Cnten- ufbring- daß sie mhnung ganzen > winkte luf dem - führte sich und Blumen, , vorbei Tischen chnäpsen sen und und und Bergen ) türmen, nd nach s weiter n unbe< Zusam- e „Bur- hnsinnig Tcke des ern das nit aber nacht, jo t wurde, sein Ohr chen hat, : bißchen Branche ie seiner efe" ver- Bre, lag hundert- i> flachen en gleich vand gelten. Er dermalen r Berge, nter und etwas zu Rücken, nen An- e Vorrat ter Saal is einem ren Fenin wenig rast und i Balkan, en Stille, im Blau, ein Huhn . sausten, eigt nicht und be- n Abend ite Berge i und die hnet sind, in einen gglersuch- den See Gießen. | GiehenerKmiilieÄMer | Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang {929 Montag, den l.Iuli Nummert« Enzian. Von Josef Schänder!. Droben brandet um die Gipfelschroffen schauerlich ein Wolkenheer und kämpft. Unten auf tiefgrünem Plane leuchten abertausend Enziane dunkelblau, großoffen. — Und gedämpft gleiten wir im leisen Nebelsprühen durch das blaue, traumhaft blaue Glühen, trinken aus den Kelchen uns die Stille. Selig wird uns eingelullt der Wille. Horch: ein Kuckuck ruft noch, ruft und stockt — und wir küssen uns; er lockt und lockt ... Und bergan durch blauen Blust gezogen schweben wir, voll Süßigkeit gesogen, über Ahornwipfel, über Firne, über Wolkenwirrsal und Gestirne in den unermeßlich blauen Raum ... Oberbayern. von Bahnen und Becken die Seen ausbreiten, Von Hans Brandenburg. Unter Oberbayern verstehen wir hier einen rein landschaftlichen Begriff, die große Einheit des deutschen Alpen- und Vorast>en andes^ die einerseits, beim gleichen Stamm verharrend, dre bayerisch-österreichische Staatsgrenze überschreitet, anderseits, die Stämme mehr noch mischend als schneidend, ins Schwäbische hinübergreift. Dieses Land hat, be= wegunasmüßig betrachtet, den Charakter des Wogenganges und, räumlich statisch betrachtet, den Charakter der Faltung. Wir sehen Urland vor uns, bas unmittelbar aus dem Schwünge von Gottes Hand hervorgegangen ist, als sie noch mit Meeren, Eis und Felsen spielte, das Feste dem Flüssigen schied, die Gebirge aufwarf und den Wassern ihre ~...,nen und Becken wies. Solcher Schöpfungsvorgang scheint noch kaum erstarrt, wir glauben ihm noch beizuwohnen, wenn ßch vor uns und unter uns die Täler furchen, die Moore dehnen die: Seen ausbreiten, wenn sich die Hügel schwingen und überschneiden, die Höhenrücken gegen- und ineinanderschieben und sich immer hoher aufstaffeln gegen den Alpenklamm, der selber wie steilster Wogenkamm ist, Kamme über Kämme, eben erst zur Ruhe gekommen und erstarrt, wie sie sich,aus- zogen und bäumten, brandeten, sich zackten und überschlügen. Jede: klein Bodenerhebung wird zur Aussichtswarte, zeder Punkt schon auf halbem Hange zum Sitz vor einem Schauplatz, der Ungeahntes aufdeckt, entfaltet, auseinanderschlägt, vor einer Naturbuhne, auf der die Natur die Kulissen stellt und doch selber auch Spieler ist indem sie die grobart,gsten Handlungen einer eben noch erschütterten Erde zur klaren Ruhe des Raumes löst. Da stürzen uns zu Füßen die Spitzen, starr gefransten Kegel des Fichtenwaldes in die Tiefen des Flußtales jenseits hangt das Kloster über dieser Schlucht und ruht auf dem Hintergrundsder Vor- hügel, die sich nach rechts und links entkeiten dahinter steigt die weitere Reihe der eigentlichen Vorberge, noch bewaldet, zu den Körpern und Gestalten der Felswälle auf, die sich wieder m mehreren Schichten hinter und übereinander lagern, voneinander abgehoben durch Luftmantel durch Spiele von Licht und Schatten und schließlich hinterbaut und ubergipfelt von der Riesenburg der Zugspitze, zu der die Turmspitze jenes Klosters emporweist. Und wo die ineinandergeschobenen Kulissen einmal° einen Durchblick gewähren, da zipfelt der braune Strich eines Moores, der '“sm biZ L?'LLchKE«,and nur !m 61«.on land ist, versteht sich auch auf den ersten Blick. Wir erkennen es als junges Bauernland, wir sehen es eben erst im wörtlichen Sinne „ur geworden, wie in seiner Struktur eben erst aus ^^es Hand, so m seiner Oberfläche eben erst aus Menschenhand, aus Rodung hervorgegangen. Jenes Kloster im Mittelpunkt unseres Bildes über derWalb^ schluckst bezeugt frühe und früheste Siedlung, und der Waldwuch Vorberge bezeugt, daß das, was sich so hoch gegen Wrad, Wetter unb Kälte behauptet, erst recht Alleinherrscher in jenen tteferen Regionen gewesen fein muß, ehe der Mensch Glauben und Sitte, ükleiß uu , ,, schäft bringend, von ihnen Besitz ergriff. Das Land .st dünn bevölkert und wird es bleiben, es ist Bauernland in jenem urtümlichen Sinne der an Viehbesitz und bloße Eigenwirtschaft gebunden ist, und-mrd es bleiben. — Denn es ist nach gewöhnlichen Begriffen ziem ich unwwtlich und unfruchtbar. Einziger Reichtum des Landes ist Wald und Gras einziger Schmuck die Wiese — aber saftigeres Gras und farbigere Vlumenwiefen gibt es nirgendwo. So ist es ein Lanb der W. f Weiden, ein Land des Rindes, seiner aufgeweckten, leichtfußigen Arten die t(etterfrol) die steilsten Hänge mit ihrem Geläut er ullen und ein Land des Pferdes, eines Bauernpferdes, das kein Gestüt und kein Stammbaum braucht, um rein eine Raste zu wahren, die von allen dem Urpferd am nächsten bleibt. Und so schön die Hochalmen sind, — das ganze Land ist hoch, und das ganze Land ist Alm. Es dehnt sich noch genügend vom Fuße der Berge weg aus, und es hat genügend breite Täler um sich droben mit Sennhütten behelfen zu können, die Berg- wildnis Wildnis sein zu lassen und seine Siedlungen nicht hängend und schwebend bis in die Höhen zu schrauben. Die größeren Siedlungen —. die Märkte — liegen an den großen alten Straßen, in den breiten Ge- birastälern, an den Flußläufen und an den Seeufern, die kleineren — die"Dörfer, Weiler, Einöden, Einzelgehöfte — sind überall verstreut, auf den Aufhaltungen sowohl wie in den Einfaltungen, von dem Auf und Ab des großen Meeres bald erhoben, bald versteckt. — Oberbayern kennt in der Ebene und im Hügellande auch den Viereckhof, aber das Bauernhaus seiner Vorgebirgsgegenden vereinigt Mensch und Vieh unter ein und demselben Dache. Es hat keinen Hofraum und keine Anbauten, es ist, auch wenn Söller herausgebaut sind, ein einziger Quader, der feinen Inhalt nach der Längsachse ordnet, unten die Wohnräume und dahinter der Stall, oben die Schlafräume und dahinter die Tenne, vorn der Eingang und hinten die gemauerte Auffahrt. Im Erdgeschoß sind vor allem Stube, Küche und Kammer. Von der Küche geht meist ein Fensterchen in den Stall, und Küche und Stall haben eigene Ausgänge ins Freie. Fast alle Zimmer des Hauses haben vier Fenster und sind lichterfüllt, die Stube ist besonders geräumig, ihre Fenster sind blumengeschmückt, neben dem Eingang hängt ein Weihwasserkesselchen und im „Herrgottswinkel" ein Kruzifix; um den freistehenden Kachelofen läuft eine Bank und oben ein Holzgestänge zum Trocknen von Kleidern, und um die ganzen Wände läuft eine weitere Bank. Auch das dörfliche . Gasthaus ist nur ein Bauernhaus; die Wirtsstube entspricht in dem Hauptbestand ihrer Einrichtung und ihres Charakters der Wohnstube, und der zweite Hauptraum des Erdgeschosses, in dem sonst meist die Eheleute schlafen, ist hier das sog. Nebenzimmer. Der böhmische Stamm der Bajuwaren ist — bei Ausgrabungen beweisen es — gleich als das Kunstvolk in die Geschichte eingetreten, das es bis heute geblieben ist. Soweit dies Volk den rauhen Nordrand der Alpen besiedelte, auf Bier und nicht auf Wein angewiesen, hat es Musik und Poesie in höheren Formen nicht hervorgebracht. Aber im Dienste seines festlichen Sinnes gedieh aufs großartigste die Welt der sichtbaren Form und der Farbe; die Bildnerei erreichte mit der Hochblüte im Barock, einen das ganze Volksleben durchdringenden festlichen Sinn, so wie nirgendwo in Deutschland, und wie mit der bayerischen Schnitzkunst die bayerische Schauspielkunst zusammengehört, das steht der Fremde am deutlichsten in Oberammergau. Dieses Volk sorgte dafür, daß geistlich und profan dasselbe blieb, und lieh seine Giebel für die in seinen Kirchen beschäftigten Maler her, daß festlich bebilderte Märkte wie Tölz und Mittenwald entstehen konnten. Neben echter Bauernkunst in Feldkreuzen, Grabmälern, Botivkafeln, Hinterglasbildern und Marterln an Hausern, Schränken und Truhen hat sich auch alter festlicher Brauch, Tracht und Sitte vielfach erhalten ober ist roieber aufgelebt, Kräuterweihe unb Ge- wilterkerze, bie Krachleberne unb ber Jobler. München ist als einzige beutfche Großstabt eine große ßanbftabt geblieben unb wirb es immer bleiben unb aus feiner Einbettung in Bauernland und Bauernleben feine stärksten unb besten Kräfte fangen. Wie in biefer Hauptstadt das ganze Jahr Festtag ist, fo gibt es vollends auf dem Land ringsum mit geistlichen und weltlichen Feiern, mit Primizen und Kirchweih, Theater- fpielen und Schuhplattlern, Hochzeiten, Fahnenweihen, Maibaumerrichtungen, Trachtenbällen, Bergfeuern, Preis- und Eisschießen schier kein Norbwesten von München liegen bie Moore von Dachau und Schleißheim auf ber Schotterhochebene, aber im ©üben kommt bie Alpen- lanbschaft mit ben Moränen des ehemaligen Jsarvorlanbgletschers bis nahe an bie weiteren Vororte heran unb mit bem gletfdjergrunen Fluß, der bas verworfene unb verschleppte Gestein des Hochgebirges tief burch- schnitt bis in die Stabt herein. Auenwalb unb Hangwalb mischt sich weiterhin flußauf; immer näher schauen bie Gebirgshäupter herein in das vielgespaltene Wildheit des Bergstromes, über feine kuhlgrauen Sandbänke, Kiesbarren unb Schwemminfeln, über Weibenbickichte und Föhrenränber. Tölz schon am Rande des Gebirges, ist die Perle biesex Landschaft, von ihr geboren und von ihr gefaßt. Bergkies unb Berg- maffer, Bergwalb unb weißblauer Firn, biefer klare Chor des Bayern- lanbes aus'kühlen, ungebrochenen Farben staut die Kraft bes rauben Flußlaufes zwischen Alpen unb Ebene zum steilen Festrausch bes Marktes baß sie bilberfroh unb geftaltenbunt aus allen Fronten unter ben schützenden Vordächern quillt und Fahnen aus allen Giebeln tragt Die Verehrung des Rosses vereinigt hier zum Umritt am ßeonarbitage die Eingesessenen des Jsartales wie vor Jahrtausenden; da sitzen bie Mädchen mit ihren Tellerhüten auf ben bemalten Truhenwagen bie Pferde finb mit den Talismanen ber Dachfelle unb Bluttucher am Kumt gefeit, unb bie Schauer eines uralten Fruchtbarkeitszaubers wehen, wenn ^■■1 T—- Me Hostie Mer Stuten und Jungfrauen erhoben wird. Noch weiter drinnen, im Jsarwinkel, in Lenggries, Vorder- und Hinterriß, bestimmen Vieh und Wild, Wasser und Wald den Menschen, der uns dort nur noch in der Gestalt des Bauern, des Holzknechtes, des Flößers, des Jägers begegnet. Ein einsamer Nebenarm der Isar, der Jachen, kommt hinter der Benediktenwand vom Walchensee herüber. Und ist Tölz der Perlenschmuck des Isartals, so ist die Benediktenwand seine Krone. Außer den Flußläufen führen die Seen in das Gebirge hinein. Der Ammersee ist von den stadtnahen der unberührteste; der größte, der Chiemsee, hat die fruchtbarsten Ufer, die der Garten von Oberbayern und fast ein Stück Süden sind, und die berühmten Inseln beherrschen im Angesichts der Berge als König und Köngin, Herrenwörth und Frauen- wörth. Der Starnbergersee läuft dem Isartal parallel, das auch einmal Staubecken eines Sees war. 21 n ihm führt die Bahnstrecke vorbei, die durch das Haupteinfallstor ins bayerische Hochgcbir'ge geht. Das ist das Loisachtal, wo es den gewaltigen Prospekt aus die Zugspitzgruppe öffnet, die auf Garmisch-Partenkirchen herabschaut. Sind von den kleineren Seen Bader-Eibsee Ziele des Garmischer Fremden- und Sommerverkehrs, so locken andere, wie Schliersee und Tegernsee, die näher an München liegen, mehr zu dauernder Siedlung, auch zu Ausflugs- und Sportverkehr. Da herrschen die Waldberge noch mehr wie die Steinberge vor, da sind im Winter die meisten Schneefelder für den Skilauf, und in den Hochwäldern tritt der Hirsch zu Hunderten an die Futterraufen. Aber überall zeigt die Einheit von Naturwerk und Menschenwerk der Zusammenhang von Volkstum und Kultur die Schönheit dieses Landes in ihrer höchsten Blüte. Der Markt Murnau am Staffelsee konnte noch ein einzelner, ein Mensch unserer Zeit, ein moderner Architekt so erneuern, daß dadurch nur Volkstum, nur Kraft und Geschmack des Stammes zum Durchbruch und zur Erfüllung gelangten. Das kirchliche Barock und Rokoko umschlingt mit geschwisterlichen Beziehungen seine über Stadt und Land verstreuten Schöpfungen. Vornehmlich die herzogliche Hofbaukunst Münchens und die klösterliche Wessobrunner Stukkatoren- schule finden sich immer wieder zum Bunde und sammeln an den kultischen Orten von Gebirge, Vorland und Residenz den heimatlichen Glanz, der überall verwandt und vertraut begrüßt. Der Dom von Ettal reiste unter den Felsbastionen, Schwarzwäldern und Matten des Labergebirges ein Werk der Jahrhunderte: die Gotik gab die konstruktive Grundlage her, die Renaissance sand durch Zurückgreifen auf vorchristliche Architektur eine neue Formenwelt, das Barock konnte mit diesen Formen frei schalten, es erfand die bewegte Fassade, die unendliche Perspektive, die Schöpfung der schwebenden Kuppel, die das Provisorium des mittelalterlichen Zeltdaches verdrängte, und das Rokoko verfeinerte, vergeistigte, verflüchtigte dies alles ins Dekorative, ins Malerische, Musikalische, bis ein neuer Klassizismus der Auflösung eine Grenze setzte, eine Verfestigung gab. Der Katholizismus verstand die unveränderliche Volkhaftigkeit aus ältesten Zeiten, wenn er um einen grobgeschnitzten Bauernchristus, dessen Wunden bluteten, das beschwingteste Rokokogehäuse als Wallfahrtsstätte baute. Das geschah an der Scheide zwischen den oberbayerischen und schwäbischen Vorbergen, wo die Wieskirche des Dominikus Zimmermann in einsamen Mooren gegen die zackig aufspritzende Felsenbrandung der Allgäuer Alpen liegt. Das Oval dieses ganzen Raumes schwingt, er ist kein Raum mehr, weil er seine Grenzen überall verschiebt, durchbricht, auflöst; alles ist Durchsicht und Umgang, Umgang die Säulen, Fenster, Emporen um den Chor, und in den Reigen der Figuren schwebt die Kanzel herein, ein geschwellter, engeltragender Baldachin, von Spiegelchen flimmernd und flitternd. Der Begriff und die Tatsache des Oberbayerischen werden zum Gesamterlebnis weniger allesumspannender Stunden, wenn man, was im Sommer jeden Tag möglich ist, mit dem Flugzeug von München nach Innsbruck fliegt. Da wird diese Landschaft ein einziger anschwellender Gesang, der sogar Urzeiten zum Augenblick wandelt. Mit dem Inn kommt uns die Kultur entgegen: Burgen, Städte, Türme, Brücken, da war Rosenheim, nun ist schon Kusstein da, versammelt um die aufragende Feste. Oder man überquert den Karwendel. Giehbäche des Lichts, die Wolken brechend, schlagen einzelne Zacken aus dem Gebirge, Gloriolen mit entspreiteten Strahlenfächern segnen die Stirnreihen einsamer Felsenbeter. Gewölk bleibt unter uns und schleicht in den Tiefen, Gewölk umlockt reglos die Versammlung bleicher Häupter, die in stummer Majestät unter und neben uns hinziehen. Glück auf dem Weg. \ Von Hans Friedrich B l u n ck. Anna Dreesen zog die Gardine zurück und warf einen hastigen ersten Blick auf die weite Fläche des Sees, den Schilf und Wald in weitem Bogen umgaben. Die Straße, die zwischen Fremdenheim und Wasser lag, war nur von einigen Sommergästen begangen. Im Erlenbusch, der jenseits des Weges lag, quäkten und schnarrten die Wildhühner, genau wie einst, wenn sie als Kind am Ufer entlang trottete. Nur das große Radnest auf Nachbar Breders Strohdach war leer geblieben. Richtig, die Störche kamen auf ihrer Winterfahrt um, hatte sie gelesen, man vergiftete die Heuschrecken do irgendwo in Afrika und die Vögel starben mit. Anna Dreesen las viel, sie wußte über alles Bescheid. Seit sie als junges Mädchen das Dorf verlassen hatte, von einem unendlichen Bildungsdrang besessen, hatte sie anderthalb Jahrzehnte hindurch alles, was ihr versäumt schien, nachzuholen versucht, hatte unendlich viel Bücher gelesen, hatte sich vom ersten Unterricht an der Schreibmaschine rastlos in den großen Geschäften Der Stadt von Stufe zu Stufe empor gearbeitet. Jetzt war fie Prokuristin in einer guten Firma geworden, ein märchenhafter Weg. Den ersten Urlaub benutzte sie, um in das Dorf heimzukehren, von dem ste einmal ausgezogen war, ein wenig mit dem Wunsch, die UederlegenheU des von ihr Erreichten über die Daheimgebliebenen auszukosten, ein wenig aus der Angst der leeren Stunden heraus, die sie in der großen Stadt zu packen begann, wenn fie ühermüde vom Werk helmkehrte und alles Gewonnene ihr wie ein verwehender Rauch schien, den der Wind am Weg auflöst. Immerhin ein stolzes Gefühl. Die andern, bei Herd und Küche geblieben, wohnen in den kleinen neuen Siedlungen, die sie rund im Grünen erblickt. Sie werde hier auch im Winter wohnen müssen, wenn sie selbst abends guter Musik zu solgen sucht. Sie erkennt drüben just beim Erbsenauspahlen Mine Sievert, mit der sie zur Schule gegangen, ste lächelt über das Hochdeutsch der Bäuerin, bei der ste, eine fremde, vornehme Frau aus der Stadt, sich auf Kost und Wohnung eingemietet hat. Sie beobachtet den Sprung eines Hechtes im Wasser, den russischen Knecht, der bei Wilrats vom Krieg her ist und der mit Hü und Ho die Tiere zur Weide treibt. Dankbar, sehr dankbar, ist sie jener gutmütigen alten Frau, die vor fünfzehn Jahren in ihr den Drang über das Dorf hinaus entdeckte und den Weg zur Stadt, den Weg zum Lernen, zum Aufstieg, öffnete. Aber es kann nicht darüber hinhelfen, irgendwie bleibt ein verlegenes Staunen über das stille Leben derer, die daheim bleiben. Oft muß man sich quälend beweisen, daß man es wirklich bester hat, daß der ewige Wechsel, daß ihr Erfolg kein Gespinst ihres Hochmuts war. Nun, das sind eben Stimmungen, dafür hat man ihr die ländliche Ruhe verordnet. Es sind jene Stimmungen, wo man plötzlich aus unbegreiflichen Gründen zu weinen beginnt, die ungeheure Einsamkeit empfindet und den Augenblick verwünscht, wo jene Fremde, in der Meinung, ein gutes Werk zu tun, den Weg in diese fünfzehn Jahre führte. Die Sonne neigt sich schon dem Westen zu, der Dunst steigt höher über dem See. Anna Dreesen hat erst spät im Jahre auf Urlaub gehen können, erst nachdem die verheirateten Prokuristen mit ihren Kindern an der See gewesen waren. Dafür sind die Farben jetzt stärker, als in den hohen gelben Sommerwochen, das weiß sie. Dafür wünscht sie alle diese Menschen zu betrachten, mit denen sie aufwuchs, die sie vor fünfzehn Jahren verließ und von denen noch keiner sie wiedererkannte. Aber sie will ja auch nicht wieder erkannt werden. Es ist ihr Genuß, alles von fern zu beobachten, sehr überlegen, wie man eben fremde Kinder ansieht, an denen man vorbeiwuchs. Wie sie sich darauf freut! Sie wird auch Henning Voß wiedersehen, der damals Sonntags mit ihr tanzen ging, zwei, drei Sonntage, bis das Glück sich dazwischen schob und sie zur Ausbildung in die Stadt kam. Er hat ihr noch oft geschrieben, lange hatte er auf sie gewartet, er hat ihren Ausbruch ja nur schwer verwinden können. Wieder muß sie sich zu einem Lächeln zwingen. Voß ist jetzt Maschinenmeister drüben in der Meierei, sie ist eine gutbezahlte Prokuristin in einer guten Firma. Wie sie sich bei dem Lächeln im Spiegel sieht, erschrickt sie. Nun, fünfzehn Jahre sind keine Kleinigkeit, gut, daß sie die unverwüstliche Kraft von draußen brachte, es hätte kaum jemand ein Gleiches leisten können, wie fie. — Es wird Zeit, einmal die Straße auf und abzugehen, wenn man vom Licht noch etwas haben will. Anna Dreesen wirft den Mantel über, sie steigt die knarrende Treppe hinab, sie geht mit dem Gefühl einer glücklichen Lösung von endloser Arbeit auf viele Wochen, den Weg am See entlang. Ein kleines Mädchen treibt das Vieh zum Hof ihres Bruders hinüber. Neugierig mustert sie es, sie wird es morgen kennenlernen. Ach, wie würde man in der Stadt lachen, sähe man sie auf solchen Entdeckungsfahrten, einen Roman könnte man darüber schreiben. Dann kommt sie bei der Meierei vorbei. Ein Heizer steht in Kittel und Oeltuch vorm Feuer. Eine riesige Bogenlampe springt an, die Milchkannen klirren von dem Wagen, zwei Menschen nehmen fie an. Im Hintergrund, halb vom Kesselseuer beschienen, steht ein großer rußiger Mann. Anna Dreesen erschrickt doch ein wenig. Also so sieht Henning jetzt aus. Man baut eine neue Maschine ein, hört sie. Da ist ein Arbeiter, der mit prasselndem Lustdruckhammer ein Kesselgerüst schweißt, Maurer haben eine neue Wand gezogen, sie machen just Feierabend, werfen die Kittel über, einer räumt Zementreste zusammen. Henning Voß steht grell beschienen unter der Bogenlampe, er spricht mit dem Heizer; jemand berichtet ihm, wieviel Milch eingefahren ist. Ein Mann lädt große runde Käse ab und schichtet sie auseinander. Dann steht Voß mit dem Heizer allein. Noch einige Worte und der Maschinenmeister drückt sich einen Hut in die Stirn und geht an der Wartenden vorbei den Weg zu den neuen Häusern am Wald. Ja, geht an ihr vorüber, er hat sie nicht erkannt, er hat nicht acht auf die fremde Same, es sind im Sommer so viele im Ort. Der Heizer reißt die Kesseltllr auf, der rote Schein flackert durch den Raum, er fliegt bis zur Straße und macht erschrecken. Anna Dreesen folgt dem Maschinenmeister; sie sagt sich, es fei Neugier, daß sie ihm folgt. Vielleicht ist es aber noch immer die Sehnsucht, frohlocken zu können. Sie hat ein grenzenloses Bedürfnis, die Arbeit dieser fünfzehn Jahre zu begründen, sie will wissen, warum sie glücklicher ist als die, welche daheim blieben. Sie will erschrecken, wenn sie sieht, wo Henning Voß wohnt, will Vergleiche ziehen, will sich vorstellen, welche Erbärmlichkeit ihr beschieden gewesen wäre, hätte das Schicksal nicht so glücklich die Wege offen getan. Im Halbdunkel folgt sie dem schweren großen Mann, der vor ihr zu den Waldhäusern stopft. Sie muß sich etwas beeilen, er hat einen langen Schritt. Eine Amsel schlägt am Weg auf, trillert ihren Herbstschlag und huscht in den Knick hinein. Tau liegt im Gras und Überspinnt es grau wie Schlaf. Wie lange hat sie sich auf diesen Weg gefreut, so lange, so lange! Und doch fragt sie sich, ob die Freude groß genug ist. Anna Dreesen wartet eigentlich noch darauf, wartet, ohne daß sie recht zu ihr tarne. Dafür folgt sie Henning Voß. Ob sie ihn anruft? Dumm wäre es, was sollte sie nur sagen? Sie würde sich fürchten, dünkt ihr, er könnte lächeln, könnte sie fragen, ob sie es denn nun recht getroffen hat. Er könnte ihr sagen, ja, er würde ihr sagen, daß sie alt geworden, das alles, — oh, er hat gewarnt, aber sie hat die Briefe zerrissen. Wenn es damals anders gekommen wäre? Sie würde jetzt oben im Hause am Waldrand warten, fie hätte Henning vielleicht von der Arbeit geholt, würde jetzt neben ihm gehen, so wie sie hinter ihm geht. Würde sie unglücklicher sein? Sie vermag sich die Frage nicht zu beantworten. In diesem Augenblick nicht. Sie wandelt, als wären alle inest fünfzehn Jahre nicht gewesen, als nräre es anders Wommen, so tote sie U’s mitunter vorgestellt hat. Jetzt weih sie, sie hat sogar davon geträumt, sie hatte den Traum nur wieder vergessen. Anna Dreesen wandert als hätte sie damals ja gesagt, als gehörte das rote Haus da vorn ihr selbst, Henning Voß und ihr; als wären Kinder da, dis auf sie warteten, als wäre der Abend, als wäre der Taufall, als wäre der Wind »om See wie immer ihr eigen. Wehren möchte sie sich gegen die Vorstellung, aber sie ist schön und grauenhaft, jeden Schritt kostet sie aus. Wie nachtwandelnd geht Anna Dreesen durch den Abend, wie hinter einer Nachtwandlerin sinkt alle Sehnsucht, alle totbringende Einsamkeit vergessen zurück, atmet sie wie ein Kind in alter Gemeinschast, gehört sie »u diesem unverbrüchlichen Kreis ihrer Jugend, wuchs wie es ihr wohl bestimmt gewesen, zur jungen Frau, wgndert zu ihrem Haus.-- Plötzlich hält der Schreitende vor ihr an, biegt vom Wege ab, mit einem sonderbar erstaunten Blick zur Fremden, die ihm folgt. Eine Tür össnet sich, nach halb wie im Traum will das Mädchen folgen, kaum vermag sie sich zu lösen von diesem tiefem zitternden Glück einer wiederge- sundenen, einer nie verlorenen Stimmung— da steht im Lichtschein eine Fremde auf der Treppe. „Guten Abend", hört sie. — Unö plötzlich, mit jener raschen Schulung einer langen entbehrungsvollen Zeit, hat Anna Dreesen sich wiedergefunden. „Mein Gott," denkt sie", was war eben? „Empfindsamkeit? Du empfindsam?" Sie stößt ein kurzes hartes Lachen heraus, sucht sich den Weg zurück, olle Gedanken darauf zusammengezogen, daß sie ja in diesen Tagen lächeln will, daß sie, allen überlegen, über Dorf und Freunde das Erreichte empfinden will, um das sie sünfzehn Jahre arbeitete. Bis zum Haus, in dem sie wohnt, vermag sie die Stimmung aufrecht zu halten, lächelt hier, spöttelt dort, — oh, so viele Bekannte, die sie sieht und von denen niemand sie kennt, von denen keiner sie anders als die fremde Dame aus der Stadt kennt. Aber wie sie bei der Wirtin vorbeikommt, spürt sie plötzlich, daß diese Stunde ihr in Wahrheit unerträglich war, daß sie keinen Tag wird länger weilen können, ohne daß ein mühsam gewonnenes Selbstbewußtsein in ihr zerreißen würde, weiß sie, daß eine Furcht in ihr droht, die größer als alle frohlockende Freude ist. Nie hätte sie hierher heimkehren sollen, es ist, als würde diese Furcht sie jetzt lange verfolgen, es ist — Noch am gleichen Abend mit dem Nachtzug flüchtete sie zur Stadt heim. Seine Majestät... Von Pierre Dominique. Theodor, König von Korsika, kann es etwas Phantastischeres geben, als dieses Satirspiel, das der westfälische Baron von Neuhofs, nicht minder gerissen wie dreist, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts unter Mitwirkung der Großmächte dieser Welt in der Heimat des großen Napoleon aufführte? Korsika gehörte damals den geschäftstüchtigen Genuesen. Der Freiheitsdrang dieses kleinen, durch Familien- und Sippenhader gebundenen Bauernvolkes kam der Abenteuerlust dieses deutschen Barons entgegen. Neuhoff hatte schon eine recht vielseitige Laufbahn in aller Herren Länder hinter sich, als er sich in Livorno von einigen korsischen Häuptlingen zum König von Korsika ausrufen ließ, von verschlagenen Biedermännern, denen er seine fabelhaften, aber leider nur in seiner Phantasie bestehenden Verbindungen zu den großen Höfen Europas vor- gefpiegelt hatte. Die Herrschaft König Theodors auf Korsika hat nur nach Monaten gezählt, aber als gerissener Geschäftsmann und skrupelloser Abenteurer wußte er bis zum Ende seines Lebens in einem verlassenen Winkel Londons aus seinem gewesenen Königtum Kapital zu schlagen. Der sranzösische Autor hat diesen interessanten Gegenstand in seinem Roman „Seine M a j e st ä t ..." (Insel-Verlag, Leipzig 161) ganz außerordentlich fesselnd, mit einem köstlichen, feinen Humor, geschildert. Im folgenden geben wir aus seinem Buch den Abschnitt wieder, der von der Krönung König Theodors und seinen ersten Regierungstaten auf Korsika berichtet. Mit Gottes Hilfe ist das neue monarchistische Grundgesetz verkündet worden; wunderlich genug wird Theodor darin „Souverän und erster König des Reiches" genannt. Das ist besser als gar nichts, aber es hätte natürlich anders lauten müssen. Die Stämme trauen ihm nicht recht. Trotzdem kann Neuhoff sich wohl sagen, daß bisher alles unglaublich gut abgelaufen ist. Am Morgen hatte er in der Klosterkirche zu Alesani die Messe gehört. In seinem schönen goldgestickten Rock nahm er das Gestühl und den Betschemel des früheren Bischofs von Aleria ein, eines Genuesen, der es vorgezogen hatte, in seine Vaterstadt zurückzukehren. Um ihn die Großen des Reiches. Am Altar zelebrierten drei Priester. Zu beiden Seiten des Chors standen in zwei langen Reihen die Mönche der siebenundsiebzig Klöster und vier Stifter, fast alles Franziskaner, und fangen tief und feierlich ihre Choräle zum Preise des Höchsten, wovon auch ein wenig auf Theodor abfärbte. Weihrauchduft. Hinter dem König die wogende Volksmenge. Er fühlte sich, wenn auch nicht gerade von der Liebe, so doch von der Sorge, der staunenden Bewunderung und Hoffnung eines ganzen Volkes getragen. Gr weiß genau, daß er nur den Schein der Macht hat und auch niemals mehr haben wird. Er blendet Genuesen wie Korsen, aber da er Gel Umgang mit Menschen gehabt hat, weiß er auch, wie mächtig dergleichen Blendwerk ist. Schon wird Genua nervös, Korsika erhebt sich. Spanien, Frankreich, der Kaiser, England und Holland wissen sicher schon von ihm, und wenn nicht heute, so bald. Der Spaß ist eines Gottes würdig. Wo wäre schon einmal eine Posse so inszeniert worden! In emer korsischen Kirche sitzt Theodor als König verkleidet auf dem Ehren- watz, hört mit Mönchen und bewaffneten Bauern die Messe und ist "^halb über Nacht zur europäischen Persönlichkeit geworden. Er sagt: »Ich bin eine europäische Gefahr," und ist es, „ich bin eine Macht, und ist es, weil er es sagt. Seine Macht besteht eben nicht in Gewehren, Kanonen und Geld, sondern in dem Vertrauen einiger tausend bewaffneter Bauern, in der Angst einer schlecht unterrichteten Stadtrepublik und in der sichtbaren Hilfe Gottes, der offenbar gut theodoristisch gesinnt ist. Was die Bauern angeht, so erfüllen sie die Kirche mit hundertköpfiger Ehrfurcht und gewaltiger Ausdünstung. Ihre Gewehre haben sie zu Hause gelassen und nur Pistole und Dolch mitgenommen. Aus der einen Seite drängen sich, stehend, die Männer, zur andern die Frauen auf den Knien. Die Männer, meist Dorfälteste, tragen alle ihre rauhe Jacke aus „pelone”, mit Metallknöpfen geziert, ebensolche Hosen und ziegenlederne Gamaschen. Hier und da leuchten aus all dem Schwarz der Jacken und Mäntel bunte Flecken hervor, ein roter Gürtel, ein gelb und rotes Wams. Die Weiber kauern dicht beisammen auf den Fliesen, wie die Hühner, auch ihr Häuflein ist vorwiegend schwarz. Hin und wieder kommt etwas Blau zum Vorschein, seltener Rot, ab und zu ein weißer Fleck. Eine Menge Witwen. Es ist unheimlich still. Von allen Seiten flammen die Augen. Als Theodor nach der Messe mit seinen Generalen durch den Chor der Kirche schreitet, um sich ins Refektorium zu begeben, steht zu beiden Seiten die Volksmasse und läßt kaum einen schmalen Mittelgang frei, und trotz der Helligkeit des Orts bricht aus den Kehlen der Männer ein einstimmiges „Evviva", so gewaltig, daß das uralte Gewölbe fast zusammenstürzt und tausendfach mit allen Felsen, Engpässen und Gebirgshängen widerhallt, die vom Kap Corse bis zur Straße von Bonifacio über die donnernden Ströme hinweg ihrem Herrscher brausend zujauchzen: „Theodor, König Theodor!" Und dabei liegt diesem Volk die kopflos tobende Begeisterung keineswegs; es ist schweren Sinns, zurückhaltend von Natur, wortkarg und nachdenklich. Kaum ist Theodor im Kloster angelangt, so ruft es wieder nach seinem König. Theodor erscheint auf dem Balkon, und sofort fliegen alle Gewehre nach vorn, Schüsse blitzen auf, Rauchftreifen durchziehen die Luft, und unaufhörlich knallt es in den wilden Jubel hinein, der tosend und beständig anschwellend gen Himmel steigt und von den Bergen zurückgeworfen wird. Ja, Theodor fühlt, diese zweitausend Patrioten hat er in der Hand, die vereinigten Vertreter aller Gemeinden, Kirchen und Klöster Korsikas. Sie sehen in ihm die Verheißung von zehn Siegen, die er zur Tai machen soll. Von jeher sucht das Volk den Mann, in dem es sich verkörpert wissen kann. Seit hundertfünfzig Jahren hat es niemand mehr. So jubelt es dem ersten besten zu. Theodor wendet sich nach den Sippenhäusern um und mißt sie mit den Augen. Er fühlt, wie jeder von ihnen es auf einen besonderen persönlichen Erfolg abgesehen hat, wie er ihr Hebel ist, ihr Werkzeug, der Stein vielleicht, der dem Gegner in den Weg geworfen werden soll; aber er weiß auch, keiner von ihnen hat Gewicht genug, um sich Geltung zu verschaffen, und wenn er einen durch den andern lahmgelegt, gelingt es ihm vielleicht, sich als Herrscher zu behaupten. Mit Hilfe des Volks muh er die Macht der Führer brechen, mit Hilfe des allgemeinen Nationalgefühls die Macht der Sippen, eine andere Politik ist hier sicher nicht möglich. Aber diese läßt sich machen, und zwar mit — Theodor rechnet nach — soundsoviel Franken und Dukaten. Davon hängt alles ab. Mit ein paar Millionen will er wohl ein Königreich gründen, und um die Aktionäre anzulocken, fängt er einstweilen auf eigenen Kredit an. Jetzt müßte er im Lande bleiben und von dort aus Verhandlungen mit Frankreich, Spanien und dem Kaiser und so weiter anknüpfen, und das binnen vierundzwanzig Stunden. (Dazu brauchte er Telegraph, Telephon, drahltlose Telegraphie. Sein Unternehmen setzt technische Hilfsmittel voraus, die erst ein oder zwei Jahrhunderte später erfunden werden.) Als der Diakon am Morgen das Evangelium abfang, und Theodor vor dem Altar stand und anscheinend der Gleichniserzählung ausmerksam folgte, hatte er sich gesagt, das Spiel lohne in der Tat den Einsatz, und selbst wenn das Unternehmen scheitern müsse, sei es wert, unternommen zu werden. War es denn möglich, daß es scheiterte? Heftig verscheuchte er den bösen Gedanken, den Zweifel an sich selbst. Noch vor dem Amen hatte er sich wieder in der Hand und stürmte von neuem die Bahn der Siegesgewißheit hinan. Und während die Menge, ehe sie die Plätze wieder einnahm, in die Knie sank, raunte er sich selber zu, das alles sei vielleicht richtig, aber er, Theodor, sei eben trotzdem König. Ja, er sei König, und Hugo Capet, der. Ahnherr des großen Königs dort gegenüber. Der König hielt ein Papier in der Hand, stampfte mit dem Fuß und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Nun seht euch einmal an, was diese Halunken von Genuesen über mich ausposaunen! Vagabund schimpsen sie mich, die Tröpfe. Schwarzkünstler und Astrolog. Da hört doch die Weltgeschichte auf. Vagabund? Ich will sie lehren, hier von Landstreichern zu fabeln, die von Hof zu Hof und von König zu König vagabunWeren gehen. Kabbalist, Astrolog? Warum nicht Alchimist? Weiß der Teufel, in all den Künsten bin ich bester bewandert als der ganze Senat von Genua. Mein asiatisches Habit? Hahaha, sie ärgern sich über meinen Anzug? Also ziehe ich ihn jeden Tag an. Ich und Spitzbübereien! Es gibt wohl schlimmere Spitzbübereien auf der Welt, als dies Ländchen und seine Bewohner zu klauen. Gauner? Habt ihr schon einmal so etwas erlebt? Ausgezeichnet! Nein, ihr genuesischen Diebshelden, ihr Blutsauger von Bankiers, ihr seid noch nie im Leben Gauner gewesen, und die San-Giorgio-Bank ist beileibe nicht, was sie von jeher war: die Königin im Gaunerreich! Verführer der Völker? Oho, das gefällt mir! Verführer, bei Gott! Von Völkern und von Frauen, fuhr er fort und äugelte feiner Mätresse zu. Großspurig ging er im Zimmer auf und ab, ein paar Korsen und die beiden Glücksritter waren dabei und sahen ihm bewundernd nach. „Weiter," sagte er, „immer weiter, verehrte Genuesen! Schickt ruhig euer elendes Pasquill nach Korsika! Wer nur irgend Geist hat, wird sich dankbarlichst auf Kosten der Erlauchten Republik totlachen." Und er selber machte den Anfang, und die Korsenführer und Offiziere fielen aus vollem Halse ein. „Uebrigens," sagte er, „habe ich keineswegs vor, mich auch nur in den Geschäften der Feder von diesem Piratengesindel überflügeln zu lassen. Setzt Euch, Herr Kanzler, und seid für heute mein Sekretär!" Der brave Costa setzte sich an den Tisch, ein glückliches Lächeln auf den Sippen, und nahm die Feder zur Hand, und der König begann mit Verantwortlich: Dr. Hans Lhyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts^Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Unwandelbare Mode. Zur Kulturgeschichte von Nahrung und Kleidung Von D#? E. Feige. Immer wieder wird mit ärgerlicher Beharrlichkeit behauptet, daß die Mode launisch und wandelbar sei. Freilich denkt man dabei an die Mode des weiblichen Geschlechtes, an Kleider, Pelze und Federn. Bon der mehr aufs Materielle gerichteten Mode der Ernährung beider Geschlechter wird wenig geredet und geschrieben, denn sie paßt nicht in das Schema der ewig wechselnden Launen. Noch niemand ist bei uns auf den Gedanken gekommen, das ewige Einerlei unseres Küchenzettels durch neue, sehr naheliegende Erfindungen zu bereichern. Wir essen (obwohl beispielsweise in den deutschen Schlachthöfen 1926 nicht weniger als 8198 Hunde geschlachtet wurden, ohne die „Hausschlachtungen") im allgemeinen kein Hundesteak, denken nicht daran, Krähen — der Sage nach beliebter Rebhuhnersatz — in Weinkraut zu schmoren oder uns ein Hamsterragout zu bereiten. Auch an die küchengewerbliche Verwertung der zahlreich vorhandenen Ratten haben wir uns noch nicht herangewagt, obwohl die Nagetiere — Hasen und Kaninchen — oft eine Zierde der Tafel bilden. Es ist also nicht ganz richtig, die Mode unserer Ernährung als launisch zu bezeichnen. Aber auch wenn wir die Kleidung berücksichtigen, ist von einem launischen Wechsel nicht viel zu verspüren. Wir kleiden uns immer noch in Wolle und Seide, je nach der Jahreszeit, und tragen nicht etwa Pelze aus Vogelfedern, sondern ziehen dem Pferd, dem Kalbe, meisterhaftem Mienen- und Gebärdenspiel zu diktieren. Er sprach von Tyrannei und wie die schönen Worte alle heißen, harmlos, geistreich, frei, hoheitsvoll, gleichgültig, zynisch, spöttelnd, und zwanzig Masken lösten einander auf seinem Gesicht ab. Er erklärte den Genuesen, er habe auf der Insel Quartier genommen und habe nun als guter Nachbar die Pflicht, ihnen einen Besuch zu machen, was er mit ansehnlichem militärischem Gefolge demnächst in Bastia selber zu tun gedenke — das Ganze von Schmähungen durchsetzt; vor allem berührte er einen für die Genuesen sehr empfindlichen Punkt, die Geschichte jenes englischen Kaufmanns, der einen Brief an den Herrn Soundso geschrieben hatte, Dogen von Venedig und Fischhändler. ...... Seine Umgebung, lauter ins Wort verliebte Seelen, jubelte ihm zu, und der König verbeugte sich lächelnd. „Das gehört zu meinen besten Schriftstücken. Ach ja, meine Herren," wiegte er den Kopf, „eine gewandte Feder geht über alles!" Da kommt ein Kurier und meldet, der Armee vor Bastia fehle es an Geschützen, an Munition, Lebensmitteln und Gespannen und noch ein paar Nebensächlichkeiten der Art. Wer aber glaubt, der König rege sich darüber auf oder stutze auch nur, der irrt sich. „Schon gut," sagte er mit fester Stimme, ,Herr Kanzler.. * Wie Maitre Jaques vertauscht Theodor den Rock des Staatssekretärs mit der Generalsuniform. Sein Ton, sein ganzes Gebaren ändert sich: Soeben noch geschmeidig, feinfühlig, Mazarin, tritt er jetzt härter auf, hochfahrend, stramm. Die Hand liegt auf dem Degenkoppel, das Auge scheint prüfend über ein unsichtbares Schlachtfeld hinzuschweifen. „Wir brauchen Leute, Herr Kanzler." — „Leute, Sire? Jetzt während der Juniernte? Wer den Korsen zur Erntezeit von Angriff spricht, findet taube Ohren." — „Wir brauchen ein stehendes Heer." — „Ach," seufzt Costa, „könnte Eure Majestät dem Volk das nur begreiflich machen!" Er schüttelt den Kopf. ,Zch kenne sie. Acht Tage bleiben sie bei Eurer Majestät, und drei Tage darauf sind sie wieder daheim in ihrem Dorf, erholen sich und essen sich satt. Hundertzweiundsiebzig Kompagnien sind aufgestellt worden: weih der Himmel, wo sie stecken." — ,^)ho," sagt der König, „die wollen wir schon wiederfinden." Inzwischen möchte er einen militärisch gerillten Stab bewilligt bekommen, gute Feldwebelarbeit. Adjutanten sollen ihn umschwirren, Säbel um ihn rasseln, und vor der Tür soll ein Posten stehen. Dann hat das Ganze doch schon einen heeresmäßigen Anstrich. Theodor spielt Soldat. „3m Grunde," sagt der Kanzler, „ist es eine Geldfrage." * Der König fährt auf. Vor einer Weile noch Propagandachef, oder, wenn man will, Staatssekretär des Aeußern, wurde er im Handumdrehen General und muß nun Finanzminister spielen; denn ein guter König versteht sich aufs Scheren und Melken und weiß wie ein geschickter Landwirt aus dem Boden, den er mit vieler Mühe gedüngt hat, alles Erdenkliche herauszuholen. „3a," sagt der König, „es ist eine Geldfrage. Nun also ..." — „Nun also, Sire? Die Korsen haben keins." — „Wollen keins herausrücken. Wißt ihr denn kein anderes Mittel, Geld herbeizuschaffen, als die Steuereinnehmer über die Felder zu schicken?" Längeres Schweigen. Dann meint jemand: „Da ist ja noch ,Sept- cervelles'." — „Ein Falschmünzer," erklärte Costa lächelnd, „der früher einmal für seinen Bischof Dukaten geprägt hat/ — „Das genügt mir", sagt der König. „Hat er früher Geld gemacht, einerlei ob falsch oder echt, so kann er jedenfalls Geld machen und soll es auch heute tim." Costa verneigt sich. Er ist sehr ehrerbietig, gehorsam wie ein Lamm und treu wie ein Hund. Und er sagt so oft „Sire" und schreibt es so regelmäßig, daß schließlich an der Majestät nichts mehr auszusetzen ist und Theodor ganz wie ein richtiger König aussieht. * Zwei Tage darauf zog „Sept-cervelles“ auf seinem Esel in Ceroione ein, ein vielgewitzter Bursche, mit wenn nicht siebenmal, so doch sicher doppelt so viel Hirn wie der landläufige Kanonikus. Er hieß Giulo Francesco, und auch ihm war kein Falschmünzerkniff fremd. Costa zweifelte nicht daran, daß, wer Genuesertaler geschlagen hatte, auch Korsentaler schlagen könne, und im Kloster zu Tavagna wurden Schmelzöfen aufgestellt. Dann zog der König beim Schall der Muscheltrompeten in den Krieg und träumte von vollen Kassen. Biber, Marder öder dem Kaninchen das Fell über die Ohren, km Notfälle auch dem Fuchs. Das ist mehr eine Frage des Geldbeutels als bet Mode selbst. Wer seinen eigenen 30-?. 8.-Wagen steuert, leistet sich einen Nerz- ober Persianermantel, wer sich höchstens mit dem Omnibus ober dem Mietwagen befördern läßt, begnügt sich mit dem echten Seal electric, unserem Stallhasen. Wenn aber behauptet wird, daß alle diese „Moden" nicht wandelbar seien, so muß doch auch ein Beweis dafür geliefert werden. Meist pflegt diese Frage allerdings nicht berührt zu werden; es genügt uns, zu wissen, wie hoch die Preise für alle möglichen Fleischsorten beim Metzger sind' und ob die Butter wieder teurer geworden ist. Daß die Haustiere nicht immer ans „Haus" gebunden waren, ist schon eine recht dunkle Erinnerung. Woher aber die Mode stammt, nur Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und — allenfalls — Pferde, unserem Küchenzettel einzuverleiben' ist ein wenig beachtetes Problem. Selbst die Beiträge, die das „Wild" der freien oder halbfreien Natur unserem Küchenzettel liefert, sind der Mode wenig unterworfen. Nicht einmal bei dem Wassergetier macht sich die Neuerungssucht, die dem Menschen sonst zugeschrieben wird, irgendwie bemerkbar. Er hält auch dabei an dem guten Alten sehr zähe fest; der „deutsche Kaviar" hat das russische Produkt immer noch nicht zu verdrängen vermocht. Freilich: andere Völker, andere Sitten. Wie Chinesen und viele Negerstämme fetten Hundebraten als Leckerbissen betrachten, südameri- kanische Indianer Ameisen rösten, so wird in manchen Gegenden Asiens das Pferd sehr bevorzugt. Ja, diese barbarische Sitte ist bei uns auch erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit ausgestorben, soweit sie nicht als alte Erinnerung noch fortlebt. Für den Historiker sind einige hundert oder tausend Jahre ja kein so unüberwindliches Hindernis. Im Mittelalter noch wurden die in ganz Europa lebenden Wildpferde eifrig gejagt und als begehrtes Wildpret betrachtet, wie heute ein guter Rehbraien. Im Jahre 732 erst begann man, die „heidnische" Gewohnheit des Pferdebratens zu bekämpfen; schrieb doch der damalige Papst Gregor III. an den heiligen Bonifazius, den Apostel der Deutschen: „Du hast einigen erlaubt, das Fleisch wilder Pferde zu essen, den meisten auch das zahmer. Von jetzt ab, heiliger Bruder, erlaube dies keinesfalls mehr." So schnell ließ sich dieser Gebrauch ober nicht ausrotten, und er ist ja noch in der Gegenwart nicht ganz ausgestorben. Denn die Benutzung des Pferdes als Wildbret ist uralt in des Wortes strengster Bedeutung. Ueberall, wo sich Kulturreste des Menschen seit seinem ersten Auftreten in Europa überhaupt vorfinden, das heißt seit der sog. älteren Steinzeit, sind auch Jagdreste des Pferdes in so großen Mengen vorhanden, daß man stellenweise die Knochen industriell verwerten konnte. Die Ansammlungen in biefen Kehrichthaufen des steinzeitlichen Menschen lassen sich nur dadurch erklären, daß das Pferd als Wildbret beliebter war als alle anderen Wildtiere: es ist ja wehrlos und war offenbar überall sehr zahlreich vorhanden. Doch allmählich ist es sehr gründlich verpönt worden, mit ähnlichem Erfolge, wie unser Hausschwein schon einige beträchtliche Jahrhunderte früher bei den Semiten Vorderasiens. Doch das Pferd ist in dieser Beziehung die einzige Ausnahme von unserer Küchen- und Kleidermode, wenn wir es überhaupt als Ausnahme anerkennen wollen. Als Jagdtier der Urzeit teilte es sein Schicksal mit dem Rinde, dem Schaf und der Ziege neben einigen anderen Tieren. In jener sicherlich schnupfenreichen Eiszeit, die in diesem Winter eine kleine Wiederholung erlebte, mußte der Mensch mit dem vorliebnehmen, was an wildem Getier zur Sättigung seiner Hungergefühle gerade vorhanden war. Trotzdem scheint jener Mensch, wenn er überhaupt viel Auswahl besaß, schon ziemlich wählerisch gewesen zu sein. Die erwähnten Müllhaufen seiner Siedelungen lassen zwei Arten von tierischen 3agb= reften erkennen, die heute noch als Nahrungsspender benutzten Arten, ferner einige kleinere Tiere, die offenbar in Beziehungen zur Kleidermode standen und sich in dieser Verwendung noch heute vorfinden: Biber, Fuchs, verschiedene Marderarten und -Formen, die nach der Eiszeit ausgestorben sind. Aber selbst unter den vielen Tieren der hohen Jagd ist eine merkwürdige Stetigkeit zu verzeichnen: Hirsche lieferten nicht nur ihr begehrtes Wildbret, sondern auch ihre Knochen und Geweihe zu allerlei Gerätschaften, wenn auch nicht zur Herstellung von Rauchgeräten und Kronleuchtern wie heute. Der Bär ist jetzt bei uns ausgestorben; Kenner versichern aber nach ausländischen Erfahrungen, daß nicht nur der Pelz außerordentlich praktisch sei, sondern auch, daß Bärentatzen ein sehr wohlschmeckendes Gericht liefern. Nicht weniger geschätzt war auch das Wildschwein oder vielmehr die verschiedenen Wildschweinformen, die nach der Eiszeit ganz Europa bevölkerten; bte Sauhatz muß dereinst eine viel größere Bedeutung gehabt haben als m der Gegenwart, wo die dringendsten Hungergefühle weit bequemer durch die zahmen Nachkommen des wilden Borstentieres befriedigt werden. Von Anfang an war diese Ausgestaltung des Küchenzettels ein durchaus männliches Gewerbe und vielleicht erklärt sich daraus die geringe Wandelbarkeit unseres ganzen Geschmackes. Denn selbst das natürlich nur zum Kältefchutz dienende Pelzwerk konnte nur als Nebenbetrieb der Jagd abfallen. Obwohl die meisten dieser kleineren Pelztiere in der Gegenwart noch vorhanden sind, hat sich die Menschheit aber nicht dazu entschließen können, sie in ihren Küchenzettel aufzunehmen, ja sie wurden nicht einmal der Zähmung für Wert erachtet. Erst ganz neuerdings Iw man infolge der immer anspruchsvoller werdenden Mode, in eigenen Pelztierfarmen zu retten, was nach zu retten ist. Für die ungcstorie Befriedigung der Nahrungsbedürfnisse haben schon unsere ältesten tir- vorfahren wohlweislich durch die Zähmung und reichliche Vermehrung von Rind, Schwein, Schaf und Ziege neben den erforderlichen Liess- ranten des sonntäglichen Huhns im Topfe gesorgt. Die Grundlagen unserer Kultur sind also nicht zufällig entstanden, und wenigstens dicwf des Essens und Trinkens hat schon seit Jahrtausenden wenig Wai lungen erfahren.