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Und meine Kinderhandchen gaben ihr Möglichstes dazu her; und mein reichlich wirbliches Kinderkopfchen kümmerte uns das verhaßte Instrument, an dem wir so viele überflüssige Stunden verbringen mußten und an dem es in jeder Woche verschiedentlich Krokodilstränen abseßte, als ein großes Geheimnis, von dem wir bisher nichts geahnt hatten. Wir waren sozusagen ärztlich interessiert — übi diesen ersten Tag hinaus. mer dann? Er durfte, was wir nie durften, das Klavier ganz auseinandernehmen und ihm in den Bauch gucken, nachzusehen, wo es überall krank war. Unsere höchste Bewunderung gehörte fortan dem Klavierstimmer — weil er erstens mit so prächtigem Appetite gefrühstückt hatte, weil er zweitens das Klavier auseinandernehmen durfte. Plötzlich schien Beginnender Herbst. Von Johannes Heinrich Brauch. Altweibersommerfäden spinnen von Strauch zu Strauch, über die Wiesen gleiten, über die Hügel reiten Nebel und kalter Hauch. Schwalbenzüge verschwinden, Mohn verblättert am Rain, Königskerzen erblühen, leuchten und strahlen und sprühen Gold in den Abend hinein. Beeren am Hollerbusche färben sich dunkel und rot, Hirsche befehden einander, und auf Hechte und Zander angelt der Fischer im Boot. Sperber, Weihen und Reiher scheiden vom alten Horst, höchste Reife der Traube, und mit buckliger Haube Steinpilz und Reizker im Forst. Symphonien der Wälder stimmen zu schaurigem Ton, Erde, noch gestern in Fülle, gestern noch schimmernde Hülle, findet der Herbst uns schon? Geheim Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger hört noch nicht hierher ... Endlich glaubte ich, mit dem Stimmen fertig zu sein weil ich merkwürdig müde ward. Dann halte ich ja mußte. Das mit den Terzen und Quinten, wie es leichtfingrig der Klavierstimmer heraus hatte, gelang mir — ehrlich — nicht halb so gut und war entschieden auch mit mißtönigem Geräusch verbunden, indem nämlich plötzlich die lieber« und Untermieter sich durch lautes Klopfen bemerkbar machten. Indessen ließ ich . mich keineswegs dadurch allzusehr in meiner Arbeit stören, die bis zur Rückkehr der Eltern geschafft werden mußte. Wovor mir etwas graute, war einzig das Geheimnis, wie ich wohl das Klavier hernach wieder zusammenzusehen hatte. Aber so weit war ich ja noch lange nicht. „Wie schmeckt eigentlich solch Bischof?" fragte meine Schwester plötzlich ganz unmütterlich unwissend. Sie wollte es nicht begreifen, daß ich den doch gewiß berechtigten Einwurf machte: „Eine gnädige Frau kann doch nicht mit dem Herrn Klavierstimmer zusammen Bischof trinken! TOutter hat neulich auch keinen Wein getrunken! Du darfst mir nur anbieten — wenn wir ganz richtig spielen wollen!" Und das wollten wir doch in der Tat! Aber dann mußte meine Schwester doch wohl heimlich' ausführlich vom Bischof genippt haben, indessen mich meine Arbeit ganz und sehr laut in Anspruch nahm — denn — doch das ge» Klavierstimmen. Eine kleine Geschichte. Von Alfred Richard Meyer. Es ist Samstagnachmittag. Der Besuch ist so stur, daß er absolut nicht merkt: von mir aus möge er schnellstens gehen — weil ich nämlich noch einen ganz bestimmten Zug am Stettiner Bahnhof erwischen muß. Soll ich sagen, daß ich den Zug verpasse, daß mir mein ganzes Wochenende verpatzt ist, wenn ich erst so spät in meinem märkischen Dörfchen eintreffe, da alle Zimmer in meinem geliebten Gasthof besetzt find? „Wenn Sie mal drüben bei Schulzes Nachfragen wollen — ich glaube, die haben noch ein Bett frei!" Ja — sie haben, und zwar ein sehr nettes, ganz neugemachtes Zimmer; aber unter dem frischen Bettuch liegt ein Strohsack, ein ziemlich schütterer Strohsack; und unter dem Strohsack streckt sich ein hartes Holzbrett, das gegen meine Knochen antämpft, zu erproben, wer auf die Dauer härter ist. Das macht den Schlaf unruhig und wenig erquickend; und da ich erst im Morgengrauen für wenige Stunden fester einschlafe, ist es Uebermübung, die mich hinrafst, die mich allzu früh wieder auf- weckt. Oder ist es das harte Holzbrett? Alle Glieder tun mir weh. Ober träume ich bas nur? Wie auch, baß unter mir jetzt ein Klavier gestimmt wirb. Sonntagmorgen um halb sieben Uhr, ein ganz schauderöses altes Klavier, aus dem man lieber Brennholz schlagen sollte als all diese monotonen und doch nie ganz harmonischen Töne! Ja — es wird ein Klavier unter mir gestimmt! Nein — auch in mir wirb ein Klavier gestimmt. Daß ich plötzlich lächeln muß unb all meine lahmen unb wehen ©lieber vergesse unb nach gar nicht baran bente, auf« zustehen, ben rounben Leib im nahen See zu erfrischen. Ich lächle ... Ein Klavier wirb gestimmt. Wie war bas boch? Kinber waren wir, meine Schwester unb ich; unb wir beibe würben damit gemartert, durchaus Klavierspielen lernen zu sollen. Wir haben es nie gelernt — unb es ist nicht schabe barum. Dafür Haden wir es in allerlei anberen Dingen des Lebens weiter gebracht — unb bas ist auch gut so. Klavierspielenlernensollenbe Kinder waren wir, uninteressiert bis zu jenem Tage, da zum erstenmal ein Klavierstimmer, von unseren Eltern zitiert wurde, das elend malträtierte Instrument wieder in reinen Klang zu bringen. Was tat der Herr Klavierstimmer, bevor er zu stimmen anbub ? Er frühstückte ausführlich — gewiß nicht nur, weil ihm unsere Mutter eine leckere Frühstücksplatte mit einem Glas Bischof vorsetzte — jarool)!, mit einem Glas Bischof! — sondern weil sein dünner, klappriger Körper solch handfestes Frühstück auch weidlich nötig haben mochte; unb seitdem bilde ich mir ein, daß ein jeder Klavierstimmer unb gewiß auch der augenblicklich unter mir tätige einen dünnen, klapprigen Körper haben muß, obgleich es gewiß auch manchen wohlbeleibten Mann unter feinen tüchtigen Kollegen geben wird. Was tat der Herr Klavierstim- Wie würden wir uns um den obligaten Spaziergang des nächsten Sonntags herumdrücken können? Wir mußten krank werden, aber nicht gleich so schlimm, daß die Eltern etwa auch zu Hause bleiben würden — denn bann konnte ja nichts aus unserem befinitiv beschlossenen Plane werben, ganz allein einmal Klavierstimmer spielen zu bürfen. „Na — bann müßt Ihr eben hübsch zu Hause bleiben!" sagte unser Baier nicht gerabe erfreut. „Vermutlich habt ihr mittags zu viel Pubbing gegessen. Setzt euch still in die Ecke und lest in einem der neuen Geburtstagsbücher. Ober, Mutter — ob wir lieber zu Hause bleiben sollen?" tagsspaziergang absehen zu müssen vermeinte. Gott sei Dank — wir würben Klavierstimmer spielen können, so ausführlich, wie wir es nur wünschten! Unb bie Ausführlichkeit lieh wahrhaftig nichts zu wünschen übrig. Womit begannen wir? Mit bem großen Frühstück, das mir, dem Klavierstimmer, meine Schwester, die Mutter, reichlichst servierte. Mit einem Glas Bischof, den wir leider sonst nie trinken durften. Ein Glas Bischof? fragt vielleicht nichtkundig der eine oder andere Leser, dem wir sogleich mit dem Herrn Dr. C. A. Kortüm unb mit seiner unsterblichen „Jobsiabe" fein antworten wollen: „Ein Bischof ist, wie ich bente, Ein sehr angenehmes Getränke, Aus rotem Wein, Zucker unb Pomeranzenfaft Unb wärmet unb stärket mit großer Kraft." „Na — Sie trinken gewiß boch wohl noch ein Glas Bischof?" war meine Schwester besorgt um mich bünnen unb klapprigen Klavierstimmer, der bereits versicherte, keine der sehr appetitlich zurechtgemach- ten Stullen mehr zwingen zu können; aber, was den Bischof anbetraf, konnte ich leider nicht nein sagen; ich war schnell auf denGeschmack gekommen — was mich nicht hinderte, meine Arbeit endlich zu beginnen, d. h. das Klavier fachkundigft auseinanberzunehmen, um bann mit einer Kneifzange an ben verfchiebenen Saiten, ben erst vor einigen Tagen frischgestimmten, herumzubrehen und in Ermangelung eines Dämpfers einen Quirl aus der Küche zwischen die stramm gespannten Stahldrähte zu quetschen. A — a— ah — aha! begann ich mein Werk, bei dem ich bald ins Schwitzen kam und schon deshalb dem Bischof zusprechen g müde warb, lüann patte tcy ja noch bas Klavier roieber zusammenzusetzen. Q Gott, o Gott! Wenn nur nicht bie Eltern allzu früh nach Haufe kommen möchten! Aber nun folgte noch etwas ganz Granbioses, ja Heroisches: ber Schlußmarsch, mit bem ber Kia- uierft'mmer die reine Harmonie des tadellos abgestimmten Änstrumen« äsen hatte. Wie lag uns biefes Wunber noch in ben Ohren! ch an Sicherheit bes Griffs, an künstlerischer Haltung, an Triumphalen nicht zurückstehen!! Feuerfunken hatten die slch nicht den Deut darum, daß es jetzt über uns, unter uns empörter von allen Hauseinwohnern Beschwerde klopfte. Mochte das klopfen, so viel es wollte! Klavierstimmen war eben eine Kunst, die leider nicht ganz geräuschlos vor sich gehen kann. Aber — was das Zusammensetzen des Klaviers anbelangte — ja, wo gehörten denn eigentlich all diese größeren und kleineren Teile hin, die doch einmal ein schönes Ganzes gebildet hatten und wieder bilden mutzten, damit die Eltern von dem ganzen Spiel nichts merkten! Und meine Müdigkeit, mein immer intensiveres Gähnen, das meine Schwester längst wirklich geschwisterlich einträchtig begleitete, die geleerte Bischofsslasche im molligen Aermchen und so verklärt lächelnd. „Ja — was ist denn hier los?" fuhr plötzlich die Stimme meines Vaters wie aus ganz unwirklicher Ferne an unsere Ohren. „Die Flasche — das auseinandergenommene Klavier — die schlafenden Kinder — ja, was ist euch denn!" Ja — was und wie war uns denn? Wenn ich heute den damaligen körperlichen und geistigen Zustand nur annähernd andeuten soll, möchte ich jenen Mönch von Heisterbach einzig zum Vergleiche heranziehen — o Gott, o Gott — tat mir der Kopf weh und weshalb tanzten die immer noch merkwürdig entfernten Gestalten meines Vaters, meiner Mutter so vor meinen Augen! Unser erstes Klavierstimmen blieb unser einzigstes; und zur Strafe durften wir nicht dabei sein, als in den nächsten Tagen der Klavierstimmer richtig in eigener Person wieder kommen mußte, ohne daß er dieses Mal ein Glas Bischof bekam, worüber er sich gewiß recht gewundert hat. Was blieb aber noch? Wenigstens für mich — eine ganz ausgesprochene Vorliebe für den Bischof, der als Getränk doch längst unmodern ward. Und da ich nun lachend von dem harten Lager einer ziemlich schlaflosen Nacht, für die ich drei Mark zu zahlen habe, aufspringe, muß ich die Bischofssehnsucht mühsam Niederkämpfen, daß sie schleunigst einer Kaffeesehnsucht weicht und auch der Lust nach einem morgendlichen Bad im märkischen See. Aber durch die Tür da unten muß ich doch einen flüchtigen Blick werfen: richtig — der Klavierstimmer ist von einem dünnen, klapprigen Körper, nur viel, viel älter — daß plötzlich die letzten Verse aus Wolfgang Müller von Königswinters „Mönch in Heisterbach" auf meinen Lippen find: „Ich weiß: ihm ist ein Tag wie tausend Jahr', Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag!" — selbst wenn diese tausend Jahre in meinem Falle nur etwas lächerlich wenige zweiundvierzig sein mögen ... Nein, keinen Bischof! Und auch keinen Kaffee! Das Bad im Sommermorgen ist wichtiger; und hernach ist es noch immer Zeit genug zum Essen und zum Trinken! Und der Klavierstimmer wird auch schon noch anwesend sein — wenn er nun schon einmal von der Stadt so früh an einem Sonntag in ein märkisches Dorf gekommen ist. Dann kriege Ich noch immer reichlich zu sehen, wie man eigentlich ein Klavier wieder ordentlich zusammenzusetzen hat — wovon ich mich in der Zwischenzeit leider nie unterrichten lassen konnte ... Morgens. Von Theodor Storm. Nun gib ein Morgenkühchen! Du hast genug der Ruh'; und setz dein zierlich Füßchen behende in den Schuh! Nun schüttle von der Stirne der Träume blasse Spur! Das goldene Gestirne erleuchtet längst die Flur. Die Rosen in deinem Garten sprangen im Sonnenlicht; sie können kaum erwarten, daß deine Hand sie bricht. Menschen aus einer anderen Welt. Merkwürdige Geschichten von zerstreuten Leuten. Von C. G. v. Maaßen. Ein wahres Musterbeispiel von Zerstreutheit bot der berühmte Newton. Er vergaß Essen und Trinken, wenn er an einem mathematischen Satz arbeitete. Eines Tages erhielt er den Besuch eines Freundes. Der Bediente führte ihn ins Wohnzimmer und bat zu warten, da der Herr noch oben in feinem Studierzimmer beschäftigt sei. Der Besucher ließ sich am Tische nieder, und schon stieg ihm der Geruch einer köstlich gebratenen Hammelkeule in die Nase. „Das Essen wird ja kalt, wenn Newton nicht bald erscheint", dachte er. Dann hob er den Deckel von der Schüssel und schnupperte hinein: „Vortrefflich zubereitet", lobte er. Und er wußte wohl selbst nicht, wie es geschah, aber schon hatte er sich den Teller hingeschoben, schon lag ein mächtiges Stück Fleisch darauf, Kartoffeln und Bohnen folgten, und schon gab er sich mit Genutz und Ausdauer den Freuden eines Mahles hin, das nicht für ihn bestimmt war. Er erschrak auf das heftigste, als er feststellen mußte, daß er alle Schüsseln ratzekahl ausgefressen hatte. Höchst betroffen erhob er sich von feinem Stuhle, lauschte und schlich sich auf den Zehen die Treppe hinunter und zur Haustüre hinaus. Kurz danach betrat Newton das Zimmer, um feine Mahlzeit zu halten. Da fiel sein Blick auf geleerte Schüsseln und einen Teller, der deutlich zeigte, daß man bereits auf ihm gespeist habe. „Sonderbar, höchst sonderbar," brummte der Gelehrte kopfschüttelnd, „ich mutz offenbar schon gegessen haben. Aber es ist mir völlig aus dem Gedächtnis entschwunden. Er blickte noch einmal verwundert und prüfend In die Schüsseln, und ein wenig besorgt darüber, wie er habe vergessen können daß er schon gespeist habe, begab er sich sofort wieder in sein Arbeitszimmer. Ein anderes Mal satz Newton rauchend in einer größeren Gesellschaft von Herren und Damen und grübelte über ein wissenschaftliches Problem nach. Nachdenklich zog er an seiner Pfeife und bemerkte, daß sie nicht recht brennen wollte. Ohne aus seinen Gedanken herauszugehen, tastete er mit seiner Rechten nach einem Gegenstand, der ihm zum Pfeifenstopfen dienen könnte. Und dabei erwischte er die Hand einer neben ihm sitzenden Dame, ergriff ihren Zeigefinger und bediente sich dessen an Stelle des Pfeifenstopfers. Die erstaunte Dame lieh es eine Zeitlang ruhig geschehen, wenigstens so lange, als diese Manipulation noch schmerzlos war. Als sie sich aber an der Glut des Tabaks die Fingerspitzen verbrannte, stieß sie einen lauten Schrei aus. Und nicht weniger erschrocken ließ Newton ihre Hand fahren und mußte sich erst besinnen, was er da eigentlich gemacht hatte. Lessing hatte einen Bedienten, dem er niemals recht trauen wollte, und so beschloß er, ihn auf die Probe zu stellen. Er legte ein paar Geldstücke auf den Tisch, um zu erfahren, ob sich der Diener einige davon aneignen würde. Bald darauf erschien ein Freund, dem er von seiner Prüfungsmethode Bericht erstattete. „Hast du dir auch ge. merkt, wieviel Geld du auf den Tisch gelegt hast?" fragte ihn dieser. „Nein," sagte Lessing aufs höchste betroffen, „das habe ich nicht getan!“ Der Göttinger Mathematiker Johann Andreas S e g n e r lebte ausschließlich in der Welt seiner Gedanken. So sehr, daß ihm alle Bedürfnisse des täglichen Lebens fremd blieben. Selbst die Freude am Essen und Trinken kannte er nicht. Seine Gattin behandelte er so, als ob sie überhaupt nicht vorhanden wäre. Einmal kam diese aus der Küche ins Wohnzimmer, um ihren dort arbeitenden Mann nach irgendeiner Sache zu fragen. Dabei hielt sie noch die glühende Kohlenschaufel in der Hand, die sie in der Küche gebraucht hatte. Aber der Mann war aus feinen Gedanken nicht herauszubringen. Höchst ärgerlich über eine solche Teilnahmslosigkeit, berührte sie den kleinen Finger ihres Mannes mit der heißen Schaufel und verbrannte ihn etwas an der Spitze. Der Finger zuckte wohl ein wenig zurück, aber der Besitzer desselben blieb ungerührt in seine Meditationen vertieft. Erst später beim Abendessen betrachtete er verwundert feinen kleinen Finger und konnte trotz allen Nachdenkens nicht darauf kommen, wo und wie er sich wohl verbrannt haben könnte. Um den kameradschaftlichen Umgang unter den Professoren der Göttinger Universität zu fördern, hatte die hannoversche Regierung an- geordnet, daß sich die Dozenten jeden Sonntag mittag auf der Esplanade zu einem gemeinsamen Spaziergange einfinden sollten. So wollte Gegner einmal an einem solchen teilnehmen. Als die Stunde des Zusammentreffens schlug, hatte er bereits feinen Hut auf dem Kopse. Aber gleich darauf hatte er das auch schon wieder vergessen. Er ergriff also einen anderen Hut, den er aber nicht aufsetzte, sondern in der Hand behielt, und eilte fort zur Versammlungsstelle. Er bemerkte auch seinen Irrtum nicht, als er bereits mitten unter feinen Kollegen weilte, die alle neugierig waren, zu erfahren, aus welchem Grunde er eigentlich zwei Hüte mitgenommen habe. — Selbst auf einem gewissen verschwiegenen Oertchen versank diesem. Gelehrten die Umwelt derart, daß all« anderen Besucher die Tür auf Stunden verschlossen fanden und keinen Einlaß finden konnten. Der berühmte Dr. Tillotson war ein Muster von Geistesabwesenheit. Einmal stach ihn eine Mücke, während er sich gerade mit einem Kollegen unterhielt. Er bückte sich also, um sich da zu kratzen, wo sie saß, nämlich an seinem rechten Beine. Aber er erwischte in seiner Zerstreutheit das Bein seines Nachbarn, das er heftig mit feinen Nägeln bearbeitete. Die Mücke stach also ruhig weiter, während Tillotson unentwegt das fremde Bein kratzte. Der Kollege war zwar sehr erstaunt, aber viel zu höflich, um nach der Ursache eines so seltsamen Beginnens zu fragen. Ein anderes Diät machte Tillotson mit drei Freunden, die nicht weniger zerstreut waren als er, eine Wagenpartie von London nach Wind- for. Als sie etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, fiel es ihnen auf, daß der Kutfcher sehr langsam fuhr. Der französische Gelehrte Desmaifeaux, der dabei war, steckte seinen Kopf zum Wagenfenstei hinaus und rief dem Kutscher zu: „Allons donc! Allons donc!“ (Vorwärts, zugefahren!) Der Kutscher, der kein Französisch konnte, verstand: A London! —, drehte um und sagte nur „If you please, gentleman! (Wie Sie wollen, mein Herr!) — Die gelehrten Herren merkten diese unerwünfchte Umkehr nicht eher, als bis sie statt zu Windsor, wieder an ihrem Ausgangspunkt in London angelangt waren. Monsieur d'Ängouge, Bischof von Vannes, machte der Marquise Descartes einen Krankenbesuch. Er setzte sich auf einen Stuhl vor ihr Bett, ließ aber dabei sein Brevier fallen. Er bückte sich, um es wieder aufzuheben, erwischte aber statt heften einen Pantoffel der Marquise, den er in feiner Zerstreutheit in die Tasche steckte. Nach Beendigung der Visite begab er firfj in die Messe. Kaum war er gegangen, entdeckte die Marquise das Brevier und das Fehlen ihrer Fußbellei- dung. Sie rief einen Diener und befahl ihm, das Buch dem geistlichen Hern in die Kirche zu bringen, gleichzeitig aber auch nach einem Pantoffel zu fragen, den er aus Versehen eingesteckt haben könnte. Der Bischof freute sich, sein Brevier wieder zu erhalten, antwortete aber auf die Frage nach der Fußbekleidung, daß er von einem Pantoffel nm)» wüßte. Dennoch suchte er in seinen Taschen herum, wobei ihm cnNig) der ominöse Pantoffel in die Hand kam. Er zog ihn heraus und überreichte ihn dem Diener mit den Worten: „Da, mein Sohn, das 'N alles, was ich an Pantoffeln bei mir habe!" - Ein in tiefes Nachdenken versunkener Professor klopfte einmal M dem Tische seine Pfeife aus. Auf das sich dadurch ergebende Geramm hin rief er sogleich: „Herein! Herein!" — Als aber niemand daraufyi eintreten wollte, schrie er ungeduldig: „Zum Henker noch einmal, • ein!!" — Und begriff durchaus nicht, warum der Klopfer nun nuy eintreten wollte. Bozen. Von Wilhelm Hausenstein. Seit vierzehn Tagen habe ich die Wahl zwischen Klobenstein, der Mendel, dem Latemar. Aber fast sind mir schon Runkelstein, Sarntal und die Serpentinen der Guntschna zu viel. Und sicherlich: so oft ich dort auf den sanften, sauberen Steigen, zwischen großen Eidechsen mit einer Haut aus blau und grün schillerndem Satin, Fuß vor Fuß setzte, hort oder auf der roten Promenade von Sankt Oswald, — sicherlich also war ich lieber als in den großartigsten Fernen des Etschtals oder des Hochgebirgs, das Rosengarten heißt, auch mit den großen Blicken drunten in der Ebene um Bozen her. In der Tiefe breiten sich die wagrechten Flächen der Rebgefilde, bläulich von verspritztem Vitriol, das der pflegende Winzer aus den Schläuchen schoß. Die Leute auf der Bank neben mir schrien über die Aussicht auf die roten Wände und Pfeiler der Dolomiten. Ich sah hinüber, erschrak bewundernd vor den bizarren Romanzen aus Stein; die doppelte Röte drauf, die des Gesteins und die der malenden Abendsonnenstrahlen, war von abenteuerlicher Pracht; allein ich senkte den Blick; ich zog ihn weg sogar von den näheren Bergen, die rechts und links des Flusses im Süden den Stil des Tretino, der Veroneser Klause melden; den einfachen, waldlosen Bergen nahm ich meine Aufmerksamkeit, obwohl ich sie liebe mit ihren Büschen, die wie krause grüne Wolle sind und mit der Schönheit der kahlen violetten Flecken. Zu Tale senkte ich den Blick, zu Tale, wo es matt war, wo um kleine Landhäuser und um Winzerhäuschen, die in der Dämmerung deutlicher wurden, unablässig die ebenen Rebäcker sich dehnen, grün von Laub und milchig blau von Vitriol. Der Anblick bewegte mich. Richt auf sentimentale Weise; ich sah hinab mit inniger Sachlichkeit; auch mit der bewußtlosen Ruhe eines Toten. Ader nicht dies war das Schönste. Das Schönste ist auch nicht der Hotelgarten mit Magnolien und Palmen, Zedern und Weimutskiefern und Zypressen, mit Bambusbüschen, Lorbeer und Rhododendron. Das Schönste ist die Porphyrwand hinter dem Hause. Als ich ankam, todmüde und alle beklommenen Gesühle des allzu empsindlichen Fremden im Herzen, des Zureisenden, dem noch das Vertrauen zu allen den doch zu offenbaren Schönheiten der Gegend fehlte, da legte mein befangenes Herz sich alsbald an diese rote und grüne und ganz nahe Wand. Sie ist hoch, wohl über das Doppelte der Höhe meines Hotels hinaus. Fast senkrecht ist sie und nur etwa um die halbe Tiefe meines Hauses von mir entfernt. So oft ich aus meinem Zimmer komme, oder in mein Zimmer zurückkehre, trete ich ans Fenster des Korridors und sehe diese Wand an; sehe das Rote, Grüne; das Rahe, Steile, das hell, leidenschaftlich und unerreichbar steht und im einzelnen auch nicht ohne behagliche Liebenswürdigkeit. Mit dieser Wand habe ich noch mehr zu tun als mit dem großen Ausblick aus meinem Zimmer. Es ist nicht ein Verhältnis der Zärtlichkeit. Mit Liebe hat es nichts zu tun, und es ist unberedt. Es ruht auf der gleichsam mechanischen Nähe, lebt i lnBegrenzien, zehrt vom Deutlichen, das dennoch ungreifbar bleibt; es nährt sich von der Enthaltung in so dichter Nachbarschaft; es wächst aus dem rastenden Bedürfnis eines Lebensalters, das jenseits der Jahre abschweifender Jugend ankam. Dicht am roten Stein, der aber gründlicher besehen, nicht bloß „rot" ist, sondern auch violett und grau und ockergelb, orange und schwarz, sitzen Agaven und Kakteen. Kreisrunde und längliche Scheiden, dicke Lebkuchen, doch grüne, die aufeinander wachsen und Blüten tragen so zartgelb wie Teerosen und fast von ihrer Form und Größe: das sind die Kakteen auf dem Porphyr. Die Agaven sind weniger fett anzusehen, trockener, härter auch; ihr kreidiges Grün ist lichter. Sie sind massive Schwerter, Säbel, Sägen und Dolche, manchmal am Rand verziert mit goldgelben Streifen — wie kostbare Waffen, deren Stahl mit Gold ausgelegt ist. Dies alles wächst von selbst da (denn wirklich ist es da, als ob es gar nicht erst hätte wachsen müssen). Beiseite gesetzte Nebensachen der Natur; ein Hinderhaus der Natur; einer ihrer unaufmerksamsten Augenblicke. O ja — und es ist mehr als genug — ich lebe davon! Sonst wachsen dort noch in der nämlichen Belanglosigkeit Granatsträucher mit scharlachroten Blüten; auch weiße Hanflilien, die der Tiroler Sitten nennt — das schöne wälsche Giglio krästig barbarifierenb. Ich gewahre etliches blankes Laub, das mir fremd ist; es ist wie angemalt mit hellgrünem und dunkelgrünem Lack. Eine Silbertanne dort drüben ist schon zu merkwürdig. Sie ist — ich weiß nicht wie — von zierenden Menschenhänden hingesteckt. Lieber ist mir der wildwachsende Mirabellbusch, dessen violette Früchte unter Blättern verborgen sind, die dem Laub, der Blutbuche ähneln. Zuweilen ist die warm dastehende Luft zwischen dem Hotel und der Porphyrwand vom Geschrei versteckter Zikaden grell ornamentiert. Es müssen nach der Stärke ihrer Stimme große Tiere sein — Tiere von doppelter Größe unserer Grillen. Ich stehe in der Kühle. D>e Kühle meines Korridors begegnet der festen Wärme der Wand; die Kühle schaut-die Wärme an. Ich meine, in der standhaft warmen Luft, die selbst eine Wand ist, das Muster zu erblicken, das von den schnarrenden Stimmen der Zikaden hineingestochen wird. ' Spüre ich, anstatt zu stehen und zu schauen oder von der Badewanne aus die Wand zu betrachten, ein leises Gesühl, die Füße zu be= wegen, so suche ich kaum die Promenade an der Taster, auch nicht Bozen die Stadt, die kühlen Gewölbe der Lauben, die gehäuften Auslagen der Laden oder den Filigram am roten Domturm ober die Verwitterung der klobigen Portallöwen. Sondern ich finde mich, wie im Traum geführt, ouf einem Landweg zwischen zwei heißen Mäuerchen, ein Begleiter der uajten Glut, die wie eine Person ist. Dann begegnet mir, von einem Kind °.m Strick geführt, eine antike Ziege oder, von einem Buben gelenkt, einem zehnjährigen Kutscher, ein Eselchen mit weißer Schnauze, weißen »ußen, eleganten Husen, rundem Bauch und klugen, klugen samtbraunen -nngen. lieber den niederen Mauern hängen Frühbirnen in den still- nagenden Bäumen, auch Mandeln, Feigen — alles noch grün; Trauben |tnö noch wie Erbsen. Jetzt erscheint überm grauen Stein eine Sonnen« otume, jetzt ein Garten mit Dahlien aus blutrotem Samt, mit Kapuzinerkresse, karminroten Malven, und welken Vuschrosen um ein halbzermürb. tes Halzkruzifix; an den Händen des Gekreuzigten hängt je ein Kolben goldgelben Welschkorns. Im Staub des Weges arbeitet ein Hirschkäfer sich vom Rücken auf den Leib zurecht, mit einer bewußten Energie, die mir Schrecken einjagt. Jetzt sitzt er; jetzt richtet er gereizt die furchtbaren Zangen gegen einen imaginären Feind; ich gebe ihm das Ende meines Stockes, um seiner Erbitterung einen Gegenstand zu leihen, und er umklammert es mit einer persönlichen Wut. Ich hebe Stock und Käser: der beginnt sich zu spreizen, entfliegt, und die wie Propeller surrenden Flügel scheinen gegen das Licht des Himmels blutrot. Es geschieht auch, daß ich, ohne einer Absicht gefolgt zu sein, unter Reben wandle, die einen langen kühlen Korridor machen. Da bin ich wieder allein mit allem Sachlich-Nächsten, mitten in lauter Weingärten; es sei denn daß fremdartig, einem Dämon ähnlich, aus der sorgsam gehäufelten, von Unkraut peinlich reinen Erde ein Winzer auftauche mit giftgrünem Hut, einer grünfpanigen Bütte auf dem Buckel, einen vitriol- farbenen Schlauch hantierend und schräghin die Patina verspritzend von unten ans Laub hin ober zwischen ben Reben durch in einer steigenden unb fallenben Vitriolfontäne. Das erstemal nur erschrak ich. Jetzt beklage ich bloß noch, daß ich nicht van Gogh bin, um den wunderlichen und blöd grüßenden Gnom zu malen. So lebe ich dahin — entlang dem Geringfügigen und sehr Nahen, ohne das gewesene Pathos der weiten Perspektiven. Es ist eine Schule; es hat seinen Sinn; man stirbt nicht mit einem Schlag, sondern man hat jetzt angefangen, zu sterben. Es ist eine Vorschule des Lebens für dis Dimensionen des Grabes; für das, was nahe beisammen ist und dennoch weit genug, und für die Sicht von unten. Die Nase. Von Nikolaj W. Gogol. (Schluß.) „Das macht nichts," meinte der Arzt, „stellen Sie sich nicht so nahe an die Wand." Hierauf befahl er ihm, den Kopf nach rechts hin schief zu halten, befühlte die Nasenstelle und jagte: „Hm!" Dann befahl er, den Kopf nach links zu wenden, und sagte wiederum: „Hm!" Gab ihm wieder mit Daumen und Zeigefinger einen Stüber, daß der Major hoch» fuhr wie ein Gaul, dem man ins Maul schaut. Nach dieser Untersuchung schüttelte der Arzt den Kopf und sagte: „Nein, es geht nicht. Besser, Sie bleiben so. Es könnte sonst noch schlimmer werden. Gewiß, ansetzen könnte man sie. Ich würde sie Ihnen sogar sofort ansetzen. Aber ich versichere Sie, es würde dadurch nur noch schlimmer werden/ „Wie denn?" sagte Kowalew, „soll ich ohne Nase bleiben? — Schlimmer, meine ich, kann es nicht werden, als es jetzt ist. Das ist einfach, der Teufel weiß, was! Wo kann ich mich denn blicken lassen mit solch einer Lächerlichkeit? Ich habe gute Vekannie. Heute zum Beispiel müßte ich noch in eine Gesellschaft, sogar in zweie. Ich habe viele Bekannte. Die Frau Staatsrat Tschechtarewa, Frau Oberstleutnant Podtotschina ... obwohl ich nach dieser ihrer Handlungsweise mit ihr nichts mehr zu tun habe außer durch die Polizei. — Seien Sie doch so gut," fuhr Kowalew mit stehender Stimme fort, „gibt’s denn kein Mittel? Setzen Sie sie an, irgendwie. Mag es auch nicht ganz tadellos fein, wenn sie nur hält. In gefährlichen Momenten kann ich sie ja mit der Hand ein wenig festhalten. Außerdem, ich tanze nicht. Es ist also nicht zu befürchten, daß irgendeine unvorsichtige Bewegung die Sache in Gefahr bringt. — Was meine Dankbarkeit betrifft für die ärztliche Visite, so seien Sie überzeugt, soweit meine Mittel dies gestatten ..." „Sie können mir glduben," sagte der Doktor mit einer Stimme, die weder laut noch leise, aber sehr überzeugend klang, „daß ich meinen Berus niemals aus Gewinnsucht ausübe. Das würde meinen Prinzipien und meiner Kunst widersprechen. Allerdings nehme ich etwas für meine Visiten, aber einzig und allein aus dem Grunde, um meine Patienten durch eine Ablehnung nicht zu kränken. Natürlich könnte ich Ihnen die Nase ansetzen. Aber ich versichere Sie bei meiner Ehre, wenn Sie es mir anders nicht glauben wollen, daß dies noch viel schlimmer sein würde. Ueberlaffen Sie das weitere der Natur selbst. Reiben Sie sich oft mit foltern Wasser ab, und seien Sie überzeugt, daß Sie ohne Nase genau so gesund fein werden, als wenn Sie sie hätten. Die Nase aber, würde ich Ihnen raten, tun Sie in ein Gläschen mit Spiritus, ober besser noch, Sie gießen zwei Eßlöffel absoluten Alkohol darauf, vermischt mit erwärmtem Essig. Und Sie können ein hübsches Stück Geld dafür bekommen. Ich würde sie sogar selber behalten, wenn Sie nicht gar zu viel bafür verlangen." „Nein, nein, um keinen Preis!" schrie der verzweiselte Major, „mag sie zunichte gehn!" „Entschuldigen Sie," sagte der Doktor, sich empfehlend, „ich wollte mich Ihnen nützlich erweisen ... Was ist da zu machen! Wenigstens meine gute Absicht Haden Sie gesehen." So sprach der Arzt und verließ mit edlem Anstand das Zimmer. Kowalew bemerkte dabei nicht einmal das Gesicht, das der Doktor machte, sondern im Gefühl vollkommener Stumpfheit sah er nur die aus den Aermeln des schwarzen Frackes hervorschauenden Manschetten, die rein und weiß waren wie frischgefallener Schnee. Er beschloß, gleich morgen, bevor er eine Klage einreichte, an die Frau Oberstleutnant zu schreiben, ob sie vielleicht gutwillig darauf einginge, ihr Unrecht wieder gutzumachen. — Der Brief hatte den folgenden Inhalt: Sehr geehrte gnädige Frau Alexandra Grigorjewna! Ihre seltsame Handlungsweise ist mir unbegreiflich. Seien Sie überzeugt, daß Sie auf diese Art nichts gewinnen und mich hierdurch nicht zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten. Glaudcv Sie mir, daß die Geschichte bereits aufgeklärt ist, sowie auch, daß hierbei niemand anderes die Hauptschuld hat als Sie. Das plötzliche Verschwinden des betreffenden Wesens, seine Flucht und sein verkleide- Hoffnung ich feg Auftreten in Gestalt eines höheren Beamten, endlich sein Wiedererscheinen in eigener Gestalt, — das alles ist weiter nichts als die Folge der Zaubereien, die Sie oder diejenigen getrieben haben, die sich mit solcherlei sauberen Sachen abgeben. — Ich meinerseits halte es für meine Pflicht, Sie im voraus zu warnen: Wenn die von mir erwähnte Nase nicht heute noch an ihrem Platz sein wird, so werde ich genötigt sein, den Schutz des Gesetzes anzurufen. Im übrigen verbleibe ich mit vollkommener Hochachtung Ihr ergebenster Diener Platon Kowalew. Sehr geehrter Herr Platon Kusmitsch! Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Duch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen. Erwacht und unwillkürlich in den Spiegel blickend, sieht er: die Nase! Ein Griff mit der Hand: tatsächlich, die Rase! — „Ehe!" rief Kowalew, und in seiner Freude wäre er bald barfuß durchs ganze Zimmer getanzt, wenn Iwan, der hereinkam, nicht gestört Hütte. Er befahl ihm, sofort alles Nötige zum Waschen zu bringen, und nachdem er sich gewaschen hatte, blickte er noch einmal in den Spiegel — die Nase! Und indem er sich mit dem Handtuch abtrocknete, — noch einmal — die Nase! „Sieh mal her, Iwan, mir scheint, ich habe da ein kleines Bläschen auf der Nase," sagte er und dachte dabei: „Daß Iwan jetzt bloß nicht agt — Herr, da ist nicht nur kein Bläschen, da ist überhaupt keine Nase." Iwan aber erwiderte: „Von einem Bläschen sehe ich nichts. Die Nase ist glatt und schön." „Gut! Hol's der Teufel!" sprach der Major zu sich selbst und schnalzte mit dem Finger. In diesem Augenblick schaute der Barbier Iwan Jakowlewitsch zur Tür herein, aber so ängstlich wie eine Katze, die eben dafür verprügelt worden ist, daß sie Fett genascht hat. „Sag' zuerst — sind deine Hände rein?" ries ihm der Major schon von weitem zu. „Rein." „Du lügst!" „Bei Gott, sie sind rein, Herr." „Nun, sieh dich vor!" Kowalew setzte sich. Iwan Jakowlewitsch hing ihm die Serviette um, und slugs hatte er ihm den ganzen Bart und die Wangen in solch eine Schlagsahne verwandelt, wie man sie nur auf Kaufmannshochzeiten vorgesetzt bekommt. „Sieh mal an!" sprach Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, indem er die Nase genau betrachtete. Dann bog er den Kopf auf die andere Seite, die Nase im Profil beschauend. „Nein, wirklich, wenn man bedenkt ..." fuhr er in Gedanken fort, die Nase lange, lange anschauend. Schließlich, ganz leicht und so zart wie nur irgend möglich, hob er zwei Finger, um sie an der Spitze zu fassen. Denn das war nun einmal das System des Iwan Jakowlewitsch. „Na, na, na, Obacht!" schrie Kowalew. Iwan Jakowlewitsch ließ die Hände sinken und wurde so verlegen, wie noch nie in seinem Leben. — Schließlich, vorsichtig, vorsichtig, setzte er das Messer unter dem Kinn an. Und, obwohl er es höchst unbequem und schwierig fand, ohne den gewohnten Halt am Riechorgane, gelang es ihm schließlich doch, indem er seinen rauen Daumen an Wange und Unterkiefer abstutzte, aller Schwierigkeiten Herr zu werden und das Werk des Rasierens zu einem guten Ende zu führen. Als dies getan war, beeilte sich Kowalew, feine Toilette zu beenden, nahm eine Droschke und fuhr geradewegs zur Konditorei. „Kellner! eine Tasse Schokolade!" rief er schon im Hereintreten, und bann — sofort zum Spiegel: die Nase ist da! Er wandte sich fröhlich von seinem Spiegelbilde ab, und mit ein wenig zusammengekniffenen Augen, satyrisch lächelnd, beobachtete er zwei militärische Herren, von denen einer ein Näschen im Gesicht hatte — nicht größer als ein Westenknopf. Darauf begab er sich in die Kanzlei jenes Departements, bei welchem er sich um den Posten eines Vizegouverneurs bewarb. Durch Vorzimmer schreitend, blickte er schnell in den Spiegel: die Nase ist da! Hiernach fuhr er zu jenem andern Kollegien-Assessor oder Major, der ein großer Spötter war und dem er auf dessen spitze Bemerkungen häufig zu erwidern pflegte: „Nun du, dich kenne ich schon, an dir kann man sich stechen! Unterwegs dachte er: „Falls auch der Major njd)t gleich losplatzt vor Lachen, wenn er mich sieht, bann ist mir bies em sicheres Zeichen, daß alles an seinem richtigen Platz sitzt." — Aber auch biefe Begegnung verlief ohne Zwischenfall. „Gut, gut, hol's ber Teufel!" buchte Kowalew. Danach traf er unterwegs bie Frau Oberstleutnant Pobtotschma nebst ihrer Tochter, grüßte und würbe mit freubigen Ausrufen uneder- gegrüßi: — also wirklich, es war keinerlei Einbuße an' ihm zu bemerken. Er unterhielt sich mit ihnen längere Zeit, zog feine Schnups- tabaksbose unb versorgte absichtlich sehr lange seine Nase, erst rechts unb bann links. Dabei sprach er für sich: „Da seht mal, ihr Wechsieute, ihr Hühnervolk! Aber heiraten werde ich bas Töchterchen doch nicht. Bloß fo — par amour, — wenn's beliebt!" Und feit der Zeit fpazierie der Major umher, als fei gar nichts gewesen, und war sowohl auf bem Newski zu sehen als auch im Theater unb überall. Unb auch bie ->ia|e, als wäre nichts gewesen, sah an ihrem richtigen Platz unb ließ sich von ihren Seitensprüngen nicht bas geringste anmerken. Und immer say man ihn seitdem in guter Laune, lächelnd und hinter allen hübschen jungen Damen her. Und einmal sogar sah man ihn vor einem Geschah stehenbleiben, hineingehen und sich ein Ordensbändchen kaufen, Gott weiß wozu, — denn einen Orden hatte er nicht. Das also ist die Geschichte, die in der nördlichen Hauptstadt unseres unermeßlichen Reiches passierte. Und erst jetzt, indem wir uns noch einmal alles recht vergegenwärtigen, sehen wir, daß viel Unwahrscheinliches darin vorkommt. Abgesehen davon, daß dieses übernatürliche eid)= entfernen der Nase und ihr Auftreten an verschiedenen Stellen der Stadt in der Gestalt eines Staatsrates wirklich recht sonderbar erscheint, müssen wir uns fragen: wie kam die Nase in das frischgebackene »rot, unb auf welche Weise ist Iwan Jakowlewitsch selber ...? aber nein: bies ist unbegreiflich, enischieben unbegreiflich! — Aber bas Sonderbarste unb bas Unbegreiflichste von allem ist boch bies: baß Autoren sich Sujets solcher Art wählen. Ich gestehe, baß bies wohl völlig unfaßbar ist, einfach ... nein, nein! bas verstehe ich nicht. Denn erstens: irgend einen Nutzen fürs Vaterlanb hat es nicht. Zweitens ... jedoch aua> zweitens hat es keinen Nutzen. Einfach, ich weiß nicht, was das soll ••• Und dennoch, trotz alledem und dessenungeachtet, zugeben kann man immerhin, baß bies unb bas und jenes gewissermaßen vielleicht ooq sogar ... und schließlich, wo, in welchen Geschichten kommen keine uin Wahrscheinlichkeiten vor? ... und wenn man’s überlegt, so ist an diehm allen tatsächlich doch was Wahres dran. Unb was man auch bagege einwenben mag, Dinge bieser Art kommen vor in ber Welt, zwar |euc - boch — sie kommen vor. Ihre Alexandra Podtotschina. „Nein," sagte Kowalew, nachdem er diesen Brief gelesen hatte, „sie ist wirklich nicht schuld. Es kann nicht sein! So schreibt kein Mensch, ber sich eines Verbrechens schulbig weiß." Der Kollegienassessor hatte hierin Erfahrungen, benn mehrfach, schon im Kaukasus, war er mit ber Führung gerichtlicher Untersuchungen betraut gewesen. „Wie, um alles in ber Welt, hak bies sich zugetragen? Daraus wirb nur ber Teufel selber schlau!" — sagte er schließlich, inbem er bie Hänbe sinken ließ. Unterbetten hatte bas Gerücht von biesem ungewöhnlichen Ereignis sich durch bie ganze Hauptstabt verbreitet unb, wie es in beriet Fällen zu geschehen pflegt, nicht ohne verschiebene Zusätze. Damals waren bie Geister ganz besonbers empfänglich für alles Außer- und Uebergewöhn- liche. Experimente magnetischer, telepathischer Art waren erst kürzlich allgemein bekannt geworden. Auch die Geschichte von den tanzenden Stühlen in einem Hause an ber Konjuschennaja war noch in frischer Erinnerung. Unb so ist es benn nicht zu verwunbern, baß unter anberem erzählt würbe, bie Nase bes Kollegienassessors Kowalew gehe jeben Tag pünktlich um drei Uhr auf bem Newski-Prospekt spazieren. Neugierige sammelten sich in Mengen an. Jemanb hatte behauptet, bie Nase befinde sich im Geschäft der Firma Junker, und so entstand vor Junker ein olcher Auflauf, und das Gedränge wurde so groß, daß die Polizei ein« schreiten mußte. Ein spekulativer Kopf, ein Mann von ehrwürdigem Aussehen — sonst verkaufte er vor dem Eingang zum Theater trockne Konditorkuchen — verfertigte jetzt hölzerne sehr feste Bänkchen, die er an Neugierige, für achtzig Kopeken pro Person, vermietete. Ein im Dienste ergrauter Oberst ging extra zu diesem Zweck früher von zu Hause aus und drängte sich mit Mühe durch die Menschenmenge. Zu seinem großen Unwillen aber sah er im Fenster des genannten Magazins anstatt ber erwarteten Nase bloß ein gestricktes wollenes Wams unb eine Lithographie, auf welcher eine Jungfrau bargeftellt war, bie sich ihr Strumpfbanb zurechtmachte, während hinter einem Baum hervor em Geck in offener Weste, mit einem kleinen Bärtchen am Kinn, nach ihr blickte, ein Bild, das schon seit mehr als zehn Jahren an derselben Stelle hing. Sich hiervon abwendend, sagte er voll Verdruß: „Wie kann man nur mit solchen törichten und unwahrscheinlichen Gerüchten das Volk verwirren?!" r . Sodann entstand das Gerücht, nicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten gehe die Nase spazieren, — unb zwar schon seit längerer Zeit. Schon Chosrew Mirsa habe sich seinerzeit über bieses seltsame Naturspiel gerounbert. Einige Stubenten ber Chirurgischen Akabemie begaben sich sofort bahin. Eine bekannte sehr angesehene Dame wandte sich brieflich an den Oberaufseher des Gartens mit der Bitte, er möchte ihren Kindern dieses Phänomen zeigen, wenn möglich, mit für die Jugend geeigneten Erklärungen. Außerordentlich erfreut über diesen ganzen Vorfall waren alle jene Leute von Welt, die bei keiner gesellschaftlichen Veranstaltung fehlen durften. Ihr Vorrat an Themen, womit sie ihre Damen unterhalten konnten, war zu der Zeit gerade vollkommen erschöpft. Sehr unzufrieden dagegen war eine kleine Gruppe von würdigen und sittsamen Leuten. Einer von diesen äußerte mit Entrüstung, er begreife nicht, wie man in unserem aufgeklärten Zeitalter solche Albernheiten verbreiten könne, und er wundere sich hierbei über die Gleichgültigkeit der Regierung. Dieser Herr gehörte offenbar zu denjenigen, die die Regierung gern in alles hineinverwickeln möchten, sogar in ihren eigenen täglichen Zank mit der Frau. Hiernach ... aber hier hüllen sich die Geschehnisse von neuem in einen Nebel, unb was weiter geschah, — bleibt völlig unbekannt. 3. Unsinn geschieht in ber Welt. Die größten Unwahrscheinlichkeiten kommen vor: Jene selbe Nase, bie im Range eines Staatsrates urnher- fuhr unb so viel Lärm in ber Stabt verursacht hatte, war plötzlich, als wäre nichts geschehen, wieber auf ihrem alten Platz, bas heißt, sie faß wieber zwischen ben beiden Wangen bes Majors Kowalew. Es war bereits ber siebente April, als bies geschah. Ihr Brief hat mich außerorbentlich erstaunt. Ich muß gestehen, das hatte ich nicht erwartet, besonders was Ihre ungerechten Vorwürfe betrifft. Jenen Beamten, ben Sie erwähnen, habe ich niemals bei mir empfangen, roeber maskiert, noch in feiner wahren Gestalt. Allerbings hat ein gewisser Philipp Iwanowitsch Potantschi- kow bei mir verkehrt. Auch hat derselbe sich tatsächlich um bie Hand meiner Tochter bemüht. Ich habe ihm aber, obwohl er ein anständiges unb nüchternes Betragen unb eine große Gelehrsamkeit an den Tag legte, nie irgendwelche Hoffnungen gemacht. Sollten Sie aber mit Nase gemeint haben, ich hätte Ihnen eine Nafe gedreht, das heißt, Sie in bezug auf meine Tochter abgeroiefen, fo wundert mich dies um fo mehr, als ich, wie Sie wißen, durchaus das Gegenteil meinte. Und wenn Sie jetzt in aller Form um meine Tochter freien wollen, fo bin ich sofort bereit, Ihnen meinen Segen zu erteilen, da eben dies schon längst mein lebhaftester Wunsch ist. In welcher stets zu Ihren Diensten verbleibe als