SiehenerKmnlienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |929 Montag, -en 6. Mai Nummer 35 Furchen. Von Leo Sternberg. Von jeder Furche, die dein Antlitz pflügt, weiß ich die Not, die sie gefügt — O, daß wir uns zerstören, wenn wir uns tief gehören! Klebt nicht an allein Schweiß und Blut, was mir dein Herz zuliebe tut? — „Laß doch, es macht mir Freude! Vergeude mich, vergeude! Und werden meine zarten Hände rauh und meine Mädchenzöpfe grau — Tod kann nicht davon kommen, da Liebe mir's genommen." Die Opfergabe. Von Ernst Lissauer. Der starke Wind, der vor etlichen Jahren das Dach der Dominikus- kapelle am Weberberg davontrug, blies auch einen alten Landfahrer aus feinen langen Wanderschaften in die Seßhaftigkeit. Er wohnte sich, abseits vom Dorf, in eine Hütte ein, die sich vor Zeiten ein Schäfer als Unterschlupf gezimmert hatte, half hie und da beim Mähen und Kornbinden, wußte auch bei der einen und anderen Hantierung als Töpfe- und Körbeflicker zuzugreifen, nahm es aber insonderheit auf sich — wenn sie nicht gar zu eilig waren und vom Alter minder beschwerte Füße erheischten — Botschaften über Land zu bringen. Solcherlei Gänge machten ihm seine vormaligen fahrenden Freuden neuerlich ausleben; in festem Trott, wie geführt von inwendigem Sang und Takt, jung die Wangen von Wanderglut, wehend das Haar, zog er über Landstraßen und Waldsteige und legte kaum jemals seine Botschaft hin, ohne einen gerundeten Spruch gleich einem breiten Jnsiegel aufzupressen. Bisweilen mußte er alsdann bei einer Schale Sauermilch verweilen, um die Leute auch an dem fremden Ort mit den Künsten zu ergötzen, die ihn daheim Sein' Pfarrer wie dem Schulzen, den Großbauern wie den Kätnern, Bräu, Kaufmann, Junker, Männer, Frauen, Kindern wert und angenehm machten. Er barg nämlich in sich die schwere Menge Lieder zu Tanz, Trunk, Trutz, Wanderschaft, Schnurren von saufender Sucht, verliebtem Wesen, tälplichter Torheit, von rheinischen Rittern, welschen Aebtissen, türkischen Königen, ernstliche Legenden, von heiligen Martyrn und Wundertätern, Florian und Nepomuk, Susanna und Afra, sonderlich aber von Jesu Christo und feiner holdseligen Mutter; wie eines reichen Bauern Lade voll ist von silbernen Nadeln und Geschnür, er braucht nur hineinzulangen, gleich hängt ihm eins zwischen den Fingern, so war er voller Sage und Sang. Oft wurde er von den Mädchen in die Spinn-Nächte gerufen und machte ihnen die langen mit feinen Mären wie Juninüchte kurz, die Wirte luden ihn ein, weil sich die Gäste zu ihm ansetzten wie die Fliegen im Hochsommer zum bunten Papier, und wenn eins krank war, so holte man nicht nur den Bader, sondern auch ihn. Da er aber verlautbart hatte, man habe ihn in feinen guten Tagen überall auf der Welt den Erzpoeten geheißen, dies aber den Bauern zu lateinisch war, so nannten ihn alle im Dorf den Erzsinger. Es war demnach nicht mehr als billig, wenn er von den Leuten ohne viel Müh' und Rede das erhielt, was. er zu seines Lebens Notdurft brauchte. Ging er über die Gaffe, so sprang wohl da und dort ein Fenster auf, es gab ein Stück Brot, ein Trumm Geiskäs, ein Stück weihen Schinkenspeck, daran manchmal auch ein paar Flocken Schinken hingen — er pflegte das mit einer Wolke im ersten Abendrot zu vergleichen —, die Kinder kamen gelaufen und brach- lev ihm einen Bruch Zuckerkandis, und bei den Gaffenfchänken am Kolber- und Bruckbräu durfte er feinen Krug nach Begehr unter den Haßhahn halten wie unter einen Waldguell. So brauchte er nicht zu bet= teln und plagte sich dennoch nicht allzu hart auf feine späten Jahre, son- dern hockte den meisten Tag allenthalben wie eine gewöhnliche Wiesen- bliune, im Wald zwischen den Farnen, am Wegrand in Gras und graben, vor der Kirche unter der Sonnenuhr, saß, stand, lag, lungerte unb tat nichts, es sei denn, daß er entfremdeten Blickes zu Boden starrte oder auch mit leiser Stimme vor sich hin sprach, als ob er etwas befühlte ober rundete. Niemals aber war er zu sehen, ohne daß er zwischen den N,rr>alen, behaarten Fingern oder auf dem Schoß wie eine Dohle etwas Blankes hielt. Dies war ein Bruchstück gemeinen Spiegelglases, nicht mehr als zwei J)anbe breit, aber freilich keine Stadthände, sondern Ackerhände, welche neben Stadthänden sind wie ein Taler neben einem Groschen. Das ließ er m der Sonne funkeln als ein Geschmeide, behauchte es und ließ es winken als ein Stück alten Silbers; er füllte Mengen puren Himmels hinein wie Waschblau in einen Zuber, fing nachts darin Sterne roi« goldene Käfer. Von diesem Glas pflegte er oftmals zu erzählen. Bisweilen gab's allerlei nahrhafte Schnurren und Sagen, etwa: es sei ein Stück Nordmeer, geronnene Welle und seltene Kostbarkeit, weil di« Wasser nur alle hundert Jahre einmal, in der Neujahrsnacht, fo gefrieren; ober: es stamme aus einem Glasbergwerk weit fern in den Karpathen, wo das Glas wunderlich wie in einer Tropfsteinhöhle wachse und gebrochen werde; oft aber, ob auch die grobglotzigen Bauern bann unruhig hin- und herruckten und das Bankholz scheuerten, als fei Groß- reinemachen an der Zeit, träufelte er, wie ein Raucher lose Ringe und Bänder, allerlei sinniererisches Gezeug. Etliche feinere Köpfe aber hörten auch diesen Reden nicht unwillig zu. Dann hob er bas Glas auf bet platten Hanb empor und wies es aller Augen als feinen Duzgesellen und Bruber im Handwerk, gleich ihm teilhaftig der sagenden Kunst und voller Schnurren und Lieder von Erde und Himmel: „Ihr tut was, und wir zwei auch; wir schauen euch zu, und tun’s dann noch einmal. Aber nicht hier, nicht auf der Erde" — er machte eine Bewegung gegen das Firma- ment, zuckte die Achseln, und auf seinem Angesicht lag es dämmericht — „in der Luft — irgendwo wo anders. Du webst; ich auch" — und er erzählte das andächtige Weben jener wackeren Kreszenz von Sauerlach, die in den Frostnächten aussaß und dem hölzernen Herrgott an der Winterstraße einen Mantel spann — „du kämpfst; ich auch" —, und er summte einen Kriegsgesang, darin Tritt und Trommeln ziehender Soldaten erdröhnte — „da fahren die Wolken, und hier " — er strich sich mit dem Zeigefinger quer über die Stirn — „fahren sie auch. Und hier in meinem Glas fahren sie wieder; da ist alles drin, wie in der Arche Noah; du auch, Bauer am Gries, und ich auch". Und er tätschelte bas Glas wie einen tüchtigen Hund und schaute voll hinein, daß es feine gefalteten Züge trug und mit feinen Augen blickte. Als er nun eines blanken Sommervormittags auf einem Haufen Schottersteine faß, der an der Straße aufgeschichtet tag, hörte er ferne eine harte Musik heranwandern und sah alsbald etwas Dunkles heran- ziehen, das je zuweilen blau und rot auffunfelte. Auf einer hölzernen Trage, dahergesührt von zwölf weißgewandeten Mädchen, zog ein Bild- werk der Mutier Gottes durchs Land; Priester schritten voran, es gleißten auf den Kleidern die gekreuzten Stolen, hochhängende Wimpel, mit dem Abbild des Lammes gestickt, glänzten vor ihr her; hinter ihr aber, je zwei und zwei gereiht, gingen Bauern und Bäuerinnen in langem Ge- folg — der Erzsinger kannte sie manchenteils wohl — von Erding und von Udlding, vom Reutershos und aus der Rotschwaige; wie Klatschmohn und Kornblume brannte der Sonntagsstaat der Frauen. Aller Hände aber trugen entzündete weiße, rote und schwarze Kerzen, und aller Lippen riefen, dumpf und immer in gleichem Maß, den Bet sprach empor: „Heilige Maria, bitt’ für uns!" Der Erzsinger stand von seinem steinernen Gestühl auf, hob den Hut vom Kops und drehte feinen Scherben wie einen Rosenkranz. So schritt der Zug dahin. Und als er nun ein Stück landein gekommen war, da ward so Menschenleib als Fahnenholz, ward Tracht und Wimpel, Kreuz und Kerze gelöst all in einen großen Schein: ein Heerhauf Licht und Farbe war auf bem Marsch, geleitet von bem Klang bes Betspruchs wie von einem gesungenen Trommeln, hoch ob ihm aber ragte die Jungfrau wie eine Kaiserin. Doch als der Glanz aufgesogen war in bas Licht des Tags, als di« Betrufe fern verschollen, da saß der Erzsinger auf seinem Steinhaufen in ber Mittagshelle wie in einer Düsternis. Er wäre wohl gern ben Kerzen und dem Gesang gefolgt, allein er mochte nicht dunkel gehen, wenn die anderen Licht durchs Land trugen zu Ehren ber Mutter Gottes; und faß, und bas Haupt hing ihm von Leib beschwert herab auf die Knie, weil er arm war und ausgeroiefen von den Festen, welche die liebliche Jungfrau in ihren hohen Hallen gab. Dann gedachte er irgend wen um ein Stück Geld anzugehen, daß er eine Kerze kaufen könne, oder von dem Wachszieher eine zu erbitten; aber weil er stets ohne viel Anfrage und Bittstellerei alles wie von selbst bekam, so war ihm das Vetteln fremd und hart, und der Stolz stand in ihm auf wie in einem Kriegsrat ein Edelmann, wenn etwas Schimpfliches zu Antrag steht, und verbot es. So saß er lange, hob sich, schwer von Traurigkeit durchsickert, endlich auf, ging heim in feine Hütte und faß da leer nieder. Aber wie durch die Fenster der Kirche im Sonnenlicht bunte Flimmer auf die Fliesen spielen, so spiegelten vor feinen Blicken rote und blaue Farben über den Boden hin, und ob er auch mit dem Stock bohrte und grub und grübelte, sie loschen nicht. Und ob er auch hart aufstanb und fest durch die Hütte stapfte, um die Gedanken abzurütteln, — wie ihn ehemals Wanderweh in die Sonne ferner Länder, nach Italien und Portugal bis in die Türkei um und um getrieben hatte, fo lag das Fest wie eine heiter glühende Fremde vor ihm, lockte, frohlockte; bis er endlich, — zumal er ja auch ohnedies in ben Ork müsse, da er vom Halber- wirk auf die sechste Stunbe geloben fei, — sich fest versprach, nur ganz von weitem als Zaungast, ber er war, hinzuschau n, unb forteilte. war das neue Bildwerk aüfgerichtet, und davor erstellt ein eiserner Ausbau, getürmt aus dreien wie halbe Kreise runden Stockwerken, darauf standen, getragen von spitzigen Nägeln, brennende Kerzen, weiße, rote und schwarze, ringshin gereiht, — zwölf drunten, neun aus dem mittleren Rund, zu oberst sechs. Wie schlanke Edelknaben zu Fußen der thronenden Königin standen sie und hielten wie Fackeln die Flammen empor, daß Maria in ihrem blauen Gewand hell erstrahlte und der heilige Schein um ihre Stirn licht erfunkelte. Da stand der Erzsinger und lugte hinein auf ine Jungfrau und äugen war verkunken in die ungesehene Schönheit dieser Göttinnen, einaehüllt von dem Zwitschern der flüsternden Stimmen, trunken von dem silbernen Lachen. Und betäubt von dem ungewohnten Getränk. Da trat La Tremouille zu ihm und befahl: „Geh, Knabe, hier ist Frühlingsnacht. Don Joses Freiherrn von Eichendorfs. Hebern Garten durch die Lüfte hört' ich Wandervögel ziehn, das bedeutet Frühlingsdüste, unten fängt's schon an zu blühn. Jauchzen möcht' ich, möchte weinen, ist mir's doch, als könnt's nicht fein! Alte Wunder wieder scheinen mit dem Mondenglanz herein. Und der Mond, die Sterne sagen's, und in Träumen rauscht'« der Hain, und die Nachtigallen schlagen's: Sie ist deine, sie ist dein. is sie herabgebrannt waren. Das Wunder. Don Carl Ferdinands. heidnischen Schönheit, die da vor ihnen lockte. tig lächelte, ein wenig müde, ein wenig abwesend, aber Kohle, zeige deine Kunst!" . . „ ___. Jean Fourquet schritt zu der weißen Tafel auf der Empore; unwahrscheinlich klein stand er vor der breiten, schier endlosen Holzflache und hielt die Kohle mit der Linken umklammert. i . Er ward blaß, seine Augen schienen einzusmken; es war, als ob er ■, I eine Erscheinung habe, so fern und gleichgestellt suchten seine AuEsterne. I Aber plötzlich fuhr es in ihn wie eine fremde Macht, mit Strichen der I Holzkohle, die mehr Schwerthiebe als Zeichnenzuge waren, setzte er Gc- I stalt auf Gestalt hin. Selbst der König erwachte aus seinem Dammer und I staunte das Wunder an: denn da knieten wie lebend und echt auf der I rechten Seite all die Schönen, die er liebte, Jolanthe, Margot, Maria, 1 Ninon, Laura, die zarte Slmoranthe, alle in den Frühlingsschleiern ihres Tanzes, auf der anderen Seite aber feine Sänger, Troubadoure, Herren und Ritter, vorne er selbst mit Pelzschaube und Hut, und alle hoben sie verehrend die Arme nach einem Bilde, das nun in der Mitte mit zwingender Gewalt entstand, die Jungfrau von Domremy, die gen Orleans gezogen war, deutlich erkennbar, auf einem Scheiterhaufen an den Pfahl gebunden, den geheiligten Blick gen Himmel gerichtet, die Arme geknebelt. , . ... . . . , Und nun ritzte sich, eiliger als es jemand verhindern konnte der rasende Knabe die rechte Hand mit dem zierlichen Dolch, der an seiner Seite hing und strich dann, im Augenblick, das grelle Blut aus die weiße Tafel, so daß der Scheiterhaufen in blutroten Flammen stand und die Flammen, die Flammen von echtem Blut, schon nach der aus echten, gefesselten Gestalt der Jungfrau züngelten. Gerade wollte La Tremouille auffpringen, um den gefährlichen Wundermaler, der es wagte, die königliche Ruhe und Behaglichkeck so unsanft aufzuwühlen, mit Gewalt zu entfernen, da gellten im Burghof I etS-äsBcBSÄ tes -SLWM WZWü- feSKälHSS diene. „Lauter Wunder haben wir in der letzten Zeck, flüsterte der Narr dem Sänger Bertrand zu, „das Wunderkind hier, vor ein paar Wochen das Wundermädchen Johanna, fehlen uns nur zwei Wunder, das eine, das unsere königlichen Kassen auffüllen, und das zwecke, das Frankreich von den Engländern befreien soll." Bertrand legte den Finger auf den Mund; an diesem Hose durfte nicht einmal der Narr vom Krieg und von Gefahr reden. Die Frauen in den lichten Schleiergewänden waren, wie auf einen Ruf zu dem - - । kleinen Maler geeilt, die eine streichelte ihn wie ein hübsches Hündchen, NLSW EROS chwarze zwölf drunten, neun auf dem mittleren Rund, zu oberst « ™ »«tunten in d echs, daß Maria in ihrem blauen Gewand in gedoppelter Helle er- trahlte und der heilige Schein um ihre Stirn noch einmal so licht er- unkelte Ueberall aber blickten die betenden Köpfe wie beim Amen auf und nach dem Alten hin, der da stand, als ob er der Priester bei dem neuen Bildwerk wäre und seine blanke Messe hielte; da und dort zischte ein Kichern auf, und manche stießen einander vergnügt an den Ellenbogen wie beim Schuhplattlertanz. Der Erzsinger aber achtete des staunens nicht und nicht des Grinsens; er sah auf die Jungfrau und hielt sein Glas und seine Kerzen hin, und der Arm ward ihm nicht müde, Heber der guten Stadt Bourges am Cher lag wie eine dunkele Wolke die Sorge und die Angst. Wohl waren die Hügel und Uferauen voll von Sonne und duftendem Frühling, voll leuchtender junger Saaten, voll von Blumen und blühenden Obstgärten und singenden Vögeln; aber vierzehn Meilen entfernt lag Orleans, das von den eisengepanzerten Engländern belagerte Orleans, heute noch französisch und Eigentum des siebenten Karl, morgen vielleicht schon gebrochen, erstürmt und dem englischen Kinde, dem sechsten Heinrich, gehörig. Wie Stahlzangen griffen die Gewalthaufen Badforts um die Mauern, der Gras von Salisburg hatte beherrschend die Feste Les Tourelles überwältigt und alles deutete auf den letzten Hauptsturm. Hnb war der gelungen, dann dauerte es ein paar Tage und die bisher immer siegreichen Engländer erscheinen vor Bourges, zerstörten den Frühling, die blühenden Gärten und Saatfelder uiid trieben den willenlosen König in die letzte Ecke seines Landes. Und nun war vor ein paar Tagen das letzte französische Aufgebot gen Orleans geführt worden, zusammengerafstes Volk, Ritter und Knappen, aber begeistert von der Jungfrau, der Johanna aus Domremy, vom i ga’nfaren. Grafen Dunois, dem Bewährten, geführt, aber in zwingende Kampf- i u $un Fanfaren, Waffenklirren, Heilruse die Treppe hinauf. Nun on lüft gerissen von der Fahne, der Fahne, mit der heiligen Jungfrau Mana I bcr $ür bcr Herold, ein Ritter atemlos. und den Lilien, die neben dem düsteren Ritter Dunois die selbst gleich - rief er, „Heil, König Karl! Großes Wunder melde ich, ent- einem Manne gewappnete, aber waffenlose Johanna trug. Wurde diese I h^te Sieg von der Jungfrau mit der Fahne und dem Grafen r.iinois Schar wie vorher die größeren Heere bei Azincourt und Verneml nieder- I $e((cr al” cin Erzengel hat uns die Jungfrau geführt. Sie führte uns zu geworfen werden, (o fei es mit Frankreich und mit der lustigen Hof- I Schiffe in die Stadt Orleans, sie führte uns zum Ausfall, zuerst sas Haltung in Bourges aus. . ... I Fort Sankt Soup, dann am Himmelfahrtstage, Les Jouvelles, Die ftartltc Das fühlte die ganze Stadt, nur der König selbst schien es nicht § in 6er die Engländer saßen, die Jungfrau voran, die Englanv r zu sehen. . _ , ' , ! aus der Flucht. Orleans frei, Bodford geschlagen, Heil der ZMigfrau, Aus der Königsburg, deren mächtige Türme die Straßen beherrsch- ~ i( bem König. Die Jungfrau wird uns von den Engländern befreien! ten, gab es nur heitere Feste, Mummereien, Troubadourwettkampfe und I Fanfaren der Lärm der Heilrufe, der Heilrufe der ganzen Stasi fchöne Frauen, als ob tiefster Friede sei und größte Sicherheit für das I %ourqe5 unb der König dankte mit verhaltener Geste und bückte ge- Reich. Wie alle Tage so auch heute. Der große Thronsaal im Schlosse dankenvoll auf die Tafel mit dem rätselhaften, schicksalsdunklen Bild, war von geschicktem Gesinde in eine Blumenwiese verwandelt in den n kindlicher Maler im Getümmel der Heilrufe verängstigt ent- Ecken, wo abends die Fackeln an Eisenklammern in den Wanden steck- I roar ten, waren echte Rasenhügel aufgebaut, echte Veilchenbusche dufteten, I ' echte Narzissen blühten, vor grünen Zweigen und blühenden Obstasten waren die Wände kaum zu sehen. Hnb auf den Fußboden mußte man achtsam gehen, weil überall bunte Blumenblättchen gestreut waren. Von frühgetriebenen Rosenbüschen umgeben, stand auf der Empore eine weiy- getönte glatte Holzfläche, gleich einem Bilde, das noch nicht begonnen ist, über mannshoch und wohl acht Schritt lang. Der jugendliche, wohlgestaltete König schritt mit seinem Gefolge in pelzverbrämtem Gewände von zweierlei Tuch wie ein Sonnenstrahl durch diesen künstlichen Garten, abwesend, kaum lächelnd, nachlässig, gedankenlos. Er nahm auf dem Königssitze Platz, die Höflinge, Sanger, Possenreißer, Tänzer in dichtem Schwarm um ihn her. La Tremouille, der allmächtige Günstling, gab das Zeichen und hinein strömten wie eine Blütenwolke wohl zwanzig junge Frauen, zierlich und verführerisch in schleierzarte Gewänder gehüllt; man kannte sie alle, die Schönheiten des Hofes, Jolanthe de Bree, Margot aus der Provence, mit der Pracht ihres störrischen Schwarzhaares, Maria de Brezac, deren königliche Arme wie Perlmutter schimmerten, Anna, die zarte Amaranthe aus Paris, Uinon, Simone, Laura, und wie sie alle hießen. Schweigend beugten sie sich vor dem König, dann setzten Flöten, Lauten und Hörner zum Reigen ein, den die Frauen gar zierlich zu flechten wußten. Die Augen der Dichter leuchteten, die Troubadours sangen halblaut feingesetzte Verse Kinder des Volks. Von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Einmal geschah es, daß er angeheitert die Kanzel bestieg, mitten in seiner Predigt „Marsch Katz', Amen!" rief und stände pede das Gottesbaus verließ. Das Konsistorium entkleidete ihn alsbald feines Amtes. Seit dieser Zeit führte er ein klägliches Leben. Eine Wäscherin erbarmte sich seiner, nahm ihn bei sich auf und sorgte für ihn, so gut sie konnte. Aus Dankbarkeit erhob er sie zu feiner Gemahlin. Die beiden bewohnten ein paar Mansardenstübchen im Stadlerschen Hause und waren als Hausgenossen geladen. „ . ~ m , Die Trauhandlung begann. Der Geistliche war ein Zelot. Im Verlause feiner Rede führte er die Worte des Apostels Paulus an: „Das aber ist eine rechte Witwe, die einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellt und bleibt am Gebet und Flehen, Tag und Nacht. Welche aber In Wollüsten lebt die ist lebendig tot." Daraus fußend zog er mit bewundernswerter Offenheit das Vorleben der Stadlern durch die Hechel, ermahnte sie zur Einkehr und Buße, auf daß sie ihre zweite Ehe rein und unbefleckt erhalte. „ . m r , „ Die Braut stand mit roter Glut übergossen, der Bräutigam sah den Pfarrer unwirsch an. Der ließ sich nicht im geringsten beirren, sondern predigte gewichtig weiter. Die Hochzeitsgäste wurden unruhig, die Sache war um so peinlicher, als allerlei Schaulustige der Trauung beiwohnten. Die Verehrer aber murrten laut: „Der verdammte Pfaff. Das soll er uns büßen!" Man atmete auf, als die Zeremonie beendet war, und beeilte sich, aus der Kirche zu kommen. _ r _ Glockenfchlaq zwölf nahm man im Haufe der neugebackenen Notar- fchreiberin an schön gedeckter Tafel Platz. Zur Rechten und Linken des Hochzeitspaars faßen der alte Schollas und feine Frau, die übrigen schloffen sich zwanglos an. Nach der Suppe brachte der Bahnmeister Zapf den Toast auf die jungen Eheleute aus: Wann eine Eifenbahn gebaut wird — das weiß jeb Kmd — wird erst" der Unterbau in die Reih' geschafft. Wir Eisenbahner sprechen: Wenn der Unterbau gut ist, rollt der Zug von selbst. Wann eme Eheschaft geschloffen wird, fragt man wohl auch, wie steht's mit dem Unterbau? Seit Olims Zeiten streiten sich die Gelehrten herum, wer eigens lich den Unterbau in der Ehe ausmacht: der Mann oder die tf rou? Ich Nsuss von der Rundfunk-Musik. Verbesserte Mikrophone. — Der Dirigent vor der Glasscheibe. Von Frank Warschauer. Jedem, der aufmerksam die Rundfunkdarbietungen verfolgt, wird es ausgefallen sein, daß gerade in der letzten Zeit sich die Sendungen an ?ast allen europäischen Sendern ganz bedeutend gebessert haben. Die Zeiten, in denen der musikalisch Gebildete dem Rundfunk feindselig gegen« überstand, sind ja ohnehin längst vorbei. Jenes traurige Krächzen und Klirren, das so häufig die Ohren eines empfindlichen Hörers beleidigte, hat inzwischen fast ganz aufgehört, oder ist zum mindesten doch so selten geworden, daß es für den Gesamteindruck keine wesentliche Rolle mehr spielt. Ganz besonders deutlich ist dies bei denjenigen Instrumenten zu spüren, die früher ein Schmerzenskind der Technik gewesen sind, zum Beispiel beim Klavier. Tatsächlich war der Klavierklang im Rundfunk und beim Grammophon kaum auszuhalten, er klang zu blechern und dürr, man wurde eigentlich immer an die alte Bezeichnung „Drahtkommode" erinnert, und im besten Falle war eine Aehnlichkeit mit dem zirpenden und dünnen Klang der Vorgänger des Klaviers, also etwa des Cembalos, herauszuhören. Aber jene Fülle und Mafsigkeit, jene Farbigkeit und Dichte, die wir sonst vorn Klavier verlangen — die konnte der Lautsprecher nicht wiedergeben. Besonders deutlich sind auch die Fortschritte auf dem Gebiete des Orchesterklanges; wir finden nicht selten Rundsunkkonzerte, bei denen auch große Klangmassen von Chören und dicht besetzten Orchestern verhältnismäßig sehr gut wiedergegeben werden. Und das gleiche gilt auch vom Gesang. Wenn früher der Kreis der Sänger, die überhaupt für den Rundfunk in Betracht kamen, verhältnismäßig klein war, weil eine besondere Rundfunkeignung dafür vorausgesetzt wurde, so kann heute eine Stimme, die gut durchgeblidet ist und einen angenehmen Charakter hat, durch das Mikrophon naturgetreu wieder- gegeben werden. Freilich nur mit einem Unterschied, der die Gesangspädagogen besonders interessiert: Man hört die Fehler, die der Sänger macht, in Tongebung, Atemführung und Phrasierung ganz besonders deutlich, und das Mikrophon wirkt hier gleichsam wie ein Mikroskop; es macht Kleinigkeiten, die sonst leicht zu überhören find, deutlich, und insofern kommt es ja nun ganz besonders darauf an, daß der Sänger auch wirklich gut geschult ist und seine Partei bis in die kleinste Einzelheit beherrscht. Die Verbesserungen, die zu diesem erstaunlichen Resultat geführt haben, sind zunächst einmal technischer Natur. Die Empfindlichkeit der Mikrophone und aller sonstigen Wiedergabeapparate ist auch beträchtlich gesteigert. Wenn früher sowohl die höchsten, als auch die tiefsten Töne nicht mit derjenigen Stärke übertragen werden konnten, wie es für einen naturgetreuen Eindruck notwendig war, fo ist jetzt dieser Fehler zum größten Teil beseitigt. Dies macht sich in doppelter Hinsicht bemerkbar: einmal durch die viel genauere und klarere Wiedergabe der Klangfarbe von Stimmen und Instrumenten. Denn diese ist bekanntlich bestimmt durch die Zahl und Stärke der Obertöne, die dabei mitschwin- gen; wenn sie zum Teil wegfallen, so verändert sich auch der Klangcharakter, und wenn sie schwächer werden, ebenfalls. Das war ja auch der Grund, daß früher etwa der Ton einer Geige dem einer Flöte ähnlich war; denn die zahlreichen Obertöne, die für den Streicherklang bezeichnend find, wurden nicht mit wiedergegeben, und infolgedessen ähnelte der schließlich erzielte Klang dem der Flöte, die von Natur nur wenige übertöne hat. Die Wiedergabe der tiefen Töne wiederum ist infofern von ganz besonderer Bedeutung, als erst hierdurch der Gesamiefsekt dem Unmittelbar Gehörten ähnlich werden kann. Denn die tiefen Töne sind es ja, welche Fülle und Mächtigkeit des Klanges Hervorrufen. Ohne einen ausgesprochenen und schön tönenden Baß klingt eine Reproduktion mit Hilfe einer technischen Apparatur immer dünn und piepsig. Je stärker die tiefen Töne durchkommen, desto angenehmer und wärmer wird der Ge- samtklang. Aber es ist noch ein anderes Moment, daß zu diesen wesentlichen Verbesserungen geführt hat: die gesteigerte Mitarbeit der Musiker. Sie beschränkt sich nicht mehr auf eine mehr ober minder platonische Mitarbeit, sie begnügt sich auch nicht mit Verbesserungen, die im Einzelfall bei dem Auftreten eines Musikers vor dem Rundfunk zu erzielen find, es sind vielmehr von den verschiedensten Seiten grundsätzliche Studien gemacht worden, um von der rein musikalischen Seite den Eindruck so zu gestalten, daß er tatsächlich mehr ist als ein Surrogat, daß er etwas Endgültiges und Jnsichgefchloffenes hat, wie es ja vorn künstlerischen Gesichtspunkt aus verlangt werden muß. Immer mehr werden alle diesbezüglichen Fragen in der musikalischen Fachpresse diskutiert, und an verschiedenen Stellen gibt es nun auch die Möglichkeit für den Musiker, sich durch praktische Experimente mit dem ganzen Gebiet wirklich vertraut zu machen, und was ganz besonders wichtig ist, es auch lieb zu gewinnen. Denn solche Gefühlsbeziehung ist in der Tat der Anfang jeder wirklichen künstlerischen Gestaltung. Solange ein Künstler vor der technischen Apparatur geradezu Angst hat, sie als etwas Fremdes und vielleicht Feindseliges betrachtet, dem er sich nur notgedrungen ab unb au überantworten muß, — solange kann er natürlich auch auf diesen Gebieten nicht wirklich schöpferisch tätig sein. Hier hat das Bestehen der Versuchsanstalten für den Rundfunk eine vollständige Aenderung der Verhältnisse mit sich gebracht. Zu der Versuchsstelle, die im Mai des vorigen Jahres an der Berliner Hochschule für Musik errichtet wurde, sind noch andere hinzugekommen, vor allem eine an einem der größten Berliner Konservatorien, die von einem Führer moderner Musik geleitet wird, und auch in München wird jetzt in ähnlicher Weise gearbeitet. Bei diesen Experimenten ist man vielfach so weit gegangen, die Technik der Künstler, besonders bei den Geigern, speziell für diesen Zweck in sinngemäßer Weise zu verändern. Aussichtsreicher sind aber Jene anderen Versuchsreihen, die darauf hinzielen, durch geeignete Umstellung der Mikrophone in Räumen verschiedenster Art die künstlerischste ®tr= »ung zu erzielen und auf diese Weise die Fehler- und Unzulänglichkeits- guellen, soweit es irgendwie möglich ist, zu beseitigen. Die Ausgabe ist immer: sich von der Technik nicht überraschen lassen. Der Hörer soll schließlich am Lautsprecher wirklich den Eindruck haben, der vom Musiker beabsichtigt ist. Originelle Wege zur Erreichung dieses Zieles ist man in Budapest gegangen; und die zahlreichen Hörer dieses Senders werden wohl alle bestätigen, daß sie zu bemerkenswerten Erfolgen geführt haben. Man hat nämlich dort einen besonderen Aufnahmeraum geschaffen, der nach ähnlichen Prinzipien konstruiert wurde, wie einzelne Räume am Londoner Sender. Dabei leitet der Dirigent ein Orchester, daß er zwar sieht, aber nicht unmittelbar hört, sondern nur auf dem gleichen Umwege wie jeder andere Rundfunkhörer auch, nämlich durch den Lautsprecher. Man denke sich einen großen Aufnahmeraum mit Orchester, wie gewöhnlich; aber an Stelle der einen Wand ist eine riesige Glasscheibe eingesetzt, und zwar derart, daß kein Ton durch sie hindurchdringen kann. Jenseits dieser Scheide sitzt der Dirigent, vor sich die Partitur, und neben sich einen Lautsprecher. Wenn er nun dirigiert, so können wohl die Musiker seine Bewegungen deutlich genug sehen; aber er hört das Orchester nicht so, wie es im Aufnahmeraum klingt, vielmehr so, wie es der Hörer vernimmt. Und das ist ja nun ein großer Unterschied. Wer jemals in einem Aufnahmeraum während eines Konzertes gewesen ist, der weiß, daß für den Dirigenten, der dort unter ganz anderen Bedingungen arbeitet als sonst, es fast unmöglich ist, sich wirklich ein richtiges Bild davon zu machen, ob er die von ihm gewünschten Wirkungen nun eigentlich erzielt ober nicht; der Raum ist meist eng, die Klangmassen überfluten ihn — und den Schaden hat der Hörer. In Budapest aber ist durch diese geschickte Anordnung die Möglichkeit geschaffen, das Klangbild in feiner endgültigen Fassung so zu gestalten, wie es dem Dirigenten vorschwebt. An den anderen Sendern muh diese Möglichkeit durch viel kompliziertere Maßnahmen künstlerischer Prüfung und Ueberwachung ersetzt werden, die freilich in vielen Fällen auch zu den guten Resultaten führen, wie wir sie im Rundfunk jetzt immer häufiger zu hören gewöhnt sind. Mißverständnis. Von Dr. Owlglaß. „Geh' hin zur Ameise, fauler Knecht!" gebot der Weise ... Ein grüner Specht mit rotem Schopf und leerem Magen ließ sich das Ding n.chk zweimal sagen und kam zum nächsten Ameisenhaufen höchst lernbefliffen angelaufen. „Fürwahr, hier geht es fleißig her!" durchschaute und vermerkte er. „Da woll'n wir denn nicht müßig bleiben und gleichfalls uns die Zeit vertreiben!" Stieß feinen Schnabel, lang und groß, in den Betrieb und fraß drauf los. „He! Halt!", rief daß entsetzt der Weise, „du störst ja diese Lebenskreise! Sie soll'u doch bloß ein Beispiel geben! Kannst du das nicht verstehn?" — „Nu eben: ein Beispiel ist dazu bestimmt," versetzt der Specht, „daß man sich's nimmt!" ... Und ist in einem Zickzackbogen ironisch wiehernd fortgeflogen. den Kollegen zu. (Fortsetzung folgt.) Brrantwvrtltch: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche LlniversitätS^Auch- und Steindruckerei,R. Lange, Gießen. Gehen wir ihm nicht weiter noch, sondern bescheiden wir uns mit dem Lehrsatz: wer das Glück hat, führt die Braut heim. Ich stehe auch nicht an zu behaupten, daß das Buch der Bücher unserm verehrten Bräutigam zu Hilfe kommt: denn es heißt: Des Batcrs Segen baut den Kindern Häuser. Bei diesem biblischen Zitat drücke ich meine Genugtuung aus, Herrn Schollas senior und seine Gattin aus Frankenhain in unserer Mitte zu sehen. Frankenhain ist Ihnen vermutlich nur durch seine gute Wurst bekannt. Ich erkläre Ihnen, Frankenhain steht, was Kommunal- Verwaltung anbelangt, turmhoch über unserer Vaterstadt. Frankenhain hat eine treffliche JVasferleitung, für die wir hier seit fünfzehn Jahren vergeblich kämpfen. Verehrte Anwesende, abermals ein Problem. Lassen wir uns die süße Gegenwart nicht dadurch verbittern. Halten wir uns an das rein Menschliche, und geben wir der Hoffnung Ausdruck, daß im Haufe Schollas-Stadler stets das Band der Harmonie Eltern, Sohn und Schwiegertöchterchen umschlingt! Quod Deus bene vertat — wie der Lateiner sagt. In diesem feierlichen Moment bitte ich Sie, das Glas zu ergreifen und mit mir auszurufen: Herr Schollas senior und seine Gemahlin — sie leben hoch!" — „Großartig! Herrlich! Ausgezeichnet!" hieß es von allen Seiten. Palmer, der Vikar, der bereits seinen Schwipps weg hatte, schwankte mit gefülltem Glase auf den Redner zu. „Pröstchen, Herr Wollenweber, Pröstchen! Hören Sie mal, diese glänzende Latinitüt, ich bin starr'" „Autodidakt!" sagte der Zahntechniker geschmeichelt. ■ „Sapperment! Und die Gabe der Rede haben Sie auch." „Cs geht, Herr Vikar." Palmer begann zu schlucksen. „Haben Sie je eine Predigt von mir gehört?" „Leider nein, Herr Vikar." „Schade! Sie müssen wissen, hab' mein Handwerk verstanden. Aber der Neid — frißt Vieh und Leut. Aus purem Neid haben sie mich geschaßt. Na, es geht auch so. Sie müssen wissen, bei mir gibt's kein Otium. Ich arbeite weiter. Kampf gegen den Dogmatismus heißt mein Feldgeschrei. Hab' Stöße von Manuskripten liegen. Weiß der Kuckuck, es druckt sie keiner. Dummer Pöbel! Sie müssen wissen, nach meinem Tod werden sie sich um die Ehre schlagen, meine Schriften herauszugeben. Na Pröstchen!" „Auf Ihr Wohl, Herr Vikar!" „Hören Sie mal, Herr Wollenweber." „Herr Vikar?" „Nach deut Pudding komm' ich zu Ihnen herüber. Wir beide repräsentieren hier doch eigentlich — na. Sie verstehen mich." — An der Tagesneige wurde Herr Schafsmayer, der Klaviervirtuose, herbeigeholt. Ein Pianino stand bereit. Keine Hochzeit ohne ein Tänzchen. Rasch war die Tafel beiseite geschoben, und die Paare ordneten sich. Das Brautpaar eröffnete die Polonäse. Einen Rundtanz riskierte Herr Schollas nicht, weil er, wie er behauptete, an Schwindel litt. Statt seiner traten die Verehrer, einer nach dem anderen, vor und engagierten die Hochzeiterin. Diese zeigte keine Spur von Ermüdung und flog mit strahlendem Gesicht herum. Herr Schafsmayer, der Klaviervirtuose, der andantino begonnen hatte, fuhr jetzt prestissimo über die Tasten. Die reine wilde Jagd hob an. In grauen Wolken wirbelte der Staub empor. Eine bacchantische Lust ergriff die Verehrer: sie preßten die Stadlern stürmisch an sich, und zärtliche Blicke glühten ihr zu. Schließlich hatte man völlig vergessen, daß man auf ihrer Hochzeit war. Die korpulente Tante aus dem Brandenburgischen zog fick) auf ein Kanapee zurück, wo sie sanft entschlummerte. Im Nebenzimmer versuchte der Zahntechniker den Vikar in ein gelehrtes Gespräch zu ziehen. Der war aber nicht inehr imstande, darauf einzugehen. Gänzlich bezecht trat er in den Türrahmen und schrie: „Zum Zippel, zum Zappel zum Kellerloch 'nein, Heul' muß alles besoffen sein." Von den Tanzenden hart an die Wand gedrängt, saß Herr Schollas mit seinen Eltern da und sah dem wüsten Treiben zu. Aus feinen Augen blickten Aerger und Wut. Er hätte am liebsten die wilde Horde zum Teufel gejagt, indessen gebot die Klugheit, sich still zu verhalten. — An den „Freudentag", gestand er sich, würde er [ein Leben lang denken. Zuerst die Blamage in der Kirche. Er hatte vor dem Altar die Frage erwogen, ob man dem Pfaffen eine Jnjurienklage anhängen könne. Proste- Mahlzeit! Der hatte das Recht auf seiner Seite und sprach überdies die lautere Wahrheit. Und nun die Angst, der Pfarrer, der mit allen Hunden gehetzt war, werde ihm selbst wüs am Zeug flicken. Es hätte dem Skandal die Krone aufgesetzt, wenn die Sache mit der Lene öffentlich verklapperl worden wäre. In Gegenwart seiner Eltern, die von alledem keine Ahnung hatten! Glücklicherweise war nichts dergleichen geschehen: der Pfarrer hatte sich auf die ihm vorgeschriebene Ermahnung des Ehegatten beschränkt. Die Hochzeit hatte sich zuerst gemütlich angelassen. Den Zank der Tante und der Buckelmüllern nahm man mit in den Kauf. Die Stadlern hatte sich untadelhäft benommen. Erst seitdem der Flappch nm Pianino saß, war der Teufel in sie gefahren. Schnippel! hatte die Buckelmüllem sie tituliert. Just so führte sie sich auf. Ruhig Blut! Morgen war auc!) noch ein Tag. Die Verehrer würde er sich vom Halse schaffen. Ducken mußte sich seine Frau. Er wollte ihr schon zeigen, wer jetzt der Herr nn Hause war. In später Abendstunde erschien als letzter Hochzeitsgast Herr Muggen- thaler, der neben Schollas als Schreiber bei dem Notar beschäftigt war. Das war ein spindeldürres, kleines Männchen mit einer gewaltigen, schwarzen Mähne. Unter buschigen Augenbrauen guckten zwei grün Aeuglein hervor. Das linke war stets halb zugekniffen, so daß das W’ liche Gesicht dadurch einen lauernden Ausdruck bekam. Schollas ging «‘1 sag' die Frau. Das klingt ein bißchen jämmerlich für uns Mannsleut, aber 's ist so. Und hier heißt's auch: Wann der Unterbau gut ist, rollt der Zug von selbst. Nämlich der Zug durchs Leben. Die Frau gibt das Tempo an, der Mann hat aufzupassen, daß er nicht unter die Räder kommt. Ja, und jetzt, ihr lieben Festgenossen, schaut euch die Frau Notarschreiberin einmal an — der Unterbau ist gut. Das ist die Hauptfach'. Ich will, dem Herrn Schollas beileib' nicht zu nah' treten. Das ist ein grundgescheiter Mann. Der legt die Gesetzbücher aus wie ein Notar. Unter Umständen noch besser. Der Titel macht's nicht. Aber ein guter Unterbau ist doch was wert. Obendrein kommt der Herr Schollas in ein gemachtes Bett. Nun denk' ich, das Signal ist gegeben, 's kann losgehen. Wir wünschen alle glückliche Fahrt. Ihr lieben Festgenofsen, hebt das Glas. Unser treues Pärchen lebe hoch!" „Hach, Hoch!" brauste es durch das Zimmer. Der Schuster Reining beglückwünschte den Redner: „Du hast wunderbar'gesprochen, Zapf." Herr Wollenweber, der Gemeinderatskandidat, raunte seinem Nach- bar zu: „Blödsinn war's, heller Blödsinn! Während der Braten aufgetragen wurde, ergriff der alte Schollas die Gelegenheit beim Schopf und fragte seine Schwiegertochter, warum sie den Bierverlaq ihres verstorbenen Mannes aufgegeben habe. Da sei doch ein schönes Stück Geld zu verdienen. Das Geschäft erfordere weder viel Betriebskapital noch großes Personal. Er habe eine gute Idee. An der Gewürzhandlung in Frankenhain sei ihm nichts gelegen. Er sei bereit, in die Stadt zu ziehen und den Bierverlag in die Hand zu nehmen. Er getraue sich >vohl, das Rad in Schwung zu bringen. Den Gewinn teile man. Werde man einig, so müsse er freilich im Geschäftshaus wohnen. Doch fei er keineswegs anspruchsvoll und nehme mit der Mansarde vorlieb. m Die Hochzeiterin lachte in sich hinein. Das fehlte noch; die Bagage aus Frankenhain im Haus. Es schien, der Alte hatte einen förmlichen Schlachtplan entworfen, sich hier sestzusetzen. Da kam er bei ihr an die Rechte. „Schwiegervater," sprach sie, Honig im Mund und Galle im Herzen, „ich denk' gar nicht daran, das Geschäft wieder aufzunehmen. Bin froh, daß ich's lös geworden bin. Verdienen ist nicht alles. Ich sorg' jetzt für mein' Mann. Was du da vorhast, ist all' recht gut und schön, ober alte Bäum' verpflanzt man nicht. Ihr habt die gesunde Luft in Frankenhain, da könnt ihr hundert Iah? alt werden. Und sollt's auch. Bei uns ist's rauh. Dessentwegen mein' ich, ihr bleibt, wo ihr seid." Der Alte babbelte weiter, allein das Schwiegertöchterchen ließ ihn nicht im Zweifel, daß er nichts von ihr zu erwarten habe. Da senkte er betrübt den Kopf und- goß ein Glas nach dem anderen hinter die Binde. Am entgegengesetzten Ende der Tafel kam es zwischen der korpulenten Tante aus dem Brandenburgischen unb der Buckelmüllern zu einem Disput. Das Kostüm der Kaufmannsfrau hatte die Tante in Harnisch gebracht. Sie behauptete, wer wie die Buckelmüllerin in auskömmlichen Verhältnissen lebe und in vertragenem Wollkleid auf einer Hochzeit erscheine, bekunde damit eine Geringschätzung des jungen Paares. Die Nachbarin möge es ihr übel nehmen oder nicht, als alte Frau gestehe sie sich das Recht der freien Meinungsäußerung zu. Die Buckelmüllerin, die gern eins trank und schon ihr Quantum binnen hatte, fuhr wie von der Tarantel gestochen auf. „Wie ist mir dann? Ich als eingesessene Bürgersfrau soll von einer Ausländerin Anstand fernen? Zum Donnerwetter! Woher sind Sie eigentlich, Madame? Gelle, aus dem Brandenburgischen? Da kommt der Sand her, der der Welt in die Augen gestreut wird. Wann Sie sich nur nicht irren. Bei uns läßt sich keins ein X für ein U vormachen. Für die Hochzeit von Ihrer Nichte, der Schnippel, ist mein Wollkleid noch viel zu gut." .. Wie Trompetenstöße klangen ihre Worte über den Tisch. (Einen Augenblick saß alles sprachlos da. Nun stand der Buckelmüller auf und sagte: „Entschuldigen Sie, meine Herrschaften! Meine liebe orau hat in der Festfreude ein Gläschen über den Durst getrunken." „Lügner!" schmetterte die Unholdin. Der Mann ließ sich nicht aus der Fassung bringen und begab sich zu der Wütenden. „Beruhige dich, mein Täubchen!" Bei diesen Worten packte er ihren Arm mit eisernem Griff und führte sie unter allgemeinem Bravo hinaus. Herr Wollenweber, als Mann von Takt und Bildung, bedachte, wie man über den bösen Zwischenfall am fchnellsten wegkommen könne. Kurz entschlossen erhob er sich, klopfte an sein Glas und sprach: „Verehrte Anwesende! Erschrecken Sie nicht, wenn ick) ex abrupto — wie der Lateiner sagt — die Frage aufwerfe: Was ist Glück? Offenbar das, was sich jeder darunter vorstellt. Damit ist dem Problem ein Spielraum gegeben, den wir heute nicht 'durchmessen können. Im Vertrauen gesprochen: ich bin wie die meisten Mediziner kein Freund der Philosophie. Indessen feinen Gedanken über das Glück geht mehr ober weniger jeder nach. Unser Schiller singt: Die Welt wird nie das Glück erlauben, Als Beute wird es nur gehascht, Entwenden mußt du's ober rauben, Eh' dich die Mißgunst überrascht. Das Dichterwort bahnt mir den Weg zu Herrn Schollas, dem glücklichen Bräutigam. Mit der Schlauigkeit des gewiegten Juristen hat er einen Diebstahl begangen, ohne mit dem Strafgesetz in Konflikt zu kommen. Verehrte Anwesende, erschrecken Sie nicht: um einen Herzens- diebstahl handelt es sich. Ja, beim Zeus! wie hat er es fertig gebracht, ein Herz, das sozusagen der ganzen Menschheit schlägt, für feine liebwerte Person allein zu erobern? Verehrte Anwesende, wiederum ein Problem.