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Gleich angefachter Glut in Berg und Garten der Beeren Brand, Gebüsch und Strauch erwarten des Ernters Hand. Im reichen Feld, im weiten Hang, wie Wellen von goldner Flut, der Halme letztes Schwellen zu Brot und Blut. Und singt im Blatt und in der vollen Aehre, singt rein und klar, die wundersame Märe vom guten Jahr. Der Stadtpfeifer. Bon Wilhelm Heinrich Riehl. 1. Kapitel. Das war eine angstvolle Hochzeit! — Als der Weilburger Stadt- pfeifer Kullmann mit seiner Braut vor den Altar trat, dröhnten dumpfe Kanonenschläge aus der Ferne herüber. Die Gemeinde war ohnehin diesmal klein beisammen, und wie nun gar die unheimlichen Tone den Leuten durch Mark und Bein schütterten, schlich einer nach dem andern sacht davon, und da der Pfarrer aus der Sakristei schritt, stand nur noch das Brautpaar mit den nächsten Angehörigen, dem Küster und einigen Hochzeitsgästen in dem Chor der Dorfkirche. Der Siebenjährige Krieg hatte seine Verwüstung auch in die westlichen Gaue Deutschlands getragen; die Franzosen unter dem Herzoge von Broglie hielten das Lahntal und den Westerwald besetzt und suchten durch Niederhessen nach Hannover vorzudringen. Sie setzten eben dem Bergschloß Dillenburg heftig zu, und die wechselweise Herausforderung und Antwort der Geschütze war es, was in den Wölbungen der Kirche des benachbarten Ebersbach dem Hochzeitszug so schaurig in die Ohren klang. , . Den Stadtpseifer überlief es falt; er zitterte nicht, er war auch nicht mutlos, aber er hörte auch nicht die Worte des Pfarrers. So schneidend war es ihm noch nicht in die Seele eingegangen, weich große Verantwortung er auf sich nehme durch die Verheiratung in so ungewissen Tagen, als jetzt, wo die Kanonen ihm zum Altäre lauteten. Die Braut an seiner Seite hatte nicht geweint; die roten Wangen des Bauernmädchens waren blaß geworden, aber sie stand fest und heftete den Blick voll Zuversicht unverwandt auf den Geistlichen. „Ihr werdet's vielleicht Kindern und Enkeln noch erzählen," sprach der Pfarrer, „daß der 14. Juli 1760, ein Tag der Angst, euer Hochzeitstag war. Da, werdet ihr sagen, war kein lustiger Tanz, kein^ fröhliches Schmausen, die Franzosen spielten zur Hochzeit auf im tiefsten Baß, und den Spielleuten selber brachte es wohl gar den Tod. Aber Heil euch, wenn ihr dann hinzufüget: „In Sorgen begannen wir den Ehestand, darum ist es nachgehends so hell und Göhlich geworden m unserem Hause. Zuerst erkannten wir die schweren Pflichten des e geneu Herdes, dann schmeckten wir dessen stille Süßigkeit. Stehet fest. Kummer und Trübsal sind groß, aber ein treues Weib macht uns eitel Freude daraus." „ r. Der Stadtpfeifer hatte aufgehorcht bei diesen Worten. Er war ernst von Aussehen und doch eine leicht gefugte Seele, bei der es gar flink von einer Tonart in die andere überging. Wer von der Musik leben muß, der wird das rasche Modulieren gewohnt. So verließ ihn auch bei dieser Ansprache plötzlich das qualvolle Sagen. Er bückte auf leine Christine, wie sie so mutig dastand, und eine helle Freude durchleuchtet sein Gemüt; und weil just die Kanonen doppelt stark brummten, w es ihm, als sei er ein Fürst, und als bornierten da draußen Die Jubelsalven, well der Priester Christinens Hand in die seine legte. Als der Hochzeitszug die Kirche verließ, schwirrte und summte schon das ganze Dorf wie ein gestörter Bienenstand. Ganz Ebersbach n ar vor Schreck toll geworden. Es waren Fronhäuser Fuhrleute gekommen, die erzählten, heute noch müsse das Dillenburger Schloß fallen; morgen stünden die Franzosen in Ebersbach; denn auch General Chabot rücke jetzt von Siegen und Gras Guerchy von Hachenburg gegen die Dill herab, — da werde es Einquartierung geben, Erpressung, Plünderung, — wenn man so einem verfluchten Franzosen nicht die Perücke mit Goldstaub pudere, die Stiefel mit Mandelöl schmiere und bas Gewissen mit Kronen- taiern, bann schlage er bas ganze Haus zusammen. Auf diese Botschaft hin gingen die wenigen Hochzeitsgäste durch, ohne Abschied, als wären sie nicht bloß Nassau-Oranier, sondern wirkliche ganze Holländer gewesen. Und wenn sie sich nun auch gewaltsam zum Schmause niedergelassen hätten! Die Stühle würden mit ihnen davongelaufen sein, so wirbelte die Angst in den armen Teufeln. Im Haufe der Braut, einem stattlichen Bauernhause, stand ein langer Tisch gedeckt, der des Morgens, als die Gäste warmes Bier — die Brautsuppe — vor dem Kirchgänge genossen hatten, noch dicht besetzt gewesen war. Jetzt sand sich niemand an der Tafel ein als das Paar und der Vater der Braut, und wer sonst zur Verwandtschaft gehörte. Selbst der Pfarrer blieb zu Hause, und der Küster kam nur, um sich feinen Braten und Kuchen und fein Geldgeschenk heimzutragen, bevor sich die Franzosen an den gedeckten Tisch setzten. Der alte Hans Schneider, der Vater der Braut, ließ sich nicht merken, wieviel Unheimliches ihm eine solche Hochzeit vorbedeute. Er war der Mann, der allezeit das rechte Wort zu reden wußte. „Herr Sohn," sagte er, „wir sind [elbfünfe. So mager ist noch kein Hochzeitstisch in unserer ganzen Freundschaft besetzt gewesen. Aber lasse Er sich bas ungegessene Traktament nicht allzu schwer im Magen liegen. Es ist besser, man geht im Regen aus unb läuft in die Sonne hinein, als umgekehrt. Der Einstand in die Ehe soll euch beiden eine göttliche Prüfung fein. Auf Christine vertraue ich, und auf Ihn auch, Heinrich. Er ist wohl- bestellter Stadtpfeifer zu Weilburg unb bläst ben Bürgern morgens, abenbs und zu Mittag ein geistlich Lied, baß sie wllsen, was an der Zeit ist, und an unseren Herrgott gedenken mögen; Er ist mein lieber Sohn, ich vertraue Ihm, aber, nichts für ungut — ich denk' und rede eben wie der alte Hans Schneider von Ebersbach —, Er ist doch immer ein Musikant. Wäre die Christine nicht fo stark in der Wirtschaft, bann ging’s wohl furios mit eurem Hauswesen. Seine Bekanntschaft mit meinem einzigen Kinbe war mir anfangs ein Kummer, boch ich habe gesehen, daß Er ein stiller, braver Mann ist, unb habe am Enbe nicht ungern ja gesagt; aber — halt Er sich tapfer, Herr Sohn! Es sinb Kriegszeiten! Ich brück' Ihm die Hand als Sein Vater. Bleib Er ein Stadtpfeifer und werde Er — wie soll ich's nennen? — feiner von bencn, die obenhinaus wollen, fein Geiger, fein Notenfreffer, ober rote man bie vornehmen musikalischen Lumpen sonst heißt. Wer morgens, mittags unb abenbs bet Stabt ben Choral bläst, ber ist boch gleichsam ein Stück von einem Pfarrer, unb wenn Ihr zum Tanze aufspielt, so ist bas wenigstens eine Musik, davon man weiß, zu was sie nütze ist. Christine schob sich, etwas besorgt, zwischen die beiden und sprach: „Vater, wir wollen schon tüchtig Zusammenhalten." Weg mit dir!" rief der Alte, der nun erst recht aufgeräumt wurde. „Hier braucht's keiner Mittelperfon. Mein Schwiegersohn weiß schon, mie's gemeint ist, wenn ich ihm sage, er solle auf der Stabtpfeiferet leben und sterben, so gleichsam als ein Bauer unter den Musikanten unb unter bem ganzen Bürgersvolk. Der Stadtpfeifer soll leben! hoch — auf seinem Türm und die Frau Stadtpseiferin mit ihm! Als der Alte die Gesundheit ausbrachte, hatte sich ein vierschrötiger Mann im blauen Kittel an bie Türe postiert unb schaute sich verwundert bas Quintett unserer Hochzeitsgesellschaft an. Es war ber von ben Brautleuten längst erwartete Fuhrmann Philipp Setter von Weilburg; fein Wagen war bereits unten im Hofe eingestellt, groß genug, um bas Ehcwaar samt Christinens Aussteuer aufzunehmen. Ein herzhafter Trunk Wein löste bes Fuhrmanns Zunge, unb er berichtete, baß man die Holz- w-me nach der Lahn hinüber wohl passieren könne, die Hauptstraße dagegen sei vom Kriegsvolk besetzt. Das war den jungen Eheleuten em Trost denn sie gedachten morgen schon nach Weilburg zu fahren. Aus dieser Stadt lautete die Botschaft freilich betrübter. Französische Husaren, ein übermütig Volk, waren seit zwei Tagen aus dem Nieberlahngau em- gerückt. „Sieben Generale," sprach Philipp — und es war schon nicht erst zum fiebentenmal, daß er sein Glas füllte — .kommen zur Einquartierung; denn bie Franzosen, spricht der Peruckemnacher, wollen Weilburg als einen Platz ansehen und gegen den Herzog von Braunschweig verteidigen; ber Hofbäcker dagegen memt, so em Esel wäre elbft ber Franws nicht, baß er eine Stabt halten wolle, bereu Besatzung man von ben gegenüberstehenden Felsen mit Steinen totwerfen könne." Die Zuhörer sahen sich bedenklich an; aber bie Brautleute faßten sich bei der Hand und sprachen: „Wir gehen doch!" Dem Stadtpfeifer zwar wurde es insgeheim etwas schwül. ,-,D weh!" rief er endlich unb Ahr sich wild durch die schön gepuderten floate, „jetzt sind mir alle Kirmessen im Juli verhagelt durch das Kriegsvolk!" „Das hat keine Not," beruhigte Philipp, sich selbst mit dem zwölften Glase beruhigend, „die Franzosen tanzen mit; sie sind artige Leute und gar nicht so schwarz, wie sie der Hofbäcker brennt, wenn er im Ritter beim siebenten Schoppen angekommen ist. Seht, vorgestern sind die Franzosen eingerückt. Am selben Tage hadert einer ihrer Husaren mit der alten Nickelin und massakriert sie; — am Abend wird dem Mörder der Prozeß gemacht, und gestern morgen ist er auf der Heide am Wind- Hof füfiliert worden. Was sagt Ihr dazu, Stadtpfeifer? Ich sage, die Franzosen sind prompte Leute." „Ei, geht zum Teufel, Philipp! Prompter wäre es doch gewesen, wenn der Husar die Nickelin gar nicht massakriert hätte" — und schlich sich hinaus, damit die anderen seine Verwirrung nicht merkten. Prinz Camille hatte schwerlich geahnt, in welche Verlegenheit er den Weilburger Siadtpfeifer dadurch brächte, daß er seine Truppen lahnaufwärts ziehen ließ. Ja, der Stadtpfeifer war sehr leichtsinnig gewesen! In seiner Tasche trug er zwei große Geldstücke, das waren zwei Krontaler — im Augenblicke sein ganzes bares Vermögen. Mit dem einen Krontaler sollte der Ueberzug nach Weilburg bestritten werden; der andere bildete den ganzen Kapitalfonds, womit er die neue Haushaltung begründen wollte. Er gedachte aber gleich in den ersten Tagen auf den Kirmessen ein schönes Stück Geld zu verdienen, und dann wäre es schon weitergegangen. Jetzt drohten die Franzosen die Rechnung zu verderben. Der Krieg war auch in Weilburg. Wer wird tanzen wollen, wo die französischen Husaren gleich mit Mord und Standrecht ihren Einzug halten? Es ward dem Stadtpfeifer himmelangst, da ihm die nächsten Wochen heiß vor die Seele traten. Und wie stand es gar in den nächsten Mo- paten, wenn das Ding so fortgehen sollte? Als Heinrich Kullmann, von solchen Gedanken gequält, vor die Haustüre trat, kam ein altes Weib auf ihn zu. „Das ist ein Hochzeitshaus," sprach sie, „und Ihr tragt den Rosenstrauß im Knopfloch und seid der Bräutigam. Euer Ehrentag ist mein Unglückstag!" „Was ist Euch begegnet, Mayerin?" fragte der Stadtpfeifer, der das Weib wohl kannte, das in einem kleinen, einsamen Häuschen an der Dillenburger Straße wohnte. „Ich bin eine Vettelfrau geworden über Nacht", antwortete sie schluchzend. „Die Franzosen haben mir alles genommen, die Kühe weggelrieben, das Haus niedergebrannt, ja selbst die Apfelbäume, die doch unser Herrgott so schön wachsen ließ, haben sie zufammengehauen. Des Teufels Barbiere sind diese Heiden, denn ein Elsässer, der mir die köst- Uchsten Würste gestohlen, sagte mir in seinem Hundedeutsch, die ganze Straße müsse rasiert werden wegen der Festung, ich solle mich trösten, das sei Kriegskunst; und dabei biß er in eine Wurst, daß mir vom bloßen Zusehen das Wasser in die Zähne und in die Augen trat." Dies aber erzählte die Frau unter so kläglichem Gewimmer, daß der Stadtpfeifer am Schluß in die Tasche griff und gab ihr den einen Krontaler — der war bestimmt gewesen, die Haushaltung anzufangen —; dann wandte er sich rasch um und ging wieder hinauf zum Hochzeitstische und ward nun so lustig, als habe er tausend Krontaler gewonnen. An anderen Tage gab es kurzen Abschied zwischen Eltern und Kindern, wie das Bauernart ist. Aber ernst und tiefempfunden war das Lebewohl dennoch; denn jedes gedachte der ungewissen Zukunft und der Not des Augenblicks. Allein sie war hüben so groß wie drüben, und der Stadtpfeifer mußte zurück auf seinen Turm. Philipp Setter hatte schon dreimal zum Aufbruch gemahnt, schon dreimal den Valettrunk getan, da bestieg das junge Ehepaar endlich seinen Leiterwagen. Cs war kein lustiger Reisetag. Ein durchdringender Sommerregen rauschte in Strömen herab. Selbst der dichtbelaubte Buchenwald konnte keinen rechten Schutz mehr geben; die Pfade waren schlüpfrig, und die zahlreichen Bergwasser wuchsen zusehends, jede Rinne füllte sich zu einem neuen Bach. Darum war es kein Wunder, daß Philipp Pferd und Wagen auf den holprigen Holzwegen kaum vorwärts bringen mochte. Er hatte sich aber auch wider den Regen so tief in eine wollene Decke gewickelt, daß der Schimmel so ziemlich feinen eigenen Gedanken nachsehen konnte; und nur wenn der Wagen wider einen Stein oder eine Wurzel stieß, als ob alle Räder brechen müßten, rief der Fuhrmann dem Pferde chintendrein eine Vermahnung zu, den Kopf ließ er aber doch Mi der Decke. (Fortsetzung folgt.) Gedanken zur künstlerischen Erziehung. Von Paula Messer-Platz, Gießen. Gar manchen hat wohl schon die Frage beschäftigt: ist es denn ein fo weltfremdes, idealistisch-überspanntes Verlangen, daß die Schule auch künstlerische Werte übermitteln solle? Nicht übermitteln freilich im hand- langerischen Sinn, wobei man glaubt, das erkenntnismäßige Wissen an einfach weitergeben zu können. Hat diese Nürnberger- Trichter-Methode schon bei der Entwicklung des Verstandes versagtz so daß das Gemeinsame all der verschiedenen Schulreformen darin besteht, das passive Hinunterschlucken des Lehrstosfes in ein aktives Zerkauen und Anelgnen umzuwandeln, hat diese Methode schon bei der logischen und gedachtmsmaßigen Bildung versagt, um wieviel ungeeigneter muß sie bann erst für die Bereicherung des Gefühls (ein. Denn überhaupt vor- zudrmgen bis zum Gefühl, mehr noch: dieses Gefühl zu packen und zu innerer Anteilnahme zu bewegen, das ist eine noch viel persönlichere sub- M,er;!(-*nb«r^rro^ri9e.re. Aufgabe als etwa historische oder naturwissen- schastliche Tatsachen beizubringen. Wo es sich aber um künstlerische Erziehung handelt, da muß das Gefühl ergriffen werden, sonst ergibt das n ±e “eker(iefern etwa von Fachausdrücken, Techniken und äußeren Unterscheidungen eine nach hoffnungslosere Oede als die mechanische Her- anbildung des Verstandes. Manchen Lehrern, meist solchen, die selber künstlerisches Empfinden besitzen, ist es gewiß schon aufgefallen, daß sehr hauM die sog. unbegabten Schüler, Schüler ohne „Bücherverstand" nach ver künstlerischen Seite hm besonders begabt sind. Meist hungern sie umsonst nach Anteilnahme und Verständnis für ihr« Sonderart. Und doch wäre es oft eine Erlösung für diese als dumm und unfähig verschrienen zungen Menschen, die häufig in den letzten Reihen sitzen und verträumt und uninteressiert in die Luft starren. Es wäre oft eine Erlösung für sie, wenn das Verständnis des Lehrers ihnen zum Bewußtsein brächte, daß sie nicht die rettungslos Dummen und Ungenügenden sind, sondern daß auch sie Talente besitzen, die Beachtung und Wertschätzung verdienen, aus denen sich mit Fleiß und Ausdauer etwas machen läßt. Wie manchem Jungen könnte auf diese Weise Selbstvertrauen und frische Energie wieder gegeben werden, die ihn dann auch bei anderen Fächern über die gewohnte Trägheit und den ergebenen Stumpfsinn Hinwegzureißen vermöchten. Künstlerisch begabte Schüler in den oberen Klassen neigen meist mit dem Radikalismus der Jugend zu moderner und allermodernster Kunstrichtung. Der Kubismus etwa und die sog. „gegenstandslose Malerei" erregen häufig ihre uneingeschränkte Bewunderung. Alles andere gilt als bürgerlicher Kitsch. Es wäre nun gefehlt, mit Spott oder Mißachtung über diese Kunstrichtungen herzufallen, das würde nicht solche Richtungen, sondern solche Lehrer bei den extrem gestimmten Schülern zur Seite drängen. Sondern der Lehrer versuche einmal, sich ganz jung und neu und liebevoll in solch eine unverständlich erscheinende Kunstrichtung zu versenken und dem jungen Menschen gerade das Wertvolle aus ihrer Tiefe herauszuholen und zu zeigen. Man lasse sich durch bizarre Aeußerlichkeiten nicht so rasch abstoßen: denn in diesen modernsten Kunstrichtungen, wie etwa in der neuen gegenstandslosen Malerei, steckt oft das Verlangen und die Sehnsucht ganzer Künstlergenerationen und die selber verlangende und sehnende Jugend suhlt mehr als sie es versteht dieses Drängen und Revolutionieren und gibt sich ihm hin. Der Künstler selber hat ja so viel Kindliches, Irrationales in sich. Zwar ist der moderne Künstler viel häufiger wieder Denker, aber meist fein Philosoph, d. h. er vermag es selten, seine Grüblerarbeit auch in reinliche Begriffe zu schmieden. Er wirft der Welt seine Halbfabrikate zu und überläßt es der Zeit, daraus Fertigware zu machen. So z. B. scheint es ein Irrtum der neuen „reinen" Malerei zu sein, daß sie behauptet, ihre Werke hätten die Formen überwunden und abgelegt. Und doch hat sie in ihrer Behauptung recht. Wenn man nämlich versteht — nicht was die neue Kunst sagt, sondern was sie meint. Ist das aber nicht überhaupt das Wunder des Verstehens und muß das nicht gerade den echten Lehrer zur Ergründung reizen, der in der Schule stündlich darum ringt, nicht bloß das zu verstehen, was man sagt, sondern das, was man meint? Der Künstler behauptet also, die „reine, gegenstandslose, absolute" Malerei drücke kosmische, weltumspannende Gefühle aus, ohne sich dabei der Form zu bedienen (und gerade dieses Kosmische, Undefinierbare und Formfremde fühlt auch der junge Mensch in sich, und dies zieht ihn an). Der kritische Laie dagegen erblickt auf diesen Bildern Ringe, Flecken, Linien; findet mit wahrer Entdeckerfreude hier ein Rund, das etwa ein Ei fein könnte, dort eine Spirale, die sich etwa zu einer Schlange umdeuten läßt. Hat so der Laie sich aus dem Meer des Nichts auf eine scheinbar feste Planke gerettet, auf das Anschauliche, dem Intellekt Zugängliche, so fühlt er schnell wieder den Mut zum Kopfschütteln und Verdammen. Vom Unbekannten ins Bekannte steuern ist nämlich nicht bloß das qualvolle Entzücken und Schicksal der ganz Großen: es ist auch die tägliche Befriedigung des rubrizierenden, in Fächer ordnenden Durchschnittsmenschen, dem Erkennen Platzanweisen bedeutet. Auch der reinste Jünger der „reinen" Malerei kann nicht leugnen, daß seine Bilder Flecken, Linien, Runde enthalten — also Formen. Aber das ist es auch nicht, was er leugnen will. Sondern daß er Formen von Gegenständen bedürfe. Hier liegt fein Wesentliches und Neues. Daß feine Farbführung nur in Formen zu uns sprechen kann, ist eine unvermeidliche Notwendigkeit. Also ein Unpersönliches, im Künstlerischen zu Ignorierendes, Daß seine Farbführung aber nicht in Gestalten von Gegenständen zu uns redet, das ist das Gewollte, Wesentliche. Das ist das, worauf es ihm ankommt. Das, worauf es dem anderen vor allem ankommt, sollte man immer zu erst zu verstehen suchen. Ob er die richtigen Wege zu seinem Ziel damit gewählt hat, bleibt eine spätere Frage, eine Sache der Kritik und der Erfahrung. Wer niemals so jung war, daß er zu der Welt „nein" gesagt, wer nie so jung war, daß ihm die Schönheit nur ein Hindernis bedeutete, dem wird das Ziel der „absoluten" Malerei überhaupt unbegreiflich bleiben. Sollen wir aber z. B. die höhere Mathematik verwerfen, weil nur wenige der höheren Mathematik gewachsen sind! Das muß freilich zugegeben werden: Die Kunst unserer neuen Zeit wird immer unsinnlicher, abstrakter, eine Linie übrigens, die unabdrängbar durch die ganze Menschheitsentwicklung geht. Die Kunst unserer Zeit wird aber auch immer einsamer, weil es stets die Wenigen sind, die für Un- anschauliches Begabung haben. Es sind immer die Führer, die „nicht sehen und doch glauben", denen Sehen und Besitzen nicht den letzten Grad der Gewißheit bedeutet. Freilich ist der noch kein Führer, der nur glaubt und — nichts sieht. Der wahre Führer und Lehrer aber ist berufen, den Glauben zu belohnen, indem er ihn sehend macht. Man muß also vor allem begriffen haben, auf was es in der „reinen" Kunst antommmt. Nämlich auf das Geben des Inhalts ohne Umkleidung — Verkleidung durch die gegenständliche Form. Diese Kunst ist darum eine Konzentrierung, ein Heraustreiben, eine Hinaufsteigerung ins Inhaltliche. Es liegt ihr der Wille zugrunde, das Vorletzte zu opfern, um des Letzten teilhaftig zu werden. Jener Wille, der unserer besten Jugend eignet und der stets dabei war, wenn Menschheitsgeschichte geschrieben wurde. Freilich, wem ist jene Entwicklungslinie ins Abstrakte, ins Geistige ganz bewußt?! Wem dieser bohrende Wille vom Vorletzten ins Letzte? So bewußt, daß er davon sprechen, nicht bloß stammeln könnte?! Dem malenden Künstler wohl nicht, darum eben malt er. Vielleicht dem Philosophen in Platos Sinne, der ein Lehrer, ein Weiser, ein Kunst- doch ’nen umt ü daß aus hem roie- die Der- mit inst- :rei" als ung Uch- zur jung rich- rotte urch ern= erei, inen es hin. sich. neift ) in itate sein, ab- nlich Ist das hule son- ien, ien. er ches hen im in ent- ute" abei iure ieht nge, das iner chts dem opf- icrn anz in isen ner Ziel unb in“ nis ibe= [en, iuß ner die ber In« icht ten der ist ?n" lei- ist ins um md >cn ins ins e?l em ’) Kritik der Urteilskraft (Rectum), 6. 76. 8) Ebenda, S. 77. „So bedeuten die Zeichnungen a la grecque, das Laubwerk zu Einfassungen ober auf Papiertapeten usw. für sich nichts; sie stellten nichts vor, kein Objekt unter einem bestimmten Begriff und sind freie Schon- . feiten." Das scheint denen Recht zu geben, die in der gegenstandslosen" Malerei bestenfalls Entwürfe für Tapeten oder Vorsatzpapiers sehen. Wiederum übersieht man über einer äußeren, zufälligen Aeyn- lichkeit die Wesensfremdheit zweier Dinge. Auch das Ornament, wie es die Allgemeinheit kennt, empfängt feine Daseinsberechtigung durch die Schönheit, durch eine Gestaltschönheit allerdings, die aus der Natur gedichtet ist, nicht ton der Natur entlehnt ist. Dessen Schönheit dazu da ist, das andere schöner zu machen, also zu schmücken. Nichts davon gilt für die „gegenstandslose Malerei. So stände sie da, ganz ohne Vergangenheit? Nein. Irgendwann einmal — war es vor tausend oder zehntausend Jahren —, in irgendeinem Lande, weit fort — war es Aegypten, Palästina oder Persien oder Indien als Gesetze verboten, Gott Gestalt zu geben, da preßten die Menschen ihre Sehnsucht und ihre Ahnungen ebenfalls in Zeichen. Da schrieben sie ihre Begegnung mit dem Unsichtbaren ein in geheimnisvoller Formsprache. Da webten sie ihre kosmischen Gefühle mit farbigen Faden und hingen sie auf in ihren Tempeln. Wir Nachwelt lasen und ahnten nichts mehr daraus, nannten das eine Ornamente, das audere Teppiche und glaubten, sie seien da, nur um zu erfreuen und zu schmucken. Vielleicht verdankt auch die „absolute" Malerei ihre Wiederentstehung einem Gesetz, das über uns allen lag und das uns verbot, Gott zu gestalten, dem Materialismus. Nun pressen die Menschen wieder ihre Sehnsucht unb ihre Ahnungen in Zeichen, nun schreiben sie ihre Segegnung, mit dem Unsichtbaren in geheimnisvolle Formen und Farben. Aber auch sie werden das Unfaßbare nicht fassen, auch sie: „sprechen nicht aus, sie winken nur". Unsere Jugend aber, gerade unsere beste, wendet sich yaw inftinttiö von dem öden, ulleswifsenben Materialismus ab und.lenem Ausdruck des Geheimnisvollen unb Absoluten zu, der nicht nur in Der Kunst, sondern auch in der Religion, ja sogar in der W>ssenschastja) Bahn bricht. Daß diese Neigung zum Mystischen und Gefühlsmäßigen jedoch unserer Jugend nicht zur Gefahr werde, bah es in ihrer Umwicklung nur einen Ruf nach mehr Gefühl, aber nicht nach wenig Verstand bedeute, dies mit unmerklicher Leitung zu vollbringen, dazu ist der Führer und Lehrer berufen. u, ein — Allumfassender ist. Seine Synthese freilich wird noch hin- au'sdeuten über das, was der „abfohiten* Kunst zugrunde liegt Ihm wirb die Opfererkenntnis noch furchtbarer aufgehen: Das Opfer besteht nämlich nicht darin, daß wir das Vorletzte hergeben, fondern dann, dal, wir es hinnehmen. Wer fein Leben im Tiefsten lebenswert gestalten will der bete nicht um Erreichbares, sondern um Unerreichbares. Unb hier' in diesen letzten, unbeweisbarsten Dingen scheint der Irrtum der absoluten" Malerei der Form gegenüber zu liegen. Nicht durch Von- fidifto6en macht der Starke unschädlich, sondern durch Jnstchernleiben. Es mufi freilich ein Starker fein, und dies der Jugend begreiflich zu machen, würde ihren heute oft so gefährlichen Entweder-Oder-Willen am stcher- Eorilla. Don Paul E i p p e r. Es ist etwas Eigentümliches, tief innen Wurzelndes um bie Freundschaft zwischen Mensch und Zier. Nicht auszudenken, daß es eine Zeit gegeben hat, da der Gorilla Bobby nicht in meinem Jnteresfenkreis vorhanden gewesen ist. Und doch sind erst acht Monate vergangen, seit wir uns kennen. „ . .... . Kennen? Wer will das sagen? Kennen wir Menschen überhaupt solch ein Lebewesen? . m _ Ich war gestern abend wieder im Affenhaus des Berliner Zoo, lange Zeit, fast allein im tropisch warmen Raum Die Dämmerung zog ihre Schattenkreise, immer kärglicher fiel das Licht durch die Glas- fenfter der Kuppel. Die Tiere in den beiden Käfiggängen zwischen der Palmenanlage waren schläfrig geworden; ich bemühte mich, geräuschlos über den Kiesweg zu gehen und blickte durch das Gitter auf jene nut Haarfell bekleideten Geschöpfe, die von uns Menschen als die höchsten unter den Säugetieren bezeichnet werden. . Wieder einmal frage ich mich, ob wir denn hier em Recht auf Rangordnung besitzen. Wer will sagen, wo die Entwicklung hoher ist wenn er beispielsweise im Dickhäuterhaus vor dem Gehege der indischen Elefantenmutter steht und mit nachdenklichen Blicken und emem Di enen Sinn die Wechfelbeziehung zwischen Mutter und Kind betrachtet! In seiner ersten Lebenswoche lag der kleine Elefant fast immer im Strohbett oder schmiegte sich dicht an den Leib der Mutter. Stets wölbte sich über dem Wehrlosen das Säulenpaar der mütterlichen Vorderbeine, schwang pendelnd in einem uralten Rhythmus der Angrisssarm des Elefantengeschlechts, der. Rüssel, wie ein lebendiger Schild. Wenn das Kind schlief und chnurchte, bewegungslos war für lange Zeit, immer pendelte der Rüssel des großen Tieres über ihm, baute über feiner Ruhe eine unsichtbare Schutzglocke. Lind und behutsam streute der Greiffinger bisweilen ein paar Heufäden über den atmenden Säugling. Der Wissenschaftler wird über diese Worte lächeln, ste als Verstiegenheit und geistreichelnde Sentimentalität bezeichnen: jedes Muttertier habe aus feinem Instinkt heraus den Drang, die Brut zu schützen; das ! fei ein Naturgesetz und die Grundlage zur Erhaltung der Arten. Schön, aber da ja eben Ernährung und Fortpflanzung die beiden Leitmotive in der Welt des Lebendigen sind, fo freue ich mich ohne Rangordnung an allen jenen Tieren, die ihr Befchützertuin mit fo viel Lindheit ausüben und — überlaste die Rubrizierung den Gelehrten. * Zurück zum Affenhaus. Die Paviane von der letzten Afrikaexpedition hocken zufammengekauert, wie runde Riefenpilze,, auf den Erhöhungen I ihres Wohnraums. Im graugrünen Pelz sind sie bei diesem schwachen I Licht kaum noch zu erkennen. , Aber am Boden steht ein einzelnes Tier, groß und schwer, muskel- strotzend, ungeheuer in der Verschwommenheit der Dämmerstunde. Es steht au allen Vieren; der mächtige Kopf ist abwärts gerichtet, abwärts gerichtet ist der Blick der Augen, abwärts gerichtet die gewaltige Schnauze mit dem wehrhaften Gebiß. Und abwärts gerichtet sind die beiden prallen Milchquellen, die dieses Muttertier zwischen fernem Derberen Beinpaar trägt. Zwei winzige Zwerge, rosig getont un zarten I Fell, mit seltsam menschenähnlichen Köpfen, kindlich, aber greisenhaft verfallet, klettern an diesen kräftigen Säulen. Aus den kleinen Aeuglem sieht Neugier unb Temperament; sie Haschen einander unb ranken sich immer roieber an ben Beinen ber Mutter hoch, klettern über Schulter unb Rücken bes großen Tiers, springen wie Eichhörnchen mutwillig von I oben herunter auf ben Boden, um pfeilschnell wieder aufzusteigen, eine I h'"rue Pavianrnutter aber steht unb steht, ist selbstverständliches Objekt zur Freube ihrer Kinber. Alles an ihr gehört btejem Nachwuchs, ,icht nur bie beiben Wölbungen, an benen immer roieber eines ber Jungen zwischen zwei Purzelbäumen hängt unb saugt. Unser Gorilla aber, was treibt er? Bobby liegt längelang auf dem Rücken, die Arme Hinterm Kopf verfchränkt, auf jener Wnte uber ber eine elektrische Heizlampe montiert ist. Er bewegt sich nicht, genießt restlos ben wohligen Zustanb, ben auch wir Menschen kennen und schätzen, wenn wir am Meeresstranb liegen unb uns „braten lasten. I Seine Brust wölbt sich unter regelmäßigen Atemzügen; im roten Schein I her Lampe glänzt fein negroibes Gesicht, unb bie großen braunen Augen blicken klug umher. Eine Persönlichkeit, em Naturkinb mit geweckten Sinnen unb einer gefunben, mrgenbs defekten Körperlichkeit. I Eben hebt er ben Kopf, nur ein wenig, fo baß bie Haube nicht I mehr ben Hinterschäbel umschließen, sonbern bas gedrungene, muskel- I ffnrte Genick halten, unb feine Augen schielen seitwärts nach unten. Dort spielt leise in ber äußersten Ecke am Boden bas Schlmpansenkmd, Toto spielt unb brängt sein Auge gegen ben Sur(palt unten ani Parkett. Es wartet wohl auf ben Wärter unb scheint völlig °uf btefe Be- I (chäftiauna konzentriert zu sein. Aber bas ist eben nur scheinbar, ent- roebeAat9ber Schimpanse bie kleine Bewegung bes Gorillas geljort, ober “ fpürte ben Blick seines Kameraden. Mit drei, wer s-mken Kletter- I züaen duscht er an ber Gitterwanb hinaus, schwingt sich über bie Ruheplanke Bobbys unb hängt auch schon oben in FuppA schuukett an . den beiben augetlammerten Armen über bes Gorillas wulstiger ja,e. , Bobby rührt sich nicht; ab unb zu gibt ber Schimpanse einen hellen I (snfhrpi von fid) traenbetnen ßocftciut, unb bann ftellt Bobby \ ; Zte!be"n hoch, pack? von unten her mit ben Greifzehen was er von • I Toto erhaschen kann. Das bereitet bem kleinen ®4,|ppan[en besonderes . I Beranüaen' jetzt läßt er eine Greifhand los, klatscht sich mit der sreige- 1 I Snen gegen die Schenkel, wirbelt viele Kreise um sich selbst, und ber Gorilla9 verstärkt bieses fdjroingenbe Toden, inbem er immer roieber ^ärroi?« Tnhng/ifrbaTspiel1^ Ende. Siebetreu betritt ben Ääfia ber gute Affenvater, ihr Freunb unb Pfleger. Er bringt bie Abendmahlzeit, frisches Obst, Zwieback unb Tomaten. Der Schimpanse ften heilen. I Solche Entdeckung vom Heilen durch Einverleiben und Ja-Sagen ist I ' nicht neu, aber so groß, bah sie jebem Entbecker neu erscheint. In poli- tiichen Leben ist sie wahr, so gut wie im religiösen, im ethischen, fo gut mie im künstlerischen. Sie erhebt sich wider allen Augenschein und ist dennoch so: bas sicherste Aus-ber-Welt-fchassen ist bas — Bejahen. Gähnend verschlingt die Langeweile bas Bekannte; was erkannt ist, ist I erledigt. Die „gegenstandslose, reine" Malerei ist Sehnsucht bes Kernes, von der Schale loszukommen. Wo immer bas Tier Mensch werben will, fühlen wir diese Sehnsucht. Ein ewiger Wandel, ein ewiges Abstreifern Benn was erst Kern war, wird dem Tiefererlebenden unentrinnbar immer wieder Schale. Schon beginnt uns die Einsicht in diese ewige Entwicklung, dies köstliche Geschenk der Moderne, surchtbar zu werden. | gine neue Geistesepoche setzt ein. Wir haben bie Bewegung, bas Gren- ] »enlose bas Unsichere, Relative ausgetrunken bis zur Hefe, nun verlangt uns nach Ruhe, Ziel, Sicherheit, nun verlangt uns roieber nach dem Abfoluten. In diesen großen Zusammenhängen geschaut, ist Die absolute^ Malerei nichts Spielerisches, Sensationslüsternes, noch all bas, was ihr auf bie Oberfläche geschleudert wird, sondern der Ausdruck jenes unfaßlichen Gesetzes, daß das Ja das Nein ablost, daß die Kontraste einander hervorbringen, bah bas mit Zwischenfarben gesättigte üluae die ungebrochenen wieder nötig hat. Unsere mit griechischer Kunst, die wesentlich Gestaltsschönheit ist, gefüllte Seele empfindet allmählich alles Gegenständliche nur noch als selbstverständlich, als Verdunkelung des Seinsternes, als Hemmnis. Auch im Geistigen gibt es einen notwendigen Stoffwechsel unb eine Verkümmerung, wenn dieser fehlt. Je größer bie Dinge finb, um bie es sich hanbelt, befto langsamer vollzieht sich ber Wechsel, je größer bie Menschen, befto schneller verarbeiten fie ihn, fühlen ihn voraus, kommen ihm entgegen. So nimmt es nicht wunber daß bie Grunbgebanken ber „absoluten" Malerei von unseren - Genialen schon voraus gebucht würben, wie fo manches andere, bas wir bei ihnen erst entdecken werden, wenn wir es zuerst in uns selbst gesunden. Kant z.B. sagt, gleichsam als Interpret der „gegeifttands- losen" Malerei: „Es gibt zweierlei Arten von Schönheit: freie Schönheit und die bloß anhängende Schönheit. Die erstere setzt t einen Begriff von dem voraus, was ber Gegenstand fein soll; die zweite setzt einen solchen unb bie Vollkommenheit bes Gegenstandes nach bemjelben voraus'). Unb eine anbere Fruge, bie in unserer historisch gerichteten Zeit bei jebem Neuen seist ungebührlich in ben Vorbergrunb brungt fmbet . bei Kunt Unterstützung. Die Fruge nämlich, ob bie „reine Malerei nicht einfach eine Fortführung ber Drnamentenmalerei fei. Kant sagt): - - - • • Zeichnungen a la grecque, bas Laubwerk zu Gm- Pupiertapeten usw. für sich nichts; sie stellten nichts frißt voll Sier, indes Bobby aufgerichtet neben Vater Liebetreu steht und prüfend die sauber gewaschenen Birnenschnitze betrachtet. Stämmig ist der Gorilla und breit geworden. Sein einst graugrünes Fell glänzt jetzt kastanienbraun, fast schwarz. Er wiegt etwa 55 Pfund, fast doppelt soviel als im März 1928, da ich ihn an der französischen Riviera kennenlernte, mich mit ihm befreundete, Pflege und Fütterung übernahm, bis Hermann Ruhe, der große Tierimporteur, mir Gorilla und Schimpansen in den Reisewagen reichte und ich am Mittelmeer entlang fuhr, der italienischen Grenze entgegen. Zwei Tage und zwei Nächte waren wir zusammen in einem Eisenbahnkupee, unvergeßliche Stunden, naturnah und geheimnisvoll, über Schneeberge, den Rhein entlang, Richtung Berlin. Im Sommer bekam Bobby über Nacht eine tüchtige Influenza; stöhnend lag er im Winkel seines Geheges und mußte schleunigst in die Krankenstube gebracht werden. Da kamen sorgenvolle Tage, Pflege, Wartung, der Tierarzt ging aus und ein; jeder Bissen Nahrung wurde überlegt, Inhalationen gemacht und Medikamente eingeflößt. Fieber hatte sich eingestellt, Verschleimung und Husten, Tag und Nacht saßen Liebetreu oder seine Frau bei dem Patienten, bis endlich die Lebensgefahr überwunden war. Noch schlimmere Sorgen bereitete der kleine Schimpanse seinen Freunden. Wie manchesmal bin ich da in die Krankenstube unters Dach hinaufgestiegen, wo er wochenlang in Quarantäne lag, mit schwerem Atem und kläglich zu schreien begann, sobald er merkte, daß man ihn wieder verlassen wollte. Ich habe stundenlang in dem Kämmerchen ge- kessen und habe die heißen Finger des Fiebernden in meiner Hand gehalten, während sein müdes Köpfchen kraftlos zur Seite hing. Toto verlor im Lauf der Wochen fein ganzes Haarkleid, faß kläglich und packt, ein mitleiderregendes, krankes Kind, auf dem Deckel feiner Schlaf- kiste. Dann kam die Rekonvaleszenz. Und es ist nicht zu beschreiben, mit welchem Uebermut der Schimpanse nun seinen Besuch umtanzte. Das kleine Tier klatschte andauernd in die Hände, sprang über Tisch und Schlafkasten, sang hastig plappernde Leute, zog mir die Schuh aus und umschlang mich fast schmerzhaft fest mit seinen langen Armen. Wer letzt vor dem großen Spielkäfig steht, kann sich so recht vom Wohlbefinden der beiden Tiere überzeugen. Toto ist dick und rund wie nie vor seiner Krankheit, hat langes, glänzend schwarzes Haar und einen veritablen Backenbart. Nun sind die beiden Tiere mit ihrer Mahlzeit fertig. Sie hocken eng aneinandergeschmiegt unter ihrer Decke. Aber sooald das Heu im Schlafkasten aufgeschüttelt ist, schält sich der Gorilla heraus, balanciert auf seinen vier Händen über den runden Kletterbalken, kommt an die eiserne Leiter, nimmt sich gar nicht die Zeit, sauber die Sprossen hinab zu steigen, sondern rutscht wie ein übermütiger Schuljunge pfeilschnell zu Boden. Mit holpernden Sprüngen drängt er an den Pfleger, miest ein wenig, trommelt mit beiden Fäusten gegen die Schlafkiste, Vater Ltebetreu beugt sich zu Bobby herunter, eine herzhafte Umhalsung, und gravitätisch steigt der Gorilla in fein Bett, wo sich Toto bereits heimlich eingenistet hat. Der Schimpanse hält ein weißes Tuchstück in seinen Händen, das er im Schlaf fest gegen feine Wanden preßt. „Morgen früh um 7 Uhr wachen sie auf, die Kinder, in der Nacht rühren sie sich nicht. Schlaf ist gesund", sagt Frau Liebetreu durch die Gitterstäbe zu mir herüber. Im Angesicht des Mount Everest. Indischer Reisebrief von Anton L ü b k e. Während einer langen Nachtfahrt brachte mich der Darjilingexpreß dem Norden Indiens zu. Aus einem unruhigen Schlafe, der oft gestört wurde durch lautes Schreien in den Bahnhofshallen, erwachte ich im dämmernden Morgen in Siliguri, der Endstation der Eastern-Bengal- Eisenbahn. Ein fast winzig zu nennender Eisenbahnzug, der aus einer Spielzeugschachtel entnommen zu sein schien, wartet auf den Reisenden, der seinen Weg in den Himalaja nehmen wollte. Die Wagenabteile des Zuges sind so klein, daß man sich kaum unterbringen kann. Gleich nachdem das Züglein Siliguri verlassen und eine große Brücke überquert hat, gelangt man mitten in Urwaldgebiet, das dem Reisenden die ganze Großartigkeit tropischen Pflanzenwuchses zeigt. Die weite Ebene, die sich hier am Südfuße des Himalajagebirges auftut, ist sumpfiges Dschungelgebiet, in dem das Malariafieber feine Heimat hat und das deshalb trotz feiner feiner großen Fruchtbarkeit nicht bewohnt ist. Nach Verlassen der sumpfigen Ebene, die mit dichtem Buschwerk bewachsen ist, zeigt sich am Abhänge des nun beginnenden Berggeländes die ganze Pracht und Ueppigkeit tropischer Vegetation. Schlanker Bambus, Kokospalme, Akazien, farbige Vlütenstauden, kräftiger Schilfwuchs und die Wirrnis starker Wurzelbäume wuchern hier in ihrer unberührten Großartigkeit. Unermüdlich pustet das kleine, dickleibige grüne Lokomotivchen den Berg hinan. Oft muß es halten, um Wasser ober Kohlen einzunehmen ober ben Aschenkasten zu säubern. Das Bähnchen, bas schon im Jahre 1888 gebaut mürbe, um ben Verkehr mit bem Himalaja zu vermitteln, ist ein kurioses technisches Wunberwerkchen. Auf kleinen sehr schmalen Schienen, bie mit Nägeln auf ben Holzschwellen befestigt finb, sucht es sich den Weg auf vielen Krümmungen unb Winbungen zweieinhalb- tausenb Meter hoch in die Berge. Das Gleise fährt an vier Stellen fpiralenförmig über ben unteren Bahnkörper hinweg, um befonbers starke Steigungen zu überroinben, bie oft 1:29 betragen. Mit zunehmender Höhe änbert sich bas Lanbschaftsbilb. Der Blick, ber bisher burch den bichten Urwald am freien Ausblick gehemmt ist, wirb freier unb weitet sich in bie unermeßliche Fläche bes sumpfigen Dschungelgebietes und in ber Szenerie ber bewachsenen Schluchten unb Bergabhänge. Je höher ber Zug hinaufsteigt, befto tiefer werben bie Schluchten unb befto umfassenber ist ber Ausblick in bie Berglanbschaft. Die sanfteren sonnigeren Bergabhänge finb meist auf treppenartigen Abstufungen mit Tee- Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühl Pflanzungen tuftioiert, dle einen Haupterwerbszweig der Bergbewohner bilden. Viele Bergwände werden zerrissen von zackigen Felsgedilben dunkelfarbige Blumen schimmern aus bem Gebüsch, Fächerpalmen Dattelstauben wuchern hier neben tiefernsten schlanken Tannen, welche ber Lanbschaft einen ganz neuen Charakter geben, ber etwas an italienische Natur erinnert. Auch bie Menschen zeigen sich hier in einer anberen Rasse. Die düstere Schwermut der Hindus, die man im übrigen Indien findet, und der grübelnde Stolz der Mohammedaner ist hier im Gebirge vollkommen verschwunden. Menschen mit heiterem Naturell treten dem Reisen- den entgegen. Ihr Gesichtsausdruck ist anders als der im übrigen Indien, er ist heiterer, belebter und freier blickend. Die Frauen tragen schwarze, freihängende Zöpfe, die man auch oft bei Männern sieht, grauen mit gelbem Gesicht, geschlitzten Augen und lachendem Mund verkaufen auf den Bahnhöfen allen möglichen Tand, wie tibetanische Gebetsmühlen, Achatbüchsen, schöne gläserne, van innen bemalte Schnupftabakgläser und bunte Perlenketten. Betteljungen hatten ihren Wunsch in englischer Sprache auf einen Pappkartan geschrieben unb verlangten Bakschisch*), wie Überall an indischen Bahnhöfen. Auch diese Menschenkinder lachten aus ihrem schmutzigen Gesicht mit einer Un- befangenheit, die man nur bei Bergvölkern findet. In Chaam hat das Bähnchen seinen höchsten Punkt erreicht. Von 2257 Meter Höhe sieht man in eine unendliche Ferne, gewaltige und zerklüftete Felsgebirge. Die Temperatur hat an dieser Stelle bereits einen tiefen Stand. Man hüllt sich in wollene Decken, denn nach ber gewaltigen Hitze in Benga- lien ist bie Kühle im Gebirge boppett empfindlich. Trotzbem ist die Vegetation noch tropisch unb üppig wuchernd». Nachbem bie Bahn eine große Schleife beschrieben hat, öffnet sich ein Blick van unsagbarer Schönheit auf Darjiling unb auf bie schneebebeckten Himalajaberge. Wiederum stürmt ein neuer Menschentyp auf den Zug, wenn dieser den kleinen Bahnhof in Darjiling erreicht hat. Frauen mit struppigem Haar, mit dicken Ringen um den Hals unb an ben Ohren unb bunten Filzstulpstiefeln bemühen sich um bas Gepäck ber Reisenben. Sie gehören ber Rasse der Bhutanen an, welche hier meist Sänftenträger finb ober Kulidienste verrichten. Die Hauptbewohner Darjilings wie überhaupt bes ganzen Gebietes sind die Lepchas, eine mongolische Rasse, bie vom siiblichen Tibet nach Inbien einroanberte unb bort sich von primitivem Ackerbau ernährt. Sie haben bas Aussehen von Chinesen, tragen schwarze Zopfe, Männer unb Frauen kleiben sich fast gleich unb finb von kleinem, aber sehr kräftigem Wuchs. Durch ständiges Bergsteigen finb ihre Beine übermäßig stark entwickelt. Ihre Lasten tragen sie auf dem Rücken und halten sie durch eine Gurte mit ber Stirne fest. Sie lieben ruhige, wechfelvolle Farben in ihrer Kleibung unb befonbers bie Frauen auffälligen schweren Schmuck von geflochtenen Haaren unb geschnitztem Holz. Ein befonberer Vorzug dieser Leute ist ihre ausgesprochene Heiterkeit; sie gehen stets mit einem lachenden Gesicht einher. Besonders die Frauen zeichnen sich aus durch ein gemütvolles ansprechendes Wesen. Eng verwandt mit dem Lepchas sind die tibetanischen Händler, welche im Winter aus dem Norden nach Darjiling kommen und dort in Zelten Hausen. Sie sind mit einem Leberriemen umgürtet, an benen Eßstäbchen, Holztassen, Pfeifen, Waffen unb ähnliche Utensilien hängen. Chinesen und Nepalesen haben sich meist als Teepflanzer niedergelassen, auch als Handwerker unb Diener finb sie im Gebirge sehr geschätzt. Meister sind sie beispielsweise im Verfertigen von Schulen aus Schlangen- unb Krokobilhäuten. Darjiling mit seinen fast 20 000 Einwohnern hat eine Sage von einer Eigentümlichkeit unb Schönheit wie fast keine anbere Stabt ber Welt. In 5 Kilometer Länge erstreckt sie sich, durchzogen von einer großen Zahl schöner Promenabenwegen auf einem Bergkamm unb am Abhang des Berges. Zahlreiche Villen, Hotels und Wohnhäuser, bie zwischen dunklen Tannen versteckt finb, geben ihr einen anmutigen Charakter. Die Hauptanziehungskraft ist bie wunbervolle Sicht auf bas Bergpanorama ber höchsten Berge ber Erbe. Nebel unb Regen herrschen hier stänbig. In den Wintermonaten muß man Glück haben, um das prachtvolle Panorama genießen zu können ober vom Tiger Hill ben höchsten Berg ber Erbe, ben Mount Everest, zu sehen. Auch mir wäre es beinahe nicht geglückt. Die Auffahrt in die Höhe war noch von einer guten Fernsicht begleitet. Zwölf Stunden später drehte sich der Wind und brachte starke Schneeböen mit sich, die fast 30 Stunden mit wechselnder Stärke anhielten. Dabei siel bas Thermometer stänbig bis auf zwei Grab unter Null. Im Hotel saß man in biete Decken gehüllt vor bem offenen Kaminfeuer unb beklagte bie vergeblich gemachte Reise. Zu bem Trost bes Wirtes, ber immer roieber versicherte, baß es ganz sicher halb offene Sicht werben würbe, hatte keiner rechtes Zutrauen. Morgens um 4 Uhr würbe ich aus einem frostigen Schlaf noch burch starke Regenschauer geweckt, bie an mein Fenster klatschten. Um 6 Uhr, als es eben hell würbe, stürmte plötzlich mein Boy in mein Zimmer mit bem mehrmaligen Ruf „Sahib, Sahib, Snoro" (Herr, Herr, Schnee!). Ich wußte nicht, was er wollte. Mechanisch kleidete ich mich an unb ging auf ben an mein Zimmer grenzenben Balkon. Ich traute meinen Augen nicht, was ich sah. Wie von einer unsichtbaren Hanb würbe langsam eine bitte Nebelwanb aus ber weiten Berglanbschaft hinweggezogen und wie ein überirbischer Zauber weitete sich ber Blick in eine kristallklare fonnenbefd)ienene Landschaft, in beren Untergrunb ein gewaltiges Nebelmeer brobelte unb in weiter Perspektive bie weiße schweigende Majestät ber Himalajakette thronte. Es war ein Anblick von überwältigender Schönheit, ber einem bie Tränen in bie Augen trieb. Nur ein# Stunbe bauerte biefe Sicht, bann tarnen wieder schwere Nebelballen und verdeckten das Zauberbild. Auch eine Nachtfahrt zu dem zehn Meilen entfernten Tiger Hill wurde durch das schlechte Wetter vereitelt. Denn ber Nebel nahm in den nächsten Tagen an Dichtigkeit 3$ unb vertrieb mich roieber nach Bengalien in bie tropische Sonne. *) Trinkgelb ober Almosen. fche Universitäts^Buch» und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.