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Sei dir dies ans Herz gelegt, Als besonders schicklich: Daß zum Most Auf dem Rost Du Makronen braten so(ll)st. * Wenn dich Weltschmerz packt, Wenn dich Gram zerhackt, Wenn die Liebe dich am Zwickel zwackt, O dann hole dir Schwarzes Porterbier, Mische Ale ein nach Formel 2:4. Dieses schlürfe dann, Schwer geprüfter Mann, Chester Käse koste dazu dann und wann. Tellebub. Eine Hundegeschichte von Balder Olden. Ich war einmal ein sehr armer Junge mit siebzehn Jahren, vereinsamt in einer fremden Stadt, ohne Woher und Wohin; vor dem Verhungern, nicht vor dem Hungern, schützte mich ein Wechsel von 78,50 Mark monatlich; Freundschaften zu pflegen, eine Liebste auszuführen, dazu reichte es nicht. Zwecklos herumstromernd, weil nur die Straße irgend etwas an Hoffnung trug, lernte ich einen anderen Einsamen und Ungesättigten kennen, einen schwarzen, schlecht geschorenen, im Alter dem meinen entsprechenden Pudel. Wir trafen uns häufig, unterhielten uns; er begleitete mich ein Stück Wegs und sah mir an stets derselben Straßenecke unentschlossen nach. Sein Wesen, obgleich auch gedrückt, war heiterer als das meine und tat mir wohl. Tag um Tag wurde seine Begrüßung herzlicher, der Abschied schwerer. Ich ging in seine Straße, ging nur noch aus, um ihn zu treffen. Manchmal fehlte er, dann war mein Spaziergang nichts als Enttäuschung. Natürlich war er durch höhere Gewalt verhindert worden; aber mir blieb doch die schmerzliche Leere. Als der Pudel zum erstenmal ganz sicheren Schrittes bei mir blieb, die Straßenecke, die ihm als Grenze gesetzt war, überschritt, als er mich besuchen kam, die erste Nacht bei mir verbrachte, war ich glücklich, wie nur eine Eroberung machen kann. Auf seinem Halsband stand „Tell" und der Name eines „Besitzers". Tell stand auf und tanzte hungrig auf den Hinterbeinen, wenn ich aß, manchmal aber ganz ohne Anlaß, nur um ins Plaudern zu kommen. Er bettelte mir ein Paket oder den Stock ab, denn ganz zwecklos ging er nicht gern spazieren. Irgend etwas zu tragen, eine'Rolle zu spielen und angeschaut zu werden, war ihm Bedürfnis. Raufereien ging er aus dem Weg, schon unter Berufung auf seine Tätigkeit als Page. Konnte er gar nicht ausweichen, dann wehrte er sich ganz tüchtig, bis ich ihm beisprang; nie verließ er die Walstatt, ohne seine Last wieder aufzunehmen. Wie schwer Tell für seine dienstbare Freundschaft bei mir bezahlt hat, erfuhr ich bald; als ich nämlich erkannt hatte, daß das Leben ohne ihn nicht mehr ging und feinen Besitzer aufsuchte. Windelweich hatte der ihn für jeden Nachmittag und jede Nacht außer Hause geprügelt. „Cs nützt Ihnen nichts", sagte ich. „Der Hund bleibt jetzt doch bei mir." Das Lösegeld, das dieser schofle Sklavenhalter im Kleiderladen mir erpreßte, war enorm. Zehn Mark monatlich für vier Monate! Zehn Mark von Achtundsiebzigfünfzig, obwohl es jetzt zwei Mäuler zu stopfen gab! Es kam eine schlimme Zeit, ich vernachlässigte meine Vorbereitung aufs wilde Abitur und quälte mich um ein bißchen Erwerb. Wochenlang me wirklich satt sein, nie warm, nie richtig gebadet ... Dann fand sich em halbblinder Junge, der von mir Unterricht in Schönschreiben und kaufmännischer Korrespondenz hinnahm. Meine eigene Handschrift war eme solche Katastrophe, daß ich schon auf das Bewerbungsschreiben hin vom Abitur zurückgewiesen wurde, einen kaufmännischen Brief hatte ich äetoIiebi"- Aber es ging, mein Schüler zeigte Engelsgeduld! Jeden Ersten brachte er mir die zehn Mark, die ich zum Sklavenhändler trug, bis der Tell mein war. Er weckte mich mit einem Sprung ins Bett und heftigen Zärtlich- 7'30 Uhr, pünktlich auf die Minute. Er begleitete mich zur „Presse, wo ich meine vier Stunden lernen und zwei Stunden lehren mußte, zur Hochschule, wo ich als Hospitant Vorlesungen hörte wußte genau wann ich diese Häuser verließ und erwartete mich am Portal. Kam ieh durch Zufall früher heraus, verfehlten wir uns, dann raste er die Stadt ab, die Cafes, in denen ich manchmal faß, den Mittagstisch, den Bäckerläden, fragte immer wieder bei meiner Mutter, ob ich noch nicht zuruck sei. ’ ’ ’ Manchmal mußte ich ihn einsperren, weil ich ein anderes Programm hatte, und allein, nach vielen Trostversuchen, davongehen. Dann saß er auf dem Fensterbrett, ich hatte ein Hofzimmerchen im ersten Stock, sah mir nach und schaute unentwegt zur Torfahrt, bis ich wiederkam Einmal hatte ich Abschied genommen, zugesperrt, war die Treppe hinunter gegangen und trat auf den Hof hinaus — da trat ein schwarzer Pudel vor mich hin, wand sich, lachte, winselte voll Glück und Stolz Ich sah hinauf — kein Tell im Fenster. Es hatte zum erstenmal seitab von meinem Fenster ein Gartenteich im gepflasterten Hof gestanden. Am Vertrauen auf die Elastizität des eisernen Gestänges hatte sich Tell aus dem ersten Stock schräg längs der Wand herabgestürzt. Ein Meisterstück von exaktem Sprung, der auf den Zentimeter glücken mußte, sonst war der Hund zerschmettert. Dressiert habe ich Tell nie, und trotzdem war er bald ein Ausbund von Kunstfertigkeit; was ich von ihm wollte, begriff er sofort, wir einigten uns auf die Tonlage, in der ich meinen Wunsch äußerte, und er führte ihn aus. Die athletische Beherrschung seines leichten Körpers und ein unglaublicher Mut halfen dabei. Er sprang über riesige Bernhardiner und Doggen fort und gab ihnen im Sprung einen Stupps mit den Hinterpfoten. Die Bestien brummten und wollten ihn zerfetzen. Aber er war zu schnell und zu sachlich; spielte nicht den Helden, der sich bis zum letzten Blutstropfen verteidigt, sondern hatte seine Rückzuqslinie schon vorher zurechgelegt und entwich ohne Gefechtspose. Er sprach junge Damen an und zeigte ihnen sein Ausgehpaketchen, wenn ich ihm zuqe- flustert hatte „die da". Seinem Charme widerstand kein Mädchen es mußte sich erst mit ihm und dann mit mir über ihn unterhalten.' So kam ich zu Freunden. Aber nie sprach er Damen an, ohne daß ich ihm den Wink gegeben hatte. War eine Beziehung innig geworden, dann gehörte die junge Dame ganz zur Familie. Er begleitete sie nach Hause nahm ein Butterbrot bei ihr, trug Briefe hin und her. Mochten wir auch spater miteinander brechen, er brach nie mit einer einstigen Freundin. Wir spielten Verstecken: ich zeigte ihm einen Gegenstand, hielt ihm die Augen mit seinen langen Persianer Ohrgehänge ein paar Sekunden lang zu und steckte das Ding in meine Tasche. Dann hieß es: such! Tell raste unters Bett, kroch flach wie eine Kröte unter den Schrank, spähte unter Decken und Kopfkissen, turnte über meinen Schreibtisch auf den Ofen hinauf. Er konnte nicht nur springen, sondern wirklich klettern, machte wie ein Alpinist schroffe Wände, schnüffelte meine Besucher ab, jachterte und heulte vor Eifer. Bis es genug schien, bann sprang er an mir empor, zog das Ding aus meiner Tasche und gab sich ganz als erfolgreicher Sportsmann. Ich wählte nie ein anderes Versteck als meine Tasche, das Ganze war nur Theater. Tell hatte wenig Nase, kein bißchen Talent zum Suchen. Er spielte nur prachtvoll die Rolle eines prachtvoll dressierten Vorstehhundes. Die ersten Studentensemester in Freiburg, obwohl sie mit einem Scheck begannen, wurden unsere glücklichste Zeit. Wir waren zusammen angekommen, hatten eine Bude gesucht, mit Rücksicht auf Tell ein Par- terrezirnrner nach der Straße, und hatten nach der Reisenacht dort eine Stunde geschlafen. Wohlgemerkt, mein Gepäck war noch auf der Bahn! Dann hatten wir uns die für Tell fremde Stadt angeschaut, irgendwo gegessen, irgendwo im Cafe gesessen, einen Besuch gemacht — dann uns verloren! Kein Polizeiamt wußte etwas von Tell, ich hatte einen Preis ausgesetzt und gesucht, mich heiser gepfiffen und gebrüllt. Spät nachts kam ich nach Haus und tief vergrämt. Aber als ich in die dunkle Straße einbog, in der wir eine Stunde verbracht hatten, raste mir diese schwarze Kugel mit flammenden Lichtern entgegen, mein Tell mit feiner roten Zunge zwischen gleißenden Zähnen, tobte an mir hinauf, patschte mir die heiße Zunge ins Gesicht, rückwärts über die Schulter hinunter, vorn wieder herauf und schrie vor Glück. Er hatte gewußt, daß man dort wohnt, wo man eine Stunde geschlafen hat, war durchs offene Fenster in mein Zimmer hinein und heraus geklettert, hatte sich mit seinem zielbewußien Suchen und Warten in der Nachbarschaft sofort populär gemacht. Freiburg war eine Stadt nach feinem Sinn. Nachts auf den Rand des Berthold-Schwarz-Brunnens zu springen und zwischen lauter sech- zehntem Jahrhundert gespenstisch, mit glühenden Augen, das weite Achteck zu umschreiten, das war eine Lust für diesen Komödianten aus Leidenschaft. Aber hier gab's auch Sport: hinter meinem Fahrrad her das Höllental hinauf, höhnisch an gauzenden Dorfködern vorbei, Kletterpartien am Paulke, an den Felswänden des Feldberg, Duschbäder im Wasserfall, Freischwimmen in der Dreisam — das war Leben! Höchsts Erfüllung brachte uns beiden der Wintersport. Die Uebungshänge hinunter glitt ich, und hinterher, ein schwarzer Ball in Wellensprüngen, raste mein Tell, versank tief in den Schnee und schnellte wieder auf, war nicht tot zu kriegen, schleppte noch mit, was ich an Handschuhen oder sonstiger Habe verlor. An sich war er ja ein zartes Bürschchen, schwächer als die meisten Hunde. Aber ein Athlet in der durchgedachten, durchtrainierten Beherrschung seines Körpers. Wir waren damals nicht mehr so arm wie zur Zeit unserer Begegnung, hatten Freunde und Freundinnen die Menge, aßen uns satt und genossen das Leben. Große, erwachsene Studenten mit richtigen Schnurrbärten wurden manchmal eifersüchtig auf Tell, der mit jedem spielte, jeden begrüßte, aber nur mir gehorchte. Einmal kam es fast zum Duell, weil einer mich anbrüllte: „Du hascht ihn gege mich aufg'hetzt, du Simpel!" Im Herbst zog ich mit Tell und einem Kommilitonen als Ernte- arbeiter durch den Schwarzwald. Meine Arme leisteten nicht viel, aber wie der Tellebub die Herzen der Bauern gewann, wenn er sich von einem Felsen ins Wasser stürzt, aus Bäume kletterte, sich als müder Schläfer auf den Rücken legt und verschlafen die Augen wischte, lauter ganz unhündische, menschliche Bewegungen und Gewohnheiten zeigte, das war unsere Leistung. Wir bekamen alles, Zigarren und Kirschwasser dazu, brauchten kaum zu arbeiten, wenn wir nur abends den Tell bewundern ließen. Bald darauf rückte ich ein, war Soldat. Tell stand draußen in der Zähringer Allee, Ecke Burgunderstraße, schnüffelte und spähte Trupp um Trupp ab, bis er mich im Glied entdeckt hatte. Das Exerzieren konnte er gleich nicht ertragen, dies seelenlose Stechschrittmachen und Griffe klopfen war ihm zuwider und schien ihm meiner menschlichen Stellung unwürdig. Hundert Burschen, die alle zugleich dasselbe taten, ein Hundertstel dieser Maschine sein Freund ... Felddienstübungen gingen schon eher, er war immer dabei, aber mehr beim Hauptmann, der das Ganze leitete, als in der Schützenlinie. Gern besuchte er mich auf der Schießstandwache, weit draußen im Wald, trug dem Mädchen meinen Proviantkorb und begrüßte die Soldaten meiner Kompagnie herzlicher als alle andern. Aber er blieb nicht bei mir, sondern trottete mit dem Mädchen oder etwas später mit irgendeinem herumziehenden Trupp wieder nach Hause. Eine Rächt hat er nie meiner Wache geopfert! Einmal machte er Sensation, als ich „Posten vor Fahne" war, im Zentrum der Stadt zwischen der Hauptkaserne und dem Haus des Generals. Dort hieß es dreißig- oder sechzigmal in der Stunde Gewehr präsentieren und jedesmal -sah neben dem Posten ein schwarzer Pudel mit rotem Seidenband am Hals in strammer Männchenhaltung! Die Osfiziere, denen unser Doppelsalut galt, taten, als sähen fie’s nicht, winkten nur rasch ab, weil alles Volk, unberührbar ernste 'Korpsstudenten sogar, von Lachen bebten. General de Fallois, der würfelförmig gebaut und sehr rot im Gesicht war, wurde blaß, fein weißer Hängeschnurrbart bauschte sich vor Zorn. Man konnte ja weder verbieten, daß ein Hund neben mir saß, noch konnte man als säbelklirrender Ssfiziersoldat ein Pudeltier auf dem belebtesten Platz der Stadt wegen Verhöhnung der Armee unter Verfolgung setzen. Ein riesengroßer Geistlicher, sein Bauernkopf war wie ein grauer Fels, blieb stehn und freute sich mit unbewegtem Gesicht. „Du hascht a gscheit's Hundle", sagte er zu mir, aber ich durste nicht antworten. „Der gibt's ene." Das war meine einzige Begegnung mit dem großen Volksschriftsteller Heinrich H a n s j a k o b , über dessen Werk ich damals in freien Stunden eine Doktorarbeit schrieb. Im übrigen hat dies vielbesprochene Schauspiel meiner nie sehr aussichtsreichen Militärkarriere eher geschadet. Als ich vier Stunden später wieder aufzog, war kein Tell da, und er kam nie wieder, war tags darauf nicht in meiner Wohnung, stand nicht mehr in der Zähringer Allee, Ecke Burgunderstraße, wenn die Trupps zum Felddienst ausrückten, sah mich auf der Straße und muckste nicht, strich an mir vorbei, wenn ich auf dem Fahrrad saß, wie an dem fremdesten Fremden. Ein paarmal verfolgte ich ihn, einmal hab' ich ihn erwischt und verprügelt, das Herz voll Enttäuschung, die Hände voll Wut. Er benahm sich, als wäre er von einem Wildfremden mißhandelt, war danach nicht glücklich, sprang nicht an mir empor. Tell hatte sich einer Familie mit Kindern und freien jungen Menschen angeschlossen, in der jeder seine eigenen Bewegungen, seinen eigenen Geruch hatte. Es war unglaublich, aber mit Hände» zu greifen, daß er das Soldatentum haßte und mich vergaß, feit ich in dieser Schablone öüfging. Gehungert und gefroren hatte er mit mir, sich von feinem Sklavenhalter Tag um Tag für mich prügeln lassen. Aus der Straße hatte er mich erwählt unter 87 000 Darmstädtern und war mir treu geblieben unter 76 000 Freiburgern, war im ganzen drei Jahre lang, also die Essenz eines Hundelebens, mein Bruder gewesen. Jetzt wollte er nichts, aber auch nichts mehr von mir wissen. Hätte der Tell gewußt, daß ich während dieses Jahres zweimal ohne- Urlaub in Basel war, mein heimliches Zivil wie einen Ornat trug, die Welt ganz neu genoß, im Rathaus Böcklins Farben inbrünstig erlebte, daß ich beide Male bis zum letzten Nachtbummelzug entschlossen mar, zu bleiben, in die Knochenmühle der Infanterie nicht zurückzukehren — und mich jedesmal nur überwand, weil eine Zukunft ohne Deutschland nicht vorstellbar war; hätte der Tell das gewußt, vielleicht hätte er wie ich das Dienstjahr überstanden. Soweit aber reichte das Verständnis dieses genialen Komödianten und Radikalindividualisten nicht. Er verstieß und vergaß mich: wir haben uns nicht wieder gesehen. Das silberne Service. Eine wahre Begebenheit von A. F. Koni. Putilin war sehr stolz auf seine Findigkeit. Er sprach oft mit Hingebung von den Abenteuern vergangener Zeiten. Einmal hat er mir (laut den Aufzeichnungen in meinem Tagebuches folgendes erzählt: „Der vorliegende Kriminalfall ist doch etwas ganz Banales —, ach, wirklich gute Sachen kommen ja heutzutage überhaupt nicht mehr vor' Und auch die wirklichen Verbrecher gibt es nicht mehr — es ist gar nichts Rühmliches mehr daran, so einen heutigen zu fangen. Und dann auch die Diebe: wirkliche, famose Diebe sind gar nicht mehr vorhanden. Früher sagen wir einmal, spürtest du einem Diebe nach, und zittertest für dein Leben: er war wohl bloß ein Dieb, aber er ließ einem nichts durch! Früher war der Dieb solide in jeder Beziehung, aber jetzt? — er ist erbärmlich, er ist ekelhaft! Er wird bestraft, sitzt das Seine ab, wird bann in den Heimatsort abgeschoben —, und kommt daraus gemütlich wieder zurück. Die nennen sich ja schon selber „Spiridon-Kehrwiederum". Meine Agenten schnappen sie auf der Eisenbahn, nehmen sie am Kragen und führen sie mir vor verhungert, durchfroren, zitternd am ganzen Körper — man schaut ihn lieber gar nicht an. Du sagst ihm also: — du bist ja doch ein Dieb, mein Lieber.— Was soll man machen, Iwan Dmitrijewitsch, die Sünde ist nicht zu verstecken, ich bin ein Dieb. — So muß man dich also per Schub fortexpedieren. — Haben Sie Mitleid, Iwan Dmitrijewitsch! — Nun sag' mal, was bist du für ein Dieb?! Ein Dieb muß nach etwas aussehen, stattlich sein, fein angezogen, — aber du? Na, sieh dich doch mal im Spiegel an —, was bist du für ein Dieb? Irgendein Waschlappen bloß, aber kein Dieb. — Was soll man tun, Iwan Dmitrijewitsch, Gott schickt mir kein Glück. Schieben Sie mich bloß nicht ab, tun Sie mir die Freude, lassen Sie mich dem Erwerb nachgehen ... Na, meinetwegen, eine Woche magst du spazieren und arbeiten —, aber bann (falls du nicht vorher schon geklappt wirst) lasse ich dich abschieben: du sindet hier kein Feld für deine Tätigkeit ... Was war das dagegen in den vierziger und fünfziger Jahren! Damals hatte den Apraxin-Markt unter sich der Revieraufseher Scherstobitow — eine bekannte Persönlichkeit, ein ungewöhnlicher Kopf! Da saß er so in seinem mattierten Schlafrock, spielte Romanzen auf der Gitarre, und der Kanarienvogel im Käfig trillerte wie der Teufel. Ich war sein Gehilfe, und was wir zusammen schon Abenteuer gehabt haben, das macht einen noch in der Erinnerung fröhlich! — Einmal ruft er mich zu sich und sagt: „Iwan Dmitrijewitsch, wir beide werden Sibirien wohl schwerlich vermeiden können!" — „Warum, frage ich, ausgerechnet Sibirien?" — „Also darum," sagt er, „weil beim französischen Botschafter, dem Herzog von Montebello, ein Silberservice verschwunden ist, und der Kaiser dem Oberpolizeimeister besohlen hat, daß es wiedergefunden wird. Und der Oberpolizeimeister hat dir und mir besohlen, das Service um jeden Preis zu beschaffen, und wenn nicht, sagt er, so werde ich euch beide per Postpaket an einen Ort versenden, wo das Quecksilber ein= friert. — Na, sage ich, vorläufig ist es noch warm, versuchen wir, vielleicht finden wir das Service." Alle Diebe haben wir vorgenommen: nein, keiner hat es geflaut! Die haben sogar unter sich selber eine ganze Untersuchung angestellt (viel besser als unsere!) und sagen: „Iwan Dmitrijeyitsch, wir wissen ja doch, wie wichtig die Sache ist, aber wir wollen es meinetwegen aus das Heiligenbild beschwören — wir haben das Service nicht geklaut! — — Was war also zu tun? Wir haben geschwitzt mit Scherstobitow, geschwitzt, — und endlich soviel Geld zusammengekramt, bis wir beim Goldschmied ein neues Service bestellt haben, — genau nach den Bildern und Zeichnungen, die die Franzosen noch hatten. Sowie das Service fertig war, haben wir es gleich ins Feuerwehrkommando gebracht: damit die es dort mit ihren Mäulern bearbeiten — fo daß es den Anschein kriegt, als ob es „gebraucht" fei. Dann überreichten wir das Service den Franzosen und warteten auf Anerkennung. Allein, plötzlich ruft mich Scherstobitow wieder zu sich: „Na, sagt er, „Iwan Dmitrijewitsch, jetzt müssen wir beide schon totsicher nach Sibirien." — „Wieso?" frage ich, „weshalb?" — „Deshalb, weil heute der Oberpolizeimeister mich gerufen hat, mit den Beinen gestampft hat, und ganz rot vor Zorn gewesen ist. „Du und Putulin," sagt er, „ihr seid beide Schwindler, aber mich werdet ihr nicht überschwindeln. Gestern auf dem Ball hat der Kaiser den Botschafter gefragt: „Sind Sie mit meiner Polizei zufrieden?" — „Ich bin, Kaiserliche Hoheit, sogar sehr zufrieden: diese Polizei ist die kostbarste auf der ganzen Welt: Heute morgen hat sie mir das gestohlene Service wiedergebracht, und gestern abend hat mir mein Kammerdiener gestanden, daß dieses selbe Service gar nicht gestohlen worden sei, sondern daß er es bei einem Ausländer versetzt hat, und gab mir sogar die Quittung darüber, so daß ich jetzt also auf einmal zwei Service habe." Hierfür, Iwan Dmitrijewitsch, gibt es keinen Ausdruck als: Sibirien! —- Na, sage ich, warum gleich Sibirien, aber die Sache riecht immerhin nicht gut." — So hat er auf der Gitarre weitergespielt, wir haben beide dem Kanarienvogel zugehört ... und wußten endlich, was wir zu unternehmen hatten. Wir erkundigten uns, was der Botschafter mache. Es stellt sich heraus, daß er mit dem Thronfolger auf die Jagd fahrt, Wir — sofort hin zu einem Kaufmann auf dem Apraxin-Markt, wir kannten ihn, er lieferte alle Livreen für die Botschaft und war befreundet mit dem ganzen Lakaiengesindel. „Guten Tag, lieber Mann, wann ist dein Namenstag?" — „Nach einem halben Jahr." — „Na, aber könntest du deine» Namenstag, fuge» wir, morgen feiern, und die ganze Dienerschaft von der französischen Botschaft einlaben, die Bewirtung geht auf unsere Kosten." Na, er war natürlich einverstanden, — das ist doch klar, wir waren doch unter uns! Und wir haben bann bei ihm solch einen Ball gegeben, daß selbst bem Himmel heiß geworben ist. Morgens mußte man alle in ihre Häuser schleppen: die Franzosen waren total unzurechnungsfähig, sie konnte» nur noch bumpf brüllen. Dabei, Gott behüte, nichts von- Schlafmitteln, — sie konnte» es einfach nicht vertrage» ... Na, aber um 3 Uhr nachts war unterboten „Jascha, der Dieb" gekommen. Das war ein Mensch! Eine Seele! Ein goldenes Herz, dienst- fettig, gutmütig, und was die Geschicklichkeit anbetraf, so werde ich seines- gieichen nimmer sehen! Er saß immer wieder im Gefängnis und genoß unser vollstes Vertrauen. Das war was anderes, als die heutigen Diebe. Die Erde sei ihm^leicht! Er kam also und brachte einen Sack: — bitte, fugt er, belieben Sie nachzuzählen, es ist, glaube ich, alles. — Da fingen roir mit Scherstobitow an, nachzuzählen: zwei Löffelchen mit Wappen waren überzählig. — „Wozu denn das, Jascha, fragen wir, wozu hast du denn das Ueberflüssige geklaut?" — „Ich habe mich nicht halten können", sagt er ... Am nächsten Tag fährt Scherstobitow zum Oberpolizeimeister und sagt: „Gott bewahre, Exzellenz, es hat überhaupt nie zwei Service gegeben. Es gibt nur ein einziges Service, wie eh und je, und was die Franzosen anbetrifft, so ist das doch ein leichtsinniges Volk, denen kann man ja ^icht Glauben schenken." Und am nächsten Tage war auch der Botschafter von der Jagd zurückgekommen. Und sieht: es gibt tatsächlich nur ein Service, aber seine Lakaien sind dabei ganz grün im Gesicht vom Kater und stehen total windschief in den Türen. Da hat er mit der Hand abgewinkt und über die Sache weiter kein Wort geredet. Deutsch von Sigismund von R a d e ck i. Das Meer der Abenteuer. Von E. v. Ungern-Sternberg. Die Geschichten vom Roten Freibeuter, von Flibustiern und Bukaniern klingen heute wie Märchen aus einer längst entschwundenen Zeit. Damals, als die Gold- und Silberflotten zwischen dem Karibischen Meere und Spanien schwammen, als England und Frankreich und Holland Korsarenschiffe ausrüsteten, sich gegenseitig mit Krieg überzogen und in den Wassern Südamerikas durch einen Handstreich neue Kolonien eroberten, damals war auch die Zeit romantischer Freibeuter und kühner Piraten, die auf versteckten, palmenbewachsenen Inseln ihre geraubten Schätze vergruben, ihren schwarzen Wimpel mit dem Totenkopf auf den Masten ihrer schnellen Segler hißten und Handelsschiffe und ganze Niederlassungen überfielen. In unseren Tagen las man nur nach von Pirateustreichen in den malaischen und chinesischen Gewässern. Aber es sind kleine Dschunken, die von Seeräubern überfallen werden, und die englischen Kanonenboote räumen dann bald darauf gründlich mit dem Gesindel auf. Die Aufständischen von Venezuela haben nun dafür gesorgt, daß der alte Ruf des Karibischen Meeres wieder zu Ehren kommt, sind Romantiker unserer nüchternen Zeiten, sie leben ein paar Jahrhunderte zu spät auf der Welt, aber jedenfalls verstehen sie es, die Aufmerksamkeit durch ihre ungewöhnlichen Methoden auf sich zu lenken. Mitten im tiefsten Frieden überfielen sie die kleine, dem Festlands vorgelagerte holländische Insel Curapao, die einen Weltruhm durch den vortrefflichen Likör genießt, der aus einer dort wachsenden besonderen Orangenart gewonnen wird. Mit Hilfe ihrer dort lebenden flüchtigen Landsleute überrumpelten sie die kleine holländische Garnison, nahmen den Gouverneur und den Militärkommandanten gefangen, plünderten die Waffen- und Munitionslager, zwangen den Kapitän eines im Hafen liegenden Dampfers ihre kostbare Beute zu verladen, nahmen den holländischen Gouverneur und einen höheren Offizier als Geiseln mit und kehrten heim, um ihre Negierung zu bekriegen. Als sie die Waffen ausgeladen und Gefechtsstellung eingenommen hatten, ließen sie ihre Geiseln ritterlich frei und erlaubten ihnen, nach Curacao zurückzukehren. Curapao ist heute ein Welthandelsplatz. Mit seinem geschützten großen Hafen ist die Insel, seit der Panamakanal seine gewaltigen Schleusen zwischen dem Stillen und Atlantischen Ozean öffnete, aufs engste mit dem holländischen Handel verbunden. Seit dann im Nordwesten von Venezuela das unerschöpflich reiche Petroleumgebiet von Maracaibo erschlossen wurde, lausen die großen Oeldampser ständig Curapao an, um das gewonnene Petroleum einem ersten Reinigungsprozeß unterziehen zu lassen. Die holländische Insel ist also kein weltverlorenes Eiland im Karibischen Meere, es ist eine reiche und blühende, wenn auch kleine Kolonie. Es war ein tollkühner Flibustierstreich der venezolanischen „Generäle", wenn sie einen Ueberfall auf Curapao wagten und ihn auch erfolgreich durch- führten. Das gelungene Abenteuer gefiel den Venezolanern so gut, daß sie dem ersten Handstreich einen zweiten, fast noch aufregenderen folgen ließen. Sie bemächtigten sich des Hamburger Dampfers „Falke", der vorher in Gdingen durch Mittelspersonen Waffen und Kriegsmaterial geladen hatte, brachten eine große 'Anzahl ihrer Verbündeten auf denr Schiffe als Passagiere unter und überrumpelten Kapitän und Mannschaft im Karibischen Meere. Auch dieser Piratenstreich glückte ihnen. Bei Nacht und Nebel nahmen sie von einem Leichterschiff noch weitere 200 bewaffnete Verschwörer an Bord und zwangen den Kapitän, den Fluß Manzanares an- zulauscn und die Stadt Cumana zu überfallen. In einem blutigen Gefecht wurde der venezolanische Rebellenführer, General Delgado Chalbaud, getötet. Nachdem es aus beiden Seiten viele Tote gegeben, sah sich der Rest der Rebellen gezwungen, mit dem gekaperten Dampfer „Falke" zu flüchten und sich in Genada, einer kleinen britischen Insel der Windward- gruppe, an Land setzen zu lassen. Der „Falke" suchte Zuflucht im englischen Hasen von Port of Spain, wo er sich nach seinem Abenteuer unter dem Schutz der britischen Flagge befindet. Die Regierung von Venezuela nämlich hat den deutschen Dampfer als Piratenschiff erklärt und ihre Kanonenboote sind bereit, so wie es in den „guten alten Zeiten" im Karibischen Meere geschah, auf den „Falken" Jagd zu machen, sollte er den schützenden englischen Hafen verlassen. ~ Die venezolanischen Revolutionäre verkünden, daß sie außer dem „Falken" noch andere Dampfer zu kapern gedenken, daß also die Reihe der Abenteuer noch lange nicht abgeschlossen ist. Revolutionen in den Staaten am Karibischen Meere gehörten in früheren Jahrzehnten zu den Alltäglichkeiten. Es erhob sich irgendein „General" als Gegenpräsident, die Staatskassen wurden als erste Regierungsmaßnahme mit Beschlag belegt, und wenn das Pronunziamento von Erfolg begleitet war, so zog der neue Präsident im Triumph in das Regierungsgebäude ein. Die früheren Gouverneure wurden, wenn es ihnen nicht gelang, rechtzeitig zu flüchten, an die Wand gestellt oder eingekerkert; inzwischen aber fand sich schon ein neuer Retter des Vaterlandes und dasselbe Spiel wiederholte sich. In Venezuela, ebenso wie in Kolumbien, liegen zwischen den Hauptstädten, die sich von denen Europas nur wenig unterscheiden, und den Provinzorten zum Teil noch unerforschte Urwälder, in denen wilde In» dianer leben, die den kühnen Eindringling mit ihren Giftpfeilen bedrohen. Dort, im endlosen Gewirr der Lianen, in die es weder Wege noch Siege gibt, in Gebieten, die doppelt so groß wie das Deutsche Reich sind, können sich die Verschwörer verstecken und sammeln, dort sind sie vor Verfolgung sicher und dort können sie ihre Piratenstreiche im Karibischen Meer ungestört vorbereiten. Man spricht von etwa 100 000 Rebellen in Venezuela, was für ein Land mit nur etwa drei Millionen Einwohnern eine ganz stattliche Zahl ist. Im Urwald und in der Wildnis läßt sich keine Grenzsperre durchführen, und int Reich der Riesenschlangen und Krokodile gibt es auch tein Waffenverbot, dort lauert aus den sonnendurchglühten Strömen und im Dickicht exotischer Bäume das Abenteuer und das Ungewisse. In jenen fernen Urwäldern sind französische Gelehrte, die den Mut dazu hatten, noch ganz kürzlich auf einen bisher unbekannten bärtigen Jndianerstamm gestoßen, dessen Vorfahren von den Polynesischen Inseln in vorgeschichtlichen Zeiten eingewandert sein müssen. Sie sind mit einem Bogen von etwa drei Meter Höhe und mit schweren Keulen aus Eichenholz bewaffnet, die Pfeilspitzen sind vergiftet. Sie kennen keinerlei Gewebe und gehen folglich nackt. Als Schmuck tragen sie eine Kette von Menschen- und Tierzähnen um den Hals. Eine bestimmte Religion kennen sie nicht, nur meinen sie, daß jeder belebte und unbelebte Gegenstand von einem guten oder von einem bösen Geist bewohnt wird. Auch eine Zeitrechnung ist ihnen unbekannt. Zählen können sie nur bis fünf, jedoch mit Hilfe der Finger bis fünfzig. Ihre Toten begraben sie in einem Blätter- geflccht und lassen den Leichnam stehen, dis er sich zersetzt. Das Skelett hängen sie später als Schmuck vor ihre Hütten. Dort in der Tiese der Urwälder glauben einige Jndianerstümme, daß noch ein Nachkomme der Inkakaiser lebt, der bald in Glanz und Herrlichkeit erscheinen und das rote Volk von den Weihen befreien wird. Es gehen Sagen von verborgenen Schätzen um, die in Höhlen und Seen versenkt sein sollen und die die Habgier der Weißen reizen. Niemand weiß, wo dort die Grenze zwischen Märchen, Traum und Wirklichkeit liegt. Die venezolanischen Revolutionäre, die das Abenteuer ins Karibische Meer getragen haben, sind zum Teil Desperados, die zu Tausenden vor dem eisernen Regime des Diktators Gomez flüchteten, unter ihnen viele verfolgte Politiker und Generäle, zum Teil auch Studenten, die letztens in Caracas in Streik getreten waren, zum Teil auch fozialrevolutionäre und kommuniftifche Elemente, die namentlich im Petroleumzentrum von Maracaibo an Boden gewonnen haben, und die überall dort zu finden find, wo es Aufruhr und Beute gibt. Wer weiß, ob nicht auch allmächtige Dollarinteressen die Flibustier unseres Jahrhunderts unterstützen; denn am Karibischen Meere sprudeln unerschöpflich reiche Petroleumguellen. Revolutionen und Waffen kosten sehr viel Geld, und Desperados pflegen im allgemeinen über kein Bankkonto zu verfügen. Auch Piratenstreiche im Karibischen Meer müssen teuer bezahlt werden. Das ,^physikalische Weltbild". Von Professor Dr. Paul Kirchberger. (Nachdruck verboten.) Wer die Zeit vor zehn Jahren denkend durchlebt hat, wird sich erinnern, wie lebhaft der Streit damals um die E i n st e i n s ch e Relativitätstheorie tobte. Nicht nur unter den Fachgelehrten sondern leider auch in der Laienwelt fand die neue Lehre leidenschaftliche Freunde und Gegner, aber in einem Punkte schienen alle einig, nämlich daß die neuen Gedanken etwas ganz Unerhörtes, allen bisherigen Denkgemohnheiten Zuwiderlauseudes bedeuteten. Als kürzlich der ehrwürdige Max P la n ck, der nicht nur einer der größten Physiker der Gegenwart sondern auch unter seinen Fachgenossen wohl der tiefste philosophische Denker und zugleich der wirkungsvollste Redner ist, einen hochbedcutenden Vortrag über das physikalische Weltbild der Gegenwart hielt, konnte er mit Recht darauf Hinweisen, daß wir heutzutage die Relativitätstheorie als eine Art großartigen Abschluß der nun hinter uns liegenden sogenannten „klaf'sisck)en" Physik betrachten können. Natürlich soll' damit nicht gesagt fein, daß die von Einstein aufgeworfenen Fragen etwa restlos geklärt seien; im Gegenteil! Was z. B. die Folgerungen über den Bau und die Größe der Welt anlangt, jo können wir nach Plancks Meinung „auf Ueberraschungen gefaßt" fein. Und die kürzlich von E i n ft e i n aufgestellte einheitliche Feldtheorie, die den Zusammenhang zwischen Schwerkraft und Elektromagnetismus bringen soll, liegt erst in ihren allerersten Anfängen vor. Aber trotz der außerordentlichen Bereicherung, die diese Gedankengänge unserer wissenschaftlichen Weltanschauung gebracht haben, kommen sie uns heute gegenüber den Erschütterungen fast harmlos vor, die das ganze Gebäude'physikalischer Lehren in den letzten Jahren erfahren hat. 'Hervorgerufen waren diese Erschütterungen durch die von Planck geschaffene sogenannte Quantentheorie, von der sich schon gleich die erste Behauptung, die zugleich ihre wichtigste Grundlage ist, unserer ganzen früheren Gedankenwelt nicht einfügen will. Diese GrundbeHäuptling der Quantentheorie besagt, daß die Energie eines Strahlenbündels in einfachem Verhältnis zur Schwingungszahl der Strahlen stehe. Hierzu macht Planck auf eine eigentümliche Unstimmigkeit aufmerksam: Die Schwingmigszahl bezieht sich auf einen Raumpunkt. Wie bei Waffer- mellen können wir auch bei Lichtwellen oder überhaupt bei elektromag- neii'chen Wellen ihre Anzahl von einem ganz streng mathematischen Punkt aus scftstellen; denn letzten Endes ist es ja der Punkt, der die Schwingungen der Wellen ausführt. Die Energie aber kann niemals in einem Punkt vereinigt sein, sie kann nur in einem größeren Raumteil gedacht werden. Wie kann es zwischen zwei so himmelweit verschiedenartigen Größen wie Energie und Wellenzahl eine Beziehung geben? Sie besteht in der Tat; die merkwürdige Zahl, die den Zusammenhang zwischen ihnen vermittelt — eine Zahl, die mit 27 Nullen beginnt, ehe sie anfängt, und dl« nach ihrem Entdecker Planck benannt ist —, wird von Tag zu Tag unentbehrlicher für die Physik. Sie spielt in eine fortgesetzt größer werdende Zahl von Fragen mit hinein. Die Lösung der Schwierigkeit liegt darin, daß das Ziel der bisherigen Physik, die Natur sozusagen punktweise verstehen zu wollen, nicht länger beibehalten werden kann. Planck gebraucht hierzu einen sehr trefsenden Vergleich: Man kann ein Gemälde nicht dadurch verstehen, daß man es Punkt für Punkt etwa auf die chemischen Eigenschaften der benutzten Farben usw. untersucht. Ein Ueberblick über das Ganze ist unerläßlich. Die frühere Physik hat aber in gewissem Sinne so gearbeitet, wie jemand, der alle Punkte eines Gemäldes untersucht, und deshalb hat sie sich gegenüber den neuen Aufgaben als unzulänglich erwiesen. Der einfachste Grundbegriff alles Bestehenden, auf den wir alles zvrückzuführen trachten, ist nach neueren Anschauungen nicht der Punkt sondern der Wellenvorgang. Das Beispiel der schwingenden Saite mag dies erläutern: Wir können sie freilich untersuchen, indem wir die wechselnden Schicksale jedes einzelnen ihrer Punkte verfolgen; aber das wäre wenig zweckmäßig. Viel einfacher ist es, wenn wir den Vorgang in verschiedene Wellen zerlegen und danach die Hauptschwingung und die Oberschwingungen unterscheiden. So suchen wir neuerdings die ganze Welt als Summe von Wellen aufzufassen; auch der Stoff erscheint uns als Wellenvorgang, und die Welle ist der Urbestandteil alles Bestehenden geworden. Aber e i n Begriff ist dieser Auffassung schwer erreichbar, und das ist gerade der Begriff, der vom Standpunkt der früheren Naturlehre aus der allereinfachst« war, nämlich der Punkt: Er läßt sich durch Wellenvorgänge nicht scharf bestimmen. So ist, wenn man will, „der Punkt" entthront und mit ihm in gewissem Sinn« auch die Pünktlichkeit. In irgendeiner Weise werden wir unsere Anforderungen an di« Bestimmtheit, mit der wir die Naturvorgänge beobachten und beschreiben können, zurückschrauben müssen. Eine sehr merkwürdige Entdeckung ist in dieser Richtung kürzlich von dem noch jugendlichen, aber schnell berühmt gewordenen Physiker Heisenberg gemacht worden; sie bezieht sich darauf, daß der Möglichkeit, die Genauigkeit unserer Messungen zu steigern, ganz bestimmte, un- übersteigliche Grenzen gesetzt find. Zwar wußte man schon immer, daß jede Messung, mögen wir sie mit dem Metermaß, mit der Waage, mit einem elektrischen Meßgerät oder mit dem Mikroskop vornehmen, ihre Fehler hat. Aber man glaubte bisher die Genauigkeit durch Verbesserung ber. Geräte und der Art und Weise ihrer Benutzung beliebig steigern zu können. Die Erkenntnis, daß die Meßgenauigkeit ein« unübersteigbare Grenze hat, ist neu. Wenn wir nämlich immer feinere und feinere Messungen ausführen wollen, so wird schließlich das, was wir messen wollen, durch den Meßvorgang selbst — etwa die zum Sehen benutzten Lichtwellen — veränbert, und dagegen sind wir machtlos. Sehr merkwürdig ist, daß wir, wenn mir die Lage irgendeines Gegenstandes so genau wie irgend denkbar bestimmen wollen, unsere Anforderungen im Bezug auf die Feststellung der mitspielenden Geschwindigkeiten zurückschrauben müssen. Umgekehrt: Wollen wir die Geschwindigkeit genau bestimmen, so geht dies nur auf Kosten der Genauigkeit der Ortsbestimmung. Das Allermerkwürdigste aber ist, daß es wiederum die oben erwähnte nach Planck benannte und mit 27 Nullen beginnende Zahl ist, die die äußerste Grenze für die Meßgenauigkeit angibt. Die Tatsache, daß wir keinen Vorgang mit völliger Bestimmtheit nachmessen können, hat die Frage auftauchen lassen, ob die Natur überhaupt bis ins Allerkleinst« hinein bestimmt sei, oder ob nicht die Unbestimmtheit in ihr selber liege. Nach Plancks Urteil liegt vorläufig noch keine Notwendigkeit vor, an der Bestimmtheit der Naturvorgänge zu zweifeln. Das Opfer der Vorstellung einer an und für sich unbedingt bestimmten, mit restloser Gesetzmäßigkeit verlaufenden Natur wäre auch das schmerzlichste Opfer, das dem Physiker zugemutet werden könnte. Es wird also „vorläufig" nicht gebracht zu werden brauchen. Aber schon, daß diese Frage überhaupt aufgeworfen wurde, zeigt, wie sehr wieder einmal unsere Grundvorstellungen im Fluß sind, und welcher Arbeit es bedürfen wird, zu einer Art inneren Friedens für die Wissenschaft zu gelangen. Hierzu werden — und damit schloß Planck seine bedeutungsvollen Ausführungen — die edelsten Kräfte des Menschen angespannt werden müssen: die Begeisterung und die Ehrfurcht. Sprechkunst vor dem Mikrophon. Von Frank Warschauer. Seit der Rundfunk existiert, gibt es auch die Inflation der Rezitation. Was vorher ab und zu in mehr öder minder stillen Konzertsälen geschah, das spielt sich jetzt tagtäglich vor Hunderttausenden ab. Dichtungen werden aus der Stille ihres Buches in die Form des klingenden Wortes übergeführt. Und so natürlich dieser Vorgang im Grunde ist, so tief er im Wefen jeder Dichtung begründet liegt, so deutlich zeigt sich doch andererseits, daß die künstlerische Aufgabe, um die es sich handelt, im allgemeinen nicht bewältigt wird. Sehr wahrscheinlich ist ja wohl auch deshalb die Rundfunkrezitation beim Rundfunkpublikum nicht sehr beliebt. Man kann nur feststcllen, daß sich darin ein gesunder Instinkt zeigt und jene richtige Art des Reagierens, wie man sie auch im Kino jetzt nicht selten findet. Wie erquickend ist es, wenn dort an den sentimentalsten Stellen gelacht wird! Es gehört nicht viel Phantasie dazu, und manche Briefe bestätigen es auch den Sendeleitungen, um das gleiche Lachen der Zuhörer bei vielen schwülstigen Deklamationen und gefühlvollen Dilettantismen vor dem Mikrophon zu vernehmen. Zieht man das Fazit jahrlanger Erfahrungen, so muß man feststellen, daß alles in allem bisher die Sprechkunst im Rundfunk versagt hat. Selbstverständlich gibt es auch hier einzelne Leistungen hohen Ranges, aber sie sind unvergleichlich viel seltener als auf allen anderen Gebieten, die für den Rundfunk in Frage kommen. Sie sind so selten, daß sie geradezu eine Ausnahme bilden. Ein betrüblicher Zustand; ganz besonders, wenn man an die hohe, die einzigartige Aufgabe des Sprechens vor dem Mikrophon denkt. Niemals ist die Magie des Wortes fühlbarer als bann, wenn es, losgelöst von dem technisch-materiellen Apparat der sprechenden Person, für sich allein durch das Weltall treibt. Daß diese Abspaltung von der Sichtbarkeit existiert, beweist noch nicht, daß sie vernünftig ist: Selbstverständlich muß man sich hüten, einen solchen technischen Zwang ohne weiteres als geistig-künstlerischen anzuerkennen. Aber man darf andererseits auch keine Angst vor der Erkenntnis haben, daß dieser Vorgang die Bedeutung einer ästhetischen Reinigung hat. Alles, was nicht Wort ist, verschwindet: die Er- scheinung des Menschen wird wie von dem delphischen Orakel verschmäht. Würde es nicht die Erfahrung lehren, so müßte es aus Gesetzen der Aesthetik zu abstrahieren sein, daß der wahre Sprecher auch bann, gerade dann, wenn man ihn nicht sieht, ein Höchstmaß der Wirkungsintensität erreichen muß. Dieses Verschwinden des Körpers ist eine Probe auf das Exempel; in vielen Fällen eine Entlarvung. Diese technischen Mittel Rundfunk und Mikrophon erheben mit Macht die Forderung nach der Entwicklung einer reinen Sprechkunst, die sich von keinem anderen Bezirk ihre Wirkungen borgt. Es lohnt mithin, die Gründe jenes allgemeinen Versagens festzustellen. Es ist sogar dringend notwendig; um so mehr, da dies nicht von einem oder wenigen geschulten Ohren konstatiert wird, sondern mehr oder weniger bewußt von allen, die Überhaupt Sinn für Dichtung, und das heißt letzten Endes für gesprochene Dichtung, haben. Nicht einmal, sondern wiederholt erhielt ich Briefe von Lesern, die sich mit dem Ausdruck der Empörung, ja dem einer verletzten Sprachleidenschaft gegen die durchschnittlichen Sprechleistungen des Rundfunks wandten. Es ist gut, daß der Mensch nicht allein sei, zumal in seinem abfälligen Urteil. Der höchst negative Tatbestand war der Anlaß, daß sich vor einiger Zeit eine Anzahl von Freunden und Sachkennern der Sprechkunst unter Leitung von Vilma Mönckeberg, der Lektorin für dieses Gebiet an der Hamburger Universität, zusammentaten, um die Gründe und die Erscheinungsform jenes Versagens einmal genauer zu studieren. Glücklicherweise ist der Schall nicht mehr Rauch, die Schallplatte bewahrt ihn. Es gibt jetzt eine große Anzahl von Sprechplatten. Eine Firma bringt sogar eine ganze gesprochene Literaturgeschichte heraus. Ein Pro- vinzial-Schulkollegium hat eine Sammlung von Sprechplatten für die Zwecke des Deutsch-Unterrichts zusammenstellen lassen. Die technischen Voraussetzungen sind dabei genau die gleichen wie im Rundfunk, die Sprechdarbietung wird akustisch photographiert; die gleichen Mikrophone und sonstigen technischen Hilfsmittel werden dabei verwendet. Auf diesen Platten sind einige, nicht alle der bekanntesten Sprecher zu hören, ein interessantes, höchst aufschlußreiches Material. Die gemeinsame Betrachtung ging zunächst einmal von der unmittelbaren Wirkung aus. Dabei wurde vorsichtigerweise der Name des Sprechers nicht genannt. Das Resultat war niederschmetternd. Man hörte mehrere Platten hintereinander mit dem gleichen Gedicht, und vom offensichtlich Lächerlichen, von einem leeren bombastischen Schwulst, von einem Affekt, der ohne seinen Träger doppelt überflüssig wirkt, bis zu einem kahlen und dürftigen Vortrag — dem Produkt der Angst vor dem Ueberschwang — waren so ziemlich alle Nuancen des Verkehrten vertreten. Es kann kein Resultat der zufälligen Zusammensetzung dieser Gruppe fein, daß hierüber eine verhältnismäßig weitgehende Uebereinftimmung herrschte. Man konnte deutlich zwei Haupttypen der Sprecher feststellen: dem vom Ge- fühlsgehalt des Gedichtes Berauschten und dem Nüchternen, der sich nicht nur vor dem Affekt, sondern vor jedem Ausdruck und damit vor der Gestaltung Überhaupt hütet. Nachher stellte sich bann heraus, wie berühmt verschiedene dieser unsichtbaren Sprecher sind. Aber die Kapuze der Anonymität ist hier entschieden zweckmäßig, sie soll nicht gelüftet werden. Interessant, daß es sich dabei teilweise um einige der wenigen Künstler handelt, die sogar mit ihren Rezitationen die Säle füllen. Man könnte nun denken, daß sie es einfach nicht verstehen, sich den Notwendigkeiten des Mikrophons anzupasien; darin liegt gewiß eine Schwierigkeit, denn die übliche Sprechtechnik des Theaters ist für den Rundfunk teils unnötig, teils unbrauchbar. Aber abgesehen davon, erweist sich Hier, wieviel Sensation und Suggestion bei diesen Erfolgen ist. Demgegenüber entwickelt nun Vilma Mönckeberg ihre auf den Forschungen von Sievers und Rutz weiterbauende Lehre, die dazu bestimmt und dazu fähig ist, an die Stelle chaotischer Willkür, aus der sich hier und dort ein genialer einzelner erhebt, bas Gesetz treten zu lassen; zum minbeften soweit, wie bies in allen anberen Künsten möglich ist. Der Kern ber Lehre ist ber Nachweis, baß in jeder Dichtung die Vorschriften für ihre Sprechverwirklichung in viel weitergehendem Maße enthalten sind, als dies im allgemeinen beachtet wird. Tempo, Dynamik, Sprechmelodie, Akzente find eindeutig bestimmt. Es handelt sich darum, sie abzulesen, wie die Zeichen einer Partitur. An die Stelle der „Ausi- faffung" muß erst einmal, als Basis einer richtigen Sprechgestaltung, das „Erfassen" treten. Und das Ziel muß sein: statt einer mit privaten Empfindungen vollgepumpten subjektivistischen Darstellung die Herausarbei- tung des „Klangleibs", der objektiv feststellbaren „Schallform" der Dichtung selbst. Noch weniger als sonst darf sich im Rundfunk der Interpret mit seinen individuellen Begeisterungen und Nöten vor bas Werk drängen. Er hat den klar erkennbaren Willen des Dichters zu erfüllen, mehr nicht. Und hier mündet diese Lehre nun in eine Kritik nicht nur der Sprechkunst, sondern des heutigen Kunstbetriebes überhaupt. Sie geht parallel mit jener großen Bewegung, die besonders deutlich in der Musik in Erscheinung tritt: fort vom Individuell-Emotionellen, hin zum „Objektiven, zur unpersönlichen, oder mindestens von den Schlacken und Zufälligkeiten des Einzeldaseins befreiten Darstellung reiner Formen. Wenn es auf Richtigkeit ankommt und nicht auf Originalität, wenn der Interpret em Dienender fein muß, und zwar nur einer von vielen, bann sind dw Voraussetzungen hinfällig, die zur Züchtung von Stars führen. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Dlniversitäts-Duch- und Steinbruderei, A. Lange, Gießen.