Jahrgang <929 Zreitag, den 6. September Nummer 69 ä ; die zu keinem Ergebnis ;ein als m aus ionbct von einem ia irgend- i in» hen. an. geil er aller inem um, eine vor- -lbst, die ienn an- ;lich, nun Beherzigung. Von I. W. v. Goethe. Feiger Gedanken Bängliches Schwanken, Weibisches Zagen, Aengstliches Klagen Wendet kein Elend, Macht dich nicht frei. Allen Gewalten Zum Trutz sich erhalten, Rimmer sich beugen. Kräftig sich.zeigen, Rufet die Arme Der Götter herbei. ifercs noch chein- Sich- Stabt Heini, Brot, nein! ndcr- n sich ißbar aenb- auch ll... man doch Un- iesem gegen eiten, iden, eine zum egel- irisch ein irauf , um tenb, r zu ötter ibern )en!" vor daß nung owa- china eder- । be- nupf- echts leute, nicht, zierte dem Nase, von sah fchen schast Gott ase! lew, ge- hm, ge- Und ase! läs- richt ise." llase ilzte ow- afür chon der noch immer recht verwirrt war, und den offenbar seine Geschäfte. nicht länger in Rotterdam zurückhielten, begann in diesem Augenblick eifrige Vorbereitungen für die Abreifc zu machen. Und da es nötig war, einigen Ballast abzuwerfcn, um den Wiederanstieg zu ermöglichen, purzelte das ganze halbe Dutzend Säcke, die er nacheinander auswarf, ohne sie erst zu entleeren, unglücklicherweise auf den Rücken des Bürgermeisters und rollte ihn wohl ein dutzcndmal vornüber im Angesichte aller Bewohner von Rotterdam. Es ist aber nicht anzunehmen, daß der große Underduk diese Unverschämtheit des kleinen Mannes unbestraft durchgehen ließ. Im Gegenteil soll er während jedes seiner sechs Purzelbäume nicht weniger als sechsmal deutlich und wütend aus seiner Pfeife gepafft haben, die er die ganze Zeit mit aller Macht festhielt und die mit Gottes Hilfe bis an fein seliges Ende festzuhalten er beabsichtigt. Inzwischen stieg der Ballon auf wie eine Lerche und, hoch über die Stadt hinwegfliegend, trieb er ruhig hinter eine Wolke, ähnlich der ersten, aus welcher er so sonderbar aufgetaucht war, und blieb so den erstaunten Augen der Rotterdamer Bürger für immer entschwunden. Alle Aufmerk» iMtzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Nachdem sich der kleine alte Herr, wie schon gesagt, bis auf etwa hundert Fuß der Erde genähert hatte, wurde er plötzlich von einem Anfall von Unruhe erfaßt und schien abgneigl, der terra firma irgendwie näher zu kommen. Er warf also eine Menge Sand aus einem Lcinensack, den er mit großer Mühe aufhob, und blieb sofort auf derselben Höhe stehen. »Dann holte er eilig und aufgeregt aus einer Seitentasche seines Ueberrocks eine große Brieftasche aus Saffianleber. Er wog sie nxißtrauisch in ber Hand, sah dann außerordentlich erstaunt aus und war offenbar von ihrem Gewicht überrascht. Schließlich öffnete er sie, holte einen großen Brief heraus, der mit rotem Wachs gesiegelt und sorgfältig mit rotem Zwirn zusammengebunden war, und lieh ihn genau zu Füßen des Bürgermeisters Superbus Von Underduk herabgefallen. Seine Exzellenz bückten sich, um.ihn aufzuheben. Aber der Luftschiffer, Der Ballon (denn ein solcher war es ohne Zweifel) war nun bis auf eine Entfernung von hundert Fuß heruntergekommen, fo daß die Menge die Person seines Insassen ziemlich genau sehen konnte. Das war wirklich ein sonderbarer Jemand. Er konnte nicht größer feit Zwei Fuß, aber schon diese geringe Höhe würde genügt haben, ihn dem Gleichgewicht zu bringen und über den Rand der winzigen Gr..... zu kippen, wäre nicht ein kreisförmiger Reifen in Brusthöhe in die Taue des Ballons getakelt gewesen. Der Körper des kleinen Mannes war unverhältnismäßig breit, was der ganzen Gestalt eine lächerliche Rundlichkeit gab. Die Füße waren natürlich überhaupt nicht sichtbar, die Hände riesengroß. Sein Haar war grau und hinten zu einem Zopf zu- sammengebunden. Die Nase war erstaunlich lang, krumm und entzündet; die Augen rund, glänzend und schlau; Doppelkinn und Wange, obgleich vom Alter runzlig, waren breit und gedunsen; aber nirgends an seinem Kopfe konnte man so etwas wie Ohren sehen. Dieser seltsame kleine Herr trug einen losen hellblau seidenen Ueberrock mit dazu passenden engen kurzen Hosen, die an den Knien mit silbernen Schnallen befestigt waren. Seine Weste war aus schönem gelben Stoffe; eine weiße seidene Mütze saß keck auf einer Seite des Kopfes und um diese Ausstattung zu vollenden, umhüllte ein blutrotes seidenes Tuch seinen Hals und hing lose, in einen phantastischen Knoten von übertriebener Größe geschlungen, auf die Brust herab. Das beispiellose Abenteuer des Hans Pfaall. Von Edgar Allan Poe. Das Herz voll rasender Fantasien, Die alle mir untertan, Mit meinem Luftroß will ich ziehn Und glühendem Speer die freie Bahn. Tom O’Bedlams Song. Nach den letzten Berichten aus Rotterdam scheint in dieser Stadt eine gesteigerte wissenschaftliche Erregung zu herrschen.. Tatsächlich haben sich dort Naturerscheinungen ereignet, die so völlig unerwartet, so vollkommen neu, so entschieden allen bisherigen Ansichten widersprechend sind, daß ich keinen Zweifel darüber hege, daß noch lange Zeit nachher ganz Europa in Unruhe, alle Kräfte in Gärung, Vernunft und Astronomie miteinander im Kampfe bleiben werden. Wie verlautet, war eines Tages (das Datum weiß ich nicht genau) eine große Volksmenge aus Gründen, die nicht besonders erwähnt werden, auf dem großen Börsenplätze der guten Stadt Rotterdam versammelt. Der Tag war für die Jahreszeit außergewöhnlich warm — kein Lüftchen regte sich — und die Menge ertrug es gern, daß hier und da kurze Regenschauer sie bespritzten, die aus ber großen, weißen, über ben ganzen blauen Himmelsbogen zerstreuten Wolkenmasse herniederfielen. Trotzdem wurde gegen Wittag eine leichte, aber deutliche Erregung bei der Versammlung bemerkbar; bas Schwatzen von 10 000 Zungen folgte; und einen Augenblick später waren 10 000 Gesichter zum Himmel aufwärts gewanbt, 10 000 Pfeifen sanken zu gleicher Zeit aus 10 000 Mundwinkeln, und ein Getöse, das nur mit dem Rauschen des Niagara ver- een werden konnte, tönte lang, laut und rasend durch Stadt und jegenb von Rotterdam. Die Ursache dieses Tumultes wurde bald offensichtlich. Aus der gewaltigen Gestalt einer der schon erwähnten scharf gezeichneten Wolken- masse trat langsam in den offenen blauen Himmelsraum ein sonderbarer, fremdartiger, aber offenbar fester Gegenstand, der so seltsam geformt, so absonderlich zusammengesetzt war, daß der Haufe handfester Bürger, die mit offenem Munde unten standen, ihn durchaus nicht zu begreifen und gar nicht genug zu bewundern vermochten. Was konnte das (ein? Im Namen aller Teufel von Rotterdam, was konnte das möglicherweise bedeuten? Niemand wußte es, niemand konnte es ausdenken; niemand — nicht einmal der Bürgermeister Mynheer Superbus Von Underduk — hatte den geringsten Anhaltspunkt, um dieses Geheimnis zu entwirren; da also nichts Vernünftigeres zu tun war, steckte jedermann seine Pfeife sorgsam wieder in den Mund, behielt dauernd die Erscheinung im Äuge, paffte, sann nach, watschelte umher und grunzte, sann und passte schließlich wieder. Inzwischen aber senkte sich der Gegenstand von soviel Neugierde, die Uxsache von soviel Rauch tiefer und tiefer auf die schöne Stadt herab. In wenigen Minuten war er so nah, daß man ihn genau erkennen konnte. Es schien, ja es w a r zweifellos eine Art Ballon, aber sicher hatte man einen solchen Ballon noch nie in Rotterdam gesehen. Denn — io muh ich fragen — wer hat jemals von einem Ballon gehört, der ganz aus schmutzigem Zeitungspapier gemacht war? Niemand in ganz Holland; aber hier unter den eigenen Nasen ber Leute ober vielmehr m einiger Entfernung über ihren Nasen, hing eben dieses erwähnte ®ing und war — wie ich von wohlunterrichteter Seite weiß — wirklich ous diesem Material gemacht, von dem man niemals je gehört hatte, daß es zu solchem Zwecke verwendbar sei. Es war eine offenbare Beleidigung für ben gesunden Menschenverstand der Bürger von Rotterdam. Und die Gestalt des Phänomens war noch empörender, denn es war nichts anderes als eine umgekehrte Narrenkappe. Diese Aehnlichkeit wurde durchaus nicht abgeschwächt, als die Menge bei näherer Betrachtung bemerkte, daß eine große Quaste von der Spitze herabhing und am oberen Rande, der Grundfläche des Kegels, ein Kreis kleiner Jn- strumente angebracht waren, die Schafglocken ähnlich sahen und dauernd die Melodie von „Betty Martin" klingelten. Aber es kam noch schlimmer. Mit blauen Bändern an dieser abenteuerlichen Maschine befestigt, hing anstatt einer Gondel ein riesiger mausgrauer Kastorhut mit übertrieben breitem Rande, halb kugelförmigem Kopfe, schwarzem Bande und silberner Schnalle. Es ist jedoch bemerkenswert, daß viele Bürger von Rotterdam beschworen, denselben Hut früher schon öfters gesehen zu haben, und die ganze Versammlung schien ihn als alten Bekannten zu betrachten, während Frau ©rettet Pfaall bei seinem Anblick in einen Ausruf freudiger Ueberraschung ausbrach und erklärte, cs sei genau der Hut ihres eigenen guten Mannes. Dieser Umstand war nun um so anfallender, als tatsächlich vor etwa fünf Jahren Pfaall mit drei Geährten in ganz plötzlicher und unerklärlicher Weise von Rotterdam ver- chwunden war, und seither alle Versuche, Nachricht von ihm zu erhalten, zu keinem Ergebnis führten. Allerdings hatte man kürzlich in einer einsamen Gegend im Osten der Stadt einige Knochen, die für menschliche gehalten wurden, mit allerlei sonderbarem Plunder vermischt, gesunden, und manche Leute gingen so weit zu glauben, daß an diesem Ort ein abscheulicher Mord verübt worden sei, dessen Opfer aller Wahrscheinlichkeit nach Hans Pfaall und feine Gefährten wären. Doch kommen wir auf unsere Erzählung zurück. samkeit galt nun dem Briefe, dessen Herabfallen mit seinen Begleitumständen eine so umstürzlerische Wirkung sowohl auf die Person, wie auch auf die persönliche Würde Seiner Exzellenz von Underduk ausgeübt hatte. Während seiner herumkugelnden Bewegungen hatte der hohe Beamte aber nicht versäumt, an die wichtige Tatsache zu denken, daß es notwendig sei, den Brief in Sicherheit zu bringen, denn, bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, daß er in die richtigen Hände gefallen und an ihn selbst gerichtet war, an ihn und Professor Rubadub, in ihrer öffentlichen Eigenschaft als Präsident und Vizepräsident der Rotterdamer astronomischen Akademie. Also wurde er sofort von beiden Würdenträgern geöffnet und es ergab sich, daß er salzende ungewöhnliche und in der Tat sehr ernsthaste Mitteilung enthielt: An Ihre Exzellenzen Von Underduk und Rubadub, Präsidenten und Vizepräsidenten der staatlichen astronomischen Akademie in der Stadt Rotterdam. Ihre Exzellenzen werden sich vielleicht eines bescheidenen Handwerkers namens Hans Pfaall, feines Zeichens Blasebalgflicker, erinnern, der mit drei anderen vor etwa fünf Jahren unter Uinständen, die man wohl unerklärlich fand, aus Rotterdam verschwand. Mit Verlaub Ew. Exz. bin ich, der Schreiber dieser Mitteilung, Hans Pfaall selbst. Den meisten meiner Mitbürger ist wohl bekannt, daß ich während vierzig Jahren in dem kleinen schiefen Backsteinhause am oberen Ende des Sauerkrautgärtchens lebte, wo ich auch zur Zeit meines Verschwindens meinen Wohnsitz hatte. Meine Vorfahren haben auch schon seit Menschengedenken dort gewohnt und, wie ich, das ehrbare und recht einträgliche Geschäft des Blasebalgflickens betrieben, denn, ehrlich gesagt, bis in letzter Zeit die Köpfe aller Leute auf Politik begierig wurden, konnte kein ehrbarer Bürger von Rotterdam ein besseres Geschäft als das meinige wünschen oder verdienen. Der Kredit war gut, es gab immer genug Arbeit und es fehlte weder an Geld nach an gutem Willen. Aber, wie ich schon sagte, bald fingen wir an, die Folgen von Freiheit, langen Reden, Radikalismus und ähnlichem Zeuge zu verspüren. Leute, die früher die besten Kunden der Welt waren, hatten jetzt keinen Augenblick Zeit, um an uns zu denken. Sie hatten zuviel damit zu tun, über Revolutionen zu lesen und mit dem Fortschritt und dem Geist der Zeit vorwärts zu gehen. Wenn ein Feuer angefacht werden sollte, konnte es auch durch eine Zeitung geschehen, und ich bezweifle nicht, daß Leder und Eisen in gleichem Maße an Dauerhaftigkeit zunahmen, wie die Regierung immer schwächer wurde — denn, nach kurzer Zeit war in Rotterdam kein einziger Blasebalg mehr, der eines Nadelstiches oder cimy Hammerschlages bedurfte. Ich war bald arm wie eine Kirchenmaus, und da ich für Frau und Kinder zu sorgen hatte, wurde die Last unerträglich und ich verbrachte manche Stunde damit, über die beste Art zu grübeln, wie ich meinem Leben ein Ende bereiten könnte. Inzwischen liehen drängende Gläubiger mir keine Muße zum Nachdenken. Mein Haus war tatsächlich von morgens bis abends belagert. Besonders drei Burschen waren es, die mich mehr quälten als zu ertragen war, indem sie dauernd meine Tür bewachten und mir mit dem Gesetze drohten. Diesen schwor ich bittere Rache, wenn es mir je glücken sollte, sie in meine Gewalt zu bekommen, und ich glaube, nichts in der Welt außer der Freude dieser Erwartung verhinderte mich, sofort meinen Selbstmordplan auszuführen und mir mit einer alten Büchse das Gehirn aus- zubkasen. Ich hielt es aber für das beste, meinen Zorn zu verbergen, und sie mit Versprechungen und schönen Worten hinzuhalten, bis eine glückliche Wendung meines Geschickes mir Gelegenheit zur Rache böte. Eines Tages, als ich itfnen entwischt war und mich noch entmutigter fühlte als gewöhnlich, schlenderte ich lange Zeit ziellos durch die finfteren Gassen, bis ich zufällig an einer Ecke gegen den Verkaufsstand eines Buchhändlers stolperte. Da ich einen Stuhl für den Gebrauch der Kunden dabei stehen sah, setzte ich mich mürrisch hin und öffnete, ohne recht zu wissen warum, den ersten Band, der mir in die Hände fiel. Es war eine kleine Abhandlung über spekulative Astronomie von Professor Encke in Berlin oder einem Franzosen ähnlichen Namens. Ich hatte einen leisen Schimmer von Dingen dieser Art und vertiefte mich bald mehr und mehr in den Inhalt des Buches, so daß ich es sofort zweimal durchlas, bevor ich wieder zu mir kam und wußte, was um mich vorging. Inzwischen wurde es dunkel und ich lenkte meine Schritte heimwärts. Aber die Broschüre in Verbindung mit einer Entdeckung für Luftballons, die mir von einem Vetter aus Nantz kürzlich als wichtiges Geheimnis mitgeteilt wurde, hatte mir einen unauslöschlichen Eindruck gemacht, und als ich die dämmerigen Straßen herunterging, rief ich mir die wirren, oft unverständlichen Gedankengänge genau ins Gedächtnis zurück. Einige besondere Stellen wirkten in ungewöhnlicher Weise auf meine Einbildungskraft. Je länger ich darüber nachsann, desto tiefer wurde das in mir erweckte Interesse. Der geringe Umfang meiner allgemeinen Bildung und insbesondere meine Unwissenheit in bezug natur-philosophische Gegenstände veranlaßten mich durchaus nicht, meine Fähigkeit, zu verstehen, was ich gelesen hatte, zu bezweifeln oder den unklaren Begriffen, die. daraus entstanden waren, zu mißtrauen; sie wirkten vielmehr als weitere Anregung auf meine Einbildungskraft und ich war so eitel (vielleicht auch so vernünftig), zu überlegen, ob diese unreifen Gedanken, die in ungeregelten Geistern erwachten, vielleicht nicht nur allen Anschein, sondern auch alle Kraft und Wirklichkeit und anderen unzertrennlichen Eigenschaften von Instinkt ober Intuition besitzen. Es war spät, als ich nach Hause kam, und ich ging gleich zu Bett. Aber mein Geist war allzu beschäftigt, um mich schlafen zu lassen, und ich lag die ganze Nacht in Sinnen vertieft. Am Morgen stand ich früh auf, ging gleich in die Buchhandlung und legte alles bare Geld, das ich befaß, im Kauf von einigen Bänden Mechanik und praktische Astronomie an. Nachdem ich sie glücklich nach Hause gebracht hatte, widmete ich ihrer Durchsicht jeden freien Augenblick, und bald machte ich solche Fortschritte in Studien dieser Art, daß ich sie für ausreichend hielt, um einen gewissen Plan zur Ausführung zu bringen, den mir der Teufel ober mein guter Genius eingegeben hatte. Zwischendurch machte ich alle möglichen Anstrengungen, um die drei Gläubiger zu beruhigen, die mich so sehr quälten. Und es gelang mir auch, teils indem ich so viel von meiner Hauseinrichtung verkaufte, daß ich einen Teil ihrer Forderung bezahlen konnte, teils auch durch das Versprechen, den Rest bann zu bezahlen, wenn ein kleiner Plan, ben ich, wie ich ihnen sagte, im Auge hatte, und zu besten Ausführung ich um ihre Hilfe bat, mir gelungen wäre. Auf biefe Weise (benn sie waren unmiffenbe Leute) kostete es mich wenig Mühe, sie für mein Vorhaben zu gewinnen. Nachbem die Sache so geregelt war, gelang es mir mit Hilfe meiner Frau, mit größter Vorsicht unb Heimlichkeit alles, was ich noch befaß, zu Gelb zu machen, unb außerbem in kleinen Beträgen und unter den verschiedensten Borwänden eine nicht unbeträchtliche Summe baren Geldes zu borgen, ohne im geringsten zu bedenken (ich schäme mich, es zu gestehen), wie ich sie später zurückbezahlen könne. (Fortsetzung folgt.) Moses Mendelssohn. In seinem 200. Geburtstage. Von Dr. Paul Landau. „Der edelste Vertreter der deutschen Aufklärungsphilosophie, Moses Mendelssohn, war eine Persönlichkeit, welche die schönsten und besten Züge der Zeitbildung in seltener Reinheit an sich trug und von den Schwächen derselben zwar nicht in ihrem Denken, aber doch in ihrer Gefühlsweise und ihrem Wollen fast gänzlich frei war. In seiner uneigennützigen Liebe zürn Guten, seiner großartigen Bedürsnislosigkeit, seiner philosophischen Gelassenheit und frommen Ergebung in den Weltlauf ist er einem Sokrates oder Spinoza zu vergleichen; mit dem ersteren teilte er auch die gewinnende Menschenfreundlichkeit im Verkehr, welche durch eine milde Ironie und einen schlagfertigen Witz, das Erbteil seines Stammes, gewürzt war. Er ist auch hierin, wie in seinem ganzen Wesen, das Vorbild von Lessings Nathan, diesem Helden einer Dichtung, in welcher der Geist der deutschen Aufklärung sein sittliches unb religiöses Jbeal für alle Zeiten in ber höchsten Voll- enbung bargestellt hat." Diese schöne Charakteristik Ebuard Zellers in feiner Geschichte ber beutschen Philosophie umreißt bie Gestalt Mendelssohns in ihrer noch lebendigen Bedeutung. Seine Philosophie sagt uns heute kaum mehr etwas in ihrem Ideengehalt, feit der „alles zermalmende" Kant unsere Weltanschauung auf eine neue Grundlage stellte, und mit seiner klarsichtigen Bescheidenheit hat Moses selbst ausgesprochen, daß er nun seine Rolle für ausgespielt halte. Seine einst fo berühmten Gespräche über die Unsterblichkeit der Seele „Phäbon", die ihn, ben Juben, zum Seelsorger unb Berater vieler christlicher Leser machten, erscheinen uns doch nur als ein durch ben Rationalismus verwässerter unb verknöcherter Plato; [ein für ben Aufklärer so bezeichnender Mangel an geschichtlichem Sinn verschloß ihm alles, was er nicht zu ber unmittelbaren „Glückseligkeit" bes Menschen in Beziehung fetzen konnte. Aber mag auch vieles aus [einen Schriften verblaßt [ein — wie gewaltig ist [eine Stellung in ber Kulturgeschichte, schon burch feinen Bund mit Lessing unb seinen Einfluß auf ben Apostel der Humanität und Toleranz, den er zu dem unvergänglichen Symbol des Nathan anregte, nach großartiger in der Geschichte bes Judentums, die ihn nicht mit Unrecht als „Befreier aus tausendjähriger Knechtschaft" feiert. Sinnbildlich für diesen Ausstieg einer ganzen Rasse ist das „Märchen seines Lebens", das den armen, verwachsenen, nur des Hebräischen mächtigen Sohn des Dessauer Thora-Schreibers Mendel zum ersten jüdischen Schriftsteller ^deutscher Zunge von Weltruhm werden lieh. „Bezeichnend für das Streben des vierzehnjährigen schwächlichen Tal- mubschülers ist die Antwort, die er bei seiner Ankunst in Berlin dem Torschreiber auf die Frage nach dem Grund des Aufenthaltes gab: „Lernen!" Gelernt hat er mit dein Bildungshunger, der Jahrhunderte hindurch in seinem Volk unbefriedigt schlummerte; unter unendlichen Entbehrungen drang er über bie starr aufgerichteten Schränken ber rabbini- scheu Gelehrsamkeit hinaus, eignete sich bas verpönte Deutsch an, bann Französisch unb Englisch, Lateinisch unb Griechisch, erwarb sich die ganze Bildung der damaligen deutschen Kultur, bis er sich aus den Tiefen eines dumpfen Fremdseins auf ihre Höhe erhoben hatte. Seine Lebens- gemeinfchaft mit Seffing ist das weltgeschichtliche Zeugnis dieser ersten vollständigen Deutschwerdung eines Juden. Der größte, stolzeste, sreieste, deutscheste Geist seiner Zeit erkannte ihn als ebenbürtigen Genossen, als Mitarbeiter, als geliebten unb bewunderten Freunb an. Wenn Lessing in bem schlichten „Comtoirschreiber" bie Bestätigung besten sand, was er in feinem Jugenbstück „Die Juben" geahnt, wenn er ihn als „eine Ehre feiner Nation" unb „einen zweiten Spinoza" pries, so entdeckte er gleichsam in dieser Jdealgestall bas ganze, fo lange verachtete Volk Israel. Das engste Band, gleichen Denkens unb Forschens -umschlang die beiben, unb als bann später Lessing in ber Wolsenbüttler Zeit die Geisteshöhe bes Freunbes überflog, hielt er bem Menschen boch unverbrüchlich bie Treue, während, Menbelssohn ganz in ihm lebte und webte und deshalb so tödlich durch den Gedanken getroffen wurde, sein Vertrauter ^könne ihm etwas Entscheidendes seiner Entwicklung, nämlich feinen Spinozismus, verheimlicht Haden. Das Beste von Mendelssohns Schaffen ist durch solche gemeinjame Arbeit in das Werk Lessings über- gegangen; seine auf englischen Vorgängern fußenden ästhetischen Untersuchungen beeinflußten entscheidend den „Laokoon"; seine Ideen über das Konrische und Tragische befruchteten die „Hamburgische Dramaturgie'. Mit Lessing gemeinsam nahm Niases den Kamps gegen den Atheismus und Materialismus ber französischen Philosophie im Sinne von Leid- n i z auf, unb er ist ber begeisterte unb wirkungsvollste Verkünder und Verbreiter eines natürlichen Gottesglaubens gewesen, mochte er nun inj „Phabon" bie Unsterblichkeit ber Seele ober in ben „Morgenstunden die Beweise für bas Dasein Gottes ober in seinem letzten Hauptwerk „Jerusalem" bie Grenzen von Staat unb Kirche behanbeln unb jüdische Sefei; mit jüdischer Aufklärung versöhnen. Wenn die deutsche Bildung des 18. Jahrhunderts nicht dem zersetzenden Cinsluß des französischen Geistes erlag, wenn sie nicht wie die französische dem Niedergang verfiel, sondern zu glänzendem Gipfel emporstieg, so verdankt sie dies zu nicht geringem Teil diesem weitgreifenden Wirken Mendelssohns, der gerade als Jude durch die Verkündigung einer beseligenden Vernunftreligion das größte Aufsehen erregte. Und so als den gelassenen Weltweisen,, den seine Klugheit und Güte über den Streit der Religionen erhebt, hat ihn Lessing int „Nathan" dargestellt, hat diesem Idealbild edelsten Menschentums den Ton abgeklärter Reise, lächelnder Duldung und witziger Dialektik verliehen, der aus Mendelssohns Briesen zu ihm drang. Wie Saladin Nathan zuruft: „Ihr seid ein Christ!", so wollte Lava ter in plumpen Bekehrungseifer den jüdischen Weisen zum Christen stempeln, und rief dadurch Mendelssohns leidenschaftliches und stolzes Bekenntnis zum Judentum hervor, das für seine Stellung innerhalb seiner Rasse so entscheidend wurde. Denn seine Größe beruht ja darauf, daß er nicht nur der deutsche Aufklärer, der duldsame Gottesverehrer und universell gebildete Popularphilosoph war, sondern auch der „Stockjude", wie seine Gegner ihn nannten, daß neben dem Moses Mendelssohn, der nach christlichem Brauch einen Familiennamen annahm, der „Moses Dessau" steht, der dem Gott seiner Väter und dem Gesetz treu blieb, die alte Rabbinergelehrsamkeit pflegte und die Sache seines Volkes leidenschaftlich verfocht. G r a e tz preist in seiner Geschichte der Juden Mendelssohn geradezu als den Erlöser des jüdischen Volkes. „Diese Verjüngung oder Wiedergeburt des jüdischen Stammes, die man mit Fug und Recht als von Mendelssohn ausgegangen ansehen kann," schreibt er, „hat das Charakteristische, daß der Urheber dieses großen Werkes es nicht beabsichtigte, kaum eine Ahnung davon hatte, ja an der Verjüngungsfähigkeit seiner Stammesgenossen fast verzweifelte. Er hat die ganz unbeabsichtigte Veredlung auch nicht vermöge seines Berufes oder Amtes bewirkt. Er weckte unwillkürlich die schlummernde Begabung des jüdischen Stammes, die nur eines Anstoßes bedurfte, um aus dem gebundenen Zustand herauszutreten und sich zu entfalten." Doch nicht nur sein Vorbild, nicht nur die Erscheinung des „hebräischen Jünglings", den die Welt anstaunte und dem die Besten der. Zeit huldigten, regten zur Nacheiferung an, sondern ebenso seine Schriften, die gleichsam den jüdischen Geist im deutschen Boden einpflanzten und heimisch machten, besonders seine Uebertragung der fünf Bücher Mosis und der Psalmen ins Deutsche, durch die er seine Volksgenossen deutsch sprechen, deutsch denken, deutsch fühlen lehrte. Der Talmudschüler, der erst als Jüngling deutsch gelernt hatte, war ja bald einer der besten und reinsten deutschen Prosaschriftsteller geworden. Sein Stil, dessen durchsichtige Klarheit und zarte 'Anmut noch heute entzückt, wurde das Muster, an dem die nächste Generation deutschen Juden sich die neue Muttersprache aneignete, die sie zu deutschen Bürgern machte. Auch sonst spielt Mendelssohn in der Emanzipation der deutschen Juden eine wichtige Rolle, indem er die überaus einflußreiche Schrift des preußischen Kriegsrat Chr. W. Dohm, „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden", anregte und die Uebersetzung der Verteidigungsschrift .Rettung der Juden" des Manasse Ben-Israel veranlaßte. So war Mendelssohn für die politische und soziale Befreiung seines Stammes tätig; aber noch bedeutsamer war sein geistiges Wirken, durch das er die jüdische Bildung rasch auf die Kulturhöhe der Deutschen hob. Seiner Persönlichkeit und seinem Werk war es hauptsächlich zu danken, wenn bereits in der Romantik die jüdischen Salons der Rahael Levin, Henriette Herz, Dorothea Leit die Mittelpunkte des geistigen Lebens wurden, wenn seitdem die Juden im deutschen Schrifttum und in deutscher Wissenschaft eine ehrenvolle Stelle behauptet haben. Die gefährliche Postkutsche. Eine Mendelssohn-Anekdole. Von Frank L y s k i r ch c n. Als der Magister Heinrich Musäus, ein Resse des Märchendichters in Wittenberg vor der Berliner Postkutsche stand und zweifelte, ob er den Weg zur preußischen Hauptstadt zu Fuß nehmen oder doch lieber einsteigen solle, nahm ihn der Schwager, um ihm Lust zu machen, beiseite und sagte flüsternd: „Viel Platz, Euer Gnaden, viel Platz, nur ein Negotiant aus Berlin fährt noch mit, ein Seidenhändler, Sie können sich längelang ausstrecken." So war er eingestiegen und nun wanderte hinter den niedrigen verstaubten Fensterchen Dörfer, Heidestrecken und Wälder eintönig vorbei, die Räder schleiften ohne Ueberanstrengung im feuchten Sande, die Pferde trotteten bedächtig, wie es amtlichen Pferden zukam, und gemütlich strebte man der guten Stadt Treuenbritzen zu, wo im ehrwürdigen „Posthorn" übernachtet werden sollte. Der Magister, dem noch die letzten Hallenser Abschiedstage in der lustigen Taverne des Professors Bahrdt auf dem Weinberg in den Knochen lagen und der sich ein wenig langweilte, beschäftigte sich eine gute Weile damit, sein Gegenüber zu betrachten. Der Negotiant saß in einem schweren, edlen Pelz da, aus dem sein scharfgeschnittener Kopf mit der gespannten Stirn hervorlugte; die gebogene fleischige Nase ließ über seine Abstammung keinen Zweifel, und der Betrachter empfing von dem Seidenhändler zunächst einen etwas peinlichen Eindruck, der aber immer wieder gemildert wurde, wenn ihn ein Blick dieser großen dunklen Augen mit den schweren Augenlidern ftreiftc, die zwar lebens» finge Schärfe verrieten, zugleich aber auch eine seltsam beruhigende Menschenliebe und Klugheit. >)r naßkalte Herbstabend wehte durch die Ritzen und machte den Aufenthalt in dem Postkasten, der schon vor zehn Jahren außer Dienst hatte gestellt werden müssen, nicht angenehm. Der Magister, den sein Flauschrock die Witterung heftiger empfinden lieh, sröstelte und schlug 016 Hände aneinander. So sprach man vom Weiter und kam ins Gespräch; der junge Gelehrte, dem es unpassend erschien, mit dem Handelsherrn von den Wissenschaften zu reden, erkundigte sich nach den Geschäften, man streifte die Zollpolitik des großen Friedrich mit vorsichtigen Worten, und schließlich erzählte Musäus, wie derblustig sein Abschied von Halle gewesen sei und wie es in der Wirtschaft des Professors Bahrdt bei Trank, Schmaus und Tanz hoch hergegangen sei. „Aber Sie, mein Herr, werden an diesen studentischen Festen und am Gelehrtenwesen überhaupt kein Interesse nehmen, deshalb verzeihen Sie mir diesen Abweg!" „An den Festen vielleicht weniger," entgegnete der Händler lebhaft, „am Gelehrtenwesen desto mehr! Sie meinen, ein Berliner Kaufmann befasse sich nur mit Heringen, Zuckersäcken und Leinenstücken? Ihr Professor Bahrdt ist mir wohl bekannt, der Freigeist, der hochbegabte, unruhige Pädagoge, der das Heidenheimex „Philanthropin" gegründet hat und nachher, obwohl ehemals Theologieprofessor, an keiner Universität an kommen konnte, weil er allzu untheologisch in Lehre und Leben war, ein Zeisig, der dem schwedischen Leichtfuß und Lautenkönig Michael Bellmann in allem ähnlich ist, nur nicht im Genie und in der Musik. Der jetzt in Halle unter der freiheitlichen Hand der preußischen Majestät als Professor wieder ankam, gegen das schriftliche Versprechen, keinen Satz Theologie zu lehren, sondern nur Philisophie!" Der Magister hatte diese mit Behagen und einer gewissen schulmeisterlichen Sorgfalt vorgetragene Rede mit steigender Befriedigung angehört, bann anroortete er: „Wie konnte ich ahnen, daß jemand, der offenbar der Negation obliegt, solche Kenntnis der Gclehrtensachen habe! Aber Glück zu, während draußen die Kiefernwipfel und Heideländer vorbeischleichen, können wir eine Gelehrtenrepublik eröffnen!" „Wir wollen hoffen, daß mehr dabei herauskommt, als bei der gleichen Gründung des großen Klopstock!" lächelte der Negotiant. Der Magister Musäus rückte näher Heron und sagte: „Vortrefflich, welchen Stoff wählen wir? Wie wäre es mit der Berliner philosophischen Schule? Da habe ich sowieso etwas auf dem Herzen!" Wenn das Licht Heller gewesen wäre, hätte der junge Gelehrte bemerken können, wie ein merkwürdiges Zucken und Leuchten Über die Züge des Negotianten lief, als das Wort Berliner Philofophie fiel. Dann verbeugte er sich verbindlich und sagte, während der Postwagen aus dem Walde hervor- humpelte und die noch fernen Lichter von Treuenbritzen im Vorder- fensterchen sichtbar wurden: „Recht gern, mein Herr, denn ich nehme doch an, daß Ihnen die Berliner Philosophie nur angenehm am Herzen liegt!" „Ja und nein, mein Herr, der praktischen Philosophie des großen Philosophen von „Sanssouci" bin ich durchaus zugetan und ich möchte wohl annehmen, daß für diese Zeit und ihre Erfordernisse niemand besser die weltumfassenden Gedanken im Innersten erfaßt hat, die in den Werken meines Heiligen, des großen Platon, ausgezeichnet sind..." Der Seidenhändler reckte sich sofort in die Höhe, so daß fein Kops, wie er aus dem bufchigen Pelz hervorspähte, an einen Sperber erinnerte und nur die zunehmende herbstliche Finsternis verhinderte, daß der Magister die Veränderung in den Zügen seines Begleiters wahrnahm. „Ach," sagte der Seidenhändler vorsichtig, „das ist mir noch niemals klar geworden, daß gerade der große Freund Poliaires platonische Philosophie treibe!" „Es ist so," ereiferte sich der Magister, „aber darüber können wir uns heute abend im „Posthorn" unterhalten, wenn es Ihnen Freude macht, und morgen den ganzen Tag, je mehr wir uns Potsdam und dem großen König nähern! Jetzt möchte ich nur meinem Aerger Luft machen über ein Büchlein, das sich gleichsam^ auch mit Platon beschäftigt. Ich brauche Ihnen, der Eie in Ihren liebenswürdigen Unterhaltungen soviel Kenntnisse des klassischen Altertums verraten, nicht zu sagen, daß Platon ein Gespräch geschrieben hat, betitelt „Phädon". Nicht wahr, Sie kennen es? Es stellt die letzten Stunden des Sokrates dar und enthüllt tiefste Weisheit des Griechentums. Da kaufte ich mir neulich beim Buchhändler ein Merkchen „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele". Seltsam denke ich, eine Uebersetzung des Platon und trotzdem steht ein anderer Verfasser aus dem Titelblatt. Und was glauben Sie nun? Ich schlage auf, es ist der richtige Anfang des Platonischen Phädon. Und weiter seitenlang, ja bogenweise. Dann aber kommt der Verfasser plötzlich mit Eigenem, er wagt es, seine eigene kärgliche Nützlichkeitsphilosophie von heute unmerkbar einzuschieben in das gewaltige Drama vom Tode des Sokrates und von der Hoffnung, die dieser Meister auf ein Jenseits hatte. Und wie rechtfertigt der Verfasser dies Unterfangen? Er jagt nach meiner Erinnerung in der Vorrede etwa: „Ich habe mir die Einkleidung, Anordnung und Beredsamkeit Platons zunutze gemacht und nur die metaphysischen Beweise nach dem Geschmacke unserer Zeiten einzurichten gesucht. Oft sah ich mich genötigt, meinen Führer zu verlassen. Seine Beweise waren so seicht und grillenhaft, daß sie kaum eine ernsthaftere Widerlegung verdienen, so wollte ich im dritten Gespräche vor allem darstellen, was ein Mann wie Sokrates in unseren Tagen, nach den Bemühungen so vieler großer Köpfe, für Gründe finden würde, feine Seele für unsterblich zu halten." So ungefähr sagt er — und fo ist es auch!" Der Seidenhändler hatte sich unmerklich in die Dunkelheit feiner Wagenecke zurückgezogen und den Kopf wie eine Schildkröte in den Mantel gesteckt, fo daß man, als der Magister nun einen Augenblick schwieg, nur den unförmigen Pelz als düstere Masse sah. Der junge Musäus in seinem Eifer überhörte das Schweigen feines Gegenüber und fuhr fort: „Ist das nicht hahnebüchen? Jemand nimmt zum Beispiel „Romeo und Julia" ober „Hamlet" von bem gewaltigen Briten, schreibt irgendwo an einer Stelle dreihundert eigene populäre, bescheidene Berse hinein an Stelle der Verse Shakespeares und nennt sich dann auf dem Titelblatt als Verfaffer des Stückes. Oder jetzt der „Wer- ther" des Frankfurter Advokaten. Würden Sie, mein Herr, sich getrauen, einige der Briefe in diesem „Werther" anders zu schreiben und dann das Ganze als Ihre Erfindung auszugeben?" Da der Magister eine Antwort erwartete, sagte der Seidenhändler scharf und heiser: „Ich halte nichts von Ihrem „Werther" und würde es für fei. Unglück halten, wenn er überhaupt nicht geschrieben wäre, er widerspricht der guten Vernunft!" Noch immer merkte der Magister nichts, er sagte freundlich: „Gut, darüber läßt sich streiten. Aber ein Gespräch des Platon für seine kleine Publikumsphisophie einfach als Strandgut zu betrachen, seine eigene Wichtigkeit nach Belieben in diese Tempelreinheit einzuflicken und dann auf den Titel zu schreiben: Phüdon oder über die Unsterblichkeit der Seele von Moses Mendelssohn, das ist stark, das nenne ich Diebstahl!" Der Wagen rasselte über das Pflaster, der Seidenhändler war aufgestanden, drehte dem Sprecher schon den Rücken zu, wirtschaftete umständlich mit seinen Gepäckstücken und, als die Postkalesche hielt, drängte er sich stumm und rücksichtslos hinaus. „Er hat vielleicht Vapeurs", dachte der Magister, stieg aus, fröhlich, eine Laus sich von der Leber geredet zu haben, und trat in das Gastzimmer. Der Seidenhändler erschien nicht. Am anderen Morgen erfuhr Magister Musäus, daß der Negotiant in aller Frühe mit einer Extrapost weiter gereist sei. Verwundert fragte er den Schwager, der ihm das mitteilte, ob der Name des Reisenden im Postbuch stehe. Der schlug auf und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle, dort stand: „Moses Mendelssohn, Negotiant in Seidenartikeln, Berlin." Da lächelte der Magister, obwohl er bedauerte, dem gelehrten Handelsmann und Freunde Lessings so scharf die Wahrheit gesagt zu haben, leise vor sich hin und beschloß, bei der -Weiterreise in Königsberg seinen verehrten Lehrer und Freund Immanuel Kant diese hübsche Reisegeschichte frisch vom Feuer weg zu erzählen, denn er wußte, welche Freude der Alleszermalmer an solchen philosophischen Anekdoten hatte. Das Siebenjahr. Von Dr. Hans Hajek. Alle sieben Jahre ändert sich der Mensch, so sagt der alte Volksglaube. Auch sonst spielt ja, in Märchen, Legende und Dichtung die Zahl Sieben eine bedeutende Rolle, die aber von den Erscheinungen, wie ich sie erörtern will, sorgfältig zu unterscheiden ist. Es gibt eine doppelte Herkunft dieser Zahl, die so gut als heilig wie als unheimlich und Unglück verkündend gilt. Die sieben Brüder, die sieben Zwerge des Märchens, die sieben Hauptsünden, die sieben Freuden und die sieben Schmerzen Mariae, die sieben freien Künste usw. stammen nicht aus volkstümlicher, sondern aus gelehrter Ueberlieferung, die letzten Endes auf babylonische Zeitrechnung und Zahlenverehrung zurückgeht. Unter biblisch-orientalischem Einflüsse gelangt diese Vorliebe für die Zahl Sieben in die theologische Literatur und das kirchliche Leben des europäischen Mittelalters und verbreitet sich von hier aus in das Rechtsleben, den Volksglauben und das Märchen, wobei die ursprünglich den Germanen heilige Nennzahl verdrängt wird. Es gibt z. B. eine Fassung des Schneewittchenmärchens mit neun Zwergen. Die Brüder Grimm wußten noch nichts von diesen Zusammenhängen und nahmen daher die Fassungen der Märchen mit der Siebenzahl als urdeutsch und besonders volkstümlich in ihre berühmte Sammlung auf. So müssen wir also überall, wo uns die Siebenzahl in Märchen und Legende, in Brauch und Glauben des Volkes begegnet, erst untersuchen, ob wir es mit alter Erfahrung eines Naturgeschehens ober mit mythischer Ueberlieferung zu tun haben; auch dort, wo von sieben Jahren die Rede ist. Diese Unterscheidung ist notwendig, wenn wir uns vor Trugschlüssen und irreführenden Beispielen bewahren wollen. Im Folgenden will ich mich ausschließlich mit der Erscheinung des Siebenjahres als organische Periode beschäftigen, wie sie von meinem Lehrer Hermann Swoboda wieder entdeckt und erforscht worden ist. Swoboda hat uns dabei immer wieder auf die volkstümliche Erfahrung hingewiesen. Nehmen wir als einen besonders wichtigen Zeitpunkt die Geburt eines bestimmten Menschen, so erfahren wir, daß fein siebentes, sein vierzehntes, sein einundzwanzigstes, sein achtundzwanzigstes usw. Lebensjahr besonders kritisch, entscheidend, innerlich ereignisvoll verläuft, während das achte, das fünfzehnte, das zwei undzwanzigste, das neunundzwanzigste usw. Lebensjahr Lebensjahr ein gewisses Abflauen, ja oft sogar eine ausgesprochene Depression zeigt. Störungen und Verschiebungen sind möglich. So kommt es vor, daß die Beobachtung bei manchen Menschen gerade das zweiundzwanzigste, neunundzwanzigste, sechsunddreißigste usw. bet vielen aber auch etwa das zwanzigste, sieben- undzwanzigste, vierunddreißigste usw. Jahr kritisch zeigt. Man sieht, daß der siebenjährige Abstand bleibt, nur die Entfernung von Geburtstagsdatum sich um ein Jahr vorwärts ober rückwärts verschoben hat. Um nicht vorschnell und fehlerhaft zu urteilen, muß sich der Beobachter aber klar machen, daß die innere Aktivität des Krisenjahres oft erst viel später äußerlich in Erscheinung tritt. Gleich ein Beispiel, obwohl es etwas vorgreift. Ich habe auf Grund vielfacher Beobachtungen Anlaß, die Krisis des Siebenjahres auch für die Anziehung der beiden Geschlechter als von größter Bedeutung zu betrachten. Ohne das meine eigenen Forschungen hier schon abgeschlossen wären. Es scheint mir aber, als ob die Frau in ihrem kritischen Jahr (also gemeinhin im 21., 28., 35., 42.) eine erhöhte Anziehung auf den Mann ausübt, gewissermaßeii von einer Dufthülle umgeben ist, die in den Siebenjahren besonders kräftig wird. Selbstverständlich weih sie davon meist nichts, empfindet eher sich selbst als besonders liebeshungrig und unternehmungslustig in diesen Jahren, so weit nicht etwa diese natürliche Sehnsucht schon erfüllt ist. Auch der Mann scheint in diesen Jahren aktiver zu sein, obzwar seine Abhängigkeit vom Siebenjahre weniger klar hervortritt. Wer eigene Erinnerungen zu Rate zieht, wird sich bestätigen können, daß von sieben zu sieben Jahren ein Auf und Ad unseres körperlichen und seelischen Lebens verläuft, das in dem durch sieben teilbaren Lebensjahr feinen ungefähren Höhepunkt findet oder feine kritischen Wenden erleidet, um von da wieder für einige Jahre zu einem Wellentale des Erlebens Schaffens und der Entwicklung abzusteigen. Störungen, die hier scheinbar alles durcheinander bringen, sind zum Teil so zu erklären, daß wir die Siebenjahreswellen der Eltern und anderer Vorfahren, soweit wir entscheidende Eigenschaften von ihnen übernommen haben, ja miterben (wie andere Wellen), so daß oft diese und Nicht die von unserer Geburt ausgehenden dominieren. Auch bedeutsame Ereignisse unseres eigenen Lebens können den Anstoß zu neuen Siebenjahreswellen geben (wie eben auch zu andern organischen Wellenzügen): ich habe z. B. vielfach beobachten können, daß die Ehe zweier Menschen im vierten und im siebenten Jahre eine Krisis erlebt, die oft genug zu ernsten Konflikten führt, gerade dann, wenn wir es mit einer ausgesprochenen Liebesehe zu tun haben. Ehech die ausschließlich ober hauptsächlich auf der starken Verliebtheit der beiden Partner begründet worden sind, stelle ich für diese kritischen Jahre die schlechteste Prognose, während andere diese Schwierigkeiten natürlich meist überwinden, sonst gäbe es ja keine silbernen und goldenen Hochzeiten! Die Krise des vierten Jahres erklärt sich übrigens aus der Hälfte der Siebenjahreswelle. Die organischen Wellen sind in einfachen Zahlenverhältnissen teilbar. Sehr schön zu studieren ist die Wirkung des Siebenjahres in den Biographien schaffender Geister, wobei sich oft überraschende Zusammenhänge ergeben. Schon der Psychiater Möbius hat Siebenjahreswellen im Leben Goethes nachweisen können. Ich kenne seine Arbeit nicht, möchte aber hier nur auf einiges hindeuten. Der Beginn der Faustdichtung geht wahrscheinlich in bas 21. Jahr des Dichters zurück. Goethe hat bis zuletzt daran gearbeitet, aber doch nur in einzelnen Schasfens- perioden, zwischen denen, lange Pausen liegen. Die eigentlich produktiven Jahre am Faust sind 1773 bis 1775, also kurz vor dem 28. Jahr, 1788 bis 1790, also kurz vor dem 42. Jahr, 1797 bis 1801, das heißt, wieder einsetzend mit dem 49. Jahr und bann eine halbe Siebenjahrperiode anhaltend, schließlich 1825 bis 1832, mit Goethes letztem Siebenjahr, dem 77. einsetzend und bis zum Tode anhaltend, der kurz vor Beginn des 84. Jahres, d. h. ziemlich genau eine halbe Jahreswelle vorher, eintrat. Schiller vollendet im 21. Jahre „Die Räuber", schreibt kurz vor und im 28. Jahre den „Don Carlos", der bekanntlich eine entscheidende Wende darstellt, im gleichen Jahre lernt er feine spätere Gattin kennen; das 35. Jahr bringt den Beginn der großen Wallenstein- iragödie und — nach vielen mißglückten Versuchen der beiderseitigen Freunde — die Lebensfreundschaft mit Goethe; das letzte Siebenjahr ist durch „Die Jungfrau von Orleans" nicht besonders charakterisiert, da jakurz vor dem frühen Tode jedes Jahr eine bedeutendes Werk zeitigt. Von anderen klassischen Dichtungen ist K l o p st o ck s „Messias" im 21. Jahre des Dichters begonnen und im 49. vollendet worden. Besonders schön läßt sich das Wiederaufleben eines Themas mit der Siebenjahrswelle zeigen bei Gerhardt Hauptmann; zwischen dem „Bahnwärter Thiel" und dem „Fuhrmann Henschel" liegen 7mal ZjJahre, zwischen dem „Apostel" und dem verwandten „Narren in Christo: Emanuel Quint" fast 21 Jahre, zwischen „Rose Bernd" und den „Ratten" 7 Jahre, ebensoviele zwischen den sozialen Dichtungen „Hanneies Himmelfahrt" (1893), „Der Biberpelz" (1893) und der Wiederaufnahme der Motive in „Schluck und Jau" (1900). Vom „Griechischen Frühling" (1907) geht eine dem Hauptmannkenner sehr merkwürdige Welle zum „Bogen des Odysseus" (1914) und zu „Anna" (1921), wo freilich nur die Form noch antik ist. Das Siebenjahr ist aber freilich nicht nur eine Zeit gesteigerter Aktivität, eine Periode schöpferischer Konzeptionen, sondern in seiner Auflockerung des Organismus auch eine Zeit leichterer Krankheitskonzeptionen, geringerer Widerstandskraft gegen äußere Schäden; ein Nachlassen, das sich dann in der Depression nach dem Siebenjahr noch deutlicher bemerkbar macht. Wer die Todesnachrichten der Presse verfolgt, wird leicht feststellen können, wie viele Menschen dem Abstieg der Kräfte nach dem Sturm des Siebenjahres erliegen. Statistische Untersuchungen fehlen hier noch; periodologisch wertvolle Arbeiten auf diesem Gebiete werden, da sie auch andere Dinge mitbetrachten müssen, sehr mühsam sein, könnten aber für das Versicherungswesen einmal von Bedeutung werden. Swoboda hat auch zeigen können, daß Ehen, die nur ein Kind, ober ein spätes Kind ober nach vielen Jahren einen Nachzügler auf« weisen, biefes Kinb aus dem Siebenjahre eines Elternteiles erzeugt haben, oft auch — was sehr merkwürdig ist — im 7., 14., 21. Jahre ber Ehe. Auch in Familien, ba fast alle Kinber klein starben, einige aber am Leben blieben unb alt würben, kannte Swoboda zeigen, daß diese Lebenskräftigeren aus dem Siebenjahre eines Elternteiles stammen. Besonders deutlich ist das Beispiel Mozarts unb feiner Constanze, wobei allerbings, ba bie beiden um 7 Jahre im Alter verschieden sind, die beiden altgewordenen Söhne aus dem gemeinsamen Siebenjahre beider Eltern stammen. Ich selbst konnte bei einer familiengefchichtlichen Arbeit einen interessanten Fall feststellen, wo die lange Kinderreihe eines Mannes, die sich als äußerst lebensfähig bewies (die meisten bie|er Kinder (eben heute noch als Siebzigjährige unb der Vater ist gieia) seiner. zweiten Frau in den Neunzigern gestorben!) eine scharsabgegrenzte Periode aufwies, aus der sämtliche Kinder im Säuglingsalter .starben — was vorher und nachher nicht bei einem einzigen Kinde geschah! Diese Periode aber war von zwei Siebenjahren des Vaters, also einer siebenjährigen Periode seiner körperlichen Minderwertigkeit begrenzt! , .. Swoboda hat schließlich auch den Einfluß ber Siebenjahre aus tue Erfolge gewisser Eigenschaften, Anlagen unb Fähigkeiten innerhalb der Ahnenreihe nachweisen können; wobei allerdings auch anders Wellen, besonders die Jahreswelle, ähnliche bestimmende Zusammenhänge pW fen. Die Fortführung dieser Untersuchungen durch Aerzte und ^er- erbungsforscher könnte große Bedeutung gewinnen, wenn diese W fassungen sich bestätigten: dann ließe sich die Vererbung unerwunMer Anlagen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ausschließen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Llniversitä ts-Buch-undSteindruckerei. A. Lange, Gießen.