Skandinaviern besucht. Mäßige Preise. Besitzer spricht deutsch." memorierte ich aus meinem roten Büchel. Der Kellner gab mir mit klirrender Handfertigkeit Münzen aller Länder heraus: belgische, rumänische und auch ein paar aus dem Königreiche beider Sizilien. Die französischen waren wunderbar plastisck), wie antike Medaillen (und stellten sich nachher als falsch heraus: Baedeker sollte einen grauen Deckel haben). Unverdrossen tippelte ich mit meiner Ledertasche den Boulevard Sebastopol herunter, überquerte den Fluß und sand endlich in der Rue de Tournon mein Grand Hotel du Nord, einen uralten, schmalen, fünfstöckigen Kasten. „Le proprietaire“, sagte ich kurz, denn ich wollte endlich deutsch reden. Aber da kam es heraus, daß der Besitzer ein Elsässer war, der vor vierzig Jahren nad) Paris eingewandert war und nun all sein Deutsch vergessen hatte. Mit unsicherem Blick schielte der Grauhart nadi meinem Baedeker und stammelte: „Ick abe Dütsch vergesse ..." Also kletterte ich mit meiner Ledertasche hinauf auf mein Zimmer im vierten Stock: ein Kamin mit loderndem Feuer und Pendeluhr, in einer tiefen Nische das riesige Bett, der krachende, wippende Fußboden, die Tapeten, und besonders die muffige Luft — alles schien mindestens dreihundert Jahre alt und von uralter Kultur. „11 pluit“, sagte der Hausknecht und zeigte auf den Regen draußen; und als ich nicht gleich den Kopf wandte, erläuterte er fchonungsvoll dem fremden Idioten: „II tombe de l’eau“. Ich riß mir die Kleider vom Leibe, wühlte mich ins Bett, wo ich auch ganz gut quer liegen konnte, und schlief den festen Schlaf des Neunzehnjährigen. Als ich erwachte, war ich im Dunkeln. Ich hatte in dieser Finsternis keine Ahnung, an welchem Punkte des Universums ich mich befand — ich hörte nur von ferne ein dumpfes, ungeheures Rauschen, wie von einem Meer. Doch da hörte ich die Pendüle ticken, und da — erst da während meiner ganzen Reise! — merkte ich, daß ich tatsächlich in Paris war. In Paris! in Paris! — ich zog die Decke bis ans Kinn und ließ dieses Gefühl in Schauern über mich fließen. Cs war unfaßbar. Es war fo unerhört wunderbar, daß ich wie ein los- gebundener Flitzbogen aus dem Bett schnellte, mich köstlich anzog und sofort in surrendem Taxi auf die Boulevards fuhr, Champagner im Leibe, ohne ihn getrunken zu haben! Seinen parvenühaften Materialpunkt. Während dieser ein kalt forcierter )pernspartanismus und aus modischer Altertumsanbetung erquälter Artefakt ist, ersteht hier ein wirklicher Stil, der der organische und konforme Ausdruck des inneren Lebens, der seelischen Haltung eines ganzen Zeitalters ist. In Berlin haben damals zwei Künstler von echt preußischem Geist gewirkt, schlicht und herb und doch von einer verhaltenen Gemütswärme und strengen Anmut: Rauch und Schinkel. Rauch hat dem deutschen Volk das Bild Friedrichs des Großen und der Königin Luise, Jorks und Scharnhorsts, Blüchers und Gneisenaus für immer eingeprägt. Schinkel war ein Geist von michelangelesker Großräumigkeit, in dem der komplette Plan einer ganz neuen Stadt lebte; die Enge der Zeit hat ihn das meiste und beste nicht ausführen lassen: das Schauspielhaus, in einem reinen, vornehm kargen Stil mit geschmackvollstem Takt für Proportionen erbaut, gibt nur eine bescheidene Teilprobe seines viel machtvolleren Könnens. Die übrigen deutschen Architekten waren mehr vom Schlage K l e n z e s, des Schöpfers der Regensburger Walhalla, die ein dorischer Tempel ist, und zahlreicher anderer Prunkbauten „hellenischen" Stils, den er für den einzig wirklichen hielt, die anderen nur für „Bauarten". Von Cornelius, den er ebenfalls an seinen Hof gezogen hatte, sagte Ludwig I. von Bayern: „Er kann nicht malen"; auch Gene l l i konnte es nicht und war stolz darauf. Trotzdem steckt in den großzügigen Gedankendichtungen des ersteren, die so tief sind, daß man dabei einschläft, echte Dramatik; es ist nur leider eine Buchdramatik. Josef Anton Kochs Naturstudien haben etwas Rührendes, in dem sie in ihrer geschachtelten Komposition und säubern Kleinarbeit ein wenig an die „Modellierbogen" erinnern, aus denen man reizende Lampenschirme macht. An John Flaxamanns trockenen Illustrationen zu Dante und Homer merkt man, daß er ursprünglich Bildhauer war. Ziemlich matt und temperamentlos gerieten auch Prellers Odysseelandschaften und Rottmanns Reminiszenzlandschaften, die einen geschichtlich bedeutsamen Ort, zum Beispiel Marathon, malerisch zu suggerieren suchten, obgleich dies ein rein literarischer Einfall ist. Das Lieblingsgenre war überhaupt die „historische" oder „heroische", das heißt: in ein vergangenes und als monumental gedachtes Empfinden zurückstilisierte Landschaft, die nicht einfach Wiedergabe eines Natureindrucks ist (das hätte man als roh und kunstlos verachtet), sondern eine „Idee" enthält. Die Sitte, Rom als die Kapitale der Kunst anzusehen und sich von dort alle Anregungen zu holen, blieb bestehen; nur spalteten sich die „Deutschrömer" in zwei Parteien: die nach wie vor antikisch Orientierten und die Romantischen, die von jenen anfangs spottweise „Nazarener" genannt wurden. Sie bildeten eine Art Malerorden, indem sie in San 3idoro bei Rom, einem von Napoleon aufgehobenen Kloster, als lukasbrüderschaft" lebten, in Mönchszellen schliefen und gemeinsam im Reflektorium malten. Führer war Friedrich Overbeck. Das Wesen dieser Schule bestand in einer Art von freiwilligem Verzicht auf alle Fortschritte, die das Sehen in den letzten drei Jahrhunderten gemacht hatte. Ihr Ideal waren die „Primitiven" des deutschen Spätmittelalters und der italienischen Frührenaissance: Perugino, Raffael in seinen Anfängen, Hans M e m l i n g, Stefan L o ch n e r. Aber da diese Rückkehr künstlich gemacht und programmatisch gewollt war, fehlte ihr die Ueberzeugungskraft und der Zauber der Ursprünglichkeit, der jene echten Primitiven ausgezeichnet hatte. Was zwischen diesen und ihnen lag, verachteten sie: damals ist für das Rokoko die Bezeichnung „Zopf" aufgekommen und hat das Wort „barock" die Bedeutung des Widersinnigen, Abgeschmackten, Schwülstigen, Ueberladenen angenommen. Hierin waren sie mit den Klassizisten, die sie im übrigen erbittert bekämpften, vollkommen einer Meinung. Im Grunde waren aber beide nur feindliche Brüder, einander zum Verwechseln ähnlich in der Temperamentlosigkeit und Blutarmut ihrer blaß erdachten und abgeleiteten Kunst. Die breiteste Popularität unter ihnen errang Julius Schnorr von Carols- feld mit seinen ganz albumhaften Holzschnitten zur Bibel, die in keinem Bürgerhaus fehlten, wie sie denn überhaupt vorwiegend eine Welt in Goldschnitt konzipierten. In der Genremalerei dominierten die „Düsseldorfer", die angeblich aus dem Lehen schöpften, in Wirklichkeit neben dem Leben hergingen, indem sie philiströse Bilderbogenlügen erfanden, und schließlich ihren Schulnamen zum Kunstschimpfwort degradierten, in der Art, wie sich dies in unserer Zeit mit den „Meiningern" wiederholt hat. Für das allein Vornehme galt jedoch die „Historie", die novellistische und womöglich tendenziöse Darstellung irgendeines akkreditierten geschichtlichen Vorgangs. Oie Stadt der zahmen Hirsche. Von Anton L ü b k e. Jedes Land hat seine Eigenarten und seine landschaftlichen Schönheiten, weshalb sollte es anders sein in Japan, im Lande des fernen Ostens, das in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger in den Mittelpunkt des Interesses gerückt worden ist. Man betrachtete Japan meistens als das Land, das ungestüm wirtschaftlich und industriell aufwärts strebte, das Kriegsschiffe und Fabriken baute und anderen Ländern die Fabrikationsgeheimnisse ablauschte und nachmachte. Wenig kannte man von den landschaftlichen Reizen, wenig von der Seele des Japaners, wenig von feiner Geschichte und noch weniger die Dinge, welche den Japaner außer seinen wirtschaftlichen Sorgen interessieren. Man sagte, daß der Japaner seine Kultur aus China importierte und seine Industrie aus Deutschland und Amerika. Das mag alles zutreffen. Aber man muß ihm gerecht werden, wenn man ihn von der kulturellen Seite aus betrachtet. Kultur ist etwas, das in der Landschaft wurzelt, das feine immerwährende Kraft aus dem Wesen des Landes zieht und es zur Eigenart formt. Wer will es bestreiten, daß Japan sehr viel Eigenes besitzt, das seine Wurzelkraft in der Landschaft hat. Nicht in den Millionenstädten Tokio oder Osaka, wo die Fabrikschornsteine rauchen, wo sich amerikanischer Geist breiimacht, ist diese Kultur zu finden. Um ihre unverfälschten Formen kennen zu lernen, muß man in das Innere des Landes gehen, wo die Landschaft ihre üppigen Formen entfaltet und unter hochragenden Zedernbäumen Tempel und bunte Götterschreine stehen. Japan ist das Land der Blumen, der blühenden Kirschbäume und der Liebe für die Natur. In dieser Lebensart wirkt sich seine Religion, das japanische Familienleben und auch ein gutes Stück der Erziehung aus Die Gegebenheiten dazu hat Japan in seiner wundervollen Natur selbst' die in allen Formen und Bildern ihre Reize entfaltet, im Norden herbe Vegetation und Winter und im Süden fast tropischen Charakter. Bera- und Seelandschast erfüllen den Wunsch nach stetem Wechsel im Genüsse der Natur. Das innige Fühlen des Japaners mit all diesen Naturschönheiten gibt auch den Impuls zur liebevollen Pflege. Ein Ort von ausgesuchtem Reize, von köstlicher Natur, Schönheit und Reichtum an Idyllen ist das Städtchen Nara im mittleren Süden von Japan. Mit dem Namen Nara ist nicht nur der höchste Reiz der japanischen Natur verknüpft, sondern auch ein Stück Landesgeschichte. 74 Jahre lang im 8. Jahrhundert war die Stadt unter sieben Herrschern Hauptstadt des Landes, in ihr begann die Entwicklung des japanischen Kunsthandwerkes, der japanischen Kunst und vor allem der Literatur. Buddhistenmönche waren es, welche zuerst den künstlerischen Impuls gaben. Der buddhistische Mönch G y o g i verfertigte zuerst Tonwaren, die später im übrigen Lande Nachahmung fanden. Die Mönche waren es auch, welche die ersten geschichtlichen Aufzeichnungen niederschrieben und sie der Nachwelt überlieferten. Noch heute wirkt sich in dem etwa 35 000 Einwohner zählenden Städtchen jener künstlerische Geist vor 1200 Jahren weiter aus. Spezialität des Kunsthandwerkes find wundervolle bunte, aus Holz geschnitzte Püppchen. Handwerkliche Erzeugnisse sind Schreibpinsel, .Schreibtusche, bunte Fächer und vor allem die berühmten Flachsleinenkleider. Die japanische Geschichte kennt eine Narakunstperiode, weil sie nicht nur eine bedeutende Kunstblüte im handwerklichen Sinne, sondern auch zugleich eine glänzende Bauperiode war. Den kaiserlichen Palast nannte man den Palast des Friedens, wie stets, wenn eine Zeit besonders groß war, und die Buddhisten bauten in dieser Zeit sieben der schönsten Tempel, unter denen der berühmte Daibutsutempel in Nara mit dem großen 16 Meter hohen Buddhastandbild, das aus 437 Tonnen Bronze und 283 Pfund Gold verfertigt ist, an erster Stelle steht. Oft zerstörte Feuer das Heiligtum, immer wurde es wieder aufgebaut, und heute ist er noch immer der größte hölzerne Tempel der Welt, in dem der Strom der Pilger kein Ende nehmen wird. Sie «kommen in großen Scharen, angetan mit phantastischen Kostümen und spitzen Strohhüten, opfern Reis, Blumen oder Wasser und lassen sich von ihren Priestern mit zauberhaften Gebärden, in denen sie Meister sind, heilen von ihren Gebresten, die sie zu ihren Göttern hinführten. Tempel an Tempel, Götterschrein an Götterschrein stehen in bunter Reihe unter dichten Baumkronen. Die breiten, wohlgepflegten Wege flankieren eine unübersehbare Zahl von steinernen Laternen, die zur Erinnerung an die toten Ahnen aufgestellt werden und zu bestimmten Zeiten brennen. In allen Tempeln, Schreinen und anderen religiösen Attributen dokumentiert sich ein ausgesprochener Naturgottesdienst, der sich unter dunklen Baumkronen, inmitten von Blumen und den lebendigen Wesen der Natur auswirkt. Wie in Indien der Hindu seine heiligen Tiere hat, heilige Kühe, Affen, Katzen und Elefanten verehrt, so hat auch der Japaner das Tier unter die Symbole seiner Anbetung eingereiht. Das Affen-, Katzen- und Elefantenmotiv fand ich beispielsweise an den berühmten Tempeln von Nikko, wo man auch einem lebenden Pferde Opfer bringt. In Kioto sah ich einmal in einer phantastischen religiösen Prozession pechschwarze heilige Stiere und zwei heilige Pferde, die bei religiösen Handlungen vorgeführt wurden. Nara hat in dieser Hinsicht seine besondere Eigenart. Hirsche sind es, welche hier verehrt werden und damit dem Städtchen seinen höchsten romantischen Reiz verleihen. Einst soll ein be- rühmter Gott auf einem Hirsche aus dem Walde in die Stadt geritten sein. Seit dieser Zeit blieb der Hirsch dort, vermehrte sich und brachte wilde Tiere mit aus den dunklen Waldesgründen. Sie wurden zahm wie Lämmer, ließen sich von Menschenhand füttern und blieben seit dieser Zeit die besten Freunde der Bewohner von Nara. In allen Straßen, auf den Rasenplätzen des prächtigen Parkes, zwischen den Laternensäulen der Tempel und in diesen selbst sieht man die prächtigen Tiere, die sich von jedermann mit den Kuchen füttern lassen, welche kleine buntgekleidete Japanermädchen verkaufen. In den späten Nachmittagsstunden werden die Tiere mit Hörnern und roten Fahnen in einen umzäunten Pferch zu- sammengetrieben und gefüttert. Zahme Hirsche, welche in die Berge gehen, bringen heute noch oft wilde Hirsche mit in die Stadt. Der 15. Oktober ist für Nara ein bedeutender Festtag. An diesem Tage werden den Hirschen die Geweihe a6genommen, die zu allen möglichen Dingen verarbeitet werden. Die Tiere packt beim Herannahen dieses Zeitpunktes ein Entsetzen, viele flüchten sich dann in die Berge und kommen erst wieder, wenn sie vermuten, daß die Gefahr vorüber ist. Man fängt für den Zweck geeignete Tiere mit Lassos, was für die Japaner ein Vergnügen und mit allen möglichen Zeremonien und Festlichkeiten verbunden ist. Von' den fast 1000 Hirschen, welche sich in Nara aufhalten, müssen stets mehrere hundert Tiere sich die gewaltsame Wegnahme des Geweihes gefallen lassen. Für jeden Naturfreund ift Nara ein wirkliches Paradies, das täglich neue Schönheiten offenbart. Uralte dicke Zedernbäume, Teiche mit Schildkröten und Riesengoldfischen, die vielen hunderte, mit Moos bewachsenen steinernen Laternen, das leuchtende Rot der kleinen Götterschreine inmitten des dunklen Gebüsches und verschlungener Waldespfade, alles ist von einem starken Hauch liebevoller Fürsorge für die Natur umgeben, in welcher die Japaner wahre Meister sind. Wünschen kann man nur, daß dieses Volk, das feine Heimat, die Blumen und den Wald so sehr liebt wie kein anderes Volk, sich nicht verliert in der Sucht nach Umgestaltung feines Lebens auf amerikanischer Grundlage, wie es den Anschein hat. sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, A. Lange, Gießen. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'