GiehenerZamilienbMer __Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang {929______________________ Freitag, den 6. Dezember Nummer 95 Oer Nikolaus. Von Elisabeth Kolbe. Der Nikolaus, der Nikolaus, Der ist im Nickelland zu Haus, Weit hinter unfern Bergen Mit seinen vielen Zwergen. So wandert er durch Eis und Schnee, Bon Orenburg bis Ninive, Von Helsingör bis Utrecht, So ähnlich wie Knecht Ruprecht. Die Nüsse trägt er huckepack In seinem vollen Ruckesack, Das knattert und das rattert. Wohl dem, der was ergattert. Das Spielzeug hat er obenauf Bei seinem weiten Dauerlaus, Auch eine große Rute Für kleine Tunichtgute. Die steckt er Hintern Spiegel bloß: Knecht Ruprecht haut erst recht drauf los. Wenn sie nicht hören wollen Und gar so ruppig tollen. Doch art'ge Kinder, so wie du. Die läßt er ritterlich in Ruh. Die kriegen was zu naschen Aus seinen Reisetaschen. Kindheit. Bon Polly T i« ck. Ec war Portier in unserem Hause, und außerdem hatte er dort seine Schusterwerkstatt. Sie lag in seiner Portierloge, in einem großen, halb- dunklen Raume zu ebener Erde, der mit den jetzt üblichen Portierlogen wenig genieinsain hatte. Dieser Raum war nicht hell, freundlich, bescheiden und wohnlich — er war schlechterdings unheimlich und herrlich zugleich —, er strömte jenen unvergeßlichen Geruch von Gefahr und Verbotenem aus, der nun auf ewig mit dein Gedanken an Kindheit verknüpft bleiben wird. Bor allen Dingen roch es dort, — es roch nach jenem seltsamen Durcheinander, das in schrecklichem Gegensätze zu dem sauberen und präzisen Gerüche unserer großen Arztwohnung stand. Unser Portier, der gleichzeitig unser Schuhmacher war, hieß Herr Buße, — ja, ich darf hier einen wahren Namen angeben, denn wenn sein damaliges Alter und sein tändiger, leiser Husten nicht meiner kindlichen Phantasie um vieles größer erschienen, als sie gewesen sein mochten, so kann er unmöglich mehr leben. Und selbst wenn' er lebt, darf man seinen Namen nennen. Herr Buß« sehnte sich nicht in die Helligkeit des ersten Stockwerkes, in die Geräumigkeit unserer neun Zimmer herauf: er dachte wohl nicht einmal daran, daß es dort besser sein könnte als bei ihm. Um so tiefer und unwiderstehlicher sehnte ich mich in die Portierloge. Es war nicht immer leicht, den Vorwand zu finden, um in der strengen Regelmäßigkeit eines wohlerzogenen Kindertages ein paar unverantwortlich süße Minuten in dem großen, unheimlichen Loch dieser Schusterwerkstatt zu verbringen. Nicht immer waren die Schuhe entzwei, aber mehr als einmal wurde ein Knopf mit Willen abgerissen, der Beginn eines Loches in der Sohle eifrig vergrößert. Da lief man nun eilig di« geivundene Treppe hinunter, schnell die paar Schritte auf den Fliesen, die nicht mit Teppichen belegt waren, und stand vor der niedrigen Türe, aus der schon am frühen Nachmittag ein mattes und gleichmäßiges Licht anziehend und beglückend grüßte. Dieses Licht kam aus der Schusterglocke, einem runden Ball aus mattem Glase, der, in meiner kindlichen Phantasie mit brennender Luft gefüllt, in der dunstigen Atmosphäre des Raumes schwamm und die Familie, mich, die Schuhe, das viele Leder und die große Katze in ein dämmerndes und schwebendes Licht tauchte. Die Familie: das war Frau Buße, neben ihrem Mann, Frau Buße, di« die Reinigung des Hauses besorgte und die eine so dicke, abscheuliche und großartig« Warze am Kinn trug, daß ich über dieser Erinnerung ihre gapze andere Erscheinung vergessen habe. Dann war da noch ein Söhn- chen, — es hieß Kurt und war nur um weniges älter als ich. Kurt war kein rechter Sohn für Herrn Buße, wenigstens fein Sohn nach meinem Herzen. Ec hielt sich sehr sauber, er hatte es durch einen mir unfaßbaren Ehrgeiz erreicht, in die höhere Schule zu gehen, und war in der Portierloge seines Vaters ein sparsamer Gast. Er aß »»leistens in der kleinen Kammer, die neben der Loge lag und den Schlasrauin abgab, man erzählt« mir, daß er ganz« Nachmittage in dieser Kammer hockte, die Ohren mit ten Daumen verstopft, und lateinische Vokabeln lernte. Nein, er inter- cfftcrtc mich wenig, dieser sauber gewaschene Knabe. Ich erinnere mich nic^t, je mehr als ein paar Worte mit ihm gesprochen zu haben, und kein kindliches Spiel hat uns jemals verbunden. Bei welchen Gelegenheiten es mich so besonders unwiderstehlich und mächtig in die Portierloge des Herrn Buße zog, ist nicht schwer zu sagen. Es waren die Tage, an denen mir die bürgerliche Sauberkeit unserer "funt.-,Yinimer toic ueun kalte Fratzen entgegenstarrte, Tage, an denen lch, h"fll>s m meinen kleinen Konflikten gefangen wie in festen Käfigen, kemen Ausweg mehr sah. Keinen Ausweg, außer Gott — und Hem; Buße. Gott, zu dem ich an dem rechten Seitenfenfter meines riesigen Erkers zu beten pflegte, hastig, intensiv, ohne Unterbrechung: er möge doch diese entsetzlich« Welt besser machen, schöner, reiner, gerechter, wahrhaftiger — aber das machte müde, und man wußte nicht recht, wie weit man gehört wurde. — (Baty anders verliefen die Bestick)« bei Herrn Buße, die sich an solche Unterhaltungen mit Golt am Erkerfenster anzm schließen pflegten. Sie verliefen weniger ekstatisch, aber man erhielt Antwort, Zuspruch, Wiederherstellung des schwer gestörten Gleichgewichts —- und wenn es Winter war, erhielt man zu dein ollem noch einen Brat* apfel Ich hatte nicht zu erwarten, daß Herr Buße bei diesen Besuchen viel fragte, er hieß mich niedersitzen und sck-aute, während er seine Arbeit Nicht auf einen Augenblick unterbrach, mit einem unvergeßlichen Ausdruck hon Ruhe und Güte auf den kleinen, lehnenlosen Schemel nieder, aus dem -ch hockte. Wer aber sprach, das war ich. Ich sprach in den vielen, überströmenden Worten, die mir zu Gebote standen, genau so offen, rückhaltlos und frei zu Herrn Buß«, wie zum li«ben'Gott, denn beide, so schien es mir, hatten keine reale Beziehung zu meinem Leben. Es konnte einem nicht passieren, daß man ihnen in der Helligkeit eines Vormittags auf dem Korridor begegnete, wie etwa dem Vater oder dem großen Bruder, und daß man sich dann der Geständnisse des vergangenen Abends sehr zu schämen hatte. Im Winter mag es auch gewesen sein, daß ich meinen schmerzhaftesten und eindringlichsten Besuch bei Herrn Buße machte. Meine Kindheit stand schon nicht mehr auf Pinz festen Füßen: ich meine, daß ich gerade zwölf Jahre alt geworden fern muß. Es war die Zeit, in der, nach den ersten, kindlichen und auf Geburtstage von Tanten beschränkten Gedichten, jene Unzahl von Versen über mich hereinbrach, die ich nicht sammeln, nicht verstehen, ja kaum mifschreiben konnte. Sie schienen mir von einer un- faßlichen, geheimnisvollen und durch nichts zu überbietenden Schönheit, und ich sehe mich, von meinen Worten berauscht wie von Sinnen, an meinem Arbeitspulte fitzen und immer aufs neue die Verse sprechen, die mir soeben wie eine schwere und nicht erwünschte Last in den Schoß gefallen waren. So ein Abend also war es, als ich mich entschloß, endlich die nicht mehr allein zu tragende Bürde zu teilen und irgend jemanden auf dieser Welt zum Mitwisser meines fürchterlichen Geheimnisses zu machen. Warum ich gerade darauf kam, meinen großen Bruder zum Mitwisser zu machen, kann ich nicht mehr sagen. Wahrscheinlich stand die Türe zu seinem Zimmer, dem meinen benachbart, offen, und der zugängliche und sanfte Schein seiner Arbeitslampe mag mich verführt haben, ebenso zugängliche und sauste Gefühle in seiner Brust zu vermuten. Ich sehe mich vor ihm stehen, vor seinem schinalen, mit Wachstuch bezogenen Arbeitstische, die griechische Uebersetzung war aufgeschlagen, und sein Gesicht blieb abweisend und fremd. Ich fprach, hastig, ängstlich, von dem, was mich so tief bewegte. Und bann las ich. Ich las das Gedicht, das ich für das schönste hielt, weil es den Gedichten des geliebten Rainer Maria Rilke am ähnlichsten war. Nie, so viel ich auch in meinem Leben schreiben werde und so mancherlei Verse mir noch über die Sippen kommen mögen, werde ich aufhören, dieses Gedicht zu lieben, und niemals werd« ich eines feiner Worte vergessen können. Es hieß: „Der Garten" und erzählte von einem Mädchen, das vor dem Gitter eines goldenen Gartens auf den wartete, der den rechten Schlüssel zum Tore habe. Viele kamen, so nahm das Gedicht seinen Fortgang, viele hatten Schlüssel in den Händen, aber keiner wollte passen. Endlich kam einer, der darüber lachte, daß das Mädchen durchaus durchs Tor gehen wollte. Er nahm es bei der Hand und sprang, einen großen Anlauf nehmend, mit ihm über das (Bitter herüber. Aufs tiefste hingerissen stand ich da, mühsam verborgene Tränen int Auge und wartete auf das klein« Wort, das wahrscheinlich genügt hätte, um mich glücklich, sicher, frei, — ja, vielleicht zur Dichterin zu wachem Unnötig, zu erzählen, daß dieses Wort nicht kam. Was kam, war Lachen, Hohn und Achselzucken. Nicht gerade besonders kalt oder abscheulich — nicht anders wahrscheinlich, als jeder große Bruder jeder kleinen Schwester getan hätte, die mit der Zumutung eines so schauderhaften und weibischen Gewäsches in feine griechische Präparafionen hineinfiel. Für mich aber war es genug. — Genug, um mich aus dem Zimmer stürzen zu lassen, genug, um den Tod, bitter und unabwendbar, mit jedem Hinunterschlucken der eiligen Tränen, durch die Kehle stürzen zu fühlen. Genug, genug, hieß es in mir. Genug von diesem Leben, von diesem Sattwerden am <>([5 tifj so weit gekommen war, stand ich einen Augenblick still auf Morgen, Mittag, Abend, — genug von diesem weißen Kinderbett mit den Daunenkissen, genug von dem Hellen, luftigen und ordentlichen Zim- mer! Genua von dieser Mutter, sremd, und von einer Liebe, die ängstigte, _ genug von diesem Vater, den man verehrte, wie einen Heiligen und der nie, nie, nie, in seinem großen, unverständlichen Leben eine kleine Weile Zeit hatte, um seine Tochter auf den Schoß zu nehmen und nut ihr 3ii sprechen. Genug von diesem Bruder, gehaßt und geliebt zugleich, der, schon halb in der Welt der Erwachsenen versponnen, seine gefährlichen und aufreizenden Geheimnisse hatte, hinter die man niemals kam. Genug von allem — und also vielleicht das Ende? ... meiner atemlosen Flucht und fand mich, zu meiner eigenen Verwiinde- rung auf den, ersten Absatz lmserer Treppe wieder. Ganz von leibst aha war ich diesen Weg gegangen, diesen einzigen Ausweg, den ich sah, den Weg in die Schusterwerkstatt zu Herrn Butze. Wieviel Herr Buße von dem Gedicht vom goldenen Garten verstanden haben mag, weih, ich nicht zu sagen. Wenn ich es heute bedenke, meine ich, daß er wohl kein Wort begriffen haben muß. Was er aber sicher verstand, das war die Bedrängnis meines Atems, die Rot niemes Auges, die Schutzbedürftigkeit meiner ganzen kleinen Person. Er nahni den' dicksten und heißesten 'Bratapfel aus der Röhre, und während ich, nut langsam versiegenden Tränen, hineinbiß und, mich kräftig schneuzend, Herrn Buße ansah, entdeckte ich aufs neue, daß er wirklich wie Rübezahl aussah, gefährlich denen, die er verfolgte, allmächtig und gütig für die, die er liebte und an die er glaubte. Und um den Glauben — ja, um den Glauben gerade ging es ja. Und das schien auch Herr Buße verstanden zu haben, denn davon begann er zu reden. „Ich glaube, Kleine, dah du eine richtige Schreiberin bist," sagte Herr Butze. „Nicht, daß ich alles verstanden hätte, was du mir da vorliest. Das ist nichts für mich alten Mann. Aber siehst du, mein Kind, es klingt wunderschön, und dann, überhaupt, will ich dir nur sagen, daß ich ganz einfach glaube, daß aus dir ivas Besonderes werden toll. Ich sage es auch immer zu meiner Alten. Alte, sage ich zu ihr, du wirst sehen, das Doktorskind geht mal zum Theater, die hat so was fürs Theater, meine itf>!" ... Ich muß wohl sehr lange bei Herrn Buhe gesessen haben, erst leicht getröstet, dann ruhig, zum Schluß selig und heiter. Es müssen viele «tun- den vergangen sein, von denen ich nichts anderes weiß, als daß sie in einer glücklichen Erschlaffung verströmten, wie sie mich nach solchen schweren Ausregungen oft überkam. Denn als plötzlich mein Bruder in die Loge stürmte, atemlos, ängstlich und seltsam liebevoll, da erkannte ich, daß man mich dort oben suchte, dah man sich um mich ängstigte, daß man schon überall herumgeschickt hatte, und daß unser Mädchen auf Herrn Buße, als auf den letzten Ausweg hingewiesen haben mochte. Ich stolperte, matt und sröhlich, mit meinem Bruder die Treppen hinauf. Oben empfing mich kein Borwurf, die Geschichte vom goldenen Garten schien sich herumgesprochen zu haben. Es empfing mich vielmehr ein goldgelbes Rührei, ein Schinkenbrot und eine Taffe süßesten Kakaos. Was mich weiter empfing, war ein Vater, der mich selbst zu Bette brachte, zwar nicht gerade sehr gesprächig gestimmt, aber doch mich immerhin fühlen küssend, daß in seinem Verhalten zu mir ost einige Lücken zu finden seien, die zu schließen leider nicht in seinem Vermögen stände. Denn da fei ein hartes, unermüdlich arbeitendes Leben zu bewältigen. Dann weiß ich nur noch, daß ich gleich schlief, tief, traumlos, lange. Als ich erwachte, sagte man mir, Herr Butze wünsche von mir Abschied zu nehmen. Er hatte In dieser Nacht einen seiner schweren Husten- cmfälle gehabt, mid man meinte, daß es für ihn das Beste sei, wenn man ihn in ein Krankenhaus brächte. So sah ich ihn zum ersten Male in meinem Leben nicht vor der Schusterglocke sitzen und nicht hämmern. Ich sah ihn liegen, in feinem nicht ganz sauberen Bett, groß, blaß, ernst, und genau wie Rübezahl. Als er mich sah, lächelte er auf eine geheimnisvolle und verschmitzte Weise, und mir schien, als wolle er mir irgendwie Anbeuten, daß er sich darüber freue, mir geholfen zu haben, und daß er sozusagen meine Krankheit gerne auf sich genommen habe. Tatsächlich faßte ich es damals so auf, als sei er dadurch krank geworden, daß er mir mit so viel Kraft beigestanden hatte, meine eigene schwere Not zu überwinden. So gab ich ihm die Hand, auch verschmitzt lächelnd und auf meine Weise traurig und zufrieden zugleich. Sie trugen ihn in einen weißen Wagen. Man sagte mir, er würde bestimmt gesund werden, und weil ich fröhlich bleiben wollte, glaubte ich es auch. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Die Tür zu der kleinen, düsteren, gefährlichen und herrlichen Loge des Herrn Buße fiel hinter mir zu. Und mit ihr die Tür, die sich vor den Tagen meiner ersten Kindheit endgültig schließt... Napoleon. Bon Hugo v. Hofmannsthal. Daß ein solches Wesen an einem bestimmten Tag eines bestimmten Jahres gestorben ist und daß dieser Tag im Ring des Jahrhunderts wiederkehrt, beleuchtet uns grell das Paradoxe unseres Verflochtenseins mit dem hinter uns Liegenden, das wir mit dem Namen „Geschichte" verdecken. Einerseits ist er abgetan wie Sesostris ober Dschingiskhan, anderseits gegenwärtig, sogar leiblich in gewissem Sinne. Er ist das letzte große europäische Phänomen. Denken wir ihn gelegentlich in geistigen Zusammenhängen, wie Menschenalter, Jahrhundert, so wird nicht er, aber unser auf ihn bezügliches Erlebnis der letzten hundert Jahre — denn die letzten hundert Jahre gehören geistig noch zu unserem Leben — durchsichtig. Vor siebzig ober achzig Jahren war die europäische Phantasie von ihm erfüllt, aber noch ganz in der Region der Sympathie und Antipathie. Der größte Teil der Franzosen unb ein sehr großer der Deutschen, überhaupt die Liberalen aller Rationen, standen zu seinem Bilde in einem sentimentalen Verhältnis; er war das Objekt ihrer Sehnsucht, so äußexft unliberal, ja in gewissem Sinne ein Verächter des Liberalen er auch wieder gewesen war. Das Sentimentale schlug sich nieder in unzähligen Anekdoten, zum Teil in Gedichtform. Die Figur des kleinen Korporals, die Lieder von Büranger gehören hierher. Mit allem, was mit ihm irgendwie zusammenhing, wurde ein Kult getrieben: mit seinem Sohne, dem Herzog von Reichstadt fo gut als mit seinem kleinen dreieckigem Hut. Das Bild des gefangenen Adlers, der mit Zorn und Verachtung in die Stäbe feines Käfigs beißt, grub sich in Millionen Köpfe. Die Uebersührung der Leiche von St. Helena nach dem Jnvalidendoin war für halb Europa eine Emotion, nicht den historischen Sinn, sondern das Gemüt aufregend; es ging nicht um einen Toten, sondern um eine noch lebende und wirkende Macht. (Das zweite Kaiserreich war die Umsetzung dieses Geistigen in Realität, bis zur Karikatur.) Demgegenüber steht in den gleichen Dezennien die Herabwürdigung und gewollte Kälte der Engländer, wie sie kulminiert in der Napoleon-Biographie von Walter Scott. Aber Goethe mar groß genug, gleich nach dem Sturze zu sagen: Laßt mir meinen Kaiser in Ruh! und Byrons Haltung war von Anfang an so rote allem Großen gegenüber: er hatte das Organ dafür. Vor fünfzig Jahren rückte die Gestalt für die Gebildeten aus dem politisch emotionellen Bereich in das der analytischen Forschung. Man beleuchtete seine Abstammung, brachte ihn mit Italien und der Renaissance in näheren Zusammenhang. Er fei, von Haus aus ein Kondottiere, durch Verkettung von Umständen erst im achtzehnten Jahrhundert hervortretend, mitten in eine welthistorische Krise, die er mit Kälte unb Ueberlegenheit behandelt, wie eine Stadtkrise des fünfzehnten. Zugleich wird die Be° onderheit feiner Konstitution auseinandergelegt, das stupende Gedächtnis, Die Willenskraft, die Fähigkeit, alle feine Kräfte zu kommandieren; daß er eine Angelegenheit mit völliger Drangabe seiner Kräfte behandeln, bann den ganzen Komplex wie in eine Lade legen, die Lade zustoßen, eine andere ausziehen kamt; dies alles, so oft er will und immer wieder ohne Ermüdung. Aber wozu das? Gerade was der Analyse und Interpretation widersteht, bei ihm wie beim Feuer und beim Wasser, davon geht die Gewalt über die Seelen aus. Was sich von ihm eigentlich erhält ist eine magische Gegenwart. Er ist eines der wenigen Individuen, die von unzähligen Menschen auch heute noch körperlich vorgestellt werden, und zwar eindrucksvoller und genauer, als man meistens die Mitlebenden vorstellt. Von seiner körperlichen Erscheinung sind zwei Bilder fortwirkend. Das eine mager, mit römischem Profil, brennenden Augen, wirrem, kurzen Haar, unzählig oft gemalt und idealisiert zum Typus des jungen Genius der Tatkraft und Herrscherschaft. Das andere noch wirklicher, aus den Späteren Lebensjahren (aber er war noch nicht sechsundvierzig, als er von der Weltbühne abging), gedrungen, feist, die Gesichtsfarbe gelblich ungesund; das Auge verhältnismäßig klein im gefüllten undurchdringlichen Gesicht, aber der Blick von rasender Kraft, wenngleich eiskalt; die Stimme immer gespannt wie in Zorn ober Ungeduld; die Arme gewaltsam ruhig gekreuzt über der von riesenmäßigen Spannungen erfüllten Brust: die ganze Erscheinung beinahe bürgerlich, ganz unromantisch, scheinbar höchst faßlich, in Wirklichkeit aber unzugänglich, der Analyse widerstrebend, ganz unmittelbar, außer eben durch die Vision. Das eigentlich Treibende, das, wovon im Innern dieser Erscheinung die Seelenlampe sich nährt, kaum mehr erratbar. Denn der Ruhmsinn ist spürbar schon aufgezehrt; eine schneidende Weltverachtung, beständige Gereiztheit, surchtbare Anspannung spricht aus jeder Aeuherung; der innere Zustand scheint eine Art von luziserischer Verzweiflung, balanciert durch ungeheure, noch immer unerschöpfte Kraft des Planens und Handelns. Das Verhältnis der tausend einzelnen, die eine solche Figur in sich tragen, zu diesem auf nicht mehr vorhandener Wirklichkeit beruhenden Phantasiebild ist kaum aufttärbar: die Emotion, die davon ausgeht, zwischen Schauder und, trotz allem, Liebe; magischer Hingezogenheit und Sich-geschlagen-Fiihlen; das ganze Verhältnis das des modernen Menschen zu einer aktiven mythischen Gestalt. Der Kern davon, wenn wir eindringen, ist dieser: wir ahnen eine der größten Verwirklichungen des Individuums im okzidentalen Sinn: als Fusion des Fatalen (nicht des Ideellen) mit dem Praktischen. Insofern ist er, wie wenige, von beiden Hemisphären des europäischen Daseins aus gleichzeitig zu gewahren: von der praktisch-politischen und von der geistig-kontemplativen. So wird er, und gerade auch dem Orient gegenüber — uns insbesondere gegenüber dem europäischen Orient, das ist Rußland — zum Sinnbild des europäischen Titanischen und wirklich „quasi Alexander redivivus". Das von der Renaissance Gewollte, von Wesen wie dem Hohenstaufer Friedrich II., Dante, Lionardo, Michelangelo, teils Gelebte, teils Geahnte wird noch einmal Gestalt, das heißt geschichtliche Wirklichkeit und Sinnbild zugleich. Im Sinnbild ist alles beisammen: Allmacht und Sturz, wunderbar Praktisches und fast wahnsinnige Ueberhebung. Darum, weil er Symbol des handelnden europäischen Individuums ist — ober wie Goethe es ausdrückt: Kompendium der Welt — geht er jeden an, der handelt ober zu handeln glaubt; darum ist auch jedes neue Detail merkwürdig, das von ihm bekannt wird, und wird begierig aufgenommen. Das Detail hat immer den ungeheuren Hintergrund 'des Ganzen: worin wir im wesentlichen das gleiche Ganze aus Ideen und praktischen Widerständen gemischt, erkennen, mit dem wir als Individuen zu ringen haben. Am ergreifendsten wirkt dann ein Ausspruch wie etwa dieser, getan auf dem Krankenbett, einige Wochen vor seinem Tode: „Zu denken, daß es mich jetzt mehr Willenskraft kostet, das eine meiner Augen auszumachen, als früher ein- inal eine offene Feldschlacht zu liefern." Man spürt, daß das wörtlich wahr ist, und es wird einem schwindlig, wenn man sich diesen Abgrund von Kraft und Schwäche im Individuum vereinigt vorstellt. Verstärkend tritt hinzu, daß er, wenn auch aus einem alten Geschlecht, doch aus ganz bürgerlichen Verhältnissen hervorkommt, dies etwa gegenüber Friedrich dem Großen. Er ist nicht zunächst ein übernatürlicher Mensch. Die riesige Willenskraft, die magischen Zwang um sich verbreite!, offenbart sich erst allmählich an den Aufgaben. Der ungeheure Spielersinn entfaltet sich nach und nach, ganz begreislich aus der mathematischen Anlage. Dazu kommt, als Ausgleich, eine wunderbare Gelassenheit Menschen unb Verhältnissen gegenüber. Goethe vergleicht ihn einem Juben nut einem Probierstein in der Hand, ber ganz kalt unb ruhig auf alles zugeht, es mit einem Striche prüft, ob es Gold, Silber ober Kupfer. Er taxiert bie Objekte, auch bie ideellen, schwer zu durchschauenden Mächte, durchschaut sie, meistert sie: er gebraucht sie, aber er hängt nicht ad von ihnen. Jedes schwächere Individuum braucht Dinge ober Komplexe, die ihm aus- helfen, weil es immer wieder sich von sich selbst verlassen fühlt. Das tp seine Lage nicht. Er hat die Herrschaft über sich selbst; das ganze Wesen bleibt immer von einem Punkt aus zusammengehalten. Er kommandiert seinen Körper, sein Gedächtnis, seine Geduld, seinen Zorn. Denkkrast und Willen marschieren vereint. Jeder könnte so sein, fast niemand ist so. Das eigentlich Singuläre aber ist dies: neben dem ungeheuren Bon sens geht ein ungeheures Ernstnehmen der eigenen Pläne und der dahinter stehenden eigenen Personen, das direkt ins Mystische führt. Hier sind wir mit einem Schritt durch den Erdmittelpunkt hindurch in die unserer normalen Welt entgegengesetzte Region gedrungen. Denn was wir die normale Welt nennen, ist die Welt der Selbstsucht, die aber bei wachsender Klarheit in Selbstironie umschlägt, weil früher oder später die Umstände übermächtig werden. Er aber kennt keine Uebermacht der Umstände. Grenzenlos'im Aufsichnehmen von Entscheidungen, empsindet er sich selbst als Fatum hebend und kein Fatum empfangend. Goethe, der alles fab und verstand, hat auch dies gesehen und mit der größten Klarheit noch bei jenes Lebzeiten ausgesprochen: „Bildet euch nur nicht ein, klüger zu sein als er: er verfolgt jedesmal einen Zweck; was ihm in den Weg tritt, wird niedergemacht, aus dem Wege geräumt, und wenn es fein leiblicher Sohn wäre. Er liebt alles, was ihm zu seinem Zweck dienen kann, so sehr es auch von seiner individuellsten Gemütsstimmung abweicht. Daher kommt es auch auf eins hinaus, ob man von ihm geliebt oder gehaßt wird. Er lebt jedesmal in einer Idee, einem Zweck, einem Plan, und nur diesem muß man sich in acht nehmen, in den Weg zu treten, weil er in diesem Punkt keine Schonung kennt." Das gleiche in lapidarer Kürze spricht er selbst aus, in dem Erfurter Gespräch mit Goethe, wenn er die Poetisierung des Schicksals durch die neuen Dichter als schwächlich und unwahr ablehnt. „Es gibt kein Schicksal, die Politik ist das Schicksal." Hier geht er über das Europäisch-individualistische, über das, was die Renaissance aus zwei Zeitaltern, deren Erbe sie eins ins andere geschlagen hatte, ausdestilliert hat, hinaus: in der Kraft, nicht in der Richtung. Etwas davon ist in uns allen. Das Menschliche und das Unmenschliche — das über die Menschen Hinausgehende — liegt in uns, als Antrieb oder Ber- stichung: welche Gewalt es gewinnen kann und in welchen Grenzen, das ist das moralische Hauptthema unserer Existenz. (Goethe stellte Napoleon aus der Welt der Moralität hinaus unter dis großen physischen Ursachen.) Darum sehen die großen Russen Tolstoi und Dostojewski in ihm schlechtweg den Wirbel des Daseins. Seine Figur ist geradezu der Angelpunkt, um den ihr Denken sich dreht, sofern es sich auf das Okzidentalisch- europäische bezieht. Sie nehmen in einer großartigen Weise den Gedanken auf, der sich unter seinen Zeitgenossen festsetzte, als die ganze Wucht eines solchen Wesens auf ihnen lag: er sei dem Antichrist der Offenbarung Johannis gleichzusetzen. Für uns, die wir zwischen den Zeiten hangen, ist er ein ungeheures Sinnbild und kein Monstrum, wenngleich außerhalb der Sittlichkeit stehend. Wesen solcher Art wecken in uns ein Gefühl, das in keine der Kategorien paßt. Sie reinigen aber und stärken auch, indem sie etwas in uns berühren, das tot liegt und von keinem analytischen Denken berührt wird; nur die höchste, seltenste Synthese, vollzogen in der lebenden Gestalt, rührt uns ins Mark. Je nach der Glaubenskraft des Gemütes offenbart sich dann hinter dem Seltensten selber noch ein Höheres, Letztes, Absolutes, und die Seele beugt sich vor diesem Höchsten. Am Abgrund der Zeit. Don Prof. Dr. E. Kraus. Für das Kind ist der Erwachsene uralt. Der Erwachsene schaut ins Bodenlose, wenn er die unendlich erscheinende Zahl der Ereignisse bedenkt, welche die historische Ueberlieserung seit der Zeit des klassischen Altertums zu berichten weiß. Und noch nebelhafter sind die Fernen des „grauesten Altertums", in denen noch nichts von Schriftzeichen bekannt war, wo Steinwerkzeuge die höchste Zivilisation ausmachten. Aber auch diese riesigen Zeiträume der Steinzeit, die wir heute zwischen etwa 15 000 und 250 000 Jahren ansetzten, schrumpfen noch zu einem Geringen zusammen, wenn wir den Blick von der Menschheitsgeschichte auf die Erdgeschichte richten, an deren allerjüngstem Zeitabschnitt nur der Mensch mitbeteiligt ist. Die Geologie ist gewohnt, mit Einheiten in der Größenordnung etwa von einer Jahrmillion zu rechnen. Die uns verhältnismäßig gut bekannten, durch Fossilien gekennzeichneten Zeiträume der verschiedenen Formationen und ihrer Unterabteilungen sind alltägliche, gewohnte Maße. Aber auch der Geologe steht vor einem Abgrund an Zeit, wenn er noch weiter zurückschaut. In den ältesten Teilen der Kontinente, wie in Fennoskandia und Kanada, ist das möglich. Ehrfurchtsvoll sehen wir etwa in Finnland die uralten Marmorlager, die offenbar einst mariner Kalkschlamm waren, vielleicht zum überwiegenden Teil ebenso aus dem Schalenrückstand irgendwelcher urweltlicher Organismen aufgebaut wie die Kalkschlamme der heutigen Meere. Erz- und Silikatlösungen' haben sie oft völlig in Erz oder Granitgesteine umgewandelt. Statt ehemaliger Tonschlamme erblicken wir glimmerreiche, kristallene Schiefer statt Mergel oder vulkanischer Tuffe und schwerer Laven nun grüne kristalline Gesteine mit Hornblende und Feldspat. Statt Ouarzsanden sehen wir harten Quarzitsels, statt Geröll-Lagern der Flüsse härteste Konglomerate. Organische Reste, Bitumen, erscheinen nun als Graphit, teilweise als anthrazitartiges „Schungit"-Lager. Ueberall die Reste vergangener Ereignisse, die sich von heutigen kaum unterscheiden, van Wasserabsätzen, vulkanischen Eruptionen, von organischem Leben auf uralten Oberflächen der Erde. All das ist durch die Hitze, die Gase, die Adern eingedrungener Granitmassen, durch Druck und gesteigerte Temperatur in großen Tiefen der Erdrinde umkristalliert, in den Kristallkellern der Erde konserviert. Die Erhaltung reicht aus, um auch hier noch eine langdauernde Geschichte wenigstens in Umrissen zu erschließen. Verglichen mit dem Ablagerungstempo späterer Zeiten lassen die überaus mächtigen und höchst mannigfachen Sedimente aus eine sehr, sehr lange Zeit der Ablagerung schließen. Die stark gestörte Schichtlagerung beweist, daß sich aus ihnen kräftige Gebirge geformt haben. Aber von deren Körper erkennen wir in der Hauptsache hier nur noch das tiefste Stockwerk, in welchem festliche Ausweich-Bewegungen nur untergeordnet möglich waren. In weiten Teilen sieht es aus, als ob dieses Stockwerk zuerst feine normalere Faltung in geringerer Tiefe erhalten hätte, um darauf immer tiefer hinabgezogen zu werden. Dabei wurde der ganze Bau um 90 Grad gekippt, so daß er heute als gewaltige Scholle senkrecht hinabtaucht. Erst hoch über diesem tief versunkenen Stockwerk müssen sich die großen, horizontalen, oberflächen-näheren Faltungs- und Ueberschiebungsbewegungen der späteren Zeit abgespielt haben. Die Reste dieses höchsten Stockwerks sind heute zumeist völlig abgetragen. Aus diesem tief entblößten Gebirgsrumpf haben sich danach neue, großartige Ablagerungen entwickelt. Und auch sie wurden wieder gefaltet; auch dieses neue Gebirge wurde wieder abgetragen. Wir haben keine Möglichkeit, anzunehmen, daß diese Abtragung damals gegenüber heute viel schneller verlaufen sei. Wir wissen, daß die letzten 12 000 Jahre noch keineswegs hingereicht haben, um die verhältnismäßig geringfügigen morphologischen Spuren der letzten Eiszeit von der vereist gewesenen Erdoberfläche zu entfernen. Nun stelle man sich erst die Zeitlänge vor, die nötig ist, um aus einem ober aus zwei Hochgebirgen ganz flache Landschaften zu schaffen, wie wir sie heute sehenl und am Ausgang dieser Faltungsperioden drangen mächtige Granite aus der Tiefe stockförmig vor und erstarrten weit unter der Erdoberfläche. Langsame, andauernde Landhebung und gleichzeitig fortschreitende Abtragung hatte sie danach bereits an die Erdobersläche gebracht als sich über sie, viel später erst, rötliche Sande lagerten, in denen auch noch immer keine Spuren des paläozoischen Lebens zu finden sind. Erst noch später griff das älteste Meer des Erdaltertums bis in die alten eingeebneten Kerne der Kontinente vor; ihre Ablagerungen zeigen die älteste, weiter verbreitete Fauna. Ihrer Größenordnung nach werden uns diese riesigen Zeiträume auch aus der Beobachtung des Zerfalls-Zustandes radioakiiver Mineralien in den Gesteinen klar. Die Zerfallsgeschwindigkeit solcher radioaktiver Stoffe ist uns bekannt; ihre Bildung im Magma kann erst von dessen Erstarrungszeit datieren. Daraus kann man absolute Erstarrungsalter dieser magmatischen Gesteine nach verschiedenen Methoden abschätzen. Für die Zeiten, aus deren Schichten allerälteste Fossilien (primitive Tiere) bekannt sind, ist ein Alter von etwa 1500 Millionen Jahren zu rechnen. Die ältesten Gesteine Finnlands müssen ein Alter von 2000 bis 2500 Millionen Jahren haben. Das ist ein Abgrund von Zeit. Vergleichen wir ein Jahr mit der Dicke eines Zehn-Pfennig-Stückes, von dem sechs auf einen Zentimeter gehen. Könnten mir zwei Milliarden 10-Pfennig-Stücke zu einer Geldrolle zusammensetzen, so hätte diese eine Länge von 3333 Kilometer. Wir müßten bei einer Tagesleistung von 50 Kilometer säst 67 Tage marschieren, um an das Ende dieser Rolle zu kommen. Die Astronomie berichtet von ungeheuren Entfernungen, die Geologie rechnet mit ungeheuren Zahlen. Und in der Erdgeschichte stehen wir mit Bildung der ältesten Gesteine in Finnland noch lange nicht am Anfang, denn das Aussehen dieser Gesteine ist nur verändert, aber grundsätzlich nicht anders als Gesteine, die sich noch heute bilden könnten. Die ganze Zeit der Umwandlung von kosmisch-diffuser Materie bis zu einem festen Erdkern, der anfangs wohl noch viel zu heiß, um flüssiges Wasser in Meeren zu tragen, und die Zeit feiner Abkühlung bis auf Zustände die den heutigen vergleichbar sind, diese gar nicht abzuschützende und gewiß nicht kurze Zeit liegt ja noch voraus in der Erdgeschichte. Zum Mikrokosmos gehört der Mensch nach Raum und Zeit! Seine Leistungen liegen in engen Grenzen. Dars er doch schon stolz darauf sein, daß nicht viel Generationen nötig waren, um ihm eine Vorstellung dieser Grenzen zu geben. Nußknacker und Mausekönig. Ein Märchen von E. T. A. H o f f m a n n. (Fortfetzung.) „Nein," rief Marie weinend, „du bekommst ihn nicht, meinen lieben Nußknacker; sieh nur her, wie er mich so wehmütig anschaut und mir sein wundes Mündchen zeigt! Aber du bist ein Hartherziger Mensch — du schlägst deine Pferde und läßt wohl gar einen Soldaten totschietzen." — „Das muß so fein, das verstehst du nicht," rief Fritz; „aber der Nußknacker gehört ebensogut mir als dir; gib ihn nur her!" — Marie fing an, heftig zu meinen und wickelte den kranken Nußknacker schnell in ihr kleines Taschentuch ein. Die Eltern kamen mit dem Paten Drossekmeier herbei. Dieser nahm zu Mariens Leidwesen Fritzens Partie. Der Vater sagte aber: „Sie habe den Nußknacker ausdrücklich unter Mariens Schutz gestellt, und da, wie ich sehe, er dessen eben jetzt bedarf, so hat sie volle Macht über ihn, ohne daß jemand drein zu reden hat. Uebrigens wundert es mich sehr von Fritzen, daß er von einem im Dienst Erkrankten noch fernere Dienste verlangt. Als guter Militär sollte er doch wohl wissen, daß man Verwundete niemals in Reihe und Glied stellt!" Fritz war sehr beschämt und schlich, ohne sich weiter um Nüsse und Nußknacker zu bekümmern, fort an die andre Seite des Tisches, wo feine Husaren, nachdem sie gehörige Vorposten ausgestellt hatten, ins Nachtquartier gezogen waren. Marie suchte Nußknackers verlorene Zähnchen zusammen; um das kranke Kinn hatte sie ein hübsches weißes Band, das sie von ihrem Kleidchen abgelöst, gebunden und dann den armen Kleinen, der sehr blaß und erschrocken aussah, noch Sorgfältiger als vorher in ihr Tuch eingewickelt. So hielt sie ihn wie ein kleines Kind wiegend in den Armen und besah die schonen Bilder des neuen Bilderbuchs, das heute unter den andern vielen Gaben lag. Sie wurde, wie es sonst gar nicht ihre Art war, recht böse, als Pate Drosselmeier so sehr lachte und immerfort fragte, wie sie denn mit solch einem grundhäßlichen Kerl so schön tun könne! — Jener sonderbare Vergleich mit Drosselmeier, den sie anstellte, als der Kleine ihr zuerst in die Augen fiel, tarn ihr in den Sinn, und sie sprach sehr ernst: „Wer weih, lieber Pate, ob du denn, putzest du dich auch so heraus wie mein lieber Nußknacker und hättest dii auch solche schöne blanke Siiefelchen an, wer weiß, ob du denn doch so hühsch aussehen würdest als er!* — Marie wußte gar nicht, warum denn die Eltern so laut auslachten, und warum der Obergerichtsrat solch eine rote Nase bekam und gar nicht fo hell mitlachte wie zuvor. Es mochte wohl seine besondere Ursache haben. Wunderdinge. Bei Medizinalrats in der Wohnstube, wenn man zur Tür hineintritt, gleich links an der breiten Wand steht ein hoher Glasschrank, in wel- cheni die Kinder all die schönen Sachen, di« ihnen jedes Jahr einbeschert worden, aufbewahren. Die Luise war noch ganz klein, als der Vater den Schrank von einem sehr geschickten Tischler machen lieh, der so hinimel- helle Scheiben einsetzte und überhaupt das Ganze so geschickt einzurichten wußte, daß alles darin sich beinahe blanker und hübscher ausnahm, als wenn man es in Händen hatte. Im obersten Fache, für, Marien und Fritzen unerreichbar, standen des Paten Drosselmeier Kunstwerke; gleich darunter war das Fach für die Bilderbücher; die beiden untersten Fächer durften Marie und Fritz anfüllen, wie sie wollten; jedoch geschah es immer, daß Marie das unterste Fach ihren Puppen zur Wohnung cin- räumte, Fritz dagegen in dem Fache darüber feine Truppen Kanionie- rungsquartiere beziehen ließ. So war es auch heute gekommen; denn indem Fritz feine Husaren oben aufgestellt, hatte Marie unten Mamsell Trudchen beiseite gelegt, die neue, schön geputzte Puppe in das sehr gut möblierte Zimmer hineingesetzt und sich auf Zuckerwerk bei ihr eingeladen. Sehr gut möbliert war das "Zimmer, habe ich gesagt, und das ist auch wahr; denn ich weih nicht, ob du, meine aufmerksame Zuhörerin Marie, ebenso wie die kleine Stahlbaum — es ist dir schon bekannt worden, daß sie auch Marie heißt — ja, ich meine, ob du ebenso wie diese ein kleines, schön geblümtes Sofa, mehrere allerliebste Stühlchen, einen niedlichen Teetisch, vor allen Dingen aber ein sehr nettes blankes Bettchen besitzest, worin die schönsten Puppen ausruhen. Alles dies stand in der Ecke des Schranks, dessen Wände hier sogar mit bunten Bilderchen tapeziert waren, und du kannst dir wohl denken, daß in diesem Zimmer die neue Puppe, welche, wie Marie noch denselben Abend erfuhr, Mamsell Klärchen hieß, sich sehr Wohlbefinden mußt«. Es war später Abend geworden, ja Mitternacht im Anzuge und Pate Drosselmeier längst fortgegangen, als die Kinder noch gar nicht wegkommen konnten von dem Glasschrank, so sehr auch die Mutter mahnte, daß sie doch endlich nun zu Bette gehen möchten. — „Es ist wahr", rief endlich Fritz, „die armen Kerls (seine Husaren meinend)-wollen auch nun Ruhe haben, und solange ich da bin, wagt's keiner, ein bißchen zu nicken, das weiß ich schon!" Damit ging er ab. Marie aber bat gar sehr: „Nur noch ein Weilchen, ein einziges kleines Weilchen laß mich hier, liebe Mutter! Hab' ich ja doch manches zu besorgen, und ist das geschehen, so will ich ja gleich zu Bette gehen." Marie war gar ein frommes, vernünftiges Kind, und so konnte die gute Mutter wohl ohne Sorgen sie noch bei den Spielsachen allein lassen. Damit aber Marie nicht etwa gar zu sehr verlockt werde von der neuen Puppe und den schönen Spielsachen überhaupt, so aber die Lichter vergäße, die rings um den Wandschrank brannten, löschte di« Mutter sie sämtlich aus, so daß nur die Lampe, die in der Mitte des Zimmers von der Decke hevabhing, ein sanftes anmutiges Licht verbreitete. „Komm bald herein, liebe Marie! sonst kannst du ja morgen nicht zu rechter Zeit aufstehen", rief die Mutier, indem sie sich in das Schlafzimmer entfernte. Sobald sich Marie allein befand, schritt sie schnell dazu, was ihr zu tun recht auf dem Herzen lag, und was sie doch nicht, selbst wußte sie nicht warum, der Mutter zu entdecken vermochte. Noch immer hatte sie den kranken Nußknacker eingewickelt in ihr Tasck>entuch aus dem Arm getragen. Jetzt legte sie ihn behutsam auf den Tisch, wickelte leise das Tuch ab und sah nach den Wunden. Nußknacker war sehr bleich, aber dabei lächelte er so wehmütig freundlich, daß es Marien recht durch das Herz ging. „Ach, Nußknackerchen", sprach sie sehr leise, „sei nur nicht böse, daß Bruder Fritz dir so wehe getan hat; er hat es auch nicht so schlimm gemeint, er ist nur ein bißchen hartherzig geworden durch das wilde Soldatenwesen, aber sonst ein recht guter Junge; das kann ich dich versichern! Nun will ich dich aber auch recht sorglich so lang« pflegen, bis du wieder ganz gesund und fröhlich geworden; dir deine Zähnchen recht fest einsetzen, dir die Schultern einrenken, das soll Pate Drosselmeier, der sich auf solck)« Dinge versteht." Aber nicht ausreden konnte Mari«, denn indem sie den Namen Drosselmeier nannte, machte Freund Nußknacker ein ganz verdammt schiefes Maul, und aus seinen Augen fuhr es heraus wie grünfunkelnde Stacheln. In dem Augenblick aber, daß Marie sich recht entsetzen wollte, war es a wieder des ehrlichen Nußknackers wehmütig lächelndes Gesicht, welches ie anblickte, und sie wußte nun wohl, daß der von der Zugluft berührt«, chnell auflodernde Strahl der Lampe im Zimmer Nußknackers Gesicht o entstellt hatte. „Bin ich nicht ein töricht Mädchen, daß ich so leicht er- chreck«, so daß ich sogar glaube, das Holzpüppchen da könne mir Gesichter chneideni Aber lieb ist mir doch Nußknacker gar zu sehr, weil er sd 'omisch ist, und doch so gutmütig, und darum muß er gepflegt werden, wie sich's gehört!" Damit nahm Marie den Freund Nußknacker in den Arm, näherte sich dem Glasschrank, kauerte vor demselben und sprach also zur neuen Puppe:.„Ich bitte dich recht sehr, Mamsell Klärchen, tritt dein Bettchen dem kranken wunden Nußknacker ab und behelfe dich, so gut wie es geht, mit dem Sofa! Bedenk«, daß du sehr gesund und recht bei Kräften bist — denn sonst würdest du nicht solche dicke, dunkelrote Backen haben — und daß sehr wenige der allerschönsten Puppen solche weiche Sofas besitzen!" Mamsell Klärchen sah in vollem glänzenden Weihnachtsputz sehr vornehm und verdrießlich aus und sagte nicht „Muck!" — „Was mache ich aber auch für Umstünde", sprach Marie, nahm das Bett hervor, legte sehr leise und sanft Nußknackerchen hinein, wickelte noch ein gar schönes Bändchen, das sie sonst um den Leib getragen, um die wunden Schultern und bedeckte ihn bis unter die Nase. „Bei der unartigen Kläre darf er aber nicht bleiben", sprach sie weiter und hob das Bettchen samt dem darin liegenden Nußknacker heraus in das obere Fach, so daß es dicht neben dem schönen Dorf zu stehen kam, wo Fritzens Husaren kantonierten. Sie verschloß den Schrank und wollte ins Schlafzimmer, da — horcht auf, Kinder! — da fing es an, leis« — leise zu wispern und zu flüstern und zu rascheln ringsherum, hinter dem Ofen, hinter den Stühlen, hinter den Schränken. — Die Wanduhr schnurrt« dazwischen lauter und lauter, aber sie konnte nicht schlagen. Marie blickte hin; da hatte die große vergoldete Eule, die darauf saß, ihre Flügel herabgesenkt, so daß sie die ganze Uhr überdeckten, und den häßlichen Katzenkopf mit krummem Schnabel weit vorgestreckt. Und stärker schnurrte es mit vernehmlichen Worten: Uhr, Uhre, Uhre, Uhren, müht alle nur leise schnurren — leise schnurren. — Mausekönig hat ja wohl ein feines Ohr — purr, purr — pum, pum! singt nur, singt ihm altes Liedlein vor! — Purr, purr — pum puin! schlag an, Glöcklein schlag an, bald ist es um ihn getan! Und pum, pum! ging es ganz dumpf und heiser zwölsmal. Marien fing an, sehr zu grauen, und entsetzt wäre sie beinahe davön- gelaufen, als sie Pate Drosselmeier erblickte, der statt der Eule auf der Wanduhr saß und seine gelben Rockschöße von beiden Seiten wie Flügel herabgehängt hatte; aber sie ermannte sich und rief laut und weinerlich: „Pate Drosselmeier, Pal« Drosselmeier, was willst du da oben? Komm herunter zu mir und erschrecke mich nicht so, du böser Pate Drosselmeier!" — Aber da ging ein tolles Kichern und Gepfeife los rundumher, und bald frottierte und lief es hinter den Wänden wie mit tausend kleinen Füßchen, und tausend kleine Lichterchen mären es, nein, kleine funkelnde Augen, und Marie wurde gewahr, daß überall Mäuse hervorguckten und sich hervorarbeiteten. Bald ging es trott — trott — hopp, hopp! in der Stube umher — immer lichtere und dichtere Haufen Mäuse galoppierten hin und her und stellten sich endlich in Reihe und Glied, so wie Fritz seine Soldaten zu stellen pflegte, wenn es zur Schlacht gehen sollte. Das kam nun Marie sehr possierlich vor, und da sie nicht wie manch« andere Kinder einen natürlichen Abscheu gegen Mäuse hatte, wollte ihr eben alles Grauen vergehen, als es mit einemmal so entsetzlich und so schneidend zu pfeifen begann, daß es ihr eiskalt über den Rücken lief. — Ach, was erblickte sie jetzt! — Nein, wahrhaftig, geehrter Leser Fritz, ich weih, daß ebensogut wie dem weisen und mutigen Feldherrn Fritz Stahlbaum dir das Herz auf dem rechten Flecke sitzt; aber hättest du das gesehen, was Marien jetzt vor Augen kam, wahrhaftig, du wärst davon- ?' elaufen; ich glaube sogar, du wärst schnell ins Bette gesprungen und ättest die Decke viel weiter über die Ohren gezogen, als gerade nötig. — Ach, das konnte die arme Marie ja nicht einmal tun, denn — hört nur, Kinder! — dicht vor ihren Füßen sprühte es, wie von unterirdischer Gewalt getrieben, Sand und Kalk und zerbröckelte Mauersteine hervor, und sieben Mauseköpfe mit sieben hellfunkelnden Kronen erhoben sich recht gräßlich zischend und pfeifend aus dem Boden. Bald arbeitete sich auch der Mänsekörper, an dessen Hals die sieben Köpfe angewachfen waren, vollends hervor, und der großen mit sieben Diademen geschmückten Maus jauchzte in vollem Chorus dreimal laut ausquiekend das ganze Heer entgegen, das sich nun auf einmal in Bewegung setzte und hott, hott — trott, trott! ging es — ach, geradezu auf den Schrank — geradezu auf Marien los, die noch dicht an der Glastür des Schrankes stand. Bor Angst und Grauen hatte Marien das Herz schon so gepocht, daß sie glaubte, es müsse nun gleich aus der Brust herausspringen, und bann müßte sie sterben; aber nun mar es ihr, als stehe ihr das Blut in den Adern still. Halb ohnmächtig wankte sie zurück; da ging cs klirr, klirr — prr! und in Scherben fiel die Glasscheibe des Schranks herab, die sie mit dem Ellbogen eingestoßen. Sie fühlte wohl in dem Augenblick einen recht stechenden Schmerz am linken Arm; aber es mar ihr auch plötzlich viel leichter ums Herz: sie hörte kein Quieken und Pfeifen mehr; es war alles ganz still geworden, und obschon sie nicht Hinblicken mochte, glaubte sie doch, die Mäuse wären von dem Klirren der Scheibe erschreckt wieder abgezogen in ihre Löcher. Aber was war denn das wieder? — Dicht hinter Marien fing es an im Schrank auf seltsame Weis« zu rumoren und ganz feine Stimmchen fingen an: „Aufgemacht — aufgervacht — woll'n zur Schlacht — noch diese Nacht — ausgemacht — auf zur Schlacht!" — Und dabei klingelte es mit harmonischen' Glöcklein gar hübsch und anmutig. „Ach, das ist ja mein kleines Glockenspiel!" rief Marie freudig und sprang schnell zur Seite. Da sah sie, wie es im Schrank gar sonderbar leuchtete und herum- mirtschastete und hantierte. Es waren mehrere Puppen, die durcheinander liefen und mit den kleinen Armen herumfochten. Mit einemmal erhob sich jetzt Nußknacker, warf die Decke weit von sich und sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette, indem er laut rief: „Knack — knack — knack — dummes Mausepack — bummer toller Schnack — Mausepack — knack — knack — Mausepack — krick und krack — wahrer Schnack!" Und damit zog er sein kleines Schwert und schwang es in den Lüften und rief: „Ihr, meine lieben Baiallen, Freunde und Brüder, wollt ihr mir beistehen im harten Kampf?" — Sogleich schrisen heftig drei Skaramuze, ein Pantalon *, vier Schornsteinfeger, zwei Zither- fpielmänncr und ein Tambour: „Ja, Herr — mir hängen Euch an in standhafter Treue — mit Euch ziehen mir in den Tod, Sieg und Kampf!" und stürzten sich nach dem begeisterten Nußknacker, der den gesährlic^n Sprung wagte, vom oberen Fach herab. Ja, jene halten gut sich herab- stürzen; denn nicht allein, daß sie reiche Kleider von Tuch und Seide trugen, so war inwendig im Leibe auch nicht viel anders als Baumwolle und Häcksel; daher plumpten sie auch herab wie Wollsäckchen. Aber der arme Nußknacker, der hätte gewiß Ann und Beine gebrochen; denn, denkt euch, es war beinahe zwei Fuß hoch vom Fache, wo er stand, bis zum untersten, und sein Körper war so spröde, als sei er geradezu aus Lindenholz geschnitzt. (Fortsetzung folgt.) * Skarainnz wie Panialon waren komisch« Charaktermasken der alteren italienischen Komödie. Ersterer, der in schwarzer spanischer HoftraHt erschien und den Aufschneider vorstellte, wurde gewöhnlich am Schüße der Stücke von seinem lustigen Genossen durchgeprügelt, dessen mit bau Strümpfen in eins verlaufende Beinkleider ihm seinen eigentümlichen Namen verschafften. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.