GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1929 Montag, den 5. August Nummer 60 An die Geliebte. Von Eduard M ö r i k e. Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt, mich stumm an deinem Heilgen Wert vergnüge, dann hör ich recht die leisen Atemzüge des Engels, welcher sich in dir verhüllt. Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge, daß nun in dir, zu ewiger Genüge, mein kühnster Wunsch, mein einz'ger, sich erfüllt? Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, ich höre aus der Gottheit nächt'ger Ferne die Quellen des Geschicks melodisch rauschen. Betäubt kehr ich den Blick nach oben hin, zum Himmel auf — da lächeln alle Sterne; ich knie, ihrem Lichtgesang zu lauschen. Anekdote. Von Robert Reumann. Der berühmte Wilson, Präsident der Vereinigten Staaten und durch das Zwiegesicht seiner 14 Punkte ein für allemal in Deutschland so bekannt wie berüchtigt, hat in Berlin einen Doppelgänger, Wilhelm Jaenicke mit Namen und seines Zeichens Oberkellner in einer Likörstube im Westen der Stadt, nicht weit vom Wittenberg-Platz. Dieser Jaenicke hat mir seine Geschichte erzählt. Sie sei hier verzeichnet. Er sagte: Bor dem Kriege war ich Kammerdiener, Herr. In Potsdam, im Schloß, acht Jahre lang. Und dem persönlichen Dienst bei Seiner Majestät zugeteilt. Schon damals, wenn ich servierte und wenn Majestät sich zurückgezogen hatten und die jüngeren Hoheiten noch einer Pulle den Hals brechen wollten, mit Verlaub — damals schon sagten sie zu mir: „Amerikaner, den Sekt in den Kübel!" Oder: „Hier nachgießen, Amerikaner!" Und als dann 1914 kam und ich vor Verdun lag, erschienen einmal Seintz Kaiserliche Hoheit der Kronprinz persönlich bei uns im Graben und erkannten mich wieder: „Der Amerikaner!" riefen Seine Kaiserliche Hoheit. Und traten bann plötzlich zwei Schritte zurück und schlugen sich auf den Schenkel und riefen: „Mensch, du siehst ja aus wie der amerikanische Präsident! Du bist ja der Präsident Wilson!" Die Herren lachten und von da ab hieß ich der Präsident Wilson und war berühmt in der ganzen sechsten Armee — in den Offiziersmessen muhte ich mich zeigen, und war irgendwo ein Fest, so wurde ich angefordert und mußte oft Stunden und Tage reisen, nur um dabei zu fein. Dann kam 1918 und das war zu Ende, auch nach Potsdam konnte ich ja nun nicht mehr zurück, ich war auf einem Gut in Mecklenburg, dann bei einem Bankier — aber, Herr, wenn man einmal in Potsdam gewesen ist, dann kann man sich anderswo nicht so leicht einleben. Ich war da schon drei Monate ohne Posten, als der Herr zu mir kam, auf mein möbliertes Kabinett, draußen an der Großen Frankfurter Straße. Es war ein dicker Herr mit Hornbrille, fein Auto wartete drunten — auch den Namen könnte ich Ihnen sagen, aber der tut ja nichts zur Sache. Er sagte, er sei damals bei der sechsten Armee mit dabei gewesen und er habe sechsunddreißig Briefe geschrieben und einen Monat gesucht, ehe er meine Türe fand, und er sei Filmdirektor und er brauche mich für einen Film. „Herr," sagte ich, „ich bin kein Schauspieler!" „Um so besser," antwortete er, „Sie sehen dem Präsidenten Wilson gleich — das genügt!" Und klimpert mit dem Geld in der Tasche. Ich mar drei Monate ohne Arbeit, Herr, und meine Ersparnisse waren zum Teufe! gegangen. Sonst hätte ich vielleicht nicht angenommen. Und außerdem — ein wenig eitel ist jeder Mensch auch, nicht wahr? Also unterschrieb ich. Es war nicht übel, Herr, einen neuen Cutaway angemessen zu bekommen, und auch das Spielen war nicht schwer. Es dauerte auch nicht länger als etwa zwei Stunden — sie brauchten es, sagte sie mir, Mr als Einlage für einen Wochenbericht. Da stellten sie mich um elf Uhr vormittags auf die Treppe des Potsdamer Bahnhofs, und indes drunten einer bei feinem Apparat stand und kurbelte, hatte ich nur die Stufen niederzusteigen, mit meinem Zylinder, rechts hin und links hin eine Gruppe devoter Herren zu begrüßen und mich in eines der vor- fahrenden Autos zu setzen. Das war nicht schwer, und sie sagten, ich hätte es gut gemacht. Doch als sie mich nun Unter die Linden führten und zum Kaiserlichen Schloß und verlangten, nun sollte ich dort, indes der Mann bei seinem Apparat die Kurbel drehte, die von Seiner Majestät verlassenen Privatappartements besichtigen, da, Herr — cs gab mir doch einen Stich durchs Herz. Mit ihren staubigen Schuhen gingen sie durch die Zimmer, und der Herr mit der Hornbrille behielt den Hut auf dem Kopf. „Also besichtigen!" rief er, und dann wollte er, ich sollte vorangehen und mir selber die Türen öffnen. Ich glaube^ der Herr mit der Brille war noch niemals bei einer Besichtigung anwesend. Als ich sagte, wie die preußische Hofvorschrift ist, standen sie alle um mich, und ich glaube, einige der Herren haben gelacht. Aber dann machte ich es ihnen vor, und der Herr mit der Brille rief: „Ausgezeichnet! Jetzt Aufnahme!" So promenierte ich mit meiner Suite durch die Appartements Seiner Majestät, und ich darf wohl sagen: an dem Zeremoniell war nichts auszusetzen. Erfrischungen gab man an dem kleinen Büfett, und im Roten Salon nebenan nahm ich auch die kleine Defiliercour entgegen. Ich muß es gestehen, Herr: an den Mann mit seinem Kurbelkasten dachte ich damals nicht mehr. Eine Defiliercour! Ich weiß nicht, wie in Amerika die Etikette ist — aber seine Exzellenz der Herr Präsident durften, ohne mich rühmen zu wollen, mit seiner Vertretung zufrieden sein. „Ausgezeichnet", rief der Herr mit der Brille immer wieder. Dann kommandierte er: „Das Ganze halt!" und trat auf mich zu. „Ausgezeichnet!" sagte er. „Und jetzt gehen Sie noch hinunter, gehen Sie quer über den Platz und legen Sie diesen Kranz da auf den Sockel des Denkmals Friedrichs des Großen." „Gut", sagte ich nur. Denn, Herr, man hat nicht umsonst bei zwanzig oder fünfundzwanzig Kranzniederlegungen hinter dem Zeremonienmeister gestanden. Und daß der Amerikaner — ich will nichts gegen ihn gesagt haben, aber daß er mit seinen 14 Punkten und mit seinem Wortbruch Deutschland ins Unglück gebracht hat, das wußte ja jeder — daß der Amerikaner nun wenigstens dem Alten Fritz seine Reverenz machen sollte, das freute mich. „Gut", sagte ich also und ging mit den Herren hinunter. Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll, Herr. Als ich aus dem Schloß trat, sah ich die Straße von Menschen schwarz. Es war irgndwie bekannt geworden, der amerikanische Präsident Wilson fei von Paris — dort war damals die Friedenskonferenz — inkognito herübergekommen. Da standen an die taufend Menschen und wollten den amerikanischen Präsidenten Wilson sehen, und Polizei war aufgeboten und hielt den Platz frei, und Photographen klebten an allen Fenstern, und der Mann mit der Kurbel war wieder da und kurbelte, kurbelte. Ich machte es, wie man es machen muß. Ich nahm den Kranz aus den Händen eines Herrn der Suite, ich legte ihn über den linken Arm, ich hielt den Zylinder in der Rechten und ging, die Suite zehn Schritt hinter mir, quer über den Platz bis an den Sockel des Monumentes. Nun blickte ich ein wenig um mich, denn eigentlich wäre da eine kurze Rede zu halten gewesen. Ich blickte also ein wenig suchend um mich, ich sehe den von einem Kordon Polizisten freigehaltenen Platz — grell- Sinig: es war ein Sommertag — ich sehe die Suite, ich sehe das onüment, ich lächle ein wenig für die Photographen, ich nehme den Kranz und will — Da löst sich drüben von der Menschenmasfe ein Mann und geht quer über den freien Platz auf mich zu. Ich denke noch: das ist ungehörig. Aber ich denke zugleich: ach, eine jener unarrangierten Huldigungen, jener kleinen Aufmerksamkeiten, jener freundlichen unbedeutenden Zwischenfälle, von denen man dann in den Zeitungen liest. Ah, denke ich, da der Mann schon nahe kommt und ich seine sehr einfache Kleidung ausnehmen. kann, ah, und lege schon mein Gesicht in die Falten des Lächelns, verwundert, diskret, belustigt, leutselig erfreut — wie es für solche Anlässe üblich ist. Da tritt dieser Mann vor mich hin — ein Arbeiter, Herr, in Arbeiterkleidern — da stellt sich dieser Mann vor mich hin, brüllt: „Wilson, wo sind deine 14 Punkte?" Und hebt seine rote Hand und schlägt mir den Zylinder vom Kopfe. Ich will Sie nicht zu lange aufhalten, Herr. Auch wollen die Herrschaften drüben am Ecktifch ihren Sherry bezahlen. Als wir alle auf dem Polizeirevier waren, stellte es sich heraus, daß auch dieser Mann von der Filmgesellschaft für fein Attentat engagiert war. Der Herr mit der Brille hatte mir im voraus nichts sagen wollen. „Wilson hätte sonst nicht natürlich gespielt", gab er auf Befragen zu Protokoll. Der Film „Wilson auf Besuch in Berlin" wurde ein einzigesmal gespielt, auf dem Alexanderplatz, ich war dabei. Dann hat die Polizei ihn verboten. Aber der Herr mit der Brille hat den Schluß ortge- chnitten — das Attentat — und das andere nach Amerika verkauft. Er soll viel Geld dafür bekommen haben. Mir hat er meine zweihundert Mark erst bezahlt, als ich eben noch ein Paar Schuhe dafür bekam. Nun, das war besser als gar nichts. Und von der Kanzlei des Präsidenten habe ich acht Monate später eine Zuschrift erhalten. Der Präsident hat dort drüben den Film gesehen und mir seine Anerkennung ättMtibrflcfen geruht. Das Ist alles, Herr. Ich bin dann Kellner geworden. Und nun bitte ich um Verzeihung: Die Herrschaften drüben jMn Lettisch rufen zum zweitenmal. MustkNebende Tiere. Von Carl Georg v. Maaßen. Es gibt eine rührende Geschichte von dem berühmten Violinspieler Berthome, der schon als kleiner Knabe von seinen Eltern zum Musiker bestimmt wurde. Bereits mit acht Jahren setzte er durch sein ausgezeichnetes Geigenspiel alle Welt in Erstaunen. Er hielt seine Üebungen in einer kleinen, engen Stube, in der eine riesige Winkelspin n e hauste, welche ein merkwürdiges Verständnis für die hier abgehaltenen musikalischen Darbietungen an den Tag legte. Sobald der Knabe zu spielen begann, verließ die Spinne ihr Netz, kroch an der Zimmerdecke entlang, bis sie sich über dem musizierenden Künstler befand, lieh sich dann an einem Faden herab und hielt wenige Zentimeter über dem hin und her gehenden Geigenbogen still. Bisweilen kroch sie sogar auf den Arm, welcher den Bogen führte, und schien offenbar andächtig den Tönen zu lauschen. Der Knabe hatte sich an diesen seltsamen Zuhörer gewöhnt, ja er wurde ihm so lieb und unentbehrlich, daß er sich geradezu Mühe gab, ihm zu gefallen. So entstand ein inniges Freundschaftsverhältnis zwischen beiden, das eine lange Zeit währte, bis — ja bis eines Tages die Tante des Knaben, die an ihm Mutterstelle vertrat, in Begleitung eines Kunstkenners, der den jungen Künstler spielen hören wollte, das Stübchen betrat. Die Spinne ließ sich durch den Besuch nicht abhalten, nach den ersten Bogenstrichen herbeizukommen und sich auf den Arm des jungen Musikers niederzulassen. Die Tante erblickte voller Entsetzen die mächtige Spinne auf dem Aermel des Knaben, schrie „Pfui, die häßliche Spinne!", riß ihren Pantoffel vom Fuß und schlug das Tier auf den Fußboden herab, um es augenblicklich zu zertreten. Als der Knabe seinen musikalischen Freund tot und zerquetscht auf dem Boden liegen sah, sank er chn- mächtig um. Man brachte ihn zu Bett, und länger als drei Monate schwebte er zwischen Leben und Tod und phantasierte ununterbrochen von seiner Spinne ... Diese Geschichte hat man sich auch von dem jungen Beethoven erzählt, ja, sie findet sich in Verbindung mit seinem Namen bereits in einer Anekdotensammlung aus dem Jahre 1809, aber es liegt hier offenbar eine Verwechslung zweier ähnlich klingender Namen vor. Beethoven, um die Wahrheit dieser Anekdote befragt, hat sie für feine Person ab geleugnet, aber sie als ein Erlebnis Berihomes bezeichnet. Auch Bettina v. Arnim hat einmal durch Gitarrenspiel auf eine Spinne gewirkt, die herbeikam, auf ganz absonderliche Weise die Glieder bewegte und bei einem Wechsel des Akkordes noch andere Bewegungen machte. Quatremers-Disjonval beobachtete eine Spinne, die sich während des Harfenspieles einer Dame einen Platz an der Zimmerdecke gerade über dem Musikinstrument wählte. Wechselte die Spielerin ihren Standort, so folgte die Spinne. S ch n y d e r v. W a r t e n {e e, der mit Spinnen hinsichtlich ihres Musikempfindens allerlei Experimente angestellt hat, ist dabei zu einem negativen Resultat gekommen, jedoch mag die Persönlichkeit des Untersuchenden wie auch die individuelle Artung der Objekte die Schuld daran tragen. Schon Aelian bemerkte bei den Bienen Sinn für Wohllaut und Rhythmus, und nachdem er sie hierin mit den Zikaden verglichen hat, führt an, wie Bienenschwärme, die unstet Herumfliegen, von ihren Bienenvätern durch rhythmische und harmonische Klänge wieder zurückgebracht werden können. Der bekannte Dichter und Theatermann Karl v. H o l t e i, der im Sommer des Jahres 1834 zur Erholung in Grasenort weilte, machte hier die Bekanntschaft mit einer musikalischen Kröte, die in dem verwitterten Schlohgemiiuer hauste. Wenn seine Gattin und deren Freundin, abends auf der Terrasse sitzend, elegische Lieder fangen, „den keufchen Mond mit matten Hymnen feiernd, zeigte sich diese uralte, dicke, buntfarbige, vom Kellerstaube bedeckte Kröte, aus überaus klugen Augen schauend. Es war keine gewöhnliche Gartenkröte, sondern eine von enormem Ausmaß, etwa vom Umfang eines mäßigen Damenstrickbeutels, wie man sie nur in den tiefsten Burggräben findet, woraus sie nur selten an das Tageslicht kommen. Sie stellte sich jedesmal ein, wenn die ersten Töne des Gesanges vernehmbar wurden, und wurde anfangs mit Abscheu, später mit Staunen betrachtet, weil sie einen merkwürdig musikalischen Sinn entwickelte. Blieb sie einmal aus, fragte man gleich: „Wo bleibt denn heute unsere Kröte?" Man stimmte ein Liedchen an, und schon rückte die Kröte an. Zuletzt wurde sie ganz zur Familie gerechnet. Sie saß zu den Füßen der Singenden und ließ sich mit dem Schuh auf ihrem breiten Rücken krabbeln. Als der Urlaub zu Ende ging und man Abschied von Grafenort nehmen mußte, wurde die Kröte noch einmal durch Gesang aus ihrem Schlupswinkel hervorgeholt, um ihr ein gerührtes Lebewohl zu sagen. Sie mag bann später — so meint wenigstens Holtei — ihren hundertjährigen Urenkeln von den närrischen Menschen erzählt haben, die ihresgleichen schon für Greise halten, wenn sie achtzig Jahre alt geworden sind. Es gibt sogar singende Kröten. Oken berichtet von der sog. Buchelkröte in Guina, die man in der Nähe der Sümpfe melodisch fingen hört. Daß Mäuse und Ratten musikalisch sind, ist allgemein bekannt. Bonnet erzählt in feiner Geschichte der Musik, daß er auf dem Markte St. Germain zu Paris Ratten nach dem Takte der Musik tanzen sah. Sie hielten wie Seiltänzer kleine Balancierstangen in den Vorderpfoten. Eine andere Truppe von acht Ratten haben nach den Klängen einer Geige ein Ballett getanzt, so richtig wie gelernte Tanz- meister. — Ein in der Bastille eingekerkerter Ofizier vertrieb sich in seiner Einsamkeit die Zeit mit Lautenspiel. Dabei bemerkte er mit Staunen, wie sich ein Kreis von Ratten und Mäusen um ihn versammelte, die alle aufmerksam zuhörten und sich wieder entfernten, wenn er zu spielen aufhörte. Im Laufe der Zeit erhielt er immer mehr Zuhörer, so daß er schließlich ein Publikum von mehr als hundert Vierbeinern zusammen hatte. Der Komponist Ferdinand Bertoni zu Venedig besaß eine Taube, die Geschmack an der Musik zeigte und allgemach ein voll» kommen musikalisches Gehör bekam. Sobald sich ihr Herr ans In- ftrument setzte^ flog die Taube aufs Klavier und bezeigte durch Flügel- schlagen ihre lebhafte Freude. Griff aber Bertoni oder auch ein anderer Spieler einmal eine falsche Note, so verriet sie große Angst und Unwillen, und quälte man sie gar absichtlich mit Dissonanzen, so wurde sie wütend und hackte den Spieler so derb in Hände und Füße, daß man keinen Zweifel mehr an ihrer musikalischen Feinfühlichkeit hegen konnte. Man mußte sie aus dem Zimmer entfernen, wenn Schüler kamen, deren Fingerfertigkeit noch zu wünschen übrig lieh. Die musikalische Veranlagung bei Tieren scheint sich nicht so sehr auf die Gattung als auf das Individuum zu erstrecken. Ein Postkommissar namens Naumann erzählt, wie er einmal mit einer Gesellschaft vom Gasthofe nach einem Schlosse gezogen und dabei auf einer kleinen Kinder- harse einen Geschwindmarsch gespielt. Als man dabei an einem Gehöft vorbeigekommen, fei eine Gans aus einer Gänfeherde herausgelaufen und habe sich dem Zuge angeschlossen. Unter dem Gelächter der Gesell- schäft eilte sie immer neben dem Musikanten her und versuchte, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Stand man still, blieb auch die Gans stehen. Ging man ohne Musik weiter, blieb das Tier zurück. Erklang die Harse wieder, stürzte die Gans eiligst wieder herbei. Bei den übrigen Gänsen blieb die Musik ohne Wirkung. Aehnlichen musikalischen Sinn kennt man bei einzelnen Individuen zahlreicher Tierarten, selbst bei Löwen, Tigern, Wölfen, Affen und besonders bei Elefanten, auch bei Hirschen. So besaß der Fürst Löwenstein auf dem Schlosse Triefenstein eine musikalische Hirschkuh, die am Fenster lauschte, wenn im Schlosse musiziert ober in der Kirche auf der Orgel gespielt wurde. Selbst bei Schafen, Hunden und Katzen findet man derartige Veranlagung, obwohl bei den letzten zwei Arten musikliebende Exemplare recht selten sind. Eine Dame in Darmstadt hatte eine weiße Katze, die mit allen Zeichen des Wohlgefallens stehen blieb, wenn ihre Gebieterin sich ans Klavier setzte. Dann lief sie schnell wie nach dem Takte tanzend, in der Stube hin und her, näherte sich der Spielenden, trat ihr auf die Füße, strich schmeichelnd und schnurrend an ihr vorüber, legte sich bald hinter fie auf den Stuhl, bald sprang sie ihr auf den Schoß. Hörte die Dame auf zu spielen, schlug die Katze mit.den Pfoten auf die Taste, als ob sie zum Weiterspielen ermuntern wollte, und als ob es ihr unangenehm fei, daß der Klang aufhörte. Sie hörte am liebsten sanfte und fchmel- zende Töne, mit harten ober gar falschen konnte man sie verjagen. Bennati bemerkte eines Tages, daß ihm sein Pudel gern zuzuhören schien, wenn er Klavier spielte. Er versuchte nun, ihn durch Spielen der Tonleiter zur Angabe der Töne zu bringen. Es wurden dabei verschiedene Instrumente in Anwendung gebracht — aber ohne Erfolg. Endlich schlug Bennati sieben diatonisch gestimmte Glocken nach- einander an und brachte es auf diese Manier binnen neun Tagen dahin, daß der Hund die Töne der Skala angab. Zu Anfang der französischen Revolution begab sich ein Hund Tag für Tag auf die Parade vor den Tuilerien, marschierte mit den Musikern und machte mit ihnen Halt. Nach der Parade verschwand er, war aber am nächsten Tage pünktlich wieder zur Stelle. Die Musiker befreundeten sich mit ihm und nahmen ihn wechselweise mit zum Mit- tagefsen. Sie gaben ihm den Namen „Parade". Nach dem Essen entfernte sich der Hund und besuchte die Theater, wo er ins Orchester lief, sich in einen Winkel setzte und nach Beendigung der Vorstellung wieder davonlief. Er folgte den Musikern eines italienischen Regiments, zeigte eine große Anhänglichkeit an den berühmten Desaix, warf sich, als dieser am 14. Juni 1800 in der Schlacht bei Marengo siel, auf besten Leichnam unb würbe im gleichen Augenblick von einer zerplatzenden Bombe getötet. Im allgemeinen ist die demonstrative Abneigung der Hunde gegen musikalische Darbietungen bekannt genug. Ein Kopenhagener Bürger besuchte einmal einen Goldschmied und sand auf dessen Tische eine Violine liegen, auf der er zu spielen begann. Ein kleiner Hund, der im Zimmer war, sprang sogleich auf einen Stuhl, der neben dem Spieler stand und kratzte ihn mit der Pfote am Arm, um ihn vom Musizieren, das vielleicht auch nicht besonders schön gewesen fein mag, abzubringen. Daraufhin legte auch der Spieler gehorsam Violine und Bogen wieder auf den Tisch. Das schien jedoch dem Hündchen noch nicht sicher genug. Er sprang vom Stuhl auf den Tisch, nahm den Bogen ins Maul und trug ihn unter das Bett, das in der Stube stand. Große Musikliebhaber sind Delphine und Seehunde. Diese liebten, wie schon die Alten wußten, Musik unb Gesang, unb neuere Beobachter bestätigen, baß der Seehund mit Teilnahme Glockentonen unb anberen lauten Klängen lauscht. Man hat Seehunbe gesehen, welche die Köpfe aus dem Wasser hoben und lauschten, wenn die Matrosen beim Auswinden des Ankers fangen. Läuten die Kirchenglocken am Ufer, schwimmen sie auf die Küste zu, die Augen starr nach der Richtung, aus der die Töne kommen, und sie lauschen entzückt und verwundert, solange der Klang anhält. Aus einer Sandbank, die sich in der Nähe der Kirche zu Hoy auf den Orkney-Inseln befindet, versammeln sich beim Klange der Glocken ganze Scharen dieser Tiere. Der Fürst Pückler-Muskau erzählt in seinen Briefen eines Verstorbenen, daß er an der irländischen Küste einen Seehund vorn Fenster aus beoo- achtet habe, der mit sichtbarem Vergnügen und einer tanzenden -o«’ roegung der Musik eines Pipers zugehört habe, dessen Bagpipe vom nahen Gasthofe herüberschallte. Pückler bemerkt dazu, daß die »ec- Hunde so leidenschaftliche Musikfreunde seien, daß sie bei Wasserparnen auf der Bay den Booten der Musikanten in Scharen von 20 bis 30 totua folgen unb sich auch vom Jäger auf biefe Weise überall hinlocken lastem „Es ist wirklich grausam," meint er, „ihren Kunstsinn so zu miy brauchen!!" Von musikalischen und musikliebenden Vögeln wollen wir gar nicht erst anfangen, selbst die stimmlich begabten unter ihnen haben oft, wie wir schon oben an der Taube gesehen haben, musikalischen Sinn. Ich selbst besah eine Dohle, welche mit größtem Vergnügen die musikalischen Leistungen eines Grammophons aufnahm. Sie machte dabei aber große Unterschiede und hatte ihre Lieblingsplatten, die sie mit Flügelschlagen und entzücktem Ruf zu begrüßen pflegte, sobald die ersten Takte eines geliebten Stückes an ihr Ohr schlugen. Sprechende Stahlbänder. Reue Erfindungen der Schallwiedergabe. Von Frank Warschauer. ) Wir haben uns derart an die Merkwürdigkeiten der Technik gewöhnt, daß uns komplizierte Vorgänge, die nur durch eine Kombination intensivster Gedankenarbeit zustande gekommen sind, nicht mehr erstaunen. Das Radiogerät gehört schon zu den Selbstverständlichkeiten unseres Lebens, und die Kinder, die damit aufwachsen, müssen überhaupt erst einmal lernen, sich darüber zu wundern ... Einer anderen Generation ging es ähnlich mit Telephon, mit Automobil und Flugzeug. Das Problem der Schallwiedergabe ist gerade in den letzten Jahren seiner definitiven Lösung entgegengeführt worden. Wenn noch vor zehn Jahren der Freund der Schallplatte etwas über die Achsel angesehen wurde und als ein Sonderling galt, so ist jetzt die Schallplatte fast ebenso weit verbreitet wie das Buch; es ist uns nachgerade selbstverständlich geworden, daß wir kleinere und größere Werke in unserem eigenen Zimmer fast naturgetreu reproduzieren können. Gewiß, fragt man sich manchmal, wie ist das möglich, gewiß, betrachten wir mit einer Art von Ehrfurcht die feinen Rillen, welche den Klang enthalten — aber im allgemeinen macht man sich keine Gedanken darüber. Es ist bekannt, welche gesteigerte Bedeutung diese Technik der Klangwiedergabe jetzt durch die fieberhafte Entwicklung des Tonfilms gewinnt, von der man ja auch in Deutschland genug spüren kann. Die dabei benutzten Verfahren gehen entweder den Weg einer Fixierung des Klanges auf Schallplatten oder durch Umsetzung in Lichtwerte auf den gleichen Film, der auch das optische Bild enthält. Nun aber ist auch eine andere Technik soweit entwickelt worden, daß sie für die praktische Anwendung Y im Tonfilm reif ist; und hierbei handelt es sich um eine technische Merkst Würdigkeit, die auch dem Abgestumpften höchst wunderbar erscheinen muß. In „Tausend und einer Nacht" wird das Märchen erzählt von der Tür zu den verborgenen Schätzen, die sich auf das Zauberwort „Sesam" öffnet. Wie so viel Märchen, so ist auch dies jetzt, und zwar gerade mit Hilfe der zu schildernden Erfindung Wirklichkeit geworden. Der Mann, der diese Technik bis zu dem jetzigen Grade der Vollkommenheit durchgebildet hat, machte sich vor kurzem den Spaß, ein ähnliches Gebilde wie jene Zaubertür zu konstruieren; da er sehr viel Humor hat, so richtete er den Mechanismus so ein, daß zwar nicht das Wort „Sesam", wohl aber das Wort „Paulchen" genügte, um eine verschlossene Tür zu öffnen. Man stelle sich dies vor: Man steht in einem Zimmer, man sieht und läßt sich demonstrieren, daß eine Tür mit allen mechanischen Mitteln fest geschlossen ist — der Erfinder spricht laut und mit lächelndem Munde das Wort „Paulchen" und daraus springt die merkwürdige Tür auf. Nun, das war nur die witzige Anwendung eines Prinzips, das in der Praxis eine große Bedeutung hat. Aehnlich konstruiert sind andere Apparate des Erfinders, zum Beispiel ein Wagen, der sich auf ein Kommando in Bewegung setzt und auf ein anderes Kommando hält, und sonstige Zaubereien, die auf rein technisch-naturwissenschaftlicher Basis zustande kom- * men. Es ist das gleiche Verfahren, wie es schon seit einiger Zeit an verschiedenen Stellen praktisch erprobt wird — so zum Beispiel der „akustische Spiegel" der Rundfunkversuchsstelle an der Hochschule für Musik. Hier vor diesem „akustischen Spiegel" erlebt mancher unangenehme Momente. Man spricht in ein Mikrophon hinein, aber man braucht dabei keine besondere Rücksicht zu nehmen, man kann näher oder weiter ent- scrnt sein; man unterhält sich in einem Raum, in dem ein Mikrophon steht, das wiederum mit dem sog. Stillschen Schreiber verbunden ist — und wenn man geendet hat, so kann man sich selbst nebst allen anderen, die an der Unterhaltung beteiligt waren, unmittelbar darauf genau so hören, wie man hineingesprochen hat. Es ist eine Art mechanisch funktionierendes Echo, das man hier vor sich hat; und der Spaß, den man in den Bergen' oder sonst in der Natur an einem Echo empfindet, wiederholt sich hier, freilich mit anderen Empfindungen gemischt. Wer zum erstedmal dahineinspricht, erlebt eine merkwürdige Sensa- tion: Er weiß, daß er sich selbst hört — aber dennoch glaubtt er es nicht. Kein Mensch weiß, wie seine eigene Stimme klingt. Diese erstaunliche Tatsache stellt sich hier heraus. Der Apparat ist von größter Bedeutung sür alle künstlerischen und technischen Experimente, die auf Rundfunk und Schallplatte Bezug haben. Gibt er doch zum erstenmal dem Künstler die Möglichkeit, sich selbst zu hören, wie er wirklich im Lautsprecher oder in der Sprechmaschine klanglich erscheint. Dieser Stillesche Schreiber ist nach jenem Verfahren konstruiert, das jetzt eine erhöhte praktische Bedeutung auch für den Tonfilm gewinnt. Betrachtet man den Apparat, so sieht man als seinen Hauptbestandteil zwei über Rollen laufende Stahldrähte, deren Bewegung durch einen I Elektromotor geregelt ist. Und wie so häufig bei technischen Meisterwerken, so ist auch hier nicht viel Merkwürdiges daran zu erblicken. Der \ Techniker aber sagt uns, daß es dieser dünne, rasch vorbeilaufende Draht sst, der die Klangaufzeichnungen enthält; daß er somit die gleiche Funktion erfüllt, wie sonst eine Schallplatte oder der für akustische Wiedergabe bestimmte Teil des Tonfilms — aber in einer Weise, die gegenüber den anderen Mitteln der Tonfixierung ganz beträchtliche Vorteile bietet. Vor allen Dingen ist wichtig, daß man die Aufnahme sogleich selber abhören kann, und zwar nicht nur einmal, wie dies bei Schallplattenaufnahmen auch möglich ist, sondern beliebig oft; das ferner der Länge der Aufnahme überhaupt keine Grenze gesetzt ist. Man kann stundenlang in den ( Apparat ytneinsprechen, wenn es einem Vergnügen macht. Diese Wirkung wird ermöglicht durch einen Umsetzungsvorgang, der in seinen Grundelementen überhaupt nichts durchaus Neues bietet, hier aber durch geistreichste Kombination zustande gekommen ist. In jedem Telephon befindet sich ein Elektromagnet, der je nach der Stärke des durchfließenden Stroms mehr oder weniger stark erregt wird, und seinerseits zur entsprechenden Anziehung einer Membran dient, die wiederum durch eine mechanische Bewegung Tonschwingungen hervorbringt. Dieser Vorgang ist es, der uns am Telephon hören läßt. Und bei dem hier entwickelten Verfahren wird nun die wechselnde Magnetisierung auf einem stets fortlaufenden Draht festgehalten, und zwar derart, daß sie in der gleichen Weise, wie sie aufgetragen ist, auch bestehen bleibt. Dem Mikrophon kommt der Schall entgegen; die Membran schwingt, und in dem Maß ihrer Bewegung entstehen Schwankungen elektrischer Ströme; diese werden dem geschilderten System zugeführt und genau in dem Maße ihrer Veränderung auf dem Draht festgehalten. Bei der Wiedergabe wird der Vorgang einfach umgekehrt; der Draht läuft zwischen zwei magnetisch empfindlichen Membranen durch, wodurch diese stärker oder schwächer angezogen werden, Schwingungen geben, welche durch einen Verstärker zum Lautsprecher geleitet werden, und hier somit den gleichen Klang reproduzieren, der vorher dem Apparat anvertraut worden ist. Es ist klar, daß ein solches System für den Tonfilm von sehr großer Bedeutung sein kann. Gibt es vor allen Dingen die Möglichkeit, eine Aufnahme unmittelbar, nachdem sie erfolgt ist, sogleich abzuhören, während dies sonst erst nach Entwicklung des Tonstreifens, also nach vielen Stunden, möglich ist. Ist also irgendein Fehler erfolgt, hat ein Schauspieler falsch gesprochen oder sich dem Mikrophon gegenüber unrichtig verhalten — so kann dies sofort korrigiert werden. Um nun diese Anwendung bei dem Tonfilm zu ermöglichen, war es notwendig, den Draht durch ein Stahlband zu ersetzen. Ein Hauptelement der Tonsilmwirkung ist ja die Gleichzeitigkeit von Bild und Klang. Wer einmal den komischen Eindruck gehabt hat, daß diese gestört wurde, der Personen auf der Leinewand reden und zappeln sah, während aus dem Lautsprecher ganz andere Töne klangen, die einige Minuten vorher richtig angebracht waren — der weiß, daß diese sog. Synchronisierung für den Tonfilm das eigentlich zentrale technische Problem bedeutet. Um diese nun mit Sicherheit erreichen zu können, muß das magnetisierte Stahlband derart perforiert sein, daß es genau im gleichen Tempo und in der gleichen Weiss wie der dazu gehörige Filmstreifen abläuft. Ein besonderer Vorzug besteht auch noch darin, daß die Magnetisierung ganz leicht ausgelöscht werden kann — wodurch das gleiche Stahlband sofort für eine neue Aufnahme verfügbar ist. Das Verfahren hat eine Reihe von wichtigen Vorzügen: außer den genannten noch die Unentflammbarkeit des Materials, die Billigkeit und die verhältnismäßig gute Qualität der Wiedergabe. Wenn es einmal gelingt, es derart durchzuarbeiten, daß es mit Sicherheit die Klangwerte auf beliebig lange Zeit festhält, so wird es alle anderen Tonfilmverfahren verdrängen. Die Wiedergabe unmittelbar nach der Aufnahme ist verblüffend gut — aber, ob sich diese Magnetisierung wirklich genau so sicher und genau so gut hält, wie auf der Schallplatte oder der auf dem Filmstreifen fixierte Schall, das ist noch nicht geklärt. In jedem Fall eröffnen sich hier Ausblicke auf neue Möglichkeiten der Technik; vielleicht wird unseren Enkeln unser heute übliches System der Schallwiedev, gäbe von Schallplatten als kuriose Unzulänglichkeit erscheinen. Der Stabtpfeifer. Von Wilhelm Heinrich Riehl. (Fortsetzung.) lieber den hinteren Teil des Wagens war ein Linnentuch gespannt darunter saßen die jungen Eheleute. Es war gar nicht unbehaglich, sich in der Ecke unter der Leinwand aufs Stroh zu kauern und der Musik des ringsum durch die Blätter niederrauschenden Regens zu lauschen, während selten ein Tröpfchen durch das Tuch hereindrang. Da pflogen die Leutchen nun das traulichste Gespräch, woben goldene Träume, wie es für eine Hochzeitsreise sich schickt, und wenn sie auch in Philipp Kellners Leiterwagen gemacht wird. Der arme Stadtpfeifer ließ die Erinnerung seliger Vergangenheit, die Hoffnung seliger Zukunft an seinem Ohre vorüberrauschen wie ein Kind; es war ja noch süßere Musik darin, als in dem draußen niederrauschenden Sommerregen, und nur selten führte ein Dämon seine Hand nach der Hosentasche, daß es ihn durchzuckte, wenn er auf einen Augenblick des einzigen Krontalers gedachte. Aber schon in der nächsten Minute war er wieder unermeßlich reich. Ja, der Stadtpfeifer war ein Kind, eines von den Kindern, von denen geschrieben steht, daß wir nicht ins Himmelreich kommen sollen, wenn wir nicht werden wie ihrer eines. So verging die Zeit der langen Fahrt, und keines wußte wie, dek Fuhrmann, weil er schlief, die Liebenden, weil sie träumten. Da schreckte das Gesicht Philipp Ketters, das grinsend zum Leinwanddach hereinschaute, auf einmal den Stadtpfeifer und seine Frau aus dem anmutigsten Gespräche. „Schauet rechts die Lichtung hinauf; da kommt eine ganze Rotte Franzosen!" Und als ob das gar nichts zu bedeuten habe, kroch er rasch wieder unter seine Wollendecke und ließ den Wagen schnurstracks den Franzosen entgegengehen. Der Stadtpfeifer lupfte die Leinwand und starrte hinaus nach der drohenden Gefahr. Allein ob auch in seinen Zügen bewegte Gedanken zuckten, sprach er doch kein Wort, gleich als wenn er samt dem Philipp verhext wäre. Christine sah den beiden eine Weile zu; dann machte sie sich hervor, riß dem Holzklotz, dem Philipp, Zügel und Peitsche aus der Hand und trieb den Gaul seitab in den Wald hinein. Und wie der Wagen auch drohend rechts und links schwankte auf dem ungleichen Boden, Christine brachte ihn durch ins Dickicht und hielt dann still. Die Soldaten mochten den Wagen noch nicht erblickt haben, oder es gelüftete sie nicht, das unansehnliche Fuhrwerk, bei dem Unwetter von den ohnedies trügerischen Pfaden abweichend, in den dicken Wald zu verfolgen. Die drei Leute von unserer Hochzeitsfahrt harrten lautlos einen ängstlichen Augenblick; jetzt waren die Franzosen vorbeigezogen. „Was ist dir angekommen, Heinrich," rief nun Christine, tief aufatmend, „daß du so starr und stumm in die Luft geschaut und hast den Tolpatsch, den Philipp, nicht zurückgehalten, der mitten unter das Soldatenvolk fahren wollte?" „Unser Gespräch von vorher klang noch fort in meinem Geiste. Sieh, Christine, wenn ich einmal ein Thema fest gepackt habe, dann muß es durch alle Formen des Kontrapunktes durchgearbeitet werden. Was kümmert mich ein Kriegsmarsch, wenn ich mitten in einem zärtlichen Menuett bin? Ich war bei dir, bei unserer künftigen Glückseligkeit hoch oben im Pfeiferstübchen auf dem Schloßturm von Weilburg — wie konnte ich zugleich hier bei den Franzosen sein?" „Da sieht man schon, wer künftig das Regiment in der Pfeiferstube führen wird", brummte der Fuhrmann vor sich hin und kroch in seine Decke zurück. Der Stadtpfeifer aber gestand nachgehends, er hätte es, da seine Frau so mutig die Zügel faßte, eine Weile gar nicht ungern gesehen, wenn die Franzosen ihnen nachgelaufen wären und sie ein bißchen geplündert hätten: denn wenn er gar keinen Krontaler mehr gehabt, dann wäre er doch außer Verlegenheit gewesen wegen des einzigen Krontalers,'mit dem er seine neue Haushaltung begründen wollte. Unsere Reisenden hatten durch große Umwege den Belagerungskreis von Dillenburg vermieden, so geschah es, daß sie erst am späten Nachmittage in Beilstein den ersten Halt machen konnten. Jetzt ein Dorf, war Beilstein zu selbiger Zeit noch ein Städtchen; dem gräflichen Schloß mit den stolzen Strebepfeilern an den hohen Mauern drohte freilich schon der Verfall, es war nur noch von einem Amtmanne bewohnt. Im Schloßgarten trieben die verschnittenen Hainbuchen und Linden bereits wilde Sprossen über die geraden Linien der alten Gartenkunst hinaus, da seit Jahren keine Schere mehr über sie gekommen. Das Städtchen liegt tief im Talgrund, und die Höhen ringsum find ödes Heideland, mit Basaltblöcken übersät, zwischen denen niederes Gebüsch verstreut ist — eine rechte Westerwälder Landschaft. Und heute hatte der Regenhimmel noch seinen grauen Ton darüber gebreitet, daß der öde Grund wie gemacht war für die Szene, die sich jetzt auf demselben entwickeln sollte. „Schau!" rief der Stadtpfeifer seinem Weibe zu, indem er an das Fenster des Wirtshauses trat, wo sie eben eingestellt. „Dort kommen unsere Leute den Berg herabmarschiertl" Und in der Tat sah man die Dillenburger Besatzung langsam in das Tal einrüden. Es waren etwa noch dreihundert Mann. Die Gemeinen hatten kein Gewehr, ihre Tornister hatte man ihnen gelassen; die Offiziere dagegen durften noch den Degen tragen; zwei bedeckte Wagen hatten die Sieger den Kapitulierenden gleichfalls mitzunehmen gestattet, und diese kargen kriegerischen Ehren waren alles, was die tapfere Mannschaft durch vierzehntägige heiße Gegenwehr sich erringen konnte. Das ungünstig gelegene Bergschloß war nicht länger mehr gegen die gut gestellten Kanonen des Jngenieurobersten Filey zu halten gewesen; gestern abend war es mit Kapitulation übergegangen. Neben der Linde, darunter einst Wilhelm der Verschwiegene, der große Dränier, über die Befreiung der Niederlande Rats gepflogen, war jetzt die Fahne mit den Lilien aufgepslanzt. Der Oberst von Dörings, ein mannhafter hannöverischer Kavalier, der die Verteidigung geleitet, durfte mit dem Reste der Besatzung zu dem verbündeten Heere ziehen. So erzählte der Wirt, den die Soldaten auch ans Fenster gelockt hatten. „Das ist des Kriegs Lauf und der Welt Laufl" sprach der Stadtpfeifer. „Die braven Kerle haben getan, was menschenmöglich war, und am Ende mußten sie doch die Schlüssel zu ihres Herrn Haus dem Feinde übergeben und ohne Gewehr abziehen! So geht es uns allen, auch wenn wir keine Soldaten sind." „Ganz gewiß!" fiel Christine ein. „Aber find jene Burschen brav, dann wird auch jeder sein Gewehr schon wiederfinden und nachher noch einmal so tapfer streiten. Wenn's hart an uns geht, Heinrich, und wir meinen, es wäre gar vorbei, dann find wir allemal erst recht stark. So ist mir's immer im Sinn gewesen. Als ich noch ein klein Ding war, da wollt' ich selten vor die Tür beim schönen Wetter. Wann aber ein großer Wind kam und Regen, Schnee oder Schloßen, dann lief ich draußen herum und hatte meine Freude, mich peitschen und zausen zu lassen. Je wütender es windete, je fester pflanzte ich mich in den Boden hinein. Und wenn mich bann der Vater schalt und zornig fragte, was ich bei dem Gestürm draußen zu suchen habe, konnte ich ihm nichts anderes antworten, als daß es doch gar so schön sei, mit Wind und Wetter zu streiten. Seht, die Soldaten da drüben gehen jetzt auch in Wind und Wetter; sie werden schon wieder ins Trockene kommen." „Man merkt's, Frau Stadtpfeiferin, daß Ihr erst vierundzwanzig Stunden verheiratet seid", sprach der Wirt lächelnd. „Wenn Ihr über Jahr und Tag wiederkommt, bann wollen wir roeiterreben von ber Lust an Sturm und Regen. Vielleicht zieht Ihr bann boch ein wenig Sonnenschein vor." 2. Kapitel. Das junge Paar hauste nun auf bem Schloßturme zu Weilburg. In sinkenber Nacht waren sie angekommen. Da hatte ber Stadtpfeifer, als er von weitem das Lahnwehr der Weilburger Brückenmühle rauschen hörte, nicht länger an sich halten können: er mußte sein Gewissen entlasten und der Frau bekennen, daß er nur noch einen Krontaler im Vermögen habe, daß dieser einzige aber auch bereits zur Deckung der Ueberzugskosten in Ausgabe geschrieben sei. Die Frau erschrak wohl anfangs; allein die letzten Stunden waren so traulich gewesen unter dem Linnenbach bes Wagens, bie Lahn rauschte ihnen so heimelig entgegen, Heinrich hielt ihre Hanb fest in ber [einigen: — bie Siebe überroinbet alles, sie Überwanb auch biesen einzigen Krontaler, unb heiter, versöhnt mit sich und seinem Geschick stieg das Paar zuletzt Arm in Arm die hohe Wendeltreppe zum Turme hinauf, indes Philipp Keiler die schwere Heiratskiste mit der Aussteuer Christinens keuchend hinterdrein trug. Als er dle Kiste oben abgesetzt, nahm er den einzigen Krontaler in Empfang unb ber Stabipfeifer war orbentlich froh, baß er bas Geldstück los war, welches ihm soviel Not gemacht. Frau Christine waltete als die klügste Hauswirtin. Sie verkaufte sofort einige überflüssige Stücke ihrer Aussteuer, um bar Geld zu bekommen, und das durchtriebene Bauernkind wußte dabei bie Sache recht heimlich abzumachen, daß nicht gleich ein Stadtklatsch daraus wurde. Der Mann hatte inzwischen auch unverdientes Glück mit den Kirmessen; es ward getanzt trotz den Franzosen und mit den Franzosen. Saure Tage waren es freilich für Heinrich; er mußte oft mehrere Stunden Wegs weit zum Tanzplatz laufen, Nacht um Nacht blasen, bis in den grauenden Morgen; aber dann brachte er doch Geld nach Hause, daß er sich aus die Qual dieser Nächte freute, wie die Schulkinder auf einen Feiertag. So ging es für den Anfang ganz leidlich. Allein Frau Christine wollte auch einen Notpfennig gewinnen auf den Winter, und Dauer dem guten Glück. Die Einrichtung ber Pfeiferstube, wie sie der Stadtpfeifer von den Eltern ererbt, war gediegen und gut, ja reichlich für kleine Bürgersleute. Wo nun etwas von den schönen Tischen, Stühlen und Schränken gut anzubringen war, da verkaufte es die Frau — die Kriegsnöte entschuldigten das jetzt, freilich drückten sie auch die Preise — und schaffte recht billigen Bauernhausrat dafür an. So kam es bann batb, bah bie Finanzen bes Stabtpfeifers sich besserten, aber in ber sonst so nieblichen Pfeiferstube sah es um so schlechter aus. Die breibeinigen Stühle aus Eichenholz waren so grob gehobelt wie die Westerwälder Bauern, denen Christine sie abgekauft. Der Tisch stand aus Sympathie gleichfalls nur auf drei Füßen, der vierte war durch einen untergeschobenen Ziegelstein ergänzt, an die Haushaltung von Philemon und Baueis erinnernd. Die Schränke aber vollends waren so alt und wurmstichig, daß der Stabt- Pfeifer zu behaupten pflegte, sie rührten noch aus der Mobiliarversteige- rung von Adam und Evas Nachlaß her. Aber bie Eheleute waren glücklich, wenn sie am Abend einander gegenüber auf den breibeinigen Stühlen an bem breibeinigen Tische saßen; — unb was braucht es mehr! Das ging so bis in ben September. Da kam ber kühle Herbstwind unb strich auch bem Stabipfeifer gar kühl über bie Stirne, benn sein Glück schien plötzlich nur ein Zugvogel zu sein, ber sich zum Wegziehen anschicke mit ben Störchen unb Schwalben. Die Kirmessen hörten auf, bie Solbatenlaft ward brüctenber, niemanb traute bem ßanbfrieben mehr, auch bie Reichsten künbigten ihre Musikstunben, bie bem Pfeifer bis dahin aufgeholfen, nirgends konnte seine Frau einen Nebenverdienst finden, und die Stadtpfeiferei warf nur zwanzig Gulden jährlich ab nebst bem freien Quartier, hundertundzwanzig Fuß über bem Straßenpslaster. Da mußte Christine bald ben Notpfennig anbrechen, unb er warb immer kleiner unb kleiner. In ben ersten Monaten hatte sie, bem Herkommen des väterlichen Hauses getreu, an jedem Sonntag einen Kuchen gebacken. Denn in Ebersbach, wo man freilich auf Mehl und Milch und Butter nicht zu sehen brauchte, würde eine Sonntagsfeier ohne Kuchen angesehen worben sein, wie wenn man neben die Kirche gegangen wäre ober bie Werktagskleiber anbehalten hätte statt festtäglichen Putzes. Der Kuchen gehörte so nötig zu einem gerechten Sonntag wie Glockengeläute, Orgelspiel und Chorgesang. Anfangs machte nun bas Bauernkinb in ber Pfeiferstube nach gewohnter Weise einen Sonntagskuchen, mächtig groß, in seiner Runbung fast vergleichbar ber großen, rot aufglühenben Monbscheibe, wenn sie abenbs am Bergsaum aus leichtem Nebel hervortritt. Dann spürte Christine allmählich ben Unterschieb zwischen Dorf unb Stabt, und ber Sonntagskuchen ward beträchtlich kleiner, etwa wie derselbe rote Mond, wenn er nachgehends als goldene Kugel im bunftfreien Mitternachtshimmel schwimmt. Anfang September würbe ber Kuchen so klein, wie wenn man bes Monbes schmales erstes Viertel zu einem Kreise zu- sammengelegt hätte, unb als bie Aeguinoktialstürme ben Turm um brausten, ba ftanb es mit bem Sonntagskuchen wie mit bem Neumond: er war nun ganz unsichtbar geworben. In bieser Zeit geschah es, baß ber Stabipfeifer eines Abends vor dem Notenpult faß und strich bie Saiten feiner Geige übenb auf unb ab, immer bie gleiche Figur bergeftatt, baß es ber armen Christine, bie bas Spinnrab brehte, fast schwinbelig mürbe. Das Stübchen lag gar lustig, bie vier Fenster nach ben vier Winben, und der heulende Sturmwind verband sich mit dem Geigen und dem Spinnrad zu einem verzweifelt melancholischen Konzert. Die Scheiben klirrten, ein Schwarm Raben flatterte krächzend um den hohen Turm, das Lahnwehr tief unten erbrauste wi b. Der Geiger spielte, als gälte es wettzukämpfen mit all diesem Getose, aber alle Wut des Eifers ließ es ihm nicht glücken, einen einzigen Lauf rein und flink herauszubringen. Und so war's alle Tage. Eine Ausdauer hatte Heinrich Kullmann sondergleichen unb auch ein gutes Verstänbnis ber Sache; aber so sehr er bas Beste zu beurteilen, so rein er es zu genießen wußte, vermochte er es boch niemals selber hervorzubringen. Enblich warf er bie Geige weg. „Ich bin zu nichts gut," rief er unmutig, „als ben Morgen unb Abend mit einem Choral anzublajen. Lin kunstreicher Spielmann werde ich im Leben nicht. O Weib, das tut weh zu fühlen, wie man alles geigen soll, daß die Leute ausrufen mußten. Seht, der Weilburger Stabipfeifer ist ein anberer Corelli! Das tut weg, jebe Passage gar wunberschön im Kopf zu haben unb zu wissen, bis |i« in bie Finger kommt, wirb alles holperig unb matt sein!" Da hielt Christine bas Spinnrab ein unb sprach: „Laß ab von diesen Sachen, Heinrich. Treibe bein Hanbwerk ehrlich, baß bu uns Brot MMo unb lasse bir baran genügen. Dein eitles Begehren bricht bir ben -t»« ■ Die Steine, die man nicht heben kann, muß man liegen lassen. Der Krieg quält uns, die Hantierung stockt, und allen Leuten geht das Gelb ciu->. Da braucht es Kraft und Gottvertrauen: geig’ dir das nicht aus o Seele! Zu was ist Hoffart nütze, wo man das letzte Stückchen Brot > Haufe gegessen hat?" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steinbruckerei, A. Lange, Giehen.