GietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Freitag, den l. November Hummer 85 Antonius predigt den Fischen. Von Hans Thyriot. Vom Sande stößt der Nachen, treibt in den See hinein; inmitten fällt der Anker — Antonius steht allein Und richtet wie Johannes der Täufer sich zur Tat: fein Mantel weht im Winde als Segel und Ornat. Nun singt er statt der Orgel zu tröstlichem Beginn Beschwörung und Verzauberung über das Wasser hin: Da regen sich die Wellen, der Nachen wiegt sich still, da kommen alle Fische, wie Sankt Antonius will. Hundert silberne Leiber schweben zum Abendmahl, und tausend Schuppen blitzen im letzten Sonnenstrahl. Unzählige Fischgesichter erheben fromm zum Boot die winzigen runden Mäuler gleichwie nach Wein und Brot. Durch tausend zarte Flossen ein kühles Zittern geht: Antonius hebt die Hände und sagt das Fischgebet. Und alle Fische spüren, da er den Segen spricht, den Hauch vom ewigen Leben in Gottes Angesicht. Legende von einem Bildschnitzer. Von Ernst L i s s a u e r. Zu Ochsenfurt, auf dem langen Werktisch des Meisters Jörg Fenster- lin, in der linken Hälfte oben, lagen, je zu fünf nebeneinander gereiht, zwanzig weiße breite Briefschaften, genau zwanzig, jede ein Auftrag. Die runden, roten Wappensiegel von vieler Art, — Klostertürme, vom heiligen Geist als umleuchteter Taube bestrahlt; Kreuz, von Weintrauben umsponnen, und dergleichen, — waren zuoberst gekehrt. Zu Dinkelsbühl, im Rathaus, sollte das Bildnis des Altbürgermcisters Veit Semmelmann noch zu seinen Lebzeiten in Holz geschnitzt und im Wandgetäfel befestigt werden, auf daß er gewissermaßen den ewigen Vorsitz führte. Der Ritter Eberhard von Crumbach, oberhalb Rimpar, verlangte eine Geburt Mariä, auf der die heilige Anna die Züge seiner verstorbenen Mutter trüge, wie sie der Maler Stefan Peukert im Dorfe Rimpar gemalt hatte. Die Jo- hanncskirche zu Carlstadt bestellte einen Altar zu vier Flügeln, der in erhabener Darstellung die Geschichte des Täufers erzählen sollte. Das Kloster zu Volkach forderte eine Madonna, die hoch über dem Mittelschiff im Rosenkranz schweben und die Wallfahrer segnen würde. Und in allen Briefen war das mündlich Abgeredete klar in Sätzen und Absätzen, nach Sinn und Zweck, Wert und Frist stipuliert und unverrücklich ausgestellt. » Wie am Namenstag Sträuße und Kuchen, die Kinder und Muhmen bringen, hatte er sich die Briefe, festlich angeordnet, vor Augen gelegt. Ihr Weiß und Rot leuchtete auf der bräunlich abgegriffenen Tischplatte, die hier sauber abgekehrt lag, indeffen die rechte Hälfte, wo der Meister arbeitete, mit gelblich weißen Splittern und Fasern des Holzabfalls überstreut war. Flache und gehöhlte Schnitzeisen waren griffbereit zur Hand gelegt. Sein Antlitz stand über breitem Hals und breitem Rumpf schmal und eikig, als sei es von ihm selbst nach seiner Art in Holz geschnitzt worden, --»uer und wirr liefen Rinnen und Rillen, wie mit dem Messer ausgehoben; dichter noch als sonst waren sie ihm in die Stirn getieft, indessen mit beiden Händen das schneidende Eisen führte und stemmte. Von dem nun — Gott sei's gelobt, Gott sei's geklagt — seit Ostern vollen drittel Dutzend der Gesellen und halb Dutzend der Lehrlinge hatte keiner vermocht, ihm den Sockel nach seinem Sinn zu richten. Er sollte die ährenlesende Ruth am Kornspeicher des Hieronymus Limprccht zu Marktbreit tragen, und war gefertigt als ein Stück Wurzel und Stamm, aus dem ein hölzernes Laubwerk, dann Aepfel und Birnen nisteten, sich üppig auf« raarts flocht und rankte. Jetzt am Sonntag, indes Gesellen und Lehrbuben m den Kneipen sahen oder sonst sich vergnügten, und die Frau sich mit den Emdern im Maintal erging, hatte er sich daran gemacht. Und schon, herangerollt harrte der Klotz, in dem die Volkacher Madonna schlief. Ueber den wollte er kommen, wenn er nur erst diesen Sockel gemeistert hatte, dessen Holz, seltsam, bald zu har" ^'^rstand, bald zu weich splitterte. Die Briefschaften leuchteten Sechs Blocke Lindenholzes standen längs den Wänden, hereingeschafft aus dem Rur. wo ein kleinwüchsiges Gehölz gekappter Stämme ragte vornehmlich Lmde die er wegen ihrer nachgiebigen und doch festen Masse beson« "UH em eichener, ein buchs- und ein nußbaumener S orf. Das Eisen bohrte; Holzstaub und -späne streuten sich als gelbliche Äsche nieder. Es grub eiliger; als ob es zugleich in die Stirn des Meisters grub, rieften sich die Runzeln und Falten enger und tiefer und zogen sich von der Stirn herab näher gegen Wange und Mund. Er lugte seitwärts auf den Block, in dem er die Madonna von Volkach ahnte — bann er sie wußte, blickte, schaute, sah. Durchsichtig war ihm der Stamm; das Holz war ihm Glas,— er warf das Eisen auf den Tisch, daß Staub und Spane aufhupften: nun hatte er in der linken Hälfte, nächst der e.ln fingerbreit zu großes Stück ausgebrochen. Er trat einen Schritt rückwärts: das Laub verwölbte sich nicht mehr so dicht, wie er es geplant 2a ?■ jedoch, wer ah es wohl? Niemand; wahrlich und gewiß und wahr- haftig — niemand! Wer gab Acht auf einen Sockel, einen — nichts als fi*9ter tJaftceL" Suns! Die Leute sahen der Ruth auf den Leib, der sich sanft auf die Aehren mederbog, maßen sie vielleicht vom langher- mederfallenden, gelbgesträhnten, — (ja, gelber Farbe schimmerte das Haar und es war doch nicht mit Farbe Übermalt, es war geschnitzt, daß es gelb leuchtete, man kann auch schwarz und grün und braun schnitzen, r-A:'eZn- man s. ^ann) ~ vom langabfallenden Haar hinab zum sanften Schienbein, an dem em Halmbüschel sich aufwärts bog zum holden Bug des Knies. Keines Menschen Auge aber sah den Sockel an. Die Siegel funkelten. Freilich, noch manches wäre bei anderer Zeit, gelassener an dieses Sockels Laub- und Fruchtschmuck zu leisten, daß er gänzlich' qe- biegen burch tue langen Jahre hange und trage, aber es mangelte nun einmal an geduldiger Muße. Und ohne Frage (gewiß, ohne Zweifel und Hrage — ohne Bedenken): wer ein paar Familien von Even und Adams Marien und Josefs samt dem Jesuskindlein und vielleicht noch eine win- 3l 2 30e ^aljl Heiliger als Gevattern und Hausfreunde auf die Erde stellen wollte, der mochte an einem Sims und Sockel schnitzen wie an der Ruth '2.«™ gelben Haar! Wer aber eine Schar — ein Geschlecht, — wer ein — Mechthm em Volk von Frauen und Männern, Alten Testaments, Neuen Testaments, nicht zu vergessen Legenda aurea und Acta sanctorum ""^Kirchenvater und Päpste, vollends heutige Klerisei aller Grade und endlich allerlei Herren, vielerlei Herren, einflußreiche, gutzahlende, aus Furstenschaft, Ritterschaft, Kaufmannschaft, — wer hölzerne Völkerschaften wandern machen wollte — über ganz Franken, nach Bayern, ja bis ins Sächsische, nach Polen hinein — mochte denn der Sockel ein wenig rof) und nur für ben ersten Aufblick zubehauen hingehen. Nicht recht dicht — unb nicht recht gewachsen legte sich Laub zu Laub, gewiß — wer — war die Frage, nur bies war die Frage: wer fatfs? Er aber, der Bildschnitzer Jorg Fensterlin, schuf für den Blick, für den sehenden Men- schcn den Bürger und Wanderer, der vorüber kam, stehen blieb und Freilich, nicht so üppig und reichlich, wie sich's zum sröh- ichen Korn und sommerlichen Glück der erntelesenden Ruth schickte — er wchte: ausroden, ausreuten muß man dieses faule Holz! Und trug den Block leicht mit der Linken in den Winkel hinter feinen Stuhl, aus dem Umkreis feines Auges und aus feinem Sinn. Er streckte die Hand nach dem Schreiben des Volkacher Priors ein Sockel, als ein tragendes Glied, war ein Diener; ein „Dienst" wie die Bauleute sprechen — des Volkacher Priors, und begann nachzulesen, was im einzelnen vermerkt war — brauchte also nicht der Mühsal, wie die ozusagen, Herrschaft über ihm — er senkte den Brief: wer sah? Ein Auge ah. Irgendein Auge sah, das war ganz ohne Frage. Hatte er zwei andere Augen im Hinterkopf ober ein breites in der Mitte des Rückens wie ein Fabeltier aus griechischen Schiffermärchen, daß er, der doch vorn mit seinen sehenden Augen die Schrift des Priors Dietmann von Volkach las, ins Eck blickte, hinterwärts, auf einen mühseligen Sockel, des niemand achtet unb Acht haben wirb jemals zu irgenbwelcher Stunde durch die Jahrzehnte hin? Es war ein Auge im Zimmer und sah. Das selbe Auge sah, zur Linken, draußen im Weltraum hinter den Scheiben, durch die Scheiben. Das selbe Auge war hinter dem Hause und sah durch die Wände. Unb es war brinnen; bie Werkstatt füllte sich mit feinem Sehen. Der Sockel lag roh, ein begonnenes Stück, angearbeitet. Die Blätter rollten sich, als wären sie abgewelkt unb würben sich lösen und nieder- chweben; undicht flochten sie sich ineinander, als hätte Wind am Laub gepflückt und gewühlt. Ein dürrer Frühling war aus der Werkstatt aufgegangen, ein Mißwachs aus der Hand Gottes, ein Laub ohne Liebe. er drückte den Kopf nach Nnks, strich sich über die Brauen, wischte Lber die Lider, er las wiederum. Ein Auge sah ihm über die Schulter und las mit, und zugleich iah er es sehen hinter sich, links ins Eck auf das Holz. Er wandte den Kopf zur Linken, das Auge sah ihn an, nah, ernst dunkel, heischend; er wandte den Kops nach rechts: das Auge sah ihn an, heischend, ernst, dunkel, nah. Sein Rücken sank an die Lehne, er schloß die Lider; das Auge sah hinter seinen Augen. Er stöhnte, stand taumelig auf, hob den verstoßenen Sockel aus dem Eck, trug ihn wie ein Last- träaer, langsam mit beiden Händen vor die Brust gestemmt, schob ihn wie einen Erzbarren auf den Tisch; schwer hing sein Kopf herab, er bohrte, schnitt, riß, Murren stieß und stöhnte aus seinem dicht verpreßten Mund; grub, glättete, bohrte, lieh nicht ab ... Musikalische Besuche. Bon Liesbet Dill. Herbstnebel umschweben das alte Weimar, goldene Bäume leuchten in letzter Blüte vor Goethes Gartenhäuschen. Im Park vor dem Hause der Frau von Steiu fällt still das Laub ... Ein kleines Museum im Westflügel des Schlosses zu Weimar, in dem ehemaligen Schlafzimmer des verstorbenen Großherzogs steht Max Regers verstummter Flügel, an den Wänden hängen weiße Totenmasken verblichener musikalischer Größen. Seltsam, daß Künstler sich so gern mit den Totenmasken großer Menschen umgeben, statt mit ihren Bildern ... In der Ecke leuchtet ein mächtiger Torso, „Beethoven" von Max Klinger, ein Geschenk nach einer vergnügt durchzechten Nacht, den Reger gleich in einer Droschke morgens mitnahm, aus Besorgnis, es würde dem vergnügten Schenker noch einmal leid ... Regers Schreibtisch, wie die Schreibtische berühmter Männer meist, nüchtern und stillos. Unpraktische Tintenfässer, verstaubte Tintenwischer, abscheuliches Rauchzeug, von irgend jemand geschenkt, achtlos gebraucht, kaum angesehen und pietätvoll behalten. Reger war ein starker Raucher und Trinker, ein fieberhafter Arbeiter. Dieses in fast rasendem Tempo gelebte Leben hat ihn früh verbraucht. Auf seinen Bildern sieht er mit vierzig aus wie ein Mann von sechzig Jahren. „In einem Monat schlief ich nur dreimal in demselben Bett", schrieb er von einer Konzertreise. Und auf einer solchen ereilte ihn der Tod ... Er starb am Gehirnschlag in Leipzig im Hotel. Wie man ihn morgens fand, in seinem Hotelbett, hat man ihn ausgenommen, mit der herabge- funkenen Brille, die Zeitung in der .Hand mit den Kritiken ... Ruhig lächelnd liegt er da ... Köstliche Zeichnungen von dem Hamburger Professor B e ck e r a t zeigen Reger als Dirigenten der dritten Brahmschen Sinfonie, anfeuernd, verzweifelt bei einem falschen Ton, geduckt und beim Pianissimo den Taktstock über die Köpfe der Musiker gereckt. Frau Reger lieh die Skizzen niemals aufhängen. Run, da sie nach München übersiedelte, man sagt: „enttäuscht von Weimar", hängen sie im Archiv ... Regers Totenmaske ist seltsam verkleinert. Die Spuren der Krankheit — Leberkrebs — hatten bereits innerliche Beränderungen bewirkt ... Er starb kinderlos. Er entstammt einer Lehrerfamilie, fein Geburtshaus ist bescheiden, seine Einrichtung konventionell. Ein Musikschrank, den er sich einmal antiquarisch gekauft, der Flügel und ein lederner Sorgenstuhl sind die Prachtstücke des Wohnzimmers, das man genau so einrichtete, wie es war. Reger hat seinen Ruhm noch erlebt. Er wurde eigentlich früh berühmt. München, Leipzig, Meiningen und Jena waren seine Wohnstätten. Seine blaue Stridentenmütze liegt da. Ein Splitter von Beethovens Sarg, der sich bei der Trauerfeier in Wien gelöst, von Reger in Ehren gehalten, Gemälde und Büsten, gute und schlechte. Eines der besten zeigt Reger schreibend über das Manuskript der Ballettsuite Opus 130 gebeugt ... Freunde von Regers Musik werden in diesen stillen Räumen noch etwas von Regers kühn schweifendem Geist fühlen. Bon einem unsterblichen Genie schwebt etwas über dem Flügel, der einst unter seinen Händen erklang. Interessante, schöpferische Hände, von denen wir den Gipsabdruck unter Glas sehen ... Seine Musik ist uns geblieben und wird bleiben ... * Die grauen steinernen Löwen aus der Treppe des stillen Schlosses blinzeln in dem Regen ... Ein grauer Schleier hat die alte Stadt in Trauer gehüllt ... Es sind lauter Tote, die ich besuche ... Das rosa Goethehaus leuchtet an der Ecke, in Frau von Steins poetischem Haus am Ackerplan ziehe ich die Schelle, zu Nietzsches Sterbehaus fahre ich im strömenden Regen hinauf. Trotz des ablehnenden Schildes an seinem Eingang „Fremden verschlossen", laßt mich der Diener eintreten. Schiller lege ich eine Rose auf fein bescheidenes Bett, vor dem Schloß Altenburg auf der Höhe, wo L i s z t mit der Fürstin W i t t g e n st e i n oder sie mit Liszt lebte, unter leuchtenden Baumgruppen, lasse ich einen Augenblick halten. Da, wo die breite Allee zu Belvedere beginnt, steht Liszts kleines gelbes Haus mit der genialen Einrichtung. Eine feierliche Kühle weht uns aus den stillen Räumen an, wenn man das gelbgetünchte Treppenhaus heraufkommt. Am Nagel an der Tür hängt noch Liszts schwarzer Sammetrock, aus dem sich Fremde fast das ganze Futter herausgeschnitten haben. Da steht sein Flügel und das Klavier, das man ihm ein Jahr vor seinem Tode schenkte. Er starb in Bayreuth. Es ist noch viel von ihm da ... Ein dunkles unfreundliches Schlafzimmer, fein Bett mit zerrissener brauner Steppdecke, ein kleiner Waschtisch, ein stummes Klavier zum lieben der kalten Hände, ein schwarzes Kissen mit seinem Wappen, eine Wartburgdecke, ein abscheuliches Tintenfaß, Bilder von B ü l o w und seiner Tochter, der Cosima. Stehende Uhren, ein verstummter Bechstein, der immer noch gut klingt, auf dem er Unterricht gab. Unter seinen Fenstern leuchtet eine gelbflammende herbstliche Allee. Es sind die Zimmer eines Genies, einem Mannes von Welt ... Das einstige Spiesezimmer ist zum Museum eingerichtet. Lisztsche musikalische Manuskripte, zierlichste Nötchen, hingestochen, schwungvoll punktiert, seine Briefe, die zierlichen Spazierstöcke mit den merkwürdigen Griffen: Hunde- köpse, Totenköpse, Türkise und Wappen, Geschenke von Fürsten und Droben auf dem Hügel steht das „Fritz-Reuter-Haus", in dem der Dichter seine letzten Jahre lebte. Dort hat man in einem Teil des ersten Stockes die von Wien angekauste Wagner sammlung untergebrocht. Interessant genug, daß man hinaufpilgert. Man findet unter diesen tollen Wagnerkarikaturen der Antiwagnergemeinde viel Amüsantes und Lehrreiches ... Karikaturen aus dem „Journal amüsant", Wagner mit der Notenrolle während einer Probe einen Regisseur ohrfeigend, er war sehr jähzornig, Kämpfe um seine Aufführungen. Spöttische Kritiken über seine erste Meistersingeraufführung, „das Werk eines Tollhäuslers". Eine Krankenhausaufnahme wird dringend geraten. Aber es kommt uns doch vor, als ob uns und ihn das alles gar nicht anginge, was die Pariser Presse über den „Lohengrin" schreibt, ob sie den „Tannhäuser" als „Tat eines Wahnsinnigen" empfindet. Da liegt Wagners Toktstock, den er wütend während einer Probe zur „Götterdämmerung" in Wien zerbrach, der Federhalter, mit dem er die „Nibelungen" schrieb, sein Taktstock aus Bayreuther Tagen, ein „Gralsbecher" und die Steckbriefe aus Sturmtagen, da er flüchten mußte, weil er sich an der Revolution beteiligt hatte, „Richard Wagner, 42 Jahre, mittlere Statur, trägt zuweilen eine Brille", Wiener Polizeianzeige vorn 26. Juli 1853. Textbücher von Erstaufführungen seiner Opern, seine Sammetkappe, Rechnungen und Quittungen, Briefe aus Wien, „Werthester Freund", „liebe Bertha". Ein Zettel von feiner Hand an die Türe seines Hotech zirnmers geheftet: „Bitte, mich nicht zu wecken" ... Bilder aus König Ludwigs letzten Jahren, die letzte Aufnahme, als er schon stark verfettet war, öudwigs schöne feine Männerhand in Gips und des Königs Überschwängliche Briefe an Wagner. „Sie sind mir der Theuerste auf Erden, kaum wird ein anderer so geliebt wie Sie von mir .. Ihr Ludwig." . • • Und Wagners groß gedruckte „letzte Bitte" vor einer Erstaufführung „Bleibt mir gut, Ihr Sieben! Deutlichkeit! Die großen Noten kommen von selbst, die kleinen Noten und ihr Text ist die Hauptsache! In Selbstgesprächen nach unten oder nach oben blicken, nie geradeaus." ... Bon Nebelschleiern umzogen steht die Wartburg im herbstlichen, bunt- gefärbten Wald. Fromme schöne Bilder umschweben uns hier in diesen deutschen Landen, in denen [o viele Genies gelebt haben, an deren Türen mir heute stehen um das zu sehen, was sie einst lebend umgab ... Königen, Medaillen und Reiseflakons, fein Gebetbuch, feine kleine Bibliothek, zärtliche Briefe aus Budapest, „chere excellence", ein Schram mit Pfeifen, feine Orden, eine Waffensammlung, die Uhr vom Papst. Bilder der Cosima in längst veralteten Trachten, ein Bild der Fürstin Wittgenstein in schwarzem Sammetkleid und weißer Tüllhaube und in der Ecke ein bescheidener Silberschrank, handschriftliche Partituren, von Wagner geschrieben zur Uraufführung des „Lohengrin" mit der stark zusammen- gestrichenen „Gralserzählung" ... Der Dank der Stadt Hamburg für ein Wohltätigkeitsfest für die Abgebrannten, ein schwungvolles Gedicht Carmen Sylvas, auf Lifzts Tod... Seine ungarischen Rhapsodien unter Glas, ein Brief an Berlioz und einer an Frau Wagner, „Siebes Kind" ... Alles steht jo sonderbar lebendig da, als habe Siszt eben das Zimmer verlassen und käme gleich wieder, und die alte Wirtschafterin, die ihm solange betreute, hätte mir nur gesagt: „Bitte, warten Sie einen Augenblick, er wird gleich erscheinen--Und ich warte zwischen den stillen Möbeln. Aber die Alte ist längst tot. Und Franz Siszt kommt nicht wieder ... Er lebt in {einen Werken ... Das Geburtshaus von B a ch in Eisenach, eng in die Ecke gedrückt, am grauenplan, ein buntes Blumengärtlein vor der Tür, ein alter Birnbaum. vorm Eingang. Ein breites Barocktor mit altem Türklopfer. Fest und ehrwürdig und sehr einfach ... Nach hinten ein kleinbürgerlicher Hausgarten, in dem die Kinder spielen dürfen, mit Buchsbaumbeeten und alten Bäumen. In dem dunklen Haus ein Fenstertritt mit dem Spinnrocken für die Mutter und auf dem Fensterbrett die Bibel, die man in diesem Hause las. Türen so eng und klein, daß man sich fast den Kopf einstößt, ein Küchelchen, eng, mittelalterlich dunkel, mit alten Thüringer Geschirren, Kuchenbrettern, Sebkuchenformen, dem Waschzuber für die Windelwäsche und einen offenen Herd mit blanken Kupferkesscln für die vielen Bachkinder. Kachelöfen mit Ofensitzen, gemütlich warm im Winter, wenn's draußen schneit. Aus der Schwelle der engen Kammer, wo neben dem Himmelbett seiner Eltern die einsache Holzwiege, in der ein Bach geboren wurde, schaukelt, steht, in Gedanken versunken ein katholischer Geistlicher mit gezogenem Hut ... An den Gitarren an der Wand klimpert leise ein Wandervogel. Auf diesen alten Cembalos, dem Flügel mit Pedalbaß, dem Spinett, hat Bach seine Fugen ausprobiert, in der Diele saßen die'Musikstudenten und übten, während „die Bachin" Pfesferkuchen buk und die Suppe im Messingkessel über dem offenen Herdfeuer brodelte. „Uebermütig sieht's nicht aus", das kleine gedrückte Haus unter seinem roten Ziegeldach, aus dem ein Bach als Kurrendeschüler berausgtng mit zehn Jahren, als Waise ... Doch allerlei aus seinem späteren Sehen hat man hier gesammelt. Bilder der Städte, in denen er gewirkt, hängen an gekalkten Wänden, Eisenach, Ohrdruf, Süneburg und Weimar, Mühlhausen, Arnstadt, Köthen und Seipzig. Sein Totenschädel in Bronze, seine stattliche Büste mit Allongeperücke. Da liegt der alte Schlüssel zu seiner Leipziger Kantorwohnung, in der Thomafiusschule, musikalische Manuskripte unter ©las, Bruchstücke und Soli, Orgelkantaten, „Klaviersonaten für Kenner und Liebhaber", Kantaten und Orgelkonzerte, Serenabas. Das „wohltemperierte Klavier", das er für feine Schüler als Fingerübungen schrieb. Eine Kantate „Ich habe genug" ... Der arme Bach, er hat sich wacker plagen müssen im Leben. Er wurde erst nach seinem Tode berühmt. Als sein größtes Werk, die „Matthäus- paffion" zum erstenmal in Leipzig aufgesührt wurde, gingen die Leute in eine andere Kirche, wo am selben Abend ein heute längst vergessenes Konzert stattfand ... . Weinlaub umzieht die kleinen Fenster, auf den roten Fließen spielt mattes, herbstliches Sonnenlicht und in den alten Bäumen raufcht's, wie eine fanftgefpielte Serenade von Bach ... r Viblio- ranl mit t. Bilder Wittgen- der Ecke a g n e r sammen- >urg für Gedicht lapfobien „Liebes Zimmer ihm so- Augen- m stillen icht wie« gedrückt, er Birn- fer. Fest gerlicher unbeeten mit dem die man ren Kopf hüringer für die . für die Winter, w neben ün Bach tholischer nd klirn- ügel mit >er Diele serkuchen brodelte, r seinem ging mit eben hat ngen an , Mühl- ize, seine |u seiner Manu- rsonaten renadas. Finger- ;r wurde :att!)äus= ie Leute rgessenes en spielt ht's, wie dem der es ersten gebracht, en tollen rd Lehr« mit der war sehr der seine ", Eine uns doch Pariser als „Tat den er zerbrach, stock aus Sturmbeteiligt ikn eine retkappe, freund", s Hotel- s Könch verfettet gs über« f Erden, vig." ... fführung men von Selbst- n, bunt- n diesen n Türen fr > Geheimnisse des Stoffes. Von Professor Dr. Paul Kirchberger. (Nachdruck verboten.) Wer sich ein klein wenig mit der Atomtheorie beschäftigt hat, die ja jetzt mehr als jede andere Lehre der Naturwissenschaft die Geister in Spannung hält, auf den wird immer wieder die merkwürdige Tatsache Eindruck machen, daß die beiden grundlegenden Naturwissenschaften Physik und Chemie eine Art Wettlauf auszusühren scheinen, welche von ihnen es am weitesten in der Anwendung der Atomtheorie bringt und die größten Erfolge aus ihr herausholen kann. Als die Naturwissenschaft die Atomtheorie aus den Händen der Philosophen übernahm, da waren es zuerst nur die Physiker, die sich um sie kümmerten. Die Chemiker haben erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts gelernt, sich atomistische Denkweise ju eigen zu machen; dann aber hatten sie lange Zeit die Physiker in der Anwendung der Atomtheorie bei weitem überflügelt, und ihre erstaunlichste Leistung in dem Zusammenhang, den wir hier im Auge haben, war die, daß es ihnen gelang, ganz bestimmte Vorstellungsweisen über die Art und Weise zu gewinnen, wie sich die Atome zu dem nächst höheren Verband, nämlich den Molekeln, aneinanderbinden. Schon seit Jahrzehnten können wir in außerordentlich zahlreichen Fällen getreue Bilder dieser mitunter höchst verwickelten Molekeln entwerfen, und ungemein wichtige Industrien, wie z. B. die Farbstoffindustrie, sind allein hierauf gegründet. Immerhin fehlte noch sehr viel daran, daß wir uns in allen Fällen, in denen uns die chemische Natur eines Stoffes leidlich bekannt ist, auch von feiner Atomverkettung in den Molekeln ein genaues Bild machen können. Namentlich war es eine große Schwierigkeit, daß wir über die Größe der Molekeln nur dann etwas sicheres sagen können, wenn sich der Stoff lösen oder in Gasform überführen läßt. Für die Zwecke der Chemiker ist das auch meist ausreichend. Die Physiker aber fragen gerade nach den physikalischen Eigenschaften fester Stosse, z. B. nach ihrer Härte, Festigkeit, Elastizität usw., und zur Erforschung dieser Eigenschaften konnte die Atomtheorie bis vor kurzem nur sehr wenig beitragen. Das war auch deshalb eine empfindliche Lücke, weil die meisten Werkstoffe feste Stoffe sind, und die Erforschung ihrer Eigenschaften demnach auch vom technischen Standpunkt aus besonders wichtig ist. Denn es ist immer eine vollkommenere Erkenntnis, wenn man nicht nur die Eigenschaften der Stoffe, sondern auch deren Bedingungen und Gründe kennt, und diese können nur in der Atomtheorie gesucht werden. Nun hat sich zwar seit 25 Jahren auch die Physik, wie allgemein bekannt, der Atomtheorie angenommen, und ihre Erfolge im Ausbau dieser Lehre stehen hinter denen der Chemiker keinesfalls zurück. Aber die zunächst in Angriff genommenen Fragen waren die nach dem Wesen, dem Lau und dem Zerfall der Atome, die als selbständige Einzelwesen befrachtet wurden. Die Frage nach ihrer Verkettung wurde von den Physikern meist den Chemikern überlassen, und diese waren natürlich froh, wenn sie die chemischen Eigenschaften der Stoffe erklären konnten, während die nicht minder wichtigen physikalischen Eigenschaften naturgemäß zurücktraten. In diesem Punkte vollzieht sich nun in der letzten Zeit eine außerordentlich wichtige Entwicklung. In steigendem Maße sucht die Physik mit Hilfe der Atomtheorie auch die physikalischen Eigenschaften der Stoffe zu erklären, und vielleicht wird in ganz kurzer Frist die Zeit endgültig der Vergangenheit angehören, wo man die Härte des Diamanten, die Elastizität des Stahls oder des Kautschuks, die Weichheit des Bleies usw. ein- sach „der Natur" der Stoffe zuschrieb, ohne sich viel um ihre Gründe zu kümmern. Es sind verschiedene Quellflüsse, aus denen die neue Erkenntnis fließt. Der wichtigste von ihnen ist unstreitig das sog. Laue-Diagramm. Läßt man nämlich Röntgenstrahlen durch irgendeinen Stoff gehen, der kristallische Eigenschaften hat, so entsteht aus der Lichlbildplatte eine Art Netzwerk von hellen und dunklen Flecken, und dadurch sind Rückschlüsse auf die Lagerung der Atome im durchstrahlten Stoff möglich. Natürlich hat man diese Erscheinungen zunächst an verhältnismäßig einfach gebauten Stoffen, wie etwa dem Kochsalz, untersucht. Aber diese Forschungen beginnen nun Früchte zu tragen, und wir können uns jetzt schon an recht verwickelt gebaute Stoffe wogen und auch bei ihnen Aussagen Über die Lagerung von Atomen machen, deren Entfernung voneinander wenig mehr als den zehnmillionsten Teil eines Millimeters beträgt. Die hieraus gezogenen Schlüsse werden durch die Untersuchung der sog. Einkristalle ergänzt; das sind Stoffe, insbesondere Metalle, die zwar ihrem Wesen aber nicht ihrer äußeren Form nach Kristalle sind, und die infolge der ungewohnten Regelmäßigkeit, mit der sich ihre kleinsten Teile aneinanderlagern, ganz fremdartige Eigenschaften, insbesondere Festigkeitseigenschaften zeigen. Ein weiteres Hilfsmittel der Forschung ist die genaue Messung der Energie, die nötig ist, um den Aufbau des Stoffes zu zerstören, seine kleinsten Teilchen auseinander zu reihen, vor allem durch Sublimation, das ist unmittelbare Verwandlung vom festen in den gasförmigen Zustand. Dazu kommen nun natürlich noch die bisherigen rein chemifchen Forschungsweisen. Die Ergebnisse dieser ganz verschiedenen Möglichkeiten, die Natur des Stoffes zu ergründen, können wohl als überraschend reich bezeichnet werden. Vom Quarz haben wir wohl alle gelernt, daß seine Moleküle aus einem Atom Silizium und zwei Atomen Sauerstoff bestehen, was ja durch die Formel SiO2 ausgedrückt wird. Die neuere Forschung zeigt ihn uns als Wunderbau von Silizium- und Sauerstoffatomen, natürlich die Sauerstoffatome in der doppelten Anzahl. Organische Stoffe wie Zellulose, Seide oder Kauffchuk bilden sehr häufig lange Atomketten, die sehr viel größere Einheiten als die Molekeln der Chemie ausmachen, und auf viele Eigen- chaften fällt nun ein ganz anderes Licht. Die Faserbildung, die viel leich- ere Spaltbarkeit in einer Richtung verglichen mit der auf ihr senkrecht tehenden, sind ohne weiteres verständlich. Auch die elastischen Eigenschaften etwa des Kautschuks können wir erklären, denn mitunter lassen sich die Atomkelten Zusammenlegen, was sich in einer Zusammendrückbarkeit des ganzen Stoffes zeigt. Auch die von der Chemie her bekannten doppelten Bindungen zwischen zwei Atomen hängen mit elastischen Eigenschaften zusammen. So dringen wir immer tiefer in die Geheimnisse des Stoffes ein, aber das Wesen der alles beherrschenden Kraft, nämlich der chemischen Verwandtschaft, die die Atome aneinander kettet, ist zum großen Teil noch immer rätselhaft. Frau im Herbst. Von Gertrud A u l i ch. Jetzt aber ist dein Antlitz braun und weich Wie Sommerfrucht in reifen Erntetagen, Und was du jahrelang in dir getragen An stillem Wirken, stillerem Entsagen, Das macht dir deinen Herbst so froh, so reich. Und was aus deinen Augen sich gebar, Ist Abend, überstrahlt von Sonnengluten, Ist Mondenglanz, gewiegt auf Meeresfluten, Sind Tat und Opfer, die sich tief verbluten Auf deiner Siebe ewigem Altar. Und deine Hände, hartgeschleift im Schweiß, Sind wie der Sensen arbeitsschwere Klingen, Die deines Tagwerks fruchtbares Gelingen Aus froher Saat zur frohen Ernte bringen Und dann im Winkel ausruhn, wund und heiß. Doch, überseh ich deines Herbstes Schluß: Der starken Söhne volle Kraftgcstalten, Die deines Sommers mütterlichem Walten Entsprossen, und dir überreich vergalten, Dann weiß ich, daß ich dich beneiden muß. Sidonie Beeskow. Novelle von E. A. G r e e v e n. Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 62. (Fortsetzung.) Der Andelshoser sagt, nichts sei jo traumwirr und scheinbar sinnlos in den Ueberlieferungen abergläubischen Volkes, das nicht zurückginge auf eine verschüttete Wahrheit und verlorene Erkenntnis. So glaubt er an Zwerge und Siebenmeilenstiefel und die grauen Mädchen, die im Mondschein bloßen Fußes von Wallhausen über den See schreiten! Das ist ein eigentümlicher Glaube für einen christlichen Pfarrer, und ich weiß, daß viele Anstoß an ihm nehmen; zu Unrecht, denn über Glauben und Nichtglauben hinaus hat er oas Herz eines gütigen Menschen. Ich glaube, er sucht das Sonderbare und das Wunder, wie der Heilige die Anfechtung, weil er zu tiefst Gott darin findet. Cs ist ein kleiner Umweg wie alle unsere Wege. Er ist gleich Onkel Josua so sehr versponnen in dunkle Rätsel, daß er das Seltsame nicht sieht, wenn es vor seinen Augen sich begibt. Dinge, die mich tiefer erregen und schwerer bedrücken als das Märlin vom Zauer im Siegmundshau! Heute abend habe ich etwas gesehen, was mein Herz aufhorchen lieh und mir die Ruhe nahm. Vielleicht hat es nichts zu bedeuten, und es traf mich nur deshalb, weil ich ein Mann bin und Hanna mit des Mannes Augen ansehe, aber gleichviel — es war seltsam und wie das plötzliche Erleuchten einer verborgenen Tiefe! Ich kam aus der Stadt und stieg langsam die Treppen hinauf, um in mein Zimmer zu gehen. Ich hörte Hannas Lachen und die Stimme Fräulein Beeskows, eine halblaute und doch wie aus Wölbungen tönendes sehr biegsame Frauenstimme. Etwas Niegehörtes schwang in Hannas Lachen — nicht die leise Lockung und ihr jäher Wechsel, die mir nichts Fremdes sind, auch nicht die kleine Furcht, die sich hineinstiehlt, wenn sie mit Florian redet, sondern ein harter, böser Klang! Aber wiederum nicht das Böse selbst, sondern die Lust am Bösen, die Freude an der Macht des Bösen! Heute zum erstenmal erschrak ich vor Hanna; ich hatte nie daran gedacht, daß Böses in ihr sein könne. Wenn man die Treppe hinaufHestiegen ist, kann man den Hellen Korridor in seiner ganzen Länge übersehen. Die Tapete ist schon alt und nicht mehr ganz sauber. Mutter Berg hat hier und da einen ge- .rahmten Stich — Riedingers Hirsche und Bären und römische Ruinen von Piranesie — über die schadhaften Stellen gehängt. Aber das ist nebensächlich und nur ein Beweis dafür, wie praktisch Mutter Berg in jeder Hinsicht denkt und wie klug bas Schicksal war, als es sie ausersah, eine Pension zu führen. Hanna stand im Rahmen ihrer Zimmertür und lehnte sich lässig, den Hut in der Hand, an bas weißlackierte Holz; den rechten Arm hinter den Kopf gelegt und die Augen halb geschlossen. Es ist eine von Hannas Lieblingsstellungen, die ich schon oft'— ach, wie oft schon gezeichnet und in meinen Mappen geborgen habe! Mutter Berg liebt es nicht, daß ein junges Mädchen so lässig dasteht, und sie mag ihre guten, mütterlichen Gründe haben. Denn das kann ich beschwören: niemals ist das Spiel von Hannas Gliedern weicher und gelöster, niemals ihre Linie süßer und betörender als in diesen Augenblicken! Und ich frage mich: was ist in sie gefahren, daß sie vor einer fremden Frau ihr Spiel treibt und sie schlägt mit ihrem bösen Lachen! Sieht Hanna nicht, daß diese Frau leidet? Denn da stand Sidonie Beeskow, drei Schritte von Hanna entfernt, demütig vor ihrem Lachen und die schönen, männlichen Hände halb zu ihr rrhoben. Unbewußt In scheuer Gebärde, wie wenn sie ein ohnmächtiges Verlangen trüge, ihrer Einsamkeit zu entfliehen und eines Menschen Wanne zu suchen. Ich konnte nicht verstehen, was sie sprach, und ich glaube, daß ihre Worte einen anderen Weg gingen als ihre Hände, daß sie mit Witten Gleichgültiges redete und Worte aneinanderreihte, nur um an eines Menschen Tür zu stehen und ihre Sehnsucht zu verströmen vor Hannas übermütig spielendem Lachen. Als sie mich kommen hörte, glitten ihre Hände nieder wie ertappte Diebe, und sie grüßte mit einem ruhigen Neigen ihrer schönen Stirn. Hätte mich das Leben nicht feige gemacht, ich würde vielleicht ihre Hand ergriffen und gesagt haben — o lüge nicht das Leben an, Thomas Wiehl, denn niemals würdest du haltgemacht und ein gutes Wort zu Sidonie Beeskvw gesagt haben, niemals, solange Hanna in der Tür stand und lächelte, lässig und voll grausamer Jugend! Seht, ich ging mit gesenkten Augen und hastig vorüber, ich eilte vorwärts, um in mein Zimmer zu kommen, obwohl kein Brief und keine Blume mich dort erwartete! Und schob den Riegel vor, was ich sonst nicht tue. Ich war zornig auf Hannas Lachen und auf meine Feigheit, ich schämte mich bis auf den Grund meiner Seele. Immer aber sah ich zwei arme, sehnsüchtige Hände, die einen Menschen suchten und um Güte bettelten. Wie oft habt ihr schon vergebens gebettelt und seid erdrückt von Scham geflohen!? Ausgescheucht von der Stätte, wo ihr glaubtet, Ruhe zu finden für Zeit und Ewigkeit! Warum mußtet ihr hierher kommen in meine und Hannas Nähe? Und Ancht überfiel mich, daß Sidonie Beeskow ihre Hände eines Tages auf Hanna legen und ihre Jugend mir stehlen könnte. Wahrhaftig, ich bin ein schöner Narr, der von Stehlen spricht, wo mir nichts gehört! Ich bin ein Bettler, der einem Bettler die Sonne neidet! Mein liebes und einsames Fräulein Beeskow, es nützt Ihnen gar nichts mehr, einen Schild vor mir aufzurichten und Ihr armes Leben dahinter zu verbergen, denn Ihre Hände haben Sie verraten! Ich weiß, was ich weiß, und sehe tief in Sie hinein: ich grabe geduldig einen Stollen, bis ich auf die Ader stoße. Denn Thomas Wiehl hat Zeit, wenn er etwas ergründen will. Ich kann uralt werden, wenn es nötig ist. Von allen, die unter meinen Augen hier wohnen und in den Tag hineinleben, ist Sidonie Beeskow das wunderlichste und ärmste Geschöpf. Sie kauft Grabstätten und ist in ihrem Herzen menschenleer, trägt Wunden, die nicht heilen und nachts bluten! Wollen wir wetten, daß ihr Leben bedeckt ist mit Striemen und daß es ihr so schlecht ergangen ist wie einem vertrauensseligen Hunde unter Menschen!? Jetzt ist sie müde und friert und wittert von ferne Hannas wärmendes Blut. Sieh dich vor, du arme Sidonie Beeskow — von allen Tieren, die Gott der Herr schuf ,ift Hanna das gefährlichste! In ihrem Lachen schwirren vergiftete Pfeile. Ich rede aus großer Erfahrung und nicht ins Blaue hinein. Thomas Wiehl hat eine Frau und Percy, feinen Sohn, er hat einen Freund auf Sandhamm und einen zweiten in Forte bei Marmi. Und dennoch: was lebt er hier jahraus, jahrein am See, vertut die Zelt und kann kein Ende finden!? * Nach dem Abendessen, wenn Mutter Berg mit verbindlichem Lächeln die Tafel aufgehoben, spazieren die Gäste noch ein wenig auf der Terrasse und im Garten auf und nieder, und für jeden steht ein Täßchen Kaffee bereit mit einem winzigen, zuckerbestreuten Stück Kuchen daneben. Dem reichen Herrn Zollinger aus Stuttgart kommt es gar nicht darauf an, für uns alle noch einen Kirsch ober für die Damen einen Curaoao zu bestellen, wenn er gerade dazu in der Laune ist. Fräulein von Gillfeldt behauptet zwar, Kirschwasser und Euraoao seien durchaus nichts Feines, und auf dem letzten Familientage in Hannover habe es siebenerlei verschiedene Schnäpse gegeben, einer noch erlesener als der andere — denn erlesen und edel ist alles, was Fräulein von Gillfeldt im Munde führt — ober Onkel Josua und ich, die wir ein wenig abseits in der Laube sitzen, nehmen es nicht so genau und sind der Meinung, daß es doch dem Menschen zu Zeiten sehr prächtig anstünde, aus dem Vollen zu schöpfen und nach Belieben kleine Freuden austeilen zu können. Und von früh bis spät nicht allzu sehr rechnen zu müssen! Da tritt Florian zu uns, quer über den Rasen, wiegend und gewichtig wie ein Mann, der ein Sägewerk sein eigen nennt. Behutsam fängt er an zu reden; er möchte gern weit ausholen und den dreimalklugen Kaufmann spielen, von diesem und jenem sprechen und dann unmerklich auf seinen wohlbedachten Zweck kommen. Vom Sägewerk spricht er — denn wie sollte Florian auch anders beginnen? und den neuen Maschinen, die über alles Erwarten vorzüglich arbeiten, aber auch sehr viel Lärm machen und die Nachbarschaft leider stören. Oho, mein kluger Herr Florian, ich weiß schon, wohinaus das will! Ich habe das längst erwartet, aber ich lasse ihn ruhig sein Garn spinnen und stelle mich dumm. Lärm? — Nicht daß ich wüßte, Herr Florign, und von stören kann keine Rede sein, denn wenn ich arbeite, dort unten in meinem Schuppen, so höre und sehe ich nichts von dem, was in der Welt vorgeht. Florian merkt wohl, daß er auf diese Weise mit mir nicht weiter kommt, und ändert kurz entschlossen seine Taktik. Er bietet mir für meinen Schuppen, den er höflich Atelier nennt, einen schönen Preis, einen besseren, als mir jemals ein anderer werde bieten können, denn wegen des Lärms seiner großen Sägen — ich verstünde ihn wohl — sei der Platz für jeden andern wertlos! Das ist klar und deutlich und gewiß auch sehr kaufmännisch gesprochen, aber der junge, kluge Herr Florian kommt zur unrechten Stunde, denn er weiß Eines nicht, was mir viel wichtiger ist als Geld und alle seine Pläne: daß ich nämlich heute morgen mit Hanna ein Gespräch hatte, als ich sie zum Baden begleitete, und daß Hanna mir versprochen hat, in meinen Schuppen am See zu kommen und mir Modell zu stehen für eine Arbeit, an der mir viel liegt! So viel, daß ich nicht zu sagen vermöchte, woran in dieser Welt mir heute noch mehr läge! Darum kann ich spröde tun vor Florians Angebot und ein bißchen meine Kunst herauskehren, von der er nichts versteht und die in seinen Augen ein überflüssiger Zeitvertreib ist. Nein, mein Herr, ich verkaufe noch nicht, unter gar keinen Umständen, und wenn Sie mir das Zehnfache böten! So ein großer Meister bin ich heute! Mein Schuppen ist beileibe kein gewöhnliches Atelier — Fürstinnen setzten ihren Fuß hinein, und vielleicht wird eine Königin mich dort besuchen! Aber warten Sie ein Weilchen, mein bester Herr Florian, Sie sind noch jung, und eines Tages — wer weiß!? — bin ich des Schuppens müde, weil er feinen Sinn erfüllt hat, und Sie kaufen ihn billig, und vielleicht gar schenke ich ihn weg! Weil die Fürstinnen gegangen sind und die Königin mir den Rücken wandte. Dann, aber nicht früher, mag Florian ihn haben und niederreißen, um Hallen darauf zu bauen und mit singenden, blitzenden Scheiben das duftende Holz zu fügen. Thomas Wiehl ist kein Kaufmann — o er ist weit davon entfernt, aber was den Schuppen angeht, so ist er sehr auf seinen Vorteil bedacht und denkt zuerst an sich! * Ich habe diese Tage und Stunden, in denen Hanna mir vergönnt, mein Werk nach ihrem Maß zu formen, feit Jahren ersehnt und seit Monaten an nichts anderes gedacht. Jetzt seid ihr da, jetzt seid ihr bald schon wieder vorbei: ich steh' in einem müden Rausch,' und wenn ich jemals ein Künstler gewesen bin, so war es sicherlich in diesen Stunden. Das ist mein tiefstes Glück! Einmal muß unser Traum sich gestalten, und nur was Form annimmt, ist uns Erlösung. Aber laßt es gut fein, redet nicht davon! Es ist eine schlechte, schamlose Sitte, viel Worte um die Erfüllung zu machen. Hanna und ich — wir sind beide erfüllt von unseren Tagen, bas ist genug! Vielleicht wird mein Werk bleiben, länger als ich und länger als Hanna! Ich habe nasse Tücher über den Lehm geworfen, damit nichts ein« trocknet, und das Gestell noch tiefer in den Schatten gerollt. Hanna ist müde, und wir wollen uns eine Weile ausruhen und plaudern. Wir haben sehr fleißig gearbeitet, mehr als drei Stunden, und ihre Gelenke sind ganz steif geworden. Die Fenster des Schuppens und die Tür stehen weit offen, der ganze Raum ist wie eine strahlend durchsonnte Veranda nach dem See geöffnet, und Licht, Seeduft und Frische fluten breit und wärmend herein. Ich reinige meine Spachtel und Messer, und Hanna schreites derweilen mit ihren hohen, schlanken Beinen und den knabenhaften Schultern neugierig und heiter durch Kaskaden von Licht. Sie geht ganz ohne Scheu und in großer Natürlichkeit, wie wenn sie zeitlebens auf einer Insel der Südsee gelebt hätte. Sie macht durchaus kein Wesens von ihrem Körper, vor dem selbst die Cherubim ihres Amtes vergäßen. So schön und untadelig ist Hanna! Lasse ich Spachtel und Messer sinken und meine Augen mit dem Wohlklang ihrer Glieder sich füllen, so nickt sie mir zu, lächelnd und stolz, dreht sich blitzschnell auf den Zehenspitzen und weitet wie ein Vogel ihre Arme. Freilich weiß Hanna, daß sie schön und wie ein Wunder der Natur ist; warum sollte sie es nicht wissen? — Auch wenn Thomas Wiehl nicht wäre, so würde jeder Spiegel es ihr sagen und hat es so oft genug gesagt. Wer weih und was geht es mich an, wer es ihr sonst noch gesagt hat! Hanna breitet einen Teppich aus in der offenen Tür, schneidet den Kuchen in schmale Stücke und nippt ein wenig von dem herben, kühlenden Landwein. Dann streckt sie sich auf dem Teppich aus und blinzelt behaglich wie eine Katze über die mittagsstille Wasserfläche, die in tausend blitzenden Lichtern sprüht. Die Luft ist schwer und warm von Sommersumsen und müdem Gezirp. Traumhaft verwundert lasse ich mich durchströmen vom Glück des Daseins. Denn das Glück unseres Daseins ist da-sein. Unter Hannas Schulterblättern, die Grübchen tragen, spielen Sehnen und Muskeln ein holdseliges Spiel wie schnelle Tiere unter seidener Decke. Ich streichle ihre Kühle und atme ihre Wärme, danke dem Schicksal und segne ihre Jugend, segne sie aus tiefstem Herzen. So vergehen die Stunden. Hanna trägt ein feines, goldenes Kettchen um den Hals, an dem ein rosenfarbener Amethyst hängt. Von bestem Schliff und ebenso wie das Kettchen von alter, sehr schöner Arbeit. Als ich frage, läßt sie den Stein durch ihre Finger gleiten und lächelt. — Sieh da, Fräulein Beeskow hat ihn ihr geschenkt vor ein paar Tagen! Sie haben eines Abends zusammen Sidoniens Schmuck durchstöbert, den sie in einer rotledernen Kassette verwahrt, und als Hannas Hände den seltenen Amethyst bewundernd hielten, hat Sidonie Beeskow sie gebeten, ihn zur Erinnerung von ihr anzunehmen und stets zu tragen. „Ich hätte nicht zu bitten gewagt, nein, niemals — sagt Hanna und lächelt ein kleines Frauenlächeln — aber ich glaube, sie könnte mir nichts versagen!" O wie schlau du bist, kleine Hanna, und wie scharf deine Augen den Menschen ins Herz sehen! Dir ist Macht verliehen, und Jugend ist herrisch. » Der Himmel steigt höher und höher hinauf, es ist ein Sieden in der Luft, das ihn emportreibt, weg von uns in blaue und immer blauere Unendlichkeit. Wie schön ist Hanna, und ein Bettler streckt die Hand nach ihr aus! Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Sidonie Beeskow mit flehenden Händen ... bedenkenlos verschenkt sie Hab und Gut. Kette und Stein, nur um ein kleines Wort von ihrem Munde! So dumpf bin ich vor Zorn und Verlangen, daß ich meine Hand zum Schlag erheben könnte gegen Hanna, aber seht mich Prahler! — in einer heißen, schluchzenden Liebkosung versinkt mir alles! Sie atmet tief; in ihren Augen steht Wissen und die Gier der Jugend. Nach einer Weile frage ich, weil es mich schmerzt und quält bis in die Eingeweide hinein: „Was ist mit Sidonie Beeskow?" „Nichts ... es ist nichts" — und ihre Augen gleiten ins Weite. „Ich habe ihre Hände gesehen ... und wie sie dich ansah!" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch-und Steindruckecei, D. Lange, Giehen.