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Juni Nummer^ Tante Qualle und der Elefant. Von Joachim Ringeln atz. Die Tante Qualle schwamm zum Strand. Es liebte sie ein Elefant mit Namen Hildebrand genannt. Der wartete am Meeresstrand mit einem Sträußchen in der Hand. Das übergab er ihr galant, und bat um Tante Emailens Hand. Da knüpften sie ein Eheband. Der Doktor Storch, der abseits stand, der dachte: „Armer Hildebrand!" Worauf er weiterging und lachte. Warum der Storch wohl so was dachte? Das Duell. Von Hilaire B e 11 o c. Im Jahre des Heils 1895 lebte in der Stadt Paris auf Kosten seiner Eltern ein junger englischer Gentleman namens Bilbury; und wenn sein Name auch anders lautete, so kam er diesem doch so nahe, daß es nichts ausmacht. Er sprach sehr gut französisch und besaß für sein Alter von 24 Jahren eine sehr beträchtliche Vertrautheit mit französischen Sitten und Gebräuchen. Unter den Studenten seines Verkehrs war er durchaus beliebt, und er fetzte feinen Ehrgeiz darein, nicht als Ausländer bei den zahlreichen Gelegenheiten aufzufallen, wo französisches Leben mit englischem einigermaßen kontrastiert. Ja, dieses warb bei ihm zu einer Art Manie, denn wenn er auch ziemlich patriotisch wurde, sobald englische Geschichte und englische Gebräuche herausgefordert schienen, so machte es ihn doch unerträglich nervös, sich als Ausnahme ober gar als Exzentrik in jener Stadt zu fühlen, wo er lebte. Und eben daher kam es, daß er ein Duell ausfocht. Denn es traf sich, daß in der Stadt Paris zur selben Zeit ein anderer Gentleman wohnte, dessen Name Newman lautete. Ebenfalls jung, ebenfalls Engländer, war Mr. Newman von Beruf Ingenieur, während Mr. Bilbury Maler war. Und während Mr. Bilbury halbe Tage im Atelier eines Meisters zubrachte, den er (zugleich mit anderen Studenten) tief verachtete, war Mr. Newman unausgesetzt mit Billardjpielen beschäftigt, und zwar wiederum in Gesellschaft seiner studentischen Fachkollegen von der Universität. Während also Mr. Bilbury zwölf Stunden täglich darauf verwandte, ein Bild einem Ding gleichschauen zu machen, wenn man nur möglichst weit davon entfernt stand (was nämlich der Zweck und das Ziel seiner Schule in Paris war), hatte Mr. Newman bereits die Kunst gelernt, einen Billardball nach dem Anprallen an feinen Nachbarn direkt zum Queue zurücklaufen zu lassen. Mr. Bilbury hatte mit den anderen Studenten im Chor Lieder fingen gelernt, die sich durchaus nicht auf Malerei bezogen; Mr. Newman hingegen hatte jene Gesänge gelernt, die den Jngenieursstudenten eigentümlich waren, wiewohl sie keineswegs etwa angewandte Physik zum Thema hatten. Mit einem Wort: die beiden jungen ©entfernen waren einander nie begegnet. Doch eines Tages traf Mr. Bilbury, der mit drei Freunden Arm in Arm zum Flusse hinspazierte, auf dem Trottoir der Rue Bonaparte den Mr. Newman in einer sehr ähnlichen Situation, nur daß dieser von einer weit größeren Leibwache begleitet war. Es mußte für jeden, der mit dem Temperament der Pariser Studenten wenig vertraut ist, erstaunlich sein (und in der Tat, es war sowohl für Mr.Newman als für Mr.Bilbury erstaunlich, obwohl sie bereits Monate mit den Bewohnern dieses seltsamsten aller Punkte des Universums gelebt hatten), — zu sehen, wie jener bedeutungslose Umstand sogleich einen Gegensatz hervorrief, der seinerseits bald in einen regulären Krach ausartete. Jede Partei lehnte es grundsätzlich ab, der anderen den Weg freizugeben, und die Mitglieder einer jeden begannen die von der anderen mit Tieren jeglicher Art, rote Schwein, Kuh, und sogar mit gewissen Bewohnern der Meerestiese zu vergleichen. Mitten in diesem Lärm rief Mr. Bilbury, um in dem kraftvollen Wettstreit der Jugend nicht nachzustehen, dem Mr. Newman (welcher für ihn ebensogut ein russischer Revolutionär, wie ein Mann aus St. Cyr [ein konnte) ein Epitheton zu, dem er in der zeitgenössischen Literatur der Hauptstadt begegnet war, und von welchem er annahm, daß es in allgemein üblichem Austausch unter den frohen Seelen der Universität sti- Zu seinem Erstaunen — nein, seiner Bestürzung — folgte eine Totenstille auf den Gebrauch dieses einigermaßen vulgären und gewohn- ichen Wortes. Mr. Newman, an den es gerichtet, war nicht gerade tn Unkenntnis über dessen Sinn (denn es bedeutet nichts im besonderen und zwar aggressiv), jedoch ehrlich erstaunt über den Ernst seiner Kameraden, als das kleine Epitheton jetzt gefallen war. Mit einem Staunen, das jenes von Mr. Bilbury weit übertraf, sah er seine Begleiter eine steife Haltung einnehmen, ihre riesigen Filzhüte mit weiten Gesten vom Kopfe lüften, und starr wie Lineale mit ihm zusammen abmarschieren, wobei sie die Bilbury-Gruppe in einem feierlichen Zustande zurückließen, — dem Zustande von Männern, die eine Pflicht zu erfüllen haben. Diese Pflicht war sehr bald erfüllt. Der älteste und verantwortungsbewußteste seiner drei Kameraden teilte Bilbury sehr freundlich aber fest mit, daß die soeben erlebte Szene keinen anderen Ausweg als nur einen zulasse. „Ich mach' dir keine Vorwürfe, lieber John," sagte er sanft (Mr. Bil- burys Vorname mar John), „aber du weißt, daß es hier bloß einen Ausweg gibt." Unterdessen brachen Mr. Newmans Freunde, nachdem sie ihre strenge und stolze Parade fast über die ganze Länge der Rue Bonaparte ausgedehnt hat, beinah gleichzeitig ihr Schweigen und sagten: „Es ist schändlich und du wirst es nicht dulden!" Worauf Mr. Newman die Versicherung gab, daß er keineswegs gesonnen sei, der Würde der Situation auch nur das Geringste zu vergeben. Mehr als dieses wußten weder Mr. Bilbury noch Mr. Newman, doch gingen beide an diesem Abend viel später schlafen, als jeder von ihnen beabsichtigte. Auch fühlte jeder in sich etwas von dem, was Ruth gefühlt hat, als sie zwischen den fremden Kornähren stand — ober doch Aehnliches. Doch am nächsten Morgen erwachte jeder mit dem Bewußtsein, daß er irgendein gräßliches Geschäft auf dem Hals habe, mit irgendeinem Esel von Ausländer, der plötzlich aufgeregt gewesen — ober, genauer, plötzlich aufgehört hatte, aufgeregt zu sein — unb zwar aus völlig un= verstänblichen Grünben an einem bestimmten Punkte einer lebhaften Konversation. Beide, Mr. Newman unb Mr. Bilbury, waren also in ber geschilderten Geistesverfassung, als in Mr. Newmans Zimmer in ber Rue des Ecoles (welches er sich nur mit Schwierigkeiten leisten konnte) zwei feiner Freunde vorn Abend vorher eintraten unb ihm sehr einfach und schnell sagten, daß sie es am besten fänden, als seine Sekundanten zu fungieren, da die übrigen sie beide als geeignet ausgewählt hätten. Auf bas hin murmelte Mr. Newman feine Zustimmung unb wollte soeben angstvoll fragen, ob er sie bald Wiedersehen würbe, als sie mit ungewohnter Feierlichkeit sich beide zugleich nach einem steifen Rituale verbeugten unb sofort verschwanden. Unterdessen spielte sich eine ähnliche Szene in Mr. Bilburys Vierten- stock-Zimmerchen ab; doch da er besser mit den Universitätsgebräuchen vertraut war, entlieh er feine Kameraden mit einem kleinen, schwungvollen Speech unb harrte ber weiteren Entwicklung ber Dinge. Noch vor dem Frühstück wurde die Sache in die Wege geleitet und Mr. Newman, der in ziemlich trüber Verfassung auf die Rückkehr feiner Freunde wartete, bereits um zwölf Uhr davon benachrichtigt, daß alles festgelegt unb in Drbnung fei. Was kommen mußte, hatte am Ende der Woche oben in Meubon stattzufinden, auf einem Felde, das dem Onkel eines feiner Freunde gehörte. „Dort haben wir die meiste Aussicht, ungestört zu bleiben," sagte der Freund, „unb können die Affäre befriebi- genb durchführen." Dann setzte er hinzu: „Es ist von einer hohen Mauer umgeben." „Ader," unterbrach ihn bann der Sekundant, „da wir Pistolen gewählt haben, wirb das nicht gut tun, weil bann der Knall zu hören ist. „Nein," erwiderte der erste nonchalant, „mein Onkel unterhält einen Schießstand, unb ben Nachbarn wirb bas Geräusch gewohnt genug sein. Du hattest," erläuterte er höflich, zu Mr. Newman gewandt, „als beleidigter Teil die Wahl der Waffen, unb wir haben natürlich Pistolen gewählt." „Natürlich", sagte Mr. Newman, der nicht die Absicht hatte, sich wegen solcher Kleinigkeiten zu blamieren. „Die Gegensekundanten," fuhr Mr. Newmans Freund aufgeregt fort, „verlangten Degen, doch wir sagten ihnen, baß du nicht fechten kannst; übrigens kommt bei Amateuren nie was Vernünftiges mit Degen heraus. Unb bann," setzte er träumerisch hinzu, „bist bu geliefert, falls der andere Mann tatsächlich gut ist, während man mit Pistolen immer eine Chance hat." Dem Mr. Bilbury, ber gleicherweise in recht trüber Seelenstimmung auf bie Mittagszeit wartete, wurde dieselbe Geschichte erzählt, unb zwar mutatis mutanais, wie man in dem, was auf ber Universität von der klassischen Schule übrigblieb, zu sagen pflegt. Sein Gegner habe Pistolen gewählt. „Und bu weißt," setzte einer von Bilburys Studenten herzlich hinzu, „er hatte das Recht ber Wahl, da er ja faktisch ber beleidigte Teil ist. Uebrigens sind Pistolen immer besser, wenn bie Leute sich nicht genauer kennen." . . t , Der andere Sekundant stimmte voll zu unb war der ausdrücklichen Meinung, daß Degen nur für intime Freunde ober Politiker in Betracht kämen. Sie erwähnten auch bas Felb bei Meubon, nur daß es in ihrer Schilderung ber uralte Feudalbesitz eines ber Ihren wurde, wobei sie mit besonderer Sorgfalt auseinandersetzten, baß bie Nachbarn sämtlich -loyalisten, von MngekenSer Anhänglichkeit an die Familie, und die schweigsamsten Menschen der ganzen Welt seien. Für die übrig bleibenden Tage wurden Mr. Bilbury und Mr. Newman, jeder von seiner besonderen Freundesgruppe, geführt und begleitet, und zwar der erste zu einer Schießgalerie in der Nähe von Vincennes, der zweite aber zu einer Schießgalerie in St. Denis. Ihre Experimente vollzogen sich demnach viele Meilen voneinander entfernt, und das war sehr gut so. Es war bemerkenswert, welch ein Strom von Studenten im Laufe der Tage hinflutete, um sich Mr. Newmans kriegerische Hebungen anzusehen. Anfangs füllten den Raum fünfzig bis sechzig Jngenieur- studenten, sowie ein paar reine Mathematiker und einige Chemiker; doch kurz vor Ende der Woche konnte mau sagen, daß so ziemlich die ganze angewandte Physik und die positiven Wissenschaften um Vincennes herumwimmelten und Mr. Newman zu genaueren und immer genaueren Treffleistungen ermunterten. In St. Denis war die Zahl der Künstler in ähnlicher Proportion angewachsen und zu diesen schlugen sich noch vor Ende der Woche große Haufen von Dichtern, Rhetorikern und sogar bloßen Symbolisten, welch' letztere Purpurschlipse und Perücken trugen. Auch diese drängten 3R_r. Bilbury zur Steigerung seiner Fertigkeit, und zuweilen kam die Hauptperson selber ein Schaudern an, wenn sie sah, wie ein langhaariges und anscheinend untüchtiges Individuum von grünem Gesicht entsetzlich nachlässig nach der Pistole griff und eine Kerzenslamme aus riesige Distanz mit untrüglicher Sicherheit abschoß. Als der große Tag gekommen war, wanderten den Hügel von Meu- don zwei Prozessionen von solcher Größe hinauf, daß sie ein beredtes Zeugnis für den insgeheimen Wohlstand der Republik ablegten. Der Anlaß war viel zu feierlich für einen Schlenderschritt, und zumindest zwei der Anwesenden mußten mehrmals peinlich an Leichenbegängnisse denken. Im Zusammenhang damit muß ich erwähnen, daß ein großer Sarg auf hölzerne Böcke gesetzt ward — an weithin sichtbarer Stelle des Feldes, welches jetzt von jeder Partei durch zwei gegenüberliegende Tore betreten wurde, wobei man durch eine hohe Vierecksmauer von der Umgebung völlig abgeschlossen war. Die beiden Freundesgruppen (jede mehr als hundert Mann stark: alle in Schwarz, die meisten in Zylinderhüten) zogen sich jetzt in die entgegengesetzten Feldecken zurück, wobei trotz der Jugend der Anwesenden nicht das geringste Zeichen von Uebermut bemerkbar wurde. Die vier Sekundanten, im Frack und voll unnatürlicher Wichtigkeit, deponiert auf der Zwischenfläche einen kostbaren Lederkasten, der nach dem Oeffnen zwei völlig neue Pistolen sehen ließ, und zwar von einer solchen Länge der Läufe, wie sie selbst für Araber ungewöhnlich ist, von zivilisierten Menschen gar nicht zu reden. Diese beiden wurden im geheimen geladen und den Kobattanten eingehändigt, worauf Mr. Bilbury und Mr. Newman, welche man angewiesen hatte, die Pistolen gegen den Erdboden gerichtet zu halten, getrennt, jeder an seiner Mauer, aufgestellt wurden, während ihre Sekundanten jetzt die Distanz abschritten. Mr. Newman erinnerte sich bei diesem Anblick der Krickett-Spiele seiner teuren Heimat, während Mr. Bilbury an gar nichts denken konnte, als an einen Gassenhauer, der ihm durch den Kopf klang und ihm schweres Mißbehagen verursachte. <■ Als die Zeremonie des Abschreitens vorüber war, wurden die beiden Unglücklichen ©entfernen Gesicht gegen Gesicht aufgestellt, jedoch mit seitlicher Drehung, so daß die rechte Schulter des einen der rechten des anderen zugekehrt war. Dieses geschah, um den tödlichen Projektilen die geringste Angriffsfläche zu bieten. Und nun zog sich einer der Sekundanten, mit dem Taschentuch in der Hand, auf eine geringe Distanz zurück, um das Signal zu geben. Cs war in diesem kritischen Moment, wo Mr. Newman und Mr. Bilbury mit gen Himmel gewandten Pistolen dastanden und auf das Fallen des Taschentuches warteten, ein jeder mit heftiger Anstrengung auf die Erregung der Sekunde konzentriert, — daß ein ungeheurer Lärm und Geschrei und Geklopfe an einem der Mauertore hörbar wurde, und drei Herren — der eine mit einer so breiten Trikolorenschärpe, wie sie weder Mr. Bilbury noch Mr. Newman je gesehen — hereineilten und der ganzen Gesellschaft im Namen des Gesetzes Einhalt geboten. So apostrophiert, kletterte die ganze Versammlung mit äußerster Geschwindigkeit über die Mauer, drängte sich durch die Tore, und verkrümelte sich, kurz gesagt, auf jede zur Verfügung stehende Weise. Der Herr mit der Trikolorenschärpe setzte sich jedoch in größter Seelenruhe auf einen der Holzböcke, drehte den Sarg um, daß ein Tisch daraus wurde, erklärte sich für einen öffentlichen Beamten, und notierte rasch alles, was vorgefallen war. Es war interessant zu sehen, wie ge- schästsmäßig die Sekundanten Aussage machten und wie höflich die beiden Hauptpersonen von dem Herrn mit der Schärpe als distinguierte Ausländer behandelt wurden. Er schien jung, erstaunlich jung für einen öffentlichen Beamten von solcher Wichtigkeit, doch wahrte er Haltung und war offensichtlich sehr tüchtig. Als er mit feinen Notizen fertig war, erhob er sich halb militärisch, stellte Mr. Newman und Mr. Bilbury vor sich auf, und las ihnen mit großer Geschwindigkeit eine Serie gesetzlicher Bestimmungen herunter, als deren Abschluß eine Strafe von hundert Francs pro Mann figurierte, worauf der Fall erledigt war. Mr. Bilbury und Mr. Newman waren sehr erstaunt, daß versuchter Totschlag in diesem merkwürdigen Lande relativ so wenig kostete. Sie waren noch erstaunter, zu entdecken, daß die Etikette von den beiden Kombattanten unter besagten Umständen eine herzliche Versöhnung verlangte, und endlich völlig verblüfft, als sie nach dieser Versöhnung herausfanden, daß sie Landsleute waren. Ihre Sekundanten bestanden darauf, sie beide an diesem Abend zu einem festlichen Diner einzuladen. Und somit war der ganze Zwischenfall sehr glücklich erledigt, — wenn man von einem vorübergehenden Mißbehagen absieht, das Mr. Bilbury (und ebenso Mr. Newman) beschlich, als er den Herrn, den er erst kürzlich als dreifarbigen Beamten der Republik getroffen hatte, nun gemütlich durch das Restaurant schlendern sah, wobei er mit höchster Stimme trällerte und herzlich zu ihrer Gruppe herüberwinkte, als er jetzt hinaus auf den Boulevard trat ... Doch sie erinnerten sich, daß in Demokratien das Amt von dem Mann unterschieden ist. Zum Glück für die Demokratien. Berechtigte Uebersetzung aus dem Englischen von S. v. R. Konstruktivismus als Stil. Die Baukunst in Moskau. Bon Jeanneret Le Corbusier, Paris. Im folgenden bringen wir einen Bericht des berühmten Schweizer Architekten Le Corbusier über seine Eindrücke von einer Studienreise, die er auf Einladung der Sowjetregierung nach Rußland unternommen hat. Ich hatte geglaubt, daß ich in Moskau in den Begründern des „Konstruktivismus" grundsätzliche Gegner finden würde. Diese Ansicht suhle auf der neuerlichen Haltung eines Teiles der deutschen Baumeister, der seit einiger Zeit die Nützlichkeitsprinzipien der „Neuen Sachlichkeit^ proklamiert. Die Neue Sachlichkeit ist vielleicht nicht aus dem russischen Konstruktivismus hervorgegangen, doch hat dieser durch die energische Ausräumung mit allen Begriffen der traditionellen Architektur ein neues Suchen und eine neue Begeisterung entfacht, die aus dem Anblick der Maschinen entstanden find. Die Anhänger der Neuen Sachlichkeit haben aus diesem Ereignis den Sinn für das Mechanische, das Funktionieren, die Zweckmäßigkeit gelernt, und haben mit einem Enthusiasmus der an Fanatismus grenzt, geglaubt, sie täten am besten, wenn sie die Architektur ganz einfach den Gesichtspunkten der Zweckmäßigkeit unterwürfen. Kurz, ich glaube, daß die deutsche Seele den russischen Konstruktivismus nur als Sprungbrett benutzt hat, um selbst etwas anderes zu schaffen. In heftigen Strömungen vom Pol der Sentimentalität zu dem der reinen Vernunft getrieben, erklärt die von mir bezeichnete germanische Tendenz heute: „Nur das Nützliche ist schön." Sie geht sogar noch weiter: „Das Schöne gibt es nicht. Nur das Nützliche, das Zweckmäßige hat Lebensrecht." Demgegenüber verhält es sich mit dem russischen Konstruktivismus wesentlich anders. Ich fand in Moskau keinen Widerstreit von Geistesrichtungen, sondern nur glühende Anhänger dessen, was ich für die Grundlage allen menschlichen Werkes halte: den „großen Gedanken", der das Werk über seine einfachen Dienlichkeitsfunktionen erhebt und ihm die Poesie verleiht, die uns die Freude schenkt. Eine solche Auffassung ist übrigens echt russisch, denn die Russen sind eminent künstlerisch. Ich habe in Moskau eine ungewöhnliche Begeisterung für Fragen der Baukunst vorgefunden. Ganze Scharen leidenschaftlich glühender, entschlossener Menschen. Leute, die unablässig an der Ausarbeitung einer neuen Baukunst arbeiten, in Gemeinschaft des Geistes und des Ideals leben und, in gegenseitiger Befruchtung, ihre charakteristischsten und gleichzeitig möglichst ihre reinsten Lösungen zu finden suchen. Rußland baut; es muß bauen. An allen Ecken des Landes, vornehmlich aber in Moskau und Leningrad, gilt es, unzählige Probleme zu bewältigen. Cs handelt sich natürlich nicht um den Bau von Palästen: Fabriken, Werkhäuser, Stauwerke, Klubs (Stätten der Geselligkeit, der Diskussion und der Studien) und endlich zahllose Mietshäuser sind vonnöten, durch die die Wohnungskrise gelöst werden muh, die in Moskau schlimmer als anderswo wütet. In Rußland zu bauen, ist ein unermeßlich großes Unterfangen, denn die Weitläufigkeit feiner Flächen und Ebenen verwirrt die Vorstellung. So hat denn auch die russische Architektur dem Steinbau und allen traditionellen Formen, die aus ihm hervorgingen, einfach den Rücken gekehrt. Beton und Eisen teilen sich in ihre Bevorzugung. Die kühnsten Projekte beherrschen die Gedanken und werden selbst schon in den Architekturschulen geboren, wo der Unterricht ersichtlich und bewußt auf die neuesten Formeln zutreibt. In der Praxis herrscht der Betonbau mit seiner architektonischen Aesthetik und seiner technischen Freiheit von Bessarabien bis zur Mandschurei; das Eisen ist in seiner Verwendung auf den Bau kleinerer Fabriken beschränkt; demgegenüber steht der Ueberfluß an Zement. Moskau, mit seinem Zentraljuwel, dem Kreml, ist schon von Baudenkmälern dieser neuen Richtung durchsetzt; das Haus Senins liegt dem Rathause gegenüber; das Haus der „Jstvestija", der „Gostork" (Markthalle), die großen Kaufhäuser sind weitere Zeugen; wenn man die Stadt, deren Straßen mit lockeren Kieseln schrecklich gepflastert sind, in einer Renaultautodroschke — ihre Gesamtzahl übersteigt nicht dreihundert — oder in einem unbeschreiblichen „Jsvotschick" durchquert hat, so hat man im Verlaufe der Straßen weitläufige Bauten aus dunklem Beton bemerkt, die ganz mit strahlenden Spiegelscheiben illuminiert schienen. In den Vorstädten werden Fabriken, Werkstätten und Elektrizitätsanlagen gebaut. In diesen Gebäuden wird eine Vereinigung der rationellsten Lösungen mit der neuartigsten Form gesucht, denn der leitende Entschluß ist, m o d e r n z u sein. Hier, wie in allen anderen Gegenden des unermeßlichen Territoriums der U. S. R. werden auch Klubs gebaut. Die Regierung, die sich gezwungen sieht, in Entfernungen bis zu vierzehn Schnellzugtagen Verwaltungsgebäude zu errichten, macht diese jedesmal zum Gegenstände eines Wettbewerbes unter den Architekten. So kommt es, daß man in den entferntesten Gegenden, ganz nahe selbst an der chinesischen Grenze mit Ueberraschung Verwaltungsgebäude entdecken kann, deren Stil mit den modernsten Bauten in westeuropäischen Weltstädten übereinftimmt. Rußland hat die Architekturbewegung geschaffen, die man mit „Konstruktivismus" bezeichnet. Mit diesem Wort sollte zum Ausdruck gebrachi werden, daß eine neue Epoche — die der Maschine, — daß neues Material — Beton und Eisen — daß endlich völlig neue Probleme — Fabriken, Arbeits- und Geschäftsräume und öffentliche Bauten — einen völlig neuen Ausdruck geböten, der bisher ungeahnten Organismen zu ent« sprechen hätte. . Die Begründer der Bewegung des „Konstruktivismus" ist Alexanoe Vesnine, der Präsident der Bereinigung moderner Architekten, em hochherziger Mann voll künstlerischer Leidenschaft. Er gibt in der tinyi ickturakab-emie zu Moskau Sen Ton an. Gelegentlich meines Aufent- imltes in Moskau hatte er eine Ausstellung von Arbeiten seiner Schüler orannisiert. Vesnine selbst zeigte mir die Arbeiten von ISO zukunfts- -vo'len Architekten. Mein Eindruck war autzerordentlich; ich habe nie eine entsprechende Kundgebung gesehen, die einen ähnlichen Geistes- fcbtouM fyötte. Ich sehe im „Konstruktivismus" den Träger einer tief poetischen Be- wequng, die selbst der Uebertreibungen fähig ist; ich habe das Gefühl, t.a6 lösten Endes eine dichterische Idee alle diese Russen besessen hat. Der Volkskommissar Lunatscharsky hat mir erklärt, daß das russische Vaubudget, nächst dem der Vereinigten Staaten, das größte der Welt lei Bei der Größe des Landes ist das leicht zu verstehen. In allen Verwaltungsstellen sind daher Architekten „vom Dienst" im Tagelohn zeitweilig angestellt, um für die bautechnischen Realisationen der großen Taqesprobleme die nötigen Vorarbeiten zu leisten. Einer von ihnen bearbeitet zur Zeit die Pläne des großen Dnjpr- Stauwerks (eines Stauwerks, das 200 Millionen russischer Rubel ober ungefähr 415 Millionen Mark kosten wird). Er hat den Auftrag, dem Ensemble der Installationen und Bauten ein harmonisches Gesamtbild zu verleihen; dieses Stauwerk wird das größte der Welt fein; die Turbinen (100 000 Pferdekräste pro Turbine) werden die größten der Welt. Unter den Architekten, die mit der Durchführung dieser Riesenauf- aaben betraut sind, sind viele noch nicht 30 Jahre alt. Aus diesen Beispielen läßt sich das Ausmaß des Programms ersehen, das man sich in Moskau gemacht hat. Der Weg zum Ziel ist riesenlang, doch herrscht ein lachender, frischer und optimistischer Wille. In sportlichem Geiste dabei in eiserner Disziplin schreitet man vorwärts. Mit der Zeit, meint man, wird man schon zum Ziel kommen. Ich erinnere an ein Wort, das Albert Thomas, nach seiner Reise durch Rußland und den fernen Orient, bei einem Pariser Vortrag gebraucht hat: „Ich habe in Moskau ein neues „Volk" gesunden. Das Gesicht des Volkes ist nicht mehr das von früher." Der Bau des Zentrofoyus-Palastes wird das größte Denkmal feiner Art fein, das das heutige Regime zu setzen beabsichtigt; es hat eine große Bewegung in allen Baukreisen hervorgerufen. Zuerst hatte man ein einwandfreies Programm ausgearbeitet. Äan hatte dann einen russischen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Leningrad und Moskau glänzende Proben „konstruktivistischer" Blüte lieferten, um endlich zum engeren Wettbewerb einige bekannte Architekten aus Deutschland, Oesterreich, England und Paris heranzuziehen. Nach Bekanntgabe der so gewonnenen Anregungen schritt man zu neuer Ausschreibung und beauftragte nach endgültiger Analysierung und genauestem Studium der grundlegenden Gesichtspunkte für den Riesenbau, die sranzösischen Baumeister mit der Herstellung der desinitiven Pläne. — Der Schreiber dieser Zeilen, der zwei Jahre Wirtschast um den Völkerbundspalast in Gens miterlebt hat, weiß den Unterschied der Methoden an diesen zwei europäischen Polen zu würdigen. Sicherungen im Luftverkehr. Von Dipl.-Ing. Dr. Arthur Ham m. Das letzte Jahr hat uns leider eine Zahl von schweren Unglücksfallen im Luftverkehr gebracht, und fast immer, sowohl bei dem Absturz, bei dem der französische Lustverkehrsminister B o k a n o w s k i seinen Tod sand, wie bei dem schweren Unfall in Nordbayern, war es so, daß ein scheinbar völlig ruhig dahinziehendes Flugzeug ganz plötzlich ohne erkennbare Ursache senkrecht hinunter stürzte, vollkommen in Trümmer ging und Führer nebst Fluggästen dabei den Tod fanden. Auch von früher her sind ähnliche Unfälle noch in trauriger Erinnerung, so z. B. der Tod des Botschafters von Maltzan. Diese Häufung so schwerer, scheinbar rätselhafter Unfälle führt naturgemäß auf den Gedanken, daß die Gewalten, die in der Luft wirksam sind, noch gar nicht überwunden seien, daß mit dem Fliegen noch ganz unbekannte Gefahren verbunden find, die erst studiert werden müßten, ehe an eine weitere Entwicklung des Luftverkehrs überhaupt gedacht werden kann. Gerade dieser Entwicklung, die doch so wünschenswert ist, tun solche Vorstellungen natürlich schweren Abbruch, und die Statistik, die zeigt, daß die Zahl der Unfälle im Luftverkehr verhältnismäßig gar nicht erheblich größer ist als bei der Eisenbahn, wird nicht viele beruhigen. Taisächlich ist diese Vorstellung ganz unberechtigt, denn alle solche Unfälle lassen sich auf ein und dieselbe Ursache zurückführen, auf das Abreißen der Luftströmung über dem Flügel, die zum Absacken des einen Flügels und damit zum Absturz des Flugzeugs über diesen Flügel führt. Em solches Abreihen zu verhindern, kennen wir aber schon seit reichlich zehn Jahren ein vollkommen sicheres Mittel, das nur leider viel zu wenig angewandt wird. Es ist der Svaltflügel, der von dem deutschen Ingenieur Dr. Paul Lachrnann bereits im Jahre 1918 zum Patent angemeldet worden ist. Auch hier gilt bas alte Wort, daß ber Prophet nichts in seinem Vaterlanbe gilt. Während die volle Bedeutung des Spaltflugels im Auslande, namentlich in England, voll anerkannt ist, unb bie bekannte englische Flugzeugfirma Handly Page sich um seine Weiterentwicklung bemüht, fehlt es in Deutschlanb an einer burchgehenben Anwendung noch sehr. m . Der Vorgang beim Fliegen ist ja so, daß durch die Bewegung des Flugzeuges unter der Tragfläche ein Druck entsteht, über ber Tragfläche dagegen ein Unterbaut; die dort befindliche Luft muß abfließen. Solange sie glatt ab fließt, ist alles in Ordnung, und das Fliegen geht ungefährdet vonstatten. Kommt es aber vor, baß dieser Luftstrom auf der Saugfeite abreifjt, fo entstehen Wirbelungen, die den Austrieb des Flugzeuges verhindern, es der Herrschaft der Steuerorgane entziehen und den Absturz über ein Flügelende verursachen, ober aber sie versetzen es in eine Trubel- »emegung, aus ber es bei befonberer Geschicklichkeit bes Führers aufge- ridjtet werben kann, wenn es genügend hoch ist. Aus diesem Grunde ist das Tiessliegen, bas scheinbar eine Art Sicherheit gewährt, gerabe gefährlich. Ein solches Abreißen bes Luftstromes tritt in 90 von 100 Fallen ein, wenn bie Geschwinbigkeit infolge Ueberziehens des Höhenruders nn Steigen ober infolge zu flachen Abgleitens beim Landen nachläßk. Dis Geschwindigkeit eines Flugzeuges geht in dem Maße zurück, als der Winkel, den seine Tragflächen mit der Wagerechten bilden, sich vergrößert. Im gleichen Verhältnis wächst auch feine Steigleistung, aber nicht unbeschränkt. Cs gibt einen Winkel, den fog. kritischen Anstellwinkel, bei dem diese Steigleistung am größten ist, bei dessen Ueberschreitung aber Steuer« losigkeit bes Flugzeuges eintritt. Es kommt sogar vor, baß bie Wirkung bes Querrubers sich umkehrt, so bah ber Führer bei bem Versuche, ben Fehler auszugleichen, ihn noch vergrößert. Cs kann daher gar zu leicht sich ereignen, baß beim ersten Auftreten eines solchen Fehlers ber Flugzeugführer in Unkenntnis ber wirklichen Verhältnisse ben eigentlichen, schweren Unfall erst herbeisührt. Daß ihn da kein Vorwurf trifft, ist selbstverständlich, daß man aber nach Mitteln suchen muß, bie einen folchen Unfall unbebingt ausschließen, ebenfalls. Der Spaktflügel hat uns biefes Mittel an bie Hand gegeben. Der (Srunbgebante des Spaltflügels ist, einen Ausgleich zwischen Druck- unb Saugseite ber Tragflächen herbeizuführen. Versieht man ben Tragflügel mit einem ober gar mit mehreren büfenartigen, bem Flügelprofil entsprechenben Längsschlitzen, bie sich von unten nach oben verjüngen, so muß von der Druckseite, nämlich ber Unterseite, nach der Saugfeite Lust strömen, bie einen Ausgleich zwischen beiben bewirkt unb somit ein Abreitzen bes Luftstromes auf ber Saugfeite verhinberi: da- burch wird auch bei hohem Anstellwinkel der Antrieb vergrößert unb somit bie Steigfähigkeit bes Flugzeuges erhöht. Man orbnet biesen Spaltslügel so an, bah er nur bei Bedarf geöffnet wird, also im normalen Betrieb geschloffen ist. Das geschieht auf einfachste Weise durch eine Verbindung mit ber Quersteuerung, inbem man bie Ver- winbungsklappe berartig anorbnet, baß zwischen ihrer Vorher- unb der Flügelhinterkante ein düsenartiger Längsspalt entsteht. Wenn also bei Ueberschreitung ber kritischen Geschwinbigkeit das Flugzeug über einen Flügel kippt unb ber Führer die Schräglage ausgleichen will, fo wirb er aus ber abfintenben Seite burch Oefsnen bes Spaltes und Senken der Verwinbungsklappe ben Austrieb vergrößern, auf der anberen Seite dagegen durch Heben der Verwindungsklape bei geschlossenem Spalt den Austrieb verkleinern. Es sind sogar neuerdings automatische Vorrichtungen konstruiert worden, die bewirken, bah ber normale geschlossene Spaltflügel bei Ueberschreitung bes kritischen Winkels burch bie Saugwirkung felbsttätig geöffnet wird, fo daß also ein Unfall selbst bann ausgeschlossen erscheint, wenn ber Führer nicht bie Geistesgegenwart hat, bie richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Alle bisherigen Versuche und Vorführungen haben bewiesen, daß der Spaltflügel bie ihm zugeschriebene Wirkung tatsächlich hat, daß also ein über den kritischen Anstellwinkel hinaus gesteuertes Flugzeug, anstatt abzustürzen, zum fast senkrechten Durchsacken unb bei geringfügiger Be- schäbigung des Fahrgestells zur fast auslauffreien Landung kommt. Daher hat bie Konstruktion nicht nur die Wirkung, Unfälle hintanzuhalten, sondern gewährt auch größere Sicherheit bei Abflug unb ßanbung. Das Flugzeug kann steiler aufsteigen unb mit geringerer Geschwinbigkeit in steilerem Gleitwinkel lanben. Derartige Flugzeuge können also auch kleinere, von Hinbernissen umgebene Plätze bequem benutzen, woburch nebenbei bie wirtschaftlich nicht unwesentliche Folge eintritt, daß die jetzt außerordentlich großen Abrnesfungen der Flugplätze zurückgehem Wie hoch der Wert des Spaltflügels in England eingeschätzt wirb, zeigt der Umstand, daß bas Britische Lustministerium unter Ausnutzung der besonderen Rechte über auswärtige Patente, bie ihm ein Patent-Entrechtungsgesetz gegeben hat, seine Einführung für bie gesamten Luftstreitkräfte an- georbnet hat, unb daß die englischen Versicherungsgesellschaften für Spalt« flügel-Flugzeuge bie Prämie um \ ermäßigt haben. Nicht mit Unrecht fügt man, daß ber Spaltflügel ben bebeutenbften Fortschritt im Flugwesen feit ber Zeit ber Gedrüber Wright barstellt, unb es wäre nur zu wünfchen, baß wir bie deutsche Erfindung uns in demselben Maße nutzbar machen wie bie Engländer. ' —————————— ';JJ Das Lied der Standarte Laraffa. Novelle von Alfons v. Czibulka. (Schluß.) Wir spielen. Die Rosen stehen vor uns, der Wind sährt heulend durch die Kamine und fchreit über Treppen unb Gänge, durch Türen unb Säle. Die Nacht singt ihr Sieb. Ich höre es wohl. Sehe rote Rosen, schlanke, weiße Hände nach elfenbeinernen Figuren greifen, sehe ein Antlitz im Rahmen eines hohen, dunklen Sessels unb 'sink in die Knie: Maria! Gütig unb wie das Streicheln eines linden Hauches sind ihre Hände in meinem Haar. Nach langem tiefen Schweigen, vor bem ber Sturm über bem Teiche ruht, unb mein Herz erstarrt, fallen langsam, zart und bittend ihre Worte: „Schwöre mir zu, Geliebter, daß du deinem roten Rock entsagst unb Herr biefes Schlosses unb meiner Seele wirst!" Alle Wilbheit ist mit einem Male so fern, ferne wie die Stürme den Gärten, bie im Frühling blühen. Ferne das Dröhnen ber Hufe, bas Kreischen ber Sättel unb Schlagen der Waffen. Und nahe jenes fuße Rauschen meines Blutes, das ich kannte, als ich, ein Knabe noch, mich über Hände neigte, die sich zu bes Pagen heißen Sippen hoben. Und ich ’d)l3Bkber fallen ihre Worte: „Erhebe die Hand!" Aufrecht, starr und schön sitzt die Gräfin in ihrem schwarzen, düsteren Sessel ihre zarten Hände ruhen auf den dunklen Lehnen. Ihr Antlitz ist bleich, aber ihre Augen leuchten, als ich die Hand zum Schwur erhebe. Riesenhast wachst ber Saal. Ernst blicken bie buntlen, gelbbraunen Silber auf mich meber, unb die beiden Leuchter schwelen groß unb feierlich, daß bie Gräfin anzusehen ist wie ein Christus auf schwarzem, hohem Kreuze. Langsam senkt sich ihr Blick. Ihre schlanken Finger losen sich vom Holz. Sie erhebt sich, nickt mir zu, ihr zu folgen, und schreitet durch weite Säle und schmale Treppen nach ihrem Gemach. Der Sturm schweigt. Das Flackern der Kamine tanzt in riesenhaften Sätzen an ben Wänden oatz sich mein Blick verwirrt wie damals, als ich das erstemal ihr Antlitz sah. Hundert Frauen habe ich gesehen, solche, deren Leiber golden leuchteten wie Elfenbein, andere, die heiß erglühten und solche, deren Glieder schlank und rankend waren wie die Leiber junger Pagen. Aber keine sah ich wie diese. Da weiß ich, daß sich heute ein Sakrament begibt. IV. Am nächsten Nachmittag — er liegt silberweiß und klar über den Tannen reiten wir zu zweit über die tiefoerschneiten Wege zum Teich und biegen gegen die bedeckten Wiesen, die sich da und dort, von einem Waldstück durchbrochen, über den Hügel ziehen, gegen den aus dem großen Forst die Straße nach Malplaquet führt. Als wir die dampfenden Pferde in Schritt fallen lassen und uns langsam über die sanften Hügelhänge ziehen, schlagen die beiden gefleckten Rüden lärmend an. Auf der Straße tauchen zwei Dragoner auf, die uns erst bemerken, als ich rufe. Ein Schreiben hoch in seiner rechten Hand haltend, sprengt der eine der beiden, ein junger Fähnrich, auf mich zu. Ich reiße den Bogen auf, der mir befiehlt, morgen um die elfte Stunde im Hauptquartier des Prinzen zu erscheinen. Wir wenden die Pferde. Der junge Fähnrich reitet neben mir. Als wir eine kurze Weile, der Dragoner hinter uns, den Hang abwärts reiten, wendet sich das Gesicht des Reiters töte das eines Menschen, dem plötzliches Erinnern wird, strahlend zu mir, und mit knabenhaftem Lächeln sagt er fröhlich: „Auch hab ich zu vermelden, daß der Feldmarschall Euch von Herzen grüßen läßt." Die Züge der Gräfin, die bis zu diesem Augenblicke vor Freude süßester Gedanken leuchteten, werden bei diesen Worten nachdenklich und düster. Den ganzen Abend bleiben sie so, und erst, als der Fähnrich zu lpäter Stunde, begleitet von zwei Leuten, die ich ihm gebe, abreitet, und wir allein vor dem Kamin sitzen, wird Maria wie seit der Stunde, die mir die Hand zum Schwur erhob. Früh am Morgen sprenge ich, begleitet von meinem Leutnant, einem Wachtmeister und zwölf Kürassieren, auf der Straße nach Malplaquet. Hart schlägt mein Herz. Wird mein schwerstes Reiterstück sein, wenn ich den großen Eugenius in alleruntertänigster Devotion und schuldigem Respekt um den Abschied bitte. Mein Kopf wird mir wirr. Mir will ein Lied in den Sinn. Hab's irgendwo gehört und weiß nicht wo. Tausende Wiesen ziehen braun und weit gegen das ferne Dorf. Wir sprengen dahin. Horch, was schlagen die Hufe? — Als wär' es das Lied: Von Caraffa Obrist, von Caraffa Obrist! Vor dem Tor des Schlosses von Malplaquet hält auf seinem Roß der spanische Herzog, der in des Kaisers Heer die wallonischen Eisenreiter führt und des Eugenii Feldkanzlei. Tief mich vor ihm neigend, überreiche ich ihm das Papier, auf dem ich in wohlgesetzten Worten und submissest um den Abschied aus dem Heere bitte. Seine Stirne ist wild. Kalt und schwarz wie seine stählerne Rüstung fein Auge. Hart und rasch schlägt seine Hand in meine, die mich schmerzt, als wäre sie in diesen Tagen weich und zart geworden wie meine Seele. Auf der Treppe des Schlosses dankt Marlborough, der zum Morgenritt geht. Ich sehe es kaum. Ein Größerer ist mir im Sinn. In einem kleinen Saal steh ich vor ihm. Gnädig reicht er mir die Hand: „Es freut mich. Euch zu sehen, Rittmeister! Geschäfte aller Art verwehrten es mir. Euch früher für die Affäre Dank zu sagen." Tief bewegt mich sein Lob, und stockend kommen meine Worte. Kaum ertrage ich seine großen, klaren Augen, die sich staunend heben, als er von Abschied hört. Ernst schüttelt der Feldmarschall sein Haupt, gütig mahnend seine Worte: „Ueberlegt es Euch wohl, Rittmeister! Ich gebe euch acht Tage Zeit. Und noch eins — der Kommandostock des Regiments Caraffa ist ledig, ich legt ihn gern in eure Hand." Da stockt mir das Blut. Der Boden wankt und die Wände drücken wie Berge. Grinsende Fratzen werden die Bilder und der Prinz ein drohender Schatten. Erst im Schlagen der Hufs, im Klirren des Rittes werde ich wach. Doch zitternd flattert mein Herz. In meiner Seele streiten der unglückselige Schwur, eines Weibes Lieb und das Lied: Von Caraffa Obrist. Ich bezwinge mich, trete unbefangen vor Maria hin und durchlebe sieben Tage, die genügten, das Leben vieler Menschen auf lange Jahre zu erfüllen. Von der Glut dieser Leidenschaft betäubt, vergißt meine Seele die Worte des Prinzen, und erst am Abend des siebenten Tages fahren meine Gedanken schreckhaft auf. Das ist, als am späten Abend die Gräfin in ihrem hohen Sessel ruht, anzusehen wie damals, als ich die Hand zum Schwur erhob, und es mir einen Augenblick lang ist, als sähen mich ihre schwarzen, großen Augen, drohend an, als kenne ein Winkel ihrer klaren Seele Haß und Rache. In dieser Nacht ist mein Schlaf unruhig, aber tief gegen Morgen. Als wollten meine Augen den Tag nicht sehen, an dem mein freies Reiterleben enden muß. Meine Pferde sind für die neunte Stunde gesattelt, da ich ins Hauptquartier reiten will. Ich hebe eben den Mund von den Lippen, denen meine Seele verfallen, und löse mich aus den Armen Marias, die mich bis zur Tür ihres Gemachs geleitet, als ein Signal mich aufhorchen läßt, Pferdegetrappel zu hören ist und Kommandoworte durch den stillen Morgen gellen. Ich höre das Rennen und Laufen meiner Leute und eile über die Stiegen und Gänge. Da stürzt mir der Leutnant entgegen und ruft mir atemlos zu: „Der Feldmarschall!" Als ich über die breite Treppe springe, die zwischen hochoerschneiten Statuen zum Teiche niedertaucht, steigt der Prinz eben mit großem Gefolge vom Pferde, kommt mir mit seinen raschen Schritten entgegen und ruft: ,Zch komme mir meine Antwort selber holen, Rittmeister!" — Waffenklirren ringsum. Pferde stampfen und schnauben. Reiterröcke funkeln rot, blau, braun und golden, und meine Kompagnie steht hoch zu Verantwortlich: Dr. Hans Thtzrivt. — Druck und Verlag: Brühl Roß vor der gelben Mauer des Schlosses. Einen Augenblick lang wende! der Prinz das Haupt. Er grüßt die Standarte Caraffa, und es löst fw. der Ruf: „Vivat Eugenius!" Nun steht er vor mir. Fragend hebt er die Hand. Da schlage ich -in Und wieder der Ruf: „Vivat Eugenius!" Ich fahre wie aus einem Traume erwachend auf, als der Felbmarichall mit seinen Reitern im Walde gegen Malplaquet verschwindet. Daß voll des Lobes über meine Compagnia war und vielen Leuten Goldstücke schenkte, weiß ich erst wieder, als mein Leutnant sich tief vor mir neigt und sein Sprüchlein beginnt: „Gnädigster Obrist ...!" Die Gräfin, die noch einmal in Schlaf versunken ist, weiß nicht, mas geschehen ist. Ich verschweige es ihr wohl. Wohl ist meine Seele dieser Frau zu eigen, die sie mir nahm und ihr die süße Zartheit wieder- schenkte, die ich fühlte, als meine Seele aus den reinen Höhen der Kindheit in die nebelvollen Täler meines Lebens stieg. Und jener knabenhafte Zwiespalt früher Tage ist in mir, da ich die Schauer der Erfüllung noch nicht kannte und doch die Süße junger Stunden ahnte. Wie junge Triebe sich im März neigen und nicht die Süße kennen, die der Frühling bringt. Doch was nützt es mir viel? Wildes Blut rumort Ist doch meine Sippe seit zweihundert Jahren bei allen Raufhändeln der Welt gewesen. Ob in Ungarn, Böheirn ober Flandern, in Hispanien und Italien oder gar gegen die heidnischen Völker der neuen Welt. Reue fühle ich nicht. Kärn ein Reiter weit, wenn er alle Schwüre halten wollte, die eines Weibes Sehnen seinem Blut entlockt!--Bin wieder der Geselle in braunem Koller und groben Stiefeln und raube mir in einer letzten Nacht, was mir nicht mehr gehört. Und alles, was geschah, kam so. V. Zu früher Stunde ritt ich am nächsten Morgen an der Spitze der Compagnia Caraffa in den eisigen Tag. Bei des Prinzen Stab wurde ich ob meiner neuen Dignitäten genugsam belobt und abmirieret und erhielt bie Order, allsogleich nach Böhmen zu marschieren, wo mein Regiment die Winterquartiere bezogen hatte. So ritt ich in Eilmärschen durchs weiße Land. Hinter mir zwölshundert Hufe — und sind bald oieltaufenb: Von Caraffa Obrist, von Caraffa Obrist!-- Haben nicht Ruhe noch Schlaf gesunden, die Bauern, Bürger und Herren vor Lärm, Gesang und Gezänk, wenn unsere Zelte vor ihren Toren lagen und meine Reiter in ihren Veiten. Die Kuttenträger hoben das Venerabile, fangen Te Deum und schwangen das Rauchfaß, wenn wir marschierten. Wir soffen den Wein dieses Jahres bei Karten und Würfeln. Eines Morgens, an dem der Schnee unter den Eisen flirrte wie berstendes Glas, und der Atem der Pferde und Reiter wie eine Wolke über dem Fähnlein schwebte, jagte quer übers Feld in rasender Hast ein Reiter einher. Ein tiefer Schauer Überkam mich, als ich in ihn den alten Diener Marias erkannte, dem nur der Satan selbst die Kraft gegeben haben konnte, feine morschen Knochen noch einmal auf ein Pferd zu heben. Seine sonst fo gütigen Augen blickten kalt und verächtlich, als er mir den Brief übergab. Und ich las: „Einmal will ich dich noch sehen. Weißt du, daß es meiner Seele Tod ist, wenn du von mir gehst?" In einer Aufwallung jähen Zorns zerriß ich den Brief. Da sah mich der alte Diener so hilfeflehend an, daß mir bas Herz erstarrte, ich einen Zettel aus meinem Büchlein riß und bie Worte schrieb: „Es ist vorbei, was soll das Reden!" — — Der Alte, der glauben mochte, daß das Schreiben gute Botschaft für seine Herrin bringe, neigte sich tief und ritt den Weg zurück, den er gekommen war. An jenem Abend war es bas erstemal, daß ich mit Absicht so lange den Becher leerte, bis ich berauscht aufs Lager sank. Wir waren durch Schwaben und Bayern marschiert, befanden uns feit zwei Tagen auf böhmischem Gebiet und ritten zur Feier der Neujahrsnacht eben auf einem Schlosse ein, als ich vor dem Torbogen eine dunkle Gestalt lehnen sah, die mich mit erloschenen und seltsam haßerfüllten Äugen anftarrte. Sieben Fackeln hoben sich über sie, und mein erstarrender Blick erkannte den alten Franziscus. Sein schwarzes Gewand, fein verfallenes Antlitz sagten mir, was nun geschehen sei, noch ehe ich Marias letztes Schreiben las: „ChLteau (a Rose, den 17. Dezembris 1711--- Gott fei dir und meiner armen Seele gnädig!"-- Ein schweres Fieber warf mich aufs Lager. Kranke Gedanken jagte mein Hirn. Glühende Wände bringen auf mich ein, unb rote Lohe fällt über mich. VI. Aus der brennenben Glut tauchen eines Pferbes Kopf und Hass unb schneiben ben abendlichen Himmel. Leiser Hufschlag pocht hinter mir. Ich wende ben Blick. Seltsames Spiel! — Eben hatte ich einen scharlachroten, spanischen Rock, ein schneeweiß seiden Kamisol, einen breiten Hut mit goldenen Borten, den ich tief vor einem großen Herrn zog. Stand nicht eben eine Frage über der Welt: Wofür?-- Zu ebenem Land senkt sich der Pfad und schwindet in grauen Dünsten eines weiten Tals. Zwei hohe Föhren, deren Kronen von sterbender Sonne glühen, schwelen in steigenden Nebeln wie riesenhafte Leuchter, und dazwischen drohen feierliche Wolken wie ein Kreuz und sind zugleich Leib und Äntlitz einer wundersamen Frau im Rahmen eines hohen, dunklen Sessels. Mir ist, als hätte ich einmal solches erlebt und weiß nicht wo. In feuchte Gründe taucht unser Ritt. Nebel des Vergessens verlöschen das Bild. Dunkle Worte formt mein Mund: 17. Dezembris 1711 ... Unb hinter mir im Sattel reitet bie Qual. fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.