SietzenerZainiliendlätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <929 Freitag, den 5. April Nummer 26 Die Muschei. Von Werner Bock. Du sammeltest Muscheln am Meeresstrand Und nahmst jede lächelnd in deine Hand Was nicht bestand vor deinem Blick, Gabst du leichthin der Flut zurück. So manches Herz spült an deinen Strand, Du nimmst es auf mit achtloser Hand. Vielleicht warfst du ein bebendes Glück Schon oft in die kalte Brandung zurück. Fräulein giesche. Von Erich Kästner. Am Bischofsplatz, auf dem Wege von der Schule nach Hause, sagte Klaus plötzlich zu Försters Fritz: „Mensch, lauf mal solo weiter! Ich muß dringend hinter wem her ... Und geh zu meiner Mutter rauf und erzähle ihr, ich käme heute später. Vergiß es aber nicht!" Weg war er! Fritz blieb noch eine Weile stehen und sah zu, wie Klaus über den Platz zurückrannte; wie er etwas zu suchen schien, rasch hinter einen Torbogen sprang, wartete, vorsichtig weiterstieg ... Wen mochte er nur verfolgen? Am liebsten wäre Fritz nun seinerseits hinter Klaus hergeschlichen. Aber er sollte ja zu der Mutter gehen, drehte sich also um und überließ den andern einem vermutlich äußerst spannenden Abenteuer. Klaus kam sich inzwischen vor wie Conan Doyle oder gar wie Stuart Webbs. Er nahm vorsorglich die Gymnasiastenmütze vom Kops und stopfte sie in die Büchermappe. Dann suchte er sich, einen dicke» Mann aus, hinter dem er bequem spazieren konnte, ohne von dem Fräulein, das er verfolgte, gesehen zu werden. Gelegentlich blickte er links oder rechts an seinem dicken Vordermann vorbei uitb vergewisserte sich, daß „sie" noch in Sicht war. Sie lief ihres Weges, als ob sie gar nichts verbrochen hätte. Na, sie konnte sich gratulieren! Wenn der Dicke bloß nicht so langsam gelaufen wäre ... Klaus kroch hinter ihm hervor und versuchte es mit anderen Passanten. Doch die Leute hatten keinen Schimmer von der Wichtigkeit ihres Amtes! Sie bogen unverm.ttelt in gänzlich unwichtige Seitenstraßen ein oder blieben an Schaufenstern stehen oder überholten sein ahnungsloses Opfer ... Er verzichtete endlich auf jedes Bersteckspielen, zog ein unbeteiligtes Gesicht und bot der Gefahr die kleine Stirn. Die Verfolgte ging die Hauptstraße entlang, über die Augustus- brücke, durch die Schloßstraße. Klaus hatte heute, ganz gegen feine Gewohnheit, kein Auge für die Schleppdampfer, hinter denen die Obstkähne aus Böhmen schwammen. Er würdigte die Buch- und Bilderläden keines Blickes, sondern starrte unausgesetzt auf den schmalen Rücken der schändlichen Person. Doch das war gefährlich! Er hatte gehört, daß Menschen, die lange beobachtet werden, sich plötzlich unruhig umwenden und merken, daß man sie verfolgt. Er bemühte sich, andere Leute zu betrachten. Er musterte die Häuser und sing sogar an, Fenster zu zählen. Aber immer schielte er nach dem Fräulein, das, keine zehn Schritte vor ihm, durch die Schloßstraße lief. Vielleicht würde sie sich seiner gar nicht mehr erinnern. Es war ja schon vierzehn Tage her ... Und sie hatte ihn damals kaum bemerkt ... Jetzt bog sie in das Schmiedegäßchen ein! Klaus war besorgt, daß sie ihm entwische, beeilte sich und rannte mit dem Kopf gegen eine Laterne, daß es klirrte. „So ein Blödsinn! sagte er und blieb stehen. Er klemmte die Mappe zwischen die Knie und begann, beide Hände fest gegen die Stirn zu pressen. Der Schmerz trieb ihm beinahe ein bißchen Wasser in die Augen ... gerade jetzl mußte ihm , das passieren! Wenn man Zeit hatte, rannte man niemals gegen eine Laterne! Aber er durfte „sie" nicht verlieren. Wo war sie? Schon um die nächste Ecke? Er ließ die Stirn in Frieden und setzte sich in Trab Während des Laufens spürte er, wie die Beule brannte und wuchs ... Heureka, da war die Madame! Sie schritt auf den Altmarkt zu, als wolle sie nach der Johannstraße, — und bann war sie verschwunden. * Wo war sie hin? Er lief an die Stelle, wo er sie eben noch gesehen hatte, und befand sich vor den Flügeltüren der Konfektionsfirma Schlesinger & Co.; kurz entschlossen drängte er sich am Portier vorbei, geriet in die Backfisch-Abteilung, irrte an vielen kleiderbehängten Garderoben- stangen entlang und blickte verlegen um sich ... Da war eine Treppe! ®r sprang die Stufen hinauf und sah, oben in der ersten Etage, gerade noch, wie das Fräulein hinter einer Spiegeltür verschwand. Ob sie ihn bemerkt hatte und sich verstecken wollte? War hinter der Spiegeltur ein geheimer Ausgang? Wahrscheinlich nicht. Er würde warten ... . „Willst du ein Abendkleid kaufen?" fragte ihn jemand. Es war eine innge Dame mit Grübchen. „Nein, heute nicht," sagte Klaus, „ich warte auf wen." „Aus wen denn, mein Herr?" „Auf die Straßenbahn, meine Dame", gab er unmutig zur Antwort. Die Verkäuferin lachte vergnügt. Das ärgerte ihn noch mehr als ihre Neugier, und er begann, [eine Beule zu drücken. „Die dummen Laternen," meinte sie mitleidig, — „tut's weh?" „Nein, es ist kolossal angenehm", knurrte er. Sie ging im Halbkreis um ihn herum und klopfte ihm mit der flachen Hand, eins hintendrauf. Er nahm Boxerstellung ein und ballte die Fäuste. Aber da öffnete sich auch schon die Spiegettür! Das Fräulein, das er bis hierher verfolgt hatte, trat heraus — ohne Hut und Mantel — und begab sich, als ob sie hier zu Hause wäre, mit einem Stullenpaket hinter einen entfernten Ladentisch. Klaus ging wieder in Grundstellung und fragte bescheiden: „Ist das eine Kollegin von Ihnen, mein Fräulein?" Das Fräulein mit den Grübchen nickte und sagte: ,Lst das die Straßenbahn?" „Würden Sie mir sagen, wie das Wesen heißt?" „Du siehst ja aus, als wolltest du sie verhaften lassen! Was hat den» die Friedel angestellt?" „Das ist eine lange Geschichte, Sie werden mir nicht helfen können .. „Soll ich dir mal den Geschäftsführer ranschleppen?" Er zuckte mit den Achseln. Sie lief die Treppe hinunter. — Klaus holte seine Gymnasiastenmütze aus der Tasche, weil er sich aus dieser Art Kopfbedeckung einigen Effekt versprach, und legte sich zurecht, was er dem Herrn sagen würde ... Dann kam das Fräulein mit den Grübchen mit einem vornehm aussehenden Herrn die Treppe hinauf und sagte: „Das i£t er." Sie nickte dem Knaben zu und blieb in Hörweite vor einem Schrank stehen, der unbedingt in Ordnung gebracht werden mußte ... „Vielen Dank, meine Dame", sagte Klaus, machte dann vor dem Herrn im Gehrock eine durchaus gelungene Verbeugung und stellte sich vor. „Ich heiße Klaus Meidner. Klaus ist der Rufname. Und meine Mutter hat ein Friseurgeschäft. Das heißt, sie hat kein Friseurgeschäst. Sie frisiert in unserem Wohnzimmer. Weil ich ein guter Schüler bin und das Gymnasium besuche. Wenn es meine Mutter schafft, soll ich spater einmal auf die Technische Hochschule gehen. So etwas kostet natürlich eine Menge Geld ..." „Ich bin der Geschäftsführer Huback," sagte der Herr im Gehrock, „und es freut mich außerordentlich, daß du ein guter Schüler bist. Ich wollte früher auch sehr gern studieren. Es war aber zu teuer." „Ihre Mutter hätte eben auch frisieren sollen", schlug Klaus vor. „Das ging nicht gut, denn sie starb schon, als ich sechs Jahre alt war." „Mein herzlichstes Beileid, sagte Klaus und hielt Herrn Huback die Hand hin. Herr Huback dankte für die wenn auch verspätete Kondolenz mit gebührendem Händedruck und fragte dann: „Und was hat die Tatsache, daß du später einmal auf die Universität sollst, mit unserer Verkäuferin Ziesche zu tun?" Klaus holte tief Atem .. „Die Sache ist die ... Friedel Ziesche heißt sie? Die Adresse sagen Sie mir nachher, wenn ich bitten darf. Ja, die Sache ist die ... Fräulein Ziesche hat sich mehrmals von uns, von meiner Mutter meine ich, frisieren lassen. Wir haben unten am Haus ein Schild. Da steht's drauf ...Na ja. Und vor vierzehn Tagen war sie das letzte Mal bei uns und sagte zu meiner Mutter, sie wollte am 16. heiraten und als Braut frisiert werden. Mit Kranz und Schleier. Und ein paar Tanten von auswärts kämen auch. Insgesamt sieben Köpfe. Dann hat sie sogar noch einmal beim Fleischer nebenan — wir selber haben kein Telephon — anrufen lassen, meine Mutter möge die Hochzeit ja nicht vergessen. Die Trauung sei um drei in der Petri-Kirche. Meine Mutter nahm für den 16. keine anderen Bestellungen an; als sie aber mit ihren Ondulier» scheren und Haarnetzen und Kämmen nach der Iohann-Meier-Straße 4 kam, wo das Fräulein wohnen sollte, und in der zweiten Etage klingelte, — da wohnte sie gar nicht dort!" Herr Huback horte angelegentlich zu, und das Fräulein mit den Grübchen rückte immer näher. „So eine tolle Sache, was?" sagte Klaus und fuhr fort: „Sie hatte auch gar keine Hochzeit! Meine Mutter war an der Petri-Kirche, aber ba verheiratete sich eine ganz andere Dame ... Wissen Sie, wir haben un» maßlos geärgert. Die Mutter hat doch Geld eingebüßt. Und außerdem ist es abscheulich, so wie Fräulein Ziesche zu schwindeln." „Warum habt ihr nicht schon längst ihre Adresse ausfindig gemacht, fragte Herr Huback. „Ja Kuchen!" sagte Klaus, „sie hat uns doch gesagt, sie hieße Kault „Und auf der Iohann-Meier-Straße wohnt kein Fräulein Kaul? , Keine Spur." „Vielleicht ist unser Fräulein Ziesche gar nicht euer Fräulein Saut?1 „Ausgeschlossen, mein Herr! Ich habe sie vorhin sofort wiedererkannt, und da bin ich ihr gleich nachgelaufen. Denn das geht, dock. Unter keinen Umständen, daß man meine Mutter so beschwindelt. Das werden Sie selber zugeben, mein Herr." „Nein," sagte Herr Huback, „das gehl unter keinen Umständen." Der Geschäftsführer legte die Hände unter seine Rockschöße und ging ein paar mal aus und nieder. Dann ries er laut: „Fräulein Ziesche, wollen Sie bitte sofort hierherkommen!" Fräulein Ziesche kam und sagte: „Sie wünschen?" „Kennen Sie den Jungen hier?" „Richt, daß ich wüßte." Sie betrachtete Klaps ohne großes Interesse. „Heißen Sic manchmal auch Kaul?" fragte da der Geschästsführer Und blickte sie scharf an. Sie wurde rot und schwieg. „Seit wann wohnen Sie aus der Iohann-Meier-Stratze?" Das Mädchen schwieg noch immer. „Wir wußten auch nicht, daß Sie am 16. Hochzeit hatten. Ich möchte Ihnen nachträglich gratulieren." Der Verkäuferin traten Tränen in die Augen. „So, jetzt ziehen Sie sich rasch wieder an," sagte der Geschäftsführer ungerührt, „und begleiten diesen Jungen zu seiner Mutter. Und wenn Sie in die Angelegenheit keine Ordnung bringen, sind Sie am Ersten entlassen. Ist das klar? Heulen Sie nicht! Machen Sie schnell!" Die Verkäuferin verschwand eilends hinter der Spiegeltür. Der Geschäftsführer blätterte in einem Notizbuch und sagte: „Na, junger Mann, nun noch die Adresse. Sie wohnt Iordanftrahe 33, bei WUtuba. Schreib dir's gut auf! Und wenn deine Mutter sich mit ihr nicht einigt, schreibt ihr mir eine Karte. Aber es wird sich schon wieder einrenken, denke ich. Und nun auf Wiedersehen! Sei fleißig und werde ein großer Erfinder." „Das verspreche ich Ihnen, Herr Huback," sagte Klaus, gab dem Geschäftsführer die Hand und verbeugte sich, „es ist ja nicht nur des Geldes wegen. Und eigentlich tut mir die ganze Geschichte schon leid. Aber meine Mutter hat sich zu sehr geärgert, denn wenn man ... Auf Wiedersehen!" Fräulein Ziesche kam, in Hut und Mantel, hinter der Spiegeltür vor unb ging an Klaus, ohne ihn zu beachten, vorbei, der Treppe zu. Dieser Weg durch die Stadt, immer drei Schritte hinter dem Mädchen her, das wie eine. Gefangene marschierte, die den Polizisten verachtet, — dieser Weg war für Klaus viel schlimmer, als der Weg vor einer halben Stunde, Er.wußte nicht, ob er sich freuen sollte oder traurig sein ... „Rana, Klaus, wen bringst du denn da?" fragte die Mutter erstaunt, als sic die Tür öffnete, „das ist ja Fräulein Kaul!" „Fräulein Kaul heißt Ziesche, Mama," erklärte Klaus, „und Herr Huback hat gesagt, sie müsse sich mit dir einigen, sonst fliegt sie am Ersten. Und sie wohnt Iordanftrahe 33, bei Wistuba." Die Mutter schickte Klaus in die Küche und besprach im Wohnzimmer mit Fräulein Ziesche, nach einigen Vorwürfen, die Art der Entschädigung. Die Verkäuferin versprach, drei Monate lang je fünf Mark zu zahlen, erledigte die erste Rate sofort und kehrte zu Schlesinger & Co. zurück „Warum," fragte Klaus später, „hat sie das eigentlich gemacht? Warum hat ste erzählt, sie würde heiraten und Tanten kämen, sieben Köpfe, wo es doch gar nicht wahr war?" Die Mutter fuhr ihm übers Haar und sagte: „Vielleicht wollte sie auch einmal spüren, wie das ist, wenn man heiraten will?" Will you see Paris, gentlemen? Von Hermann Otto B a übel. Paris, Ende März. Die falschen „Anglais Zwischen Engländern und Amerikanern macht der Durchschnittspariser keinen großen Unterschied. Beide sind für ihn die „Anglais", um derentwillen er „english spoken" an seine Schaufenster malt, und die er alle gern ein bißchen als „Greenhorn" behandelt und als dankbares Verdienstobjekt. Aber auch wenn man als Deutscher nach Paris kommt, und ist blond und nicht gerade klein, hat auch kein Jägerhütchen auf dem Kopf, dann wird man auf den Straßen totsicher von irgendeinem fremden Herrn englisch angesprochen: „Wollen Sie Paris sehen, meine Herrn?" Ändere, denen man mehr den Eindruck von Amerikanern macht, rufen einem etwas burschikosen „Hailob, Boys" nach. Wie oft passierte es uns auch in Geschäften auf den Boulevards, daß uns die Verkäufer, wenn sie Lins untereinander deutsch reden hörten, englisch anredeten. Sie hielten die deutsche Sprache anscheinend für einen besonderen englischen Dialekt. Aus dem Montmartre allerdings wird man abends auch deutsch ange- fprochcn. Als Führer zu den Geheimnissen des Nachtlebens sind anscheinend tiefere Volkspsychologen von den Besitzern der betreffenden Lokale an gestellt. Die schien". Daß die Franzosen die begabtesten Courmack)er der Welt sein können, wenn ste wollen, wird ihnen ihr bitterster Feind zugestehen müssen. Politisch macht man jetzt England den Hof, was aber nicht hindert, daß man, während man die Söhne Albions in Liebenswürdigkeit einwickelt, auf der anderen Seite sich sehr für die „pounds" interessiert, die sie nach Paris mitbringen. Auf den Boulevards steht an jedem zweiten Geschäft „english spoken" und an fast jedem Restaurant; in den Theatern spielt man die amerikanische Operette „Mississippi" und den „Prozeß der Mary Dugan", in jeder Revue macht man England Komplimente. In den Schaufenstern liegen die neuesten englischen und amerikanischen Bücher, Schlipse und Hemden. Breitspurig und selbstbewußt schreiten die „Anglais" an der vor ihnen aufgebauten Pracht vorbei, begleitet von ihren schlanken Damen. Abends aber im Smoking stehen sie in den Foyers der Theater oder sitzen in den Logen und rufen, wenn sie ihre Meinung über das S^ück austaufchen „beautiful" und „very nice". Noch später aber bevölkern. sie truppweise den Montmartre, wenn dort die roten Lichtreklamen rotieren, den Zylinder auf den Kops und den Schal um den Hals. Den Mantel aber haben sie im Hotel gelassen. Auch die Ladies mußten zu Hause bleiben, d. h. das weiß man nicht genau, sie sind jedenfalls nicht dabei. L’Allemagne. In der Revue, die in den „Falles Bergere" augenblicklich jeden Abend gespielt wird, werden am Anfang die verschiedenen Länder charakterisiert. Deutschland steht im Programm als „Die Schöne von Essen", das den Franzosen ja seit dem Ruhreinbruch sehr bekannt ist. Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man im Hintergrund eine Walküre stehen, mit schwarz-weißen Federn am Helm und emporgehobenem Speer, die ganze rechte Hälfte gepanzert und bewehrt, die linke aber rosig und bloß. Hinter ihr klassen unzählige Kanonenmäuler und starren Bajonette. Vor ihr aber kloppen die ähnlich kostümierten Jackson-Girls Parademarsch. Aber man darf das nicht zu tragisch nehmen. Man darf nicht vergessen- daß die Franzosen den Krieg zu sehr im eigenen Lande gespürt haben, als daß so schnell der Schatten der Kanonen und Bajonette aus ihrer Seele verschwinden könnte. Außerdem fehlt es nicht an Beispielen des Willens zur Objektivität. Denn zu gleicher Zeit veröffentlicht die linksgerichtete „Volonte" eine ausgezeichnete, sachliche Artikelserie über die Deutschen in Polen, in denen den Polen manches sehr Unangenehme gesagt wird. Auch die Bevölkerung im einzelnen ist, wenn sie merkt, daß sie einen Deutschen vor sich hat, durchaus nicht unfreundlich, sondern genau so höflich und zuvorkommend wie zu jedem andern. Selbst die am meisten gelitten haben, die Leute aus dem ehemaligen Frontgebiet, die z. T. noch heute in Barackenstädten hausen, zeigen keinen Haß. Man darf nie vergessen, daß ber „Matin" und der „Figaro" nicht Frankreich sind. Daran ändert auch nichts, daß die Pariser und Pariserinnen in diesen Tagen strahenlang vor dem Sterbehause Fachs anstanden, um den toten Marschall noch einmal zu sehen, der in Frankreich verehrt wird wie bei uns Hindenburg. Es ist ja nun eine allgemeine menschliche Schwäche, durch die Beziehung zu einem Größeren und Bedeutenderen die eigene Persönlichkeit zu heben, und so sonnt auch der Franzose sich gern in der „Gloire" seiner Volkshelden. „La Gloire“. An ber Front der beiden Seitenflügel des großen Versailler Königsschlosses steht in Riefenlettern „Allen Ruhmestaten Frankreichs". Liefer Kult. ber Trabition, der großen Vergangenheit, ist typisch für die Mentalität des ganzen Volkes. Ihm verdanken Riesenbauten wie der Jn- validendom, in dem das Grabmal Napoleons steht, unb das Pantheon feine Entstehung. Während das Pantheon, in dessen Krypta große Politiker, Schriftsteller, Künstler und Generale ihre letzte Ruhestätte sanden, einen ziemlich kalt läßt, ergreift ber Jnvalidendom desto mehr. Mag fein, daß es daran liegt, daß man als Deutscher eine engere Beziehung zu Napoleon hat; mag sein, daß das Künstlerische hier stärker sich auswirkt. Wenn man von ber Brüstung hinabschaut aus ben Sarkophag Napoleons in ber Rotunde unter ber Kuppel unb sieht die zerschlissenen Fahnenbündel in ben preußischen, österreichischen unb russischen Farben unb lieft die Namen Jena, Aspern, Wagram unb Moskau, wähvenb durch die hohen Fenster blau und golden das Sonnenlicht flutet, bann wird die deutsche Vergangenheit lebendig: Niederlagen unb Siege, Zertrümmerung unb 'Aufbau, Schicksal ber Völker unb bes Einzelnen. Ein paar Augenblicke später steht man bann in der kleinen Seitenkapelle vor ber Totenmaske Napoleons, vor diesem Kopf, der so ganz anders aussieht, als man ihn sich vorgestellt hat: Schmal unb hoch die Stirn, fein unb schlank bie Nase, mit einem kleinen Knick im Profil, leidenschaftlich unb doch fest ber Mund, breit unb willenskräftig das Sinn, alles andere im äußeren Typ als ein Franzose. Die Pariserin. Aber auch der Frau gegenüber war Napoleon kein Franzose. Der- französische Frauenkult lag ihm vollkommen fern, dieser Kult, dessen höchstes" Züchtungsprodukt die Pariserin ist. Sie ist meistens gar nicht so schwarz, wie man in Deutschland glaubt, sondern dunkelbraun, auch dunkelblond ist nicht selten. Sie ist auch nicht immer so klein unb zierlich, sondern man sieht viele Erscheinungen, die auch bei uns für groß gelten würden. Sie ist meist mehr interessant, als nach unseren Begriffen schön. Sie wirkt durch Temperament, Grazie unb Charme, durch souveräne Beherrschung aller sekundären weiblichen Machtmittel, einschließlich ber Virtuosität in ber Benutzung von Puderböschen, Lippenstift unb Parfüms. Immer ist sie ein bißchen blasiert, wie sich das als Kinb der Weltstadt, unb von Paris zumal, gehört. Die großen schlanken Pariserinnen haben leicht ein für unsere Begriffe sehr „rassiges" Profil, das durch bie stark entwickelten Nasen bestimmt wird. Die kleinen, etwas pumine- lidjeren haben nur ein Näschen, noch kleiner, als das bei uns oft üblich ist. Aber beide, bie große Muse ber Tragödie unb bie kleine ber Komödie, verstehen es ausgezeichnet, sich fo herzu richten, daß man sich nach ihnen umguckt. Die tragische Muse erreicht bas durch ihre imponierende Erscheinung, bie kühn geschwungene Nase, ohne große Mühe; bie kleine lustige, durch ganz raffinierte Mittel. Sie rasiert sich bie Augenbrauen ab, zieht sie in elegantem Bogen künstlich nach oben, entfernt auch die Haare vom aus ber Stirn, fo daß die größer unb höher erscheint, als sie ist. Dann aber setzt sie ihr Topfhütchen genau fo keck wie ihre große Schwester nach hinten in den Kopf, fo daß die große, unschuldige Kinber- stirn der kleinen Chinesin, bie auf diese Art entstanden ist, neben dem kleinen Münd, auf den ein zartes Rouge aufgesetzt ist, dem Gesicht einen ganz aparten Reiz gibt. Im Profil sieht sie bann aus wie bie kleine Pariserin des 18. Jahrhunderts von Houdon, die im Louvre steht, genau fo nett unb kokett. Thealer, Kino, Buch. Man sieht in Paris viel weniger Kinos als in anderen Großstädten. Der Franzose hat mehr Interesse für das weniger Abstrakte, die Einheit des Menschen in Sprache, Erscheinung und Geste als für bie reine, zweidimensionale Mimik. Infolgedessen sind die recht zahlreichen Theater meist gut besucht, wahrend man bas von den Kinos oft weniger sagen kann. Es gibt nur ganz vereinzelte Kinopaläfte, wie sie in Berlin durchaus nicht selten sind. Andererseits werden in den Kinos ost deutsche «iline gespielt oder Hollywood-Filme mit deutschen Stars. Die Film- terte sind oft zweisprachig, englisch und französisch. Mit dem Interesse des Franzosen für das rein-Menschliche, aber auch für die Sprache und ihren Esprit, mag es Zusammenhängen, daß das Buch In Frankreich in viel stärkerem Matze einen Kulturfaktor darstellt als bei uns. Man hat dort nicht nötig, zur Propaganda einen „Tag des Buches" zu veranstalten, man liest im allgemeinen mehr Bücher als bei uns. Gewih, man hat mehr Zeit, ist nicht jo auf amerikanisch „rationalisiertes" Tempo eingestellt wie bei uns, aber man hat auch mehr über das Fachgebiet hinausgehende, allgemein« Interessen. Es ist z.B. ein gar nicht seltenes Bild, daß ein Offizier neben der Reitpeitsche den neuesten Roman unter dem Arm hat, oder datz ein Herr im eifrigen Dahinschreiten auf der Straße interessiert in einem Buche liest. 5. Hl. Das Kind. Sie haben's eigentlich recht gut, viel besser als bei uns. Sic werden schon fast als Säuglinge ins Theater mitgenommen, ohne datz sich einer der Besucher durch ihr, meistens durch andere Gründe als den Gang der Handlung motiviertes Schreien in seinem Genuß stören läßt, bis es der Mutter gelingt, das schreiende kleine Paket wieder zur Ruhe zu bringen. Ihr Paradies aber, wo sie sich an schönen Tagen zu kleinen Rudeln konzentrieren, sind die Anlagen und Parks. Dort dürfen sie ruhig einmal über den Rasen laufen, ohne daß gleich ein Wächter mit erhobenem Stock hinter ihnen herläuft. Auf den Wasserbassins um die Springbrunnen im Tuileriengarten und anderswo lassen sie ihre großen weißen Segelschiffe schwimmen, und die Mamas und die Bonnen stehen mit ihnen am Rand des Beckens und warten geduldig, bis die kleinen Fahrzeuge mit geschwellten Segeln langsam wieder ans Ufer treiben. All' diese Kinder sind schon kleine Damen und Kavaliere, mit ihren weihen Handschuhen und dem modischen Hut oder der Mütze. Trotzdem aber spielen sie im Sande wie die Kleinen bei uns. Die Handschuhe werden natürlich schmutzig dabei, aber das macht nichts. Wenn einmal eine stolze Mutter ihre drei kleinen blonden Töchter ohne Hut gehen läßt, bann sind bestimmt die goldenen Löckchen mit Schleifen verziert und gebrannt. Den größten Eindruck aber von der Rolle des Kindes in Frankreich, die auf feinem, Deutschland gegenüber immer noch größeren Seltenheitswert beruht, bekommt man, wenn man am Spätnachmittag sich auf einer Bank in der „Avenue du Bois de Boulogne" niederläht, um die Parade der mit ihren Schützlingen aus diesem riesigen Waldpark heimkehrenden Kindermädchen abzunehmen. Stolz Und erhobenen Hauptes, als wenn es ihr eigenes Kind wäre, schiebt bann bie Bonne mit der großen weißen Schleife auf dem Kopfe, ihr Gefährt mit seinem kostbaren, wohlbehüteten Inhalt vor sich her. Vom riefigen,- luxuriösen Kinder-Rolls-Roice mit Luftreifen bis zum leichten, flinken Hanomag und Opel sind alle Typen des Kinderautomobils vertreten. In Spitzen und Seide eingehüllt, aber thront, eingerahmt vom dunklen Verdeck, das braunhaarige Köpfchen bes kleinen Königs, des Kindes. Die Straße. Wenn man im Pariser Ostbahnhof abends ankommt, bann sind schon die Gepäckträger fremdartig, die die Waggons „Erster" und „Zweiter" stürmen, mit ihren hellblauen Kitteln und den Käppis. Tritt man bann aus bem Bahnhof heraus unb geht zur nächsten Station ber „Metro", der Untergrundbahn, so ist's wieder das übliche Weltstadtbild mit Lichtreklamen, bie sich in glattgefahrenem Asphalt spiegeln, mit eiligen Autos, Trams und Autobussen, umgeben von hastenden Menschen. Mehr beobachtet man bei diesen paar Schritten nicht. In den fausenben Wagen ber Metro aber sieht man bann aus ber Nähe bie andersgeschnittenen Gesichter ber Menschen, ba und bort einen Farbigen, einen braunen Neger ober einen gelben Anamiten, die hellblauen Uniformen der Poilus. Aber bie ganze Mannigfaltigkeit bes Strahenbilbes geht einem erst auf, wenn man ein paar Tage zu Fuß burch bie Stabt gebummelt ist. Man lernt die engen kleinen Straßen auf bem Montmartre kennen und im „Quartier latin", mit ihren unzähligen Verkaussstänben vor ben Läden, auf denen alle Herrlichkeiten, bie in ihnen zu haben sind, zur Probe und Ansicht aufgestapelt sind, und um die sich die Menschen drängen. Ein Meer der verschiedensten Gerüche steigt von ihnen auf. Man betrachtet bie Bücher, die in den großen Kästen auf den Mauern der Seine-Ouais ausgestellt sind. Man lernt das scheinbare Chaos des Pariser Verkehrs verstehen und sich in ihm zurechtfinden. Man staunt über bie gute Organisation der Pariser Polizei, bie einen weniger militärischen Anstrich wie bei uns hat, In ihrer schmucken, dunkelblauen Uniform, mit der Pistole, als der einzigen sichtbaren Waffe, am Gürtel. Man treibt mit in den Späinachmittagsstunben in bem Strom auf ben Boulevards, wenn die Lichtsignale automatisch an allen Straßenkreuzungen in bestimmten Zeiträumen rot aufzucken, gleichzeitig die Klingelsignale raffeln und die Schutzleute pfeifen und den weißen Stab wieder in anderer Richtung heben. Man genießt die Vormittagsstunden des Vorfrühlings, entlang promenierend unter den Arkaden gegenüber dem Louvre, an ben feinen Laden vorbei, an denen allen „english spoken" steht, und die bie entsprechenden Preise haben. Man bummelt langsam vom Triumphbogen her, unter dem ber „unbekannte Soldat" ruht, bie „Avenue des Champs Elysees hinunter bem Zentrum, ber Lite zu. Man setzt sick) nachmittags draußen vor eins der zahllosen Cafös an einer ber Hauptstraßen an das kleine Marmortischchen auf den bunten Rohrstuhl und läßt bie Menschen aus oller Herren Länder an sich vorbeiziehen. Aber bas schönste von allem ist vielleicht doch, am Abend über eine der Seine-Brücken zu gehen, wenn auf ihr und auf allen Nachbarbrücken, bie abwechselnd rot unb weißen Lampen wie Fackeln in bie Dunkelheit stoßen unb sich neben ben bunten Lichtreklamen im Fluß spiegeln. * Qa c’est Paris. Ach nein, noch kein Teil davon. Nur ein paar Klcinig- witen aus dem reichen Bilderbuch einer Stadt. Unterm Birnbaum. Non Theodor Fontane. (Fortsetzung.) „Freilich will ich. Aber es wird Nachfrage geben." „Wein. Das verstehst du nicht. Das ist Geheimnis. Und sie gönnen einer armen Seele die Ruh'!" „Ach, Ursel, du sprichst soviel von Ruh' unb bangst dich und ängstigst dich, ob du sie finden w>rst. Weiht du, was ich denke?" „Rein." „Ich denke, leben ist leben, unb tot ist tot. Unb wir sind Erde, unb Erde wird wieder Erde. Das andere haben sich bie Pfaffen ausgedacht. Spiegelfechterei sag' ich, weiter nichts. Glaube mir, die Toten" haben Ruhe," „Weißt du das fo gewih, Abel?" Er nickte. „Nun, ich sage dir, die Toten stehen wieder aus.. „Am jüngsten Tag." „Aber cs. gibt ihrer auch, die warten nicht solange." Hrads check erschrak hesiig unb drang in sie, mehr zu sagen. Aber sie war schon in die Kissen zurückgesunken und ihre Hand, der (einigen sich entziehend, griff nur noch krampfhaft in bas Deckbett. Dann wurde sie ruhiger, legte bie Hand aufs Herz und murmelte Worte, die Hradscheck nickst verstand. „Ursel," rief er, „Ursel!" Aber sie hörte nicht mehr. XV Das war in der Nacht von Samstag auf Sonntag gewesen, ben letzten Tag im September. Als am anberen Morgen zur Kirche geläutet wurde, standen die Fenster in der Stube weit offen, die weißen Gardinen bewegten sich hin und her, und alle, die vorüberkamen, iahen nach der Giebelstube hinauf und wußten nun, daß die Hradfcheck gestorben fei. Schulze Woytafch fuhr vor, aüsfprechend, was er sich bei gleichen Veranlassungen zu sagen gewöhnt hatte, „daß ihr nun wohl fei" und „bah sic vor ihnen allen einen guten Schritt voraus habe". Danach trank er, wie jeden Sonntag vor der Predigt, ein kleines Glas Madeira zur Stärkung und machte dann bie kurze Strecke bis zur Kirche hin zu Fuß. Auch Kunicke kam unb drückte Hradfcheck verständnisvoll die Hand, das Auge gerade verschwommen genug, um bie Vorstellung einer Träne zu wecken. Desgleichen sprachen auch der Delmüller unb gleich nach ihm Bauer Mietzel vor, welch letzterer sich bei Todesfällen immer ber „Vorzüge feiner Kränklichkeit von Jugend auf" zu b«rühmen pflegte. Das tat er auch heute wieder. „Ja, Hradfcheck, der Mensch denkt und Gott lenkt. Ich piepe nun schon so lang; aber es geht immer noch." Auch noch andere tarnen und sagten ein Wort. Die meisten indessen gingen ohne Teilnahmsbezeigung vorüber und stellten Betrachtungen an, die sich mit der Toten in nur wenig freundlicher Welse beschäftigten. „Ick roeet niete" sagte der eine, „wat Hradfcheck an ehr hebben deih. Man blot, bat feit beten scheel wihr." „Joa", lachte der andere. „Dai wihr Je. Un am Enn, so wat kunn he hier ook hebb'n." „Un denn bat hannüversche Geld. Jhrst schmeet se't weg, un mit eens fung se to tnufern an." In dieser Weise ging das Gespräch einiger älterer Leute; das junge Weiberzeug beschränkte sich auf die eine Frage: „Weck' een he mi wall frigen deiht*)?" , Aus Mittwoch vier Uhr tvar das Begräbnis angefetzt, unb viel Neugierige stauben schon vorher in einem weiten Halbkreis um bas Trauer- haus herum. Es waren meist Mägde, bie schwatzten unb kicherten, und nur einige waren ernst, darunter bie Zwillingsenkelinnen einer armen alten Witwe, welche letzire, wenn Wäsche bei ben Hradschecks war, allemal mitwusch. Diese Zwillinge waren in ihren schwarzen, von der yrau Hradfcheck herrührenden Einsegnungskleibern erschienen und weinten furchtbar, was sich noch steigerte, als sie bemerkten, bah sie durch ihr Geheul und Gefchluchze der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurden. Dabei gingen jetzt bie Glocken in einem fort, und alles brängte dichter zusammen unb wollte sehen. Als es nun aber zum drittenmal ausqeläutet hatte, kam Leben in die drin und draußen Verfamnielten unb ber Zug setzte sich in Bewegung. Vorn die von Kantor Graumann geführte Schuljugend, die, wie herkömmlich, den Choral „Jesus, meine Zuversicht" sang; nach ihr erschien ber von sechs Trägern getragene Sarg; bann Eccelius und Hradfcheck; bahinter bie Bauernschaft m schwarzen Ueberröcken und hohen schwarzen Hüten, und endlich all die Neugierigen, die bis dahin das Haus umftanben hatten. Es war em wunderschöner Tag, frische Herbstluft bei klarblauem Himmel. Aber die würdevoll vor sich hinblickende Dorfhonoratiorenschaft, achtete ites blauen Himmels nicht, und nur Bauer Mietzel, der noch neu draußen hatte, das er am anderen Tag einfahren wollte, schielte mit halbem Auge hinauf. Da sah er, wie von der anderen Oderseite her ein Weih über ben Strom kam und auf den Tfchechiner Kirchhof zuflog. Und er stieß ben neben ihm gehenden Delmüller an und sagte: „Süh, Ouaas, doa is ye wedder." „Wihr denn?" „De Weih. Weetst noch?" Ann, as bat mit Szulski wihr. Ick {egg’bi, be Weih, de wect wat." Ms sie so sprachen, bog bie Spitze bes Zuges auf ben Kirchhoj ein, an dessen höchster Stelle, dicht neben dem Turm, das Grab gegraben war. Hier setzte man den Sarg auf darüber gelegte Backen, und als sich der Kreis gleich danach geschlossen hatte, trat Eccelius vor, um bie Grabrede zu halten? Er rühmte von ber Toten daß sie, den iDr ane^Ofienen Aberglauben abschüttelnd, nach freier Wahl und eigenem Entschluß ben Weg des Lichtes gegangen sei, was nur der wissen und bezeugen könne, ») Welche er nun wohl heiraten wirb. der ihr so nah gestanden Hobe wie er. Unb wie sie bas Licht und die reine Lehre gehest i^ue, |o Hove fie nicht minder das Recht geliebt, was sich zu keiner Ze.! schöner und glänzender gezeigt, als in jenen schweren Tagen, die der [elig Entschlafenen nach dem Ratschlüsse Gottes auferlegt worden feien, damals, als er ihr nicht ohne Mühe das Zugeständnis erwirkt habe, den, an dem ihr Herz und ihre Seele hing, Wiedersehen zu dürfen, wenn auch freilich nur vor Zeugen und auf eine kurze halbe Stunde, da habe sie die wohl jedem hier in der Erinnerung gebliebenen Worte gesprochen: „Nein, nicht jetzt; es ist besser, datz ich warte. Wenn er unschuldig ist, so werd' ich ihn Wiedersehen, früher oder später; wenn er aber schuldig ist, so will ich ihn nicht Wiedersehen." Er freue sich, daß er diese Worte, hier am Grabe der Heimgegangenen, ihr zu Ruhm und Ehre, wiederholen könne. Ja, sie habe sich allezeit bewährt in ihrem Glauben und in ihrem Rechtsgefühl. Aber vor allem auch in ihrer Liebe. Mit Bangen habe sie die Stunden gezählt, in schlaflosen Nächten ihre Kräfte verzehrend, und als endlich die Stunde der Befreiung gekommen sei, da fei sie zusammengebrochen. Sie sei das Opfer arger, damals herrschender Mißverständnisse, das sei zweifellos, und alle die, die diese Mißverständnisse geschürt und genährt hätten, anstatt sie zu beseitigen, die hätten eine schwere Verantwortung auf ihre Seele geladen. Ja, dieser frühe Tod, er müsse das wiederholen, sei das Werk derer, die das Gebot unbeachtet gelassen hätten: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten." Und als er dieses sagte, sah er scharf nach einem entblätterten Hagebuttenstrauch hinüber, unter dessen roten Früchten die Jeschke stand und dem Vorgänge, wie schon damals in der Kirche, mehr neugierig als verlegen folgte. Gleich danach aber schloß Eccelius seine Rede, gab einen Wink, den Sarg hinabzulassen, und sprach dann den Segen. Dann kamen die drei Hände voll Erde, mit sich anschließendem Schmerzblick und Händeschütteln, und ehe noch der am Horizont schwebende Sonnenball völlig unten war, war das Grab geschlossen und mit Asterkränzen überdeckt. Eine halbe Stunde später, es dämmerte schon, war Eccelius wieder in seiner Studierstube, das Samtkäpsel auf dem Kopf, das ihm Frau Hradscheck vor gerade Jahresfrist gestickt hatte. Die Bauern aber saßen in dec Weinstube, Hradscheck zwischen ihnen, und faßten alles, was sie an Trost zu spenden hatten, in die Worte zusammen: „Immer Courage, Hradscheck! Der alte Gott lebt noch" — welchen Trost- und Weisheitssprüchen sich allerlei Wiederverheiratungsgeschichten beinah unmittelbar anschlossen. Eine davon, die beste, handelte von einem alten Hauptmann v. Rohr, der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte: „Nimmt Gott, so nehm' ich wieder." Hradscheck hörte dem allen ruhig und kopfnickend zu, war aber doch froh, die Tafelrunde heute früher als sonst aufbrechen zu sehen. Er begleitete Kunicke bis an die Ladentür und stieg dann, er wußte selbst nicht warum, in die Stube hinauf, in der Ursel gestorben war. Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrt« vor sich hin, während allerlei Schatten an Wand und Decke vorüberzogen. Als er eine Viertelstunde so gesessen, verließ er das Zimmer wieder und sah, im Vorübergehen, daß die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb offen stand, dieselbe Stube, drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau zu wohnen und zu schlafen so bestimmt veriveigert hatte. „Was machst du hier, Male?" fragte Hradscheck. „Wat ick moak? Ick treck em sien Bett öwer." „Wem?" „Is joa wihr ankoamen. Webber een mit'n Pelz." „So, so", sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter. „Wedoer een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen." XVI. Frau Hradscheck war nun unter der Erde, Male hatte das Umschlagetuch gekriegt, auf das ihre Wünsche sich schon lange gerichtet hatten, und alles wäre gut gewesen, wenn nicht der letzte Wille der Verstorbenen gewesen wäre: die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden Seelenmessen willen. Das machte Hradscheck Sorge, nicht wegen des Geldes, davon hätt' er sich leicht getrennt, einmal weil Sparen und Knausern überhaupt nicht in seiner Natur lag, vor allem aber, weil er das seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wünschte, schon aus abergläubischer Furcht. Das Geld war es also nicht, und wenn er trotzdem in Schwanken und Säumnis verfiel, so war es, weil er nicht selber dazu beitragen wollte, die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans Licht zu ziehen. Ursel hatte freilich von Beichtgeheimnis und Äehnlichem gesprochen, er mißtraute jedoch solcher Sicherheit, am meisten aber dem ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe. In dieser Verlegenheit beschloß er endlich, Eccelius zu Rate zu ziehen und diesem die halbe Wahrheit zu sagen, und wenn nicht die halbe, so doch wenigstens so viel, wie zu seiner Gewissensbeschwichtigung gerade nötig war. Ursel, so begann er, habe ihm in ihrer letzten Stunde noch eine Summe Geldes behändigt, um Seelenmessen für sie lesen zu lassen (der, dem es eigentlich galt, wurde hier unterschlagen). Er, Hradscheck, Stab’ ihr auch, um ihr das Sterben leichter zu machen, alles versprochen, ein protestantisches Gewissen aber sträube sich jetzt dagegen, ihr das Versprochene wörtlich und in all und jedem Stücke zu halten, weshalb er anfrage, ob er das Geld wirklich an die Katholschen aushändigen oder nicht lieber nach Berlin reifen und ein marmornes ober vielleicht auch gußeisernes Grabkreuz, wie sie jetzt Mode feien, bestellen solle. Eccelius göoerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das, was Hradscheck zu hören wünschte. Versprechungen, die man einem Sterbenden gäbe, seien natürlich bindend, bas erheische die Pietät, das sei die Regel. Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall, und wenn bas einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei, so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf. Das fei nicht bloß Recht, das fei sogar Pflicht. Die ganze 'Sache, wie Hradsckeck sie geschildert, gehöre zu seinen schmerzlichsten Erfahrungen. Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und allezeit Derantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl «inen Stolz tmrein gesetzt, fie für die gereinigte Lehre gen'o>'"i>a haben. Daß er sich darin geirrt ober doch wenigstens halb geurt fei, neben anderem, auch persönlich kränkend für ihn, was er nicht leugnen wolle. Diese persönliche Kränkung indes sei nicht das, was jein eben gegebenes Urteil bestimmt habe. Hradscheck solle getrost bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen, um das Kreuz zu bestellen. Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Häupten der Verstorbenen werde bet selben genügen, dem Kirchhof aber ein Schmuck unb eine Herzensfreude für jeden sein, der Sonntags daran vorüberginge. Es war Ende Oktober gewesen, daß Eccelius und Hradscheck dies Gespräch geführt hatten, unb als nun der Frühling kam, unb der ganz« Tfchechiner Kirchhof, so kahl auch seine Bäume noch waren, in Schneeglöckchen und Veilchen stand, erschien das gußeiserne Kreuz, das Hrad- scheck mit vieler Wichtigkeit unb nach langer unb minutiöser Beratung auf bet königlichen Eisengießerei bestellt hatte. Zugleich mit bem Kreuze traf ein Steinmetz mit zwei Gesellen ein, Leute, die das Ausrichten und Einlöten aus dem Grunde verstanden, und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen hatte, wie bas Blei geschmolzen unb in da; Sockelloch eingegossen wurde, stand bas Kreuz da mit Spruch und Inschrift, und viele Neugierige kamen, um die goldblanken Verzierungen zu sehen: unten ein Engel, di« Fackel senkend, und oben ein Schmetterling. All bas wurde von alt unb jung bewundert. Einige lasen auch die Inschrift: Ursula Vincentia Hradscheck, geb. zu Hickede bei Hildesheim im Hannöverschen den 29. März 1790, geft. den 30. September 1832. Und darunter Evang. Matthäi 8, V. 14. Auf der Rückseite des Kreuzes aber stand ein mutmaßlich von Eccelius selbst herrührender Spruch, darin er seinem Stolz, aber freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte. Dieser Spruch lautete: „Wir wandelten in Finsternis, bis wir das Licht sahen. Aber die Finsternis blieb, unb es fiel ein Schatten auf unsren Weg." ♦ linier denen, die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen hatten, waren auch Gendarm Geelhaar unb Mutter Jeschke gewesen. Sie halten benfelben Heimweg unb gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstraße hinunter, Geelhaar etwas verlegen, weil er den zu seiner eignen Würdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgend wer anders kannte. Seine Neugier aber überwand seine Verlegenheit, unb so blieb er beim an der Seite der Alten unb sagte: „Hübsch is es. Un der Schmetterling so natürlich; beinah role'n Zitronenvogel. Aber ich begreife Hradscheck nich, daß er sie so dicht an dem Turm begraben hat. Was soll sie da? Warum nicht bei den Kindern? Eine Mutter muß doch da liegen, wo bie Kinder liegen." „Wall, woll, Geelhaar. Awers Hradscheck ist klook. Un he weei ümmec, wat he beiht." „Gewiß weiß er das. Er ist klug. Aber gerade weil er klug ist..." „Joa, joa." „Nu was denn?" Unb der sechs Fuß hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder, weil er wohl merkte, daß fie was sagen wollte. „Was denn, Mutter Jeschke?" wiederholte er seine Frage. „Joa, Geelhaar, wat fall ick feggen? Eccelius möt et roeten. Un de bett nu oft wedder de Inschrift moaft. Awers een is, be roect iimmer noch en beten mihr." „Unb wer is bas? Sine?" „Ns, Line nich. Awers Hradscheck sülwsten. Hradscheck, be will de Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb'n. Nich so tipp eenem Hümpel." „Nun gut, gut. Aber warum nicht, Mutter Jeschke?" „Nu, he denkt, roenn't los geiht." Unb nun blieb sie stehen und setzte dem halb verwundert, halb entsetzt aushorchenden Geelhaar auseinander, daß die Hradscheck an dem Tage, „roo’s los gehe", doch natürlich nach ihren Kindern greifen würde, vorausgesetzt, daß sie sie zur Hand habe. „Un bat uwII be oll Hradscheck nich." „Ader, Mutter Jeschke, glaubt ihr denn an so mos?" „Joa, Geelhaar, wo nimm nich? Worümm [alt ick an so wat nich glöwen?" XVII. Als das Kreuz aufgerichtet stand, es war Nachmittag geworden, kam auch Hradscheck, sonntäglich unb wie zum Kirchgänge gekleidet, und die Neugierigen, an denen den ganzen Tag über, auch als Geelhaar und die Jeschke längst fort waren, kein Mangel blieb, sahen, daß er den Spruch- las unb die Hände faltete. Das gefiel ihnen ausnehmend, am meisten aber gefiel ihnen, daß er das teure Kreuz überhaupt bestellt hatte. Denn Gelb ausgeben (unb noch dazu viel Gelb) war das, was den Tfchs- chinern als echten Bauern am meisten imponierte. Hradscheck verweilte wohl eine Viertelstunde, pflückte Veilchen, die.neben dem Grabhügel auf- sproßen, unb ging dann in seine Wohnung zurück. Als es dunkel geworden war, kam Ede mit Licht, fand aber die Tük von innen verriegelt, und als er nun auf die Straße ging, um wie gewöhnlich die Fensterläden von außen zu schließen, sah er, daß Hradscheck, eine kleine Lampe mit grünem Klappschirm vor sich, auf dem Sofa saß und den Kopf stützte. So verging der Abend. Auch am andern Tage blieb er auf seiner Stube, nahm kaum einen Imbiß, las unb schrieb, unb ließ bas Geschäft gehen, wic's gehen wollte. „Hör', Jakob," sagt« Male, „bat s wa grab’ as ob [e nu ihrs! dod wihr. Süh doch, wie he doa sitt. He kann doch nu nich wedder anfang’m „Ne," sagte Jakob, „bat kann he nid)." ______________________ (Fortsetzung folgt.)__H sche Llniversitäts^Buch- und Sieinbruckerei, V. Lange, Gießen.