iie sind bißchen ! seinen Zchn- pen ist hinein, 5 den denkt ig, und ien sind er, mag len und bald t ich )ts ein« inna ist n. Wir Gelenke scham- ich - t wird r ganze geöffnet, ;in. Ich len mit eugierig und in r Siid- icr, vor ntadelig t Wohl- z, dreht ; Arme, itur ist: hl nicht nug ge- loch gebet den hlenden ehaglich itzenden en und ück des Hannas kein ein treichle ne ihre m ein e das Stein in der Augen in die edernen yst be- nerüng ten gs- ien den end ist id nach rw mit :te und bin ich rfjeben _ eben. Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1(929 Montag, den 4. November Nummer 86 Oie Schale des Brunnens. Von Edmund Finke. Zögernd sinken die Zeiger hinab in die Nacht zum Grunde der Zeit und furchtsam beuge ich mich zur Tiefe und lausche dem Schlag der Stunde und sehe den steigenden Tag im Grunde der Schale, schweigender Zeuge, wie er zur schillernden Form der Dinge verflacht. Siehe, ich warte auf dich, du gestaltende Not, du Grenze und Armut aus traurigen Träumen um Frauen, geduldiges Ahnen der Weisheit hinter beschlossenem Wort und keine Erfüllung. So rauschen die Brunnen fort durch Nächte, daß wir ihr silbernes Bild nicht schauen, verborgener Fülle Reichtum, Abglanz und Tod. Das ist geheimeres Leben. Kannst du verstehn und sagen den Fall der sinkenden Tropfen und alle die Sterne, die tief im dunkelgewölbten Raum des Wassers Du sind: Bildnis, Trauer und Traum und wie du vergehst in des Brunnens sanfterem Falle ..; ohne die steinerne Form der Schale zu sehn? Oie Hexe und die sieben Kindlein. Märchen von Hans Friedrich Blunck. Es war einmal ein armer Bauer, der hatte nur einen dürftigen Acker mitten im großen Moor und verlor zu allem andern auch noch sein Weib, so daß er mit seinen sieben Kindern allein die Wirtschaft führen mußte. Die Ander waren aber noch klein, viel Hilfe konnten sie ihm nicht bringen. Der Bauer ließ indes den Mut nicht sinken, er war ja auch jemand, der mit allerhand holden und unholden Leuten umzugehen wußte, und als der Winter überhart wurde und das Heu im Stall und das Brot im Schrank ausging, schnitt er sich eine Haselgabel und klopfte damit den Boden ab, bis er eine Höhle der Unterirdischen fand. Da rief er die und klagte ihnen sein Leid. Und die Unterirdischen hatten Erbarmen und sagten ihm, er möge getrost sein Vieh auf ihre Weide schicken, sie würden es bis zum Frühling durchhalten. Aber seine Kinder weinten, sie hatten ja nichts zu beißen noch zu brechen. Der Mann ging deshalb wieder mit der Wünschelrute aus, klopfte Brunnen und Bäche ab und fand schließlich eine alte Frau im Busch, der erzählte er, iöie es mit seinen hungernden Kindlein stand. Ach, meinte sie, für die wolle sie schon sorgen, er möchte ihr die Kleinen nur anvertrauen, im Frühling könnten sie wieder heimkehren. Das tat der Mann denn auch in seiner Not. Nun geht ja auch der ärgste Winter einmal vorbei, die Sonne stieg hoher und höher. Das Vieh kam feist und prall von den Unterirdischen zurück, aber die Kindlein waren noch nicht wieder da. Da machte der Mann sich Sorgen. Er bat einen aus dem kleinen Volk, bei feinem Vieh zu bleiben, tat einen Zehrpfennig in seinen Beutel und ging aus, um seine Kinder wiederzuholen. Aber so sehr er suchte, er konnte den Weg nicht so leicht wiedersinden. Drei Tage lies er hin und her, fragte hier und fragte da und fand niemand, der ihm einen Rat hätte geben können. Endlich kam er zu einem kleinen Haus, in dem wohnte eine Zauberin, die ihm zu essen und zu trinken vorsetzte. Und weil es fast dunkel war, lud sie ihn ein, bei ihr zu übernachten. Aber er müsse vorher mit ihr Karten spielen, sagte sie, das hätte sie so lange nicht mehr getan. Es kam jedoch so, daß der Mann in einem fort verlor. Die Zauberin besaß nämlich einen Spiegel, der konnte selbst Karten spielen, alle Reisenden, die bei ihr entlang kamen, plünderte sie solcherart aus. Der Bauer merkt schließlich auch, daß nicht alles mit rechten Dingen zuging, er griff einmal wie versehentlich über den Tisch und fühlte die Karten nicht, die er doch sah und fühlte die Frau nicht, die mit ihm spielte, nichts als ein Glas war da. Da sprang er auf, packte den Spiegel, trieb das böse Weib unter den Herd und machte sich mit seiner Beute auf und davon. Drei Tage war et nun wieder unterwegs und fand niemand mehr, der ihm Rat zu geben wußte. Endlich, als er kaum ein noch aus wußte, geriet er in das Haus eines Riesen, der hatte sieben Köpfe und war so groß, daß, wenn er nur auf dem Herd saß, sein höchster Kopf durch den Rauchfang bis in den Schornstein reichte. Der Unhold hatte sich gerade zum Schlafen gesetzt, als der Bauer anklopfte, und schnarchte mächtig, aber weil er sich vor Dieben fürchtete, hatte er einem seiner Köpfe aufgegeben, wach zu bleiben. Der rief denn auch, kaum daß der Mann die Tür öffnete: „Dieb, Dieb I“ und rollte auf ihn los. Da lief der Bauer von bannen, er wollte ja nicht für einen Dieb gelten. Aber der Kopf blieb ihm auf den Fersen und schrie in einem fort: „Hierher, hierher, Dieb, Dieb!" Endlich packte der Mann im Laufen zu und stopfte den Kopf in feinen Rucksack, da konnte er nicht mehr schreien, und der böse Verfolger verlor seine Spur. Wie der Bauer nun wieder weiter wanderte und schon sehr traurig war, daß er den Weg zu seinen Kindern immer noch nicht gefunden hatte, da traf er auf einen Drullekerl, der schoß Pfeile über die Heide. Der Mann wurde neugierig und fragte ihn, auf wen er ziele, es schien eine gute Art, rasch weiter zu kommen. Der Dunkle war jedoch mürrisch und blieb die Antwort schuldig. Nun, wie du willst, dachte der Bauer. Und als der Unhold wieder einen Pfeil vom Bogen schnellte, schon hatte er sich blitzschnell daran gehängt, fuhr schier unter dem Himmel entlang und fiel endlich mitten auf der Insel Utwunder in einem herrlichen Garten nieder. Solch Glück hatte der Mann kaum erwartet, gleich wanderte er die Wege auf und ab, bis er zu einem großen See gelangte. Ein hoher Baum stand an seinem Ufer, auf dem liefen sieben Eichhörnchen hurtig wie kleine Seelen auf und ab, ein schwarzer Kater bewachte sie. Die Eichhörnchen aber baten den Bauern gleich, ihnen doch die kleinen Fischlein zum Fressen zu bringen, die drüben im Wasser schwammen. „Das soll der Herr lieber nicht versuchen", rief der Kater und zeigte ihm die Zähne, „er könnte es mit dem Tod büßen". Da ging der Bauer, ärgerlich, daß er den Tieren den Gefallen nicht tu» durfte, bis an den Rand des Wassers. Just steckten dort sieben kleine Fischs die Köpfe herauf. Ach, flehten sie, ob er ihnen die Eichhörnchen nicht bringen könnte, die würden sie so gern fressen. Aber eine Nixe kam darüber, die hütete die Fischlein und gebot dem Bauern, niemals zu tun, was die verlangten, es könnte ihm das Leben kosten. „Das versteh' ich nicht", lachte der Bauer, „warum soll es mich das Leben kosten, lvenn ich in diesem Garten den Tieren einen Wunsch erfülle? Er tat aber doch freundlich mit dem Mädchen aus dem Wasser, setzt sich zu ihr und brachte sie zum Erzählen. Ja, sagte sie endlich, es sei nämlich ein Zauber dabei, die sieben Tierchen aus der Lust und die sieben Fischlein dürften nicht zusammen, es käme sonst so, daß sie wieder zu sieben Kindlein würden. Da merkte der Mann ja, daß er an der rechten Stelle war. Wer das denn nicht dulden wolle und ob die Herrin nicht daheim sei, fragte er. Nein, die sei ausgegangen, erzählte die schwatzhafte kleine Nixe, und immer, wenn sie ausginge, täte sie die Seelen der Kleinen auf den Baum und ihre Leiber gleich Fischen ins Wasser, damit niemand ihr die Kindchen stehlen könnte. „Soso", sagte der Bauer und tat, als ginge ihn das alles wenig an. Er ließ sich nieder, trank ein wenig, pflückte von den Beeren und zog schließlich unter dem Baum, als täte ihm bas Warten leib, den Spiegel heraus, der von selbst Karten spielt. Der setzte sich ihm gegenüber und begann zu mischen. Da wurde der Kater neugierig, so etwas hatte er ja noch nicht gesehen, kam näher und wollte mitspielen. Und weil er gewann, wurde er hitziger, so hitzig, daß der Mann sich davon schleichen und alle sieben kleinen Eichhörnchen vom Baum herab locken konnte. Als der Bauer nun feinen Rucksack auftun wollte, damit die ungesehen hineinschlüpften, regte sich der Riesenkopf darinnen, den hatte er ja immer noch bei sich. Und der Mann erschrak, ließ den Sack fallen, und der Kopf rollte gleich übers Gras und schrie wieder: „Hierher, hierher!" wie er es vordem getan hatte. Da wurde auch die Nixe neugierig, sie lief eben einmal vom Teich fort, um zu schauen, was da für ein Fremder immer „hierher" tiefe. Kaum war sie fort, da lockte der Bauer augenblicklich auch die sieben im Wasser und fing sie rasch. Und einige Eichhörnchen fragen die Fische, das wurden die Knaben, und einige Fische fragen die Eichhörnchen, das wurden die Mädchen. Und auf einmal waren wieder alle Kindlein bei ihm. Ehe er indes dazu kam, sich herzhaft zu freuen, plötzlich sah er in der Ferne eine Wolke, die höher und höher kam. Und der Kater und die Nixe bekamen eine fürchterliche Angst, als sie ihre Tiere nicht mehr fanden und den Mann mit den Kindern sahen. Der Kater floh gleich vor Ängst hoch auf den Baum und die Nixe tauchte bis zum Kopf ins Wasser. „Was hast du blog angefangen", rief der Kater aus dem höchsten Wipfel, „sicher wird die böse Hexe uns alle töten! Sieh blog, wie die Wolke größer und größer wird." Und der Mann wäre vielleicht auch in große Bedrängnis geraten, hätte er nicht gerade in dem Augenblick mit dem Fuß auf dem Pfeil gestanden, auf dem er nach der Insel Utwunder herüber geflogen war. Rasch machte er sich seinen Plan, schnitt einen Bogen aus Rosenholz und spannte baS Tau seines Rucksacks als Sehne barüber. Dann hieß er flink alle Kindlein einanber bei ben Händen fassen, als letzte durften noch der Kater und die Nixe sich anhängen, legte den Pfeil in den Bogen, fetzte sich hinein, spannte die Sehne mit der großen Zehe und griff rechts nach den Söhnen und links nach den Töchtern. Und dann schoß er ab. Was glaubt ihr? Mit einem Ruck flogen sie alle gleich wie ein rechter Gänsezug hoch in den Himmel hinauf, gerade noch, ehe die Hexe ihrer richtig gewahr geworden war. Und so gut hat der Mann die Richtung im Kopf gehabt, er siel mit den sieben Kindlein an der Hand, und der Nixe und dem Kater dazu, geradeswegs vor seinem Hof wieder zu Boden. Und es ist allen gut bekommen. Und Kater und Nixe sind zum Dank bei ihnen geblieben. Und den Pfeil hatten sie ja auch noch in ihter Gewalt, damit haben sie alles herbeizuholen gewußt, was sie nur brauchten, und sie haben, Mann und sieben Kinderchen, von da ab ein vergnügtes Leben geführt. Keinen Winter hat der Bauer die Kleinen mehr sortzugeben brauchen. Oie Dame im Pelz. Ein jahrhundertealtes Malermotiv. Bon Wilhelm Boeck. Bei allem Respekt vor dem paradiesischen Feigenblatt darf man getrost das Tierfell für die erste Form der menschlichen Bekleidung, die Kürschnerei somit für das älteste menschliche Handwerk halten. Niemals seit diesen Uranfängen der Kultur ist das Pelzwerk aus den Beständen der Mode gestrichen worden, aber seine Verwendung und Bliebtheit war vielfachen Schwankungen unterworfen. Zur vollen Aneignung seines stofflichen Reichtums gehört eine starke Materialfreudigkeit, ein Fingerspitzengefühl, das eben nicht jede Menschheitsperiode in gleichem Maße besitzt. Verschiedene Zeiten haben auch ganz widersprechend von der Eignung des Pelzes zur Zierde der Daine oder des Herrn gedacht. So wies das Mittel- alter diesen Schmuck dem männlichen Kleidungsstück zu, was bei der herben Naturnähe des Stoffes immerhin etwas für sich hat. Eigentlich nur den zarten Hermelin, und auch dann als zurückhaltende Verbrämung, Fütterung oder allenfalls die Körperformen gedämpft nachempfindende Weste, gesteht die Gotik mit ihrem Feingefühl für das unbedingt Weibliche der Frau zu. Das Erwachen der Sinne in der Renaissance schasst ein ganz neues Verhältnis zu diesem Material, das eine den Tastsinn reizende Kraft besitzt, wie kaum ein anderes. Venedig griff in seiner Begeisterung für stoffliche Schönheit jauchzend nach dem herrlichen Tribut der Tierwelt und legte ihn um die weichen Schultern seiner goldblonden Frauen. — In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, also die Zeit der eigentlichen Hochrenaissance, fällt der Geburtstag der Dame im Pelz. Hier wurde zum ersten Male der starke Reiz bemerkt, der durch den Kontrast der schimmernden Haut des schönen Frauenkörpers und die nicht in armselige Worte zu fassende Pracht des Pelzes erzeugt wird. Der an Macht des sinnlichen Eindruckes unerreichte Tizian streift seinem unschuldig schönen Modell das reiche Ilebergewand von der rechten Schulter, und erscheint auch der Pelz in handwerklicher Verarbeitung noch nicht rein, so ist er doch überall an den Grenzen gegen den blutigen Teint hervorgekehrt und von herrlicher Wirkung. Der Venezianer Sebastiano del Piombo trägt das Neuartige des Pelzes nach Rom und stimmt einen brausenden Akkord von abendlicher Landschaft, Früchteduft, sraulicher Neppigkeit und wogendem Wolfspelz an. Mit einer ausgesprochenen Modebewegung greift die rechte Hand der jungen Römerin nach der Brust und kostet mit den vornehm gespreizten, schlanken Fingern den merkwürdigen Reiz der langen grauen Haare aus. Ein geradezu enthusiastischer Verkünder der Pelzherrlichkeit lebte zur Zeit dieser Italiener in Köln am Rhein, ein letzter, glanzvoller Abkömmling der fruchtbaren Kölner Schule, Bartholomäus Bruyn. Mit einer für nordisches Schamgefühl erstaunlichen Verwegenheit läßt sich eine von ihm dargestellte, gewiß sehr vornehme Dame dem Pelzefsekt zuliebe porträtieren. Wie Tizians Schöne nimmt auch sie zur Steigerung noch den kalten Metallglanz des Schmuckes zu Hilfe. Und doch fügt ihr schwerfälliges Temperament sich nicht ganz in ihre Rolle wie Tizians Mädchen, das in lieblicher Selbstverständlichkeit wie eine Frühlingsblume dem lockeren Erdreich der weichen Fülle ihres Pelzwerkes entsprießt. Peter Paul Rubens sah wahrscheinlich, als er sich 1630 in diplomatischer Sendung am englischen Hofe besand, das kurz vorher vom König von England angekaufte Tizianische Bild. Und als er nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt Antwerpen, 53 jährig, die um ihre Schönheit vielgepriesene, damals siebzehnjährige Helene Fourment in zweiter Ehe heiratete, da mag es ihm eine besondere Freude gewesen sein, auch sie in solch reizvoller Bekleidung festzuhakten. Aber auch, wenn die Anregung von Tizian stammen sollte, so hat Rubens die Aufgabe doch überraschend neu gelöst. Hier streichelt der Mantel herabgleitend die lebenswarme Haut, berührt sie vielfacher, ganz leicht. Helene Fourment empfindet in noch höherem Grade das prickelnde Fluidum. Zur Entschuldigung der den Kunstfreunden offenbar etwas peinlichen Kostümierung hat man dieses Bild der Künstlergattin mitunter „Helene Fourment auf dem Wege zum Bade" genannt. Rubens selbst, dem das Stück eine Art Heilgtum seiner Liebe gewesen sein muß, nennt es bezeichnenderweise „Das Pelzchen", und zwar in seinem Testament, wo er seiner besonders gedenkt und es ganz ausdrücklich zum unbeschränkten Eigentum seiner Gattin bestimmt. In der galanten Zeit wird das echte Materialgefühlt zu Tode morsch, fällt dem dekorativen Ueberschwang zum Opfer. Das urhafte Anschmiegen an das Fell weicht einer allerdings wahre Wunder vollbringenden Verbrämekunst. So steht auch das vornehm schmeichelnde Porträt, das Jean Marc Mattier, der elegante Hofmaler des noch eleganteren Ludwigs XV., von der sechsundzwanzigjährigen Prinzessin Adelaide anfertigte, stark unter dem Eindruck des freigebig verfchwendeten Pelzbesatzes. Als dann Ende des 18. Jahrhunderts eine Auferstehung des zu dienender Stellung herabgewürdigten Pelzes kam, da geschah es in einer vollkommen neuen Form. Des dankbaren Materials bemächtigte sich ein Kleidungsstück, das sich bisher mit dürftigeren Mitteln beholfen hatte: der Muff. Als felbständiger Tell des Kostüms trat der Muff in dem von jeher empfindlichen Frankreich unter Katharina von Medici zum Wärmen der Hände aus, dessen gründliche Besorgung man durch niedliche King-Charles- Hündchen, als lebende Wärmflaschen mitgetragen, erreichte. Sobald der Muff um die Mitte des 18. Jahrhunderts nach dem Pelze griff, nahm die Entwicklung des von Damen und Herren mit gleicher Begeisterung getragenen Stückes einen ungeheuren Aufschwung. Er wurde viel größer, weiter, üppiger, schmelzender. Die Damen trugen ihn zur großen Gala, die Herren am Spieltisch des Königs. Mil erstaunlichem Feingefühl bringt Elisabeth Vigee-Lebrun, eine der weiblichsten Künstlerinnen aller Zeiten, die Intimität des mächtigen Muffgebildes zur Geltung. Man spürt geradezu, wie die unsichtbaren, sicher sehr gepflegten Händchen sich in der Tiefe des Muffes ergehen, wie ihr Vergnügen die Stimmung der anmutigen Dargestellten sichtlich hebt. Als die Vertreterin jener sorglos leichtfertigen, vergnügungssüchtigen, in ihr Verderben tänzelnden Welt um Marie Antoinette erscheint uns die fröhliche Madame Mole-Raymonb, die Adoptivtochter des als erster Liebhaber an der Comedie Franyaise vergötterten Franyois Mols, dessen Beliebtheit so weit ging, daß er selbst die Stürme der 1789 hereinbrechenden Revolution überdauerte. Eineinhalb Jahrhunderte war seitdem der Muff en vogue, wärmte die Hände, erfreute die Herzen und war das liebenswürdige Behältnis von Spitzentüchlein, Hustenbonbons und Billetdoux, bis die „neue Sachlichkeit" feine ausschweifende Pracht erstickte, bis man ihn still begrub. Der Weg des Pelzes durch das 19. Jahrhundert ist ein ununterbrochener Siegeslauf. Denn kannte das Jahrhundert auch keine Anpassung des Stiles an das Material, seinen Wert wußte es doch zu schätzen; und auf diesem Verständnis des 19. Jahrhunderts für Materialwert, zu dem unsere Tage die Materialgerechtigkeit gebracht haben, beruht die gesamte Gegenwartskultur. So haben wir auch heute — Gott sei Dank — so ziemlich mit den glas- äugigen Hängeköpfen, einer bezeichnenden Leidenschaft des letzten Jahrhunderts, aufgeräumt, die Anders Zorn so köstlich in seiner „Maja" verarbeitet hat. Ein nordisck>er Wind pfeift durch die lichtvoll harten Kontraste; nur ein klein wenig Paris hat der Schwede in die hehre Keuschheit gemischt. Die wuchernde Lebendigkeit dieser Pelzleiber ist eine Meisterleistung, wie sie dem Nordländer, der die Wohltat warmer Umhüllung besonders park schätzt, Vorbehalten war. Neun Jahre später als Zorns „Maja" ging das Pastellgedicht vom weißen Fuchs unter Hugo von Habermanns geschmacksicherer Hand hervor. Zweifellos steht das ältere Gemälde unserem „modernen" Verständnis näher als das heute überlebt anmutenbe Bildnis eines der hervorragendsten Frauenmaler. Aber an Beseelung ist die schlanke Schönheit mit dem etwas wehmütig enttäuschten Blick, aus dem so etwas wie Saisonüberdruß spricht, ihrer schwedischen Schwester weit überlegen. Die letzte Vergangenheit hat den Mantel, Jacke unb Cape der Pelzkonfektion der Dame einen Höhepunkt gebracht, wie sie ihn kaum je zuvor erlebt hat. — Daß man es auch heute versteht, mit Pelz zu kokettieren, braucht nicht gesagt zu werden. Moderne Schweißtechnik. Von Dipl.-Jng. Dr. Arthur Hamm. Die Technik des Schweißens hat in neuerer Zeit einen großen Aufschwung genommen, vielfach werden Verbindungen durch Schweißen ausgeführt, die früher in anderer Weife hergestellt wurden. Ist das notwendig, ist den möglichen Gefahren in genügender Weise Rechnung getragen? Dies zu erläutern seien im folgenden einige Mitteilungen über diese Technik gemacht. Unter Schweißen versteht der Ingenieur eine Technik, bei der zwei Metalle — es braucht nicht notwendig Eisen oder Stahl zu sein — gewissermaßen miteinander verschmolzen werden. Die Stelle, an der die Verbindung zustande kommen soll, wird brs zur Weißglut erhitzt und kommt so in einen halbflüssigen Zustand. Nähert man zwei Metallkörper in diesem Zustande einander, so sind sie imstande, eine Verbindung einzugehen. Früher kam das Schweißen fast nur in der Eisenschmiedetechnik vor. Meistens waren es Stäbe, die miteinander verschweißt wurden. Wichtig ist hierbei eine absolute Sauberkeit der Verbindungsstellen, da Oxydschichten eine saubere und haltbare Schweißung verhindern. Es war die Kunst des Schmiedes, das Eisen so in die Glut zu packen, daß der Luftsauerstoff nicht herankonnte und es in Weißglut geriet, ohne anzubrennen. So wurde die Schweißtechnik jahrhundertelang ausgeübt. Neuerdings kamen aber andere Verfahren auf. Mit dem Sauerstoff- Azetylenbrenner zog eine neue Technik in die Schweißerei ein, die sie nicht nur umkrempelte, sondern weite Anwendungsgebiete für Schweißverfahren schuf, wo Schweißen bisher gar nicht in Frage kam. Daneben ging noch eine andere Entwicklung, die namentlich in Deutschland sehr gepflegt wurde und für die deutsche Industrie zu großen Erfolgen geführt hat; das war die elektrische Schweißung. Der Sauerstosf-Azetylenbrenner wird gegen die zu schweißende Fläche gerichtet, er versetzt sie in Weißglut und reinigt sie zugleich von oxydierten Zusätzen, so daß die Stelle sich ohne Schwierigkeiten schweißen läßt. Er ist unter allen möglichen Verhältnissen anwendbar, freilich weniger bei ganz dicken Stücken, die er nicht genügend in Glut zu setzen vermag. Dasür kostet er außerordentlich wenig in der Anschaffung und ist somit auch für den kleinen Gewerbetreibenden zugänglich. Tatsächlich findet man ihn heute schon oft bei kleinen Schmieden, und es muß wohl ein sehr altes, rückständiger Schmiedemeister fein, der ihn noch für eine Erfindung des Teufels hält. Aber auch int großen, bei der Fabrikation aller möglichen Blechwaren, läßt er sich vorzüglich anwenden. Welchen Fortschritt er bedeutet, geht am besten aus einer Betrachtung der Röhrenfabrikation hervor. Welch ein umständliches Verfahren war das früher, wenn man eine Röhre von weitem Durchmesser, aber geringer Wandstärke brauchte! Solche Röhren konnte man nicht gießen, man konnte sie auch nicht nach dem Mannesmann-Verfahren walzen wie die zahlreichen Gas- und Wasserröhren von kleinerem Durchmesser. Man mußte sie aus Blech biegen und zusammen- nieten, bei einer Rohrleitung von einigen Dutzend Kilometern Länge keine kle fo Hi ■ Ei Ar Hc ist Si mc zu au UN au be lick Di ge zu Ar V< Di lick da $ fill W Di Ko zu ste Ei: Ni bir de tei ob Ni lei zu ist bi( no Pl tri be vo pl ex S so be ta S 6! V bi 91 ko ei G E kleine Arbeit. Brauchte man größere Dichtigkeit, als sie die Nietung gewährt, so mußte man sogar die ganze Rohrleitung im Feuer zusammenschweißen. Hier hat der Sauerstosf-Azetyleubrenner vollkommen Wandel geschaffen. Eine solche Röhre aus Blech zu biegen ist gewissermaßen eine Kleinigkeit. An der Naht, wo sich die beiden Enden der Bleche berühren, wird sie im Handumdrehen mit dem Brenner zusammengeschweißt. Durch ihn allein ist die wirtschaftliche Herstellung solcher Röhren möglich geworden. Ein noch viel größeres Anwendungsgebiet hat indessen die elektrische Schweißung. Man kann sie in mehreren Arten ausüben. Entweder stellt man sich einen Lichtbogen zwischen Kohlenstäben her, den man über die zu schweißende Stelle führt, die durch die riesige Hitze des Lichtbogens dann auf Schweißglut gebracht wird, oder aber man benutzt nur einen Kohlenstab und den zu schweißenden Gegenstand als zweite Elektrode. Endlich ist es auch noch möglich, den elektrischen Strom ganz durch die zu schweißenden beiden Teile zu leiten, die so in helleGlut versetzt und miteinander verschweißt werden. Das ist die sog. Widerstandsschweißnng. Alle drei Verfahren haben ihre besonderen Anwendungsgebiete. Die Widerstandsschweißung tft namentlich für die Massenfabrikation von Blechgegenständen äußerst wertvoll. Diese werden besonderen Maschinen aus endlosem Bande in Massen zugeführt, automatisch zwischen die Klemmbacken gebracht, die den Strom zuleiten; im Nu kommen sie auf Weißglut und sind miteinander verschweißt. Auf diese Weise lassen sich viele Metalle miteinander verschweißen, und die Verbindung wird durch die vollkommen automatische Betätigung sehr billig. Die außerordentliche Billigkeit so zahlreicher Gegenstände, die wir im täglichen Leben gebrauchen, die aus dünnem Bleche hergestellt sind, ist nur dadurch zu erklären, daß die Einzelteile in der automatischen Presse hergestellt und in der automatischen Schweißmaschine verbunden werden. Infolgedessen ist dieses Verfahren nicht nur für die Technik, sondern auch für das tägliche Leben von größter Bedeutung geworden. Welche Wichtigkeit die ganze Schweißtechnik auch außerhalb des rein Wirtschaftlichen besitzt, hat der Entwurf des neuen Panzerschiffes A gezeigt. Durch raffinierte Ausnutzung aller Möglichkeiten gelang es den deutschen Konstrukteuren, dem 10000-Tonnen-Schiff eine derartige Vervollkommnung zu geben, seine Geschwindigkeit, Panzerung und Bewaffnung derartig zu steigern, wie es bisher noch nie bei einem Schiffe dieser Größe gelungen war. Ein wichtiger Vorteil hierbei ist der vollständige Ersatz des früher üblichen Nietens der Schiffsplatten durch Schweißen. Die den Schiffskörper verbindenden Bleche wurden untereinander und mit den Rippen des Schiffes, den Spanten, durch unzählige Nieten verbunden. Das hatte zweierlei Nachteile. Erstens machten die auf beiden Seiten überstehenden Nietköpfe, obgleich jeder einzelne nur ein geringfügiges Gewicht besitzt, ein recht ansehnliches Gesamtgewicht aus. Zweitens wird durch die einzustanzenden Nietlöcher das Blech geschwächt. Es hat nicht mehr seine vollständige Festigkeit. Um daher den auftretenden mechanischen Beanspruchungen gewachsen zu sein, muß man das Blech stärker wählen, als an und für sich notwendig wäre. Das bringt einen weiteren unerwünschten Gewichtszuwachs. Wenn nun die Bleche miteinander lücht mehr vernietet, sondern verschweißt werden, fällt erstens einmal das Gewicht der Nietköpfe weg, und zweitens ist eine gute Schweißnaht fast ebenso fest wie das volle Blech, man kann dieses also in der Stärke wählen, wie es ohne Rücksicht auf diese Verbindung notwendig gewesen wäre. Diese doppelte Gewichtsersparnis soll bei dem Panzerschiff A gegen 1OOO Tonnen, d. h. eine Million Kilogramm, betragen. Damit ist nun freilich noch nichts über die Gefahrenmöglichkeiten, die bei dem Gebrauche des Schweißbrenners entstehen, gesagt, wohlgemerkt nur bei diesem, denn das elektrische Schweißen ist ganz und gar gefahrlos. Diese Gefahren sind zweierlei Art. Erstens kann die Stahlstiche, in der die Gase aufbewahrt werden, durch den hohen inneren Druck zer'prengt werden. Diese Gefahr ist verhältnismäßig leicht zu bannen; genügende Stärke der Flaschen, gutes Material und Vermeidung jeder Schwächung, z. B. durch das Einschlagen von Bezeichnungen, wie sie früher üblich waren, schützt vollständig dagegen. Daneben sind aber noch Möglichkeiten chemischer Explosionen gegeben. Azetylen z. B. neigt zum Zerfalle und ist dann sehr explosiv. Man schützt sich dagegen, indem man die Flasche mit einem porösen Stoffe, der mit einer azetylenaufsaugenden Flüssigkeit getränkt ist, anfüllt, so daß das Azetylen sehr zäh festgchalten wird und seine Neigung zum Zerfalle verliert. Zugelassen sind zu solcher Füllung nur solche Stoffe, die von der Chemisch-Technischen Reichsanstalt untersucht und dafür geeignet befunden worden sind. Endlich können Sauerstoff-Flaschen zerknallen, wenn irgendwie Oel hineingekommen ist; hiergegen sind daher sorgfältige Maßnahmen zu treffen. Daß trotz alledem noch Explosionen vorkommen, beweisen Vorfälle, wie die vor einiger Zeit gemeldete Katastrophe in Borsigwalde. Immerhin darf man daraus keine allzuweit gehenden Schlüsse ziehen, denn es werden tagtäglich in Deutschland und zahlreichen anderen Ländern unzählige Schweißstellen mit Sauerstoff-Azetylen hergestellt, und die Zahl der Unglücksfälle ist doch im Verhältnis dazu nur gering. Und auch von diesen sind die meisten nur auf Unvorsichtigkeit und Außerachtlassen der bestehenden Vorschriften zurückzuführen. Trotzdem wird man an ein Verfahren, das solche Gefahrenmöglichkeiten birgt, nur dann Herangehen, wenn es unbedingt notwendig ist. Da, wo die Möglichkeit besteht, sollte unter allen Umständen die billige und völlig gefahrlose Schweißung angewandt werden. Bei der guten Stromversorgung von ganz Deutschland wird es wohl selten vorkommen — z. B. bei Arbeiten in freiem Felde, etwa bei der Verlegung einer Ferngasleitung — daß dies nicht möglich wäre. Die noch bestehenden Gefahren des Azetylenschweißens aus der Welt zu schaffen ist aber eine vordringliche Aufgabe der technischen Wissenschaft. Wenn, wie es der Fall Borsigwalde zu zeigen scheint, noch Gefahren bestehen, die man bisher nicht kannte, dürfen keine Mitte! gescheut werden, sie zu erforschen und zu beseitigen. Unvorsichtigkeit aus der Welt zu schaffen, ist freilich, wie alle Erfahrung zeigt, ein aussichtsloses Unternehmen. Aber durch immer wiederholte Belehrung derjenigen, die mit den gefährlichen Gasflaschen zu tun haben, wird sich auch hier vielerlei tun lassen. Dann wird hoffentlich die Zahl der Unfälle noch viel geringer werden, als sie heute schon ist, so daß sich die technisch-wirtschaftlichen Vorzüge des Verfahrens voll auswirken können. Sidonie Beeskow. Novelle von E. A. G r e e v e n. Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 62. lForyegung.j „Du bist ein großer, großer Narr, Thomas Wiehl ... bin ich nicht bei dir?" „Heute bist du bei mir!" „Heute ist immer und nie mehr ..." Hanna wiegt den Kopf, und alles ist unsicher und tief verworren wie zuvor. Draußen, weit draußen zieht ein Segel schleichend langsam durch die Mittagsstaute, ein greller, weißer Brand in der Sonne. Wir neigen uns zueinander wie zwei Stämme, die aus gleichem Erdreich ihre Kraft ziehen. Da legte Hanna schmeichlerisch den Arm um meinen Hals, und ihr Haar ruht an meiner Schläfe: „Gib mir dein Amulett, das du immer bei dir trägst ... laß es mich sehen!" Es ist eine winzige, silberne Münze, auf der fast nichts mehr zu erkennen ist, ein Matapan des Dogen von Venedig. Ich trage sie seit langen Jahren mit mir herum und zögere — versteht ihr wohl, ich zögere, denn es täte mir leid, die Münze sortzugeben. Obwohl es doch Hanna ist, die mich bittet! Eine Weile dreht Hanna das Amulett in ihren Händen und betrachtet die verwischten Zeichen mit komisch ernster und gefurchter Miene, dann beugt sie sich blitzschnell nieder — o wie schön ist der Bogen ihres Rückens! — und küßt es zweimal brünstig wie zum Segen. „Nun ist es für immer von mir geweiht ..." und reicht es mir hin mit einem tränennahen, zuckenden Lächeln. Du Geschöpf der Erde, du elfenbeinerne Gottheit, hold und betrügerisch: sei bedankt für deine Gnade und diese Stunde und alles was die Tage bringen! Nichts ist böse, nichts ist gut — ich durfte noch einmal Thomas Wiehl und jung fein! Laß die Menschen sich verhärten mit Worten und Gesetzen: das Leben weih nichts von ihnen, denn das Leben ist ewig ungewiß und gesetzlos! Kennt man Frau Bergs Gartenfeste? Sie haben eine gewisse Berühmtheit erlangt, und wenn wir Alten hören, daß ein Gartenfest in Aussicht steht, so wissen wir schon, was die Glocke geschlagen hat, und nicken uns zu wie Verschworene. Denn es ist stets dieselbe, kleine Komödie: eines Tages erklärt Mutter Berg, daß sie sich ungeachtet der schweren Zeiten entschlossen habe, ihren Gästen ein Gartenfest zu geben mit Feuerwerk, Illumination und Bowle, weil sie es liebe, fröhliche Menschen um sich zu sehen, und weil es in ihren Prospekten mit fetter Schrift gedruckt steht. Schon flattert die berühmte Kunstmalerin, Fräulein von Gillseldt, geheimnisvoll von Tisch zu Tisch, beugt sich von einer Schulter zur andern und schlägt mit wichtig gedämpfter Stimme vor, ein Komitee zu bilden, um der herzensguten Mutter Berg einen kleinen Teil der Lasten abzunehmen. Herr Zollinger erklärt sich bereit, die ganze Bowle zu stiften, und von Florian erwartet man, daß er das Feuerwerk herbeizaubere; der Zollinspektor, der kein Wort redet, übernimmt den Schinken und die Zungenwurst für das kalte Büfett, und auf mich entfallen — es ist jedes Jahr das Gleiche — der Geiger Oehry und der Cellospieler Jaßmonn. Sie sind erprobte Kämpen und bilden mit Frau Bergs intimster Freundin, dem klavierbegabten Fräulein Tudichum, ein taktfestes Trio, das man weit und breit kennt. An Onkel Josua traut sich die närrische Gillseldt nicht heran, weil er ihr unheimlich ist mit seinen Horoskopen und bei ihr im Verdacht steht, Än Jude zu sein, wozu nur Herr Lewinski, ihr Verleger, ein Recht zu haben scheint. Aber es ist auch nicht notwendig, Onkel Josua zu fragen, denn er bringt unaufgefordert einen Korb Obst aus seinem Garten, und so bleiben für Frau Berg nur die vierundzwanzig Lampions übrig, die sie von ihrem Vorgänger übernommen hat. Dafür lassen wir sie hochleben, und sie legt aus Herrn Zollingers Bowle ein feierliches Gelöbnis ab, daß ihre lieben, lieben Gäste heute und immerdar ihrem Herzen die nächsten fein sollen! Nichts für ungut — wir verstehen uns aufs Festefeiern und, damit die Rührung nicht überhand nehme, intoniert Fräulein Thudichum mit frohem Kopfnicken einen kriegerischen Marsch, in den Oehry und Jaß- mann begeistert einfallen ... Aber so weit ist es diesmal noch nicht, nur die Schöpferin malerischer Ansichten stottert schon umher und sammelt die Umlage ein, wie Florian es nennt. Es dauert noch ein paar Tage, und vorher ist von dem merkwürdigen Besuch zu reden, den Sidonie Beeskow eines Mittags empfing und der mehr als eine Stunde auf ihrem Zimmer verweilte! Sagte ich nicht, es fei ein merkwürdiger Besuch gewesen, der Sidonie Beeskow heimsuchte? — Je nun, gar so merkwürdig war er nicht, im Gegenteil, es war ein hagerer Mensch von vielleicht fünfunddreißig Jahren, ein wenig jünger als Sidonie, in der gleichgültigen Eleganz aller großen Städte gekleidet. Mit einem Stöckchen in der Hand, das frech durch die Luft wippte, und schamlos falschen Augen. Fräulein von Gill- feldt traf ganz das Richtige als sie flüsternd kundgab, es sei ein jüngerer Herr aus den Kreisen der Gesellschaft gewesen. Ich saß in meinem Zimmer und las. Um die Wahrheit zu sagen, ich träumte über mein Buch hinweg und dachte an Percy, meinen Sohn, weil ich einen Brief bekommen habe, der mir seine baldige Ankunft meldet. Percy besucht mich zweimal im Jahr — das ist so ausgemacht mit feiner Mutter — und das sind immer gute Tage für uns, weil wir uns ohne viel Worte verstehen und gleichen Blutes miteinander wandern und lachen. Ich bin so sehr die Stille meiner vier Wände gewöhnt, daß ich erschrak, als ich plötzlich durch die Wand hindurch aus Fräulein SBeestoros Zimmer Stimmen vernahm. Und die Schritte eines Menschen, der heftig ____ auf und niederging. Zwei Stimmen: dis eines Mannes kalt und ohne Klang, Wucher treibend und Wunden schlagend — und die Stimme Si- doniens wie zersprungenes Glas, geschüttelt von Jammer und dem Schluchzen der Ohnmacht. Gott soll mich bewahren, in die Geheimnisse fremder Leute zu dringen, die mich nichts angehen! Ich verstand kein Wort, keinen Satz von dem, was sie sagten — ich schwöre euch, ich wollte nichts verstehen, aber ich wußte doch alles! Dort, hinter der Mauer, stand ein Gespenst, wie um uns alle Gespenster stehen, ein Gespenst, vor dem sie geflohen und in diesen Winkel sich versteckt hatte. Ein Mann, der einmal Rechte besessen, wo kein Recht gilt, nur Gnade und Schenken, und der heute darauf pochte! Einer, der sie ausgesogen an Leib und Seele und nun gekommen war, ihre Leiche zu plündern! Alles im Namen der Liebe, die ein geduldiges Wort ist für Himmel und Hölle und was wir Menschentiere daraus machen! Und jetzt schrie die Stimme Sidoniens — o Gott des Erbarmens, wie sie aufschrie aus Oual und irrer Verzweiflung und ihren eigenen Schrei in Wimmern erstickte! Ich wollte aufspringen und davonlaufen, weil ich nicht den Mut hatte, mit meinen Ohren zu hören, wie ein Mensch zerbrach vor Entsetzen und nach Alleinsein schrie. Da wurde es still. Totenstill. Aber die Stille war unheimlicher und grauenhafter als alles, was ich vorher vernommen. Eine Tür schlug hart ins Schloß, und Fräulein von Gillfeldt, die im Garten saß, sah einen Herrn das Haus verlassen, mit einem Stöckchen in der Hand, das frech durch die Luft wippte, und einem Lächeln auf den Lippen. Er habe ausgesehen wie einer, der weiß, was er will, sagte die Gillfeldt, und das wird wohl stimmen. Ich kenne diese Gesichter, ich habe Angst vor ihnen wie vor Mördern! Als Sidonie Beeskow am Abend zu Tisch kam, war keine Spur von Erregung in ihren Zügen zu lesen. Stumm und leergebrannt ging sie an meinem Platz vorüber und nickte mir zu wie alle Tage. Nur als Hanna einmal das Wort an sie richtete, verzerrte sich ihr Mund und eine dunkle Röte flammte aus ihrem Innern, Stirn und Wangen tief bedeckend. Erst viel später, als alles längst vorbei war, erfuhr ich zufällig durch den Schreiber des Notars, daß Sidonie Beeskow am Tage nach dem Besuch jenes Mannes Wertpapiere und ihre Grabstätte in Braunschweig verkauft und den Erlös an die Adresse eines ihm unbekannten Herrn geschickt habe. Ja, auch ihre Grabstätte, und der Schreiber fügte hinzu, daß Fräulein Beeskow auf eine verwunderlich traurige Art gelächelt und den, Notar gesagt habe, nichts im Leben müsse man sich so teuer erkaufen, wie Frieden und Ruhe! * Onkel Josua ist in sich versonnen und wortkarg. Wenn man ihn fragt warum, so schüttelt er bloß den Kopf und winkt mit der Hand ab; das ist ein Zeichen, daß er nicht darüber reden möchte. Aber so viel glaube ich doch zu wissen, daß es nicht seine eigenen Sorgen sind, die ihn drücken. Vielleicht weiß er mehr als wir anderen oder er fühlt mit feineren Sinnen, daß ein Fluidum nahender Dinge uns umweht und dunkle Vögel vor der Sonne fliegen. Er hat mir zuweilen von der Gabe des zweiten Gesichts erzählt; vielleicht daß auch er sie besitzt, aber was weiß ich von Onkel Josuas geheimen Gaben! Ich bin kein Auserwählter, mir sind die Tore verschlossen! Vielleicht auch kreisen seine Gedanken um Sidonie Beeskow, denn seine Augen, klug und alt, ruhen sehr oft auf ihr, wenn sie glaubt, daß niemand sie beobachtet. Ich habe längst schon bemerkt, daß Onkel Josua Anteil an ihr nimmt und stets gut und milde von ihr spricht, wenn er es auch vermeidet, in den Kreis ihres Lebens zu treten. Wer sich ein wenig auf Menschen versteht und Fingerspitzen hat, die zu fühlen vermögen, der nimmt wohl wahr, daß die Luft um uns, der Lebensbereich, in dem wir atmen, auf eine seltsame Weise sich verändert hat. Es ist, als ob eine Spannung in ihr läge und als ob dieser und Mer ganz ohne Willen getrieben würde, seine Tage und Nächte unter heimlichen und erhöhtem Druck zu leben. Merkt wohl auf, ich spreche von diesem und jenem, nicht von mir! Ich stehe außerhalb des Drucks und der Gewitter: mein Amulett ist gesegnet, meine Scheuer gefüllt! Ich habe genug und kann in Frieden leben! Aber Hanna ist ein Füllen auf der Weide, toll und ausgelassen, voll ruheloser Lustigkeit. Sie lacht und springt den ganzen Tag, wie ein Irrwisch ist sie bald hier, bald dort und plötzlich wieder verschwunden! Mutter Berg ruft ganz vergebens ihren Namen durch Haus und Garten; ich weiß, wo Hanna steckt: Seite an Seite mit Sidonie Beeskow, Arm in Arm mit ihr am See, auf den Dampfer und die Dämmerung wartend! Ich weiß noch viel mehr, doch es berührt mich nicht. Hanna mag tun und lassen, was sie will. Was schön und köstlich an ihr war, habe ich geborgen! Mein Werk ist getan, meine Arbeit ist fertig — ich brauche keinen Schuppen und keine Geräte mehr! Jugend mag'weitergehen, von Erleben zu Erleben — ein Tor, wer sie schilt und hinter ihr herjammert! Hanna trägt Ohrringe aus Schildpatt, wie man sie vor langen, langen Jahren einmal trug, hängende, zierlich geschnittene Ovale aus dunkelstem Schildpatt, die ihre leuchtenden Augen und den schweren, zuckenden Mund geruhsam rahmen. Wißt ihr, wer ihr die Ohrringe gab und den spanischen Seidenschal, der um ihre Hüften liegt? Still, nichts davon — wir wissen es alle! Ihre Füße stecken in Goldkäserschuhen, die es weit und breit nicht zu kaufen gibt, und gestern trug sie ein Kleid, rehfarben und mit Knöpfen aus Korallen, von dem das ganze Städtchen spricht. Habt ihr auch schon bemerkt, ihr neugierigen Gäste Mutter Bergs, daß Sidonie Beeskow zu neuem Leben erwacht ist und aufblüht unter Hannas Augen?! Wie war sie scheu und verschlossen und faßt in dieser verwandelten Zeit ein wunderlich blindes Vertrauen zu diesem Wesen, das halb Kind, halb Weib ist! Tut sie es nicht, weil sie muß, weil Alleinsein so furchtbar ist und langsam tötet? Seht, wie gegen alle Vernunft und böse Erfahrung ihre frierende Seele sich wärmt an Hannas jugend- leichtem Sinn, der sie ein Geschenk des Himmels dünkt, das sie niemals besessen! Ach, es liegt ein erster Schimmer von Glück auf Sidoniens Zugen, aber uns, die wir Augen haben zu sehen, macht es über dis Maßen traurig. Denn sie tennt Hanna nicht, so wie ich sie kenne, und das ist schlimm für eine Frau wie Sidonie Beeskow. Sie ist so sehr im Tiefsten gläubig und hängt ein Letztes an die Schwingen des Vogels, bej morgen schon davonfliegt! Und ein wenig — verzeiht! muß ich lächeln und die Achseln zucken über die Menschen. War Sidonie Beeskow nicht in Qual und Verzweiflung geschlagen und getroffen an der Wurzel ihres Seins? Und heute — Wochen find vergangen, nicht Jahre — wo ist heute ihr großer Jammer, wieviel ist übrig von ihrer Erkenntnis, daß unser Leben ein grauenvoller Betrug sei?! Ringsum war Nacht und plötzlich: ein Fünkchen der Ferne ist Licht genug, um alle Klugheit zu verscheuchen! Sie hängt ihr Letztes an die Schwingen des Vogels, der morgen davonfliegt. Wohin? Gott weiß zu wem! Ganz gewiß nicht mehr zu mir. Mir kann Hanna nichts mehr geben, ich will dankbar fein bis ans Ende. Man muß in meinen Jahren nicht glauben wollen, daß Glück ein Ding fei, das länger währt als eine Stunde. Man muß endlich einmal aus der Schule heimkehren. Nein, nicht zu mir wird sie kommen, aber vielleicht zu dem, der ihre Bestimmung ist und dem sie gehört, weil er sie eines Tages für sich fordert! Da ist Florian, der Land auf Land kauft und fein Sägewerk täglich erweitert, der fein Holz in großen Schiffen hinüberfchickt in die Schweiz und ein Haus baut. Denkt ihr, ich sähe nicht, daß seine Augen in Brand stehen und seine Hände vor Hanna schwer werden, weil er ihrer inne geworden ist und ihr Duft in fein Blut fiel?! Hanna tut, als ob sie nichts von alledem bemerke, aber in ihrer Stimme zittert mehr Furcht und heimlicher Jubel, als sie weiß und sich selbst gesteht. Es reizt sie, dicht an ihn heranzutreten, so oft er ihr begegnet, und den Bären in ihm mit ihrem Spott zu stacheln, aber wenn plötzlich seine Schwere über ihr wuchtet, wird sie ein kleines Mädchen, das sich fürchtet und auf List sinnt, zu entschlüpfen. Sage mir, Hanna, für wen in weiter Welt trägst du Ohrringe aus Schildpatt und einen seidenen Schal? Für wen die Kleider, die ich nie an dir sah, klüglich auf den Leib geschnitten und wohl berechnet für eines Mannes Auge? Und für wen find deine Zärtlichkeiten, wenn du dich an die Schulter einer andern lehnst und Sidoniens Arm streichelst vor Florians Augen? — Du bist auf der Flucht, kleine Hanna — auf einer Flucht, die bald enden wird! Mich täuscht du nicht; Thomas Wiehl kennt zu gut euer Spiel, es ist oft genug auch um seinetwillen gespielt worden. Percy ist gekommen und hat sein kleines Zimmer im Dachgeschoß bezogen. Aber bis lange nach Mitternacht fitzt er bet mir, und ich lasse ihn reden und erzählen. Percy ist geladen mit tausend Fragen und Plänen, die seinen Jahren sehr wichtig scheinen und von denen er findet, daß man sie „unter Männern" besprechen müsse. Ich darf nicht lächeln, denn aus Percy spricht die Stimme des Jungseins und lehrt mich den Ernst des metgeftatten Lebens. Vornübergebeugt schau ich ihn an und entziffere ihn vom Scheitel bis zur Sohle, lese Vergangenes und Gegenwärtiges. Percy hat die Stirn seiner Mutter und ihre Augen — nun gut, ich verlange nicht, daß er in allem mein Ebenbild sei. Gott bewahre! Wenn im Gespräch hin und wieder der Name seiner Mutter fällt, sieht er mich zögernd an, wie wenn er fürchte, an eine Wunde gerührt zu haben. Nein, mein Sohn, so steht es nicht um mich! Dein Vater hat gelernt, einen Strich zu ziehen, einen Punkt zu setzen und auszulöschen, was seiner Art fremd ist. Zu Jahren kommen, heißt in die arktische Zone treten und dicht am Herzen die Vereisung der Welt spüren. Höre nidn zu, mein Junge, und lache unbesorgt; es wäre nicht gut, wenn du mich heute schon verstündest! Wie alt bist du, Percy? — Siebzehn Jahre und ein Weniges darüber. Mit den Fischern hinausfahren und Netze legen, in den Wäldern streiken und zwischen Mauerresten graben, wo der Boden hohl klingt noch verborgenen Gewölben, an den Hängen klettern, wo die Falken nisten und vor hundert Jahren der Räuberhauptmann Fidelis herumkroch und den Leuten ein Schnippchen schlug — das ist Percys Lust und Leben und das Beste, was ich ihm geben kann! Percy ist gut Freund mit Hanna und darf mit ihr hinausrudern und das Segel bedienen, auch bisweilen, wenn alles glatt geht und Hanna gnädig gelaunt ist, an der Pinne fitzen und versuchen, ihre leichte Jolle zwischen den Bohlen hindurch in den Hasen zu lenken. So gehen Percys Tage vorüber, einer nach dem andern ... Wenn der Abend kommt, stehe ich bei Schillings, dem Angler, am Kai und laße mir erzählen von Felchen und Hechten und wie er mit Menschenschcaue die Klugen überlistet. Bis ein weißes, kleines Segel dort draußen zum letztenmal wendet und durch die Kühle der Abendschatten wie ein Pfeil heranschießt. Fast noch ein Knabe ist Percy, aber wenn er an Land springt und Hanna die Hand reicht, die sie lachend ergreift, bann leuchtet Erwachen aus seinen Augen, und sein Mund, der mein Mund ist, wird heiß von der Bedrängnis seiner Jugend und ungeküßten Küssen. Auch Fräulein Beeskow hat abendliche Wege und weiß es fo ein« zurichten, daß sie am Ufer steht und Hanna erwartet. Ein wenig abfcife von mir, unter den Kastanien, geht sie auf und ab. Sie hat Angst um Hanna und blickt mit Sorge auf Percys leichten, federnden Schritt. Sie leidet Qual wie ein Armer, der nach Fahrt und Irrfahrt eine Freistatt gefunden hat und von allen Seiten Raub wittert. Endlich ist Warwe gekommen in ihre Einsamkeit, ein Mensch ist ihr nahe, dem sie geben kann von ihrer Güte, an den sie sich und ihre Dankbarkeit vcrschwcncen darf. Und der nur freundlich zu ihr fein soll, ein wenig menschlich und ihr Dasein duldend! Man kann nicht gut bescheidener sein als Sidonie Beeskow, die für sich nur um ein Lächeln bittet. — Zum Teufel, wenn man s einmal auf die Waage legt: sie zahlt einen hohen Preis für das bißche« Wärme, und ein lächelnder Mund kommt sie teuer zu stehenl (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.