GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger I chrgang (929 Ma ttag, den 4. Zedruar Nummer HO mag fohle de» der nun be- Liebestted- Son Manfred Hausma ft a. Ich Möchte eine alte Kirche (ein voll Weihrauch, Dunkelheit und Kerzenfchetn. Wenn du dann diese trüben Stunden hast, gehst du herein zu mir mit deiner Last- Du neigst dich tief, die große Tür fällt zth nun sind wir ganz alleine, ich und du. Ich streichle dich mit meiner Dämmerung, ich segne dich mit teisem Ampeljchwung, Und wagst du nicht, allein zu Gott zu dringen, will ich als Orgel ferne mit dir fingen. Dann summt die Wölbung und die Kerzenslammen fließen so golden über dir zusammen. Die Engelsknaben wehen still herzu und (töten süß und lullen dich zur Ruh. Ich möchte eine alte Kirche sein voll Weihrauch, Dunkelheit und Kerzenschein. Wenn du dann diese trüben Stunden hast, gehst du herein zu mir mit deiner Saft »Zch erschrecke, geliebter Meister," sagte Frate Joachims, „diese Spinne, deren Netz du da mit Fäden aus deiner uns allen teuren Kutte gestopft hast, diese Spinne ist ein grausames, blutdürstiges Tier. Warum hast du dieser Mörderin geholfen! Der du selbst kein Fleisch ißest, und verbietest, Fleisch zu genießen. Wehe, Fäden vom Rocke des heilige» Franz, und daneben Fliegen und Mücken und andere schwirrende Kreatur, die langsamen Todes erwürgt wird! Vergib deinem Schüler: meine Seele, du weißt es, ist ein Knecht deiner Seele, aber dies vermag ich nicht zu begreifen." Der heilige Franz sprach: „Was der Schwester Spinne befohlen ist, mag sie vollbringen und muß sie wohl vollbringen: jedoch mir ist befohlen, kein Ding außer mir, kein Du und kein Es zu verzehren. Darum, mein Bruder, nähre ich mich von Milch und Käse, denn es ist eine Wohltat für Küche und Ziegen, wenn ihr Euter entleert wird. Ja, selbst Brot zu gmießen, für bas die Aehren zerdroschen und zermahlen werden, ist mir nicht lieb, wenn ich es auch nur schwer vermeiden kann, und in einen Apfel zu beißen, verstatte ich mir womöglich nur, wenn er ohnedies Zu faulen begonnen hat. So habe ich kein Recht, das Spinnweb zu beschädigen. und habe mein Vergehen wieder gutgemacht." Legende vom Spinnweb. Von Ernst Lissauer. (Nachdruck verboten.) Sttemanb erblickte hier den Heiligen, sonst hätte, wie überall, wo er Hing und stand, stomm jauchzendes Volksgedräng in demütiger Neugier um feine braune Kulte gero.mmelt. Viele Stunden schon verweilte der heilige Franz an der Mauer hinter dem Palazzo des Conte Easerta. Seit Stunden hatte er sich nicht umgedreht. Die Welt war zusammen- mschrumpsl in ein kreisförmiges Muster von Linien: ein kreisförmges Muster von Linien sah die Seele des Franziskus vor sich. Er sah nicht die Fugen und Ritzen, in denen die Mauersteine aneinander lasteten, auf sie sah er nicht. Ein zierliches Gewebe zarter Strähne, alle um eine Mitte g.sponnen und schräg rings untereinander verflochten, dies schaute er an. Eine Kreuzspinne hatte ihr Retz in einen Lorbeerstrauch hinter der Mauer des Palastes gehängt. Jeden Vormittag um die elfte Stunde streifte die Sonne für einige Zeit diese Mauer, die der Gasse abgekehrt war «nd hinter der freies Feld sich ausbreitete. Der heilige Franz, der ja gern an den rückwärtigen Wänden der Häuser entlang schritt und das Niedere und Geringe wie bei den Menschen auch bei den Steinen auf- |ud)te, war hier vorbeigekommen, als das Spinnweb just im Sonnen- lichl funkelte. Er war herzugetreten, und er hatte durch eine wohl unvorsichtige Bewegung mit der Spitze des rechten Fingers ober mit dem Rand des St'ultcndrmcls bas behutsame und sorgfältige Netz versehrt, in dessen Mitte die Spinne saß und wob. Dies batte er nicht weiter beachtet, er war fortgegangen; aber vor dem Einschlafen, als er den Ablauf des Tages überprüfte, .wie es ihm seit vielen Jahren Pflicht und Gewohnheit war, da hatte er plötzlich vor Augen gesehen, daß er bas Gespinst beschädigt hatte, und nun stand er seit drei Stunden und bemühte sich, es mit vorsichtigen Fingern auszubessern. Ganz zarte Fäden zog er aus der braunwollenen Kutte, befeuchtete sie mit Speichel, drehte sie dicht und eng zusammen, und nun war es ihm nach langwieriger Bemühung endlich gelungen, ein Fädchen in bas Löchlein zu flicken und das Spinnweb hing wie unbeschädigt. * Zn diesem Augenblick hörte er sich angerufen. Sein Freund und Schüler, der Frate Joachimo. war um die Ecke gekommen und trat heran. „Seit vielen Stunden," sprach er, „vermissen wir dich, geliebter Meister, und wenn es uns auch bewußt ist, daß du in der Hut des Himmels und der Heiligen stehst und ungesöhrdeter bist als irgendein Mensch, well du mit dir selbst geharnischt bist, so sind deine Brüder doch sthmache Kreaturen und sorgen sich, auch wo es nichts zu sorgen gibt. es erlaubt, zu fragen, welche« Tagwerk du bei dieser verborgenen „Ich habe," erwiderte Franziskus, „der Schwester Spinne gestern das Gewebe verletzt, das ließ mir keine Ruhe, und siehe, es ist mir gelungen, den Schaden wieder gutzumachen. Ihr sagt zwar immer, oder ihr denkt wenigstens, daß ich geschickt bin, zu sprechen und zu beten und die beschädigten Seelen zu flicken, aber meine Hände haltet ihr, gesteh' es nur, für recht ungeschickt. Und daß ich mit Schuhemachen wie der heilige Krispi« oder gar mit Teppichweben wie der heilige Paulus mich durchbringe, möchtet ihr mir nicht zutrauen, aber dies ist mir wohl nicht übel gelungen." Seine schmale Hand, deren rosa Haut von der Sonne überbräunt war, wies heiter auf das Spinnweb. „Ich verehre," sprach der Frate, „dein Wort. Aber ist es nicht so — wenn ich unrecht rede, so belehre mich und verweise es mir indem bu dies Spinnweb flicktest, machtest bu dich nicht zum Mitschuldigen dieser Spinne? Es schmerzt meine Augen, da sie sehen, baß beine Fäden in diesem mörderischen Gespinste eingcflochten sind." „Wollte diese Schwester Spinne," erwiderte Franziskus mit Freundlichkeit, „aufhören, sich auf die Art zu ernähren, wie Gott es sie gelehrt hat, so hörte sie auf zu leben, und sie würde ihr eigenes Leben vernichten." „Vergib meiner Unklugheit," sprach Joachimo, „es ist mir nicht lieb, undemütig und unbotmäßig mag es dir erscheinen und auch mir, daß ich mit Frage und Gegenrede dich behellige, jedoch nicht ich bin es, sondern es fragt und redet aus mir." „Sprich und frage", erwiderte Franziskus liebreich. „Das Licht meiner Einsicht scheint nur, als ob es hinter den dicken Mauern dieses Palazzo brennte, kaum durch Ritzen und Fugen zu erblicken. Jedoch es ist ja in vielfältigem Sinne meine Pflicht, was ich als Antwort weiß, mit jedermann zu teilen. Und bist nicht du mir Freund und Bruder»" „Wenn bu es denn also erlaubst," sagte barauf Frate Joachims, „die Fäden von deinem Nocke sind mitschuldig an der Tötung dieser Fliege, dies ist das Entsetzliche. Erlaube mir, daß ich die Schwestern Fliegen und Mücken befreie. Einige werden sich vielleicht noch erholen und retten, an- bere werben wenigstens eines raschen unb minber qualvollen Todes sterben." „Würdest du," entgegnete Franziskus, „damit nicht vielleicht dennoch töten, da bu ber Spinne ihre Speise nimmst und gewiß etliche Zeit vergeht, ehe sie ein neues Netz zustanbe bringt?" „Ja, jawohl," rief ber Frate, unb zum erstenmal, feitbem er bem Meister folgte, war feine Stimme härter gefärbt, „sie wirb Einfliegen und wiederum ein Netz machen, sie ist ja Netzmacherin von Natur, und sie wird kleine Tiere würgen und aussaugen, denn sie ist ja eine Täterin von Natur, ein Volk von Mücken und Fliegen wird sie morden!" „Und wenn," erwiderte Franziskus und schaute ihn mit liebreicher Traurigkeit an, „unb wenn ich es bir gestatte, bisse Schwester Spinne zu töten — ich werbe es nicht giftaften, aber ich setze ben Fall —, wenn e» bir gelänge, alle Spinnen auf ber Eibscheibe auszutilgen: nähren diese Fliegen und Mücken sich nicht mit dem Blut von Menschen und yilfloseu Tieren? Sähest du nicht erst vergangenen Dienstag den Weizen bei uiH- Da kam eine Fliege angeflogen. Zwischen ben Angeflchten der reden- den Männer hindurch schwirrte sie, angelockt von dem hellen Grün ' Gesträuches, auf das die Sonne noch eben leuchtete, ehe sie von ... hohen Front des Palazzo verdeckt warb. Das Tierchen stieß an bas Geweb, es verfitzte sich, es zappelte unb zuckte in ben Fäben, es verwickelte sich immer dichter In ben Schleim, ber an ihnen klebte, und hing es ohne Regung. Der Frate Ioach mo beobachtete dies, da „ merkte er auch, bah bereits vier ober fünf andere Fliegen in dem Netze hafteten, eingefangen in einem elenden Sterben. ^rem Freund, bem Landmann Pietro Morlachinl, erkrankt von der jMadenbrut dieser zierlichen Geschöpfe? Du würdest diese armen Geisangenen nur befreien, damit sie selbst peinigen und quälen und Brut erzeugen, die tötet und mordet." Während dieser Setzten Reden blickte Frate Joachimo unablässig aus die .'Spinne, die lauernd in der Mitte des Netzes hing, aber, offenbar durch ibie dichte Nähe der beiden sprechenden Männer furchtsam gemacht, sich !nicht rührte, statt sich nach ihrem Brauch über die Gefangenen herzu- stürzen, „Es wird erzählt, mein Vater," sagt er nun, ohne das Auge von dem !@rfpiiift abzuwenden, „daß du, es war in der Zeit, ehe ich zu dir gekommen bin, einmal den Falken und Lerchen, den Nachtigallen und Reihern gepredigt habest. Ist dem so, mein erhabener Vater?" „Es ist so, mein Joachimo," erwiderte Franziskus und sah vor sich auf den Boden nieder, „sie fatzen mir auf den Haaren und Schultern, auf den Armen und Knien und hörten mir zu." Frate Joachimo blickte auf seine Zehen herab, die bloß und rosafarben und vom Wege bestaubt in den Sandalen staken; ohne aufzusehen, mit gedampfter Stimme, fragte er: „Möchtest du nicht diefer Spinne predigen?" „Ich fürchte," sprach Franziskus leist und hob den Blick nicht vom Erdboden, „sie ist unbelehrbar." Der Blick des Frate legte sich wie ein schwerer Schatten auf das Antlitz des Heiligen; schamhaft setzte Franziskus hinzu: ,^Die Vögel waren «s auch". „Was aber hast du dann mit dieser Kreatur zu schaffen?" rief Frate Joachimo rauh und grob. Mit einem heftigen Hieb des Armes zerfetzte .er das Spinnweb. „Du haft das Netz der Spinne geflickt," schrie er, „ich habe es zerstöri. Beide haben wir getötet. Jawohl, auch du, mein großer, mein liebender Meister, hast getötet! Führe mich aus dieser Wirrnis!" Franziskus hatte mit kurzem Blicke aufgeschaut, nun sah er wieder zur Erde; es war, als schäme er sich der Tat, die der Freund verübt hatte. „Wir sind," sprach er, „gesetzt zwischen Tod und Tod und gestellt zwischen Mord und Mord. Es bleibt uns nichts an unserem Teil als zu lieben." „Aber, mein Meister," flehte Joachimo, „hast du ein Werk der Liebe Ketan, als du der Spinne halfest, zu töten?" „Es schien mir so", erwiderte Franziskus zaghaft. Joachimo bückte sich und suchte nach den braunen Strähnen aus der Kutte des Heiligen; sie logen zwischen den Gräsern, die hier an der Mauer wucherten. Er kniete vor ihm nieder, drückte sie in seine Hand und umschlang ihn. „Ich fühle es, daß ich einer der deinen nicht mehr bin, denn die Spinne, die du deine Schwester nennst, neune ich meine Feindin und habe sie erschlagen." Franziskus strich ihm über die Stirn. „Ich verwundere mich," sagte er, „du hast mich etwas Seltsames gelehrt. Bis zu dieser Stunde hätte ich nicht geglaubt, daß man aus Liebe töten kann. Aber vielleicht sind wir beide im Unrecht. Diese Spinne ist nicht deine Feindin, aber sie ist, ich erkenne es, wohl auch nicht meine Schwester." Er beugte sein Angesicht über ihn nieder; wie Spiegelung über Spiegelung glänzte Antlitz über Antlitz. „Lassen wir die Tiere mit den Tieren sein! Mr wollen zu den Menschen zurückkehren." Er hob ihn auf, er faßte ihn unter dem Arm und ließ ihn zu feiner Rechten gehen. Nach einer Weile hielt Frate Joachimo plötzlich inne, drehte den Kopf voll nach links und fah den Heiligen an; fröhlich sagte er: „Ob aber die Menschen belehrbar find?" Franziskus war mit ihm zusammen stehengeblieben. Er drehte den Kopf ein wenig nach rechts und fah an dem Antlitz des Joachimo vorüber: „Es ist, mein Bruder, als Möglichkeit und Hoffnung in uns gehegt; und fo müssen wir versuchen und uns mühen". Darauf gingen sie weiter. s Als sie in die Hauptstraße kamen, drängten sich die Menschen noch dichter in Gewühl und Getümmel um sie her, als sie sonst pflegten. Die grünen, die gelben, die roten Jacken und Mieder leuchteten; die Männer, die Frauen, die Kinder bückten und neigten sich um die beiden her, es war ein Wimmeln und Flimmern, wie einst, als die Schwalben und Falken um die Predigt des Franziskus flügelten. Sie warfen sich vor dem Heiligen nieder, doch auch vor dem Frate Joach'mo, sie küßten den Saum ihrer Kutten, sie griffen nach ihren Händen, sie tasteten nach ihrer Berührung und Segnung. Lärm, Gelächter und Licht, die breiten Schwaden der irdischen Sonne, und darin und darüber vielfarbig stäubender Glanz Himmlischen Frohsinns entzündet. „Was ist denn geschehen, was ist nur geschehen, ihr Lieben?", untergcsaßt fragten die beiden, der eine zur Linken, der andere zur Rechten, in das Gewimmel von Köpfen und Leibern. Ein buntes Hallo, wie Feuerwerk am lichten Mittag, stieg und stob. Grüne, gelbe, rote Aermel funkelten und fackelten. Wurden Franziskus und Joach'mo da auf der Markistraße verspottet? Das Haupt des Franziskus, das Haupt des Joachimo drehten sich langsam zurück, wandten sich einander zu und lächelten einander an. „Sie wissen nichts, gar nichts," hüstelte ein kleines, greises Mütterchen und schüttelte in heiterem Mißfallen ihr elfenbeingelbes Köpfchen, „sie w.ffen wirklich gar nichts," und wandte in fröhlicher Mißachtung den beiden den Rücken und sprach zu den weiter rückwärts Drängenden und Guckenden: „,Das sind mir Heilige! Wissen nicht, daß der heilige Schein unseres Franziskus nun auch um den Joachimo geschlungen stt." - „ 6if i«chen einander an. Staunen überklärte ihre Angesichte, Lächeln, selig in Lächeln spiegelte sich. Langsam gingen sie weiter, umschlungen, zwischen Jubel zur Linken und Jubel zur Rechten, die beiden Häupter in einem Heiligenschein, Me ölte Kunst des deutschen Zchrvankesz Eine Erinnerung zur flarnetials$eit Von Hanns Martin Elster. Der deutsche Schwank ist schon lange tot. Er ging In den Unruhe« des Dreißigjährigen Krieges mit fo vielem anderen echten Kuliurdcsitze zugrunde. ?Jn die Stelle des Schwankes, des kurzen neckischen Einfalles, der lustigen Erzählung mit ernstem Untergründe ist die „Humoreske", her Witz, die meist nur velständesmäßige Glosse, die Groteske getreten. Die Kunst des alten Schwankes besaß vor allem eines: den Innere« und äußeren Zusammenhang mit dem, was man im unpolitischen, alten Sinne Volk nennt. Der alte Schwank stand mitten im Volke, nahm an dessen Erleben und Erleiden, Not und Glück, Arbeit und Sehnsucht, Empfinden und Denken einen ins einzekne gehenden Anteil, nicht bloß der Kritik, der Erkenntnis halber, sondern um Wesen und Form des Volkes, der Volkheit aufzufassen und durch das Mittel seiner Kunst bar« zustellen, zu offenbaren. Er stand auch vermöge seiner Erziehungstendenz, seines Lachtriebes zugleich wieder rein geistig über dem Volke und höher als das Volk, dessen Eigenheiten und Uebertreibungen, Haltlosigkeiten und Mängel gescholten und gebessert beseitigt werden sollten. Sein ethisches Motiv ist unverkennbar, wurde aber niemals dirigierender Anlaß und Einfluß für die Kunstform. Gerade weil die Schwankoichter volle Sünftler« Persönlichkeiten waren, gaben sie der Kunst was ihr gebührt, gerate weil ihre Gesinnung in großer Weise überall das Menschlich-Allzumenschliche sah und suchte, die Überschau über alle Lebensbeziehungen besaß, wurde ihre Moral, obwohl sie oft deutlich hervortrat, nie engherzig, sondern war ein Teil des dargestellten Lebens selbst, war frisch und derb und wohl- g:mut, so daß prüde Gemüter später Jahrhunderte sie nicht mehr sahen oder anerkennen wollten. Solche Stellungnahme heißt aber den Sinn und Charakter des alten deutschen Schwankes völlig verändern: sein Stoff mar das Volk, dessen natürliches, reales Leben, das natürlich und real angesehen wurde. Der Schwank war der erste Realismus in unserer Literatur nach den Zeiten höfischer Formideale. Als Volkskunst wollte er auch stets auf das Volk wirken, dessen Spiegel er vorstcllte. Will der Kulturhistoriker, der GeAichisfreund heute Wesen und Lebensformen Denk- und Gefühlsari des Volkes im 15. und 16. Jahrhundert besonders wahr, unmittelbar und ungeschminkt erkennen, muß er zum Schwank greifen, der alles enthält, was die Zeit und jene Generationen bewegte und erregte. Denn Indem der Schwank oft von aktuellen und gegenwärtigen Geschehnissen ausging, ihren Verlauf für feine Fade! verwandte und umbildete, oder an besondere Ereignisse Im Volksleben Ober« foimnene Geschichten und Motive in einer für jeden Fall zurcchtgc stutzte Weise anknüpfte, wurde seine Masse in der Gesamtheit eine große Chronik des Volkslebens und der Dolksgesinnung in Familie und Haus, in den Berufen und Ständen in Stadt und Land, bei der Arbeit und im Müßiggang. Keine einfach? Schilderung, keine noch fo forgfame Nacherzählung, keine noch fo wisfensreiche Komplikation vergangenen Geschehens und Seins vermittelt derart den deutschen Geist und da? deutsche Herz, den Alltag und den Feiertag der Ncformationszeiten wie etwa der Till Eulenspicgsl, der schon mit manchem Vorbkid In die früheren Jahrhunderte zurückreicht, mit dem Pfaffen Amis, mit den wunderbarllchen Gedichten und Historien des Neidhart Fuchs, mit Philipp Frankfurters Pfaffen von Kahlenberg und Jochen Widmanns Peter Leu von Hall. Und sieht man nicht in den „Schildbürgern" das Leben und Treiben einer süddeutschen Kleinstadt, wirklichkeitsgetreu Und durch den Humor zu reichster und unvergleichlicher Kunst erhöht, vor sich? Der alte deutsche Schwank stand in seiner Blütezeit Im 15. und 16. Jahrhundert in engster Verbindung mit der damaligen Weltliteratur, aus der er selbst ja ursprünglich her kam. Oft war feine Herkunft to einzelnen allerdings auch nicht festzustellen. Niemals waren in jenen Jahrhunderten die Stoffe als solche Irgendwie Privateigentum eines bestimmten Dichters, der als Urheber für dieses ober jenes Motiv hätte angesprochen werden können. Nur ihre Formung war der Besitz einzelner, der Schöpfer. So kam es, daß die gleichen Geschichten zu gleichen Stunden in den verschiedensten Gegenden auftauchten. Fahrende Leute, die eigentlichen Dichter und Sänger, die Spielleute und Gaukler, wie sie hießen, also Autoren und Schauspieler, sie trugen mit den Kaufleuten, reisenden Rittern und Pfaffen die Geschichten umher. In kürzester Frist verbreiteten sich die Stoffe, die auch in der krassesten Formlosigkeit, ohne jede Schmankge- staltung begierig aufgenommen wurden, weil sie die Unterhaltung hoher und niederer Kreise, oft auch ihre .Leitung", Las Neueste aus aller Welt bildeten und auf diefe Weife von neuem in direkte Verbindung zum Leben traten. Rein literarifch wurden sie eine willkommene Ergänzung zum weitfchichtigen Epos, das in Auflösung begriffen war und jenen Umformungsprozeß zur Prosaepik durchmachte, zum Abenteuerroman der Zeit. Das kurz Novellistische bildet sich rasch heraus. Je mehr 6k Stoffmenge des Schwankes an abenteuerlichen, erotischen Motiven zunahm, desto mehr konzentriert wurde seine Form, fo daß er sich schließlich auch scharf unterfchied vom Fastnachtsspiele, m t dem er rein geistig sehr verwandt war, selbst oft eine Art Übertragung des Dühnenspiels in die Novelle. So zogen sich die Fäden vom Schwanke zum Roman und Fastnachtsspiele und umgekehrt. Nichts stand für sich, sondern es war eine große Vorwärtsbewegung in der Literatur der Zeit, die wieder dem einzelnen zugute kam. Bereicherte sich dieses, fo gewann auch die Gesamtheit und nahm diese zu, so zog auch jenes seine Vorteile daraus. Alles war im Flusse. Dies festzustellen ist wichtig. Nicht «der, daß fremdländische Motive aufgenommen wurden Das Fremd« ländische als solches scherte, dis aus die Wunderempfindung und Phantasiebefriedigung, weder den Dichter noch das Volk in der großen Wirkung, sondern interessiert vor allem nur insoweit, als Dichter und Volk sich selbst darin wiederfinden und abspiegelten. Um dieses unbewußten Ziele» willen wurden die Stoffe ganz eingedeutscht, durchaus inneres Eigentum des Produzenten und Konsumenten. Deren' Geist und Herz enthüllten die deutschen Schwänke, deren Sinn und Sein bilden das allein £ Wertvolle an den Schwankem Die Herkunft der Motive ist nur b<» Vergleiches und der Feststellung wegen. Wie die Urstosse ausgenommen und umaebildet wurden, wissenswert, nicht um ihrer selbst willen. In weicher Art die Eindeutschung vor sich ging, zeigt Hans Sachs in seinen Fastnachtsspielen wie in seinen Schwanken. So sprang jeder Dichter der Zeit mit den alten griechischen Märchen, orientalischen Sagen U. a. m. um: souverän und ganz bewußt. Das ausgehende 15. Jahrhundert sammelte die Einzelschwänke regel» recht in sogenannten Schwankbüchern, die altes und Neues Gut wahllos vereinten, meist unter Benutzung einer Hauptsabe! als Bindemittel, oft auch in losester Folge. Diese Schwanksammlungen wurden die Ansänge und Vorläufer der „Volksbücher" des 16. Jahrhunderts, die Eigen- tum des Volkes wurden, unvergeßlich bis auf den heutigen Tag, in Schilderungen wie die Schildbürger, in den Gestalten wie dem Eulenspiegel. Ebenso die aus dem Schwankkreije hervor gewachsene Gestalt des Faust, die deutsche Art und deutsches Wesen im tiefsten Sinne symbolisiert, wenn auch die Schwankelemente, die Zauberei, Hexerei, Scharlatanerie und Maulheldentum, Spuk und Schabernak, Abenteuer und Unfug bis 1587 durchaus nicht vorherrschten. Doch nicht nur darauf kam es dem deutschen Volksbuch« an: alte deutsche Stoffe auszuarbciten und weilerzudilden. Die Aufnahme des aus fremden Landen Herzugetragenen schwoll besonders im sechzehnten Jahrhundert ständig an. Infolgedessen verlor der deutsche Schwank immer mehr seinen reinen Aolkscharukter, wurde er mehr und mehr „literarisches" Gut, Weltliteratur selbst. Es kommt den Schwankdichlern jetzt sehr darauf an, recht starken Tabak zu verabreichen, sie sind vielfach unflätig, enthüllen aber mit grobem Zynismus ein schweres Menschen- schicksal oder einen durchaus Rabelaisschen Humor. Die Zeit war robust, aljo auch ihre Kunst. Jörg W i ck r a m, der mit seinem „Rollwagenbüchlein" in bewußter Absicht zum erstenmal eine richtige Schwank- sammlung in deutscher Sprache ohne jede Zugabe 1555 herausgab, be» nutzte keine literarische Quelle und schöpfte stets aus dem täglichen Leben. Er bewahrte bei seiner Schilderung „Dezenz und Unbesargenheit", wie I. Bolte mit Recht jagt. Sein Buch ist infolgedessen die brauchbarste Handhabe, wenn man unter den zahllosen Schwänken, das dem Stoffe und den Motiven nach spezifisch deutsche Eigentum heraussuchen will. Leicht ist diese Aufgabe freilich nicht, aber ihre Ergebnisse strahlen ein Bild des deutschen Lebens wieder, wie selten literarische Werke jener Zeit, wie etwa die niederländische Gemäldckunst des folgenden 17. Jahr- hunderts. Denn von Gotteswort, Wallfahrt, Pänitenz, Einfalt und Frömmigkeit, von Pfaffen, Mönchen, Nonnen, von ehrsamen Hausfrauen und Dirnen, von Ehe und Liebe, Bauern und Rittern, Knechten und Mägden, Fluchen und Schwären, Geloben und Versprechen, Falschheit un6 Betrügern, Herren und Junkern, ■ Landsknechten, Reitern, fahrendes Volk, unnützem Gesindel, Narren, Handwerkern, Kaufleuten, von allen Ständen und mensch'ichen Händeln und Leidenschaften berichten die Schwänke in ihrer offenen humorigen Weise, in einem Realismus, der eine Weiterentwicklung verdient hatte, denn er war echtester Lebens- mederichlag und vermöge seines geistigen Gehaltes gerade im Schwank echt« Lebensoffenbarung, die den Sinn des Daseins suchte und dartat. Aber die ganze Gattung verlor sich, besonders unter dem Einfluß der kriegerische Ereignisse, infolge des die Deutschen mehr und mehr in Fesseln schlagenden Soldatenzaubers im Grobianismus und mit ihm härt« jede Mnfilerischs Formung auf. Was ist Materie? Z« Einsteins neuer Arbeit. Von Dr, Ludwig Kühle, Heidelberg. Der Verfasser hatte Gelegenheit, sich mit Prof. Albert Einstein ausführlich über dessen neue Arbeit zu unterhalten, deren Erscheinen in der wissenschaftlichen Welt großes Aussehen erregt hat. Im nachfolgenden Aufsatz wird ver- sucht, Probleme, welche mit dieser Arbeit Zusammenhängen, und ihre Bedeutung für unseren Naturbegrifs darzustellen. Ein Philosoph de« Altertums wurde einmal gefragt, wie schwer der Rauch sei. Er antwortete: „Ziehe vom Gewicht des Holzes das der Asche ob und du erholst das Gewicht des Rauches". Dieser Satz beleuchtet klar die Ausfassung von Wesen der Materie, welche wohl die ursprünglichste und älteste gewesen ist: Materie ist das Unwandelbare, das was durch alle äußeren Veränderungen hindurch sich erhält; aus dem Stück Holz wird Asche 4- Rauch, es geht nichts verloren bei diesem Umwandlungs- Prozeß und es kommt auch nichts hinzu: Holz, Asche und Rauch sind nur di« verschiedenen Formen der Substanz, die selbst das Ewige, die Grundlage aller materiellen Dinge ist. Dieser Substanzbegrisf war o>s zum Ausgang des Mittelalters die herrschende Grundvorstellung für die physikalische und die philosophische Auffassung von der Natur als der Gesamtheit der körperlichen Dinge. Die Frage nach dem Aufbau und der Struktur der Substanz, führte sthließlich zum Begriff des Atoms, des letzten, kleinsten ElementarteU- chens. Der Atombegriff stammt schon aus dem Altertum Der griechische Philosoph Demokrit stellte sich die einzelnen Elemente, Feuer, Wasser, Lust und Erde aus kleinen, unteilbaren Urkörperchen gebildet vor, die sich durch nichts anderes unterscheiden sollten, als durch ihre geometrische Gestalt; so Lachte er sich die Feueratome als Kugeln. Die Entwicklung der modernen Chemie prägte dann einen anderen Atombegrisf. Die Chemie brauchte das Atom zum Aufbau ihres Systems der Elemente; sie Muhte die Elemente qualitativ voneinander unterscheiden können und sie konnte das Wesen der chemischen Verbindungen nicht anders erklären, als dadurch, daß sie jedem Element sein besonderes Atom zuschrieb. Ein Atvm von der Art Sauerstoff und zwei Atome von der Art Wasserstoff bilden ein Elementarteilchen Wasser. Die Chemie berechnete aus den Großenverhültnissen der Verbindungen und Trennungen, welche die Atome miteinander eingehen, sogar deren Gewichte und die Anordnung, m« sie in den kleinsten Teilchen der chemischen Verbindungen, den Molekülen, zueinander Haden, Während die Chemie sich in erster Linie für die elementare Struktur der Materie interessierte, suchte die Physik nach den Kräften und den Gesetzmuß gkeiten der Kräfte, welche die Ursache alles Geschehens in der Aaiur sind. Die Grundkrast war seit Newion die Gravitation, die als Anziehung der Massen die Planeten um die Sonne und den Mond um die Erde kreisen ließ, die Ursache ist für den Fall des Apsels vom Daum und sür die Bahn der Gewehrkugel. Die Schwerkraft war von ihrer Entdeckung an eine der rätselvollsten Erscheinungen. Die Physiker konnten nicht mehr von ihr sagen, als daß sie da war und nach welchen Gesetzen sie wirkt. Zu Newtons Zecken glaubte man, daß die Schwerkrast eine unmittelbar wirkende Fernkrast sei, die zeitlos im Augenblick dyrch den unendlichen Raum sich sortpjianze. Heute wissen wir, daß auch die Gravitation sich mit einer Geschwindigkeit ausbreitet, nämlich der des Lichtes. Das Geheimnis der Strahlung war eine zweite rätselvolle Eigenschaft der Materie. Sie trat in vielsältiger Gestalt auf. Als Lichtstrahlen, als Wärmestrahlung und schließlich erkannte man — Maxwell und Hertz waren di« Entdecker — daß auch die elektrische Energie sich ta Form von Strahlung sortpsianzt. Das Problem der Strahlung wurde schließlich eines der Hauptprobleme der Physik, Strahlung wurde definiert als wellenförmige Fortpslanzung von Energie im Aether als Träger der Energie zusammen mit dem absoluten Raum völlig gleich- berccht gi neben die materiellen Elementarteilchen trat. Die Naturwissenschaft verzichtet damit endgültig aus die Substanz als den einen Grund- stoss. Eine Vielheit von Daustenen schien für das Raturgebäude ruck- wendig zu sein. Neben di« Gravitation als die eine Grrmdkraft trat der Elektromagnetismus als die andere. Neben die Atome trat der Aether uird neben di« körperlichen Dinge trat völlig gleichberechtigt der unkörperliche Raum, in welchem sie wie in einem Gefäß enthalten sind. Die Fortschritte der Elektrodynamik zerstörten dann auch die bisherige stosst che Auffassung der Atome, die man sich immerhin noch als körperliche Teilchen vorst-llte. Nach der berühmten Hypothese von Bohr sollte auch das Atom nicht ein körperliches Ganze, sondern ein kleines Planetensystem sein, in welchem die positiv elektri ch geladenen Elektronen um den negativ elektrisch geladenen Kern frei en. An die Stelle des srossticheu Elementarteilchens tritt nun die unstossliche elektrische Elementariadung. Oer Bcgriss der Materie ist seiner körperlichen E genschasten beraubt, das Atom hat jetzt eine dynamische Struktur, es ist nicht mehr als ein Kraftzentrum. Jetzt sind die Atome der einzelnen Elemente auch nicht mehr wesensverschieden, sie unterscheiden sich nur noch durch die Zahl und die Anordnung der Elektronen, d. h. durch ihren Bau. Die physikalische Chemie beschilft gt sich von nun an mit dem Problem der Umwandlung und der Zerstörung der Clcmentaratome. Der letzte Schritt zur Entstosslichung der Materie ist aber die Einführung des Begriffs des elektromagnetischen Feldes, begründet von Faraday. Das Kraflseld mit seinen Zuständen und Spannungen ist jetzt der Grundbegriff in dem System des Naturgcbäudes. Je mehr die exakte Naturwissenschaft in die Geheimnisse des Geschehens und des Seins eindrang, desto weniger ließ sie von unserer sichtbaren Welt, von den Dingen, die wir körperlich erleben und berühren, von der Welt unserer Sinne, übrig. Aber immer noch war die Welt der Physik nicht einheitlich. Neben dem elektromagnetischen Feld als dem Träger des Lichts, der Wärme und der elektrischen Erscheinungen, steht als eine andere Urerschnnung das Schwerefeld, das die Bewegungen und Zustände der Körpsrwelt regelt. Auch als Einstein in seiner Relativitätstheorie die plMikali- schsn Grundbegriffe vereinfacht hatte, inbem er Raum und Zeit nut der Gravitation als der Wirkung oer körperlichen Massen aufeinander zu einem Gebäude vereinigte, dessen Struktur gleichzeitig die Gesetzmäßigkeit oller Bewegung und allen Naturgeschehens war, mußte er die. Zweiheit der Kräfte, der Schwerkraft und des Elektromagnetismus bestehen lassen. :-u- In allen ihren großen Epochen ging das Streben der PhiM auf Einheit und Einfachheit ihrer Grundlagen. Ernst Mach war es, der die ideale Forderung ausgestellt hatte: die Physik müsse mit der geringsten Anzahl von Grundbegriffen aufgebaut werden. Einen ganz fun-- damentalen Schritt in dieser Richtung hat Albert Einstein mit keiner neuen, vor kurzem bekannt gewordenen Arbeit „Zur einheitliche» Feldtheorie" getan „,Es war seit langen Jahren mein Traum, die Einheit zu finden, in welcher Schwerkraft und Elektromagnetismus zusammenschmelzen" so erklärte er bei einer Unterhaltung über seine neue Erkenntnis dem Verfasser dieses Aufsatzes. Worin das Wesen dieser Arbeit besteht, die — das Ergebnis zehnjährigen Nachdenkens — nur sechs Schreibmaschinenselten voll mathematischer Formeln umfaßt, das sei hier kurz auseinandergesetzt. Durch eine besondere Form der mathematischen Raumkonstruktion ist es Einstein gelungen, die Erscheinungen des Schwerefeldes mit denselben mathematischen Formeln zu beschreiben wie die Vorgänge im elektromagnetischen Feld. Damit >st unsere Vorstellung vom Wesen der Naturkräste zu einem Begrifs von grandioser Einfachheit gelangt: dem einen Kräftefeld, aus dessen Spannungen und Veränderungen die Vorgänge sich ebenso erklären lassen wie das Fallen des Sterns und die Parabelbahn der Kanonenkugel. Dieselbe Kraft ist es, welche das Elektron um den Atomkern und die Erde um die Sonne kreisen läßt. Die Zustände und Veränderungen dieses einen Feldes, das sind die Grundlage» aller Naturerscheinungen. Was wir heute in der Physik Materie nennen, das hat mit dem ursprünglichen Begrifs der materiellen Substanz nichts mehr gemeinsam. Das Kräfteseld ist bisher die letzte Grenze der Entkörperlichung, zu der wir in der modernen Naturerkcnntnis gelangen konnten. Was jenseits dieser Grenze liegt, das werden wir wohl nie ergründen. Es gibl keine letzte Substanz im mittelalterlichen Sinne, aus die wir die Weit unserer Sinne zurückführcn könne», es gibt nur Energie und Spannung bte Gesetzlichkeit der Veränderung von Energie »nb Spannung- Gustav Adolfs Paqe. Novelle t>ott Tonrad Ferdinand M e yeL- ({Tortletiung.) Seit jenen nächtigen Stunden ängstigte sich der Page furchtbar, bis zur Zerrüttung, über seine Larve und [em Gejch'.echt. Der nichtigste lmi= stand konnte die Entdeckung herbeifühcen Dieser Schande zu ei tgehen, beschloß der Aermste zehnmal im Abenddunkel oder in der Morgenfrühe, jein Roß zu satteln, bis an das Ende der Wett zu reiten, und Khnmal wurde er zurückgehalten durch eine unschuldige Liebkosung des Königs, der keine Ahnung hatte, daß ein We.b um ihn war Leicht zumute wurde ihm nur im Puloerdampfe. Da blitzten seine Augen und fröhlich ritt er der tödl.chm Kugel entgegen, welche er herausforderte, feinen bangen Traum zu endigen. Und wann der König hernach m feiner Abend stunde beim trauten Lichtschein seinen Pagen über einer Dummheit oder Unwissenheit ertappte, beim Kopfe kncgle und ihm mit einem ehrlichm Gelächter durch das krause Haar fuhr, sagte sich dieser in herzlicher Lust und Angst erbebend: „Es ist das letztemal!" So fristete er sich und genoß das höchste Leben mit der Hilfe des Todes. „ Cs war seltsam. Leubelftng fühlte es: auch der .König lebte mit dem Tode auf einem vertrauten Fuße. Der Friedländer hatte den Angriff an sich gerissen und den Eroberer in die unerträgliche Lage eines Weichenden, beinahe Flächt gen gebracht. So legte der christliche Held sein Schicksal täglich, ja stündlich und fast herausfordernd in die Hände seines Gottes. Den Brustharnisch, welchen ihm der Page zu bieten pflegte, wies er beharrlich zurück unter dem Vorwand einer Schu'terwunde, welche der anliegende Stahl drücke. Ein schmiegsames feines Panzerhemde, wie die Klugen und Vorsichtigen es auf bloßem Leche trugen, ein Meisterstück niederländischer Schmiedekunst, langte an und die Königm schrieb dazu, sie hätte erfahren, der Friedländer trage ein solches, ihr Herr und Gemahl dürfe nicht schlechter beschirmt in den Kamps gehen Dies feine Geschm ede warf Gustav als eine Feigheit verächtlich in einen Winkel. Einmal in der Stille der Nacht hörte Leubelstng. dessen Haupt von demjenigen des Königs nur durch die Wand getrennt war. sich dicht an dieselbe drückend, wie Gustav inbrünstig betete und seinen Gott bestürmte, ihn im Vollwerte hmwegzunehmen, wenn -seine Stunde da [et, bevor er ein Unnötiger oder Unm"g!!ch?r werde. Zuelst quollen der Lauscherin die Tränen, dann erfüllte sie vom Wirbel zur Zehe eine selbstsüchtige Freude, ein verstohlener Jubel, ein Sieg, ein Triumph über die Aehnllch'eit ihres kleinen m't diesem großen Lose, der dann mit dem albernen Kindergedanken, eine gemeinsame Silbe beendige ihren Namen und beginne den des Königs, sich in Schlummer verlor. Aber der Page träumt? schlecht, de"n er träumte mit seinem Gewissen. In den richtenden Bildern, welch? vor seinen Traumaugen auf- stiegen, geschah es bald, daß der König den Entdeckten mit flammendem Blick und verurteilender Gebärde von sich wies, bald versagte ihn die Königin mit einem Besenstiel und den derbsten Scheltworten, wle die gebildete Frau solche am Tage nie über die Lippen ließ, jo weiche sie wohl gar nicht kannte. Einmal träumte dem Pagen, feine Fuchsstute gehe mit ihm durch und rase du-ch eine nackte von einer zornigen Spatglut gerötete Gegend einer Schlucht zu, ter König setze ihm nach, er aber stürze vor den Augen seines Retters oder Verfolgers in die zerschmetternde Tiefe, von einem höllischen Gelächter umklungen. e kN. Leubelfing erwachte mit einem jähen Schrei. Der Morgen dämmerte und der Page fand feinen König, der sich in einem Zuge kühl und hell geschlafen hatte, in der gelassensten und leutseligsten Laune von der Welt. Ein Brief der Königin langte an, der eben nichts Dringliches enthielt, wenn nicht die Nachschrift, worin sie ihren Gemahl bot, zum Rechten zu sehen in einem Fall und in einer Nöte, welche der. hilfreichen Frau naheging. Der Herzog von Lauenburg, ein unsitt! cher Mensch, der vor kaum ein paar Monaten eine der vielen Basen der Königin aus politischen Gründen geheiratet hatte, gab öffentliches Aergernis, indem er, von den blonden Flechten und wasserblauen Augen seines Weibes gelangweilt, seine Flitterwochen abgekürzt hatte und, in das schwedische Lager zurückgeellt. eine blutjunge Slawonierin neben sich hielt. Diese hatte er, a's ein Wegelagerer der er war, aus der Mitte einer niedergerittenen friedländischen Eskorte weggesangen. Nun ersuchte die Königin ihren Gemahl, diesem prahlerischen Ehebruch ein rasches Ende zu mach-n; denn der Lauenburger, die Blcke nur des Königs ausweichend, prunkte vor seinen Standesgenossen mit der hübschen Beute und gönnte sich, als einem Re'ch'fürsten, die Sünde und den Skandak dazu Gustav Adolf faßte die Sache als eine einfache Pflichterfüllung auf und gab den Befehl, die Slawonierin — man nannte sie die Korinna — zu ergreifen und ihm vorzuführen in der achten Stunde, wo er von einem kurzen Rekognoszierungsritte zurück zu sein glaubte. Streng und. menschlich zugleich, dachte er das Mädchen» dem er, den Lauenburger kennend, den kleineren Teil der Schuld beimaß, zu ermahnen und dann ihrem Baler in das maller stelnifche Lager zuzusenden. Er oerritt, den Pagen Leubelfing zurucklafsend mit der Weisung, die Königin brieflich zu beruhigen: er werde eine eigenhändige Zeile beifügen. Acht Uhr verstrich und der König war noch nicht wieder ang langt, wohl aber die Korinna, von ein paar grirnm'gen schwedischen Pikenieren begleitet, welche sie dem Pagen, der im Borzimmer über seinem Briefe saß, Degen und Pistolen neben sich auf den Tisch gelegt, überlieferten. Vor dem Tore des Schlößchens stand ja eine Wache. Neugierig schickte der Page einen Blick über seine Buchstaben hinweg nach der Gefangenen, die er sich setzen hieß, und erstaunte über ihre Schönheit. Rur von mittlerer Größe, trug sie über vollen Schultern auf einem feinen Hatse ein wohlgebildetes kleines Haupt Wen g fehlte. Killere Augen, freiere Stirn, ruhigere Nasköcher und Mundwinkel, so »ar es das süße Haupt einer Muse, wie unmusenhaft die Korinna fei* mochte. Pechschwarze Flechten und dunkeldrohende Augen bleichten da» stssetnde Gesicht. D.e tn Unordnung geratene buntfarbige Kleidung, von keinem südlich leuchtenden Himmel gedämpft, erschien unter einem not- dijchen grell und aufdringlich. Der Busen kiopste sichtbar. Das Schweigen wurde dem Mädchen unerträglich. „Wo ist der König, Junker?" fragte sie m.t einer hohen, vor Erregung schreienden Stimm«. „Ist verriiteu. Wird gleich zurück sein!" antwortete Leubelfing in [einet tiefsten Note. „Der König bilde sich nur nicht ein, daß ich von dem Herzog lasse", fuhr das leidenschaftliche Mädchen mit unbändiger Hefsig'.eit fort. „Ich liebe ihn zum Sterben. Und wo sollte ich hin? Zu meinem Vater? Der würde mich grausam mißhandeln. Ich bleibe. Der König hat dem Herzog nichts zu befehlen. Mein Herzog ist ein Reichsfürst." Offenbar plapperte die Angstvolle dem Lauenburger nach, welcher, ob auch an und für sich ein frevelhafter Mensch, seinen Fürstenmantei, Haid im Hohn, halb im Ernst, allen seinen Missetaten umhing. „Nutzt ihm nichts, Jungfer. versetzt« der Page Gustav Adolfs. ..Reichsfürst hin. Reichsfii.st her, der König ist fein Kriegsherr, und der Lauenburger hat zu parieren." „Der Herzog," zanite die Slawonierin, „ist vom alleredelsten Blut, der König aber stammt von einem gemeinen schwedischen Bauer " Ihr Freund, der Lauenburger, mochte ihr das aus dem Bauerkleide Gustav Wasas entstandene Märchen vorgcstellt haben. Leubelfing erhob sich beleidigt und schritt bolzgerade aus die Korinna zu. machte dicht vor ihr halt und fragte g.streng: „Was sagst?" Auch das Mädchen hatte sich ängstlich erhoben und fel setzt mit plötzlich verändertem Ausdruck dem Pagen um den Hals: „Teurer Herr! Schöner Herr! Helft mir! Ihr müßt mir helfen! Ich Hebe den Lauenburger und lasse nicht von ihm! Niemals!" So rief und flehte sie und küßte und herzte und drückte kett Pagen, dann aber wich sie in unsäglicher Verblüffung einen Schritt zurück und das seltsamste Lächeln der Welt irrte um ihren spöttisch verzogenen Mund. Der Page wurde bleich und fahl. „Schwesterchen," lispelte die Korinna mit einem schlauen Blick, „wenn du deinen Einfluß" — in demselben Moment hatte Leubelfing sie mit kräftiger Linken am Arme ge- packt, auf die Knie niedergedrückt und den Lauf seines rasch ergriffenen P.stols der Schläfe des kleinen Kopfes genähert. „Drück' los," ricf di« Korinna halb wahnsinnig, „und der Lust und des Elends sei ein Endel" wich aber doch dem Lauf mit den behendesten und gelenkigsten Drehungen und Wendungen ihres Hälschens aus. Jetzt setzte ihr Leubelfing den kalten Ring des Eisens mitten auf die Stirn und sprach totenbleich, aber ruhig: „Der König weiß nichts davon, bei meiner Seligkeit." Ein ungläubiges Lächeln war die Antwort. „Der König weiß nicht; davon," wiederholte der Page, „und du schwörst mir bei diesem Kreuz" — er hatte es ihr an einem goldenen Kettchen aus dem Busen gezerrt — „von wem hast du das? von deiner Mutter, sagst du? — Du schwörst mir bei diesem Kreuz, daß auch du nichts davon weißt! Mach' schnell, oder ich schieße!" Aber der Page senkte seine Waffe, denn er vernahm Roßgestamps, da» Gerassel des militärischen Saluts und die treppansteigenden schweren Tritte des Königs. Er warf noch einen Blick auf die [ich von den Knien erhebende Korinna, einen flehenden Blick, in welchem zu lesen war, was er nie ausgesprochen hätte: „Sei barmherzig! Ich bin in deiner Gewalt! Verrate mich nicht! Ich liebe den Stönigr Dieser trat ein, ein anderer Mann, als er vor zwei Stunden »er« ritten war, streng wie ein Richter in Israel, in heiliger Entrüstung, in loderndem Zorn, wie ein biblischer Held, der ein h mmeischreiendes Unrecht aus dem Mittel heben muß, damit nicht das ganz« Volk verderb«. Er hatte einem empörenden Auftritt, einer ekelerregenden Szene beige- wohnt: der Beraubung eines vor dem Friedländer in das schwedisch« Lager flüchtenden Hausens deutscher Bauern durch deutschen Adel unter Führung eines deutschen Füisten. Die Herren hatten im Gezelt eines der Ihrigen bis zur Morgendämmerung gezecht, gewürfelt, gekartet. Ein Abenteuer zwcifelhastcstek Art, der Bank hielt, hatte sie alle ausgebeutelt. Den mutmaßlich falschen Spieler ließen si« nach einem kurzen Wortwechsel — er war von Adel — als einen Mann ihrer Gattung unangesochten ziehen, brachen dagegen, gereizt und übernächi'g zu ihren Zelten kehrend, in ein Gewirr schwer beladener Wage« ein, das sich in einer Lagergasse staute. Der Lauenburger, der im Dorbeireiten sein Zelt öffnend das Rest leer g fanden und feinen Verdacht ohne weiteres auf den König geworfen hatte, kam ihnen nachgesprengt und feuerte ihre Raubgier zu einer Tat an, von welcher er wußte, daß sie, von dem Könige vernommen, Gustav Adolf in da» Herz schneiden würde. Aber dieser sollte den Frevel mit Augen sehen. Mitte» in den Tumult — Kisten und Kasten wurden erbrochen. Rosse niedergestochen ober geraubt, Wehrlose mißhandelt, sich zur Wehr Setzende verwundet — rill der König hinein, zu we!ch:m sich flehende Arme, Gebete, Flüche, Verwünschungen erhoben nicht anders als zum Throne Gottes. Der König beherrscht und verschob seinen Zorn. Zuerst gab er Beseh!, für die mißhandelten Flüchtlinge zu forg»n, dann besah! er die ganze adelige Sippe zu sich auf die neunte Stunde. Heimreitend, hielt er vor dem Zelt de» Generalgewaltigen, hieß ihn seinen roten Mantel umwerfen und — in einiger Entfernung — folgen. In dieser Stimmung befand sich König Gustav, als er die Beihälterin des Lauenburgers erblickte. Er maß das Mädchen, deren wilbt Schönheit ihm mißfiel und deren grelle Tracht feine klaren Auge» beleibigle, „Wer sind deine Eltern?" begann er, es verschmähend, sich nach ihrem eigenen Namen oder Schicksal zu erkundigen. „Ein Hauptmann von den Kroaten: die Mutter starb früh weg", erwiderte das Mädchen,'mit ihren dunkeln seinen hellen Augen au* weichend. (Fortsetzung folgt.) Berantwortltch: Dr. Hans Thyrist. — Druck und Verlag: Brühl'fche Linivers itälS^Duch« und Stsindruckerei« A- Lange. Glehea-