GiehenerKmilieMiitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Montag, den Z. Januar Nummer 2 Irhrgang J929 Oft in der stiüen Nacht.., Von Otto Julius B t e r b a u m. Oft in der stillen Nacht, wenn zag der Atem geht und sichelblank der Mond am schwarzen Himmel steht, wenn alles ruhig ist und kein Begehren schreit, führt meine Seele mich in Ktndeslande weit. Dann seh' ich, wie ich schritt unfest mit Füßen klein, und seh' Mein KindeSaug' und seh' die Hände mein, und höre meinen Mund, wie lauter klar er sprach, und senke Meinen Kopf und denk' mein Leben nach: Bist du, bist du allweg gegangen also rein, wie du gegangen bist auf Kindesfüßen klein? Hast du, hast du allweg gesprochen also klar, wie einsten deines Munds lautleife Stimme war? Sahst du, sahst du allweg, so klar ins Angesicht der Sonne, wie dereinst der Kindesaugen Licht? Ich blicke, Sichel, auf zu deiner weißen Pracht; tief, tief bin ich betrübt oft in der stillen Nacht. Ein Kind hat Kummer« Von Erich Kästner. „Mahlzeit, Mama!" sagte Jochen, als ihm seine Mutter die Tür öffnete, und hüpfte an ihr vorbei, aus dem rechten Bein durch den Korridor. Im Wohnzimmer schlug er einen Purzelbaum, blieb platt auf dem Rücken liegen, lachte laut und hielt sich den kleinen Bauch. Die Mutter fegte sich still aufs Sofa und blätterte in einer Zeitung. „Naumanns Richard hat heute in Erdkunde gesagt, in Indien wohnten die Indianer! Herrschaften, ist das ein blödes Kind! — Und der Schmiedel hat den Berger hintenrein gezwickt, daß der wie verrückt aufsprang und Herr Jäschke fragte, was los sei. Und da hat Berger gesagt, er müßte ganz bestimmt einen Floh haben. Da ist der Schmiedel aus der Bank raus, hat sich überall gejuckt und hat geschrien: neben Jungens, die Flöhe Hütten, könnte er nicht sitzen. Das verböten ihm auch seine Eltern. Wir haben uns totgelacht!" Jochen lachte noch einmal, in Erinnerung an den Vormittag, setzte sich dann hoch, hakte den Ranzen ab und musterte das Gesicht der Mutter. „Magst du heute keinen Spaß? fragte er, bekümmert wie ein Haus- war. melancholisch weißt du? arzt ... Sie stand auf und sagte: „Wir wollen essen'. „Was gibt'« denn?" „Makkaroni mit Schinken." „Und mit geriebenem Käse?" „Ja, das auch." „O, wie mich das freut!" Jochen stand auf und tanzte eine Art Schuhplattler. Diese Springerei schickte sich nicht recht zu dem ernsten Blick, mit dem er die Mutter heimlich beobachtete. — Dann trug die Mutter das Essen auf, und der Junge war damit beschäftigt, die Mak- karonischlanaen aufzuspießen und in den offenen Mund zu balancieren. Ais er den Teller kahlgcaessen hatte, gab ihm die Mutter mehr. Er nickte ihr begeistert zu und sah dabei, daß ihre Portion nord unberührt Er wagte lange nicht zu fragen, was wäre, und stochert melanch„.,,^ im Essen herum. Schließlich vertrug er die Schweigsamkeit nicht weiter. „Mama ... Habe ich nicht gefolgt? Man weiß das manchmal selber nicht ... Oder haben wir kein Geld? Der Schinken war gar nicht nötig. Er legte zärtlich seine Hand auf ihre. Doch die Mutter trug rasch das Geschirr ab, setzte den kleinen Hut auf und sagte, sie käme gleich wieder. Er möge mit den Schularbeiten anfangen. Dann schlug die Bor» sanitär. ">x-o,en öffnete das Fenster und beugte sich weit hinaus. Er sah die Mutter aus dem Hause treten, langsam die Straße hinunterlaufen und in die Scheunenhofgasse einbiegen. Er setzte sich trübselig an den Tisch, holte den Ranzen und die Tinte und begann am Federhalter zu kauen. Die Mutter kam bald zurück. Sie hatte Blumen besorgt, holte in der blaugetupften Vase Wasser, stellte den Strauß hinein, zupfte an den Stengeln, schloß das Fenster, blieb schweigend davor stehen, wandte dem Knaben den Rücken und schwieg. „Schöne Blumen", sagte Jochen, hielt dabei die Hände fest gefaltet und konnte kaum atmen. Seine Mutter stand wie ein fremder Gast im Zimmer, hatte vergessen, den Hut abzusetzen, und zuckte mit den Schultern. Am liebsten wäre er zu ihr hingelaufen. Aber er stand nur halb vom Stuhle auf und bat: „Sag' doch ein Wort, Mama!" Seine Stimme klang klein und heiser, und wahrscheinlich hatte sie ihn gar nicht gehört ... Und dann fragte sie, ohne sich umzuwenden: „Den Wievielten haben wir heute?" Er wunderte sich zwar über diese Frage, lief aber eilig zum Wandkalender hinüber und las laut: „Den 9. April!" „Den 9. April", wiederholte sie leise und preßte das Taschentuch vor den Mund. Und plötzlich wußte er, was ihm gesckehen war! Die Mutter hatte heute Geburtstag, und er hatte ihn vergessen! Er fiel auf seinen Stuhl zurück und zitterte. Er schloß die Augen und wünschte sich nur eines: auf der Stelle zu sterben ... So lieb hatte er sie, und sie waren ohne Freunde und Verwandte in dieser Stadt. Sie hott« keinen anderen Gedanken als den an ihr Kind, und er war ein verspotteter Musterknabe geworden, um ihr jeden Kummer zu ersparen. Und nun hatte er ihren Geburtstag vergessen! Selber hatte sie sich einen Blumenstrauß kaufen müssen, stand am Fenster und war von aller Welt verlassen. Und er durfte nicht einmal hingehen und sie streicheln. Denn sic konnte ihm nicht verzeihen . Wenn er doch wenigstens gewußt hätte, wie man geschwind sehr krank würde! Denn dann wäre sie ja an sein Bett gekommen und wieder gut zu ihm gewesen. Er stand auf und ging leise zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und fragte bittend: „Hast du gerufen, Mama?" Aber sie lehnte still und unbewegt am Fenster. Da ging er hinaus; hinüber ins Schlafzimmer; setzte sich aufs Bett und wartete, daß er weinte. Aber es kamen feine Tränen. Nur manchmal schüttelte es ihn, als halte ihn jemand am Kragen. Dann suchte er fein gespartes Geld. Cs klapperte in einem Vlech- büchschen, und es waren fast zwei Mark. Das hatte ja nun alles keinen Zweck mehr ... Aber er nahm es und tat's in die Tafche Ob er vielleicht doch noch hinunterlief und etwas holte? Er konnte es nachher durch den Briefkasten werfen und fortlaufen. Und nie mehr wiederkommen! Schokolade war leicht durch den Briefkastenspalt zu schieben und eine Gratulationskarte dazu, „Von Deinem tief unglücklichen Sohne Jochen" unterschrieben ... So würde ihm die Mutter wenigstens ein gutes Andenken bewahren können. Auf den Zehenspitzen schlich er aus der Kammer, den Korridor entlang, klinkte die Vorsaaltür auf, trat auf den Flur und schloß die Tür wie ein Dieb ... Die Mutter hatte noch lange am Fenster gestanden und durch die Scheiben geblickt, als läge dort draußen ihr armes, trübes Leben ausgebreitet. Daß ihr Junge den Geburtstag vergessen hatte, schien ihr von heimlicher Bedeutung. Auch er ging ihr allmählich verloren, wie alles vorher, und nun verlor ihr Leben den letzten Sinn. Endlich regte sich in ihr ein wenig Mitleid mit dem kleinen Kerl. Wo mochte er stecken? Er hatte seine Vergeßlichkeit längst bereut. Sie durfte nicht hart sein. So erschrocken war er gewesen, und „Hast du gerufen, Mama?" hatte er gefragt, bevor er mutlos das Zimmer verließ. Sie begann ihn zu suchen. Sie trat ins Schlafzimmer. Sie ging in die Küche. Sie lief ins Bad. Sie suchte hastig den Korridor ab und schaute hinter die Schränke. Sie rief ihn, bald laut und bald zärtlich. „Jochen, komm! Ich bin dir doch wieder gut — Jochen!" Er war nicht in der Wohnuiig. Er war forigelaufen! Sie wurde sehr unruhig und rief bittend seinen Namen. Er war fort ... Da riß sie die Wohnungstür auf und rannte die Treppe hinunter, ihren Jungen zu suchen. Inzwischen kaufte Jochen Schokolade. Die Verkäuferin — eine alte Same mit einem Kropf — sah ihn mißtrauisch an, als er, mit tob« trauriger Miene, zwei Tafeln von der besten Milchschokolade verlangte. „Es ist für einen Geburtstag", sagte er. Da wurde sie freundlicher, wickelte die Tafeln geschenkmäßig tit Seidenpa pler und band gar ein dlußblaues Seidenband herum. Er bedankte sich, zahlte und ging dann in ein Schreibwarengeschäft. Er suchte eine Gratulationskarte aus. Sie mär wundervoll: Einen fidel schmunzelnden Dienstmann sah man daraus, der in jedem Arn, einen großen Blumentopf hielt. Zu feinen Füßen stand hi goldener Schnörkelschrift: „Die herzlichsten Glück- und Segenswünsche zum Wiegenfeste". Der Knabe betrachtete das schöne Bild recht wehmütig, stellte sich hinter das Schreibpuit und malte, mit mühevoller Schönschrift, auf die Rückseite: „Von Deinem tief unglücklichen Sohne Jochen. Und sei mir nicht mehr böse, liebe gute Mama. Viele Küsse und lebe mohli" Als er gezahlt hatte, besah er noch fünfzehn Pfennige. Er nahm feine Karte, klemmte sie unter die Seidenschleife des Schokoladenpäch- ckiens und lief schnell auf die Straße hinaus. Ihn überkam jetzt große Rührung wegen feines Schicksals. Und nun, auf der Straße, fanden sich auch Tranen ein. Sie rannen ihm über die Backen, und er schluckte tapfer und ging mit gesenktem Kopf. Im Hause überfiel ihn große Angst. Wie ein Indianer auf dem Kriegspsade schlich er sich die Stufen hinauf und vor die Tür Er öffnete die Klappe des Briefkastens und warf sein Geschenk hinein. Das machte Lärm, und er bekam Herzklopfen. Doch in der Wohnung rührte sich Nichts, Eigentlich hätte er >a nun schnell fortlaufen und irgendwo sehr rasch sterben müssen! Aber er brachte das nicht ohne weiteres fertig, sondern drückte zaghaft auf die Klingel und rannte dann ein Stück die Treppe abwärts ... Er wartete. Es rührte sich nichts, nichts ... Da wagte er sich noch einmal bis an die Tür. Und er klingelte wieder. Und wieder versteckte er sich im Treppenhaus. Und wieder war nichts zu hören! War sie denn gar nicht in der Wohnung? Wenn ihr etwas passiert wäre! Vielleicht hatte sie den Gashahn aufgedreht, um sich vor Kummer zu vergiften? Er stürzte zur Tür zurück, klingelte, klopfte, schlug an den Briefkasten, hieb mit den Fäusten gegen die Türfüllung. Er rief durchs Schlüsselloch: „Mama, Mama! Ich bin's! Mach mir doch auf!" Dann sank er schluchzend auf dem Strohdeckcl in die Knie. Nun war alles aus! * Die Mutter war vergeblich in den benachbarten Straßen herumge- lausen. Sie hatte in allen Geschäften, wo man sie kannte, gefragt, ob man ihren Jungen gesehen hätte. Niemand wußte etwas zu sagen. Sie fragte den Schutzmann, der an der Verkehrskreuzung stand. Der schüttelte bloß den Kops und fuhr fort, mit beiden Armen den Fahrzeugen zu winken Lange stand sic neben ihm, mutlos und mit eilig irrenden Augen. Endlich ging sie nach Hause. Vielleicht war er im Keller? Sie rannte über die Straße, durch den Hof ins Haus. Da hörte sie im Treppenhaus, daß jemand weinte. Das war er! Sie lachte froh und nervös und rief: „Jochen!" und von oben klang es: „Mama! Mama!" Und dann begann von unten und von oben her ein Rennen über die Treppen! Auf halbem Wegs trafen sie sich und fielen sich in die Arme. Sie streichelten sich unermüdlich, ob es auch wahr sei, daß sie sich wieder- yatten. Sie saßen auf den Treppenstufen, flüsterten sich dummes und verliebtes Zeug zu, lächelten und baten sich jeden Kummer ab. Dann hockten sie ganz still und müde nebeneinander, wußten nichts, als daß sie glücklich waren, und hielten sich bei den Händen ... Endlich sagte sie: „Komm, mein Junge! Wir können doch nicht immer hier sitzen bleiben. Wenn uns jemand sähe!" „Ja, das geht nicht. Dis würden das nicht verstehen", gab er zu. Nun kletterten sie mühsam treppauf, als wären sie lange krank gewesen und versuchten wieder die ersten Schritte ... Als die Mutter aufgeschlossen hatte und mit ihm in der Küche war, flüsterte er ihr ins Ohr: „Mutti, guck mal in den Briefkasten!" Sie tat es, klatschte in die Hände und rief: „O, es war ein kleiner Geburtstagsmann da!" „Ja, ja! Nicht wahr?" sagte er, heimlich auf sich stolz, und lachte. Und es klang ein versteckter Schluchzer mit. „Ein guter kleiner Geburtstagsmann. Wo mag er denn aber nun stecken?" „Na hier," rief er, „hier steckt er doch!" Er sprang ihr an den Hals und wünschte furchtbar viel Glück und alles, alles Gute. Die Rückseite der Gratulationskarte las sie dann, ganz heimlich, beim Kaffeekochen, und noch viele Male am Abend, als Jochen längst im Bett lag. Da meinte sie sogar noch ein bißchen. Aber jetzt machte ihr das Weinen geradezu Freude. Peter Viecher. Zu feinem 400.Todestage. Von Dr. Paul Landau. Im verflossenen Jahre hat die ganze gebildete Welt Dürers 400. Todestag begangen. Der Beginn des neuen Jahres bringt uns dieselbe Gedächtnisfeier für seinen größten Landsmann, dessen Name man von altersher mit dem feinen zusammen nennt: Peter Vischer, den Schöpfer des Sebaldusgrabes, den man zum Unterschied von seinem genialen Sohn als den Weiteren bezeichnet. Aber während Dürers Leben, Denken und Schauen uns nicht nur aus der großen Zahl feiner Werke, sondern auch aus Briefen und Bekenntnisfen erschlaffen ist, so daß wir trotz mancher Dunkelheilen ihm uns ganz nahe suhlen, können wir dis Persönlichkeit des gewaltigen Bildgießers nur ahnen, sehen sie nur in ungewissen Umrissen aus den Arbeiten seiner Gießhütte hervortreten. Wob! ist eine ganze Anzahl von Schöpfungen mit seinem Namen oder Zeichen versehen, manches auch dalieri, aber das bedeutet nach dem Brauch des damaligen Handwerks nur die Herkunft aus feiner Werk- statte, nicht die eigenhändige Herstellung. Bischer steht noch ganz in dem unpersönlichen Betrieb der mittelalterlichen Zunftordnung, unter die die Tätigkeit des Erzgießers gehörte. Vom Vater hat er fein Handwerk ererbt, hat feine Kunst weitergegeben an seine Sühne und Enkel, lieber ein Jahrhundert bis in das vierte Geschlecht können wir die Werke der Vischerschen Giehhiitte verfolgen, von den mittelmäßigen Grabplatten feines Vaters Hermann über die Höhen seines eigenen Schaffens und der Schöpfungen seiner Söhne, besonders des jüngeren Peter, bis zu dem Verfall unter dem Enkel Georg. Die kunstgeschichtliche Forschung bemüht sich feit langem, die Werke der verschiedenen Hände zu unterscheiden, das Schaffen des älteren Vischer gegen das der Söhne abzugrenzen: man hat ihm bald alles gegeben, bald das Meiste genommen. Aber soviel steht fest, daß er der „große Werkmeister" war, der den Ruhnr seiner Gießhütte über alle andern Derartigen Werkstätten erhob, der neben Dürer als ebenbürtiger Meister aufgeführt wird und als Stolz Nürnbergs und Deutschlands gefeiert wurde. So tritt er doch strahlend hervor aus dem Dunkel des mittelalterlichen Werkstattbetriebes, der erste aus der langen Reihe genialer Handwerker, dessen Persönlichkeit dis starren Schranken des Zunftgeistes sprengt, wie Künstler an der Wegscheids zweier Welten, des Mittelalters und Der Neuzeit, und Der ein» 3 ge, Der diese ungeheuren Gegensätze der Gotik und Renaissance in seinem Schaffen zu verschmelzen wußte, der einen rein deutschen, klassisch- harmonischen Stil schuf. Das Einzigartige Der Erscheinung Vischers, diese urdeutsche Befreiung Der Persönlichkeit von Den Fesseln des Mittelalters, kommt zum Ausdruck in Dem Selbstbildnis, das er am Sebaldusgrabs angebracht hat: da steht er in seinem Schurzfell, sein Werkzeug in der Hand, eine ftänim.ge, breitschultrige Gestalt, mit Dem vollen Bart um das offene Gesicht, ruhig und sicher ins Leben schauend, ein ehrlicher Handwerker im Arbeitsgewand, „daß Symbol Der schlichten Tüchtigkeit unseres Volkes," wie Der Kunsthistoriker Dshio sagt, „und dieser Mann war zugleich eine stolze Zierde Des bekannten Nürnberger Kunstfleihes, „dermaßen berühmt," wie Johann Reudörfer berichtet, „Daß, wenn ein Fürst herkam ober ein großer Potentat, er selten unterließ, daß er ihn nicht in seiner Gießhütte besuchte". Während Dürer „nach der Sonne Venedigs fror", während er ein großer Herr sein wollte und kein Schmarotzer, hat Peter Vischer dis Vereinigung von Zunftmeister und Künstler aus seinem Wesen heraus gefunden, dessen wunderbare Einheit und Harmonie ihn auch zu einer geschlosseneen Formenklarheit kommen lieh, ohne nach Dem fremden, Dem italienischen Muster zu schielen. Sein Lebensgang war der eines Handwerksmeisters; nichts von Dem tragischen und bewunderungswerten Ringen Dürers um Bildung und Wissen, mit Göttern und Dämonen, Dürfen wir bei ihm vermuten. Vom Vater übernahm er Die Werkstatt, in Der er als Lehrling gelernt und bann bis fast zum dreißigsten Lebensjahr als Geselle tätig war. So wuchs er langsam in seine Eigenart hinein, führte viele Grabdenkmäler in dem Durchschnittlichen Stil und der Technik seines Vaters aus und entfaltete erst die Flügel feines Genius, als er selbständig geworden war. Mit Derselben weisen Zurückhaltung hat er bann später, als die Söhne Die neue Kunst von jenseits Der Alpen leiDenschaftlich verfochten, der Jugend Den Platz geräumt und sich im Alter auf die mehr technische Leitung Der Werkstatt beschränkt, Deren Rus unterbauen bis weit nach Polen ’gebrungen war. In Der Zwischenzeit, seiner eigenen Blüte- und Reifezeit, von etwa 1490 bis 1514, hat er sich organisch zu immer reicherer und edlerer Vollendung entfaltet, ohne die Konflikte und Hemmungen eines Dürer, so selbstverständlich und natürlich wie ein Baum seine Aeste immer weiter ausbreitet. Er steht ganz auf Den Schultern feiner Vorgänger, Der großen Deutschen Bildhauer des Mittelalters. Er ist nie in Italien gewesen, hat wohl nie eine antike Standfigur gesehen, aber wir wissen von ihm, daß er der erste Sammler altdeutscher Plastik war und an Die 400 Stücke in seinem Hause zusammengebracht hatte. Bon Diesen Meistern der Hochgotik, Den Schöpfern der «Skulpturen von Bamberg und Straßburg, hat er gelernt, n cht von Den Italienern, wie lange Zeit behauptet wurde. Das ist gerade seine einzigartige Bedeutung, die Simon Meller In seinem schönen Buch über ihn und seine Werkstatt aufqeberft hat, baß er bis feinblichen Mächte seiner Zeit, Gotik und ’Rcnaiffaitce, in seiner Kunst zu vereinen wußte. Das Große vollbrachte, das Goethe in der Vermählung von Faust und Helena symbolisiert, „der einzige Vertreter Der auf eigner Vergangenheit aufgebauten, auiochthonen deutschen Renaissance" wurde. Man hat in neuester Zeit die einzelnen Abschnitte dieser Entwicklung ziemlich klar an einigen Hauptwerken seiner Hütte aufgezeigt. Der Entwurf des Sebaldusgrabes in feiner Urgestalt von 1488 weist noch ganz Die gotische Unübersichtlichkeit und Ueppigkett feiner jugendlichen Phantasie auf. Die meisterhafte Bronzefigur des Münchner „Astbrcchers" von 1490 zeigt die Bändigung eines kühnen Realismus durch eine freie und geschlossene Form, und in den späteren Werken, befonders in dem Grabmal in Magdeburg, glätten sich immer mehr die leidenschaftlichen Wirbel Der Spätgotik. Die Apostelgestalten des Magdeburger Denkmals heben Den jungen Peter Vischer auf eine Höhe, auf Der ein großer Zug Die Fülle köstlicher Einzelheiten zur monumentalen Wirkung zusammen- schließt, und die Apostel des Sebaldusgrabes, die wohl sämtlich ober zum größten Teil von ihm herrühren, führen diese Linie fort zum Gipfel höchster Meisterschaft. Hier und in seinen beiden letzten Werken, den Erz» figuren des Arthur und Theoderich am Grabe Maximilians in Inns- druck, waltet eine Lebenswirklichkeit und Formschönheit, eine innerliche Klarheit und glückliche Ruhe wie kaum je sonst in deutscher Kunst. Solche deutsche Harmonie hat Vifcher auch dem ganzen Sebaldusgrab in Nürnberg verliehen, das doch von ihm erdacht und gemacht ist, mag auch in Dem Fabelwesen des Sockels und in vielen Einzelheiten die italienische Formenfülle und Phantastik Des Renaissancekünstlers Peter Vischer des Jüngeren deutlich hervortreten. Der ausgleichende, allumfassende Geist des älteren Vischer hat das Sebaldusgrab zu einem nationalen Heiligtum gemacht, einem Wunderwerk deutscher Kunst. Als solches ist es von den besten Geistern unferes Volkes gefühlt und bewundert worden. Gerhart Hauptmann bekennt einmal, daß eine Photographie des Sebaldus- grabes stets in feinem Arbeitsraum fei, und er sagt von dem Werk, daß er mit Goethes „Faust" eng verwandt nennt: „Dieses reiche deutsche aus und den Bei den Säraßdurges Pa-tstendäcksrn Von Helene Schede. Man hat in Straßburg nie „d’amour et d'eau fraiche" gelebt, die Liebe geht dort, vielleicht noch mehr als anderwärts, durch Magen. Das wußte schon vor anderthalb Jahrhunderten der Marschall von C o n t a d e s, an Lessen berühmter Tafel sich die schwierigsten elsös- fifdjen Probleme verdauen und die härtesten Nüsse knacken ließen. Auf dem festlich geschmückten Tisch, zwischen weih-goldenen Konsolen, hohen Wandspiegeln, zärtlich gekauten Bildern erglänzte zum erstenmal im sanften Licht der Kerzen jene aus Gänseleber gezauberte Pastete, oie sich alle Herzen und Geister gefügig machte und später die Welt der Feinschmecker eroberte. Close, ein aus der Normandie stammender Koch des Marschalls, ist der Erfinder dieses Küchenwunders. Er entdeckte ein Mittel, um das lockere, schwer sich mit anderen Zutaten bindende Gewebe der Leber zu festigen, mischte sie kunstvoll mit Fleisch, Wild, sorgsam ausgesuchten Gewürzen, vor allem mit den köstlichen, herb-süßen Trüffeln aus dem Pärigorch die der Gänseleberpastete für alle Zeiten die Seele verliehen. Das Kuchengeheimnis wurde lange streng gehütet; als aber Herr von Contades Straßburg verließ, eröffnete Close' in der Meissngasse einen kleinen Laden, in dem er die ersten Pasteten verkaufte. Seitdem Ist die Gänseleber eine Besonderheit der „wunderschönen Stadt" geblieben, und weder Krieg, noch politische Nöte und Umstände haben ihrem Zauber Abbruch tun können. Es ist, als sei die Zeit an diesen Pastetcnbäckereien, die noch immer in goldenen Lettern dieselben Namen tragen, spurlos vorübergegliiten. Sie versteckten sich in den alten Stadtteilen, im Schutze des hochaufstrcbenden Münsters, in schmalen Gossen, zwischen steilen Giebeln, neugierig überhängenden Stockwerken, auf- und abkletternden Dächern. Sie haben es nicht nötig, durch das Farben- und Lichterspiel der modernen Reklame die träge, immer abirrende Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu fesseln. Man kennt sie; man sucht sie auf und findet es unendlich reizvoll, daß zwei Häuser weiter die Kinder auf der Türschwelle spielen und die schwarzen Kater sich mit ihren weihen Damen auf den Fenstergesimsen rekeln. Die Gänseleber in jeder Form und Zusammenstellung füllt die Auslagen. Diese rosig überhauchte Venus mit den sammetschwarzen Trüffelaugen schimmert aus goldbrauner Gelöe, schlüpft in eine Rüstung von Blätterteig, verbirgt sich, alles verheißend, hinter verschlossenen Wänden aus gelber Fayence uns bunt bemaltem Porzellan. Da g.bt es die „Pains", die Aspics. die Terrinen, die Pasteten, dis kostbaren „Parfaits", die in allen möglichen Größen und Preislagen zum Kauf locken, allbeliebte, zum Herzen oder besser zum Magen sprechende Geschenke bilden. Gewöhnlich liegt die Pastetenküche in den alten Häusern hinter dein Laden. Ein paar hölzerne Stufen führen hinauf. Ein köstlicher, unvergeßlicher, aus der Kochkunst von Jahrhunderten zusammengebrauter Duft sch'ägt dem Eintretenden entgegen. Weiße Köche mit hohen, schneeweißen Mützen stehen wie Hohepriester vor langen, blitzblanken Tischen Berge von zarten, mattschillernden, in allen Tönen von Rosa, Silber und Gold spielenden Lebern türmen sich auf. Daneben zu Haufen schwarze, dicke, runde, daseinskräftige Trüffeln. In braunen Steingutschüsseln sind die verschiedenen Zutaten, zwanzig bis vierundzwanzig Arten Gewürze, gebrauchsfertig gemengt. Die Zusammenstellung dieser Gewürze ist das jeweilige, streng gehütete Geheimnis der Firma und gibt der Gänselebsr die besondere, dem Feinschmecker sofort erkennbare Note. Wände, Schränke, Regale sind mit allen möglichen Formen, Dosen, Büchsen, Terrinen aus Steingut und Blech bedeckt. Lockeres, blütenweißes Mehl — o, du seliges, fruchtbares Elsaß — rollt sich wie ein Laken auf dem Tisch; schwere Würfel dottergelber Butter kommen darauf, und nun wird das Ganze von kräftigen Armen zu einem glänzenden, geschmeidigen Teig verschafft. Maschinen öffnen ihren Rachen, verschlingen unglaubliche Mengen Fleisch und geben es in gehacktem Zustand wieder. Mit gewaltigen Messern wird die Leber fein gewiegt oder sie bleibt, wie bei den „Parfaits", ganz und gelangt in eine mit Fett gepolsterte und mit Speckstreifen ausgelegte Form. Das soweit fertige Gebilde wird mit der Gewürzmischung wie mit einem saust träufelnden Regen Überstreut; blitzschnell bohrt der Koch mit kunstgeübter Hand kleine und große Höhlen in das weiche Fleisch der Leber und steckt die Trüffelaugen hinein. In den Bratöfen färben sich die Pasteten kupferbraun. Die luftdicht abgeschlossenen Büchsen verschwinden zu Hunderten in einen dickbäuchigen, gigantischen Kessel, in dem sie bei bestimmten Wärmegraden sterilisiert werden. Die guten Eigenschaften, vor allem die Ausgiebigkeit der Leber, zeigen sich erst beim Kochen. Es bedarf einer jahrelangen Hebung, ja, eines besonderen Instinkts, um beim Kaufen die richtige Auswahl der Sebcn ,->> treffen Sa-'glom tostet der Kenner sie ab, um fcstzustellen, ob das Fleisch bei oller Zartheit kernig und widerstandsfähig ist, oder ob es sich im Ofen in einer Fettmasse auflösen wird. Man kann wohl sagen, daß diese besondere Begabung, die Qualität der rohen Leber zu erkennen, den Ruhm und den Reichtum des Pastetenbäckers ausmacht In allen Dörfern um Straßburg und im fruchtbaren „Hochfelden" bilden die Aufzucht und das Stopfen der Gänse einen Haupterwerbs- e der Landbevölkerung. Da watscheln die Tiere herdenweise neun itc im Jahr auf der fetten Weide, immer unter dem Schutz eines „Gänseliesels" mit klappernden Holzschuhen, kurzem Rock, bunter Schürze und fliegenden Haaren, die noch kein Bubikopf ersetzt hat. Die Postkartenromantik und die Andenkensucht haben das Bild dieser frischen, durch und durch unsentimentalen Gänsehüterinnen völlig entstellt und verkitscht. Das zierliche „Gänseliesel", das man auf Bildern, Postkarten, Tellern, in Gips, Porzellan, Bronze für viel und wenig Geld ersteht. Symbol ist noch in der üppigsten Wachsiumsepsche aus dem Unsichtbaren emporgequollen. Es ist als formales Produkt noch schwerlich hinreichend gewürdigt; erscheint es mir doch als eines der wunderbarsten im Gebiete künstlerischer Morphologie. Der Geist aller Epochen schmilzt um einen silbernen Sarg zur edelsten Einheit zusammen und krönt —£ dem Gipfel den Tod mit dem Leben durch ein Kind". hat gar nichts mit dem drallen, breitknochigen Mädchen vom LanL gemein. Anfang Oktober beginnt man mit der Mast. Das ist freilich die Kehrseite der Medaille; denn die armen Tiere müssen viel leiden. Sie werden getrennt in Lattenverschläge gesteckt, die stockwerkartig übereinander liegen. Die Käfige sind so eng, daß die bedauernswerten Geschöpfe nur stehen oder kauern und sich kaum rühren können. In einem verhältnismäßig kleinen Stall können Hunderte von Gänsen untergebracht werden. Eine mit frischem Wasser gefüllte Rinne läuft an der Vorderseite des Ver- ichlages vorbei, so daß die Tiere nach Bedarf trinken können, ohne das Wasser zu beschmutzen. Zweimal am Tag, früh um sechs und am Spätnachmittag, werden sie gefüttert. Die „Stopfmaschine" hat fast überall, namentlich in den größeren Betrieben, das Füttern mit der Hand ab« gelöst. Die Bäuerin sitzt auf einem Bänkchen vor der Maschine, neben ihr kauert aus einem erhöhten Schemel, die in einem Sack eingewickelte Gans. Mit einer einzigen Bewegung werden nun Schnabel und Schlund, wie ein glatter Lederhandschuh" über ein Messingrohr gezogen; dieser Grisf erfordert viel Hebung und eine durchaus sichere und ruhige Hand, da die Speiseröhre leicht verletzt werden und reißen kann. Durch das Treten der Maschine laufen die Maiskörner aus einem weiten Trichter einzeln in die Röhre und von dort unmittelbar in den Schlund des Tiers. Die Bäuerin hilft mit der Hand durch ein sanftes Massieren der Gurgel nach und hört erst dann mit dem Treten auf, wenn kein Körnchen mehr in dem weit geöffneten Rachen Platz hat. Dann wird das Tier in seinen Käfig zuruckgehoben und das nächste kommt an die Reihe. Die Mast dauert drei bis vier Wochen, und in dieser Zeit muß eine gute Gans ihre dreißig, auch vierzig Pfund Mais bewältigt haben. Sie hat dann ein Gewicht von durchschnittlich fünfzehn Pfund, und die durch oie Ueberfütterung stark angeschwollene Leber wiegt etwa ein Pfund. Im November und Dezember werden die Lebern nach Straßburg an die Fabriken verkauft, Im bunten sonntäglichen Staat, mit gestickten Miedern, leuchtenden, schwerseidenen Schürzen und breiten, flatternden Haubenbändern kommen die Bäuerinnen aus ihren Dörfern in die Stadt. In großen weißen Körben, dis sie am Arm tragen, liegen die rosig überhauchten Lebern in Papierhüllen gebettet. In den Geschäften wird die Ware gewogen, geprüft, sorgsam betastet, und dann beginnt das Feilschen und Handeln, denn die Bäuerin ist ebenso schlau wie der Monsieur Pastetenbäcker, „und es wurd nichts, oroer au gor nichts g'schenkt!" Früher war jede Straßburger Hausfrau, auch wenn ie sonst wenig vom Kochen zu verstehen brauchte, eine Künstlerin in der Zubereitung der Gänselebern. Heute macht man es sich auch da bequemer und kauft in den Geschäften die fertigen Pasteten, ohne die es für den Straßburger keine rechte Festfreude und keinen großen Feiertag gibt Die SilveftergloMen. Von Charles Dickens. tFortietzung.) „Die Stimme der Zeit," sagte das Phantom, „ruft dem Menschen zu: ,Vorwärts!' Die Zeit dient seinem Fortschreiten und seiner Verbesserung, der Erhöhung seines Wertes und seines Glückes, der Veredelung seines Lebens, der Annäherung an jenes Ziel, das ihm mit Wohlbedacht bereits damals gesteckt wurde, als die Zeit und er ihren Anfang nahmen. Jahrhunderte der Finsternis, der Gottlosigkeit und der Getvalttat sind gekommen und gegangen; unzählige Millionen haben geduldet, gelebt und sind gestorben, um ihm den Weg, der vor ihm liegt, zu zeigen. Wer ihn zur Umkehr zu bewegen sucht ober in seinem Laus anhalten will, vergeht sich an einer gewaltigen Maschine, die den Unberufenen erschlägt und nur um so ungestümer und wilder wieder losbricht, weil sie für einen Augenblick gestört wurde!" „Meines Wissens habe ich dies nie getan," sagte Trotty, „und wenn es geschah, muß es ganz unabsichtlich geschehen sein. Ich würde mich sicherlich nicht einmengen." „Wer in den Mund der Zeit ober ihrer Diener einen Klageruf über Tage legt," fuhr der Glockengeist fort, „die ihre Heimsuchungen und Täuschungen gehabt und so tiefe Spuren zurückgelasfen haben, daß sie sogar die Blinden sehen können — einen Klageruf, der nur insofern der Gegenwart dient, als er den Menschen jagt, wie sehr ihre Hilfe notwendig ist, wenn ein Ohr eine solche Klage um Vergangenes zu hören glaubt, — wer dies tut, begeht ein Unrecht. Und du hast uns, den Glocken, ein solches Unrecht angetan." Trottys größte Furcht war jetzt vorüber. Aber, wie wir wissen, hatte er Liebe und Dankbarkeit für die Glocken empfunden, und als er sich als einen Menschen anklagen hörte, der sie so schwer beleidigt hatte, wurde sein Herz von Reue und Kummer schwer. „Wenn ihr wüßtet," sagte Trotty, seine Hände zusammenschlagend — „oder vielleicht wißt ihr es — wenn ihr also wißt, wie oft ihr mir Gesellschaft geleistet, wie oft ihr mich aufgeheitert habt, wenn ich niedergeschlagen war, und wie ihr meiner kleinen Tochter Meg fast als ein Spielzeug dientet (beinahe das einzige, bas sie je hatte), da ihre Mutter starb und uns allein zurücklietz, so würdet ihr mir wegen eines übereilten Wortes keinen Groll nachtragen!" „Wer in uns, den Glocken, nur einen einzigen Ton hört, der Lieblosigkeit ober finsteren Zweifel ausbrückt an den Hoffnungen, Freuden und Schmerzen der vielbedrängten Menge; wer uns antworten hört auf Gesinnungen, die die menschlichen Leidenschaften und Gefühle abmessen, gleich der Menge der erbärmlichen Nahrung, an der die Menschheit dahinsiecht — tut uns unrecht. Dieses Unrecht hast du uns getan!" jagte die Glocke. „Ja, ich habe!" versetzte Trotty. „O vergib mir!" „Wer uns dem schlechten Gewürm der Erde nachkallen hört -r- den Unterdrückern bereits gebeugter und gebrodjener Wesen, die geschaffen sind, um sich viel höher zu erheben, als solche Maden der Zeit klettern ober denken können," fuhr der Glockengeist fort — „wer dies tut, begeht ein Unrecht an uns. Du hast uns unrecht getan!" sich nun in dem Totengesang; „Höre!" sagte die Kinderstimme. Feierliche Akkorde gemischter Stimmen erhoben DerantwvrtUch: 0r. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf iialS^Buch- und Stetndruckerri, A. Lang«, G-ehen. Turm. , . Es war eine gedämpfte, wehmütige Melodie — ein . und wie Trotty lauschte, hörte er fein Kind unter den Sängern. „Sie ist tot!" rief der alte Mann. „Meg ist tot! Ihr Geist ruft mich — icb höre ihn!" „©er Geist deines Kindes beklagt die Toten — die erstorbenen Hoffnungen und erstorbenen Jugendträume", erwiderte die Glocke. „Aber sie lebt. Seme aus ihrem Leben eine lebendige Wahrheit. Gerne aus dem Wesen, das deinem Herzen am tenerften ist, wie schlecht die schlecht Geborenen sind. Sieh, wie sede Knospe und sedes Blatt nacheinander von dem schönsten Stengel gepflückt wurde, und erkenne daraus, wie kahl und elend er dann sein mag. Folge ihr — in die Verzweiflung!" Jede von den Schattengestalten streckte ihren rechten Arm aus und Himmel schwebte. Kein Wunder, daß das Herz eines alten Mannes einen so ungeheuren, gewaltigen Ton nicht einzuschlietzen vermochte. Er brach aus diesem schwachen Gefängnis in einem Strom von Tränen, und Trotty preßte deutete nach unten. ., „Der Geist der Glocken ist dein Begleiter", sagte die Gestalt. „Geh! er steht hinter dir!" ~ Trotty wandte sich um und sah — das Kind? das Kind, das Will Fem in der Straße getragen hatte; das Kind, das jetzt schlief und an dessen Bett Meg wachte! „ „Ich habe es selbst diesen Abend getragen", sagte Trotty. ,Zn diesen meinen Armen!" „Zeigt ihm, was er sein Selbst nennt", sagten die dunklen Gestalten lm Der'Turm öffnete sich unter seinen Füßen. Er sah hinab und sah seine Gestalt außen aus dem Boden liegen — zerschmettert und rcfliin^stos. „Nicht mehr ein lebendiger Mensch!" ries Trotty. „Tot!" „Tot!" sagten die Gestalten alle zugleich. „Barmherziger Himmel! Und das Neujahr..." „Berganaen". sagten die Gestalten. Wie?" rief er schaudernd. „So verfehlte ich wohl meinen Weg, gelangte in der Dunkelheit an die Außenseite dieses Turmes und fiel hinunter — vor einem Jahr?" „Bor neun Jahren!" versetzten die Schatten. Wahrend sie diese Antwort gaben, nahmen sie ihre ausgestreckten Hande wieder an sich, und wo ihre Gestalten geschwebt hatten, befanden sich jetzt die Glocken, ' Und sie erklangen — ihre Zeit roar wieder gekommen. Und abermals spranaen zahllose Phantome ins Dasein, die dieselbe Zusammenhangs- losig'eii zeigten wie früher; abermals verblichen sie, sobald die Glocken- zunaen ruhten, und fielen in ein Nichts zusammen. ,',Wer sind diese?" fragte er feinen Führer. „Wenn ich nicht verdickt werden soll, wer sind diese?" Cs sind Geister der Glocken — ihr Ton in der Luft", entgegnet« das Kind. „Sie nehmen dieselben Gestatten und Beschäftigungen an, die ihnen von den Hoffnungen, Gedanken und Erinnerungen der Sterblichen gegeben werden." „ . . „ „Und du." rief Trotty außer sich — „wer bist du? „Still, still!" erwiderte das Kind. „Sieh da hinl" In einem schlechten, ärmlichen Gemach arbeitete an derselben Art von Stickerei, wie er es ost gesehen hatte, feine liebe Tochter Meg. Er versuchte nicht, Küsse auf ihr Gesicht zu drücken oder sie an sein klopfendes Herz zu pressen, denn er w'itzte. daß es für ihn keine solchen Liebkosungen mehr äab. Aber er hielt seinen zitternden Atem an und wischte die blendenden Tränen weg, um sie sehen, nur sehen zu können. Ach! verändert — und wie verändert! Wie trüb war das Licht des klaren Auges, wie verblichen der Schmelz ihrer Wangen! Zwar war sie noch o schön wie immer, aber die Hoffnung, die Hoffnung, die Hoffnung — ach, wo war die frische Hoffnung, die ihn wie eine Stimme an- gerusen hatte. m Sie blickte von ihrer Arbeit auf nach einer Gefährtin. Der alte Mann folgte ihren Augen und fuhr betroffen zurück. In dem erwachsenen Mädchen erkannte er sie auf den ersten Blick. Er " „Nicht mit Absicht!" sagie Troiiy. „Nur in meiner Unwissenheit — nicht mit Absicht." t „ „Zuletzt und vor allem" — nahm die Glocke wieder auf — „wer ben Gefallenen seines Geschlechts den Rücken kehrt, sie als schlecht aufgibt und nicht mit mitleidigem Auge den offenen Abgrund mißt, durch den sie vom Guten abfielen, obschon sie noch in ihrem Sturz nach einigen Schollen des verlorenen Bodens griffen und sich an dieselben an- klammerten, selbst als sie schon zerquetscht und sterbend in der Kluft unten lagen — wer dies tut, begeht ein Unrecht an dem Himmel, an der Menschheit, an Zeit und Ewigkeit. Du hast dieses Unrecht getan!" „Schone mich!" rief Troty, auf seine Knie niederfallend; um aller Barmherzigkeit willen!" „Höre!" sagte der Schatten. „Höre!" riesen die übrigen Schatten. „Höre!" sagte eine klare, kindliche Stimme, die Trotty schon früher gehört zu haben vermeinte. Die Orgel tönte leise in der Kirche unten. Nach und nach anschwellend stieg die Melodie bis zu dem Dach hinan und erfüllte Chor und Schiff. Mehr und mehr sich ausbreitend, schwang sie hinauf, immer hoher und höher hinauf, wobei sie in dem derben Eichengebälk, den hohlen Glocken, den eisenbeschlagenen Türen und den steinernen Treppen erregte Herzen weckte, bis die Turmmauern sie nicht mehr fassen konnten und sie gen sah in den fangen seidenen Haaren noch dieselben Locken, und um die Lippen noch immer den kindlichen Ausdruck. Ja, in den Augen, die sich jetzt sragend an Meg wandten, leuchtete noch derselbe Blick, wie zur Zeit, als er sie nach Hause brachte. Was war denn dies neben ihm? Mit Grausen sah er sich nach dem Kinde um und bemerkte in dessen Gesicht etwas Ueberirdisches, Unbestimmtes, Undeutllches, das kaum mehr an jenes Kind erinnerte als die andere Gestalt; und doch war es dieselbe — dieselbe — und trug auch das nämliche Kleid. Horcht Sie sprachen. „Meg", sagte L.lian stockend. „Wie oft du von deiner Arbeit auf- schaust, um auch anzujehen!" „Sind meine Blicke so verändert, daß sie dich erschrecken?" sagte Meg. „Nein, meine Liebe! Aber du lächelst selbst darüber! Warum lächelst du nicht, wenn du mich ansiehst?" „Ich tue es ja. Oder nicht?" antwortete sie, ihr zulächelnd. „Jetzt wohl," sagte Lilian, „aber gewöhnlich nicht. Wenn du denkst, ich fei beschäftigt und sehe dich nicht, ist deine Miene so ängstlich und be- kümmert, daß ich kaum meine Augen zu erheben wage. Man hat wohl in diesem harten und mühsamen Leben wenig Grund zum Lächeln; aber du warst einst so heiter." ... . , . , Bin id) s nicht noch?" rief Meg im Ton seltsamer Unruhe und erhob sich,'um ihre Gefährtin zu umarmen. „Mache ich dir das mühsame Geben noch mühsamer, Lilian?" , Du warst das Einzige, das unser Geben überhaupt zu einem Geben Machte," sagte Gilian, sie glühend küssend, „und auch das Einzige, da, mir bisweilen noch ein solches Geben wert macht, Meg. Ach, diese Arbeit, diese Arbeit! So viele Stunden, so viele Tage, so viele lange, lange Nacht« Hoffnung loser, ertötender und nie endender Arbeit — nicht um Reich- tümer aufzuhäufen, nicht um herrlich und in Freuden zu leben, nicht um auch bloß sorglos leben zu können, so einfach auch unsre Kost sein mag, sondern nur, um das trockene Brot zu verdienen, just um soviel zu- sammenzuscharren, damit wir weiterleben und weiter Not leiden und m uns das Bewußtsein unsres harten Schicksals lebendig erhalten tonnen 1 0 Meg, Meg!" Sie erhob ihre Stimme und schlang ihre Arme um sie. wie in herbem Schmerze. „Wie kann die grausame Welt ihren Kreislauf gehen und den Anblick solcher Geben ertragen!" Lilly'" sagte Meg beschwichtigend, indem sie ihr das Haar aus dem feuchten Gesicht strich. „Ach Lilly! Du! fo hübsch und so jung!" ,O Meg!" fiel ihr Gilian ins Wort, indem sie ihre Freundin auf Armeslänge vor sich hinhielt und flehend in ihr Gesicht blickte. „Das ist das Schlimmste, das Schlimmste von allem! Mache mich alt, Meg! Gib mir Runzeln und einen welken Geib, um mich von den schrecklichen Gedanken zu befreien, die m ch in meiner Jugend zu verlocken suchen! Trotty wandte sich, um nach seinem Führer zu sehen. Aber der Geist des Kindes war entflohen — fort. Aber auch er blieb nicht an demselben Platze. S,r Joseph Bowley, der Freund und Vater der Armen, hielt in Bowley Hall zu Ehren des Geburtstages der Lady Bowley ein großes Feftgelage. und da Lady Bowley am Neujahrstag geboren war — ein Umstand, den die Lokalzeitungen als einen ausdrücklichen Wink der Vorsehung bezeichneten, daß Lady Bowley in der Zahlenreihe der Schöpfung für Nummer Eins bestimmt sei — fand auch dieses Gelage an einem Neujahrstag statt. Bowley Hall strotzte von Gästen. Der rotgestchtige Gentlemar. war da, Herr filier war da. der große Alderman Cute war do — Alderman Gute empfand ein sehr wohltuendes Gefühl lm Verkehre mit vornehmen Leuten und hatte vermöge feines aufmerksamen Briefes große Fortschritte m Sir Joseph Bowleys Bekanntschaft gemacht, indem er seitdem eigentlich zu einem fiamilienfreunb wurde — und noch viele andere Gaste waren da Auch Trvttys Gest war zugegen und wanderte traurig als ein armes Phantom auf der Suche nach seinem Führer umher. In der großen Halle sollte ein prachtvolles Festmahl gegeben werden, und Sir Joseph Bowley in seinem gefeierten Charakter als Freund und Vater der Armen sollte eine bedeutsame Rede dabet halten. Seme Freunde und Kinder durften zuerst in einer andern Halle eine gewiße Anzahl von Pflaumenpuddingen verzehren und sollten dann auf em gegebenes Signal zu ihren Freunden und Vätern hincinftromen, um eine Fam'lienversammluna zu bilden, bet der kein Männerauge von Tranen unbefeuchtet bleiben sollte. . . -. Aber noch mehr als dies sollte geschehen. Sogar noch mehr. Str Joseph Bowley. Baronet und Parlamentsmitglied, .hatte sich varge- nommen, mit feinen Pächtern eine Kegelpartie — eine wirkliche Segel» P „Das erinnert mich ganz an die Tage des alten Königs Heinz, des wackern Königs Heinz, des leutseligen Königs Heinz, jagte Alderman (Sitte „Ah! ein prächtiger Mann!" , „Sehr," bemerkte fiiler trocken, „um Weiber zu heiraten und sie umzubringen. Und noch obendrein beträchtlich mehr als die Durchschmrts- ^Jhr werdet' die schönen Damen heiraten und sie nichts umbringen, he?" sagte Alderman Cute zu dem Erben von Bowley. einem zwölfjährigen Jungen. „Ein süßer Knabe! Wir werden die en kleinen Gentleman im Parlament haben," fügte er bei, indem er ihn bei der Sckutter faßte und ihn so aufmerksam als nur möglich ansah, „ehe mir wissen, wo wir sind. Wir werden hören von fernen Erfolgen bei den Wahlen, von seinen Reden im Hause, von den Anträgen die ihm die Regierung macht, von seinen herrbchen Kenntnissen aus allen Gebieten! Ja ich stehe dafür, wir werden im Gemernderat gleichfalls kleine Reden über ihn halten, ehe wir Zeit haben, uns umzusehen!" „O welch ein Unterschied bei Schuhen und Strümpfen! dachte Trotty. Aber sein Herz sehnte sich nach seinem kleinen Führer um derselben schuh- und strumpflosen Knaben willen, die die Kinder der armen Meg s konnten und der Prophezeiung des Alderman zufolge schlecht ausfallen mußten. (Fortsetzung folgt.) gewaltigen Von nicht etnzu>cyuetzen vermoane. i$r vru schwachen Gefängnis in einem Strom von Tränen, und seine Hände vor das Gesicht. „Höre!" sagte der Schatten. „Höre!" riefen die andern Schatten.