SiehenerZamilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang $929§reitag, den 5. Juli Nummer 5j Motto. Von Annette v. D r o st e - H ii l s h o f f. Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren, So sest, daß ohne Zittern sie den Stein Mag schleudern auf ein arm verkümmert Sein? Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen. Zu wägen jedes Wort, das unvergessen In junge Brust die zähen Wurzeln trieb. Des Vorurteils geheimen Seelendieb? Du Glücklicher, geboren und gehegt Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt. Leg hin die Waagschal', — nimmer dir erlaubtI Laß ruhn den Stein — er trifft dein eignes Haupt! — Die Iudenbuche. Ein Silkengemälde aus dem gebirgiglen Westfalen. Von Annette v. D r o st e - H ü l s h o f f. Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines fog. Halbmeiers oder Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe das, fo schlecht gebaut und rauchig es sein mag, doch das Auge jedes Reifenden fesselt durch die überaus malerische Schönheit seiner Lage in der grünen Waldschluckt eines bedeutenden und geschichtlich merkwürdigen Gebirges. Das Ländchen, dem es angehörte, war damals einer jener abgeschlossenen Erdwinkel ohne Fabriken und Handel, ohne Heerstraßen, wo noch ein fremdes Gesicht Aufsehen erregte, und eine Reise von dreißig Meilen selbst den Vornehmeren zum Ulysses seiner Gegend machte — kurz, ein Fleck, wie es deren sonst so viele in Deutschland gab, mit all den Mängeln und Tugenden, all der Originalität und Beschränktheit, wie sie nur in solchen Zuständen gedeihen. „ Unter höchst einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermaßen in Verwirrung geraten, oder vielmehr es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Ver,ahrung. Die Gutsbesitzer, denen die niedere Gerichtsbarkeit zustand, straften und belohnten nach ihrer, in den meisten Fällen redlichen Einsicht; der Untergebene tat, was ihm ausführbar und mit einem etwas weiten Gewissen vertraglich schien, und nur dem Verlierenden fiel es zuweilen ein, in alten staubigen urkunden nachzuschlagen. — Es ist schwer, jene Zeit unparteiisch ins Äuge zu fassen; sie ist seit ihrem Verschwinden entweder hochmütig getadelt oder albern gelobt worden, da den, der sw erlebte, zu viel teure Erinnerungen blenden und der Spätergeborene sie nicht begreift. Soviel darf man indessen behaupten, daß die Form schwächer, der Kern fester, Vergehen häufiger, Gewissenlosigkeit seltener waren. Denn wer nach seiner Ueberzeugung handelt, und sei sie noch so mangelhaft, kann nie ganz zugrunde gehen, wogegen nichts seelentötender wirkt, als gegen das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch nehmen. Ein Menschenschlag, unruhiger und unternehmender als alle seine Nachbarn, ließ in dem kleinen Staate, von dem wir reden, manches weit greller hervortreten als anderswo unter gleichen Umständen. Holz- und Jagdfrevel waren an der Tagesordnung, und bei den häufig vorfallenden Schlägereien hatte sich jeder selbst seines zerschlagenen Kopfes zu troften. Da jedoch große und ergiebige Waldungen den Hauptreichtum des Landes ausmachten, ward allerdings scharf über die Forsten gewacht, aber weniger auf gesetzlichem Wege, als in stets erneuten Versuchen, Gewalt und List mit gleichen Waffen zu überbieten. Das Dorf B. galt für die hochmütigste, schlaueste und kühnste Gemeinde des ganzen Fürstentums. Seine Lage inmitten tiefer und stolzer Waldeinsamkeit mochte schon früh den angeborenen Starrsinn der Gemüter nähren; die Nähe eines Flusses, der in die See mundete und bedeckte Fahrzeuge trug, groß genug, um Schiffbauholz bequem und sicher außer Land zu führen, trug sehr dazu bei, die natürliche Kühnheit der Holzfrevler zu ermutigen, und der Umstand, daß alles umher von Forstern wimmelte, konnte hier nur aufregend wirken, da bet den häufig vorkommenden Scharmützeln der Vorteil meist auf feiten der Bauern blieb. Dreißig, vierzig Wagen zogen zugleich aus in den schonen 9Ronbnad)ten mit ungefähr doppelt soviel Mannschaft jedes Alters, vom halbwüchsigen Knaben bis zum siebzigjährigen Ortsvorsteher, der als erfahrener Leitbock den Zug mit gleich stolzem Bewußtsein anführte, als er seinen Sitz in der Gerichtsstube einnahm. Die Zurückgebliebenen horchten sorglos dein allmählichen Verhallen des Knarrens und Stoßens der Rader in den Hohl- wegen und schliefen sacht weiter. Ein gelegentlicher Schuß, em schwacher Schrei ließen wohl einmal eine junge Frau oder Braut (^01)1^,161 Qnberer achtete darauf. Beim ersten Morgengrau kehrte der Zug ebenso schweigend heim, die Gesichter glühend wie Erz, hier und dort einer mit verbundenem Kopf, was weiter nicht in Betracht kam, und nach ein paar Stunden war die Umgegend voll von dem Mißgeschick eines oder mehrerer Forstbeamten, die aus dem Walde getragen wurden, zerschlagen, mit Schnupftabak geblendet und für einige Zeit unfähig, ihrem Berufe nachzukommen. In diesen Umgebungen ward Friedrich Mergel geboren, in einem Hause, das durch die stolze Zugabe eines Rauchfanges und minder kleiner Glasscheiben die Ansprüche seines Erbauers, sowie durch seine gegenwärtige Verkommenheit die kümmerlichen Umstände des jetzigen Besitzers bezeugte. Das frühere Geländer um Hof und Garten war einem vernachlässigten Zaune gewichen, das Dach schadhaft, fremdes Vieh weidete auf den Triften, fremdes Korn wuchs auf dem Acker zunächst am Hofe, und der Garten enthielt, außer ein paar holzigten Rosenstöcken aus besserer Zeit, mehr Unkraut als Kraut. Freilich hatten Unglücksfälle manches hiervon herbeigeführt; doch war auch viel Unordnung und böse Wirtschaft im Spiel. Friedrichs Vater, der alte Hermann Mergel, war in seinem Junggesellenstande ein sog. ordentlicher Säufer, d. h. einer, der nur an Sonn- und Festtagen in der Rinne tag und die Woche hindurch so manierlich war wie ein anderer. So war denn auch seine Bewerbung um ein recht hübsches und wohlhabendes Mädchen ihm nicht erschwert. Auf der Hochzeit ging es luftig zu. Mergel war gr.r nicht so arg betrunken, und die Eltern der Braut gingen abends vergnügt heim; aber am nächsten Sonntage sah man die junge Frau schreiend und blutrünstig durchs Dorf zu den Ihrigen rennen, alle ihre guten Kleider und neues Hausgerät im Stich lassend. Das war freilich ein großer Skandal und Aerger für Mergel, der allerdings Trostes bedurfte. So war denn auch am Nachmittage keine Scheibe an seinem Hause mehr ganz, und man sah ihn noch bis spät in die Nacht vor der Türschwelle liegen, einen abgebrochenen Flaschenhals von Zeit zu Zeit zu Munde führend und sich Gesicht und Hände jämmerlich zerschneidend. Die junge Frau blieb bei ihren Eltern, wo sie bald verkümmerte und starb. Ob nun den Mergel Reue quälte ober Scham, genug, er schien der Trostmittel immer bedürftiger und fing bald an, den gänzlich verkommenen Subjekten zugezählt zu werden. Die Wirtschaft verfiel; fremde Mägde brachten Schimpf und Schaden; so verging Jahr auf Jahr. Mergel war und blieb ein verlegener und zuletzt ziemlich armseliger Witwer, bis er mit einem Male wieder als Bräutigam auftrat. War die Sache an und für sich unerwartet, so trug die Persönlichkeit der Braut noch dazu bei, die Verwunderung zu erhöhen. Margret Semmler war eine brave, anständige Person, so in den Vierzigern, in ihrer Jugend eine Dorfschönheit und noch jetzt als sehr klug und wirtlich geachtet, dabei nicht unvermögend; und so mußte es jedem unbegreiflich fein, was sie zu diesem Schritte getrieben. Wir glauben den Grund eben in dieser ihrer selbstbewußten Vollkommenheit ZU finden. Am Abend vor der Hochzeit soll sie gesagt haben: „Eine Frau, die von ihrem Manne übel behandelt wird, ist dumm oder taugt nicht: wenn es mir schlecht geht, so sagt, es liege an mir." Der Erfolg zeigte leider, daß sie ihre Kräfte überschätzt hatte. Anfangs imponierte sie ihrem Manne; er kam nicht nach Haus oder kroch in die Scheune, wenn er sich übernommen hatte; aber das Joch war zu drückend, um lange getragen zu werden, und bald sah man ihn oft genug quer über die Gasse ins Haus taumeln, hörte brinnnen sein wüstes Lärmen und sah Margret eilends Tür und Fenster schließen. An einem solchen Tage — keinem Sonntage mehr — sah man sie abends aus dem Hause stürzen, ohne Haube und Halstuch, das Haar wild um den Kopf hängend, sich im Garten neben ein Krautbeet niederwerfen und die Erde mit den Händen aufwühlen, bann ängstlich um sich schauen, rasch ein Bünbel Kräuter brechen unb bamit langsam roieber bem Hause zugehen, aber nicht hinein, sonbern in bie Scheune. Es hieß, an bie,em Tage habe Mergel zuerst Hand an sie gelegt, obwohl das Bekenntnis nie über ihre Sippen kam. Das zweite Jahr dieser unglücklichen Ehe ward mit einem Sohne, man' kann nicht sagen erfreut, denn Margret soll sehr gemeint haben, als man ihr das Kind reichte. Dennoch, obwohl unter einem Herzen voll Gram getragen, war Friedrich ein gesundes hübsches Kind, das in der frischen Luft kräftig gedieh. Der Vater hatte ihn sehr lieb, kam nie nach Haufe, ohne ihm ein Stückchen Wecken oder dergleichen mitzubringen, und man meinte sogar, er sei seit der Geburt des Knaben ordentlicher geworden; wenigstens ward der Lärm im Hause geringer. Friedrich stand in seinem neunten Jahre. Cs war um das Fest der heiligen drei Könige, eine harte, stürmische Winternacht. Hermann war zu einer Hochzeit gegangen unb hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, da das Brauthaus dreiviertel Meilen entfernt lag. Obgleich er versprochen hatte, abends wiederzukommen, rechnete Frau Mergel doch um so weniger darauf, da sich nach Sonnenuntergang dichtes Schneegestöber eingestellt hatte. Gegen zehn Uhr schürte sie die Asche am Herde zusammen unb machte sich zum Schlafengehen bereit. Friebrich stand neben ihr, schon halb entkleidet, unb horchte auf bas Geheul bes Winbes unb bas Klappen ber Bobenfenster. „Mutter, kommt ber Vater heute nicht?" fragte er. „Ncin, Kind', Morgen." — „'Aber worum nicht, Mutter? er hat es doch versprochen." — „Ach Gott, wenn der alles hielte, was er verspricht! Mach, mach voran, daß du fertig wirst." Sie hatten sich kaum niedorgelegt, so erhob sich eine Windsbraut, als ob sie das Haus mitnehmen wollte. Die Bettstatt bebte und im Schornstein rasselte es wie ein Kobold. — „Mutter, es pocht draußen!" — „Still, Fritzchen, das ist das lockere Brett im Giebel, das der Wind jagt." — „Nein, Mutter, an der Tür!" — „Sie schließt nicht; die Klinke ist zerbrochen. Gott, schlaf doch! bring mich nicht um das armselige bißchen Nachtruhe." — „Aber wenn nun der Vater kommt?" — Die Mutter drehte sich heftig im Bett um. — „Den hält der Teufel fest genug!" — „Wo ist der Teufel, Mutter?" — „Wart, du Unrast! er steht vor der Tür und will dich holen, wenn du nicht ruhig bist." Friedrich ward still; er horchte noch ein Weilchen und schlief dann ein. Nach einigen Stunden erwachte er. Der Wind hatte sich gewendet und zischte jetzt wie eine Schlange durch die Fensterritze an seinem Ohr. Seine Schulter war erstarrt; er kroch tief unters Deckbett und lag aus Furcht ganz still. Nach einer Weile bemerkte er, daß die Mutter auch nicht schlief. Er hörte sie meinen und mitunter: „Gegrüßt seist du, Maria!" und „Bitte für uns arme Sünder!" Die Kügelchen des Rosenkranzes glitten an seinem Gesicht hin. Ein unwillkürlicher Seufzer entfuhr ihm. — „Friedrich, bist du wach?" — „Ja, Mutter." — „Kind, bete ein wenig — du kannst ja schon das halbe Vaterunser — daß Gott uns bewahre vor Wasser- und Feuersnot." Friedrich dachte an den Teufel, wie der wohl aussehen möge. Das mannigfache Geräusch und Getöse im Hause tont ihm wunderlich vor. Er meinte, es müsse etwas Lebendiges drinnen fein und draußen auch. — „Hör, Mutter, gewiß, da find Leute, die pochen." — „Ach nein, Kind; aber es ist kein altes Brett im Hause, das nicht klappert." — „Hör! hörst du nicht? es ruft! hör doch!" Die Mutter richtete sich auf; das Toben des Sturms ließ einen Augenblick nach. Man hörte deutlich an den ■ Fensterläden pochen und mehrere Stimmen: „Margret! Frau Margret, heda, aufgemacht!" Margret stieß einen heftigen Laut aus: „Da bringen sie mir das Schwein wieder!" Der Rosenkranz flog klappernd auf den Brettstuhl, die Kleider wurden herbeigerissen. Sie fuhr zum Herde und bald darauf hörte Friedrich sie mit trotzigen Schritten über die Tenne gehen. Margret kam gar nicht wieder; aber in der Küche war viel Gemurmel und fremde Stimmen. Zweimal kam ein fremder Mann in die Kammer und schien ängstlich etwas zu suchen. Mit einem Male ward eine Lampe hereingebracht, zwei Männer führten die Mutter. Sie war weiß wie Kreide und hatte die Augen geschlossen. Friedrich meinte, sie sei tot; er erhob ein fürchterliches Geschrei, worauf ihm jemand eine Ohrfeige gab, was ihn zur Ruhe brachte, und nun begriff er nach und nach aus den Reden der Umstehenden, daß der Vater vom Ohm Franz Semmler und dem Hülsmeyer tot im Holze gefunden fei und jetzt in der Küche liege. Sobald Margret wieder zur Besinnung kam, suchte sie die fremden Leute loszuwerden. Der Bruder blieb bei ihr und Friedrich, dem bei strenger Strafe im Bett zu bleiben geboten war, hörte die ganze Nacht hindurch das Feuer knistern und ein Geräusch wie von Hin- und Her- rutschen und Bürsten. Gesprochen ward wenig und leise, aber zuweilen drangen Seufzer herüber, die dem Knaben, so jung er war, durch Mark und Bein gingen. Einmal verstand er, daß der Oheim sagte: „Margret, zieh dir das nicht zu Gemüt; wir wollen jeder drei Messen lesen lassen, und um Ostern gehen wir zusammen eine Bittsahrt zur Mutter Gottes von Werl." Als nach zwei Tagen die Leiche fortgetragen wurde, sah Margret am Herde, das Gesicht mit der Schürze verhüllend. Nach einigen Minuten, als alles still geworden war, sagte sie in sich hinein: „Zehn Jahre, zehn Kreuze. Wir haben sie doch zusammen getragen, und jetzt bin ich allein!" Dann lauter: „Fritzchen, komm her!" — Friedrich kam scheu heran; die Mutter war ihm ganz unheimlich geworden mit den schwarzen Bändern und den verstörten Zügen. „Fritzchen," sagte sie, „willst du jetzt auch fromm [ein, daß ich Freude an dir habe, oder willst du unartig sein und lügen, oder saufen und stehlen?" — „Mutter, Hülsmeyer stiehlt." — „Hülsmeyer? Gott bewahre! Soll ich dir auf den Rücken kommen? Wer fagt dir so schlechtes Zeug?" — „Er hat neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen genommen." — „Hat er dem Aaron Geld genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeyer ist ein ordentlicher Mann, und die Juden sind alle Schelme." — „Aber, Mutter, Brandis sogt auch, daß er Holz und Rehe stiehlt." — „Kind, Brandis ist ein Förster." — „Mutter, tügen die Förster?" Margret schwieg eine Weile, dann sagte sie: „Höre, Fritz, das Holz läßt unser Herrgott frei wachsen und das Wild wechselt aus eines Herren Lande in das andere; die können niemand angehören. Doch das verstehst du noch nicht; jetzt geh in den Schuppen und hole mir Reisig." Friedrich hatte seinen Vater auf den Stroh gesehen, wo er, wie man sagt, blau und fürchterlich ausgesehen haben soll. Aber davon erzählte er nie und schien ungern daran zu denken. Ueberhaupt hatte die Erinnerung an seinen Vater eine mit Grausen gemischte Zärtlichkeit in ihm zurück- gelassen, wie denn nichts so fesselt, wie die Liebe und Sorgfalt eines Wesens, das gegen alles übrige verhärtet scheint, und bei Friedrich wuchs dieses Gefühl mit den Jahren, durch das Gefühl mancher Zurücksetzung von [eiten anderer. Es war ihm äußerst empsindlich, wenn, solange er Kind war, jemand des Verstorbenen nicht allzu löblich gedachte; ein Kummer, den ihm das Zartgefühl der Nachbarn nicht ersparte. Es ist gewöhnlich in jenen Gegenden, den Verunglückten die Ruhe im Grabe abzusprechen. Der alte Mergel war bas Gespenst des Brederholzes geworden; einen Betrunkenen führte er als Irrlicht bei einem Haar in den Zellerkolk (Teich); die Hirtenknaben, wenn sie nachts bei ihren Feuern kauerten und die Eulen in den Gründen schrien, hörten zuweilen in abgebrochenen Tönen ganz deutlich dazwischen sein „Hör mal an, sein’s Liseken", und ein unprivilegierter Holzhauer, der unter der breiten Eiche eingeschlafen und dem es darüber Nacht geworden war, hatte beim Erwachen sein geschwollenes blaues Gesicht durch die Zweige lauschen sehen. Friedrich mußte von andern Knaben vieles darüber hören; bann heulte er, schlug um sich, stach auch einmal mit einem Messerchen und wurde bei dieser Gelegenheit jämmerlich geprügelt. Seitdem trieb er seiner Mutter Kühe allein an das andere Ende des Tales, wo man ihn ost stundenlang in derselben Stellung im Grase liegen und den Thymian ans dem Boden rupfen sah. Er war zwölf Jahre alt, als feine Mutter einen Besuch von ihrem jüngeren Bruder erhielt, der in Brede wohnte und feit der törichten Heirat seiner Schwester ihre Schwelle nicht betreten hatte. Simon Semmler war ein kleiner, unruhiger, magerer Mann mit vor dem Kopf liegenden Fischaugen und überhaupt einem Gesicht wie ein Hecht, ein unheimlicher Geselle, bei dem dicktuende Verschlossenheit oft mit ebenso gesuchter Treuherzigkeit wechselte, der gern einen aufgeklärten Kopf vorgestellt hätte und statt dessen für einen fatalen Händel suchenden Kerl galt, dem jeder um jo lieber aus dem Wege ging, je mehr er in das Alter trat, wo ohnehin beschränkte Menschen leicht an Ansprüchen gewinnen, was sie an Brauchbarkeit verlieren. Dennoch freute sich die arme Margret, die sonst keinen der Ihrigen mehr am Leben hatte. „Simon, bist du da?" sagte sie und zitterte, daß sie sich am Stuhle halten mußte. „Willst du sehen, wie es mir geht und meinem schmutzigen Jungen?" — Simon betrachtete sie ernst und reichte ihr die Hand: „Du bist alt geworden, Margret!" — Margret seufzte: „Es ist mir derweil oft bitterlich gegangen mit allerlei Schicksalen." — „Ja, Mädchen, zu spät gefreit, hat immer gereut! Jetzt bist du alt und das Kind ist klein. Jedes Ding hat feine Zeit. Aber wenn ein altes Haus brennt, dann hilft (ein Löschen." lieber Margrets vergrämtes Gesicht flog eine Flamme, so rot wie Blut. „Ader ich höre, dein Junge ist schlau und gewichst", fuhr Simon fort. — „Ei nun, so ziemlich, und dabei fromm." — „Hum, ’s hat mal einer eine Kuh gestohlen, der hieß auch Fromm. Aber er ist still mit den andern Buben?" — „Er ist ein eigenes Kind," sagte Margret wie für sich; „cs ist nicht gut." Simon lachte hell auf: „Dein Junge ist scheu, weil ihn die andern ein paarmal gut durchgedroschen haben. Das wird ihnen der Bursche schon wieder bezahlen. Hülsmeyer war neulich bei mir, der sagte, es ist ein Junge wie ’n Reh." (Fortsetzung folgt.) Die Kugeln von Tsingtau. Von Robert Neumann. Diese Geschichte hat mir ein hoher Offizier erzählt, ein Mann, dessen Namen mit dem neuen Aufblühen der geheimen Wissenschaften in Deutschland eng verbunden ist und oft genannt wird. Ich fragte ihn, der an siebzig Jahre alt und ein sehr ernster und offener wahrheitsliebender Mensch ist, welches Erlebnis als erstes ihn von dem Wirken hintergründiger Kräfte mitten unter uns überzeugt hätte. Er sagte: Ich war damals ein nicht mehr ganz junger Mensch, Korvettenkapitän in der österreichischen Kriegsmarine und als solcher auf einem der Schiffe in Dienst, die Oesterreich gleich den anderen großen Mächten nach dem fernen Osten entsandt hatte, um den chinesischen Boxerausstand niederzuwerfen oder wenigstens die Fremdenviertel der bedrohten Plätze zu schützen. Die vereinigte Flotte stand übrigens, wie ich hier anmerken will, unter dem Oberbefehl des französischen Admirals Bellot, dem ich bei einem Ballfest auf dem englischen Kreuzer „Stent" präsentiert wurde und besten besonderen Wohlwollens ich mich seit damals aus mir unbekannten Gründen erfreuen durste. Wir tarnen vor Tsingtau, dessen Europäerstadt arg bedrängt war, wir hatten schon von hoher See und dann vom Hasen aus die (Eingeborenenquartiere und ihr Hinterland mit schweren Granaten belegt, der Chinese hatte sich über Nacht zurückgezogen und war spurlos verschwunden, und wir bereiteten uns daraus vor, anderen Morgens abzudampfen und in den weiter nördlich gelegenen Küstenstädten Ordnung zu schassen. Nachts kommt der Chinese zurück, überrumpelt die Wachen, stürmt das englische Konsulat, tötet vierundzwanzig Personen, die dort einquartiert waren, raubt das Gebäude samt Stunftfammlung und Bibliothek glatt aus und zündet es an. Wir hören Lärm, sehen Flammen, und ehe uns der erste Hilferuf noch ereilt, haben mir schon zwölf Detachements Marineinfanterie gelandet, deutsche, englische, österreichische und italienische Mannschast, und sind nachts noch, mit Handgranaten, die eben damals aufkamen, zum Angriff übergegangen. Zwei Stunden später sind die Zöpfe zurückgeschlagen, gegen vierhundert Tote liegen in der Gosse der Straßen, und zweihundertvierzig Gefangene, streng gefesselt, bleiben uns in der Hand. Um acht Uhr morgens tritt der Admiralitätsrat zusammen, um achteinviertel Uhr hat man beschlossen, ein Exempel zu statuieren und die Gefangenen dicht an dem Drahtverhau zwischen Europäerstadt und Chinesenquartier, so daß man den Vorgang von dort unterscheiden konnte, zu füsilieren, und eine Viertelstunde vor neun Uhr knattern die Schüsse des ersten Pelotons durch die Morgenluft. Ick hatte damals schon mancherlei Hinrichtungen mit angesehen, auf drei Kriegsschauplätzen und auch bei der Strafabteilung der Armee, der ich eine Zeitlang als Beisitzer zugeteilt war. So war es mehr die zu vertreibende Langeweile als' Neugier, die mich trieb, zu dieser Füsilierung zu gehen. Ich finde einen freien Platz, in dem hinter Stacheldraht und spanischen Reitern aus einer (Entfernung von drei- oder vierhundert Meter her das Gedränge der Eingeborenenhütten hereinschaut, ich finde in der Hinterfront zweier Lagerhäuser, deren lange, fensterlose, weiß getünchte Mauern man als Kugelfang ausersehen hatte, die Exekution in vollem Gang — von den zweihundertvierzig Kandidaten der Kugel mochten damals gegen vierzig auf den Lehm gelegt worden fein — finde also diese weiße Mauer, vierzig Leichen davor, daneben etwa zweihundert Chinesen in einer langen Reihe, einzeln stehend, nun nur mehr die Füße gefesselt (von den Händen hatte man ihnen die Stricke gelöst), und ihnen gegenüber ein Exekutionskommando (es waren Italiener) mit einem sehr dicken, rotgesichtigen Offizier — er hieß Meier, der sonderbarerweise deutsche Name ist mir im Gedächtnis geblieben. Sage ich nun noch, daß es einer jener irrsinnig schwülen Vormittage war, wie man sie dort zu Lande im August nicht selten beobachtet (gegen Mittag pflegt bann ein Gewitter zu kommen), sage ich, daß die offenbar erst vor wenigen Monaten ausgehobenc Mannschaft des Pelotons, lauter hagere Knaben, denen die Äugen vor Entsetzen über den ihnen befohlenen blutigen Auf- irog fast aus dem Kops sprangen, ihre Erregung so sehr in körperliche Mattigkeit umzusetzen begann, daß dem und jenem der Schuß weitab an die Mauer spritzte statt dem Gegenüber ins Fleisch, und füge ich schließlich hinzu, daß auch den dicken Offizier, jenen Meier, Hitze und Verstörtheit allgemach so tief überwältigten, daß das schwere seiner sleischigen Wangen einem kranken Grau zu weichen begann — so wird man es nicht mehr als verwunderlich ansehen, daß er, und zufällig eben als ich auf dem Schauplatz erschien, die flache Hand hob und eine kleine Pause ein- treten ließ. Das gab mir Gelegenheit, die Männer, die da standen und auf ihre Kugel warteten, schärfer ins Auge zu fassen. Sie waren sehr verschiedener Art. Ich sah grauhaarige Männer und halbe Knaben, die kaum der Schule entwachsen sein konnten, ich sah Arbeiter in verschlissenen Kleidern und Männer in behäbiger Bürgertracht. Und was auffiel: sehr im Gegensatz zu ihren Richtern oder Nachrichtern trugen sie alle, alte wie junge, arme wie reiche, trotz ihrer halben Fesselung ein würdig freundliches, ein ruhiges, ja zum Teil fast ein freudiges Gehaben zur Schau, das nicht anders anmutete, als stünden sie da rein zufällig und in Erwartung eines Schauspiels, das sie im Grunde nicht berührte. Das ging soweit, daß zwischen zweien von ihnen, einem älteren und ein wenig beleibten Manne und einem zwar jüngeren, dem dafür die Kette der geringeren Würdenträger um den Hals hing — das zwischen diesen zweien, vor denen eben die erhobene Hand jenes Offiziers der Füsilierung für ein paar Atemzüge Einhalt geboten hatte, daß, sage ich, zwischen diesen beiden, die als nächste daran kommen mußten, so etwas wie ein höflicher Widerstreit sich erhoben hatte, mit Blicken, Lächeln, kleinen Gebärden, darin es ganz offenbar darum ging, wer dem andern, wie an der Tür eines Salons, den Vortritt lassen sollte in die jenseitige Welt. Doch ehe ich etwa dem kleinen Vorfall Hütte nachhängen können, hatte der dicke Offizier endlich wieder die Hand gehoben, zwölf Schüsse krachten und die beiden verbindlichen Herren drückten ihre lächelnden Gesichter in den gelbroten Lehm. Mir wurde davon ein wenig übel, und da ich das nicht merken lassen und nun erst recht nicht mich zurückziehen wollte, ging ich, meine Fassung wiederzugewinnen, mit einiger Hast die Reihe der zum Tode Bereiten entlang, schritt ohne mich umzuwenden und angespannt in Bemühung, auf das Knattern der Salven hinter mir nicht zu achten, diese ruhige Front zweihundert gleichmütig gleichgeformter Gesichter ab — und merkte erst auf, stand erst still, als ich des Flügelmanns, des letzten, des zweihundertsten der Zweihundert ansichtig wurde. Das war ein sehr magerer, sehr grobknochiger, und sehr hochgewachsener Mensch — er überragte mich um volle Haupteslänge und mochte zwanzig Jahre älter sein als ich. Und dieser Mensch, der dastand und des Todes gewärtig war — ein halber Blick rückwärts ließ mich erkennen, daß ihrer kaum fünfzig waren, die aufrecht standen — dieser Mensch also, dieser Kandidat, dieser halb schon Jenseitige stand da, hatte ein Buch «us der Tasche gezogen, stand da und las. Ich trat zu ihm — ich sehe noch seine Kleider vor mir: säst lächerlich abgetragene Kleider, und ihnen entströmte ein seltsam milder und doch schwerer Geruch — trat also zu ihm und nahm ihm das Buch aus der Hand. Es waren Buddhas Reden, in einer englischen Ausgabe. „Sie sprechen englisch?" fragte ich ihn. Er nickte bejahend, nahm das Buch an sich, juchte, höflichen Gehabens, doch ein wenig unruhig offenbar über die ihm gewordene Störung, die verblätterte Stelle, fand sie alsbald und las weiter. „Woher haben Sie das Buch?" fragte ich. „Aus der Bibliothek des Konsuls", sagte er ruhig und las weiter. „Sind Sie Buddhist?" fragte ich. „Nein," sagte er, „ich kenne dieses Buch nicht, ich habe dieses Buch nicht gekannt". Er las. Doch ich ließ nicht ab. Ich sagte: „Es find keine zwanzig Mann mehr neben Ihnen. Sie lesen — und haben keine vier Minuten zu leben!" — Da blickte er zum erstenmal auf. Er suchte die Worte — oh, er sprach ein lächerliches Englisch, immer L statt R, er sprach lächerlich — und eben, als nebenan eine neue Salve krachte und vier Mann hintüber fielen, wog er das Buch in der Hand und sagte langsam: „Das da ist schwerer. Das ist wichtiger." Ich weiß nicht, warum mich seine Antwort erbitterte — vielleicht war es auch nur die lähmende Schwüle der grellen Lust, die mir das Blut kochen ließ. Ich schrie: „Mensch! Sie sterben!" Roch einmal blickte er von dem Buche auf, blickte um sich, hob langsam einen langen, dürren Arm nach dem dicken Offizier, der schon zwanzig, schon fünfzehn Schritte nah die Exekution kommandierte und sagte: „Dieser hohe Herr wird vor mir sterben." Dann blickte er suchend um sich, und plötzlich wies sein dürrer Finger nach meiner Brust und er sagte: „Und auch dieser hohe Herr wird vor mir sterben." Er vertiefte sich in sein Buch und tat den Mund nicht mehr auf. Ich bin ein alter Mann. In meinem Mer lügt man nicht. Sie dürfen mir glauben. Als der Chinese das sagte, standen — mit ihm zusammen, ich habe sie gezählt — noch zwölf Mann. Als noch acht Mann standen, ließ der dicke Offizier, jener Meier, sich auf das rechte Knie nieder, dann auf das linke Knie, und dann legte er sich ganz leicht hin. MaN rief den Arzt. Es war ein Gehirnfchlag. Ein Unteroffizier übernahm das Kommando. Aber eben als die nächste Salve krachte und nur mehr vier Mann aufrecht standen — drei Mann und der mit dem Buch, der unentwegt weiterlas, der, als wäre das so feldstverständlich, nicht einmal aufgeblickt Mite, als der dicke Mann starb — da also kamen ein paar Offiziere auf 7!’. dchß, und ihnen voran Admiral Bellot, der sofort auf mich zutrat. weiß im Gesicht, lieber S.", sagte er. „Sind Sie krank?" Kann ich etwas für Sie tun?" Ich deutete auf den noch immer Lesenden und lngte mühsam: „Schenken Sie mir diesen Mann, Exzellenz." Er lachte U" sagte: „Selbstverständlich, mon ami! Wenn es nichts weiter ist!" dankte, löste dem Mann die Fuhfesiel, nahm ihm das Buch aus der r)md, schob es ihm in die Tasche, und eben, da die drei letzten fielen, l ihn an den Draht, schob über den Graben ein Brett und sagte: „Gehen Sie. Sie sind frei." Er nickte einen knappen und ernsten Gruß, Sanz ohne Verwunderung, und obgleich hüben und drüben ein unregelmäßiges Gewehrfeuer aufgelebt war und die Kugeln um ihn pfiffen, ging er ganz langsam über den freien Platz nach den chinesischen Häusern hin. Er mochte von deren schützenden Mauern noch gegen hundert Schritte entfernt fein, da war es, als besänne er sich. Er blieb stehen; er zog das Buch, zog die Reden Buddhas aus der Tasche, fand die Stelle, da ich ihn unterbrochen hatte und von Kugeln umschwirrt, das Gesicht auf das Buch geneigt, ging er langsam weiter, bis er dort drüben irgendwo in einer Gasse verschwand. Ich habe ihn nicht wieder gesehen. „Sie sagten, der Chinese sei zwanzig Jahre älter gewesen als Sie," sagte ich zu dem hohen Offizier, der mir das erzählte, „und er prophezeite Ihren Tod vor dem feinen. Sie zählen siebzig Jahre. Dann wäre der Chinese jetzt neunzig Jahre alt!" „Er ist jetzt neunzig Jahre", sagte der Offizier und blickte mir klar und unbeirrt in die Augen. Paris. Von Dr. Ernst Robert Curtius, 0. ö. Profeffor der französischen Sprache an der Universität Heidelberg. Das antike Rom und das moderne Paris sind die beiden einzigen Beispiele dafür, daß die politische Hauptstadt eines großen Staates der Mittelpunkt seines nationalen und geistigen Lebens geworden ist und daß sie darüber hinaus für die ganze bewohnte Welt die Bedeutung des kosmopolitischen Kulturzentrums erlangt hat. Weder London, noch Wien, noch Berlin können gleiches von sich sagen. Nur in Paris empfindet man, wie in Rom, „ein Universales von Humanität", von dem man umgeben ist: der Geschichtsschreiber der Stadt Rom, Ferdinand Gregorovius, hat in feinen Pariser Tagebuchaufzeichnungen diese Formel geprägt, die einen Wesenszug von Paris festhält. Paris bedeutet für Frankreich die repräsentative Zusammenfassung des nationalen Daseins: aber zugleich ist es ein geistiger caput orbis. In demselben Maße, wie die geistliche Vorherrschaft Roms über das Abendland durch die Kirchenspaltung und die Aufklärung eingeschränkt wurde, hat sich die Weltbedeutung von Paris verstärkt. Wenn es ein Irrtum ist, zu meinen, Paris kennen, heiße Frankreich kennen, so ist Paris doch des Landes Herz und Hirn, was von keiner anderen Hauptstadt, auch nicht von Rom, gilt. Hier strömen alle Adern des gesamten Organismus zusanimen. Hier empfindet der Fremde nicht nur die Majestät einer tausendjährigen Geschichte, wie in Rom, nicht nur die Energie zeitgenössischer Kraftentfaltung wie in Berlin. Was ihn fesselt, ist vielmehr das Ineinander von Vergangenheit und lebendigster Gegenwart. Hier trifft er noch die ehrwürdigen Spuren Roms, hier die glorreichen Zeugen jener mittelalterlichen Christenheit, welche die Dome unseres nordischen Europa errichtet und den Glaubensmut der Kreuzzüge entfacht hat. Hier schuf sich der Ruhm des königlichen und des kaiserlichen Frankreich die großen Denkmäler. Und alle diese Geschichtswelten sind doch nicht abgeschlossen in der modrigen Luft der Museen, sondern umspült von einem wogenden Leben, von jenem Geheimnis des Lebens selbst, in das keiner fo tief hineingefchaut hat wie Balzac, in dem alle Fieber des Genusses und des Ehrgeizes, alle Begierden und alle Verzichte ihre letzte Steigerung finden. Wer an einem leuchtenden Sommerabend der schönen Steigung der Champs-Elysees folgt, dem kann es erscheinen, als ob hinter dem monumentalen Tor des Triumpfbogens ein Meer der Lust sich öffnen muffe. Aber unter diesem Vogen brennt die ewige Flamme des Totengedächtnisses. Man erfaßt einen Ewigkeitsafpekt von Paris in diesem Nebeneinander von Leben und Tod. Paris ist reich an solchen Kontrasten, lieber den Vergnügungsstätten von Montmartre erhebt sich in geweihter Glorie die weiße Kuppel des Sacre-Coeur. Wenige hundert Schritte vom lärmenden Verkehr der Weltstadt winken alte Bäume, tönen Klosterglocken, laden stille Provinzgassen zu besinnlichem Nachdenken. Alle diese Kontraste sind aber wieder befaßt in einer Einheit von Atmosphäre und Stimmung, worin die Anmut heiterer Gärten, das naive Kleinleben der Straße, die geschwungene Folge der Seinebrücken, die grauen Fluten des mächtigen Stromes, die Geometrie der Häuferwürfel, die so verschiedene Eigenart der einzelnen Stadtviertel zusammenklingen. Paris ist nicht nur eine Stadt, es ist auch eine Landschaft aus Wasser, Bäumen, Rasen, und sie hat ihren eigenen Himmel, dessen zart abgetönte Farben mit den blassen grauen und gelblichen Tönen der Häuser zusammenstimmen. Weder Natur noch Geschichte schienen dem gallischen Lutetia, dem bescheidenen Hauptort des Stammes der Parisii, eine weltbedeutende Rolle zu prophezeien. Die beiden wichtigsten römischen Reichsstrahen, die Gallien durchquerten und es mit Rom einerseits, mit Britannien andererseits verbanden, berührten Lutetia nicht. Zwar bewahrt Paris noch heute zwei wichtige Denkmäler der Römerzeit: eine Arena und die sog. Thermen, deren Reste im Baukomplex des Cluny-Museums erhalten sind. Aber mit den Römerstädten des südlichen Frankreich hat es sich niemals an Glanz und Bedeutung messen können. Auch unter den Merowingern hat Paris keine große Rolle gespielt: noch weniger unter den Karolingern, die den Schwerpunkt des Reiches nach Osten verlagerten. Anders wurde das erst seit dem Ende des 10. Jahrhunderts, als die Capetinger den französischen Thron bestiegen. Sie residierten in Paris, und das ist der einzige Grund, der es zur Hauptstadt von Frankreich gemacht hat. Der Äufstieg dieser Dynastie bedeutet zugleich den von Paris. Ihr verdankt Paris feinen ersten Mauergürtel, von dem heute noch Reste vorhanden sind. Ihr verdankt es den Louvre, dessen ältester Bau 1204 begonnen wurde: ihr die Gründung seiner Universität (1200). Schon im 13. Jahrhundert war Paris zum geistigen Mittelpunkt Europas und zum Hauptschauplatz der französischen Geschichte geworden. Der hundertjährige Krieg brachte dann einen schweren Rückschlag. Pest und Hungersnot rafften Zehntausende dahin. Wälse machten die verödete Stadt unsicher. Der englische Thronsolger wird in Notre-Dame zum König von Frankreich geweiht. Das ist der Tiespunkt der Pariser totabt« geschschte wie des französischen Königtums. r Aber eine neue Blütezeit begann mit der Renaissance. Für die Bau- aeschichte von Paris bedeutet sie ein stärkeres persönliches Eingreifen der Monarchen und das Durchdringen eines neuen Kunstgeschmacks, der huf Symmetrie und Perspektive abzielt. . Die neue Renaissancebaukunst entfaltete sich zuerst rn den Komgs- schlössern an der Loire, wo die Valois zu residieren liebten. Erst nach der Niederlage von Pavia und der spanischen Gefangenschaft siedelte Franz I. nach Paris über. Der Konflikt mit den Habsburgern ließ ihm diese Verlegung seiner Residenz wünschenswert erscheinen: er brauchte die Stütze der Pariser Bevölkerung; er muhte sich mit dem Geld des hauptstädtischen Bürgertums finanzieren; und er durfte auch aus militärischen Gründen nicht zu weit von der offenen Nordgrenze residieren Die Ueber- siedlunq machte eine Erneuerung des Louvre notig. An Stelle des alten Festungsturms, der sich der Seine zukehrte, trat der neue Louvre, den Pierre Lescot 1546 begann. Für seine Mutter erwarb Franz I. das westlich anstoßende Gelände, wo bis dahin Ziegeleien (tmleries) betrieben wurden. Das Tuilerien-Schloß wurde 1871 ein Opfer des Aufstandes der Kommune, aber sein Park ist heute noch eine der beliebtesten Erholungsstätten der Pariser. . . Ludwig XIV., der in seiner Jugend den Aufruhr der Fronde in Paris miterlebt hatte, liebte Paris nicht. Er hat fast niemals dort residiert sondern sich in den starren Prunk von Versailles zurückgezogen. Damit beginnt die Lösung der Monarchie vom Volke. Dennoch hat die Regierung des Sonnenkönigs und seiner Nachfolger im Stadtbild von Paris großartige Spuren hinterlassen. Beim Ausbruch der Revolution war Paris eine Weltstadt von 600 000 Einwohnern. Die politische Umwälzung hat dann vieles vom alten Paris zerstört, ^b^r endgültig wurde diese Zerstörung erst unter dem zweiten Kaiserreich. Es hat das Stadtbild von Paris mehr verändert als die vorausgehenden fünfzehn Jahrhunderte. Ein neues Prinzip griff damals in die Entwicklung ein: das der systematischen, rationalen Umgestaltung — der „urbavismo , wie die Franzosen sagen. Die Anregung dazu gab Napoleon Ul. selbst; die Ausführung leitete bet ©einepräfeft 23nron Hausmann. 9Jlcm wollte Paris durch großzügige Modernisierung zur Hauptstadt der zivilisierten Welt machen. Mitbestimmend war das Vorbild von London, dem auch die Anlage neuer Parks und „Squares" entlehnt wurde. Die Erweiterungen und Neubauten trafen in eine Epoche des Stilverfalls. Der Stil „Second Empire ist ein überlasteter innerlich unwahrer Eklektizismus; ferne charakteristische Schöpfung die große Oper. Die Erweiterung und Modernisierung der Stadt war eine unabweisbare Forderung. Aber die Art, wie Haußmann sie durchgeführt hat, ist mit Recht getadelt worden. Seine gradlinigen Straßendurchbrüche sind unorganisch und haben unnötig viel zerstört. Das Prinzip, mehrere große Berkehrsstraßen auf einem Platz zusammentreffen zu lassen (wie auf dem Opernplatz und an der Ctoile) hat sich als unheilvoll erwiesen, weil es den Verkehr hemmt und gefährdet. Eine unbeabsichtigte und vielfach unbemerkte Nebenwirkung des Systems Haußmann liegt übrigens darin, daß der Besucher von Paris meist in dem leicht überschaubaren Netz der breiten modernen Durchbruchstraßen gefangen bleibt und auf diese Weise die Schönheiten und Merkwürdigkeiten des alten Paris, die oft nur wenige Schritte entfernt sind, gar nicht kennen lernt. Wie viele von den Tausenden, die sich Liebhaber von Paris nennen, kennen die Rue Brise-Miche, die sich seit dem 14. Jahrhundert kaum verändert zu haben scheint, ober Die mit kabbalistischen Zeichen geschmückte Kolossalsäule des ehemaligen Hotel de Soissons, die dem Hofastrologen der Katharina von Medici als Sternwarte diente? ..... Die Geschichte von Paris ist wie die Roms em Stuck Weltgeschichte. Paris kennen lernen, ist ein Studium, das Monate und Jahre beansprucht und das dem Geist eine unerschöpfliche Nahrung bietet. Man kann den Längsschnitt der historischen Entwicklung und den Querschnitt des heutigen Lebens durch die Pariser Welt legen — und man wird auf beiden Wegen eine so große Fülle verschiedener Bilder entdecken, daß sie die Totalität des menschlichen Daseins aüszufüllen scheint. Der Gesamteindruck von Paris ist nicht nur durch eine Epoche, einen Stil, eine Stimmung beherrscht, sondern setzt sich zusammen aus einer fast unerschöpflichen Menge charakteristisch ausgeprägter Sonderaspekte. Pans ist eine symphonische Dichtung der Menschheit. Das Lied der Arbeit. Von vr. A. Götze, o. ö. Professor der deutschen Sprache an der Universität Gießen. Es gibt einen seit Urzeiten wirksamen Quell, aus dem das Volkslied entsprang: die Arbeit. Den zahlreichen Freunden des Volkslieds unter unseren Lesern dürfte es willkommen {ein, in den nachstehenden Ausführungen eine Darstellung dieser interessanten Zusammenhänge zu finden. Wir entnehmen den Abschnitt dem soeben bei Quelle & Meyer (Leipzig) erschienenen Buche Prof. Götzes, „Das deutsche Volkslied". Die rhythmisch gestaltete Arbeit herrscht im Leben des Menschen auf primitiver Stufe schon darum vor, weil bei seinen mangelhaften Werkzeugen der Arbeitsgang in gleichmäßiger Wiederkehr einfachster Hand- S viel länger dauert. Was unser Schlosser oder Drechsler in drei iten an Schraubstock und Drehbank bewältigt, kostet dem Naturmenschen mit Steinhammer und Knochennadel vielleicht drei Tage. Je schlechter das Werkzeug, um so geschickter und kräftiger muß die Hand fein, damit das endlos ausgedehnte Werk dennoch zum Ziel gelange. Ganz regelmäßig erzählen Afrikareisende, daß bei ihren freiwilligen oder gezwungenen Besuchen in Negerdörfern die Weiber die ganze Nacht hindurch die Handmühle gedreht haben. Das heißt zunächst doch, daß in aller Regel die Arbeit an der Handmühle den Tag der verfügbaren weiblichen Arbeitskräfte völlig ausfüllt. Der neue Esser setzt den Wirt, der au: dieser Stufe nie über Vorräte verfügt, in Verlegenheit; die Nacht muß zu Hilfe genommen werden, damit die Arbeit mit gleichbleibenden Kräften und Verfahren bewältigt werde. So füllt eine höchst eintönige, langwierige und anstrengende Arbeit normalerweise den Tag der afrikanischen Frau vollkommen aus. Aber weiter wissen die Asrikareisenden ganz ebenso regelmäßig von den endlosen Mahlliedchen der Negerfrauen zu erzählen, die Urwald ober Steppe burchhallen. Der laute, gleichgemessene Schall ber Tagesarbeit bleibt burch ganz Afrika bas unvermeidliche Merkmal des gedeihlichen Negerdarfs. Notwendiger, als der Takt der Dresch- teget zum deutschen Bauerndorf in Winterszeit, gehört zum Negerborf bas gemessene Tud tud tud ber Keulen im Mörser. Im Suban tritt bas regelmäßige Klopfen ber Färber an bie Stelle, bei bett Beduinen bas Helle Läuten ber Kaffeemörser, bei ben Malayen ber Sübsee ber bumpfe Ton ber Reisstampfe. Nirgenbs aber wohnen Menfchen dieser Stufe bei- ammen ohne gleichtönende Arbeit, ohne Arbeitsrhythmus und Arbeitslied. So ist es schon feit Jahrtausenden gewesen; neben der entwicklungsgeschichtlichen Notwendigkeit haben wir hier einmal auch einen literari- chen Beweis. Wenn im Alten Testament Jeremias Kap. 48 Moad Verödung prophezeit, so drückt er das in Vers 33 so aus: „Man wird keinen Wein mehr keltern, der Weintreter wird nicht mehr sein Lied fingen." Oder Jeremias weissagt ben Juben ihre siebzigjährige Gefangenschaft und agt babei (25,10) von ihren Dörfern: „Ich will heraus nehmen allen röhlichen Gesang, bie Stimme ber Bräutigams unb ber Braut, bie Stimme ber Mühle und bas Licht ber Lampe." So ist das Arbeitslied uralt und gerade in den ältesten Zeiten untrennbar mit ber Arbeit verbunden. Auch die älteste germanische Dichtung kennt das Arbeitslied und setzt vor allem das Lied zur Handmühle in selbstverständlicher Geltung allgemein voraus. Snorres Edda erzählt in einem der ältesten Lieder des Nordens, das wir überhaupt besitzen, dem Grottasöngr, wie König Fred! von Jütland zwei Riesenjungfrauen gekauft habe. Er fragt nicht lange nach ihrem Geschlecht, sondern stellt sie an eine Mühle, die sonst keiner drehen kann. Da heißt es nun: Sie drehten rüstig die rollenden Steine Und fangen in Schlaf das Gesinde Frodis. Da nahm beim Mahlen Menja das Wort. Und nun folgt das ehrwürdige älteste Mahllied aus germanischer Urzeit: „Wir mahlen Gold; die Mühle des Glücks Mache Frodi reich an funkelnden Schätzen. In Reichtum sitz' er, ruhe auf Daunen, Erwache vergnügt! Dann ist wohl gemahlen." Arbeit des Mahlens und Gesang gehören notwendig unb selbstver- stänblich zusammen. Hier ist es ein aus bem Stegreif gebichtetes Mahllied voll tiefen Sinnes, beziehungsreich unb künstlich, bas ber germanische Dichter ben begabten Töchtern seines Volkes ohne weiteres zutraut und zu trauen barf. Anbers sieht die Stegreifdichtung aus, wenn Negerfrauen sie verüben. Livingstone hat auf feiner letzten Reife erlebt, daß korn- mahlende Baiusifrauen bei der Handmühle ihn selbst unb seine Leistungen befangen. Er belauschte sie babei; bie Stegreisbichtung löst sich mühsam aus ber Fülle unb bem Drang ber Naturlaute, bie sie umgibt unb zu ersticken broht. Immerhin ist bas Mahllieb in Afrika eine vielgeübte Gattung, unb auch biefe bescheidene Stegreifdichtung setzt lange Uebung in bem Nebeneinander von Gesang unb Arbeit doch immer schon voraus. Eine viel größere Rolle noch als bie Mahlliebchen spielt für Afrikareisenbe ihr ftänbiger Begleiter, bas Arbeitslied ber Träger. In Ostafrika marschieren sie nach bem Schall der Kesselpauke im Gänsemarsch, oft hängt sich aber der einzelne Träger noch eine kleine Glocke an ein Bein unb, wenn er etwa einen Elefantenzahn trägt, eine größere Glocke an bas Elfenbein. Damit ist bem Arbeitsrhythmus eine bescheidene Musik beigefügt, die Ursprung und Maß ganz von der Arbeit selbst hernimmt. Die Weise oder gar der bescheidene Text, der sich dazu einstellt, sind völlig Nebensache: die Weise wiederholt einförmig ein paar Töne bis zum Ueberdrnß, der Text braucht nur aus ein paar sinnlosen Worten und Ausrufen zu bestehen. Der Rhythmus ist durchaus bie Hauptsache: er belebt bie Arbeit, bas Wohlgefallen an ihm hält bie Lust zur Arbeit aufrecht. Dabei ist nun von ausschlaggebender Wichtigkeit, daß weder der Rhythmus noch das melodische Element im Arbeitsgesang von Haus aus der Sprache innewohnt. Er stammt in unserm Fall von außen, von der Körperbewegung und dem Klang des Werkzeugs. Darum hat jede Arbeit ihr besonderes Lied, bas bei keiner anbern Arbeit gesungen wirb und auch zu keiner anbern taugen würbe. Ja, wo biefelbe Arbeit von ver- schiebenen Leuten getrieben wirb, wo sie von verschieben großen ober verschieden kräftigen Menschen abweichende Handgrisfe verlangt, da hat jeder Arbeiter sein eigenes Lied und wacht eifersüchtig über diesem seinem Eigentum. Die Gesänge werden durchaus van der Arbeit hervorgerufen, in Rhythmus unb Zeitmaß finb sie mit ber Arbeit gegeben, bie Arbeit ist ber metrische Regulator, nicht bort bie Kesselpauke unb Trommel ober hier bie klatschenden Hände und stampfenden Füße. Das alles sind erst nachträgliche Stützen, die man dem inneren Rhythmus der Arbeit von außen her gibt. Vor allem andern war die rhythmische Körperbewegung da, wie sie die Arbeit verlangt; sie hat durchaus die führende Rolle. In der Arbeit unb ihrem Rhythmus haben wir ben außerhalb der Dichtung liegenben Ausgangspunkt bes Siebs gefunben, ben wir brauchen, um bie Frage nach bem Ursprung bes Liebs zu beantworten. Die Arbeit als notaenbige Zweckhanblung ist älter als ber Zierat bes Liedes, bas von ihr hervorgebracht wirb, sie erleichtert, ja vielleicht erst ertraglw) macht für ben Naturmenschen, aber doch nicht erst hervorruft. Man singi, um besser unb leichter zu arbeiten; man arbeitet nicht, um zu siE"/ Das Verhältnis von früher unb später steht hier außer jebem Zweiseu Zugleich haben mir aber damit einen weltlichen Ausgangspunktfur oa^ Lied gewonnen. Mit der Arbeit begleitet das Arbeitslied den MeiyaM durch alle Nöte und Freuden des weltlichen Lebens, durch Tag un Jahr, vom Morgen bis zum Abend. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.