Mo »tag, den 4. März Nummer l8 3 chrgang |929 sitzen und daß es < daß man in Afrika ist, wo von Rechts wegen die Löwen in kochenden Wüsten schmachten und die Palmenbäume aus brennenden Felsenwanden trauern sollten, so findet man's weiter nicht warm und macht seinen Afrika bei Nacht. Von Sofie 0. Uhde. Dran. In Glanz und Glut des Sonnenunterganges steht über steil abstürzender Felsentüste die erste Palme Afrikas. Am liebsten würde ich die wenigen Stunden, die wir hier zum Kohlen liegen, an die Reling gelehnt verbringen und mir angesichts dieser frei und königlich gefiederten Palmensilhouette einen Extrakt von Afrika träumen mit Oasen und Kamelen und Wüsteneinsamkeit und allem, was ^Ver’meine Pflicht als Berichterstatter — ich muß doch Oran einen Besuch machen, wenn ich darüber schreiben will! Also klettere ich zur Erheiterung des umliegenden Hafens die furchtbar schwankende Strickleiter an der Bordwand hinab und hinein ins Boot. Schon erlischt die strahlend weiße Stadt oben aus den Hangen in Der Oelbaum. Von Fritz Usinger. O Glück, zu ruhen unter deinen Zweigenl Aus kühlem Silber schmiedest du sie fein Und läßt den Sommerhimmel noch darein. Den wolkenlosen, meerblau schweigen O Baum des zarten Oeles, Baum der Ruh! Der Tag ist hell. Der Tag ist still und heiter. Der Esel Schrei macht nur die Stille weiter. Eidechsenauge sieht mir achtsam zu. Wenn du dich rührst, von keinem Wind behaucht. So atmet wohl in dir noch die Dryade. Dann weiß ich auch, daß Artemis dem Bade Ganz nah, vor Augenblicken erst, enttaucht, Heimwärts zu ziehen mit des Tages Beute. Verklingt nicht fern das Kläffen ihrer Meute? In den hohen, schmalen Gassen, in denen wir zur Höhe klettern, drängen sich die kleinen Cafes, Bars und Kneipen des Hafenviertels alle offen bis zum ersten Stock hinaufund wimmelnd von Leben. Das Blut aller Rationen fließt in diesen Mischlingen, di« hier unter unge- heurer Lärmentfaltung ihren Soda trinken. Zuweilen zeigt em festverschlossenes Araberhaus die unerbittlichen Gitter der Frauengemacher. Aus der schönen Place d'Armes steige ich aus und stürze Mich todesmutig in den Hexenkessel: denn es ist die Zeit Mischen sechs und acht, wo alles, aber auch alles auf den Beinen ist. Man schiebt sich in dicht gedrängter Menge Schulter an Schulter vorwärts, und da ich aus einem geordneten Staatswesen komme, halte ich mit Inbrunst meine Handtasche fest Kaum habe ich Zeit, die wundervollen Gummibaume und Phönixpalmen zu bewundern, die Menge schiebt in die breiten Boule- vards, und ich schiebe mit. . Man wird ganz wirr im Kopse. Roch hat man das Schwanken der langen Sturmsahrt im Blute, noch hat man sich nicht ganz aus der tiefen Einsamkeit der Wasser gelöst — und nun dies tobende bunte Leben rings umher! _ Man such, Afrika. Französisches Militär kommt des Weges, das Liebchen am Arm, und dieses Liebchen trägt die sattsam bekannten seidenen Strümpfe und das rudimentäre Röckchen — die internationale weibliche Uniform. „ ™ Ein paar Autos hupen sich vorwärts, und es sind dieselben wiar- ken, denen man aus der ganzen Welt begegnet. (Rur die Löcher im Straßenpslaster sind noch bedeutend größer und tiefer als beispielsweise auf der Chaussee Berlin-Dresden.) Elegante Flaneurs lassen ihre Blicke Jagd machen und unterscheiden sich durch nichts von ihren Artgenossen in Reuyork oder an der Spree. Und hier, in strahlend erhellter Auslage stehen die neuesten Parfüms von Paris. Wo bleibt Afrika? _ , Doch da schieben sich Gestalten durch die Menge, eines Kopfes Lange höher als ihre Kolonisatoren, stolz und aufrecht von Gang Weiße Bur- imsse rauschen, und unter schön gestalteten Kopftüchern schweigen die der raschen Nacht. , v ... __ Eine Straßenbahn führt mich hinauf, an der weiter nichts Abson- derliches ist. Rur d..ß rechts und links von mir Araber und Reger ■ offene Wagen sind, die mich einen Augenblick ohne winterliche Berlin denken lasten. Ueberlegk man aber, bronzenen Angesichter. Zierlicher schreiten an ihrer Seite — und selten nur — die Frauen; Fesseln von hinreißender Zerbrechlichkeit schauen unter den bis auf den Boden reichenden Hüllen und weiten Pluderhosen hervor. Hinter den Schleiern brennen dunkle Augen An Straßenhändlern ist kein Mangel Getrocknete Tintenfische werden angeboten. Aber ich muß nicht alles in meinen Wagen bekommen. Auch zu den seltsamen, verzuckerten Dingen unbekannten Inhaltes kann ich mich nicht entschließen, und ich hoffe, baß der Leser mir dahingehende Gründlichkeit der Berichterstattung erläßt. Desgleichen bitte ich um Dispens von zweifelhaften, dunklen Teigkugeln, welche ein Berber in höchst ungewaschenen Händen formt; nehmen wir an, sie schmecken schön. Ich setze mich in einen Taubenschlag von Cafe, mitten auf die Straße und laste das Leben vorüberfluten. Ein wüster, schwarzer Mischling, alle Rassen und wahrscheinlich auch alles Ungeziefer des nahen und fernen Ostens auf dem Rücken, offeriert mir flüsternd französische Bücher unzweideutigen Inhaltes und grunzt gekränkt, als ich ihn zum Teufel schicke. Zwei winzige Mongolenkinder — Gott weiß wodurch hierher geschwemmt — bahnen sich, einander fest bei den Händen haltend, einen Weg zwischen den Beinen der Spaziergänger, und in ihren kleinen, gelben Visagen lauert schon alle listige Verderbtheit menschlicher Sammelplätze. Ein Beduine rennt mit einem Reger zusammen, und sie messen sich mit Blicken, die vor Verachtung rauchen. Aber ein gut gekleideter Franzose kommt und schiebt sie alle zwei beiseite wie Luft. Von der gegenüberliegenden Hauswand erzählen schreiende bunte Plakate, daß heute nacht — da und da — la belle Dorinne — und so weiter. Man ist bald im Bilde, es ist überall das gleiche, ob sich's nun Afrika oder Europa nennt; nur die Hautfarbe wechselt, die Tönung der Gemüter ist ziemlich dieselbe. Und darüber wehen nun diese wundervollen Palmen In einem warmen Wind, der vom Meer kommt oder vielleicht aus der Wüste. Und in der Luft tanzt seiner Sand von ferne her. Ich hoffe im Theater, vor dem sich die Menge staut, etwas Bodenständiges zu finden; aber es ist „Der Graf von Luxemburg", der gegeben wird, und dafür braucht man nicht nach Afrika zu fahren. So bummele ich lieber weiter durch die brausenden Straßen. Doch schon um acht ist die ganze ungeheure Menschenmenge verschwunden wie weggefegt, und nun, da es neun vorbei ist, beginnt es ungemein nächtlich zu werden! Europäische Mädchen mit lebhaften Farben wandeln paarweise. Rote Mäntel farbiger Soldaten und weiße Burnusse dämmern aus dunklen Nebenstraßen, aus einer unendlich hohen schmalen Arabergasse stürzt em Bursche im Fez, schreit auf und fliegt durch Lichtschein ins Dunkel, von drei anderen verfolgt. Zwei Neger flüstern in einem Torbogen. Es ist vielleicht ganz angebracht, nunmehr an Bord zurückzukehren. Mein Boot führt mich zwischen den dunklen Kolossen der Schiffe hin zum Außenhafen Lichtschein zittert. Ueber dem ungeheuren Felsen Djebel Santon steht ein runder Mond, und phantasielose Gemüter könnten sagen, daß er nicht anders aussieht als über Kötzschenbroda. Ich finde, daß er sehr anders aussieht. Er blickt mit wildem Auge landeinwärts, dorthin, wo hinter den zerklüsteten Schluchten des Atlas der ewige Sand sich dehnt .. Nur über diese verwünschte Strickleiter führt der Weg nach Hause; also Atem geholt und die hohe. Überhängende Bordwand hinauf! Dort oben jdjaut’s lustig aus, da braucht man nicht lange nach Afrika zu suchen. Alle Stämme, nicht aber alle Wohlgerüche Arabiens wimmeln durcheinander, kleine krausköpfige, pechschwarze Neger, die wie Affen, die strohgeflochtene Körbe mit den Kohlen auf der Schulter, über die Strickleiter und übers Schiss klettern. Das ganze Deck lebt wie ein Ameisenhausen, Lieder, mit dem ganzen Zauber wilder Monotonie, schallen aus dem Kohlenbunker, weiße Augäpfel rollen, wenn sie an mir vorbeikommen, gurren sie lockend. Die Offiziere atmen auf, als alles wieder von Bord Ist. Doch sieh: kaum haben wir Oran verlassen und sind wieder auf der See, was steigt da aus dem Kohlenbunker, geschwärzt noch über Gebühr und zähnefletschend? Ein Negerlein, das sich mit wachsendem Entsetzen auf einer Meerfahrt sieht; dieses „nur ein Viertelstündchen' auf den schönen Kohlen war zu lang. Sie werden sich leicht vorstellen können, wie liebenswürdig dieses augenrollende Häuschen Unglück von den Offizieren empfangen wird. Was tun? Mithaben wollen wir ihn alle nicht gerne, und der Kapitän entschließt sich fluchend zur Umkehr. Als wir vor dem Hafen von Oran wieder Signal geben, kommen gleich zwei Schlepper gedampft, die uns beschädigt glauben, und das Lotsenboot kommt angeschossen. Der alte Lotse ist nicht schlecht erstaunt. SietzeimAmilieniMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger als ihm, kaum liegt er längsseits, nachts um zwei ein Neger samt Korb und Kohlenschaufel aus den Kops fällt und wir beschleunigte Gute Nacht und Adieu sagen. Ich denke, der schwarze Unglückswurm wird auch in dem Lotsenboot weiter keine Karessen empfangen haben. Wir aber steuern, nun Afrika endgültig von Bord ist, mit voller Kraft vorwärts, Tunis zu, hinfchiffond auf silberner Straße, durch die warme Mondnacht. Ein Besuch der deutschen Kolonie Hirschenhof in Lwland. Von Erich Schmidt, Gießen (zur Zeit Riga). An einem nordisch kalten Januarmorgen besteigen wir im livländischen Bahnhof zu Riga den Dünaburger Zug. In rascher Fahrt eilt er der sowjetrussischen Grenze und damit dem Land entgegen, in dem heute zwei Millionen deutsche Bauern unter den schwierigsten Verhälinifsen zu leben haben. Unser Reiseziel, die Kolonie Hirschenhof, ist zur gleichen Zeit entstanden wie die Kolonien in der Ukraine, an der Wolga und im Kaukasus. Das Manifest der Kaiserin Katharina II. vom 22. Juli 1763, das unter günstigen Bedingungen die deutschen Bauern zur Einwanderung nach Rußland aufrief, damit sie das menschenleere und brachliegende Land kolonisieren sollten, hat auch die 86 pommerschen, pfälzischen und darmstädtischen Familien, aus denen Hirschenhof entstanden ist, ins Land gelockt. Weit abgesprengt von allen anderen wurden sie noch in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts im Baltenland geschlossen angesiedelt. Und als man sie nach Kriegsende wieder entdeckte, stellte es sich heraus, daß sie trotz ihrer kleinen Zahl (2000 Seelen) sich nicht nur von ihrer lettischen Umgebung rein erhalten hatten, sondern sogar noch ihren überlieferten nord- oder süddeutschen Dialekt untereinander sprachen. Noch während der Bahnfahrt erhebt sich die winterlich schöne Sonne über dem Land und läßt die weiße Schneefläche wie die Eisblumen der Wagenfenster in allen Regenbogenfarben glitzern. In Kokenhufen angelangt, wenden wir uns der Besichtigung des Ortes zu, bevor wir den Zwanzig-Kilometermarsch nach Hirschenhof antreten. Die Eindrücke, die diese landschaftlich reizvolle Ecke zwischen der Düna und der in sie mündenden Perse, sowie die dort stehenden Bauwerke aus den Besucher hinterlassen, sind vor allem deshalb so stark, weil er hier ein gutes Stück baltischer Geschichte auf engem Raum vor Augen sieht. Kokenhusen war einer der Brennpunkte der Dünafront. Aus dem rechten Ufer Ingen die Russen, drüben im Südwesten die Deutschen. So kommen die ersten und erschütterndsten Eindrücke von den Spuren des Weltkriegs. Vom ersten Gebäudekomplex, den wir durchschreiten, dem Gut Kokenhusen sind einige Ställe und Riegen bis auf die Grundmauern zusammengeschossen oder abgebrannt. Erschütternd ist der Anblick des Baron Löwensteinschen Schlosies. Die nach der Düna gekehrte Seite ist von unzähligen Einschlägen durchlöchert oder ganz eingestürzt. Das Ganze macht den Ein- dmck, als ob die Beschießung erst gestern stattgefunden hätte. Durch den tiefverschneiten Schloßpark steigen wir zum Persetal hinab. Zum Perse- fall wie auf den steilen Fels, der das genau in der Ecke zwischen den beiden Flüssen erbaute und von Peter dem Großen zerstörte Ordensschloß trägt, können wir wegen des fast kniehohen Schnees nicht durchdringen. Wir gehen also am Userrand um das Schloß herum; an manchen Stellen fällt der Fels fast senkrecht ab. Die Persemündung ist das Ziel zahlreicher, zum Teil von weither kommender und zum Weitertransport auf der Düna bestimmter Holzfuhren. Wie wir später hörten, beteiligen sich auch die Hirschenhöser Kolonisten daran. Dort deuten noch fetzt zahlreiche Stacheldrahtverhaue auf die Stärke der russischen Dünastellung hin. Auch in dem kleinen Waldstück, durch das uns der Weg an der farbenfreudigen russischen und der schönen protestantischen Kirch« vorbei zur Station zurückführt, ragen allenthalben Haufen zusammengetragenen Stachcldrahtes aus dem Schnee. Um ein Uhr mittags machen wir uns auf den Weg nach Hirschenhof. Braun und weih liegt die Landschaft vor uns ausgebreitet. Man könnte meinen, die braunrot und weiße lettische Fabne hätte den beiden hervortre- iendsten Farben des winterlichen Landes ihre Entstehung zu verdanken. Es ist die Eigenart der baltischen Landschaft, daß Feld und Wald in bunter Reihenfolae miteinander wechseln. So gibt ein schwarz ober bläulich erscheinender Streifen Waldes zu der weißen hier und da von braunen Hol-Häusern unterbrochenen Schneefläche fast stets den Hintergrund ab. Wir hatten uns die Geaend viel weniger bewohnt gedacht. Zahlreiche, auf der deutschen Generalstabskarte des Weltkrieas noch nicht verzeichnete Gesinde, die durch die Landenteignung der Deutschen geschaffenen lettischen Jungwirtschaften, stehen am Wege. Lange Kolonnen mit Holz beladener Pferdeschlitten, begleitet von in Pelz- und Lederwerk gehüllten Bauern, traben immer wieder an uns vorbei. Zweimal nehmen uns lettische Bauern ein Stück Meaes mit. Um drei Uhr langen mir in Alt Bewershol an. Schloß und Rittergut gehörten früher Baron M-men- borf. besten Schwester die Mutter des sowjetrufsiscken Außenkommistars Tschitscherin ist. In der „Tesniea" nehmen wir ein Glas Tee zu uns und erkundigen uns nach dem weiteren Verkauf des Weges. Wir hatten erst acht Werst zurückaelegt, also ein Drittel der Strecke. Es war auch furchtbar schwer zu gehen: bei sebem Schritt rutschte man nach hinten aus. Nun ging es in östlicher Richtung weiter. Der Weg war stärker verweht als vorher, der Südostwind blies uns fetzt von vorne ins Gesicht und neuer Schneefall setzte langsam ein. Die Pferdeschlitten waren sek- fenar geworben. Einmal brehen wir uns um: weit hinter uns sagt ein Schlitten übers Land. Deutlich zeichnet er sich am Horizonte ab. Don einem Wen« aber ist nichts zu sehen. Ein Stimmungsbild aus einer russischen Landschaft! Als uns wieder einmal eine Fuhre einholt, bitten wir auf lettisch, ein Stück Mitfahrer, zu dürfen. Wir besteigen den hinteren leeren Schlitten. In schneller Fahrt aeht es bergab, bann hält der Bauer an und sagt: „Auf aut deutsch gesagt, war das ein« schöne Schlittenvartie. Da Sie nach N-m-B"w--r--bof wa'lcn. müsten Sie geradeaus weiter. Ich biene hier links ob." Unge-msini Überrascht frage ich ihn, ob er Hirschenbeler Kolonist sei. Er bestätigt bas, unb wenn er es auch nicht getan hätte: im Augenblick, als ich ihn ansah, wußte ich, baß das kein Lette sein könne. Das war ein deutsches Vauerngesicht, wie ich es von der Heimat her kannte. Wir sagen ihm, daß wir Deutsche seien, was er geahnt hatte, und zu der Grundschule 14 wollten. Nun ist das Staunen auf seiner Seite. „Wenn Sie den Weg gehen wollen, wie Sie ihn planen, kommen Sie, wenn Sie bis dahin nicht im Schnee steckengeblieben sind, morgen früh dort an. Steigen Sie auf meinen Schlitten und fahren Sie mit mir nach Hause. Dann wollen wir sehen, wie Sie weiter kommen." Unb schon reicht er uns seine Decke unb macht uns klar, daß die auf meiner Karte verzeichneten drei Kolonien lediglich aus ein paar Häusern bestehen und von unserem Reiseziel weit abliegen, lieber ein Gebiet von zwanzig Kilometer in der Länge und zehn Kilometer in der Breite dehnt sich die Kolonie aus. Jedes Kolonistenhaus liegt vom anderen weit entfernt, da cs auf eigenem Grund und Boden steht. Geschloffene Dörfer gibt es im Baltikum ja nicht. — Lange Zeit über die Gefahr nachzudenken, in der wir geschwebt hatten, hatten wir jetzt nicht. Wir gaben uns lieber unserer Freuds über den Glückszusall hin, den guten Nicklas gesunden zu haben. Aus Wegen, die auf keiner Karte verzeichnet sind, und nur im Winter von den Schlitten der einheimischen Bauern befahren werden, ging es nun in den ehemaligen Kronwald hinein. Wollte man Photographien zeigen von dem Aussehen des tief verschneiten Waldes (mit häufig urwaldähnlichem Charakter), so würden sie, wenn überhaupt, nur eine schwache Vorstellung geben können von der ganzen Pracht des Winters, die sich uns hier offenbarte. Jetzt geht es im Galopp, fo daß ich bei einer scharfen Wendung einmal ein paar Meter mit dem Oberkörper im Schnee geschleift werde, dann wieder läßt unser Freund das erste Pferd allein laufen und geht hinter unjerm Schlitten her, um sich mit uns zu unterhalten. Einmal steigen wir aus, um ein botanisches Wunder zu besehen: zwei Espen, die in acht Meter Höhe zu einem Stamm zusammengewachsen sind und eine gemeinsame Krone haben. Als wir (ein an einen Geschicbe- hügel anlehnendes Haus erreichen, tritt uns seine hübsche Frau entgegen; unb sie lädt uns ein, hereinzukommen. Es ist ein eigenartiaes Gefühl, wenn man zum erstenmal ein Kolonistenhaus betritt. Im'Halbdunkel der Petroleumbeleuchtung erkenne ich ein halbes Dutzend Kinder. Der älteste Junge steht vor einer Kommode unb lernt laut aus einem Schulbuch. Auf der Kommode steht eine Vase mit künstlichen Blumen und ein Handspiegel. Ueber dem mit einer Decke bekleideten Tisch hängt eine altertümliche pompöse Lampe. Bon den Stühlen weisen nur zwei ein ganzes „Gesäß" (wie die Kolonisten sagen) auf. Deshalb und weil wir durchgefroren sind, nehmen wir auf der Ofenbank Platz. An der vor ihr stehenden Haspel ist die älteste Tochter beschäftigt. Die Alten erzählen uns, daß ihr Haus schon über hundert Jahre steht. "An der Wand hänaen eingerahmt die Bilder des gepenuxirügen „Wirtes" auf dem 47 Hektar großen Besitz, seines Hafers, Großvmers unb Urgroßvaters. Unb der war der Sohn des 1769 mit feiner Familie aus Pommern eingewanderten Jakob Niclas. Das Anerbieten, die Nacht dazubleiben, lehnen wir freundlich ab, da mir feit Mittag von den beiden Lehrerinnen der Schule 14 erwarte! werden. ~ t , ... Voll von Romantik war auch der dritte Teil des Weges. Schon gleich das erste Bild. Hintereinander steigen wir den kleinen Abhang zur Stalliina hinab, zuvorderst die Tockter unseres Freundes mit der Laterne in der Hand. Das dritte Pferd wird jetzt herausgeholt und vor den Personenschlitten gespannt. Unser Freund will uns noch auf den richtigen Weg brinacn. Ein letzter Gruß, und schon trabt das Pferd in die Winternacht hinein. — Wir merken es sogleick, daß «s hier keinen Weg gibt. Bald links, bald rechts, bergauf unb bergab, mit einer unerklärlichen Drientierungsqabe geht es vorwärts. Zuweilen reicht der Schnee dem Pferde bis zum Bauch. Unfefe Sehnsucht, bald auf den „richtigen Weg zu kommen, ift nicht eben groß. Ein einsames Häuschen lassen wir lmks liegen, und fahren aleich darauf durch eine Pforte aus Tannengnm. Wir erfahren daß dort ein Bufchwächter gewohnt hat, der vor drei Atonalen vom Wirte eines nahen Kruges erschossen worden ist und daß ihm zu Ehren die Pforte errichtet wurde. Wirt und Bufchwächter waren Letten. — Bald danach weist unser Freund zur Rechten: „H'er kommt der Weg, der vom Zentrum nach der Grundschule 14 führt. Wenn Sie mich vurt gefunden hätten, unb tatsächlich noch im Laufe der Nacht bis in diest G»oenb gekommen wären, hätte sich Ihnen kein Ha'-s mehr geöffnet und Schlitten fahren um diese Zeit hier selten." Da der Mond noch nickt auj- gegaraen war, war es ziemlich dunkel. Eine Grenze zwiscken Himmel und Erde war nicht zu finden. Gleich grau gefärbt, verflossen beide in eins. Auf eine Weokreuzung wies leNalieh der Wegweiser bin. Vom Weg war nur zuweilen eine unverw-hte Schlittenspur zu sehen. Uns oraute vor dem Gedanken, was uns hätte bevorstehen können. Ohne ein IW ort zu verlieren, fuhr uns unser Freund in anbetracht der Schnee- verhältnttke weiter, bi« wir in der Ferne da« Lickt des Sckulhoiises sahen. Mir klingen noch seine Worte im Ohr: „Sie haben gar nichts zu bannen." Dann war er samt seinem Schlitten auch sckon unseren Bücken entschwunden. Ein khter kurzer Weg durch den saft kniehohen Sckree und die behaglichen Räume der beiden Lehrerinnen, die uns seit drei Vnr nachmittags erwartet hatten, nehmen uns auf — nachdem wir fast zehn Stunden lang in Wind und Schnee und fünfzehn Grad Kälte gewefen waren. Um neun Uhr treffen noch zwei Profesioren aus Riaa ein. die uvn Sonntag in der Umaebung Schneeschuh laufen wollen. Trotz allgemeiner Ermüdung ift die Stimmung so out, daß wir uns alle zusammen vor Mitternacht in dem nahen, non San en und Svukaesckichfen umwobenen Wald begeben, um bei dem Anblick der mit schwerem Schnee beladenen und nun vom Mondlicht überooflenen oroßen und kleinen Tannen zum letztenmal an diesem Tag« in Naturschwärmerei aufzugehen. e Aus der 160jährigen Geschichte Hirschenhofs fei kurz das erwähnt. Ein genaues Verzeichnis, das sog. Schiffsbuch, gibt die Namen der in den Jahren 1765 bis 1767 eingewanderten 86 Familien bekanm. Wenn es den kaiserlich-russischen Agenten gelang, ganze 321 Seelen nacy Livland zu bringen, während sich andererseits In dem folgenden hawe» Unterm Birnbaum. Von Theodor Fontane. (Sortierung.) III. Als Hradscheck bis an den Schwellsteln gekommen war, nahm er da» Grabscheit von der Schulter, lehnte die Krücke gegen das am Hause sich hinziehende Weinspalier und wusch sich die Hände, sauberer Mann der er war, in einem Kübel, drin die Dachtraufe mündete. Danach trat er in den Flur und ging aus sein Wohnzimmer zu. Hier traf er Ursel. Diese sah vor einem Nähtisch am Fenster und war, trotz der frühen Stunde, schon wieder in Toilette, so noch sorglicher und geputzter als an dem Tage, wo sie die Kränze für die Kinder geflochten hatte. Das hochanschliehende Kleid, das sie trug, war auch heute schlicht und dunkelfarbig (sie wußte, daß Schwarz sie kleidete), der blanke Ledergürtel aber wurde durch eine Bronzeschnalle von auffälliger Gröhe zusammengehalten, während in ihren Ohrringen lange birnenförmige Bummeln von venetianischer Perlenmasse hingen. Sie wirkten anspruchsvoll und ftörten mehr, als sie schmückten. Aber für dergleichen gebrach es ihr an Wahrnehmung, wie denn auch der mit Schildpatt ausgelegte Nähtisch, trotz all seiner Eleganz, zu den beiden hellblauen Atlassofas nicht recht passen wollte. Noch weniger zu dem weihen Tru- meau. Links neben ihr, auf dem Fensterbrett, stand ein Arbeitskästchen, darin sie, gerade als Hradscheck eintrat, nach einem Faden suchte. Sie lieh sich dabei nicht stören und sah erst auf, als der Eintretende, halb scherzhaft, aber doch mit einem Anfluge von Tadel sagte: „Nun, Ursel, schon in Staat? Und nichts zu tun mehr in der Küche?" „Weil es fertig werden muß." „Was?" ,,Das hier." Und dabei hielt sie Hradscheck ein Samtkäpssl hin, an dem sie gerade nähte. Wenig mit Liebe." „Für m'ch?" „Nein. Dazu bist du nicht fromm und, was du lieber Horen wirst, auch nicht alt genug." „Also für den Pastor?" „Geraten." „Für den Pastor. Nun gut. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, und die Freundschaft mit einem Pastor kann man doppelt brau« chcn. Es gibt einem solch Ansehen. Und ich habe mir auch vorgenommen, ihn wieder öfter zu besuchen und mit Ede Sonntags umschichtig in die Kirche zu gehen." „Das tu nur; er hat sich schon gewundert." „Und hat auch recht. Denn ich bin ihm eigentlich verschuldet. Und ist noch dazu der einzige, dem ich gern verschuldet bin. Ja, du siehst mich an, Ursel. Aber es ist so. Hat er dich nicht aus den rechten Weg gebracht? Sage selbst. Wenn Eecelius nicht war, so stecktest du noch in dem alten Unsinn." „Sprich nicht so. Was weiht du davon? Ihr habt }a gar keine Religion. Und Eecelius eigentlich auch nicht. Aber er ist ein guter Mann, eine Seele von Mann, und meint es gut mit mir und aller Welt. Und hat mir zum Herzen gesprochen." „Ja, das versteht er; das hat er in der Loge gelernt. Er rührt einen zu Tränen. Und nun gar erst die Weiber." „Und bann halt' ich zu ihm," fuhr Urfel fori, ohne der Unterbrechung zu achten, „weis er ein gebildeter Mann ist. Ein guter Mann, und ein gebildeter Mann. Und ofsengestanden, daran bin ich gewöhnt." Hradscheck lachte. „Gebildet, Ursel, das ist dein drittes Wort. Ich weih schon. Und dann kommt der Göttinger Student, der dir einen Ring geschenkt hat, als du vierzehn Jahr alt warst (er wird wohl nicht echt gewesen sein), und bann kommt vieles nicht ober boch manches nicht ... verfärbe dich nur nicht gleich wieder . . und zuletzt kommt der Hildesheimer Bischof. Das ist dein höchster Trumpf, und was Vornehmeres gibt es in der ganzen Welt nicht. Ich weih es seit lange Vornehm, vornehm. Ach, ich rede nicht gern davon, ober deine Vernehmheit ist mir teuer zu stehen gekommen." Ursel legte das Samtkäpsel aus der Hand, steckte die Nadel hinein und sagte, 'während sie sich mit halber Wendung von ihm ab und dem Fenster zukehrte: „Höre. Hradscheck. wenn du gute T-rqe w» »>lr hoben Jahrhundert rund 80000 deutsche Bauern entschlossen, auf dem Landwege in das Innere Rußlands auszuwandern, so ist das ein tressendes Gegenstück zu den mittelalterlichen Kolonisationsoersuchen in Preußen und in Livland. Während die Kolonisation Preußens gelang, weil der einwandernde Bauer mit allem Hab und Gut zu Lande hinkommen • konnte, mußte die Kolonisation Livlands daran scheitern, baß die Reise durch das von den kriegerischen Litauern bewohnte Samogitien allzu gefährlich war, der Seeweg aber von den Bauern als zu beschwerlich abgelehnt wurde. Aber auch noch im 18. Jahrhundert war eine Reise durch Litauen, schon wegen der schlechten Wege, fast unmöglich. Die rechtliche Grundlage für die deutsche Kolonie Hirschenhof verlieh der Kontrakt vom 21. November 1767, abgeschlossen mit der russischen Kaiserin. Er gibt den, im Gegensatz zu den umwohnenden Letten, „freigeborenen" Kolonisten die Ländereien der Kronsgüter Hirschenhof und Helfreichshof zum „ewigen eigentümlichen Besitze". Jede Familie erhält - dreißig Hektar Land. Die Kolonie genießt freie Selbstverwaltung, doch steht ihr bis zum Jahre 1830 ein Kolonieaufseher zur Seite. Obgleich Erbfolge des ältesten Sohnes festgesetzt ist, ist das zugeteilte Land nicht persönliches Eigentum der Familie, sondern Gemeindeeigentum der Kolonie. Schon in einem Verzeichnis des Jahres 1782 finden sich vier, ihrer „schlechten und lüderreichen Wirtschaft wegen abgesetzte Wirte". Mit voller Aufmerksamkeit haben die Kolonisten auf die Einhaltung der ihnen verbrieften Rechte geachtet, bis dann das Jahrzehnt vor Ausbruch des Weltkrieges als Auswirkung der damaligen Rujfifizierungs- beftrebungen die Abschaffung der alten selbständigen Schulzenverfassung brachte. Ader nicht nur diesen Schlag haben die Hirschenhöfer überstanden: durch Krieg, Verbannung und Entbehrungen der Nachkriegszeit haben sie sich durchgekämpft, und die 108 Erbwirts- und 84 Handwerks- . plätze der Kolonie find heute alle wieder besetzt. Die Seelenzahl beträgt annähernd 2000, während weitere 8000 Hirschenhöfer größtenteils in Riga wohnen. Bereits im Jahre 1808 wurde die erste Schule eingerichtet. Heute dienen der geistigen Erziehung der Kolonisten das im Zentrum gelegene Pastorat, sowie vier über das Gebiet verstreut liegende Schulen, deren größte ein Internat besitzt. Die Erziehung im Internat ist besonders wichtig, da die Kinder bei den Entfernungen zwischen den einzelnen Häusern sonst nur auf die Geschwister angewiesen sind.. Auch wirtschaftlich geht es wieder vorwärts. Zwar haben die beiden letzten Mißernten viele so getroffen, daß sie Brot kaufen und sich, mit Holzfuhren zur Düna helfen müssen, wohl aber wachsen allenthalben neben den Holzhäusern steinerne Ställe empor, und wer einmal auf einem Kolonistenschlitten in einer klaren Winternacht mit hellem Schlittenklang über bas schöne weiße Land dahingeflogen ist, wird es bestätigen, daß der Kolonist Grund dazu hat, auf seine Pferde stolz zu {ein. Der alte Kolonialstolz ist ihnen deshalb auch geblieben und er hält Iie auch noch heute von fremden Einflüssen rein. Sie nennen sich die „Ko- oniften". , Bauern" sind die Letten; untereinander gebraucht, gilt dieses Wort als Schimpfwort. Als der Pastor kürzlich einen Kolonisten fragte, wieviel Insassen das Armenhaus habe, antwortete er: „Fünf Herren und vier Damen." Beziehungen zu Deutschland haben nur noch einige, wenngleich viele den Wunsch hoben, die alte Heimat einmal zu sehen. In einem „Jasch" genannten Komplex wird heute noch die pfälzisch« Mundart gesprochen. Ihre Trgditioiwliebe geht so weit, daß ein Kolonist aus der „Jasch", wegen feines Dialekts gehänselt, zornig erklärte, er werde von seiner „Muttersprache" nicht lassen. Daneben freilich weist der Hirschenhöfer Dialekt stark einheitliche Züge auf. Umlaute sind unbekannt. Haben aber die Schulkinder einmal erfaßt, daß es solches gibt, so zählen sie nur noch: „euns, zweu, breu, vür", ober sprechen von einer „flennen Eukatze" statt von einer kleinen Eichkatze. Auch sonst hat ihre Ausdrucksweise viel Eigentümliches an sich: „Der Filler siehlt sich uf'n Wasem", bedeutet: Das Füllen roälri sich auf dem Rasen, „bas Fasel hammelt", merkwürdigerweise: die Kuh kolbt. Foppen heißt hier „auf den Schwung nehmen", ermüden „miet bleiben" ober gar „vermieten", „auf Guck" auf Wiedersehen. Sind Gäste im Hous, so werben ihnen Stühle und Schemel mit der Auffächerung: „Seib besetzen" förmlich nachgetragen. Buchstaben, auch ganze Silben werden ausgelotzen ober zufammengezoaen. So: Au'en für Annen, Schwi-'ermutter, Toffeln für Kartoffeln. „Mainz olle z'samm" heißt: Guten Morgen, alle zusammenI Spaßig sind auch die zahlreichen Flüche wie „Kreuzkrümmel" ober „Fasnacht verfiommtge" Die gebrauchten Fremdwörter sind häufig nicht wiederzuerkennen. „Soschee" ist gleich „Cbaussee", „Fidament" oleich ..Fundament". Die Rebe des Gemeinde- ältesten bei der Zehn-Jahrfeier Lettlands im Oktober vorigen Jahres begann mit dem bentrofi*-higen Satz: „Vor zehn Jahren war hierzulande ein furchtbarer Koas (Chaos)". Nicht unerwähnt soll bleiben, daß sogar eine literarische Produktion in bescheidenem Ausmaße vorhanden ist. 1927 erschien: „Der alberne Hans als Freier, Deutsche Volksschnurren im Hirschenhöfer Dialekt". Die ölte Dichterin, Elfriede Lutz, wohnt blind und lahm in ihrem Kolonistenhaus. Ungedruckt blieb ihr Lustspiel „Der Heiroter". Auch sonst ist viel eigentümliche Literatur der tanz- und fangesirohen Kolonisten von eff'sgen Sammlern aufgezeichnet; sogar Zaubersprüche sind darunter. — Wenn stmond stirbt, kommen die Bekannten bis zur Bestattung {eben Abend im Trouerhouse zur Nachtwach' zusammen. Bei dieser Gelegenheit werden dann alte Schäferspiele aufaeführt. die von immerwährendem, mit der sonstigen Einstellung der Kolonisten stark kontrastierenden, „Kitzen" (Küssen) begleitet sind. So steigt die Stimmung häufig auf bas Höchste. Um zwölf Uhr aber ist Schluß. An der Totenbahre wird bann ein geistliches Lied gesungen, das Vaterunser gebetet, und man acht Innnfam miteinander. Wenn es besonders schön war, bleiben bann Kinder mit der Entschuldigung a»s der Schule weg: „Wir waren zu einer befreinbeten Leiche gelodert. Die Leiche ober Hot sich in die Länge gezoaen." Die Hirschenhöfer Kolonisten besitzen einen echt bäuerlichen Humor vnd eine Beobachtungsgabe, die sie Gehörtes und Gesehenes mit Hilfe emer reichen Phantasie stets treffend miebergeben läßt. Darin erinnern 1* genau so an die in Deutschlands Grenzen lebenden Bauern wie in ihrem Aeuheren. Immer aufs neue überrascht, konnte sch die verschie» bcnsten deutschen Bauerntypen wiedererkennen. Die Hoffnung, daß es mit Hirjchenhof weiterhin aufwärts geht, scheint heute um so mehr begründet, als seit 1923 hinter den Kolonisten helfend und beratend die „Deutsch-baltische Volksgemeinschaft Lettlands" steht. Sie sorgt für Kirche und Schule, hat eine Spar- und Darlehensgenossen- schask eingerichtet und vieles andere mehr. Bis 1923 aber war kaum je ein Balte, viel weniger ein Reichsdeutscher, in Hirschenhof zu sehen. Der Gesinnungsumschwung der Deutschbalten ist einmal dadurch begründet, daß infolge des Agrargefetzes und der damit verbunden gewesenen Landerteig! ung weniger als 3000 Balten auf dem flachen Lande übriggeblieben sind und der ganze Rest von 60 000 Balten heute in den Städten lebt, io daß der Landbesitz der Kolonisten für die Erhaltung des gesamten booenftänbigen Deutschtums von größter Bedeutung geworden Ist. Neben den 2000 Hirschenhöfer Kolonisten handelt es sich hier um die nach der russischen Revolution von .1905 06 aus Wolhynien ins Land gezogenen 8000 kurländischen Kolonisten, die in kultureller Hinsicht vorläufig noch bedeutend tiefer stehen. Andererseits hat die neue Stellungnahme ihre Ursache in der Erkenntnis, daß das Fehlen einer bodenständigen deutschen Bauernbevölkerung und des sich aus ihr entwickelnden deutschen Handwerkerstandes eine der Haupt- ursachen für all’ die schweren Schicksalsschläge gewesen ist, die bas Deutsch- baltentum seither betroffen haben. So gewinnt der deuifche Kolonist eine weit über fein bäuerliches Eigenleben hinausgehende Bedeutung: er ist zum Mitträger geworden an der großen Aufgabe, die 7v0jährige deutsche Kultur der Ostseelande zu erhalten. (fiortl folgt) Druck und Drrlag: Drühl'sche UnivrrsitätS-Duch. und St«inbruck«rei,R. Lang«, Giebea. Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — „Die Gerichte fragen nicht lange. „Das darf nicht fein, sag' ich. Alles andre. Nein, Hrabscheck, das darfst du mir nicht antun, da nehm' ich mir das Leben und geh in die Oder, gleich auf der Stelle. Was Jammer und Elend ist, daß weih ich, das hab' ich erfahren. Aber gerade deshalb, gerade deshalb. Ich bin jetzt aus dem Jammer heraus, Gott fei Dank, und ich will nicht wieder Hin- Oder is es 'ne Erbschaft?" „Is so was. Aber nicht der Rede wert.' ein. Du sagst, sie lachen über uns, nein, sie lachen nicht: aber wenn uns M>i passte,te, dann würden sie lachen. Und daß daua „Kätzch.^' ch,en Spatz haben und sich über uns lustig machen sollte, ober gar du gute Mietzel, die noch immer in ihrem schwarzen Kopftuch steckt und icht mal weih, wie man einen Hut ober eine Haube manierlich aufjetzt, bas trüg' ich nicht, da macht' ich gleich tot umsallen. Nein, nein, Hrabscheck, wie ich dir schon neulich sagte, nur nicht arm. Armut ist bas Schlimmste, schlimmer als Tob, schlimmer als ..." Er nickte. „So denk' ich auch, Ursel. Nur nicht arm. Aber komm' tn den Garten! Die Wände hier haben Ohren." Und so gingen sie hinaus. Draußen aber nahm sie seinen Arm, hing sich, wie zärtlich, an ihn und plauderte, während sie den Mittelsteig des Gartens aus und ab schritten. Er seinerseits schwieg und überlegte, bis er mit einem Male stehen blieb und, das Wort nehmend, auf die wieder zugeschüttete Stelle neben dem Birnbaum wies. Und nun wurden Ursels Augen immer größer, als er rasch und lebhaft alles, was geschehen müsse, herzuzählen und auseinanderzusetzen begann. „Es geht nicht. Schlag' es dir aus dem Sinn. Es ist nichts so fein gesponnen ..." Er aber ließ nicht ab, und endlich sah man, daß er ihren Widerstand besiegt hatte. Sie nickte, schwieg, und beide gingen auf das Haus zu. IV. Der Oktober ging auf die Neige, trotzdem aber waren noch schöne warme Tags, so daß man sich im Freien aushalten und die Hrad- schccksche Kegelbahn benutzen konnte. Diese war in der ganzen Gegend berühmt, weil sie nicht nur ein gutes wagerechtes Laufbrett, sondern auch ein beguemes Kegelhäuschen und in diesem zwei von aller Welt bewunderte buntglasige Guckfenster hatte. Das gelbe sah aus den Garten hinaus, das blaue dagegen auf die Dorfstraße samt dem dahinter ich hinziehenden Oberdamm, über den hinweg dann und wann der Fluß selbst aufblitzte. Drüben am andern Ufer aber gewahrte man einen langen Schattenstrich: die neumärkische Heide. Es war halb uier, und die Kugeln rollten schon seit einer Stunde. Der zugleich Kellnerbienste verrichtenbe Ladenjunge lief hm und her, mal Kaffee, mal einen Kognak bringend, am öftersten aber neugcsto sie Tonpfeifen, aus denen die Bauern rauchten und die Wölkchen m Cie klare Herbstlust hineinbliesen. Es waren ihrer fünf, zwei aus dem benachbarten Kienitz herübergekommen, der Rest echte Tschechmer: Del« Müller, Ouaas, Bauer, Mietzel und Bauer Kunicke. Hrabscheck, der, von Berufs wegen, mit dem Schreib- und Rechsnwesen am besten Be- scheid wußte, saß vor einer großen schwarzen Tafel, die die oorm eines Notenpultes hatte. „ „Kunicke steht wieder am besten." „Natürlich, gegen den kann keiner. „Dreimal acht um den König." Und nun begann em sich Ueberbicten in Kegelwitzen. „Er kann hexen", hieß es. „Er hockt m l oer Jeschke zusammen." „Er spielt mit falschen Karten." „Wer so viel Gluck hat, muß Strafe zahlen." Der, der bas von den „falschen Karten gesagt hatte, war Bauer Mietzel, des Oelmüllers Nachbar, ein kleines aus- getrocknetes Männchen, bas mehr einem Leinweber als einem Bauern glich. War aber doch ein richtiger Bauer, in dessen Familie nur von alter Zeit her der Schwind war. „Wer schiebt?" „Hrabscheck." _ . Dieser kletterte jetzt von seinem Schreiberfltz und wartete gerade aus seine die Lattenrinne langsam herunterkommende Lieblingskug ' als der Landpostbote durch ein auf die Straße führendes Türchen eintrat und einen großen Brief an ihn abgab; Hradfcheck nahm den Brief in d'e Linke, packte die Kugel mit der Rechten und setzte sie kräftig auf, zugleich mit Spannung dem Lauf derselben folgend. „Sechs!" schrie der Kegeljunge, verbesserte sich aber sofort, als nach einigem Wackeln und Besinnen noch ein siebenter Kegel umfiel. „Sieben also!" triumphierte Hrabscheck, der sich bei dem Wurf augenscheinlich was gedacht hatte. „ ,. ,,, , ... „Sieben gehl", fuhr er fort. „Sieben ist gut. Kunicke, schiebe für mich und schreib' an. Will nur bas Porto zahlen." Und damit nahm er den Briefträger unierm Arm und ging nut ihm von der Gartenseite her ins Haus. Das Kegeln setzte sich mittlerweile fort, wer aber Spie! und Gäste vergessen zu haben schien, war Hradfcheck. Kunicke hatte schon zum dritten Male statt seiner geschoben, und so wurde man endlich ungeduldig und riß heftig an einem Klingeldraht, der nach dem Laden hinein- führte. Der Junge tarn auch. , „Hrabscheck soll wieder antreten, Ede. Wir warten ja. Mach flink! Und sieh, gleich darnach erschien auch der Gerufene, hochrot und aufgeregt aber, allem Anscheine nach, mehr in heiterer als verbießlichek Erregung. Er entschulbigte sich kurz, daß er habe warten lasten, und nahm bann ohne weiteres eine Kugel, um zu schieben. „Aber du bist ja gar nicht dran!" schrie Kunicke. „Himmelwetter, raes ist denn los? Und wie der Kerl aussieht! Entweder is 'hm eine Schwiegermutter gestorben ober er hat das große Los gewonnen. Hrabscheck lachte. _ , _ „Nu, so rede doch! Oder sollst du nach Berlin kommen und ein paar neue Rapspressen einrichten? Hast ja neulich unserm Ouaas erst vor- gerechnet, baß er nichts von der Oelpresie verstünde." .Hab' ich, und ist auch so. Nichts für ungut, ihr Herren, aber Der Dauer klebt immer am alten.“ „Und die Gastwirte sind immer fürs Neue. Bloß, daß nicht viel Datei heraus kommt." „Wer weiß!" , . . „Wer weiß? Höre, Hradscheck, ich fange wirklich an zu glauben -« willst, so sprich nich' so H st du Sorgen, so will ich sie m,»ragen, aber du darfst mich nichi nijüi verantwortlich machen, daß sie da sind. Was ich dir hunbeitmal gesagt habe, das muß ich dir wieder sagen Du bist kein guter Kaufmann, uenn du hast das Kaufmännische nicht gelernt, und du bist kein guter Wirt, denn du spielst schlecht ober doch nicht mit Glück und trinkst nebenher beinen eigenen Wein aus. Und was da nach drüben geht, nach Neu-Lewin hin, ober wenigstens gegangen ist (und dabei wies sie mit der Hand nach dem Nachbardorfe), davon will ,ch nicht reden, schon gar nicht, schon lange nicht. Aber bas bars ich dir fagen, Hrabscheck, so steht es mit bir. Unb anstatt bich zu beinern Unrecht zu bekennen, sprichst-du von meinen Kindereien und von dem hochwurbigen Bischof, dem^bu nicht wert bist, die Schuhriemen zu lösen. Und wirfst mir dabei meine Bildung vor." Nein Ursel." "Oder' daß ich's ein bißchen hübsch ober, wie du sagst, vornehm haben möchte. 'Mf'o^doch. Nun ober sage mir, was hab' ich getan? Ich habe mich in den ersten Jahren eingeschräntt unb in bei Küche gestanden und gebacken unb gebraten, und bes Nachts an der Wiege gesessen. Ich bin nicht aus dem Haus gekommen, so daß die Leute darüber geredet haben, die dumme Gans draußen in der Oelmühle natürlich an der Spitze (du hast es mir selbst erzählt), und habe jeden Abend vor einem leeren Kleiber- schrank gestanden unb die hölzernen Riegel gezahlt. Und so sieben Jahre, bis die Kinder starben, und erst als sie tot waren und ich nichts hatte, daran ich mein Herz hängen kannte, da hab' ich gedacht, nun gut, nun will ich es wenigstens hübsch haben und eine Kaufmannsfrau sein, jo wie man sich in meiner Gegend eine Kausrnannsfrau vorstellt. Und als bann der Konkurs auf Schloß Hoppenrade kam, da hab' ich dich gebeten, dies bißchen hier anzujch.iffen, und das haft du getan unb ich habe mich dafür bedankt. Und war auch bloß in der Ordnung. Denn Dank muß fein unb ein gebilbeter Mensch weiß es und wirb ihm nicht schwer. Aber all bas, worüber jetzt so viel geredet wird, als ob es wunder was wäre, ja was ist es denn groß? Eigentlich ist es doch nur altmodisch, unb die Seide reißt schon, trotzdem ich sie hüte wie meinen Augapfel. Unb wegen dieser paar Sachen stöhnst du unb hörst nicht auf zu klagen unb verspottest mich wegen meiner Bilbung unb Feinheit, wie du zu jagen beliebst. Freilich bin ich feiner als die Leute hier, in meiner Gegend ist man feiner. WM du mir einen Dorwurf daraus machen, daß ich nicht wie die Pute, die uuaas bin, die „mir" und „mich verwechselt und eigentlich noch in den Fnesrock gehört und 8ied!chasthaden für -oil- buna hält und sich „Kätzchen" nennen läßt, obschon sie bloß eine Katze ist und eine falsche dazu? Ja, mein lieber Hrabscheck, wenn bu mir daraus einen Vorwurf machen willst, bann hättest bu mich nicht nehmen sollen, das wäre bann bas Klügste gewesen. Besinne dich. 3d) bm Dir nicht nachgelaufen, im Gegenteil, bu wolltest mich partout unb hast mich beschworen um mein „ja' Das kannst bu nicht bestreiten Stein, bas kannst bu nicht, Hrabscheck. Und nun dies ewige „vornehm unb wieder „vornehm". Und warum? Bloß weil ich einen Trumeau wollte, ben man wollen muß, wenn man ein bißchen auf sich hält. Unb für einen Spott» Pre‘d‘u fagf^Spottpreis, Ursel. Ja, was ist Spottpreis? Auch Spottpreise können zu hoch sein Ich hatte bamals nichts unb hab es von geborgtem Gelbe kaufen müssen." Das hättest bu nicht tun sollen, Abel, bas hättest du mir sagen müssen. Aber da genierte sich der werte Herr Gemahl unb mußte sich auch genieren. Denn warum war kein Geld da? Wegen der Person drüben. Alte Siebe rostet nicht. Versteht sich." „Ach Ursel, was soll bas! Es nutzt uns nichts, uns unsere Vergangenheit" vorzuwerfen." , m „Was meinst du damit? Was hecht Vergangenheit? „Wie kannst bu nur fragen? Aber ich weiß schon, bas ist bas alte Sieb, bas ist Weiberart. Ihr streitet eurem eigenen Siebhaber die Liebschaft ab. Ursel, ich hätte dich für klüger gehalten. So sei doch nicht so kurz von Gedächtnis. Wie lag es denn? Wie sand ich dich damals, als du wieder nach Hause kamst, krank unb elenb und mit dem Stecken in Der Hand, und als der Alte dich nicht aufnehmen wollte mit beinern Kind und bu bann zufrieden warst mit einer Schütte Stroh unterm Doch? Ursel, da hab' ich dich gesehen, unb weil ich Mitleid mit dir hatte, nein, erzürne dich nicht wieder ... weil ich dich liebte, weil ich vernarrt in dich mar, da hab' ich dich bei der Hand genommen, unb wir sind hierher gegangen, unb der Alte drüben, dem du bas Kapsel da nahst, hat uns zufammengetan. Es tut mir nicht leib, Ursel, denn du weißt, daß ich in meiner Neigung unb Liebe zu dir der alte bin, aber bu darfst dich auch nicht aufs hohe Pferd setzen, wenn ich vor Sorgen nicht aus noch ein weiß, unb darfst mir nicht Vorwürfe machen wegen der Rese drüben in Neu-Lewin. Was da hinging, glaube mir, bas mar nicht viel und eigentlich nicht der Rede wert. Und nun ist sie lange tot unb unter Der Erde Nein, Ursel, Daher stammt es nicht, unb ich schwöre bir s, bas alles hält' ich gekonnt, aber Der verdammte Hochmut, daß es mit uns was sein sollte, bas hat es gemacht, bas ist es. Du wolltest hoch hinaus unb was Apartes haben, damit sie sich wundern sollten. Und was haben wir nun davon? Da stehen die Sachen, und das Bauernvolk lacht uns aus." „Sie beneiden uns." „Nun gut, vielleicht ober wenigstens, so lange es vorhalt. Aber wenn Das alles eines schönen Tages fort ist?" „Das darf nicht fein."