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Wir haben uns noch nichts gesagt — bleib, bis es tagt! Du darfst aus meinen Armen fliehn? Und weißt ja nicht, wohin, wohin dich deine Rosse ziehn ... Hamburger Aalsuppe. Von Charlotte Niese. „Die Birnen müssen reif sein", sagte Onkel Thomas. „Die Sommer- btrnen, die rot im Kochen werden. Und meine alte Sophie kauft die Aale immer bei Frau Pust. Ihr kennt sie natürlich auch. Sie sitzt linker Hand auf dem Meßberg, wenn Fischmarkt ist, und die lebendigen Aale winden sich um ihre ausgestreckten Arme, daß sie aussieht wie ein Schlangenbeschwörer in Indien. In Agra und Bombay habe ich sie so sitzen sehen; aber es waren schwarze Kerle mit ekligen Schlangen, während Frau Pust eine brave Seele ist und uns die besten Aale aussucht. Nicht die ganz fetten, armdicken, sondern die nette, kleine Mittelsorte. Nicht zu groß und nicht zu klein, sie schmecken am besten. Die Suppe kocht meine Sophie auf einen geräucherten Schinken, aber etwas frisches Fleisch gehört dazu. Die festen Mehlklöße dürfen nicht vergessen werden, und die Gemüsefrau aus Bardowiek bringt die Aelkräuter: neunerlei verschiedenes Kraut: Majoran und Thymian, Salbei und Portulak; wie sie alle heißen, weiß ich nicht, das wissen nur die Bardowiekerinnen." Onkel Thomas hielt mit Sprechen inne, und über sein feines, altes Gesicht glitt ein behagliches Lächeln. Seine Haushälterin Sophie setzte nämlich die große Terrine auf den Tisch, um den wir schon alle Platz genommen hatten: wir, die wir heute feierlich auf die Hamburger Aal-- suppe eingeladen waren. Es war ein stiller, warmer Sommertag, und wir saßen in der offenen Veranda, die nach dem Garten ging. Nach dem alten, schattigen Garten, in dem Onkel Thomas Vater die Bäume selbst gepflanzt hatte: die Ulmen und Linden, die Aepfel- und Birnbäume und den Maulbeer- Ö, der jetzt gleichfalls ein mächtiger Baum geworden war. Weite stächen dehnten sich unter den Bäumen aus, und um den ganzen Besitz erhob sich eine hohe Mauer. Aber sie war nicht hoch genug, um die fünfstöckigen Miethäuser abzusperren, die mit ihren blanken, neuen Fenstern neugierig in den alten, grünen Garten blickten, als wollten sie sagen: wir möchten nur wissen, wie lange wir noch auf diesen grünen, altmodischen Fleck Erde sehen sollen, mitten im modernen Straßengewirr und zwischen so und so viel Straßenbahnen. Aber an die frechen Miethäuser dachten wir nicht in diesem Augenblick. Brachte doch Sophie die Teller und die zwei andern Schüsseln, die zartroten Birnen und die bläulich gefärbten Aale, während Onkel Thomas den Deckel der Suppenschüssel abhob und den ihr entströmenden Duft bedächtig einatmete. „Sie riecht gut, Kinder", sagte er bann. «Nach neunerlei Kraut, nach dem Schinken und dem frischen Ochsenziemer. — Adele, wie viel Klöße willst du?" Diese Frage war an ein junges Mädchen gerichtet, das neben ihm saß und nun lebhaft errötete. „Ach, bitte, lieber Onkel, gib mir recht wenig von allem! Du weiht—" Ontel Thomas warf ihr einen ernsten Blick zu. „Ich weiß, liebe Adele. Du bist aus der Altmark, so in der Nähe von Salzwedel, -mnb hast noch niemals Hamburger Aalsuppe gegessen. Aber du bist mit einem Hamburger verlobt und wirst deinen Wohnsitz in Hamburg nehmen. Also —" Er senkte den Löffel tief in die dickliche Suppe. Wir andern legten uns ins Mittel. „Onkel Thomas, Adele kann nichts dafür, daß sie eine Binnenländerin ist und keine Hamburger Aak- juppe kennt. Es gibt doch sehr tapfere Leute, die aus der Altmark stammen, denke nur an den Fürsten Bismarck, unfern großen Nachbar und Ehrenbürger. Er war unerschrockenen Herzens; vielleicht aber wurde es ihm doch schwer, den ersten Teller Aalsuppe zu essen." Onkel Thomas war schon wieder gut. Lächelnd setzte er der kleinen Binnenländerin einen Teller hin, in dem nur ein Kloß und wenig Suppe war. „Probier es nur, Kind", Jagte er gutmütig. „Nimm viele Birnen und viel Aal dazu, bann wirb es schon gehen. Unb später, wenn du erst silberne Hochzeit feierst, bann wirst bu nicht begreifen können, daß du jemals Angst hattest vor dem schönsten der Gerichte." Dann wurden wir alle still. In der Ferne klingelten die Straßen- bahnen, die Fenster der Miethäuser schielten neidvoll in unsere Veranda, und aus dem Schatten der Bäume kam hin und wieder ein Vogellaut; wir aber aßen die Suppe mit den Klößen und Birnen, mit den neunerlei Kräutern und den säuerlichen Aalen darin. Feierlich war es, und Onkel Thomas sagte kein Wort, bis er zwei gefüllte Teller leer gegessen hatte. Dann stand er auf und machte eine entschuldigende Verbeugung. ,stfch bin ein alter Hamburger, Kinder, und also für das Altmodische. Nun gehe ich zweimal um den Rasenplatz herum, und wenn ich bann wieberkomme, barf ich meinen Rock ausziehen. Den dritten Teller Aalsuppe darf jeder Hamburger in Hemdärmeln essen." So geschah es also. Würdevoll und bedächtig wanderte Onkel Thomas in seinem Garten hin und her; unb als er zurückkehrte, war er in schlohweißen Hemdärmeln. Adele aus der Altmark hatte inzwischen seine Abwesenheit benutzt, um ihren Teller mit dem Nestchen Aalsuppe in die Küche zu bringen. Erleichtert kehrte sie zurück. „Es gibt noch gekochten Schinken und Kirschpfannkuchen", flüsterte sie. „Zu verhungern brauche ich also nicht. Aber bitte, bitte, verratet nicht an Onkel Thomas, daß ich die Aalsuppe nicht essen kann. Wahrhaftig, ich werde es nie können und wenn ich auch meine Diamanthochzeit feiern sollte!" Selbstverständlich hielten wir reinen Mund, und Onkel Thomas, der jetzt mit unvermindertem Appetit bei feinem dritten Teller saß, lächelte so behaglich vor sich hin, daß man ihm die gute Stimmung vom Gesicht ablesen konnte. „Solche Aalsuppe ist doch etwas Besonderes!" sagte er nachher. Da hatte er seinen feinen, schwarzen Rock wieder angelegt, und wir saßen im Garten beim Kaffee. Leise senkte sich die Dämmerung auf unser stilles Plätzchen und auf die unruhige Welt draußen. Selbst die Fenster dec Miethäuser blickten weniger selbstbewußt zu uns herüber, und irgendwo, hinter den Steinmauern, sang eine Mutter ihr Kind in den Schlaf. Auch wir sagten nicht viel; Onkel Thomas aber zündete seine Pfeife an, sah in die Rauchwolken und wiederholte seine Worte. „Mit wie viel Menschen habe ich nun schon bei der Aalsuppe gesessen!" setzte er hinzu. „Da könnte man ein Buch darüber schreiben. Zu- erfterft ah ich die Aalsuppe im elterlichen Haus. Als Vater diesen Platz vor dem Tor hier kaufen und ein Haus darauf bauen wollte. Dec Bauer, dem das Stück Weideland gehörte, atz an dem Mittag die Aalsuppe mit uns. Er war ein hagerer Mann, der eine kurze Jacke, Kniehosen und Schnallenschuhe trug, und die Aalsuppe schmeckte ihm so gut, daß sogar Vater sich mit einem Teller begnügen mußte. Ich aber kriegte nur einen Aalschwanz mit ein paar Birnen dazu, und von der Suppe nur einen Löffel voll. Beinah hätte ich gemeint, weil ich die ganze Nacht vorher vor Freude auf die Aalsuppe nicht hatte schlafen können. Aber wenn ich gemeint hätte, bann mürbe ich Vaters Pfeifenrohr auf einet Stelle gekostet haben, die für diesen Zweck besonders geeignet ist. Damals war das so. Die Väter hatten ein loses Handgelenk und liefert auch nicht gleich zum Gericht, wenn ihr Sprößling mit ein paar blauen Striemen aus der Schule nach Hause kam. Also ich verbiß meinen Schmerz über das flüchtige Kosten der Aalsuppe und beneidete Bauet Peters, der so viel essen durfte, wie er wollte, kein Wort dabei sprach und, als nur noch Aalgräten übrig waren, fein heißes Gesicht in seiner Serviette abtrocknete. Aber er ließ die Wiese zu einem billigen Preis, und Vater pflegte später zu sagen, daß die Aalsuppe ihm gut geholfen hätte. Dann aßen mir die erste Aalsuppe im neuen Hause unb hier in bet Veranba. Der Garten war eben erst angelegt, und die Bäumchen unb Büsche dachten nicht daran, Schatten zu spenden. Aber rings um uns herum lagen Wiesen mit Hecken, und dazwischen standen alte Bäume. Vom ersten Stock unseres Hauses sahen wir auf die Elbe mit ihren Schiffen, und die alte Tante Hanne aus dem Johanniskloster ließ uns agen, zu uns hinaus könnte sie nun nicht mehr kommen: mir wohnten a mitten auf dem Dorf. Damals tag das alte Johanniskloster dort, ro» etzt das Johanneum liegt, und die alten Damen fanden es unschicklich, vors Tor zu gehen. Aber zur Aalsuppe kam Tanke Hanne doch noch unb blieb bann die Nacht, um mit dem Bleicherwagen am andern Morgen wieder in die Stabt zu fahren. „Ja, es war alles ein bißchen umständlicher als heutzutage; an elektrische Bahnen dachten wir ebensowenig wie an Automobile; aber. die Aalsuppe ist doch die gleiche geblieben, und dem allen Hamburger Jacht das Herz im Leibe, wenn er an sie denkt. Nicht wahr, Adele?" Mit schelmischem Blick wandte sich der alte Herr zu der Binnen- landerin, und sie wurde verlegen. Dann aber sah sie ihn ausrichtig an. „Onkel, ich will gern eine gute Hamburgerin werden, aber die Aalsuppe —" leise schauerte sie zusammen. Onkel Thomas lachte. „Nun, wir wollen sehen, Kind. Zwingen kann dich niemand zu deinem Glück; mit der Zeit aber pflückt man Rosen und lernt die Aalsuppe schätzen. Ich habe Binnenländer gekannt, die nach der ersten Bekanntschaft mit der Aalsuppe vom Tisch aufstehen und in die srische Luft flüchten mußten, die aber später, gerade so wie ich, beim dritten Teller den Rock auszogen und am liebsten noch zum viertenmal nahmen. Der echte Hamburger nimmt seine Aalsuppe überall hin. Es gibt Geschäfte, die sie in Blechdosen nach allen Ländern der Erde verschicken. In einer Dose ist die Suppe mit den neunerlei Kräutern, in der andern die Aale, in der dritten die Birnen. Du kannst dir kaum denken, Kind, welch ein Gefühl es ist, wenn man in Valparaiso sitzt oder in Buenos Aires, in Rangoon oder in Schanghai, wenn dann die Schisse die Aalsuppe mitbringen, wenn es im fernen Land plötzlich nach den neunerlei Kräutern duftet, nach den nordischen Sommerbirnen, nach den säuern Aalen. Bei der Aalsuppe, die unter fremdem Himmel gegessen wurde, ist schon mancher Gedanke in die Heimat gezogen, und es ist nicht der schlechteste gewesen!" Onkel Thomas war nachdenklich geworden, schwieg eine Weile, horchte auf die verklingenden Geräusche der Stadt und auf das leise Rauschen der Bäume über ihm. „In Singapore bin ich manches Jahr gewesen", begann er von neuem. „Als Zwanzigjähriger ging ich hinaus, hatte erst wütendes Heimweh, verdiente aber viel Geld und kam bald in lockere Gesellschaft. Sehr lockere Gesellschaft." Onkel Thomas wiederholte das Wort und blies etliche Rauchringe, ehe er weiter sprach. „Heutzutage wird jedermann von mir sagen, der alte Thomas hat gewiß nie ein Wässerchen getrübt: hat drüben einen Sack Geld verdient und ist dann gemütlich heimgekehrt, um hier in Frieden seine Aalsuppe zu essen. So sieht es auch jetzt beinahe aus; aber in Singapore gab es doch einen Tag, da wußte ich weder ein noch aus. Da hatte ich all mein verdientes und noch mehr Geld, was mir nicht gehörte, in einer Nacht im Spiel verloren, und das Mädchen, von dem ich sicher glaubte, sie hätte mich lieb, hörte mein Mißgeschick und warf sich flugs einem andern an den Hals. In den Tagen bin ich mit lachendem Mund umhergegangen. Du liebe Zeit, wenn das Leben so eklig ist, dann schmeißt man es eben von sich. In Singapore kann man es, ohne daß davon große Geschichten gemacht werden, da verschwindet man im Dschungel oder läßt sich in einem Boot aufs Wasser rudern oder läßt sich von irgendeinem malaiischen Zauberer einen Liebestrank für den besten Feind brauen — ach ja — man kann es deichseln, und ehe die Kunde nach Europa kommt, ist man schon lange von den guten Freunden vergessen. Mit diesen Gedanken spielte ich ein paar Tage, und dann war es beschlossen: nächstens war ich verschwunden, und wer etwas von mir haben wollte, der mochte sehen, wie er es kriegte. So um die Weihnachtszeit war es; aber man merkte nichts von Weihnachten. Es war heiß wie immer, und die tropischen Blumen blühten und dufteten. An einem Morgen, bald nach meinem Unglück, lief eine Hamburgische Bark in den Hasen, die direkt aus der Vaterstadt kam. Wenn damals ein Hamburger Schiff anlangte, bann war das ein Ereignis, und alle Hamburger liefen an den Hafen oder ließen sich ans Schiff rudern, um die ersten Nachrichten aus der Heimat oder von dem Kapitän irgend etwas Mitgebrachtes zu erhalten. Auch ich schlenderte ans Wasser, obgleich ich nichts zu erwarten hatte. Meine Eltern waren gestorben, an die Geschwister hatte ich lange nicht geschrieben. Auch sie würden nichts von sich hören lassen. So setzte ich mich bann auf einen Brückenpfeiler unb sah zu, wie bie Deutschen sich von den Eingeborenen ans Schiff fahren ließen. Eine Menge von Bekannten war barunter, bie laut lachten unb scherzten. Um mich bekümmerte sich niemanb. Sie wußten alle, baß ich mein Vermögen verspielt hatte, nun ließen sie mich in Ruhe. Nachher kehrten sie alle zurück: ber eine mit einem Packen Briefe, ber anbere mit Büchern unb Zeitungen. Alle hatten sie etwas; unb ber kleine beutsche Uhrmacher, ber zu allerletzt aus seinem stachen Boot stolperte, trug mit strahlendem Gesicht ein Riesenpaket in beiden Armen. Ich kannte ihn wohl. Er war ein Hamburger Jung wie ich, und wenn wir auch sonst nicht miteinander verkehrten, so hatte ich doch zuerst manchmal in seinem Laden gesessen unb mit ihm von Hamburg geplaudert. In ben letzten Jahren hatte ich ihn nur wenig gesehen; wie er jetzt aber mühsam fein Paket an mir vorüberschleppte, währenb sein eingeborener Diener neben ihm einherstolzierte, ohne auch nur eine Feder zu tragen, da mußte ich lachen. „Na Hermanns," sagte ich, „Ihr brauner Halunke hat gute Tage! Was haben Sie sich denn vom Schiff geholt, daß ber Bengel es nicht einmal schleppen kann?" Hermanns blieb stehen unb wischte sich ben Schweiß vom Gesicht. „Herr Thomas," sagte er feierlich, „Ihre Hamburger Aalsuppe würden Sie auch nicht einem eingeborenen Schuft zu tragen geben, der vielleicht damit durchbrennt!" Hamburger Aalsuppe! Ich glaube, mein Gesicht wurde sehr dumm, denn Hermanns lachte. „Gewiß, Herr Thomas! Hamburger Aalsuppe mit neunerlei Krautern, mit Klößen, Birnen und sauren Aalen. Alles in Blechdosen und fein eingelötet. Meine Mutter hat sie mir geschickt; morgen wird sie gegessen, unb wenn Sie dabei sein wollen, soll es mich freuen. Für mich allein wär es vielleicht doch noch etwas viel. In diesem verwünscht heißen Land kann man nicht soviel vertragen wie zu Haus am Bäckerbreitengang." Nun, zuerst lehnte ich die Einladung kühl ab. Ich wollte ja — was wollte ich nur noch? Ganz genau konnte ich mich nicht darauf besinnen: das Wort Hamburger Aalsuppe klang mir in den Ohren. Ich mußte ans Elternhaus denken und an den Garten, den sich Vater mühsam angelegt hatte. Nun wohnte eine unverheiratete Schwester darin; aber der Besitz sollte verkauft werden, weil von den andern Geschwistern niemand soviel Geld hatte, um ihn zu übernehmen. „Auf morgen abend um acht also, Herr Thomas. Gut, daß Sie kommen, allein schmeckt so etwas doch nicht so gut." Da merkte ich, daß ich zugesagt hatte, obgleich ich eigentlich heute noch aus der Welt verschwinden wollte. Schließlich konnte ich ja noch übermorgen tun: die Hamburger Aalsuppe mußte doch noch genossen werden!" Die Pfeife des Onkels war beim Sprechen ausgegangen; bedächtig zündete er sie wieder an. „Die Aalsuppe habe ich übrigens doch nicht gegessen. Als ich am andern Abend vor ihr saß, als der Duft der neunerlei Kräuter vor mir auf« stieg, da kam alles über mich. Das Heimweh und die Verzweiflung und der Gedanke, wie gut es war, daß meine Mutter nicht mehr lebte. Was würde sie zu meinem Leichtsinn, meinen finsteren Absichten gesagt haben! Als Herinanns zufrieden und gerührt den ersten Löffel zum Munde führte, da legte ich den Kopf auf den Tisch und weinte wie ein kleiner Junge. Nein, Aalsuppe konnte ich damals nicht essen; aber ich konnte mich mit Hermanns aussprechen, wie ich mich noch mit niemand ausgesprochen hatte. Und er war ein guter, mitfühlender Freund, der in seiner einfachen Art viel richtiger urteilte als die vornehmem jungen Leute, die mich nur kannten, solange es mir gut erging. Den andern Tag schon reifte ich nach Rangoon, wohin mir Hermanns Empfehlungen geben konnte. Dort glückte es mir, in eine gute Firma einzutreten, und nach einem Jahr konnte ich nach Hamburg schreiben, daß der väterliche Besitz nicht veräußert werden dürfte. Nach einigen Jahren kehrte ich selbst heim, um ihn zu übernehmen. Könnt ihr mir’s da verdenken, daß ich an einem stillen Augusttag meine gesamte Familie einlud, um mit mir Äalsuppe zu essen? Hamburger Aalsuppe, bie mir in Singapore ben richtigen Weg gewiesen und mich an die alte Heimat erinnert hatte? Während die andern heiter plauderten und ein Glas nach dem andern tranken, ah ich schweigend meine Suppe,- freute mich an dem Duft der neun Kräuter und dachte der Zeiten, da mein Vater durch den Garten wanderte und meine Mutter im Hause waltete. Sie waren von mir geschieden: ich aber nahm mir vor, den Besitz nicht herzugeben, solange ich ihn behalten konnte. So ist es denn auch geworden. Alles, was sich allmählich um uns angebaut hatte, die Häuser und Gärten, sie haben Miethäusern unb elektrischen Bahnen Platz machen müssen, aber mein Haus steht noch wie vor sechzig Jahren, unb Vaters Bäume sind so groß geworben, baß jeder sich darüber freut. Ein paar Jahre dürfen sie nun noch wachsen und Schatten spenden: gerade so lange, wie ich meine Hamburger Aalsuppe noch essen darf. Später, wenn meine Erben zu bestimmen haben, bann—" Onkel Thomas zuckte bie Achseln unb horchte auf bas Rauschen der Bäume. Da ftanb Adele, die Binnenländerin, auf. „Onkel Thomas," sagte sie feierlich, „darf ich heute abend noch einmal die Suppe probieren? Ich glaube, sie wird mir sehr gut schmecken!" Wir andern aber riefen: „Es lebe die Hamburger Aalsuppe!" Schmerzliche Jugend. Von Dr. Hedwig Fischmann. Eine wehe, müde Weise flattert auf, die Weise von der verlorenen Jugend. Unselig, wem sie Lebensmelodie bedeutet, wem es vom Schicksal beschieden war, ein Leben ohne Jugend leben zu müssen. Mag ihm das Glück später auch noch so verschwenderisch seine Gaben zuwerfen, die Hände, die sich in frühem Leide gekrampft haben, werden, wundmal- gezeichnet, alles mit gleichgültiger Gebärde empfangen. „Verscherzte Jugend ist ein Schmerz Und einer ew'gen Sehnsucht Hort, Nach seinem Lenze sucht das Herz In einem fort, in einem fort." So klingt Conrad Ferdinand Meyers erschütternde Klage, die dem eigenen bittersten Erlebnis wie dem unzähliger im gleichen Schmerz Verstummter Sprache verleiht. Ist dach das glückliche Geschöpf, daß der Erwachsene, vom trügerischen Schimmer verklärender Erinnerung verführt, so gern in jedem Kind erblicken möchte, gar oft nur ein Gebilde seiner eigenen Phantasie, indessen sich die empfindsame Kinderseele wund- reiht an den kleinsten Spitzen und Dornen und in heimlichem Leide blutet. Dies war das Los, das der so überaus sensitiven, aus der Dumpfheit ihrer Verpuppung schwer zum Lichte sich emporringenden Künstlerseele des jungen Conrad Ferdinand Meyer gefallen war, diesem fpoten Sprößling zweier hochgezüchteter Patriziergeschlechter. Der frühe -von des Vaters, die Erziehungsweise der zur Leitung des schwankenden Sohnes im höchsten Grade ungeeigneten, feinsinnigen Mutter, das ewig drohende Gespenst geistiger Umnachtung waren die düsteren Schatten, die über der Jugend dieses Dichters lagerten, und ihm die Kindheit zu einem Martyrium gestalteten, wie er es Jahrzehnte später in glaiajer Furchtbarkeit in den „Leiden eines Knaben" abgespiegelt hat. Seme Schwester Betsy berichtet, daß er nach einer von einem jäf)3orntgen älteren Verwandten empfangenen Züchtigung lange Zeit etwas Gevra- chenes in seinem ganzen Wesen an sich gehabt habe. Immer scheue, immer ungeselliger wurde der Knabe, vor allen fliehend, wählte e schließlich nur die Nacht und ben Mondschein zum Verlassen des Hause1, da dieser ihm „mit seinen fünften Lichtern die Grenzen der engen u - geschlossenheit verhüllte." So qualvoll, einem Gefangenen gleich, emp- fand er sein Jugenddasein, und hart am selbstgewählten -rode vor führte sein Weg. m„h,r Aber wie leidvoll selbst für eine kräftigere, weniger ueroofe als die des Züricher Dichters die Kinderjahre sich durch eine ube g Phantasietätigkeit gestalten können, davon geben die Auszeichnung mßte i an= : der Tiani) kom- noch überden!" ichiig t an- auf- ; und Was aben! iunbe ieiner mich ochen achen 1 nur nach llüifte te ich erden über- usttag arger mich plau- meine e der 'lütter i mir s an- elek- f) wie jeder i und ljuppe m-" n der i) ein- ■cfen!" Irenen chickjal in das n, die idmal- e dem chmerz iß der z ver- lebilde wund- Leide lumpsi inftler» späten - Tod kenden > ewig hatten, ,eit zu gleicher Seine rnigen Jebro- cheuer, ilte er jauses, i Ein- emp- vorbei Natur lerrege lungert h6e(s Kunde. Hatten doch die nächtlichen Angstgebilde seiner n.wend Io scharfe Züge und solche Lebendigkeit gewannen, daß sie noch reifen Mann in seinen Fieberträumen verfolgten, und selbst am Taae litt der Knabe unsäglich unter einem ins Krankhafte gestei- Grauen vor allem Häßlichen. Aber auch die trostlosen äußeren a/bensumstände, das harte Wesen des Vaters, der es nicht leiden konnte, die Kinder lachten; das allmähliche Hinabgleiten aus leidlicher E habenbeit zu immer größerer Armut, doppelt drückend unter den Äs’ unb besitzstolzen Dithmarschen Bauern, die den Knaben alle Er- I Krigungen der Verstoßung in die Paria-Kaste auskosten ließen haben °iiiaendlust und Unbefangenheit in ihm ertötet. Und wahrend sich Ernst «ietschel aus der noch armseligeren Enge seines Elternhauses fern twnes bescheidenes Kinderparadies zu retten gewußt hat, dessen selbst I r’ „ife Mann dankbar gedenkt, ließen Hebbel diese bitteren Erkennt- ' ä frühzeitig den Zauberkreis der Kindheit überschreiten. Dock ein Mann, der niemals Kind gewesen, dem die unbarmherzige Pebensnot den Prägestempel frühreifer Klugheit schon im zartesten Lebensalter aufgedrückt und ihn die Spiele seiner glücklicheren Gefährten mUden gelehrt hat, war der Stendalcr Flickschusterssohn W> n ck e l - mann Kein schneidenderer Gegensatz als die schwere Stickluft der stroh- aedeckten niedrigen Hütte, deren einziger, trüb erhellter Raum zugleich Lrfftatt Schlafkammer und Wohnstube war, und jenes hohe Ideal edl-r Einfalt und stiller Große, dessen flammender Apostel hier emporwuchs. Eine nie gelebte Jugend war der Preis den er dafür gezahlt Mit eisernem Fleiß alle Hindernisse überwindend, die sich dem Besuch C Lateinschule, dieser ersten Stufe auf dem Weg zum Licht, entgegen» Mten suchte er Freitische, fang in Wind und Wetter als Currende- cküler' vor den Türen und bei Begräbnissen und erteilte jüngeren Schülern Unterricht. Seinen kargen Verdienst teilte er mit feinen, bitterste mot leidenden Eltern, und in angstvollem Stöhnen rang sich immer wieder das Gebet von seinen Lippen, daß ihn ihre Armut nicht in Schmach und Schande endigen lassen möge. Bis endlich die Fesseln fielen Md die Sonne Homers auch ihm leuchtete. Wie schon auf den schwachen Kinderschultern Winckelmanns die Sorge um seinen und seiner Eltern Lebensunterhalt gelastet, so waren es ähnliche Beweggründe, durch die veranlaßt, der Baier Beethovens seinen Sohn bereits im zartesten Kindesalter tagelang, ja selbst m den Nächten mit eherner Strenge an das Klavier bannte, mochte auch ein - mühsam niedergekämpftes Weinen des Kleinen die Begleitmusik zu seinen Uebungen bilden. Es war eine drückende, freudlose Atmosphäre, in der der Knabe, scheu in sich gekehrt, heranwuchs, in der auch die stille, leidende i Mutter das Lachen verlernt hatte und müde dahinwelkte. Mit ihrem Tode senkten sich die finstersten Schatten der Not auf das verwaiste Haus und feinen einzigen Erhalter, den 17jährigen Ludwig; denn der Datei, immer tiefer in die Bande des Dämons Alkohol verstrickt, mußte feines Dienstes enthoben und gleichsam unter die Kuratel seines Sohnes gestellt werden, auf dem allein nun die Sorge für den kinderreichen Haushalt, die Erziehung der Geschwister und für die eigene Fortbildung im Dienste feiner Kunst ruhte. Aber wie schwer und niederdrückend auch die frühe Lebensnot auf all diesen sonnelosen Kinderleben gelastet, ein Elternhaus eine Hemmt, und war sie auch noch so armselig, noch so leiderfullt, hatte sie doch schützend und tröstend umhegt. Der Jugend S e g a n t i n i s war auch diese Zu- I flucht verfugt geblieben. Schon der Sechsjährige, der Obhut einer hart um das tägliche Brot ringenden Stieffchwester anuertraut, blieb monate= i lang tagsüber eingefchloffen in einer Dachkammer, allem nut feiner Sehnsucht nach der toten Mutter, dem fernen Vater, gepeinigt von taufend wilden Aengsten, die sich ins Maßlose steigerten, wenn die I Kirchenglocken dröhnten ober eine Ratte durch die Kammer raschAte, und die er vergeblich durch lautes Singen zu bannen versuchte. Wer wagte es, die Seelen quälen dieses hilflosen Kindes, die Minuten zu Ewigkeiten dehnten, nachgrübelnd bis ins letzte durchzuleben. Und dann ! nach einem Fluchtversuch, der dem Knaben den kurzen Gluckstraum der Befreiung und eines Hirtenidylls gebracht, die furchtbaren, wieder von Fluchtversuchen unterbrochenen, verlorenen Jugendjahre in der Mailänder Corrigenden-Anftalt — das sind die PaffionsstaUonen der Ucht- lofen Kindheit Segantinis. ,,, «« « Waren es im letzten Grunde dunkle, dem menschlichen Wollen entrückte Gewalten, die in schicksalsschwerer Verkettung all diese Kmder- iragöbien gestaltet haben, so hat der bewußt und rücksichtslos [einem Ziele zustrebende väterliche Ehrgeiz, ein Wunderkind aus dem Heinen Anton Rafael Meng s zu bilden, das Kind um des Wunders willen geopfert. Einem (Befangenen gleich wurde er wie feine Gefchwister mit Schlägen und Strafen von frühester Kindheit zum Zeichnen und Malen angehalten. Kein Wort unterbrach die lautlos dahingleiienden, ganz der Arbeit gewidmeten Stunden, und nur zur Nachtzeit durften die Kinder, von deren Existenz man in der Stadt lange überhaupt nichts wußte, Haus unter der Obhut des Vaters verlassen, um frische Luft zu schöpfen. Rafael Mengs hat — dank oder trotz dieser Erziehung — tue höchsten Ehren geerntet, die einem Maler feiner Zeit zuteil werden konnten. Wer aber mochte entscheiden, ob sie ihm eine verlorene Welt des Jugendgluckes zu ersetzen vermochten? ,. . . Ein Schauspielerkind: Welch romantifcher Schimmer, welch buntes Gewebe von Glanz und Ruhm, von Freiheit und Lebensfreude scheint um dieses Wort zu spielen. Aber die leiderfüllte Tragödie, die sich m Wahrheit dahinter birgt, sie hat Europas größte Menfchenblldnerin, hat Eleonora Düse, diese wundersame Zauberblüte einer durch Generationen auf der Bühne verwurzelten Familie, durchlebt und durchlMen. Nicht freie Wahl, sondern äußerer Zwang, drückend empfundene Schick- [alsgebunbenßeit haben diese figlia del arte zum Theater geführt. jenem Briefe, den sie unmittelbar vor ihrem Berliner Auftreten m Sudermanns „Heimat" an den Dichter richtete, und in dem sie sich selbst der Heldin des Dramas qegenüberfteüt, geht sie mit ihrem Schicksal ins Gericht; „Magda hat 17 Jahre ihres Lebens im elterlichen Haufe znge- bracht. Bei der, die Ihnen schreibt, nichts davon. Mit vierzehn Jahren L Ö°9 man ihr lange Kleider an und sagte zu ihr: Du mußt ~tjeater spielen." Gibt es eine leidenschaftlichere Anklage gegen' ein Sem Kinds aufgezwungenes, die Jugend vernichtendes Lebensfchickfal als diefes „Du mußt" der Dufe? Als die Vierzehnjährige zum ersten Male die Julm pleite, da stand in müder Schlaffheit ein fcheues, kleines Wesen auf den Brettern, niedergedrückt durch das Bewußtsein der großen Armut, die auf ihm lastete. Denn ihr, die wie ein Zigeunerkind herumge^chleppt wurde, von Bühne zu Bühne, waren Entbehrungen, war selbst der Hunger ein früher Weggenosse; von ihm gepeinigt, eilte sie m das Hospital zur kranken Mutter, um dort heimlich die für sie aufgehobene Suppe zu verzehren. Und als diese einzige Trösterin verschied, da besaß das armselige Komödiantenkind nicht ein paar Saldi für das bescheidenste Trauergewand. Das war die glücklose Kindheit der Dufe, der wenige Jahrzehnte später zwei Erdteile, hingerissen in maßloser Ekstase, zugejauchzt. Sie aber, die große Bildnerin urewigen Menschenleides, chritt still und müde dahin, eine Wissende um den tiefsten Urgrund alles Schmerzes — in ihren Zügen den unauslöschlichen Grameszug jener tragend, denen das Leben die Jugend schuldig geblieben ist. Regsnstunde. Von Anton Schnack. Daß ich müde ward und ganz vertrauert, Ach, der Regen rauscht jo schwer vom Dach, Diese Stunde nimmt kein Ende, dauert. Schwarzes Dunkel kommt in das Gemach Ich bedenke nichts, ich kann nur träumen Und im Träumen ganz versunken sein, Oder in den wurmzerfressnen Truhen räumen, Nach vergilbtem Tand und altem Elfenbein. Immer hör' ich, wie der Garten rauscht Unterm Regen und verschlafnen Wind. Keiner fitzt bei mir, der mit mir lauscht, Keine Mutter, kein verstörtes Kind. Ging die Türe? Wer soll sie betreten? Ging das Tor? Von wessen Hand berührt? Unter seinem grauen Stein sind Kröten Und die Spinnen, scheu und aufgeftürt Schlürft ein Schritt im dunklen Riesengange? Keiner fände sich jedoch zurecht; Denn die trübe Dunkelheit ist lange Und die Stufen find vermorscht und schlecht. Weht ein Atem? Ach, es ist nur Wind, Der mit kaltem Zuge durch die Türe pfeift. Wie es nächtigt! Wie es trostlos rinnt Und mit Schwermut grausam nach mir greift ... Wie man Rundfunkredner wird. Von Frank Warschauer. Einfach ist es nicht, im Rundfunk zu sprechen! Das merken nicht nur die Vortragenden selbst, sondern oft genug zu ihrem Schaden die Hörer Da sitzt man manchmal vor seinem Apparat und hort einen Vortrag über ein Thema, das einen brennend interessiert. Man gibt sich alle Muhe, dem Vortragenden aufmerksam zu folgen — aber immer wieder schweifen die Gedanken ab, schließlich denkt man sich ärgerlich: ach, wenn ich doch einmal lesen konnte, was der Mann da gesagt hat — man wünscht sich von der Segnung des gesprochenen Wortes, das doch eigentlich verständlicher und eindringlicher sein konnte als jeder Buchstabe, zuruck zum Buck Vielfach können die Gründe für dieses Versagen des Rundfunk- redners fein; vielleicht spricht er die Worte.nichk deutlich aus, so daß es schon rein physisch Schwierigkeiten bereitet, zu verstehen, was er jagt; ober feine Ausdrucksweife ist gewunden und kompliziert, er hat durchaus nickt die Gabe, seine Gedanken auf die einfachste Formel zu bringen, und deshalb gibt er dem armen Hörer dauernd Rätsel auf; oder er benutzt mehr Fremdworte, als notwendig sind; und manchmal kommt es vor, daß alle diese Fehler vermieden sind, auch keine Dialektanssprache stört, und eigentlich eine tiefe Wirkung von dem betreffenden Vortrag ausgehen müßte, aber sie ist dennoch nicht zu spüren. Irgend etwas daran ist verkehrt _ aber was ist das eigentlich? Redner, Hörer und Sendegefell- fchaft'en haben ein gemeinsames Interesse daran, dies möglichst genau zu erfahren, den Mangel zu bekämpfen und wenn möglich, zu befeitigen. Denn ein Vortrag, dem man nicht folgen kann, ist ein Schlag ins Wasser. Wenn man einen gedruckten Aussatz vor sich hat, und es fallt einem schwer, Teile davon oder das Ganze zu verstehen — bann lieft man ihn noch einmal. Aber das gesprochene Wort des Rundfunks ist im allgemeinen unwiederbringlich verflogen — und wenn eine Wirkung davon ausgehen fall, fo muß sie in dem gleichen Augenblick erfolgen, m dem es erklingt und aus einem Mund in die Ohren der Hunderttaufende. briDa5 Reden im Rundfunk will gelernt fein! Denn erstens find überhaupt nicht viel Leute fähig, auch im gewöhnlichen Leben, sei es in der persönlichen Unterhaltung, in der Schule, im Vortragssaal, in der politischen Debatte, in den Hochschulen gut und zündend zu sprechen. Bis vor kurzem herrschte ja das geschriebene und gedruckte Wort als Hilfsmittel der Verständigung, der Mitteilung und Belehrung an größere Massen von Menschen; es herrschte schon deshalb, weil es praktischer Verantwortlich: Dr. HanL Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Llnivers itätS-Buch-. und Steindruckerei. A. Lange, ®ic6en' war. Denn der Hörerkreis eines Vörlrägs e!wa ist eng begrenzk, wenn er nicht durch Rundfunk übertragen wird, viel enger als der Leserkreis etwa einer Zeitung oder eines Buches. Wie groß die Gewöhnung in Schreiben und Lesen war, das ist auch aus gewissen Ausdrücken unserer deutschen Sprache zu erkennen; so sagt man etwa von einem Professor, der an der Universität lehrt: er hält „Vorlesungen", er „liest" über ein Thema. Wir hatten eine Kultur des Buches und des Schreibens, aber nicht des Sprechens. Und nun ist der Rundfunk gekommen, und hat eine ganz neue Situation geschaffen. Und wenn nun schon das Reden-Können an sich eine seltene Begabung ist, so kommt im Rundfunk noch als Schwierigkeit hinzu, daß man dort unter besonderen Bedingungen spricht, die studiert werden müssen. Die Entfernung des Sprechenden vom Mikrophon, die Stärke keiner Stimmgebung, Monotonie oder Farbigkeit — dies und viele an- oere Momente spielen dabei eine Rolle. Und dieses Studium der Rundfunkrede ist nun praktisch in Angriff genommen worden. Seit einiger Zeit befindet sich an der Berliner Hochschule für Musik eine Rundfunkversuchsstelle. Das ist der Ort für Versuche und Uebungen dieser Art, auf allen Gebieten, die dabei in Frage kommen — für Musik so gut wie für gesprochenes Wort. Hier ist der erste Kursus für das Sprechen im Rundfunk eröffnet worden. Und zwar hat man dafür die Form einer Arbeitsgemeinschaft gewählt, an der sich gegen geringes Honorar jeder Interessierte beteiligen kann. In erster Linie ist dabei an die Technik des Rundfunkvortrages gedacht, während die ebenfalls brennend wichtigen Fragen künstlerischer Sprachgestaltung und Rezitation vorläufig noch beiseite gelassen werden, um eine klare Abgrenzung des Arbeitsgebietes zu finden. Geleitet wird der Kursus von zwei Personen; hier braucht man als Lehrer erstens eine Persönlichkeit, die sich speziell mit Sprachtechnik beschäftigt hat — das ist in diesem Fall der Lektor der „Deutschen Welle" Graef; und zweitens einen Psychologen und Stilisten, und diese letztere Funktion hat Dr. Würzburger, Abteilungsleiter der Deutschen Welle, übernommen. In der Berliner Rundfunkoersuchsstelle ist einmal die ganze Apparatur eines Aufnahmeraumes aufgebaut, mit allen Hilfsmitteln der akustischen Raumveränderung, durch die der Schall mehr oder weniger . stark gedämpft wird, mit verschiedenen Mikrophonen, allen notwendigen Berftärkersätzen ufw. Und dann gibt es noch verschiedene Besonderheiten, die in diesem Falle besonders nützlich und notwendig sind. Denn dort kann man die einzigartige Gelegenheit haben, sich selbst zu hören, sei es nun sprechend oder musizierend. Sie meinen, man höre sich doch fortwährend, wenn man nicht gerade taub ist?! Das schon — aber nicht richtig. Dazu muh man schon die Technik zu Hilfe rufen. Sie bietet einem hier etwas Aehnliches wie ein vielfach verbessertes Grammophon, freilich mit anderen Mitteln als in der Schallplattenindustrie üblich. Man spricht wie im Aufnahmeraum in ein Mikrophon — und knapp nachdem man geendet, kann man das Gleiche schon wieder reproduziert vernehmen. Aus dem Lautsprecher tönt einem die eigene Stimme und Sprache entgegen — und keiner, keiner kennt sich wieder. Jeder behauptet, es müsse da irgend ein Irrtum vorliegen — bin ich das wirklich?, ist die allgemein übliche Frage. Der Mensch hat im allgemeinen, obwohl er sich doch dauernd hört, keine Ahnung, wie er spricht — das ist die merkwürdige Erfahrung, die man hier macht. Er muß erst in diesen „akustischen Spiegel" blicken, wie man das wohl genannt hat, um es zu erfahren. Der „Stillesche Schreiber" vollbringt dieses Wunder, bei dem die Klangeindrücke auf einem magnetisierbaren Draht festgehalten und leicht wieder ausgelöscht werden können. Die Wiedergabe erfolgt dabei genau wie im Rundfunk durch die gleichen Lautsprecher. Und damit ist nun einmal die erste Vorbedingung zur Schulung des Rundfunkredners gegeben. Wenn er vorher nur ahnte, wie er im Rundfunk wirkt, und sich, um darüber orientiert zu sein, mehr oder minder ängstlich bei seinen Bekannten erkundigen mußte: hat es Ihnen gefallen? — so kann er sich jetzt selber hören, und damit kontrollieren. Meist fallen ihm dann schon selber die gröbsten Fehler auf. Und der Unterricht spielt sich dort folgendermaßen ab: Einer der Teilnehmer wird aufgefordert, ein Stück eines Vortrages zu sprechen. In dem Raum, in dem die Teilnehmer des Kursus versammelt sind, hört man seine Stimme aus dem Lautsprecher, denn er befindet sich dabei an anderer Stelle. Dann kommt er zu der Arbeitsgruppe zurück — und alle zusammen hören nun, mit den beiden Leitern, das gleiche Stück noch einmal an aus dem „akustischen Spiegel" des Stilleschen Schreibers. Und nun ist etwas sehr Bemerkenswertes festzustellen: noch ehe die Leiter sich kritisch geäußert haben, sind sich die Teilnehmer meist einig über den Charakter der Fehler, die der Sprechende gemacht hat. Der' eine spricht zu monoton, der andere wieder zu unsachlich, einer legt zu viel Nachdruck auf jedes Wort und zerreißt dadurch den gedanklichen Zusammenhang, ein vierter sächselt bedenklich, ein ■fünfter hat einen Sprachfehler, der spricht das s zu schwach, jener die Bokale zu dumpf — alle diese Einzelheiten werden dann gemeinsam erörtert. Und die gleiche Bedeutung kommt der Gestaltung der stilistischen Darstellung zu. Die Vortragenden kommen aus ihren verschiedenen Berufen, oft sind sie ohne jede Berührung mit den breiten Massen des Volkes — da müssen sie lernen, sich erst einmal zu vergegenwärtigen, mit welchen Voraussetzungen der Hörer im allgemeinen an den Apparat herangeht — daß er vielleicht müde ist, sicher immer sehr kritisch — und wie man es anfängt, seine Aufmerksamkeit zu spannen und wach zu erhalten. Das alles wird hier gelehrt; und wenn man schon jetzt feststellen kann, wie viel lebendiger die Borträge an den deutschen Sendern in den letzten Jahren dank der dahin zielenden Bemühungen der Sendeleitungen geworden sind — so wird das systematische Studium und die Ausbildung, wie sie an der Berliner Versuchsstelle erfolgt, sicher eine weitere günstige Entwicklung nach diefer Richtung hin vorbereiten. lieber das Ralfe! unserer Haut. Von Professor Dr. Max Bergmann, Dresden. Die Erfinder der Dampfmaschine, des Phonographen und des Lust schiffs sind in aller Mund. Aber niemand nennt uns den oder die Erfinder der ersten Fellkleidung oder würdigt auch nur den geistige Schöpfungsakt jener primitiven Urmenschen, welche den Gedanken ausdachten, ihre eigene Haut durch das Fell eines erlegten Jagdtieres vor Kälte und Beschädigung zu schützen, oder den weiteren Gedanken, Fellkleid durch Präparation, durch „Gerben" geschmeidig zu machen. Unb doch sind solche Erfindungen nicht nur die ältesten, sondern auch die für die Erhaltung und Ausbreitung des Menschengeschlechts nachhaltigste« geblieben. Auch der verwöhnte moderne Kulturmensch braucht nicht z« fürchten, als ein „Esel in der Löwenhaut" verlacht zu werden, wenn« sich in Leder oder Pelz kleidet. Wir haben es auf vielen Gebieten erlebt, daß unser hochentwickeltes technisches Können Wege gefunden hat, von der Natur zur Verfügung gestellte Materialien nachzuahmen oder sie sogar durch Kunstprodukte zn übertreffen. Bei Haut und Leder ist uns dieser letzte Erfolg bisher versagt geblieben. Zwar wissen wir feit langem — und man kann dies ja bei gewaltsamem Zerreißen von Leder unschwer erkennen — daß die Haut ein inniges Geflecht aus langen dünnen Faserbündeln ist. Wir sind uns aber selten dessen bewußt, daß alle die Gewebe, die wir uns aus Tier- und Pflanzenfasern herstellen, im Grunde nur Nachbildungen des Gewebes von Haut und Leder find, geschickte, aber in vieler Hinsicht doch nur recht unvollkommene Nachbildungen. Die Ueberlegenheit des Hautgewebes hängt zusammen mit seinen vielseitigen biologischen Aufgaben. Denn das Kleid, das uns die Natur auf den Leib geschnitten hat, darf nicht zu eng oder zu weit, und muß geschmeidig und elastisch sein, um jeder unserer Bewegungen Raum zu bieten. Wir alle kennen das unangenehme, stickige Gefühl, daß Gummihandschuhe oder ganze Kleidungsstücke aus Gummi verursachen und dürfen daraus auf einen lebhaften Gasaustausch schließen, den unser Körper mit der Umgebung durch die Haut hindurch aufrechterhalten möchte. Sie Haut ist sehr porös für Luft, Wasserdampf und andere Gase. Andererseits darf sie bei aller Porösität doch nicht leicht passierbar sür Flüssigkeiten und besonders für Wasser sein; sonst würden ja jeder Regen und jedes Bad für uns ein Verlust wertvoller Körpersäste und damit Lebensgefahr bedeuten. Neben diesen unmittelbar einleuchtenden vorzüglichen Eigenschaften des Hautgewebes gibt es noch zahlreiche andere, die uns nur durch ein wissenschaftliches Instrumentarium erkennbar gemacht werden. Wir werden die Aufgabe jeder Art von Gerberei darin erblicken, alle die erwähnten einzigartigen wertvollen Eigenschaften der Haut auch dem Leder zu erhalten und dabei, je nach dem besonderen Verwendungszweck des Leders, auf die eine oder die andere Eigenschaft gesteigerten Wert legen: beim Treibriemen wie beim Handschuh auf zarte Weichheit und Dehnbarkeit, bei der Schuhsohle auf dauerhafte Widerstandskraft gegen die Unebenheiten des Bodens und gegen Nässe, trotz hinreichender Luftdurchlässigkeit; bei Pelz- und Lederkleidung auf das Spenden eines behaglichen Wärmegefühls. In jahrtausendlangem instinktmäßigem Probieren zahlloser Einzelpersonen hat die Menschheit Methoden erlernt, um Lederarten zur Befriedigung aller der erwähnten Einzelwünsche herzustellen und hat ihre Kenntnis durch Weitergabe vom Meister an den Gesellen erhalten. Es ist ein weiter Weg von jenen primitiven Völkern, welche im Familienkreis Tierfelle durch langwieriges Kauen mit den Zähnen oder durch Klopfen mit Steinen herrichteten, bis zu den modernen Riesenbetrieben, die täglich viele Tausende von Grohtierhäuten mit Maschinen verarbeiten. Und es ist ein ebenso großer Schritt von jenem allen Tychios in Hyle, der von Homer als Berfertiger des fiebenhäuiigen Kampfschildes des Ajax besungen wird, „hoch berühmt in des Leder- Bereitungen", bis zu jenen farbenprächtigen Gebrauchs- und Luxus- gegenständen, die unser Kunstgewerbe aus allen möglichen Tierhäuten herstellt und die so gar nicht mehr „ledern" aussehen. Aber alle diese empirisch gefundenen Fortschritte, mögen sie noch so bedeutend sein, befriedigen uns heute nicht mehr. Im gegenwärtigen Umstellungsprozeß von Handwerk zur Groß- industrie kann sich der Gerber nicht mehr zufrieden geben mit roher Empirie und ererbten Rezepten, sondern er verlangt nach wissenschaftlich fundierter, gründlicher Materialkenntnis, um darauf eine rationelle Materialbearbeitung aufzubauen. Darum sehen wir in allen Kulturländern Forschungsstätten zur Pflege der verhältnismäßig jungen Wissenschaft der Gerbereichemie erstehen. Ursprünglich hat diese Wissenschaft ihr Interesse mehr auf die analytische Chemie der Gerbstoffe, jener Stoffe, welche aus Haut Leder machen, konzentriert und auf die anderen chemischen Hilfsstoffe des Gerbers; erst allmählich und besonders im letzten IM- zehnt wagt sie den schwierigen Schritt zur Erforschung des chemischen Feinbaues der Hautfaser, jener Eingelfasern, von denen immer viele zu Bündeln zusammengefaßt in der Haut liegen. Wir wissen, daß der chemische Feinbau der Hautfaser, der weit jenseits der Grenze M mikroskopisch Sichtbaren liegt, bestimmend ist für das ganze physikalische und chemische Verhalten der Haut, also auch für die Eigenschaften des daraus gegerbten Leders, und darum arbeiten wir, besonders auch >" Deutschland an neuen wissenschaftlichen Untersuchungsverfahren, die uns jene Kenntnis, die wir nicht durch unsere Augen erlangen können, «u indirektem Weg ermitteln sollen. In dem Maße, wie wir der Techm eine Erweiterung ihres Wissens nach dieser Richtung ermöglichen, sie ihre Arbeitsmethoden zu jener Harmonie zwischen dennaturgegevem Eigenschaften ihres tierischen Rohstoffes und den erwünschten t-iM schasten ihres Fertigfabrikates entwickeln können, die das Endziel je vernünftigen technischen Arbeit ist. Eine solche wissenschaftliche Gerb« - chemie von höherer Warte aus, die übrigens auch viele andere von Wissenschaft und Wirtschaft befruchtet, sührt über eine Ration«»! - rung und Intensivierung der Erzeugung auch zu ihrer Verbilligung.