SietzeimZamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <929 Freitag, den 4.Januar Kummer l 1 o 1 \y? 1 9m Grotzstadteafe. Von Werner Bock. Brich aus der Dumpfheit dieser Tage, Seele, flieh! Stumpf hocken die Herden um runde Tische Und blase» Rauch in die Deckenlichter. Sie denken an Geschäfte und Spart, Nippen an ihren Gläsern und lachen wie Tier». Seele, flieh Zurück in die Birkenwälder deiner Jugend! Besitz und — Bildung. Nachklänge aus meinen Weihnachtsferien. Von Johannes v. Dietz Dieses Jahr wollten wir wirklich wieder einmal Weihnachten und Weihnachtsferien feiern. Stach langen Jahren, in denen nur von Feiern gesprochen worden war. Eigentlich kam es uns selber überraschend, daß wir wieder so etwas wollten: eigentlich wollten nämlich nicht wir, sondern der Arzt wollte. Er erklärte, so ginge es mit mir nicht mehr lange, und von meiner Frau erklärte er, sie sei völlig erschöpft, und mit ihr ginge es auch nicht mehr lange. Der geneigte Leier wird bereits daraus erraten haben, daß wir zum „guten Mittelstand' gehören, doch es ist noch schlimmer: denn ich bin Geistesarbeiter" ... Trotzdem sah ich ein, daß der Arzt recht hatte. So nahmen meine Frau und ich unfern Mut zusammen, das heißt in diesem Fall unsere Gelder, rechneten und überlegten einen Abend lang, rissen einen neuen, ach so notwendigen Gasherd aus dem Herzen meiner Frau und zwei neue, ach so notwendige wissenschaftliche Werke aus dem meinen und kamen zu dem Ergebnis, daß wir uns vierzehn Tage Ferienerholung leisten könnten. Freilich hatte der Arzt dringend gemahnt: „Gehen Sie zu „Schmidt", nicht zu „Schmidtchen", sonst haben Sie nichts davon. Gute Verpflegung muß sein, und anständige warme Räume muß es geben, wo Sie sich untertags bei schlechtem Wetter aufhalten können." Auch das sahen wir ein. Wir schrieben also an acht bis zehn „Schmidt«" (nicht an „Schmidtchen"), fragten nach den Preisen, nach der Verpflegung, nach den Gesellschaftsräumen und kamen uns ganz „vorkriegsmäßig" vor. Vor allem aber fragten wir nach ruhigen, absolut ruhigen Zimmern Aus der Fülle der Antworten das Richtige zu wählen, war nicht leicht. Ueberall gab es „beste Verpflegung", „komfortable Tagesräume" und — hohe Preise. Schließlich brachten den Ausschlag die „absolut ruhigen Zimmer" in einem Kurhaus mit Höhenluft. Von 7,50 bis 9,50 Mark. „Nur nicht kleinlich sein", meinte meine Frau und so bestellte sie telegraphisch und kaufte mir noch ein paar schöne Sportstrümpfe: denn bas ift eine ihrer ästhetischen Schwächen: sie entsetzt sich auf jeder unserer Wanderungen über die „deutschen Münnerwaden", die uns begegnen, an deren unförmigem Umfang man genau sechs Etagen zählen kann: Stiefelrand Unterhosenwülste, Sockenende, Hosenrand und darüber die grellfarbige Borde der Ueberstrümpfe. Frohen Mutes fuhren wir unferm Ziel entgegen, und als uns gegen Ende der Reise die hohen dunklen Tannen aufnahmen, der erste Schnee schimmerte und alles so feierlich schön und still um uns lag, da atmeten wir aus Herzenstiefe auf. Ach, wie wird uns die Ruhe wohl tun! Ein kleiner Mißklang war es freilich, als sich bei unserer Ankunft herausstellte, daß die „Von"-Zimmer alle besetzt seien und die „Vis"-Zimmer 10 Mark kosteten stall der angekündigten 9,50 Mark. Nun, wir wollten ja nicht kleinlich fein und da sonst alles hübsch, fauber und bequem war, ließen wir uns die Stimmung nicht verderben. Zu den Fenstern grüßten der Wald und die Sonne herein, und bald waren wir draußen und freuten uns all der Herrlichkeit. Etwas weniger erbaute uns die Mittagtafel. In einem großen Speisefaal schwirrte und schwatzte und klapperte es atemberaubend von etwa hundert Gästen. Noch weniger wollte es mir recht gelingen, mein Wohlwollen aufrecht zu erhalten, als ich die einzelnen Gruppen ins Auge faßte. Alle ausnahmslos in elegantestem und modernstem Sportdreß. . Daß mancher und manche sich damit zur Karikatur machte, war ja ihre eigene Sache: woher aber diese Leute in unseren heutigen Zeiten, in unserem heutigen armen Deutschland das Geld zu solcher Ausstattung nehmen, war das eigentlich auch nur ihre eigene Sache? Die gleiche Frage drängte sich mir wieder abends auf, als alles in voller Gesellschaftstoilette zur Tafel erschien. Ich finde es sehr hübsch, ja die innere und äußere Ausspannung geradezu fördernd, auch darin aus dem Alltag heraüszutreten, daß man sich wieder mehr Zeit für feine äußere Erscheinung nimmt. Aber gut und geschmackvoll gekleidet fein, bedeutet das denn, Abend für Abend in einer neuen Kombination von Seide zu erscheinen! Ich meinte zwar, besonders teuer könnt» das nicht fein, denn die Kleider hörten unten so schnell auf und oben war auch nichts, aber meine Frau lächelte nur. Na, und wenn grauen- lächeln und nichts sagen, da sagen sie am meisten. Wer beschreibt aber unser Erstaunen, als gleich nach Tisch eine Geige zu stimmen anfing und alle Vorbereitungen zum Tanz gemacht wurden. Wir flüchteten un» in die Gesellschaftsräume, die aus einem Schreibzimmer, einer Jagdstube und einer Diele bestanden, die Halle hieß, aber meist hall genannt wurde, mit möglichst dumpfem a, um anzudeuten, daß man des Englischen mächtig fei. Aber auch in den Gefeüschaftsräumen fanden rott keine Zuflucht, denn dort wurde bereits von Männlein und Weiblein ganz kannibalisch geraucht (o weh, mtine angegriffenen Augen) und da» Grammophon spielte. Nebenan, beim Radio, war es ruhiger, aber hier wiederum konnten wir uns nicht entschließen, einen der Hörer überzustülpen, die von Kopf zu Kopf wanderten. Was mochte da alles mit- wandern! All die alten und jungen Bubiköpfe, all die großen und kleinen Glatzen — ach nein! Der Philosoph ist gewohnt, auch an bi» Folgen und die Zukunft zu denken, und so ließen wir denn den Vortrag der Londoner Heilsarmee ungehört und fliegen ziemlich kleinlaut le unser Zimmer. Nun, trösteten wir uns, frühzeitig schlafen gehört zur Erholung, vielleicht ist es so das Beste. Kaum aber stehen wir in unserem Zimmer, da geht ein Höllenspektakel los: unter uns wird getanzt! Wahrhaftig, wir rechnen es nach, unser „absolut ruhiges Zimmer" liegt direkt über dem Saal. Die Geige quietscht, das Klavier klimpert, die Paave schleifen — wir aber liegen in den Betten und schließen bei dem Lärm kein Auge. Lang nach Mitternacht erst verteilen sich die Gäste schwatzend und lachend in ihre Zimmer — der erste Tag unserer Erholung war vorüber. Natürlich hatte ich am nächsten Morgen schon eine gründliche Aussprache mit dem Wirt. Er bewies mir überzeugend, daß wir das ruhigst» Zimmer hätten — denn die andern wären noch viel unruhiger. Uebrigens würde nur jeden zweiten Abend getanzt; die Leute kämen eben her, um sich zu amüsieren, dabei würde viel an Sekt verdient, nach ben Feiertagen sei wieder alles still. Was tun? Wieder einpacken, abreifen, etwas Neues suchen? Dabei versicherte uns das Zimmermädchen, das in fast allen „Kurhäusern" der weiteren Umgegend schon gedient hatte, baß es überall das gleiche fei: viel Lärm, viel Sekt, viel Tanz — kurz, viel „Erholung". So blieben wir mit dem festen Vorsatz, unsere heißersehnt» Ausspannung dennoch zu finden, denn „alle großen Dinge geschehen trotzdem". Von nun an versuchten wir, unter Ausschaltung aller persönlichen Gefühle und Wallungen, nur als reine Beobachter zu registrieren. (Es kam das Weihnachtsseft. „Stille Nacht, heilige Nacht" — unter uns schleiften die Paare, jammerte das Klavier, quiekte die Geige — und tönte die große Trommel. Diese fei immer für hohe Feiertage da, erzählte das Zimmermädchen. Es, kam Silvester. Draußen lag eine Sternennacht von berückender Schönheit und Majestät — unter uns schleiften die Paare, wimmerte das Klavier, quiekte die Geige, tönte die groß» Trommel. Unter uns tobte die wildgewordene Masse Mensch in Papier» mützen, Papierschlangen, Sekt, Foxtrott und johlenden Schreien bis morgen vier Uhr. Am nächsten Tag schon reiften alle nach Hause, weggeweht war plötzlich das ganze wilde Heer, die Sonne schien noch einmal so warm, die dunklen Tannen standen noch einmal so hehr und ber Wald war noch einmal so feierlich. Doch wiederum sollte es nur die Ruhe vor dem Sturm sein. Untere Nebenzimmer wurden verdächtig rasch geputzt und eingeräumt — richtig waren neue Gäste gekommen. Eine ganze Familie: Mann, Frau, kleines Kind und — eine Nurse. Flüsternd und voll Bewunderung berichtete es das Zimmermädchen; sie hatten drei Zimmer genommen und das anstoßende Bad — der Wirt flog nur so vor Bereitwilligkeit und Ehrfurcht. Später erfuhren wir freilich, daß ber neue Gast sofort ein „Arrangement" mit dem Wirt getroffen, so daß er für die einzelne Person weniger bezahlte als wir. aber trotzdem herrschte scheue Ehrfurcht im ganzen Hause, die Nurse war zu Überwältigend. Auch bestellten sich die Leute jeden Morgen zu dem überreichen Frühstück noch zwei übervolle Fleischplatten, die jedesmal glatt bewältigt wurden. Woher sonst wäre auch der Riesenumfang dieser Familienmutter gekömmen als von solchen Leistungen! Zum notleidenden Mittelstand schien sie nicht zn gehören, dafür war der Gatte auch Großhändler in Sprit. Wir konnten hier im Einzelfall beobachten, was wir während der Feiertage an ber Masse konstatiert hatten: bei Tisch nachlässige Manieren, eine Haltung, zumal der jungen Leute, als ob sie in einer Apachenkneipe zu Haufe wären, keinerlei Gedanken ober Rücksichten auf die Nebenmenschen, ungeheure Leistungen im Essen und Trinken, die uns immer wieder in Erstaunen setzten. So hörte ich die Spritfrau nach dem Mittagessen zn ihrem Gatten sagen: „Ich kann kaum noch atmen!" Natürlich war der Ausspruch nicht für mich bestimmt, aber mich als Psychologen und Philo- fophen interessierten gerade die nicht für mich bestimmten Aussprüche. Sie gewährten mir einen Einblick in die Volks- — Pardon in die hoher« Gesellschaftsseele. So etwa ein Gespräch zwischen Dame und Nurse. Dame: „Sie sind schon kein Kindskops mehr, Sie sind ein Kalbs- topf". Aus das empörte Gesicht der Nurse hin beschwichtigend: „toie wissen doch, Kalbskops in holländischer Soße ist etwas Feines. „Nurse: „Ihrer aber nicht!" — Tiefe Einblicke in das Familienleben gestattete uns das Wohnen Wand an Wand. Offiziell hieß das Kleinste Mädi, der Bub Georg-Joses, aber inoffiziell, wenn man unter sich war, hieß Mädi: das Mensch, und Georg-Joses: der Hund. Das Mensch und der Hund tobten tagsüber wie Naturgcwalten und wurden zwischenhinein ins Klosett gesperrt. Um auch in die Kinderseele einen Einblick zu geben, sei nur erwähnt, daß der sechsjährige Junge bei Tisch zu seinem Schwesterchen sagte: „Du schlechtes Luder!" Was mau mit allgemeinem Gelächter über feine Intelligenz quittierte, und daß er dann energisch vom Wein zu trinken verlangte, roa$ ihm zwar zuerst verweigert, aber nachher be- schoicht gend gewährt wurde. Ueberhaupt schien es den Leuten nicht nur unbequem, sondern auch unbillig, den Kindern irgend etwas zu versagen oder zu wehren: „das gibt sich später von selbst", sagte die Mutter Lärm, Kindergeschrei, Bücklingen des Wirtes, entsührte nach einer Woche das Auto Spritoater, Spritmutter, den „Hund", das ',Mensch" und die Nurse. Als Ergebnis für den Wirt -stellte sich nachträglich heraus: Mädi oder „das Mensch" hatte alles Esten, das ihr nicht paßte, insbesondere Milch, Eier und Brei energisch in den neuen Teppich getreten und mit Tinte Linien darum gezogen. „Der Hund" oder Georg- Joses hatte mit seinem eisenbeschlagenen Skistöckchen aus die polierte Kommode Speerwürfe geübt und die Betten angeschnitzt. Das war die Weih- nachtsbescherung für den Wirt. Nach zwei Tagen voll Tannenduft, strahlendem Himmel und köstlicher Ruhe — unfern einzigen ruhigen Tagen — nahmen wir als die letzten Gäste Abschied und fuhren heimwärts, der Arbeit und dem Alltag entgegen. Und während der Zug so dahinfuhr, Stück um Stück meines lieben Vaterlandes vor mir aufrollend und ich nachdenkend all das Erlebte noch einmal überschaute, da wurde mir bitter weh ums Herz. JD Deutschland hoch in Ehren" soll das deine Gegenwart sein! Vor allem: Soll das deine Zukunft sein? Sollen wir uns darein ergeben, daß neu erworbener Reichtum, Unbildung und Genußsucht die Oberhand haben? Sollen wir es glauben, wir arm gewordener Mittelstand, daß uns mit dem Geld auch die Macht, der Einflust und die Selbstsicherheit genommen sei? Nein! Nun gerade heißt es geigen, daß Idealismus, Bildung und tapfere Gesinnung eine Geistesaristokratie schafft, die unabhängig vom Geld auch in Armut bestehen bleibt. Und wir, die wir unsere Kinder nicht mehr in Ueberfluß und Sorglosigkeit aufwachen lasten können, haben wir ihnen darum gar nichts mehr zu geben? Manche Eltern fragen sich vielleicht so mit Bitterkeit im Herzen und denken nicht daran, welche Schätze gerade sie und einzig sie in der Hand haben. Was ihnen bis heute ein selbstverständliches Gut schien, das ist heute selten und immer seltener geworden: eine gute Erziehung! Was nicht durch Geld einfach errafft werden kann, was jene andern nicht besitzen und was heraushebt aus dem schnell ausgekammenen Vergnügungsproletariat — das gebt eueren Kindern: eine gute Kinderstube. So einfach ist das freilich nicht, denn wo Erziehung nicht nur äußere Form, sondern in die Tiefe gedrungene Eigenschaft werden soll, da muh vor allem das Beispiel wirken. Die Eltern selber müssen wieder beginnen, sich täglich und stündlich in der Gewalt zu behalten, weder Zorn noch Müdigkeit darf sie davon abbringen. Nur so wird auch den Kindern von klein an ein höflicher, rücksichtsvoller und guter Ton zur zweiten Natur: nur Selbstbeherrschung der Eltern kehrt es die Kinder, sich selbst beherrschen. Man täusche sich nicht, die Zeit der kritiklos hingenommenen Autorität ist unwiderbringlich vorüber. Auch den Kindern gegenüber gift das Wort: es gibt aus die Dauer kein anderes Mittel, für das gehalten zu werden, was man wünscht, als es zu sein. Autorität und geistiger Einfluß auf die junge Generation muß durch eine Cigenpersönkichkeit errungen werden, die sich täglich selber neu bildet, veredelt, heobachtet und meistert. Die damit jene innere Beweglichkeit sich erhält, die die Jugend gefangen nimmt und von der Jugend gefangen genommen wird. Schenkt euren Kindern das Glück, s o erzogen zu werden und sie werden nicht nur einmal inneren Stürmen gewachsen sein, sondern sie werden ins Leben hinaustreten mit jenem Nicht einzuholenden Vorsprung, den die selbstverständliche stille Sicherheit der guten Herkunft und Erziehung verleiht, der niemals durch Geld wettgemacht werden kann. Um unserer Kinder, unserer Zukunft, um unseres Vaterlandes willen sühle sich hier jeder berufen, zu Helsen. Es wird soviel gesprochen von der Not des Geistesarbeiters und von der Armut des guten Mittelstandes: es llt Zeit, daß wir uns wieder besinnen auf den Reichtum des guten Mittelstandes, daß wir ihn wieder Hervorholen, uns seiner freuen und — ihn vermehren. Auf Wilddiebe im polnischen Wald. Von Th. v. ©Übungen. Schneefall und rauhe Nordoststürme mit klingendem Frost brachten schon die ersten Dezembertage. Harte, schwerste Zeit tritt für das Wild letzt ein. Zunächst sind es Wind und Wetter, die unseren Freunden in Wald und Flur böse zusetzen. Die hart gefrorene Schneedecke reißt dem Rehwild über den Schalen die Decke schweißig und macht es ihm oft so schmerzlich schwer, sich ein paar kümmerliche Moospflänzchen als Assung zu suchen. Das Wild wird matter und magerer, es leidet schwer unter Hunger und Frost. Das Raubzeug aber weiß dies nur zu gut. Meister Reineke an der Spitze folgt jetzt gar gerne den Spuren des dem Verenden nahen, zum Skelett abgemagerten Schmalrehs. Firkäter streifen durch Wälder und Felder, gierig trachten sie das todmüde Reh zu reißen. Verwilderte Katzen wissen sich ihr Teil an den im Schnee recht unbeholfenen Wachteln und Rebhühnern, Fasanen und sonstigem Wildgeslügek zu sichern. Das gefährlichste aller Raubtiere aber ist der Mensch, der Wilddieb ist grausamer als Fuchs, Marder und Habicht. Um diese Zett fuhr ich alljährkich mit dem benachbarten Oberförster hinaus in die bis zur russischen Grenze reichenden Waldreoiere der ehemaligen Provinz Posen. So waren wir wieder einmal unterwegs, um uns auf neue an dem winterlichen Wald zu erfreuen. Die Futterplätze für das Wild mußten eingehend revidiert werden. Schließlich aber, und das war wohl der Hauptbeweggrund, wußten wir, daß von Russisch- Polen aus stark gewilddiebt wurde. Ebenso holten sich die polnischen Bauern gerne ihren Sonntagsbraten, und wenn es ein armseliges, w.lües Kaninchen war, das sie in der Schlinge fingen. Dieses Schlingenstellen oder „Strickeln", wie es auch genannt wird, habe ich stets als ganz verwerflich gehaßt. Dem Wilddieb, der aus Passion ober Not handelt, kann ich Verständnis entgegenbringen, nichts aber habe ich übrig für den '^grül^eif' Uhr^waren wir losgefahren; leichter Frost mittags tat uns nichts, dicke, weiße Schneeflocken rieselten vom grauschwarzen H.mmeil herab Das große, weiße Schweigen liegt über dem polnischen Wald. Dicht sind die Fichten mit Schnee umhangen. Auf dem bronzefarbenen Laub der Buchen und den sattbraunen Blättern der Steineichen haben sich dichte Schneenester abgelagert, und jeder freistehende Pfahl oder Grenz- ftein trägt ein aus die Seite gerutschtes, weißes Pelzbarett mit glitzernder Eisagraffe am Rande. Der hochbeinige, lange Schweißfuchs, den wir vor unserem Selbstfahrer haben, bringt uns in kurzem Trabe vorwärts, so das rechte Tempo, im Fahren aus den beiden Säcken, die hinten auf dem Kutschersitz unseres Wägelchens stehen, an möglichst schneefreien Stellen Eicheln und Bucheln, Kastanien und andere Leckcrb.ssen auszustreuen, die von Reh- und Rotwild, aber auch von den Schwarzkitteln gerne ausgenommen werden. An den Fütterungen ist das Wild sehr vertraut, Hirsche und Rehe, auch borstiges, braunes Schwarzwild trollt sich von allen Seiten herbei und „schnurpft" mit großen Behagen von den frisch geschnittenen Futterrüben. Da, auf dem Kahlschlag gleitet es schnell und katzenart g, rot weiß und grau über eine vom Windbruch gefällte Fuhre. Schon habe ich die Flinte am Kopf, es kracht, und Freund Reineke, den wir beim Mahl gestört haben, färbt mit seinem Schweiß die jungfräuliche „Neue". Rasch bin ich herunter vom Wagen, und fasse den Fuchs an der Lunte. Bei dem alten Erzgauner ist Vorsicht stets geboten, doch er bat feine schwarze Seele bereits ausgehaucht. Wunderbar ist der alte ,,'Jiuö im Haar, und der Balg ist sehr willkommener Zuwachs für die Schlitten- Pelzdecke, die ich zum nächsten Christfest bauen lassen will. Langsam fahren wir der nächsten Wildsütterung zu. Es dämmert schon, obgleich es erst auf 3 Uhr geht. Eigenartig dunkelgrau und schwefel- gelb färben sich die tief und schwer toie wallende Schleier herabhangenden Wolken Da rollt ganz plötzlich ein im feurigen Golde leuchtender Kugel- blitz über das Firmament, mit prasselnden Donnerschlägen im Geso ge. Bald zucken Blitz aus Blitz über den Himmel, der bisweilen seine gewal- tigen Riesentore zu öffnen scheint, und wir schauen dann in ein Meer von strahlendem Blaufeuer. Dazwischen ertönen fast ohne Unterbrechung donnerndes Gepolter, peitschendes Knallen und betäubendes Krochen, das zuletzt in einem dumpf abschwellenden, murrenden Grollen ausklingt. Wir erleben etwa zehn M-nuten lang das außerordentlich seltene, herrlich« Naturschauspiel eines Wintergemitters. Nach dem schnellen Ende des Unwetters erscheint für einen Augenblick leuchtend und klar die späte Wintersonne am westlichen Horizont. Sie taucht die ganze, herrliche Winterlandschaft in eine purpurne, satte Farbe und überg eßt unser Gesichtsfeld mit wunderbar schonen, ruhig glühenden Lichtern. Schnell hat sich der graue Wolkenvorhang wieder über dem herrlichen Naturschauspiel gesenkt, und langsam beginnt Frau Holle wieder ihre Betten zu schütteln. Der Oberförster berührt den Fuchs nur leicht mit der Pritsche, und schon setzt sich dieser in einen schlanken Trab. Ans der nächsten Futterstelle finden wir auffallender Weise kein Rot- und Rehwild: das ist eigenartig, denn auch auf unser Klopfen an die Futterraufe, ein sonst nie versagendes Lockmittel, zeigt sich kein Wild. Noch tauschen wir unsere Meinung über diese Erscheinung aus, ba hören wir einen Flintenschuß aus nicht allzuweiter Entfernung und gleich danach einen zweiten, dumpfen Knall aus derselben Richtung. Der Oberförster ruft mir zu: „Da sind sicher Wilddiebe am Werk, wahrscheinlich bei der letzten Fütterung!" Diese liegt nur etwa fünfhundert Meter von der russigen Grenze, und wir haben zehn Minuten Fahrt dahin. Wie der Blitz sind wir auf unserem Wägelchen, und es geht in windender Fahrt der Rich- tung zu, aus der die Schüsse kamen. Auf der Schneise, dicht bei der letzten Futterstelle fährt ein mit zwei Pferden bekannter „Panjewagen der russischen Grenze zu. Zwei Männer erkennen wir, von denen der eine vorne die Pferde zur Eile treibt, der andre hinten auf dem Wagen sitzt und anscheinend einen Sack hält. Unsere Zurufe „Halt!" und „Stoft bewirken mir, daß der Wagen schneller fährt. Wir kennen die Leute nicht doch ihr Verhakten verdächtigt sie schwer als Wilddiebe, zumal auch der gegen uns sitzende Kerl sein Gesicht geschwärzt hat. Noch nimmt es unser Fuchs auf mit den beiden kleinen, aber auch fixen Pferden. Wir bleiben dicht hinter dem Fuhrwerk vor uns, doch kommen wir in der engen Waldschneise nicht vorbei. Die Wilddiebe verhindern durch ge» chirktes Fahren das Vorfahren, so daß wir nicht vorbei können, um ihnen den Weg abzuschneiden. Die Kerle haben unsere Absicht wohl durchschaut. Weiter geht es über die Grenze, der vor uns liegende Wagen jagt im Galopp vorwärts. Trotz der „Stoj"°Rufe des Kosakenpoftens wir hinter- her. Ein Hohlweg nimmt uns auf, ein paar Kugeln von dem Grenz- poften pfeifen uns um die Ohren. Jetzt aber gewinnen mir freie Straße, und es wird möalich fein, den Wilddieben quer vor den Wogen zu kommen. Unseren Fuchs treiben wir zur höchsten Eile, und bald liegen wir mit unserem Pferd neben dem Wagen vor uns. Da wirft der rock- wärtssitzende Wilddieb unserem Fuchs einen Sack, der anscheinend Wild enthält, vor die Beine mit der Absicht, das Tier zu Fall zu bringen. Aber Pferd und Kutscher haben gut aufgepaßt. Mit eiserner Faust fuhrt der Oberförster die Zügel, und nur mit einem kleinen „Rumpler" fliegt unser Wagen über das Hindernis hinweg. Schweihbedeckt sieht unser Fuchs aus wie ein Schimmel; doch es geht um das Ganze, wir dürfen auf halbem Wege nicht haltmachen. Jetzt zeigt sich die größere Ausdauer unseres Blutpferdes, es gibt einen aufregenden Endspurt. Schließlich sind wir eine Pferdelänge vor den Wilddieben. Mr wollen gerade links um- biegen, um mit unseren, ©«fährt vor die Köpke der anderen Pferde zu kommen, da reifet auch der Wilddieb seine Pferde noch links herum. Aber hoppla, er hat die Tiefe des Grabens unterschätzt, der Wagen kippt um, und vor ihm stehen die dampfenden Pferd« still. Gleichzeitig ist der Kerl mit dem geschwärzten Gesicht wie ein Wiesel von dem Wagen herunter und läuft mit Riesenschritten querseldein, dem nahen Walde zu. Schon bin ich hinterher, merke aber sehr bald, dafe der Wilddieb besser bei Fuß ist als ich. Aus meinen Anruf steht er nicht, wohl aber, als ihm meine Schrotladung um die Beine fegt. Er schreit aus und fällt um, als wenn er schwer getroffen wäre. Aber auf den Leim gehen wir nicht. Rasch bin ich bei dem Helden, und es bedarf wenig Zuredens — er ist nicht einmal angekratzt — dann geht er vor mir her nach unserem Wagen. Dort hat der Oberförster unter dem Stroh des Wagens versteckt eine alte Lefaucheux-Fkinte gefunden und bereits festgestellt, dafe daraus erst vor kurzem geschossen worden ist. Der Wagen ist wieder aufgerichtet, und die Pferde stehen bereits mit den Nasen nach der Grenze zu. Jetzt legen sich die feigen Wilddieb« aufs Bitten, wir möchten sie doch laufen (offen, sie hätten Frauen und kleine Kinder zu Hanse, die müfeten verhungern, wenn wir Anzeige erstatten würden. Aber für einen Wilddieb, der das hungernde Wild von der Fütterung wegfchießt, kennt der Weidmann kein Mitleid. Bor uns, auf ihrem Wagen sitzend, fahren die beiden Wilddiebe Im Schritt zunächst nach dem weggeworfenen Sack. Sehr bald EInden wir diesen und darin ein mit gehacktem Blei durch den Hals ge- chossenes Reh. Den Sack nehmen wir ebenso wie die Flinte der Wild- nebe, auf unseren Wogen und fahren nun nach der nahegelegenen Grenzstation. Dort liefern wir das Gesindel mit ihrem Wagen an den mir bekannten Kosaken-Podporudcznik (Unterleutnant) ab. Schnell ist dieses Geschäft erledigt, aber wir müssen noch einen „Starka" mit dem Kosakenleutnant trinken. Dann läfet er uns die „Rogattka", (Grenzbarriere) öffnen und verabschiedet sich mit „dobra noc pannomie"! Fernsehen im Jahre 1933. Eine Phantasie von Frank Warschauer. Hier in diese blaue Kabine, bitte links. Da drüben auf der anderen Seite wird das Diapositiv in eine Lichtquelle gehalten und bewegt. Ach so, Sie wissen Bescheid. Dieses flimmernde Etwas dort auf der raeifeen Scheibe kann Ihnen nicht imponieren? Das sieht aus wie ein sehr schlechter Film? Da haben Sie recht. Das sind noch Borversuche hier. Immerhin, bewegte Bilder werden mit größter Geschwindigkeit in Punkte aufgeteilt, in elektrifche Werte verwandelt, wieder zusammengefetzt. Sie können sich das ooifteUen? Um so besser. Ja, stimmt, In einiger Zeit, es wird nicht mehr lange dauern, werden Sie sehen können, was im Aufnahmeraum vor sich geht. Sie werden auch Filme an der weifeen Scheibe Ihres Empfangsapparates abrollen sehen. Das wollen Sie gar nicht? Wenn «s fein mutz, können Sie zu diesem Zweck auch ins Kino gehen? Richtig. Aber es bleibt Ihnen ja doch die glückliche Möglichkeit, Ihren Apparat abzuschalten. Sie sagen ja immer, dafe dies einer der gröfeten Borzüqe des Rundfunks ist. Ein Druck auf den Knopf, und die Sach« ist tot. Fernsehen — hier auf dieser weifeen Scheibe in dem blauen Pavillon Simmert di« Zukunft. Noch undeutlich; Sie brauchen nur etwas schärfer inzufehen, dann erkennen Sie auch Details. Nämlich deffen, was aus der Sach« in spätestens fünf Jahren geworden ist. Ueberfchätzung der Technik? Danke bestens. Ader wir wollen hier ja gar nicht philosophieren. Bon dem komplizierten Jonglieren mit Wertsetzungen wollen wir doch lieber absehen. Ob der technische Fortschritt — schon das Wort ärgert Sie, bringt Sie zur Raserei, aber da läfet sich nichts machen — ob der technische Fortschritt auch ein kultureller sei? Danke bestens, das lieber ein andermal. — Wir wollen bei der ganz einfach realpolitischen Betrachtung bleiben. Diese flimmernbe Scheibe hier ist nämlich eine Kraft der Umwandlung. Die Veränderungen, die von hier aus bewirkt werden, gehen mit naturgesetzlicher Notwendigkeit vor sich. Wir wollen einmal versuchen, sie zu erkennen. Bevor wir werten, müssen wir doch erst einigermaßen wissen, was überhaupt vor sich geht. Nein, es kann Ihnen nicht gleichgültig sein. Uebrigens kommt es daraus gar nicht an. Sie werden doch von der Entwicklung erfaßt, Sie und alle Menschen um sie herum. Was Sie also auf der Mattscheibe Ihres Empfangsapparates sehen werden? Das ist Ihnen vor allem wichtig, die Tatsache des technischen Könnens allein läßt Sie kalt? BerstSndlich. Sprechen wir also von den kühnsten dieser Möglichkeiten. Es steht irgendwo das elektrische Fernauge. Was sich in dem fpiegelt, können Sie ebenfalls sehen. Daneben das elektrifche Fernrohr, was in dieses als Klang hineindringt, können Sie ebenfalls hören. Man kann die Apparate natürlich an den verschiedensten Stellen placieren, wie jetzt schon bas Mikrophon in Theatern, Oper, Konzertsaal, Bortragsraum und so weiter. Aber sie brauchen überhaupt nicht an irgendeiner Stelle festzustehen; sie können auch bewegt werden. Erinnern Sie sich noch der Versuche, bei der letzten Funkausstellung, aus einem Flugzeug Sprache und Musik auf die Erde zu übertragen und der umgekehrten Verbindung? Nun, denken Sie sich etwas Aehnliches mit dem elektrischen Fernauge. Der Sender wird sich bewegen können, auf einem Flugzeug ober auf einem Automobil oder einem Dampfer, wo Sie wollen. Stellen Sie sich nun vor, daß fo ein Apparat gefahren ober hermn- geflogen wird? Hier in der Nähe, auf der Havel. Ober etwas weiter, an der Isar. Ober sonstwo, an einem beliebigen Orte der Erde ober der Lust oder unter der Erde, auch unter Wasser, den Menschen erreichen können. _ Ja, eine Wand wird vor Ihnen einstürzen. Sie werden wie aus der Eingeschlossenheit eines Kerkers herauskornmen. Denn mit diesem beweglichen Auge können Sie nun tatsächlich die ganze Welt sehen. Ich glaube, bas Tollste wird sein, daß man von feinem Zimmer aus Reisen in die fernsten Länder macht. Ja, die Erde wird bekannt werden. Und zwar allen. Der Blick wirk» die Landschaften und Vorgänge auf ihr umfassen. Sie wird nicht mehr fremd fein, unzugänglich. Indem der menschliche Blick sie umspannt, Ichrumpft sie, wirb sie kleiner, undebrohlicher. Völlige Aenderung der kosmischen Stellung des Menschen, da haben Sie recht. Ungeheures Einströmen von Wirklichkeiten in bas menschliche Bewußtsein. Hat schon begonnen? Natürlich. Was wir Kunst nennen, wird es Demgegenüber sehr schwer haben, wahrscheinlich im Grundwesen Veränderungen unterliegen. Ich habe von diesen Mögllchkeiten zuerst gesprochen, sie sind natürlich noch belangvoller, als die anderen, daß jeder sein Theater, seine Oper, [ein Kino, feine Universität für fast gar kein Geld bei sich zu Hause haben wird. Aber sehen wir uns doch diesen Zweig der Entwicklung einmal etwas genauer an. Man sieht, was in den Senderäumen vor sich geht, hort es gleichzeitig. Denken Sie nun einmal an das Gebiet des Theaters. Aus dem Hörspiel, um das man sich jetzt mit ziemlich geringem Erfolge bemüht, wird wieder ein Hör-Schauspiel. Das arme, eben geborene Kind: Hörspiel, bas bestimmt aus feinen Mangeln soviel profdteren könnte, wird bann möglicherweise eingehen? Vielleicht. Bedauerlich. Nicht zu ändern. Aber denken Sie sich nun, dafe zum ersten Ma!« für das Theater das wirkliche Theater, ein grenzenloser Raum geschaffen ist. Jede Beschränkung der Zuschauermenge fällt weg. Es ist plötzlich da. erst einmal praktisch, sehr wahrscheinlich vor der dazugehörigen Kunst, bas Theater für alle, bas Nationaltheater, ja, das Welttheeiter. Was sind feine Stoffe, welches seine Schauspieler, seine Dichter? Natürlich: Was das Theater Im Laufe der Geschichte mehrmals versucht hat, Gültigkeit für jedermann, in Griechenland, im Mittelalter zur Zeit des Mysterienspiels, wird hier in noch viel umfassenderem Maße Wirklichkeit. Auf dieser Bühne werden übrigens bisher ungekannte Wir- fangen möglich sein: zum Beispiel solche, die daraus entstehen, dafe man bei aller Entferntheck, optisch und akustisch den Spielern doch ganz nahe sein kann, ihr Flüstern wird hören können und Einzelheiten ihrer Ge- sichtszüge, ihrer Körperbewegungen sehen ... Ganz neue Gattungen des Theaterstücks werden dort entstehen, vielleicht Kammerspiele subtilster Art, dennoch für Hunderttausende. Das wirb nie gehen? Kann man nicht wissen. „ Das schon setzt viel umstrittene Rundfunktheater wird nun, nach der Erfindung des Fernsehens, bestimmt entstehen, als Zentrol- bühne eines ganzen Landes. Bedenken Sie nun, welche Organisationen sich dabei entwickeln müssen, Diefes Theater wird nämlich sinanziell vollständig durch die Beiträge der Zuschauer, und allein durch sie, ge- sichert sein. Wie die Dinge sich in den meisten Staaten Europas entwickeln, wirb ja im Rundfunk die größte und mächtigste Besucher- Organisation geschaffen. Die Teilnehmer haben gar keine Wahl, einer anderen Organisation beizutreten. Die Beträge, die babei durch die Riesenzahl der festen Abonnenten zusammenkommen, sind schon letzt sehr hoch und werden natürlich noch viel höher [ein. Wie der Rundfunk schon jetzt fo wird dieses Theater bet seinen Einzelaufführungen unabhängig vorn Geschmack des Publikums fein, in der Gestaltung feines gesamten Spielplons freier, als jemals irgendein anderes Theater. Glückliche Theaterdirektoren jenes künftigen Rundfunks, besten Zu- toauer nur zahlen, aber sonst den Mund halten müssen; nicht einmal ihr Abonnement abbestellen können, wenn sie nicht auf bi« tfutte des Rundfunks und der Rundschau überhaupt verzichten wollen ... Sie haben ganz recht Es ist natürlich auch eine Entwicklung denkbar, bie bei einer, wenn auch beschränkt freien Konkurrenz den Teilnehmern größere Rechte gibt. Wahrscheinlich erscheint sie mir nicht. Ich male hier nur aus, wie sich die Dinge im Sinn des fetzigen Zustandes weiter ge- ^at9enero3entraYtI)eater des Rundfunks werden auch Zentralopern und Zentralkinos sein. Man denke sich die historische Kuriosität einer Oper, die keine Zuschüße braucht, sondern sogar noch Em- nahmen ^n. gn Rundfunkorganisationen wird sich die größte Macht fOn@runär$um Nachdenken? Ja, gewiß. Sie find etwas ernst geworden, sogar sehr ernst. Das war auch notwendig. ' . * Merkwürdig, diese wartenden Menschen hier vor dem kleinen Pavillon. Die lange Schlang« derer, die hier anstehen, wie seiner Zeit nach Butter ... Neugierig. Im Grunde — auch ernst. Es liegt in der Lust... Nein, nicht was Idiotisches. Es liegt in der Luft — h'er etwa^ mm, man kann es chwer benennen, jagen wir einmal, man soll sich doch nicht immer vor den großen Worten ängstigen, - Schicksal der Menschheit... Ihnen ist es ganz flau geworden vor den vielen Möglichkeiten ... Sogar schwindlig? ... Kann ich verstehen. Zum Restaurant geradeaus, dann zweimal rechts. Ja, um sechs Uhr zehn. Wiedersehen... Dis S^vsfterglockren. Don Charles Dickens. (Fortsetzung.) In der ersten Ueberraschung wollte er wieder zurückgehen oder doch ein Licht ober einen Begleiter holen; sein Mut kam ihm jedoch bald zu Hilfe, und er beschloß, allein hinaufzusteigen. Was habe ich zu befürchten?" fragte Troity. „Es ist eine Kirchel Außerdem find vielleicht noch bi« Läuter da und haben oergeffen, die Tur 8U er “ging daher hinein und tastete sich weiter wie ein blinder Mann, denn es war [ehr dunkel — dazu herrschte tiefe Stille, denn die Glocken ließen keinen Laut mehr vernehmen. Der Straßenstaub war überallhin gedrungen und lag so dicht aufge« häuft, baß ber Fuß wie auf weichen Samt trat. Auch hierin lag etwas Befremdliches. Zugleich befand sich die enge Treppe so nahe an der Tur, daß er auf der ersten Stufe strauchelte. Dadurch stieß er mit dem Fuß Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'sche rrniversitäts-Duch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen. Schwarz sind die brütenden Wolken und aufgerührt die tiefen Grundwasser, wenn das Meer der Gedanken nach einer Windstille zu rollen beginnt und seine Toten herausgibt. Wilde, gröbliche Ungeheuer erheben sich in voreiliger, unvollkommener Auferstehung; die Teile und Gestalten verschiedener Dinge mischen und vereinigen sich nach dem Walten des Zufalls; und wann und wie und durch welche wunderbaren Abstufungen sich eines von dem andern trennt oder jedes Gefühl oder jeder Gegenstand des Geistes die gewöhnliche Form, das gewöhnliche Leben wieder annimmt, weiß niemand zu sagen, obgleich der Mensch jeden Tag das Abbild dieses großen Geheimnisses in sich selbst beobachten kann. Wann und wie also die Dunkelheit des nachischwarzen Kirchturms sich in Helles Licht umwandelte — wann und wie der einsame Raum sich mit Myriaden Gestalten bevölkerte — wann und wie das geflüsterte: „Hetz und jag ihn", das eintönig durch seinen Schlummer oder seine Ohnmacht zog, zu einer Stimme wurde, die in Trottys erwachendes Ohr rief: „Sollst nicht schlafen!" — wann und wie er aufhörte, eine träge und wirre Borstellung zu hegen, daß es solche Dinge gebe, die sich mit einer Schar andrer nicht vorhandener verbündeten — dafür gibt es keine bestimmten Angaben. Aber wachend stand er jetzt da aus den Brettern, auf denen er kurz vorher gelegen hatte, und sah dieses Gespenstergesicht. In dem Turm, wohin ihn seine behexten Schritte gebracht hatten, umschwärmten ihn zwerghafie Phantome, Geister und Elfengestalten der Glocken. Er sah, wie sie ohne Unterlaß aus der» Glocken herousquollen, sprangen, flogen oder niederfielen. Sie umringten ihn auf dem Boden, in der Luft, kletterten an den Glockenseilen abwärts, schauten von den massiven, eisenbeschlagenen Balken auf ihn nieder, blickten durch die Spalten und Oeffnungen der Mauern nach ihm hin und umflatterten ihn in immer weiter werdenden Kreise», ähnlich denen im Wasser, wenn illötzlich ein großer Stein hineingeworsen wird. Er sah sie in allen Ge- talten, mit allen möglichen Gesichtszügen. Er sah unter ihnen Häßliche, Hübsche, Krüppel und wundervolle Gebilde. Er sah unter ihnen Junge, B Alte, sah Gütige, sah Grausame, sah Fröhliche, sah Grimmige, er sie tanzen, hörte sie singen, sah sie ihre Haare raufen und horte sie llen. Er sah, daß die Luft von ihnen erfüllt war. Er sah sie unablässig kommen und gehen. Er sah sie hinabgleiten, sich emporschwingen, in die Ferne schweben, neben sich kauern — ruhelos, in wilder Bewe- Sung. Steine, Ziegel und Schiefer wurden für ihn so durchsichtig wie für e. Er sah sie in den Häusern geschäftig an den Betten der Schläfer. Da brachten sie den Leuten beunruhigende Träume, dort schlugen sie dieselben mit knotigen Peitschen. Er sah, wie sie den Schlummernden in die Ohren zeterten öder über ihren Pfühlen die sanfteste Musik spielten. Er sah, wie sie einige mit dem jubelnden Gesang der Vögel und mit dem Duft von Blumen beglückten und erheiterten; sah, wie sie aus Zauber- an die Tür, daß sie anpcallte und schwerfällig in ihr Schloß zurückflog, und als er sie wieder zu öffnen versuchte, mar all seine Bemühung vergeblich. Dies war jedoch nur ein Grund mehr, weiterzugehen. Trotty tastete sich vorwärts — hinauf, hinauf, hinauf —• stets kreisend hinauf, hinauf, — höher, höher und höher hinauf; Für's Tasten war es ein sehr unangenehmes Treppenhaus, so niedrig und so schmal, daß die untersuchende Hand stets etwas berühre. Ja, es dünkte ihn oft, als stehe ein Mensch oder eine gespenstige Gestalt aufrecht da und mache Platz für ihn, damit sie unentdeckt an ihm vorbeigleiten könne. Dabei strich er mit der Hand an der glatten Mauer aufwärts, um deren Gesicht, und abwärts, um deren Füße zu suchen, während zugleich ein eisiger Schauer seinen Körper durchrieselte. Zwei- oder dreimal unterbrach eine Tür oder eine Nische die einförmige Oberfläche, und bann kam es ihm vor, als fei eine Oeffnung da, so weit wie die ganze Kirche. Er meinte bei solcher Gelegenheit am Rand eines Abgrundes zu stehen, in den er kopfüber hinunterstürzen müsse, bis er die Mauer wieder gefunden hatte. Dennoch ging es hinauf. hinauf, hinauf — im Kreis hinauf, hinauf, hinauf — höher, höher, höher hinauf! Endlich begann die dumpfe, erstickende Atmosphäre frischer zu werden. Der Wind strömte durch und blies bald so stark, daß er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Aber er gelangte an ein gewölbtes, brusthohes Fenster in dem Turm, hielt sich an demselben fest und schaute hinunter auf di« Hausgiebel, die rauchenden Schornsteine und das Gewirr von Lichtern (in i>re Richtung, wo Meg sich jetzt vielleicht über seine Ab- wefenheii wunderte und nach ihm rief) — alles zu einer Teigmasse von Nebel und Dunkelheit zusammengeknetet. Dies war der Teil des Glockenhauses, zu dem die Läuter kamen. Er hatte eines der abgeriebenen Seile gefaßt, die durch Oeffnungen in dem Eichenbach niederhingen. Anfangs fuhr er zecsammen, denn es kam ihm vor, als hätte er Haare ergriffen, dann aber zitterte er schon bei dem Gedanken, die tiefe Glocke zu wecken. Die Glocken selbst hingen höher, und auch Trotty tastete sich höher hinauf, dem Zauber folgend, der ihn lockte. Der Weg wurde jetzt mühsamer und führte auf steilen Leitern weiter, die dem Fuß keinen allzu sichern Halt boten. Hinauf, hinauf, hinauf geht es, klimmend und kletternd; hinauf, hinauf, hinauf — höher, höher, höher hinauf! Endlich kam er auf den ober» Boden und gelangte, wie er den Kopf über das Gebälk erhob, unter die Glocken. Kaum vermochte er die großen Formen im Dunkel zu unterscheiden; aber da waren sie — schattenhaft, stumm und nachtumhüllt. Ein banges Gefühl von Furcht und Einsamkeit bemächtigte sich seiner augenblicklich, als er in dies luftige Nest von Stein und Metall hfnein- fle'tterte. Sein Kopf schwindelte — er lauschte und erhob dann seine Stimm« zu einem wilden: ,Hallo!" „Hallo!" schallte kläglich das gedehnte Echo nach. Wirr, schwindlig, erschreckt und atemlos stiert« Toby um sich her und brach bann ohnmächtig zusammen. fyiegefn, die sie mit sich führten, gräßliche Fratzen in den unruhigen Traum andrer blitzen ließen. Aber er sah diese Gestalten nicht nur unter den Schlafenden, sondern auch unter den Wachenden, wo sie in unversöhnlichem Haß gegeneinander kämpften und ihre verschiedenen Naturen bezeugten, die entweder echt ober auch nur, ihrem Zweck entsprechend, angenommen waren. Dort hatte sich ein Phantom zahllose Schwingen angeschnallt, um seine Eile zu vergrößern, während ein andres sich mit Ketten und Gewichten belud, um die jeinig« zu mäßigen. Einige trieben die Uhrzeiger vorwärts, andre drehten sie wieder zurück, während wieder andre bemüht waren, da» Staber wert ganz zum Stillstand zu bringen. Hier stellten sie eine Heiratszeremonie, dort eine Beerdigung, in diesem Saal eine Wahl, in jenem einen Ball dar; aber wo sie auch waren — nichts als rastlose, unermüdliche Bewegung. Bon der Unzahl der wechselnden und ungewöhnlichen Gestaltens roit auch durch das Getöse der Glocken, die alle läuteten, verwirrt, klammert» sich Toby an einen hölzernen Pfeiler und drehte in stummem, betäubtem Erstaunen sein leichenblasses Gesicht bald dahin, bald dorthin. Wie er umhersah, hielt das Elvckengeläute inne. Augenblicklicher Wechsel! Der ganze Schurarm wurde undeutlicher; ihre Gestalten fiele» zusammen, und ihre Eile verließ sie. Sie suchten im Flug zu enteilen: aber im Niedersinken erstorben sie und zerflossen in Lust. Keine neue Schar folgte ihnen. Ein einziger Nachzügler sprang noch ziemlich rüstig von der großen Glocke herunter und kam auf seine Füße zu stehen; aber er war tot und dahin, noch ehe er sich umwenden konnte. Einige von de» Spätlingen, die sich im Turm umgetrieben hatten, schwirrten noch ein« Weile langer umher; sie wurden jedoch bei jedem Kreise schwächer und minder zahlreich, bis auch sie das Ende der übrigen sanden. Der letzt« von allen war ein kleiner, buckeliger Kobold, der sich in eine wider- hallende Ecke geflüchtet hatte, wo er noch geraume Zeit wirbelte und wirbelte und für sich auf und ab schwebte; dabei zeigte er eine solche Hartnäckigkeit, daß er zuletzt zu einem einzigen Bein, ;a zu allerletzt z» einem einzigen Fuß zusammenschmolz, ehe er ganz entschwand, und al« dies endlich gsechehen. war es stumm und still Im Turm. Jetzt erst und nicht früher bemerkte Trotty in jeder Glocke eine bärtig« Gestalt von dem Umfang und der Statur der Glocke — unbegreifliche eine Figur und die Glocke selbst. Riesenhaft, ernst und ihn düster ins Auge fassend, während er in den Boden festgewurzelt stand. Geheimnisvolle, grausenhaste Gestalten, die nirgends ausruhten, sondern in der Nachtlust des Turmes schwebten, die verhüllten und mit Kaputzen versehenen Köpfe zu dem dunkeln Dach erhebend — regungslos und schattenhaft. Schattenhaft und finster, obgleich er sie in einem fahlen Schein, den sie selbst verbreiteten, sehen konnte — sonst gab es nirgend» Licht — und jede Gestalt hielt die eingehüllte Hand auf den gespenstigen Mund gelegt. Er konnte sich nicht entsetzt durch die Oeffnung im Boden hinab- stürzen, denn alle Kraft der Bewegung hatte ihn verlassen. Andernfalls würde er dies getan, ja, sich sogar kopfüber von der Turmspitze auf di« Straße hinabgestürzt haben — weit lieber, als daß er sich hier mit Augen betrachten lassen mußte, die da gewacht hoben würden, selbst wen» ihnen die Pupillen herausgenommen worden wären. Wieder und wieder berürte ihn der Schrecke» und das Entsetzen de» «infamen Ortes sowohl als der wilden, furchtbaren Nacht, die hier huschte wie eine Gespensterhand. Die Ferne jeglicher Hilfe, der lange, finster«, gewundene und von Geistern belagerte Weg, der zwischen ihm und der von Menschen bewohnten Erde lag; der hohe, hohe, hoch oben gelegene Ort, wo es ihn schon schwindelte, wenn er bei Tag dem Flug der Vögel zusah; abgeschnitten von allen guten Leuten, die zu einer solchen Stund« wohlbehalten zu Hause waren und in ihren Belten schliefen — alles die» durchzuckte ihn kalt, nicht als eine Betrachtung, sondern nur als em körperliches Gefühl. Mittlerweile waren seine Augen, seine Gedanke» und seine gräßliche Furcht auf di« wachsamen Gestalten gerichtet. Si« sahen in dem liefen Düster und in dem sie einschließenden Schatten nicht aus wie Gebilde dieser Wett, um so weniger, da sie so übernatürlich über dem Boden schwebten; aber dennoch waren sie so deutlich zu unterscheiden. wie das alte, eichene Rahmenwerk und das Kreuz- und Ouer- gebälk, das die Glocken unterstützte. Dies engte sie ein wie ein ganzer Wald von geschlagenem Holz, zwischen dessen Verschränkungen sie wie unter Zweigen toter Bäume, die zu ihrem gespenstigen Gebrauch ersterbe« mußten, ihre düstere, unablässige Woche hielten. Ein Windstoß — wie kalt und schrill! kam stöhnend durch den Turm. Als er dahinstarb, begann die große Glocke ober vielmehr der Geist der großen Glocke zu sprechen. „Was ist dies für ein Besuch?" fragte er. Die Stimme war dumpf und tief, und Trotty meinte, sie ertöne ebensowohl aus den andern Formen. „Ich glaubte, die Glocken hätten meinen Namen gerufen!*, fügte Trotty, seine Hände mit flehentlicher Gebärde erhebend. „Ich weiß kaum, warum ich hier bin ober wie ich heraufkam. Ich habe schon feit vielen Jahren den Glockentönen zugehört, und sie haben mich oft wieder froh gestimmt." „Hast du ihnen auch gedankt?" fragte di« Glocke. „O, tausendmal!" rief Trotty. „Wie?" „Ich bin ein armer Mann", stotterte Trotty, „und konnte ihnen nur mit Worten danken." . „ „War die» auch immer der Fall?", fragte der Geist der Glocke. „Hast du uns nie in Worten unrecht getan?" „Nein!" rief Trotty hastig. „Uns nie mit Worten schnödes, falsches, böswilliges Unrecht getan? fuhr der Glockengeist fort. m Trotty wollte eben antworten: „Stiel“, hielt aber mit einem Male verwirrt inne. (Fortsetzung folgt.)