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Ein Liebes oder Leides: Ich bin vergnügt, daß beides Aus deinen Händen quillt Wollest mit Freuden Und wollest mit Leiden Mich nicht überschütten! Doch in der Mitten Liegt holdes Bescheiden. Nußknacker und Mausekönig. Ein Märchen von E. T. A. Hoffmann. Der Weihnachtsabend. Am 24. Dezember durften die Kinder des Medizinalrats Stahlbaum den ganzen Tag über durchaus nicht in die Mittelstube hinein, viel weniger in das daran stoßende Prunkzimmer. In einem Winkel des Hinter- stübchens zusammengekauert faßen Fritz und Marie: die tiefe Abenddämmerung war eingebrochen, und es wurde ihnen recht schaurig zu Mute, als man, rote es gewöhnlich an dem Tage geschah, kein Licht hereinbrachte. Fritz entdeckte, ganz insgeheim wispernd, der jüngeren Schwester (sie war eben erst sieben Jahr alt worden), wie er schon seit frühmorgens es habe in den verschlossenen Stuben rauschen und raffeln und leise pochen hören. Auch sei nicht längst ein kleiner dunkler Mann mit einem großen Kasten unter dem Arm über die Flur geschlichen: er wisse aber wohl, daß es niemand anders gewesen als Pate Droffelmeier. Da schlug Marie die kleinen Händchen vor Freude zusammen und rief: „Ach, was wird nur Pate Droffelmeier für uns Schönes gemacht haben!" Der Obergerichtsrat Droffelmeier war kein hübscher Mann, nur klein und mager, hatte viele Runzeln im Gesicht, statt des rechten Auges ein großes schwarzes Pflaster und auch gar keine Haare, weshalb er eine sehr schöne weiße Perücke trug; die aber war von Glas (Perücken von seinen Glasfäden wurden früher tatsächlich angefertigt) und ein künstliches Stück Arbeit. Ueberhaupt war der Pate selbst auch ein sehr künstlicher Mann, der sich sogar auf Uhren verstand und selbst welche machen konnte. Wenn daher eine von den schönen Uhren in Stahlbaums Hause krank war und nicht fingen konnte, dann kam Pate Droffelmeier, nahm die Glasperücke ab zog sein gelbes Röckchen aus, band eine blaue Schürze um und stach mit spitzigen Instrumenten in die Uhr hinein, so daß es der kleinen Marie ordentlich wehe tat; aber es verursachte der Uhr gar keinen Schaden, sondern sie wurde vielmehr wieder lebendig und fing gleich an, recht luftig zu schnurren, zu schlagen und zu fingen, worüber denn alles große Freude hatte. Immer trug er, wenn er kam, was Hübsches für die Kinder in der Tasche, bald ein Männlein, das die Augen verdrehte und Komplimente machte, welches komisch anzusehen war, bald eine Dose, aus der ein Vögelchen heraushüpfte, bald was andres. Aber zu Weihnachten, da hatte er immer ein schönes künstliches Werk verfertigt, das ihm viel Mühe gekostet, weshalb es auch, nachdem es einbeschert worden, sehr sorglich von den Eltern aufbcroaftrt wurde. — „Ach, was wird nur Pate Droffelmeier für uns Schönes gemacht haben!" rief nun Marie; Fritz meinte aber, es könne wohl diesmal nichts andres fein als eine Festung, in der allerlei sehr hübsche Soldaten auf und ab marschierten und exerzierten, und dann müßten andre Soldaten kommen, die in die Festung hinein wollten, aber nun schössen die Soldaten von innen tapfer heraus mit Kanonen, daß es tüchtig brauste und knallte. — „Rein, nein", unterbrach Marie den Fritz, „Pate Droffelmeier hat mir von einem schönen Garten erzählt, darin ist ein großer See, auf dem schwimmen sehr herrliche Schwäne mit goldenen Halsbändern herum und fingen die hübschesten Lieder. Dann kommt ein kleines Mädchen aus dem Garten an den See und lockt die Schwäne heran und füttert sie mit süßem Marzipan." — „Schwäne fressen keinen Marzipan," fiel Fritz etwas rauft ein, „und einen ganzen Garten kann Pate Droffelmeier auch nicht machen. Eigentlich haben wir wenig von seinen Spielfachen: es wird uns ja alles gleich wieder roeg- genommen; da ist mir denn doch das viel lieber, was uns Papa und Mama einbefcheren; wir behalten es fein und können damit machen, was wir wollen." Nun rieten die Kinder hin und her, was es wohl diesmal wieder geben rönne. Marie meinte, daß Mamsell Trudchen (ihre große Puppe) sich sehr verändere; denn ungeschickter als jemals fiele sie jeden Augenblick auf den Fußboden, welches ohne garstige Zeichen im Gesicht nicht abginge, und dann fei an Reinlichkeit in der Kleidung gar nicht mehr zu denken. Alles tüchtige Ausschelten helfe nichts. Auch habe Mama gelächelt, als sie sich über Gretchens kleinen Sonnenschirm so gefreut. Fritz versicherte dagegen, ein tüchtiger Fuchs fehle feinem Marstall durchaus, sowie seinen Truppen gänzlich an Kavallerie; das fei dem Papa recht gut bekannt. — So wußten die Kinder wohl, daß die Eltern ihnen allerlei schöne Gaben eingekauft hatten, die sie nun aufstellten; es war ihnen aber auch gewiß, daß dabei der liebe heilige Christ mit gar freundlichen frommen Kindesaugen hineinleuchte und daß, wie von segensreicher Hand berührt, jede Weihnachts- gabe herrliche Lust bereite wie keine andre. Daran erinnerte die Kinder, die immerfort von den zu erwartenden Geschenken wisperten, ihre ältere Schwester Luise, hinzufügend, daß es nun aber auch der heilige Christ sei, der durch die Hand der lieben Eltern den Kindern immer das beschere, was ihnen wahre Freude und Lust bereiten könne. Das roiffe er viel besser als die Kinder selbst; die müßten daher nicht allerlei wünschen und hoffen, sondern still und fromm erwarten, was ihnen beschert werde. Die kleine Marie wurde ganz nachdenklich; aber Fritz murmelte vor sich hin: „Einen Fuchs und Husaren hätte ich nun einmal gern." Es war ganz finster geworden. Fritz und Marie, fest aneinander gerückt, wagten kein Wort mehr zu reden; es war ihnen, als rausche es mit linden Flügeln um sie her und als ließe sich eine ganz ferne, aber sehr herrliche Musik vernehmen. Ein heller Schein streifte an der Wand hin; da wußten die Kinder, daß nun das Christkind auf glänzenden Wolken fortgeflogen zu andern glücklichen Kindern. In dem Augenblick ging es mit silberhellem Ton: „Klingling, klingling!" Die Türen fprangen auf, und solch ein Glanz strahlte aus dem großen Zimmer hinein, daß die Kinder mit lautem Ausruf: „Ach! — Ach!" wie erstarrt auf der Schwelle stehen blieben. Aber Papa und Mama traten in die Türe, faßten die Kinder bei der Hand und sprachen: „Kommt doch nur, kommt doch nur, ihr lieben Kinder, und seht, was euch der heilige Christ beschert hat!" Die Gaben. Ich wende mich an dich selbst, sehr geneigter Leser oder Zuhörer Fritz — Theodor — Ernst — oder rote du sonst heißen magst, und bitte dich, daß du dir deinen letzten mit schönen bunten Gaben reich geschmückten Weihnachtstisch recht lebhaft vor Augen bringen mögest; dann wirst du es dir wohl auch denken können, rote die Kinder mit glanzenden Augen ganz verstummt stehen blieben, wie erst nach einer Weile Marie mit einem tiefen Seufzer rief: „Ach, wie schön — ach, wie schön!" und Fritz einige Luftsprünge versuchte, die ihm überaus wohl gerieten. Aber die Kinder mußten auch das ganze Jahr über besonders artig und fromm gewesen sein; denn nie war ihnen so viel Schönes, Herrliches einbeschert worden als dieses Mal. Der große Tannenbaum in der Mitte trug viele goldene und silberne Aepfel, und wie Knospen und Blüten keimten 'Zuckermandeln und bunte Bonbons, und was es sonst noch für schönes Naschwerk gibt aus allen Aesten. Als das Schönste an dem Wunderbaum mußte aber wohl gerühmt werden, daß in seinen dunklen Zweigen hundert kleine Lichter wie Sternlein funkelten und er selbst, in sich hinein- und heraus- leuchtend, die Kinder freundlich einlud, seine Blüten und Früchte zu pflücken. Um den Baum umher glänzte alles sehr bunt und herrlich — was es da alles für schöne Sachen gab — ja, wer das zu beschreiben vermöchte! Marie erblickte die zierlichsten Puppen, allerlei saubere kleine Gerätschaften und, was vor allem fchön anzufehen war, ein seidenes Kleidchen, mit bunten Bändern zierlich geschmückt, hing an einem Gestell so der kleinen Marie vor Slugen, daß sie es von allen Seiten betrachten konnte, und das tat sie denn auch, indem sie einmal über das andere ausrief: „Ach, das schöne, ach, das liebe — liebe Kleidchen! Und das werde ich — ganz gewiß — das werde ich wirklich anziehen dürfen!" — Fritz hatte indessen schon drei- oder viermal, um den Tisch herum galoppierend und trabend, den neuen Fuchs versucht, den er in der Tat am Tische angezäumt gesunden. Wieder absteigend, meinte er, es sei eine wilde Bestie, das täte aber nichts, er wolle ihn schon kriegen, und musterte die neue Schwadron Husaren, die sehr prächtig in Rot und Gold gekleidet waren, lauter silberne Waffen trugen und auf solchen weißglänzenden Pferden ritten, daß man beinahe hätte glauben sollen, auch diese seien von purem Silber. Eben wollten die Kinder, etwas ruhiger geworden, über die Bilderbücher her, die aufgeschlagen waren, daß man allerlei sehr schöne Blumen und bunte Menschen, ja auch allerliebste spielende Kinder, so natürlich gemalt, als lebten und sprächen sie wirklich, gleich anschauen konnte — ja, eben wollten die Kinder über diese wunderbaren Bücher her, als nochmals geklingelt wurde. Sie wußten, daß nun der Pate Droffelmeier einbescheren würde, und liefen nach dem an der Wand stehenden Tisch. Schnell wurde der Schirm, hinter deni er so lange versteckt gewesen, roeg- genommen. Was erblickten da die Kinder! — Aus einem grünen mit bunten Blumen geschmückten Rasenplatz stand ein sehr herrliches Schloß mit vielen Spiegelfenstern und goldenen Türmen! Ein Glockenspiel ließ sich hören, Türen und Fenster gingen auf, und man sah, wie sehr kleine, aber zierliche Herren und Domen mit Federhüten und langen Schleppkleidern in den Sälen herumspazierten. In dem Mittelfaal, der ganz in Feuer zu stehen schien — so viel Lichterchen brannten an silbernen Kronleuchtern — tanzten Kinder in kurzen Wämschen und Röckchen nach dem I : I so w lenke fester Eind wicht wär- einm besch genn glau Kind Sim liebt 5 kann halb schm Län Dorf: Haus nicht zu f Gäfi fern wir ist, uns neui hat Bon Advent bis Weihnachten. Von Otto B r üe s. Wir hatten einmal den Adventskranz über das Fest hinaus hängen lassen; einen uns lieben Menschen befiel eine schwere Krankheit. Was sollte uns nun noch der festliche Schmuck? Aber wir ließen ihn hängen, als ob er ein Zeichen guten Geschickes wäre und der Kranke genas. Doch immer noch ließen mir ihn an feinem Platz bis in den Frühling, der uns ein Kindchen schenkte; und erst als es fröhlich hinausschrie in die Welt und als die letzten dürren Nadeln von dem Kranz herabrieselten, nahmen wir ihn ab. Ich weiß, nicht der Kranz war es, der uns in den schweren Tagen das Glück bewahrte; ich weiß, man kann es einen Aberglauben nennen, daß wir ihn nicht entfernten; aber der hat keinen Teil an der ins Leben wirkenden Kraft der Symbole, der uns darum belächelt. Denn nicht nur die Grenzen zwischen Aberglauben und Glauben, auch zwischen Sinnbild und sinnvollem Handeln fließen, und wir find auf Erden nicht reich genug, dauernd auf Bild und Zeichen zu verzichten. Kein Abschnitt des Jahres steckt so voller Symbole wie der weihnachtliche; sie wirken noch in unserer entgotteten Zeit. Wollen wir auch in diesem Jahr auf sie achten? Zwar Hilst der Wille nicht mehr, wo die Zeichen verbraucht find; aber die Bereitschaft, das noch Lebendige zu empfangen und in uns auszutragen, sollte grenzenlos sein. Was ein rechter Freund der Natur ist, der geht ja auch in den letzten Novemberwochen noch hinaus auf das winterbraune Land, sammelt sich den Zweig von Kiefer und Tanne und den Tannenzapfen, um sie zum Kranz zu flechtenz aber auch wer ihn beim Gärtner holt, tut daran nichts Falsches. Die Kerzen werden aufgesteckt, weiße und bunte und der grüne Reif bann an Bändern und Schleifen aufgehängt. Wir wissen alle, daß unter den Umschichtungen unserer Tage selbst die Grundzelle des Miteinanderlebens der Menschen, die Familie, gelitten hat; wir wissen auch, daß wir für sie neue Formen brauchen. Es sind die Alten, die wirklich Ehrwürdigen, ich weiß, die unter dem Druck sozialer und anderer Mächte verschüttet wurden; und gerade darum wollen wir nicht rückwärts sehen, sondern nach vorn. Sobald der Kranz in der Stube hängt, werden alle, die durch ihr Blut und die freie, sittliche Entscheidung eine Familie bilden, von feiner Kraft bestrahlt. Denn es ist Abend und wir zünden zum erstenmal die Kerzen an und die Mutter singt die aus Jugendtagen vertrauten Lieder, und keiner kann daran vorbei, der frohen Botschaft wieder zu gedenken von den Hirten auf dem Felde und der Erscheinung des Engels. Die Gedanken eilen vorauf und kaum stellen wir unfern Sinn von innen auf das fest, so gilt es sich auch äußerlich vorzübereiten. Wir wollen und können nicht daran vorbeisehen, daß es vielen Menschen nicht gegeben ist, eine rechte, durchstrahlte Weihnacht zu erleben, weil die Nahrung karg, die Kleidung schlecht und nicht einmal der kleine Uebersluß vorhanden ist, der zu Geschenken gehört. Aber wir wissen auch, daß es bei einem Geschenk nicht auf seine Kostbarkeit ankommt, sondern auf die Geste, mit der es gereicht wird und auf den Blick, der es begleitet. Wir setzen es zueinander und wenn auch zu jedem Geschenk Heimlichkeit die holdeste Mitgift ist, so gibt es doch vielerlei, was wir miteinander erarbeiten können. Da ist ein Freund des Hanfes, der in jedem Jahr zum Feste kommt; er soll das Buch, das für ihn bereit liegt, im felbftoerfertigten Einband, bekommen. Da ist eine alte Frau, die einsam lebt, und nur bei den hohen Festen des Jahres die Geselligkeit der Familie in guten echten Anspruch nimmt; wir sticken ihr, was sie sich lange wünscht und fo sind manche Winterabende und Sonntagnachmittage der Adventszeit voll beglückender Vorsorge. Einer unter uns lieft, was die innere Bereitschaft erhöhen kann. Einer bringt seine Geige mit, die er im Sommer ganz vergessen hatte und ein anderer singt ein seltenes Lied. Nun, nicht alles kann im Hause fertiggemacht werden, aber hat nicht die Straße selbst der grauen Großstadt an jenen Sonntagen, die man den kupfernen, silbernen und goldenen nennt, ein anderes Gesicht? Wir wissen, daß wir die Verkäufer im Laden zwingen, mehr zu arbeiten als fernst und auf bas Ruheglück des Sonntags zu verzichten; aber doch nur darum, daß Menschen den Mitmenschen eine Freude machen. So streifen wir von Straße zu Straße, von Laden zu Laden, von Warenhaus zu Warenhaus. Die Kinder freuen sich über die Watte-Weihnachtsmänner im Schaufenster, den künstlichen Aufbau von Spielzeug und nützlichem Gerät, den sich drehenden Weihnachtsbaum und mancherlei andern Flitter; ihnen springt ein neues Tor auf, während wir Erwachsenen lächeln. Ach, und nun müssen sie ihre Gedichtchen lernen! Holpernde, polternde, die ein Onkel ober ein Vater schlecht und recht dichtet ober schöne, bewährte, bie in Büchern stehen und sich von Jahr zu Jahr, von Jahr- Äju Jahrzehnt, von Generation zu Generation vererben, köstliches „it ber Weihnachtsdichtung, in mancherlei Büchern gesammelt, anderes findet sich in vielen großen Dichtungen eingesprengt. Da der Weihnachtsbaum kein beliebiger Baum ist (obwohl jeder Baunr von sinnbildlicher Kraft strotzt), und ganze Mythologien mit ihm verknüpft worden sind, wollen wir ihn doch zunächst einmal in seinem rein sinnlichen Dasein betrachten. Es kommt nicht darauf an, ob er groß oder klein, kerzengerade oder ein wenig schief gewachsen ist: so wie er vor uns steht, wollen wir ihm das Gesetz abringen. Er schon in seinem Wuchs zeichnet uns vor, wie wir ihn schmücken müssen. Dann stehen die Zweige in zu spitzem Winkel zum Stamm, müssen wir einen schweren Schmuck suchen, der sie wagerecht spannt; faustgroße Aepfel oder auch Kartoffeln, die in Stanniol gewickelt oder auch bronziert sind. Sind die Zweige aber schön gewachsen, genügt auch der leichtere Schmuck, die Netze und Schlangen aus Glaspapier und Lametta. Ach, und weil die Menschen aus ihrer Schwäche nichts mehr lieben als den Fanatismus, gibt es auch gegenüber dem Weihnachtsbaum Parteien, fanatische Parteien; weiß, ganz weih muß er sein, sagen die einen und bunt, ganz bunt die andern. Welch verwirrender Streit! Warum sollen wir nicht von Jahr zu Jahr wechseln? Schließlich bleibt es die Hauptsache, daß wir keine Hausgreuel in die Zweige hängen, künstliche Käfige mit Vögelchen, Schaukeln mit Zwergen, Rodelbahnen und Pilze, und daß wir das Backwerk nicht vergessen, das die Kindern plündern wollen, schließlich auch wichtig, daß wir diesmal das Grammophon, dessen Gabe wir durchaus nicht immer verachten wollen, in der Ecke des Schrankes lassen und vor allem keinen Kranz elektrischer Birnen durch die Zweige ziehen; denn die Kerze ist ein Symbol des Einmaligen, sie verzehrt sich, indem sie spendet und einmal entzündet, muß sie ihre Form aufgeben. Wogegen ein Ruck am Schalter genügt, jene Birnen nach Belieben an- und abzudrehen, die man vielleicht auch als Sinnbild nennen kann, freilich des mechanischen Tuns. Ich hänge die Ketten am liebsten wagerecht um den Baum, sodaß sie den Raum zwischen Ast und Ast füllen und lasse das Lametta herniederriefeln von den Zweigspitzen und stelle die Kerzen ohne Pedanterie so in das Gezweig, daß sie in ungesähr gleichen Entfernungen zueinander stehen. So bilden sie den Raum nach, der durch den Baum gegeben ist, denn der Baum, wir spüren hier di« alte Sage nach, ist das Gleichnis des Weltraumes, und seine Ordnung drückt sich in den Sternen aus. Die Krippe! Wieder parteiisch! Denn während di« einen behaupten, man müsse sie Jahr für Jahr in derselben Weise aufbauen, möchten andere von Jahr zu Jahr eine neue errichten. Aus Holz oder Papiermache, aus Ton oder Papier, weithin auf Moos über Berg und Tal mit Kiss und Brunnen und Palmen oder klein, mit einem Hüttchen und einem von innen leuchtenden Kerzchen — es ist wohl alles gleich schön. Die Kinder werfen sich auf die Erde und schauen in die kleine Wunderwelt und ahnen die selige Liebeswahrheit, die sie, erwachsen, schwer genug gegen die Welt behaupten müssen. Wie deutlich und übersichtlich zeichnet sich doch an diesem Fest die Folge der Geschlechter ab. Zuerst haben wir vielleicht das Fest bei den Großeltern erlebt, beschenkt von ihrer natürlichen, überschwenglichen Freude an den Enkeln, dann sind wir selbst Eltern und bereiten den Kindern das Fest und dann werden wir selbst die Großeltern fein und wehmütig und glücklich in die vor dem Licht des Baumes aufgeriffenen Augen der Kleinen hineinschauen. Gerade durch das erhöhte Lebens- gcsühl, das diese Tage bei natürlichem Verlauf haben, wenn nicht überhaupt der Same der' Zwietracht alle natürliche Freude überwuchert, vererbt sich die Form des Festes. Man kann das auf verschiedene Weife auslegen. Ich will nicht abstreiten, daß es im Hause meiner Großeltern immer wieder am Weihnachtsabend denselben Soggpudding und denselben Heringssalat gab, doch wurde dem reicheren Matz der äußeren Genüsse, immerhin ein Gleichgewicht an innern gegeben. Denn langst, ehe die Bescherung begann, versammelten wir uns im untern Zimmer, die Weihnachtslieder klangen auf, ein Enkel nach dem andern trat vor, fein Gedichtchen herzusagen und wenn es auch jedesmal eine freundliche Kritik gab: es war doch eine Kritik, vor der wir zitterten. Beseh ich es recht, so war das Ganze eine Art Liturgie, die mein Großvater sehr wohl zu lenken wuhte. Er legte Wert darauf, daß diese kleine Feier in ihrer st ft en Form von Jahr z>l Jahr abgehalten wurde und ich glaube den Eindruck nicht zu fälsck-en, wenn ich behaupte, sie war uns Kindern ebenso wichtia wie die Bescherung oder doch untrennbar mit ihr verknüpft Hier wäre denn wohl der Angelpunkt unserer kleinen Betrachtung: es ist nun einmal so, daß in vielen Häusern der Wohlhabenheit sowohl wie der bescheidenen Lebensform diesem Fest das Odium einer allgemeinen Magenverstimmung voranging. Meistens bei Kindern, ich torifs, aber ich glaube, auch bet den Erwachsenen, die hier nicht das schöne Wort vorn Kind im Manne in Anspruch nefynen sollten. Jedenfalls ist das nicht der Sinn des Festes und es finden sich Stellen genug, wo man solchen Ueberschutz vorher abladen könnte. . Das Fest verrinnt, eine leise Hochspannung bleibt bestehen, denn nun kommt das neue Jahr und auch hier wäre es wichtig, bei einem Fest innerhalb der Familie die liturgisck)e Form zu finden Es ist Sache des Geschmacks, ob man sich dann in ein Lokal fetzen soll, um mit Grohlen und Lärmen den Anbruch des neuen Jahres zu erwarten. Ich kann mir gut vorstellen, daß es Menschen gibt, die nicht anders können, weil ihr Zuhause nicht von innerer Harmonie durchwaltet ist; aber man soll das nicht als die gute und wünschenswerte Art hinstellen, die Jahreswende zu feiern. Wir alle sind zu kurze Zeit auf dieser Erde und zu sehr ihre Gäste, als daß wir einander nicht Rechenschaft ablegen sollten von un- ferm Miteinandersein. Ein Jahr ist kurz, ein Jahr ist lang und wenn wir es nur einigermaßen so verbrachten, wie uns als Menschen auferlegt ist, dürfen wir nicht gedankenlos über die Schwelle gehen. Wohl beginnt uns oft an einem andern Tag aus einer Tat ober einer Einsicht em neues Jahr, aber auch zwangsläufig vor den Wechsel gestellt zu werden, hat seinen Sinn. Es war in diesem Schriftsatz viel die Rede von „wir müssen und „es sollte", ein wenig viel Predigt und guter Vorsatz und wer bitter ist vom Leben, könnte darüber höhnisch lächeln, ober ich gestehe dieses „-Zuviel" gern ein. War es unwürdig, zu eifern für das reine Bild unseres schönsten Festes? August Renoir. Zu seinem 10. Todestage. Von Dr. Olga Bloch. Renoirs erste Jugenderinnerungen spielen da, wo Balzac die Liebesgeschichte des Barons Hulot und der Madame Marneffe spielen läßt: also in Paris. Doch des Meisters Vater stammte aus ganz anderer Gegend, ans Limoges. Getreu der uralten Tradition, die diese Stadt mit ihrer altangestammten Porzellanindustrie verkörperte, sollte der junge Renoir Keramiker werden, einen Beruf ergreifen, der in den tiefsten Wünschen des Vaters lag. Dem vielseitig Begabten juchten seine Lehrer aber auch für die Musik zu gewinnen. Man sieht: Renoir gehörte zu den Menschen, die nicht wußten, welche ihrer Anlagen sie völlig ausbilden, völlig schöpferisch gestalten sollten. Wie Goethe, wie Daumier, wie so viele Gestalten der Kunst- und Literaturgeschichte erging es also auch August Renoir. Aber der Wille des Vaters errang schließlich — für den Anfang! — den Sieg. Ein Fabrikant, der glasierte Tonwaren herstellte, nahm den jungen Renoir in die Lehre. Ein Biograph des Meisters, Ambroise V o l l a r b, der viele Gespräche und persönliche Aufzeichnungen veröffentlicht hat, erzählt, daß es da,iials acht Sous für das Porträt der Marie Antoinette als Porzellanschöpfung gab, wahrlich ein Hungerlohn! Aber August Renoir betrachtete diese Lehrlingszeit stets als eine Periode des Uebergangs. In den Mittagspausen ging er in den Louvre, studierte dort die alten und die modernen Meister. Schulte sich an Rubens, dessen Frauenporträts ihn später so sehr anregen sollten. Die schweren Jahre fanden mit dem Abschluß der Lehrzeit noch kein Ende. Aber ein Zufall, wie er sich nicht alle Tage ereignet, brachte eine große Umwälzung im Leben des jungen Renoir. Sein Weg, der vielleicht in der Porzellanmalerei geendet hätte, änderte sich ganz unerwartet: um* diese Zeit hatte man nämlich die ersten Versuche mit einem Druckverfahren auf Steingut und Porzellan gemacht. Wie stets, wenn eine neue Maschine die Handarbeit ersetzt, war die Begeisterung des Publikums riesengroß. Die Porzellanmeister mußten fürs erste ihre Ateliers schließen. So war auch Renoir ohne Arbeit. Er schickte sich an, Fächer zu bemalen, auch dies keine Beschäftigung, die in seinen künstlerischen Ambitionen lag. Aber das Schicksal brachte ihn bei seiner neuen Arbeit mit der Malerei, mit der „großen Kunst" in Berührung. Die ersten Meister, denen er, als er nun Fächer für Fächer dekorierte, begegnete, waren — wie Vollard erzählt — Laueret, Boucher, Watteau. Wie oft wählte der junge Künstler Renoir ihre Vorlagen für eine Bemalung! Und schließlich malte er dann Kasfehcmssresken, in einem abgelegenen Lokal in der Rue de Dauphin^, in einem Hofhaus. Und wieder eine Zeitlang später, als in Paris ein Arbeiter für Stores gesucht wurde, meldete er sich und stellte sich einem Storefabrikanten, wie vorher dem Kafseehausbesttzer, zur Verfügung. Wenn man heute Renoirs Bilder sieht, in Ausstellungen sorgsam und wie mit selbstverständlicher Anerkennung seiner Meisterschaft zusammengestellt, ahnt man nichts von diesen Kämpfen der frühen Jugendzeit. Als Renoir sich bei dem Storefabrikanten etwas Geld erspart hatte, zog er fort und wandte sich der Malerei zu, deren Gebiete er nun nicht mehr verließ. Im Atelier ©legres, des in Frankreich so bekannten Historienmalers, den Renoir als feinen Lehrmeister ermatte, traf er im Jahre 1861/62 Monet, Sisley, Bazille, gleichgestimmte. Freunde, die für feine künstlerische Entwicklung bedeutsam wurden. Und bann hatte er dort feinen Jugendfreund Laporte, der ihn schon jahrelang von dem Storefabrikanten fortgedrängt hatte, weil er an Renoirs Künstlerschaft glaubte. Gleyre war nach Renoirs eigenen Worten ein achtbarer Maler, aber kein Talent, von ihm konnte er keinen Nutzen haben. So zog der Meister mit den befreundeten Malern nach Fointinebleau, wo er dem bejahrten Diaz begegnete, der dem noch immer äußerlich Ringenden Kredite bei den Farbenlaboranten verschaffte. Wie weit die ausgesprochene Landschaftskunst von Diaz den jungen Renoir beeindruckte, ist nicht so leicht zu sagen. Aber Diaz vermittelte auch die Bekanntschaft zwischen Renoir und C o u r b e t und bann weiterhin zu Manet. Alle diese Maler gelten uns Heutigen als vollkommene Franzosen: im Geschmack und in ihrer gesamten Tendenz. Hinzu kommen bei ihnen die Einflüsse der spanischen und der japanischen Kunst, ihr Trieb zum Analytischen, der sie uns als Vertreter ihrer Zeit so typisch erscheinen läßt. Ganz anders liegen die Dinge bei Renoir. Er absorbierte die fremden Anregungen, nimmt sie zutiefst in sich auf. Er rechnet sich selbst — um ein Wort Meier-Graefes zu gebrauchen — so wenig zu den Impressionisten, wie wir ihn dazu rechnen dürfen. Den innigsten Kontakt mit der Natur, der Monets Hauptforderung gewesen, lehnt Renoir von Anfang an ab: „Mit der Natur lernt man keine Kunst". Das sind seine eigensten Worte. Der Wald von Fontainebleau, den er so oft mit seinen Kameraden durchstreift hat, wirb der Schauplatz des ersten Gemäldes. Wer kennt sie nicht, die sogenannte Life des Essener Folkwangmuseums, diese Dame, ganz in Weiß gekleidet, die sich von den dunklen Tönen der Waldlandschaft des Hintergrundes so wirkungsvoll abhebt! Courbets und Manets Kunst scheint hier nur das Gefäß gestellt zu haben, das Renoir mit Eigenstem füllte. Es scheint alles straffer, konzentrierter, weniger massig als bei den Zeitgenossen. Renoir war ihnen voraus in der Wahl der lichten Farben auf lichter Unterlage. Das hatte er sich in der Keramik erworben, wo sich auf dem Weiß des Porzellans Hellrosa und Hellblau wie von selbst absetzten. Die „Life" ist wie ein Auftakt zu den späteren Frauenbildern Renoirs. Da liebt er eine ganz bestimmte Art von Motiven. Nicht nur Frauen hat er gemalt, aber, wer näher in dieses Oeuvre schaut, der sieht, daß sein ganzes Werk eine Variation des gleichen Themas ist. Die Frau allein — ohne szenisches Beiwerk — das ist es was Renoir darstellt. Auf dem Wege über Delacrorx tarn er zu Rubens, dessen Werke alle diese Darstellungen beeinflußt haben. Doch wie anders ist alles geworden! Höhepunkte Renoirscher Kunst bilden unbedingt die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wo die Entwicklung der Farbigkeit so stark zu beobachten ist. Aus dieser Zeit, aus dem Jahre 1874, stammt die „Soge", ein Bild, das die Sammlung Durand Ruel in Paris besitzt. Und dann die „Moulin de la Gallette" im Mus6e du Louxembourg von 1876, das die große Lebendigkeit Renoirscher Darstellung besitzt. Menschen im Freien, ein besonders beliebtes Renoirsches Motiv. Nicht übergangen werden darf das Bild, benannt die „Großen Boulevards", die große Menschenmasse ohne Einzelheiten, in dieser Massigkeit besonders wirkungsvoll, und das Gemälde mit dem überlebensgroßen Mädchen, genannt „La Source". Betrachtet inan zusammenfassend Renoirs Stellung zu seinen Zeitgenossen, so muß man feststellen, daß er wie kaum ein anderer Künstler im tiefsten Grunde eigene Wege ging. Man hat sich daran gewöhnt, den Kreis von Fointainebleau als den der Impressionisten zu bezeichnen. Zwischen ihm und Renoir bestanden nur rein persönliche Bindungen, künstlerisch hatten die Delacroix, Manet, Corot fast gar nichts mit August Renoir gemein. Dazu waren vor allen Dingen die Temperamente zu verschieden. Renoir in fast stoischer Ruhe und Gelassenheit vereinfacht die Dinge, die die anderen Meister um ihn herum zu komplizieren suchen. Renoir gibt einen Frauenakt ohne szenisches Beiwerk als einfache Handlung, für sich sprechend. Delacroix — um ein Beispiel herauszugreifen — bereichert die Situation. Beide, Renoir und Delacroix, schulen sich an der Vergangenheit, in diesem Falle an Rubens, aber wie verschieden ist die Methode! Die Gewalt Rubenscher Dekorationen, äußerlich kenntlich durch das Riesenformat der Gemälde, zwängt Delacroix in den Bau des Staffeleibildes! Er rückt darin äußerlich von Rubens fort, innerlich jedoch bereichert er den großen Flamen, indem er eine Farbigkeit sprechen läßt, die sich mit der monumentalen Komposition nicht verträgt. Wer die zarte Farbigkeit, mit der Renoir das Jncarnat seiner Frauen malte, in sich aufgenommen hat, wird diesen Unterschied ermessen können. Es ist ein seines Wort, das Julius Meier-Gräfe einmal von Renoirs Kunst gesprochen. hat: „Was sich verschoben hat, ist die subjektive Sinnlichkeit. Ein höherer Begriff des Sinnlichen geht aus der Medea im Vergleich zur lachenden Schönheit einer Helene Fourment hervor; ein anderer — ob höherer Begriff, können wir nicht entscheiden — ans den reichsten Werken des Modernen." August Renoir starb in Cagnes am 17. Dezember 1919. Aus einem Brief, den einer feiner Söhne an den besonderen Gönner Renoirs und eifrigsten Sammler seiner Werke schrieb und den des Meisters Biograph Ambrois« Vollard in seinem Buch veröffentlicht, wissen wir dies. Trotzdem begeht man in Deutschland den Todestag des großen Meisters aus unbekannten Gründen schon vierzehn Tage früher, am 3. Dezember. Wie dem auch sei — man braucht sich nicht an bestimmte Tage zu halten, um einem großen Künstler, einem wahrhaften Menschenschilderer, einem ringenden Genie, einen Totengesang zu singen. Attersrekorde. Bon Graf Carl v. K l i n ck o w st r o e m. Kürzlich starb an den Folgen eines Autounfalls der „älteste Mann der Welt", der Türke Zaro Aga, im Alter von (angeblich) 147 Jahren, zu Konstantinopel. Wie das blinde Schicksal es oftmals will: Zaro Aga war als einzig dastehendes Phänomen von einer amerikanischen Filmgesellschaft engagiert worden und sollte sich nach Amerika einschifsen. Auf der Fahrt zum Hafen stieß seine Autodroschke mit einem anderen Gefährt zusammen, und Zaro Aga wurde herausgeschleudert. Obwohl seine Verletzungen nur leichter Natur waren, starb er im Krankenhause, vermutlich infolge des erlittenen Schocks. Ob sein Alter als gesichert gelten kann? Zu beweisen ist es wohl nicht. Als er im Jahre 1921, in Erfüllung eines 120 Jahre alten Wunsches (den er faßte, als er zum erstenmal von Napoleon vernahm), Paris besuchte, da soll in seinem Reisepaß sogar das Jahr 1775 als das seiner Geburt verzeichnet gewesen sein. Und der Photograph, der den türkischen »alem 1927 in Konstantinopel interviewte, behauptet, daß seine ; hinsichtlich des Alters durch das erstaunliche Gedächtnis Zaro Agas bald in die Luft geschlagen worden seien. Immerhin fehlt der strikte Beweis, wenn auch alles dafür zu sprechen scheint, daß der alte Herr die äußerste Altersgrenze von 110 Jahren, die die Mediziner neuerdings dem Menschen trotz Shaw nur zuzubilligen geneigt sind, weit überschritten haben muß. Wir kennen zahlreiche Beispiele von Leuten, die noch weit älter geworden sein sollen als Zaro Aga. Allerdings find hier Zweifel noch mit mehr Recht am Platze. Wir wollen von Peter Czartan, der 185 Jahre alt wurde (1539—1724) und von Louise T r u x o, die 1782 im Alter von 175 Jahren starb, nicht weiter sprechen. Ludwig Büchner erzählt in seinem „Buch vom langen Leben" von einem 180jährigen Greise, von dem im Jahre 1878 Dr. Louis Hernandez gelegentlich einer Aerzte- versammlung zu Bogota berichtet hat und der damals noch am Leben war: Miquel Solis, ein mischblütiger Landwirt aus der Gegend der Sierra Mesilla. Einige der ältesten Angesessenen jener Gegend versicherten dem Dr. Hernandez, sie erinnerten sich aus ihrer Kindheit des Greises Solis, der damals schon als Hundertjähriger gegolten habe. Seine Unterschrift zum Bau des 1712 gestifteten Franziskanerklosters bei San Sebastian, zu dem Miquel Solis beisteuerte, wurde von ihm beglaubigt. Der älteste Mann, von dem H u f e l a n d in seiner bekannten Schrift „Sie Kunst, das menschliche Leben zu verlängere, zu berichten weiß, ist Josef ©urrington, der im September 1797 bei Bergen in Norwegen im 160. Jahre seines Lebens starb. Er war mehrmals verheiratet und Unterließ eine junge Witwe und mehrere Kinder. Sein ältester Sohn war damals 103 Jähre alt, fein jüngster neun. Bemerkenswert ist auch die Geschichte von Thomas P a r r, geboren zu Shropshire im Jahre 1483, gestorben im November 1635, 152 Jahre alt. Parr war ein arbeitsamer Bauer, der mäßig lebte. Etwa in seinem 120. Jahre trat er in seine zweite Ehe mit einer Witwe, welche versicherte, sie habe ihm in den zwölf Jahren, die fie mit ihm zusammen- tebte, niemals sein Mer angemerkt. Erst einige Zeit vor feinem Tode ließen seine Augen und fein Gedächtnis nach, Gehör und Verstand blieben jedoch bis zuletzt intakt. Als er 152 Jahre alt zählte, erregte fein hohes Alter in London Aufsehen, und der König ließ ihn dorthin kommen. Hier wurde Parr in der Hofküche verpflegt, was dem an einfache und reizlose Kost gewöhnten alten Manne aber schlecht bekam. Das war jedenfalls auch die Ursache, daß er bald danach, im November 1635, starb. Harvey, der berühmte Entdecker des großen Blutumlaufs, fand bei der Sektion alle Inneren Organe in völlig gesundem Zustande. Cs würde zu weit führen, auf weitere unkontrollierbare Fälle aus älterer Zeit näher einzugehen. Erwähnt sei nur noch, daß Alexander von Humboldt in Lima dem Begräbnis eines Indianers beiwohnte, dem ein Alter von 143 Jahren zugeschrieben wurde, während seine Frau nur 117 Jahre erreichte. Wir beschließen diesen kurzen Ueberblick aus vergangenen Tagen mit einem Auszug aus einer Statistik, die I. E a st o n 1799 in feiner Schrift „Human Longevity" mitteilt: Leute, die 140 bis 150 Jahre alt wurden: 7. Leute, die 150 bis 160 Jahre alt wurden: 3. Leute, die 160 bis 170 Jahre alt wurden: 2. Leute, die 170 bis 180 Jahre alt wurden: 3. Man wird nun mit Recht die Frage stellen dürfen, ob es denn nicht auch heute noch mehr Beispiele, außer Zaro Aga, für ein derartig hohes Alter gibt, wenn das früher wirklich so verhältnismäßig häufig vorkam. Nun, wir kennen in der Tat noch einige derartige Fälle, möchten aber nicht dafür einstehen, daß sie einer kritischen Nachprüfung (sofern eine solche möglich ist) unbedingt standhalien würde. Denn diese Nachrichten flammen immer aus entlegenen Gegenden, denen man eine ordnungsgemäße Führung von amtlichen Geburtsregistern usw. nicht zutrauen möchte. Im Jahre 1926 ging eine Nachricht aus Tiflis durch die Presse, wonach dort ein gewisser Andrea Nikolajewitsch Smith gestorben sei, der laut „uebezweifelbar echten Dokumenten" 1776 geboren, also bei feinem Tode 150 Jahre alt war. Smith hat zur Zeit Napoleons als Rekrut im russischen Heere gedient und den großen Feldzug 1812/15 schon als altgedienter, keineswegs mehr junger Mann mitgemacht. Er blieb auch nach Friedensschluß beim Heere — wahrscheinlich der Not gehorchend, denn er hat in seinem Leben von anderthalb Jahrhunderten nicht einmal Lesen und Schreiben gelernt! 1828, also als Mann von 54 Jahren, wurde er in den Türkenkriegen schwer verwundet und erhielt eine Medaille sowie eine persönliche Auszeichnung von feinem Zaren. Als fast 80jähriger machte er noch den Krimkrieg mit und wurde nach diesem pensioniert. Diese Pension bezog er aus der Staatskasse nachweislich bis 1916; von da an sorgte die Stadt Tiflis für ihn. Er hat in seinem ganzen Leben weder Alkohol noch Tabak genossen, und auch mit dem schönen Geschlecht soll er jede Berührung vermieden haben. Der älteste jetzt lebende Mensch ist (nach einer Mitteilung von Dr. Ludwig Karell.aus dem Jahre 1928) Nikolai Schapkowfky in der nördlich von Saturn am Schwarzen Meer gelegenen Sowjetrepublik Abchasien; er wäre heute 148 Jahre alt Er war viermal verheiratet. Seine jetzig« Frau war bei der Trauung 20, er über 90 Jahre alt. Die jüngst« dieser Ehe entsprossen« Tochter ist 29 Jahre alt. Er ist noch immer imstande, täglich drei Körb« voll Reisig zusammenzutragen. Nach Athener Meldungen starb im Sommer 1929 auf der Insel Cy- pern ein Mönch, der ein Alter von 139 Jahren erreichte. Er sprach fließend Arabisch, Frarvzösisch, Englisch, Griechisch und Türkisch und war) ohne daß er besondere Lebensnormen eingehalten hätte, niemals krank. Er hieß Sa o b und war zu Anfang des vorigen Jahrhunderts ein Leibeigener Djesad Paschas, der in Palästina gegen Napoleon kämpfte. Später ging Saod mit seinem Herrn in die Verbannung nach Malta, bekehrte sich dort zum Christentum und trat in ein Kloster ein. Ebenso alt wäre, wenn er noch lebte, ein wolhynischer Landmann namens Krasinsky.den ein Berichterstatter des „3ntranfigeant" im Jahr« 1922 in Warschau sprach. Er behauptet, im Jahr« 1790 geboren zu fein, würde also heut« 139 Jahre zählen. Er ist. wie er erzählte, fast 100 Jahre lang Soldat gewesen, denn er wurde 1809 bei der dritten Eskadron der kaiserlichen französischen Garde eingestellt und hat noch im russisch-japanischen Kriege fiiitgefämpft. Krasinfky wußte dem französischen Journalisten noch lebhaft von dem unglücklicUn Ucbergang über die Beresina zu erzählen. 1830 stand er in den Reihen der aufttändischen pof« nifchen Armee und focht für die Befreiung Polens von Rußland. Dafür wurde er 16 Jahre nach Sibirien geschickt. „Ich bin niemals krank gewesen" schloß er, „und das kommt daher, daß ich immer mäßig gelebt habe. Zu rauchen begann ich erst vor dreißig Jahren. Mein Vater starb mit 117 Jahren und meine Mutter mit 97." Anfang 1928 wurde aus Lemberg der Tod eines anderen Rekord- greises gemeldet: in Lutowiska, Bezirk Lisko, unweit Lemberg, starb der dortige Kaufmann und Vorstand der Bethausgemeinde Leid Feld im Alter von 125 Jahren. Aus den Papieren und Matrikelaufzeichnungen geht einwandfrei hervor, daß der Verstorben« im Jahr« 1803 in der benachbarten Gemeinde Dydrow geboren wurde. Feld war genau 100 Jahre verheiratet. Seine Frau stand 1928 im Alter von 117 Jahren und war noch vollkommen rüstig. Ser Ehe entsprossen insgesamt 18 Kinder, von denen aber nur noch sechs, und zwar drei Töchter und drei Söhne, am Leben sind. Die älteste Tochter ist jetzt 81 Jahre alt Man sollte meinen, daß eine enthaltsame Lebensweise Vorbedingung für ein hohes Lebensalter ist. Die erwähnten Beispiele scheinen das auch zu bestätigen. Ein Gegenbeispiel erwähnte 1890 der Physiologe E. F. W. Pflüger (Bonn) in einer Rede über die Lebensverlängerung: der Chirurg P o l i t i m a n, gestorben zu Vaudemont im Alter von 140 Jahren, erreichte nach Pflüger dieses hohe Alter trotz der eigenartigen „Medizin", die er sich nach Erledigung der täglichen Praxis gestattete: er betrank sich angeblich seit feinem 25. Lebensjahre fast jeden Abend! Dieses Mittel sei aber doch nicht zur Nachahmung empfohlen, da die Wirkung in den meisten Fällen wohl eine ganz andere fein dürfte! Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche AniversitätS-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.