SietzeimZamilienbliitter UnterhaltungsbeilsZs zum Giehener Anzeiger ) chrgang <929 streitaHen Marz Hummer \I Für den Schreibtisch. Von Leo Sternberg. Pelzkätzchen, perlmuttern, rötlich und grün, fangen auf meinem Schreibtisch an zu blüh'n. Aus hessischem Steinzeug, wilden Geweih's, springt ein weitzer Hirsch. Darin steht das Reis: Ein Bündel Ruten in Irdengeschirr. Allein, aus dem besenkahlen Gewirr kommen so weich wie der Flaum der Maus sich plusternd die samtenen Pelzchen heraus. Man hat mir den Busch, wie beflockt von Schnee, vor die Rase gestellt, damit ich seh, daß auch an einem groben Span ein zarter Trieb nicht schaden kann. Unterm Birnbaum. Von Theodor Fontane. I. Vor dem in dem großen und reichen Oderbruchdorfe Tschechin um Michaeli 20 eröffneten Gasthaus und Materialwarengeschäft von Abel Hradscheck (so stand aus einem über der Tür angebrachten Schilde) wurden Säcke, vom Hausflur her, aus einen mit zwei magern Schimmeln bespannten Bauerwagen geladen. Einige von den Säcken waren nicht gut gebunden oder hatten kleine Löcher und Ritzen, und so sah man denn an dem, was herausfiel, daß es Rapssäcke waren. Aus der Straße neben dem Wagen aber stand Abel Hradscheck selbst und sagte zu dem eben vom Rad her auf die Deichsel steigenden Knecht: „Und nun vorwärts, Jakob, und grüße mir Oelmüller Quaas. Und sag ihm, bis Ende der Woche müßt' ich das Del haben, Leist in Wrietzen warte schon. Und wenn Quaas nicht da ist, so bestelle der Frau meinen Gruß und sei hübsch manierlich. Du weißt ja Bescheid. Und weißt auch, Kätzchen hält auf Komplimente." Der als Jakob Angeredete nickte nur statt aller Antwort, setzte sich auf den vordersten Rapssack und trieb beide Schimmel mit einem schläfrigen „Hüh" an, wenn überhaupt von Antreiben die Rede sein konnte. Und nun klapperte der Wagen nach rechts hin den Fahrweg hinunter, erst auf das Bauer Orthsche Gehöft samt seiner Windmühle (womit das Dorf nach der Frankfurter Seite hin abschloß) und dann aus die weiter draußen am Dderbruch-Damm gelegene Delmühle zu. Hradscheck sah dem Wagen nach, bis er verschwunden war, und trat nun erst in den Hausflur zurück. Dieser war breit und tief und teilte sich in zwei Hälften, die durch ein paar Holzsäulen und zwei dazwischen ousgespannte Hängematten voneinander getrennt waren. Rur in der Mitte hatte man einen Durchgang gelassen. An dem Vorflur lag nach rechts hin das Wohnzimmer, zu dem eine Stufe hinaufführte, nach links hin aber der Laden, in den man durch ein großes, fast die halbe Wand einnehmendes Schiebefenster hineinsehen konnte. Früher war hier die Verkaufsstelle gewesen, bis sich die zum Bornehmtun geneigte Frau Hradscheck das Herumtram- peln auf ihrem Flur verbeten und aus Durchbruch einer richtigen Ladentür, also von der Straße her, gedrungen hatte. Seitdem zeigte dieser Vorflur eine gewisse Herrschaftlichkeit, während der nach dem Garten hinausführende Hinterslur ganz dem Geschäft gehörte. Säcke, Zitronen- unb Apselsinenkisten standen hier an der einen Wand entlang, während an der andern übereinandergeschichtete Fässer lagen. Oelfässer, deren stattliche Reihe nur durch eine zum Keller hinunterführende Falltür un- (erbrochen war. Ein sorglich vorgelegter Keil hielt nach rechts und links hin die Fäsier in Ordnung, so daß die untere Reihe durch den Druck der obenaufliegenden nicht ins Rollen kommen konnte. So war der Flur. Hradscheck selbst aber, der eben die schmale, zwischen den Kisten und Oelfässern freigelassene Gasse passierte, schloß, halb ärgerlich halb lachend, die trotz seines Verbotes mal wieder offenstehende Falltür und sagte: „Dieser Junge, der Ede. Wann wird er seine fünf Sinne beisammen haben!" Und damit trat er vom Flur her in den Garten. Hier war es schon herbstlich, nur noch Astern und Reseda blühten zwischen den Buchsbaumrabatten, und. eine Hummel umsummte den Stammm eines alten Birnbaums, der mitten im Garten hart neben dem breiten Mittelsteige stand. Ein paar Möhrenbeete, die sich, samt einem schmalen mit Kartoffeln besetzten Äckerstrelfen, an eben dieser Stelle durch eine Spargelanlage hinzogen, waren schon wieder umgegraben, eine frische Luft ging, und eine schwarzgelbe, der nebenanwohnenden Witwe Jeschke zugehörige Katze schlich, mutmaßlich auf der Sperlingssuche, durch die schon hoch in Samen stehenden Spargelbeete. Hradscheck aber hatte dessen nicht Acht. Er ging vielmehr rechnend und wägend zwischen den Rabatten hin und kam erst zu Betrachtung und Bewußtsein, als er, am Ende des Gartens angekommen, sich umsah und nun die Rückseite seines Hauses vor sich hatte. Da lag es, tauber und freundlich, links die sich von der Straße her bis in den Garten hineinziehende Kegelbahn, rechts der Hof samt dem Küchenhaus, das er erst neuerdings an den Laden angebaut hatte. Der kaum vom Wind« bewegte Rauch stieg sonnenbeschienen auf und gab ein Bild von Glück und Frieden. Und das alles war fein! Aber wie lange noch? Er sann ängstlich nach und fuhr aus seinem Sinnen erst auf, als er, ein paar Schritte von sich entfernt, eine große, durch ihre Schwere und Reif« sich von selbst ablösende Malvasierbirne mit eigentümlich dumpfem Ton aufklatschen hörte. Denn sie war nicht auf den harten Mittelsteig, sondern auf eins der umgegrabenen Möhrenbeete gefallen. Hradschek ging daraus zu, bückte sich und hatte die Birne kaum ausgehoben, als er sich von der Seite her angerufen hörte: »Dag, Hradscheck. Joa, et wahr nu Stieb. De Malvefieren kürnmen all von fütmft.* Er wandte sich bei diesem Anruf und sah, daß seine Nachbarin, di« Jeschke, deren kleines, etwas zurückgebautes Haus den Blick auf feinen Garten hatte, von drüben her über den Himbeerzaun guckte. „Ja, Mutter Jeschke, 's wird Zeit", sagte Hradscheck. „Aber wer soll die Birnen abnehmen? Freilich wenn Ihre Sine hier wäre, die könnt« helfen. Aber man hat ja keinen Menschen und muß alles selbst machen." „Na, Se hebben joa doch den Jungen, den Ede." „3a, den hab' ich. Aber der pflückt bloß für sich." „Dat fall woll fien“, lachte die Alte. „Een in't Töppken, een in*t Kröppken." Und damit humpelte sie wieder nach ihrem Hause zurück, während auch Hradscheck wieder vom Garten her in den Flur trat. Hier sah er jetzt nachdenklich auf die Stelle, wo vor einer halben Stunde noch die Rapssäcke gestanden hatten, und in seinem Auge lag etwas, als wünsch' er, sie stünden noch am selben Fleck oder es wären neue statt ihrer aus dem Boden gewachsen. Er zählte dann die Fässer- reihe, rief, im Vorübergehen, einen kurzen Befehl in den Laden hinein und trat gleich danach in seine gegenüber gelegene Wohnstube. Diese machte neben ihrem wohnlichen zugleich einen eigentümlichen Eindruck, und zwar, weil alles in ihr um vieles besser und eleganter war, als sich's für einen Krämer und Dorfmaterialisten schickte. Die zwei kleinen Sofas waren mit einem hellblauen Atlasstoff bezogen, und an dem Spiegelpfeiler stand ein schmaler Trumeau, weißlackiert und mit Goldleiste. Ja, das in einem Mahagonirahmen über dem kleinen Klavier hängende Bild (allem Anscheine nach ein Stich nach Claude Lorrain) war ein Sonnenuntergang mit Tempeltrümmern und antiker Staffage, so daß man sich füglich fragen durfte, wie das alles hierherkomme? Passend war eigentlich nur ein Stehpult mit einem Gitteraufsatz und einem Guckloch darüber, mit Hilfe dessen man, über den Flur weg, auf das große Schiebefenster sehen konnte. Hradscheck legte die Birne vor sich hin und blätterte das Kontobuch durch, das aufgeschlagen auf dem Pulte lag. Um ihn her war alles still, und nur aus der halboffenstehenden Hinterstube vernahm er den Schlag einer Schwarzwälder Uhr. Es war fast, als ob das Ticktack ihn störe, wenigstens ging er auf die Tür zu, anscheinend um sie zu schließen; als er indes hineinsah, nahm er überrascht wahr, daß feine Frau in der Hinterstube saß, wie gewöhnlich schwarz aber sorglich gekleidet, ganz wie jemand, der sich auf Figurmachen und Toilettendinge versteht. Sie stocht eifrig an einem Kranz, während ein zweiter, schon fertiger, an einer Stuhllehne hing. „Du hier, Ursel! Und Kränze! Wer hat denn Geburtstag?" „Niemand. Es ist nicht Geburtstag. Es ist bloß Sterbetag, Sterbetag deiner Kinder. Aber du vergißt alles. Bloß dich nicht." „Ach, Ursel, laß doch. Ich habe meinen Kopf voll Wunder. Du mußt mir nicht Vorwürfe machen. Und dann die Kinder. Nun ja, sie sind tot, aber ich kann nicht trauern und klagen, daß fie’s sind. Umgekehrt, es ist ein Glück." „Ich verstehe dich nicht." „Und ist nur zu gut zu verstehen. Ich weiß nicht aus noch ein und habe Sorgen über Sorgen." „Worüber? Weil du nichts Rechtes zu tun hast und nicht weißt, wi« du den Tag hinbringen sollst. Hinbringen jag’ ich, denn ich will dich nicht kränken und von Zeit totschlagen sprechen. Ader, sage selbst, wenn drüben die Weinstube voll ist, dann fehlt dir nichts. Ach, das verdammte €ptef, das ewige Knöcheln und Tempeln. Und wenn du noch glücklich 1 piektest! Ja. Hradscheck, das muß ich dir sagen, wenn du spielen willst, o spiele wenigstens glücklich. Aber ein Wirt, der nicht glücklich spielt, muß davon bleiben, sonst spielt er sich von Haus und Hof. Und dazu das Trinken, immer der schwere Ungar, bis in die Nacht hinein." Er antwortete nicht, und erst nach einer Weile nahm er den Kranz, der über der Stuhllehne hing, und sagte: „Hübsch. Alles, was du machst, hat Schick. Ach, Ursel, ich wollte, du hättest bessere Tage." Dabei trat er freundlich an sie heran und streichelte sie mit seiner weißen, fleischigen Hand. Sie lieh ihn auch gewähren, und als sie, wie beschwichtigt durch seine Liebkosungen, von ihrer Arbeit ausfah, sah man, daß es ihrer Zeit eine sehr schöne Frau gewesen sein mußte, ja, sie war es beinah noch. Aber man sah auch, daß sie viel erlebt hatte. Glück und Unglück, Lieb' und Leid, und durch allerlei schwere Schulen gegangen war. Er und sie machten ein hübsches Paar und waren gleichaltrig, Anfang vierzig, und ihre Sprech- und Verkehrsweise lieh erkennen, daß es eine Neigung gewesen sein mußte, was sie vor länger oder kürzer zusammengesührt hatte. Der herbe Zug, den sie bei Beginn des Gesprächs gezeigt, wich denn auch mehr und mehr, und endlich fragte sie: „Wo drückt es wieder? Eben hast du den Raps weggeschickt, und wenn Leist das Del hat, hast du das Geld. Er ist prompt auf die Minute." „Ja, das ist er. Aber ich habe nichts davon, alles ist bloß Abschlag und Zins. Ich steckte tief drin und leider am tiefsten bei Leist selbst. Und dann kommt die Krakauer Geschichte, der Reisende von Olszewski-Goldschmidt & Sohn. Er kann jeden Tag da fein." Hradscheck zählte noch anderes auf, aber ohne daß es einen tieferen Eindruck auf feine Frau gemacht hätte. Vielmehr sagte sie langsam und mit gedehnter Stimme: „Ja, Würfelspiel und Vogelstellen ..." „Ach, immer Spiel und wieder Spiel! Glaube mir, Ursel, es ist nicht so schlimm damit und jedenfalls mach' ich mir nichts draus. Und am wenigsten aus dem Lotto; 's ist alles Torheit und weggeworfenes Geld, ich weiß es, und doch hab' ich wieder ein Los genommen. Und warum? Weil ich heraus will, weil ich heraus muß, weil ich uns retten möchte." „So, so", sagte sie, während sie mechanisch an dem Kranze weiter flocht und vor sich hin sah, als überlege sie, was wohl zu tun sei. „Soll ich dich auf den Kirchhof begleiten", frag er, als ihn ihr Schweigen zu bedrücken anfing. „Ich tu's gern, Ursel. * Sie schüttelte den Kopf. „Warum nicht?" „Weil, wer den Toten einen Kranz bringen will, wenigstens an sie gedacht hoben muß." Und damit erhob sie sich und verlieh das Haus, um nach dem Kirchhof zu gehen. Hradscheck sah ihr nach, die Dorfstrahe hinauf, auf deren roten Dächern die Herbstsonne flimmerte. Dann trat er wieder an fein Pult und blätterte. U. Eine Woche war seit jenem Tage vergangen, aber das Spielglück, das sich bei Hradscheck einstellen sollte, blieb aus und das Lottoglück auch. Trotz alledem gab er das Warten nicht auf, und da gerade Lotterieziehzeit war, kam das Viertellos gar nicht mehr von feinem Pult. Es stand hier auf einem Ständerchen, ganz nach Art eines Fetisch, zu dem er nicht müde wurde, respektvoll und beinah mit Andacht aufzublicken. Alle Morgen sah er in der Zeitung die Gewlnnummern durch, aber die seine fand er nicht, trotzdem sie unter ihren fünf Zahlen drei Sieben hatte und mit sieben dividiert glatt ausging. Seine Frau, die wohl wahrnahm, daß er litt, sprach ihm nach ihrer Art zu, nüchtern aber nicht unfreundlich, und drang in ihn, „daß er den Lotteriezettel wenigstens vom Ständer her- unternehmen möge, das verdrösse den Himmel nur und wer dergleichen täte, kriege statt Rettung und Hilfe den Teufel und seine Sippschast ins Haus. Das Los müsse weg. Wenn er wirklich beten wollte, so habe sie was Besseres für ihn, ein Marienbild, das der Bischof von Hildesheim geweiht und ihr bei der Firmelung geschenkt habe." Davon wollte nun aber der beständig zwischen Aber- und Unglauben hin- und herlchwankende Hradscheck nichts wissen. „Geh mir doch mit dem Bild, Ursel. Und wenn ich auch wollte, denke nur, welche Bescherung ich hätte, wenn's einer merkte. Die Bauern würden lachen von einem Dorf* ende bis ans andere, selbst Orth und Igel, die sonst keine Miene verziehen. Und so blieb denn das Los auf dem Ständer, und erst als die Ziehung vorüber war, zerriß es Hradscheck und streute die Schnitzel in den Wind. Er war aber auch jetzt noch, all seinem spöttisch-überlegenen Gerede zum Trotz, so schwach und abergläubisch, daß er den Schnitzeln in ihrem Fluge nachsah, und als er wahrnahm, daß einige die Straße hinaus bis an die Kirche geweht wurden und dort erst niederfielen, war er In seinem Ge- müte beruhigt und sagte: „Das bringt Glück." Zugleich hing er wieder allerlei Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seiner Phantasie jetzt häusiger kamen. 2(ber er hatte noch Krast genug, das Netz, das ihm diese Gedanken und Vorstellungen Überwerfen wollten, wieder zu zerreißen. „Es geht nicht." Und als im selben Augenblick das Bild des Reisenden, dessen Anmeldung er jetzt täglich erwarten mußte, vor seine Seele trat, trat er erschreckt zurück und wiederholte nur so vor sich hin: „Es geht nicht." ♦ So mar Mitte Oktober herangekommen. Im Laden gab es viel zu tun, aber mitunter war doch ruhige Zeit, und dann ging Hradscheck abwechselnd in den Hof, um Holz zu spellen, oder in den Garten, um eine gute Sorte Tischkartosseln aus der Erde zu nehmen. Denn er war ein Feinschmecker. Als aber die Kartoffeln heraus waren, fing er an, den schmalen Streifen Land, darauf sie gestanden, umzugraben, Ueberhaupt wurde Graben und Gartenarbeit mehr und mehr seine Lust, und die mit dem Spaten in der Hand verbrachten Stunden waren eigentlich feine glücklichsten. Und so beim Graben war er auch heute wieder, als die Jeschke, wie gewöhnlich, an die die beiden Gärten verbindende Heckentür kam und ihm zusah, trotzdem es noch früh am Tage war. „De Düffeln sinn joa nu rat, Hradscheck." „Ja, Mutter Jeschke, seit vorgestern. Und war diesmal ’ne wahre Freude; mitunter zwanzig an einem Busch und alle groß und gesund." „Joa, joa, wenn een’s Glück hebben soll. Na, Se hebben't Hradscheck. Se hebben Glück bi de Tüffeln un bi de Malvesieren ook. I, Se müten joa woll ’n Scheffel ’runnerpslückt hebb'n." „D mehr, Mutter Jeschke, viel mehr." „Na, bereden Se't nich, Hradscheck. Nei, nei. Man satt nix bereden. Ook fien Gluck nich." Und damit lieh sie den Nachbar stehen und humpelte wieder aus ihr Haus zu. Hradscheck aber sah ihr ärgerlich und verlegen nach. Und er hatte wohl Grand dazu. War doch die Jeschke, so freundlich und zutulich sie tat, eine schlimme Nachbarschaft und quacksalberte nicht bloß, sondern machte auch sympathetische Kuren, besprach Blut und wußte, wer sterben würde. Sie sah dann die Nacht vorher einen Sarg vor dem Sterbehause stehen. Und es hieß auch, „sie wisse, wie man sich unsichtbar machen könne", was, als Hradscheck sie seinerzeit danach gefragt hatte, halb von ihr bestritten und bann halb auch wieder zugcstanden war. „Sie wisse es nicht; aber das wisse sie, das frisch ausgelassener Lammta'g gut fei, versteht sich von einem ungeborenen Lamm und als Licht über einen roten Wollfaden gezogen; am besten aber sei Farnkrautsamen in die Schuhe ober Stiefel geschüttet." Und bann hatte sie herzlich gelacht, worin Hradscheck natürlich einstimmte. Trotz dieses Lachens aber war ihm jedes Wort, als ob es ein Evangelium mär’, in Erinnerung geblieben, vor allem das „ungeborne Lamm" und der „Farnkrautsamen". Er glaubte nichts davon und auch wieder alles, und wenn er, seiner sonstigen Entschlossenheit unerachtet, schon vorher eine Furcht vor der alten Hexe gehabt hatte, so nach dem über das sich Unsichtbarmachen noch viel mehr. Und solche Furcht beschlich ihn auch heute wieder, als er sie, nach dem Morgengeplauder über die „Tüffeln" und die „Malvesieren", in ihrem Hause verschwinden sah. Er wiederholte sich jedes ihrer Worte: „Wenn een’s Glück hebben fall. Se hebben't joa, Hradscheck. Awers bereden Se't nich." Ja, so waren ihre Worte gewesen. Und was war mit dem allem gemeint? Was sollte dies ewige Reden von Glück und wieder Glück? War es Neid ober wußte sie's besser? Hatte sie boch vielleicht mit ihrem Hokuspokus ihm in die Karten geguckt? Während er noch so sann, nahm er den Spaten wieder zur Hand und begann rüstig weiter zu graben. Er warf dabei ziemlich vie< Erde heraus und war keine fünf Schritte mehr von dem alten Birnbaum, auf den der Ackerftreifen zulief, entfernt, als er auf etwas stieß, das unter dem Schnitt des Eisens zerbrach und augenscheinlich weder Wurzel noch Stein war. Er grub also vorsichtig weiter und sah alsbald, daß er auf Arm und Schulter eines hier verscharrten Toten gestoßen war. Auch Zeug- refte tarnen zutage, zerschlissen und gebräunt, aber immer noch farbig und wohlerhalten genug, um erkennen zu lassen, daß es ein Soldat gewesen fein müsse. Wie tarn der hierher? Hradscheck stützte sich auf die Krücke feines Grabscheits und überlegte. „Soll ich es zur'Anzeige bringen? Nein. Es macht bloß Gekkätsch. Und keiner mag einkehren, wo man einen Toten unterm Birnbaum gesunden hat. Also besser nicht. Er kann hier weiter liegen.“ Und damit warf er den Armknochen, den er ausgegraben, in die Grube zurück und schüttete diese wieder zu. Während dieses Zuschüttens aber hing er all jenen Gedanken und Vorstellungen nach, wie sie seit Wochen ihm immer häufiger kamen. Kamen und gingen. Heut aber gingen sie nicht, sondern wurden Pläne, die Besitz von ihm nahmen und ihn, ihm selbst zum Trotz, an die Stelle bannten, auf der er stand. Was er hier zu tun hatte, war getan, es gab nichts mehr zu graben und zu d)ütten, aber immer noch hielt er das Grabscheit in der Hand und sah ich um, als ob er bei böser Tat ertappt worden wäre. Und fast war es o. Denn unheimlich verzerrte Gestalten (und eine davon er selbst) um* drängten ihn so faßbar und leibhaftig, daß er sich wohl fragen durfte, ob nicht andere da wären, die diese Gestalten auch sähen. Und er lu-cke wirklich nach der Zaunstelle hinüber. Gott sei Dank, die Jeschke mar nicht da. Aber freilich, wenn sie sich unsichtbar machen und sogar Tote sehen konnte, Tote, die noch nicht tot waren, warum sollte sie nicht die Gestalten sehen, die jetzt vor seiner Seele standen? Ein Grauen überlies ihn, nicht vor der Tat, nein, aber bei dem Gedanken, daß das, was eift Tat werden sollte, vielleicht in diesem Augenblicke schon erkannt und verraten war. Er zitterte, bis er, sich plötzlich aufraffend, den Spaten wieder in den Boden stieß. „Unsinn. Ein dummes altes Weib, das gerade klug genug ist, noch Dümmere hinters Licht zu führen. Aber ich will mich ihrer schon wehren, ihrer und ihrer ganzen Totenguckerei. Was ist es denn? Nichts. Sie sieht einen Sarg an der Tür stehen, und bann stirbt einer. Ja, sie sagt es, aber sagt es immer erst, wenn einer tot ist ober keinen Atem mehr hat ober bas Wasser ihm schon ans Herz stößt. Ja, bann kann ich auch prophezeien. Alte Hexe, bu sollst mir nicht weiter Sorge machen. Aber Ursel! Wie bring’ ich's ber bei? Da liegt der Stein. Und wissen muß sie's. Cs müssen zwei sein ..." Und er schwieg. Bald aber fuhr er entschlossen fort: „Ah, bah, es wird sich finden, weil sich's finden muß Not kennt kein Gebot. Und was sagte sie neulich, als ich das Gespräch mit ihr hatte? „Nur nicht arm fein ... Armut ist das Schlimmste." Daran halt' ich sie; damit zwing ich sie. Sie muß wollen " Und so sprechend, ging er, das Grabscheit geroefjrüber nehmend, wieder auf oas Haus zu. (Fortsetzung folgt.) Die PerfonNchKett in der tzandschrist. Don der Schulschrisl zur Lharcckker-Schrift. Von Dr. K. Brauch. Die Schrift des Erwachsenen hat drei Wurzeln. In der Schule lernt er die , Normalschrist, die diesetde Grundform bei den Völkern des Abendlandes hat, aber bei jedem Volt einen anderen Typ in den Nebenzügen aufweist. Wit der Grundform übernimmt also der Mensch die Schrift feiner Nation, und Sprachgemeinschaft. In seinen Reifejahren, in denen sich seine Seele ,ur Individualität und zu einen, eigenartigen Charakter bildet, in denen - -er Mensch sich selbst findet, macht ein jeder seine eigenen Versuchs in Gedichten und in seiner Schrift. Die Unterschrift z.B. soll seine Unterschrift fein, in Zug und Form unnachahmlich und ganz dem persönlichen B:dürfnis entsprungen. Mühsam-schwungvolle Schnörkel oder kraftvoll- lapidare gekürzte Strichführung zieren diese Schöpfungen der gärendreifenden Persönlichkeit. Sie sind aber meist nicht so selbstgewachfen, wie sie sich geben. Aus psychologisch leicht verständlichen Gründen ist bewußt und unbewußt gerade in diesem Alter der Lebensentfaltung der Führer, das Vorbild, von großem Einfluß und die meiften Ausschmückungen oder Vereinfachungen find irgendwo, abgesehen bei einer Persönlichkeit, die in der jugendlichen Phantasie eine maßgebende Rolle spielt. Jedenfalls hat der Jugendliche mit der Uebernahme des Vorbilds einen bestimmten, ihm zusagenden Typus gewählt, hat Stellung genommen in einer Bewertung von Schristformen. Wo der Mensch über eine Sach« ein Werturteil fällt, sie annimmt oder ablehnt, kommt stets seine Individualität zum Vorschein. Das Gefallen oder Nichtgefallen läßt sich stets aus den einzigen Grund zurück- Sren, daß nämlich diese bestimmte Form dem individuellen Form- iihl, dem ganzen Denken, der ganzen Seelenstniktur am meisten ange- paßt ist. Nehmen wir nur den Unterschied der lateinischen und deutschen Schristzeichen. Mancher wird gewiß einwenden, daß es ein ganz äußerlicher Grund war, aus dem er dazu gekommen ist, z. B. die lateinische Schrift als seine Gebrauchsschrift zu verwenden. Das ist selbstverständlich möglich, daß jemand die deutschen oder gotischen Schristzeichen verwendet nur deswegen, weil er nur diese Schriftart, in der Jugend geübt hat. Aber der Graphologe wird in der einen Schriftart Merkmale finden, die seelisch zu einer anderen gehören, er wird von mancher lateinischen Schrift sagen,' daß sie eigenllich eine deutsche ist und umgekehrt. Das ■ Entscheidende ist die hinter den Schriftformen stehende Seelen- stru'tur, welche bewußt oder unbewußt gerade diese Schriftzüge wählt und sie in einer bestimmten Art ausführt. Daß es so sein muh, daß die Individualität in den Formen der Schriftzeichen in Erscheinung tritt, ist das Problem aller Graphologie als Wissenschaft. Sie sucht die Gründe, welche den innigen Zusammenhang zwischen Schriftbild und Persönlichkeit notwendig machen. Ludwig K l a g e s, der Hauptvertreter der modernen wissenschaftlichen Graphologie findet den Grund in dem Phänomen des Ausdrucks. Er sagt: das Schreiben ist eine Bewegung, welche vom Individuum hervorgebracht wird. So gewiß, wie jedes Individuum vom anderen verschieden ist. so sicher ist auch jede lebendige Bewegung, die durch einen inneren seelischen Impuls veranlaßt und nicht durch nur äußeren Zwang vorgeschrieben ist, von der Gestaltungskraft und dem Ablauf dieses individuell-seelischen Geschehens in einer Abhängigkeitsbeziehung. Die Abhängigkeitsbeziehung ist die des Ausdrucks. Form und Ablauf einer lebendigen Bewegung find der Ausbri'ck einer gestaltenden Kraft. Wer die Bewegung in ihrer Geschwindigkeit und Kraft, in der Gestalt und dem Rhythmus nachzuerleben und nachzufühlen versteht, dem ist sie mehr als nur Zeichen eines seelischen Lebens, sondern das seelische Leben selbst in fixierter Form. Mit dem Sinn der geschriebenen Worte vertraut der Briesschreiber seine Gedanken und Begriffe dem Papier an, mit der Schreibbewegung aber offenbart er sein ganzes seelisches Sein, fein Temperament, seine Triebkräfte, [eine Ideale, feine Begabung, seine Sehnsucht und sein Leid. Die ganze Persönlichkeit liegt in ihrer Schrift, weil die fließende Bewegung das ganze seelische Leben widerfviegelt, so gewiß eine jede von innen kommende freie Bewegung des Körpers, wie Mienenspiel und Geste, den Impuls und die Tendenz offenbart. Die Theorie von Klages ist in der Tat grundlegend und macht eine wissenschaftliche Graphologie erst möglich. Sie ist unumstößlich, weil sie auf das Gewisseste und Unmittelbarste unseres Seins aufbaut, auf der Tatsache unseres Lebens. (Eine andere Richtung der Graphologie verfügt über ein ebenso unumstößliches Fundament. Es entdeckt zu haben, ist das große Verdienst von Rafael Schermann. Sein Ausgangspunkt ist aber nicht die Schreib- beweaung, sondern dos Schreibbild, die einzelne Form. Die Form eines Buchstabens, das Bild eines Schnörkels, ist etwas in sich Abaefchloslenes, ebenso wie eine ganze Buchstabengrnppe ein geschlossenes Bild darstellen kann. Das Wort „Bild" ist aber ganz wörtlich zu nehmen. Wie der Künstler ein Bild auf die Leinwand bringt, das fein ganzes Wesen und feine ganze Seele erfüllt, wie es ihm ein Bedürfnis ist, das Innere m äußerer Form mögstchst abäquat darzustellen, so ist jeder Mensch in feiner Schrift ein Künstler. Jeden Menschen treibt ein plastisches Bedürfnis beim Schreiben. Die Bilder feines Inneren projiziert er auf das Papier, und die Schristformen sind mehr als Buchstabenzeichen, sie sind „Symbole" seelisch-geistiger Gedankenmassen, seien es Ziele des Wollens, oder scheue Pbantasmen, Sinngehalte des beruflich-werktötiaen oder des scköpserisch-geistigen Schossens. Symbole sind abgeschlossene Bilder, denen Wan nicht die sie hervorbringende Bewegung nachsiihlt, die man vielmehr nur als Ganzes schauen kann. Das Entscheidende bei dieser Theorie Iß die Intuition, welche das Symbol schlechthin sieht und erlernt. (Eine Form allein kann dem intuitiven Graphologen einen .zentralen Gedanken- kompler enthüllen, von dem aus er tiefer in die Seele einzudringen vermag, als die Graphologie der Bewegung. Dafür ist auch die Intuition, das Erschauen be« Bedeutungsgehaltes im Symbol, eine persönliche, faü, nicht erlernbare Begabung, deren Verwandtschaft mit telepathischen Phänomenen zwar sehr ungewiß und umstritten ist. Die ganz unbezweifelbaren Erfolge von Rafael Schermann stntz allein Beweis genug, daß feine Grundlage ebenfo berechtigt ist, wie die von Ludwig Klages. Und der Unterfchied ist auch gar nicht unüberbrückbar. Beide Haden ja den gleichen Ausgangspunkt, nämlich die lebendige Persönlichkeit, zu deren Wefen ein Drang, ein Bedürfnis gehört nach Ausdruck. Klages geht dem Werden des Ausdrucks, der Bewegung, nach und sucht ihre Gesetze und ihre Impulse nachzuempsinden und zu deuten. Rafael Schermann sieht den fertigen Ausdruck, das Symbol, er erfaßt die Gestalt und chren Sinn und weiß dann auch das Urbild in der Seele des Menschen. Wenn den beiden Wegbereitern der wissenschaftlichen Gra- . phologie 6er eine den anderen auch nicht fo sehr schätzen mag, und jeder naturgemäß in seine eigene Methode das größte Vertrauen hat, so muß der praktisch arbeitende wissenschaftliche Graphologe doch jedem Gerechtigkeit widerfahren lassen. Klages und Schermann sind beide bahnbrechend, beider Gedanken geben dem wissenschaftlich gebildeten Praktiker für lange Jahre noch viel zu tun und zu erproben, und er wird auch jedem danken für seine Leistung, die ein kritisches Arbeiten in der Graphologie ermöglicht. Denn jeder hat bewiesen, durch Theorie und bis Praxis, daß in der Schrift die Persönlichkeit lebt. Die Stabt der Affen und Eichhörnchen. Indischer Heifebtief. Bon Anton Liibke. Wer Bombay, die indische Millionenstadt, Zentralpunkt des Baumwollbandeis und rapiden Menschenzuwachses, sah. glaubt, Indien gesehen zu haben. Religiöser Kult, Seltsamkeiten und Wunder begegnen hier auf Schritt und Tritt. Und doch gibt diese Stabt nur eine blasse Vorstellung indischen Lebens, indischer Kultur und Gebräuche. Was sich, hier in den Eingeborenenvierteln, die in ihrem Hasten und Treiben nie zur Ruhe kommen, abjpielt, ist schon durchdungen von europäischer Zivilisation. Kinos und europäische Theater, Autos und europäische Kleidung verdrängen mit Vel^menz das alte Indien in Bombay und setzen an seine Stelle den Geist europäischer Zivilisation. Wer Indien kennenlernen will, muh ins Innere fahren, zu jenen seit- fatnen Städten, wo noch nicht der Arm des europäischen Kultivators tiefe Rinnen in eine alte festgewurzelte Kultur gegraben hat. Hier ist das Leben noch seltfam und grotesk, hier haben die Götter Indiens noch ihren prunkvollen Glanz, hier leuchten die Farben noch glutvoll, hier ist der eingeborene Mensch noch mit seiner Erde verwachsen und spricht die Sprache seiner Urväter, wie sie vor Tausenden von Jahren gesprochen wurde. Es lebt in diesem Menschen noch eine gewisse naive Kindlichkeit, etwas Unbefangenes, das unsere Zivilisation bewundert, wie wir ihr Alter, ihre Farbigkeit, ihre Formen und Gebräuche bewundern. Der Weg von Bombay führt nordwärts, um zu einer solchen echt indischen Stadt zu gelangen. Ein Schnellzug fährt in schnellem Tempo während einer langen Nacht zehn Stunden am Gols von Camby entlang in nördlicher Richtung. Die Januarhitze Bombays verschwand, je mehr man sich dem dreißigsten Breitengrad näherte. Der Morgen, der ins Abteil schien, war kalt und frostig, ganz anders als die warmen Morgen» stunden, die man von Bombay her gewöhnt war. Ahmedabad, di« einstige mittelalterliche Millionenstadt zur Zeit der Großmogulherrjchast war erreicht. Zwei hochragende merkwürdige Türme direkt am Bahnhof fallen ins Auge und geben davon Kunde, daß hier einst ein herrlicher Palast gestanden hat, ehe die Maharattenkärnpfe den Verfall der glanzenden Stadt brachten. Ahmedabad ist eine der merkwürdigsten Stabte Indiens: ohne sie gefehen zu haben, würbe man inbifches Leben nicht öollftänbig gesehen haben. Sie ist noch fast unberührt von europäischem Einfluß obwohl sie über eine Viertelmillion Einwohner zahlt. Der größte Teil ber Bewohner setzt sich aus Hindus zusammen, in weitem Abstande folgen Mohammedaner und Iainos, letztere die reichen Geldf Verleiher der Stadt. Durchfährt man mit den merkwürdigen zweirädrigen Karren, die mit buntoeschmückten und fchellenbehangenen Pferden bespannt sind, daq Straß°ngewühl, wird einem bei jedem neuen Ausblick offenbar, daß diese Stöbt eine reiche Vergangenheit hinter sich hat. Eine bitte Mauers ble von plumpen unb boch stilvollen Türmen durchbrochen wird, gibt ber Stabtarrfiiteftur einen mittelalterlichen, festungsartigen Charakter. Der Palast Az am Khan, jetzt ein Gefängnis, ragt wie eine trutzige Festung über bis Stabt heraus. Wunbervolle Moscheen unb Hinbutempcl, bereit prachtvoller Stil sich kontrastreich abhebt von dem fast armselipen Leben ber Stabt, gibt bem Frembling viel zu sehen. Es ist in diesen gewaltigen, architekturreichen Tempeln und Gebäuden der Abglanz einer Zeit zu spüren, in ber bie Stabt noch burch Macht hervorragte. Heute scheint sie sich zu neuer Blüte emporzuarbeiten durch die zahlreichen Baumwollspinnereien. , . ,,, „„ ,. Charakteristisch für Ahmedabad Ist die mohammedanische Moschee Iama Masjid, die eine eigentümliche Vermischung sarazenischer und hin- dustischer Bauweise aufweist, fünfzehn Kuppeln besitzt und von 252 bünnen Säulen getragen wird. Dieser Säutenreiditum gibt dieser Moschee etwas geheimnisvoll Stilles und zugleich Ehrwürdiges. Ganz aus weißem Marmor ist der große Iainatempel, der einen ungemeinen Skulpturenreichtum gufroeift. Wie die meisten großen Indischen Tempel hat auch d-r Iainatempel in seinem gerämniaen Vorhof einen Badeplatz für die Pilaer welche bas Heiligtum auffuchen. In großer Zahl begegnet man in diesem Tempel b?n heiligen Tirthankars, die meist mit einem Emblem nackt barneftellt werben. . .. , . Die Religion der Iainos, der dieser TemvA gehört, ist da« Wesen von Ahmebobob trnü^em bie Iainos bie starke Minderheit der Stabt blwen, ober wie bie Parsen in Bombay bie reichsten Leute von Ahmebabod sinb Die Iainos sind der buddh ttiseben Lehre verwanbt. bescwber« in ihrem Gottosbienst, aber in ihrer philosophischen Muffaffimn vorn Menschen geuubv«rsckü«ben Die Jaino« glauben an bie substanzielle E-Üstrnz der Seele, bie Bi'bbba nicht anerkannte, und an den Zustand der Seelen nach i bem Tobe de« Körpers als ein friedvo'les Fortleben im Himmel ber i Jainas. Im Himmel gewinnt bie Seele ihr wahres aus Erkenntnis be- stehendes Wesen, das sie bei dem Austritt der Wanderung aus einem Körper in den anderen eingebüßt hat, zurück und genießt es jetzt in alle Ewigkeit. Askese, ja selbst freimütiger Hungertod, Bilderverehrung und wenig Toleranz gegen Andersgläubige zeichnen die Jainas aus. Wie den Buddhisten zeichnet in noch hervorragenderem Maße den Ininas auch ihre große Fürsorge für die Tiere und deren Schonung aus. Schon in Bombay, wie überhaupt in ganz Indien, ist die heilige Kuh in allen Straßen zu finden. Tierasyle, wo alte Tiere bis zu ihrem Ende verpflegt werden, findet man überall. Aber für Ahmedabad ist eine geradezu ängstliche Fürsorge für die Tierwelt charakeristifch. Neben einer erstaunlichen Fülle von Krähen und bunten Vögeln ist in dieser Stadt das Eichhörnchen und der Affe heimisch. In allen Gärten, auf öffentlichen Plätzen, an den skulpturenreichen Maüern der Tempel, an den Türmen der Moscheen, auf den Dachfirsten der Häuser, die wie nirgendwo in Ahmedabad mit bunten Schnitzereien versehen sind, huschen die flinken Tierchen heraus und herab, unbekümmert um die Menschen und den lauten Verkehr. Niemand wird es einfallen, eines von diesen munteren Tierchen zu töten. Es scheint das Privileg dieser Stadt zu sein, die Tiere in ihre besondere Obhut genommen zu haben. Weit merkwürdiger sind noch die zahlreichen Affen, welche die totabt und ihre Umgebung zu Tausenden bevölkern. Wenn man die Bai Harirs Wav, eine merkwürdige Brunnenanlage, welche aus dem Jahre 1500 stammt, zur Bewässerung von Gärten dient, und zugleich als heiliger Ort gilt, oder den prachtvollen Kamkaryasee, einer der größten Zierteiche Indiens, besucht, begegnen einem die Affen in ganzen Rudeln. Scharenweise bevölkern sie die dichten Bäume, schreien, beißen und lausen sich. Beim Näherkommen des Fremden warnen sie sich gegenseitig oder zeigen neckisch ihren Artgenossen das Futter, das man ihnen hinwirft. Eingeborene locken die langgeschwänzten Tiere mit dem Rufe „Haus-Hau" und verabreichen ihnen frischen Buchweizenpfannkuchen, den sie dann aus der Hand fressen. Aber erst nach stundenlangem Warten gelang es mir, die sonst sehr scheuen Tiere aus die Photoplatte zu bekommen. Ueberall sind besonders für die zahlreichen Eichhörnchen und Tauben Nistgslegenheiten und Futterplätze errichtet. Bei den Tempeln findet man zahlreiche, architektonisch sehr fein ausgeführte Futterplätze, die sich dem Stile der Tempel anpaffen. An Bäumen und Häusersimsen hängen die Heinen Futtertröge zu Hunderten. Daß die Tiere diese Fürsorge mit einer sehr starken Vermehrung beantworten, ist erklärlich. Von einer unendlichen Buntheit und Bewegtheit ist das Straßenleben. Büffel, Esel und Pferde sind neben den Autos, die bei weitem nicht fo prächtig sind wie in Bombay, die Tiere, welche den Verkehr und die Maschine bewegen. Der Büffel dreht das Rad der primitiven Mühlen und zieht die schwerfälligen Karren; der Esel trägt geduldig aus seinem Rücken alle Lasten. Vereinzelt tritt auch ein Kamel auf. Zum ersten Male sah ich hier einen Elefanten. Es war schon etwas dämmrig in den Straßen. Ein Klingeln und Stampfen weckte mich plötzlich aus meinem Sinnen und Betrachten auf. Durch die Straße schob sich schellenklirrend und stampfend der schwarze Riesenleib eines Elefanten. Weiß leuchteten die weißen, riesenhaften Stoßzähne und von dem mächtigen Rucken blickte hochmütig der Führer aus die Armseligkeit im Straßenstaub hinab — es war ein Märchenbild von ungewöhnlicher Schönheit, das, so schnell es gekomen war, in der blauen Dämmerung wieder verschwand. Es war wie ein Traum und Wunder zugleich, die einem die ganze Größe, die Rasse und den Zauber Indiens offenbarte, und ein Erlebnis, das man so leicht nicht wieder vergißt. Zugftcherung in Eis und Schnee. '• Von Dipl.-Jng. vr. Arthur Hamm. Kürzlich ist wieder ein schweres Eisenbahnunglück durch Uebersahren des Haltesignals passiert, das auf die Vereisung der Lokomotivfenster durch den strengen Frost zurückzuführen war. Dies zeigt von neuem deutlich, wie notwendig es ist, Signalsysteme zu ersinnen, die unabhängig von der Aufmerksamkeit des Lokomotivführers, unabhängig von Witterungsverhältnissen, unter allen Umständen es ermöglichen, Züge zu zwingen, die Streckensignale zu beachten, und ein Ueberfähren des Signals unbedingt verhindern. Es gibt dazu eine Anzahl Verfahren, die zumeist auf der Einwirkung magnetischer Felder beruhen, die sich zwischen den aus der Strecke zwischen den Gleisen eingebauten Uebertragungsorganen und dem Empfangsorgan auf dem fahrenden Zuge spannen. In den Vereinigten Staaten find auch elektrisch-optische Systeme entwickelt worden, die indessen zu verwickelt sind, um dem praktischen Eisenbahnbetriebe zu genügen. Mechanische Ugbertragungen haben im allgemeinen versagt. Neuerdings ist nun in Deutschland ein optisch-elektrisches Verfahren entwickelt worden, das sich auf Versuchsfahrten sehr ausgedehnten Umfanges fo vollkommen bewährt hat, daß die Deutsche Reichsbahn es jetzt bei einem großen Teile ihres Streckennetzes einführt, das auch nicht nur die Aufgabe erfüllt, einen Zug zum Halten zu bringen, der ein Signal üb erfährt, sondern es auch gestattet, die Zuggefchwindig- keit*zu kontrollieren, also die Ueberschreitung corgefdjriebener Höchstgeschwindigkeiten zu verhindern. Die Wichtigkeit dieser Ausgabe leuchtet ein, wenn man daran denkt, daß mehrere schwere Fälle von Zugentgleisung im vergangenen Jahre auf zu hohe Geschwindigkeit in Kurven zurückzuführen waren. Die Folgen sind dabei um so katastrophaler, als im Augenblicke der Entgleisung die Geschwindigkeit besonders groß ist. Alle optisch-elektrischen Systeme beruhen auf der Verwendung lichtempfindlicher Zellen, entweder Selenzellen ober einer der in der Bildtelegraphie gebräuchlichen Zellen. Das Hindernis, sie für diesen Zweck anzuwenden, war der Umstand, daß die Selenzelle im allgemeinen sehr unbeständig ist und ihre Eigenschaften sehr schwanken, während die viel empfindlicheren und gleichmäßigeren Zellen, die die Bildtelegraphie verwendet, den Erschütterungen des Eisenbahnbetriebes nicht gewachsen sind. Das eingangs. erwähnte System war deshalb erst bann möglich, als es gelang, eine durchaus zuverlässige und in ihren Eigenschaften konstant- Selenzelle zu konstruieren. Das Ziel der Arbeit, die von Reichsbahnrat Dr. Böseler geleistet wurde, war eine Zugbeeinflussung, die nicht nur das Uebersahren auf Halt stehender Signale, sondern auch das unvorschriftsmäßig schnelle Fahren mit Sicherheit verhindert. Es wäre noch wünschenswerter, wenn man die Einrichtung so verfeinern könnte, daß schnell und langsam sah. rende Züge, also z. B. v-Züge und Güterzüge, in verschiedener Weise beeinflußt werden, so wie es durch einige amerikanische Systeme möglich ist Die dazu aufzuwendenden Mittel sind aber dann schon derartig kompliziert, daß die Sicherheit des Arbeitens kaum noch gewährleistet ist Reichsbahnrat Dr. Bäseler hat deshalb auf dieses Ideal verzichtet und sich mit der unbedingten Betriebssicherheit bei einfacheren Verhältnissen begnügt. Das Verfahren weicht von den amerikanischen vollkommen ab und bietet viel Neues und Interessantes. Das eigentliche Uebertragungsmittel ist hierbei das Licht, und es wird nicht nur erreicht, daß das Ueberfähren von Haltesignalen verhindert wird, sondern die Züge werden vor dem Signal schon so in ihrer Geschwindigkeit beeinflußt, baß sie gar nicht mit voller Fahrgeschwindigkeit an ein auf Halt stehendes Signal herankommen. Das ist sehr wesentlich weil der sogt Bremsweg eines mit voller Geschwindigkeit fahrenden D-Zuges so groß ist, daß ein schwerer Zusammenstoß herbeigeführt werden kann, wenn erst am Signal die Bremsen plötzlich angezogen werden. Dadurch bekommt auch die ganze Zugfolge eine größere Geschmeidigkeit, so daß bei dichtem Verkehr eine schnellere Abfertigung möglich ist Es können durch sechs Beeinflussungspunkte Höchstgeschwindigkeiten von 120, 100, 80, 60, 40 und 20 Kilometer stündlich erzwungen werden. Bei der im folgenden beschriebenen Ausführungsform kann die Grenzengeschwindigkeit an jedem Beeinflussungspunkte auf jeden beliebigen Wert eingestellt werden. Auf der Lokomotive befindet sich eine sehr intensive Lichtquelle kleiner Ausdehnung, und zwar eine gewöhnliche Metallfadenlampe, die mit zu hoher Spannung gebrannt wirb unb so hellweiß glüht. Vor ihr befindet sich eine rotierende Lochschelbe. Das Licht der Lampe muß durch die Löcher der Scheibe austreten. Dann werden die Lichtstrahlen durch eine geeignete Optik zusamengesaßt unb durch ein total reflektierendes Prisma, wie es in den bekannten Prismen-Feldstechern verwendet wird, nach oben abgelenkt. So gelangen sie in den Mittelpunkt einer größeren Linse, durch die sie austreten. Fährt nun die Lokomotive an einem Signal vorbei, so treffen die Strahlen auf einen daran befestigten sog. Streckenspiegel, der sie wieder zurückwirft. Sie werden dabei nur um einen kleinen, sehr spitzen Winkel abgelenkt, so daß sie auf den Rand der Linse fallen, durch die sie ausgetreten sind und fo in den Geber zurückgelangen. Der Ort, an dem sie wieder einfallen, ist bestimmt durch die Winkelstellung des Strecken- spiegels unb kann verändert werden. Je nachdem, auf welchen Punkt sie gelangen, hoben sie verschiedene Wirkung. An einem Punkte können sie die Bremsen sofort auslösen, so baß der ganze Zug zum Stehen kommt. An anderen Punkten beeinflussen sie nur die Geschwindigkeit. Das wird dadurch erreicht, daß mit dem Geschwindigkeits-Anzeiger der Lokomotive eine drehbare Scheibe in Verbindung steht, die einen halbkreisförmigen Schnitt Hot. Ihre Stellung hängt also von der Zuggeschwindigkeit ab. Der Schlitz gestattet einen Lichtdurchtrittt nur bann, wenn eine ber örtlichen Stellung bes Spiegels entsprechend zu hohe Zuggeschwinbigkeit vorhanden ist. Indem man nun mehrere derartige Spiegel auf der Strecke verteilt, unb ihnen oerschiebene Stellungen gibt, läßt sich eine Geschwin- bigkeitsgestaltung durchführen, wobei die Zahl ber Punkte verhältnismäßig groß fein kann. Dadurch kann man also auch das Ueberfchreiten vorgeschriebener Zuggefchwinbigkeiten, z. B. bei Kurven, mit Sicherheit verhindern. Nun könnte die ganze Vorrichtung leicht einmal versehentlich in Tätigkeit geraten, wenn ein falscher Lichtstrahl, also etwa Sonnenschein, aus die große Linse fällt. Das wird dadurch verhindert, daß der zurück- fallendr Lichtstrahl immer eine solche Richtung hat, daß sie steiler ist als der höchste in unserem Grade vorkommende Sonnenstand, so daß also ein anderes Licht gar nicht in gleicher Weise in den Apparat einfallen kann. Dem gleichen Zweck dient die rotierende Lochscheibe, die unmittelbar vor der Glühlampe sitzt. Dadurch wird der Lichtstrahl periodisch unterbrochen und erzeugt so, wenn er auf die Selenzelle fällt, Wechselstrom, während ein anderes Licht einen Gleichstrom Hervorrufen würde. Da aber ber ganze Apparat nicht anfpricht, wenn ber von ber Selenzelle erzeugte Strom nicht verstärkt wird, fo kann nur ber von dem richtigen Lichtstrahl erzeugte Wechselstrom wirken. Denn wie im Zeitalter des Rundfunks wohl allgemein bekannt fein wirb, wirkt auf einen Röhren- Verstärker nur ein Wechselstrom, aber niemals ein Gleichstrom. Steht das Signal auf „Freie Fahrt", so wird der Streckenspiegel durch eine vom Signalzug gesteuerte Blende verschlossen, so daß die Lichtstrahlen gor nicht wieder zurück in den Geber fallen unb jebe Beeinflussung vermieden wird. , Mit dem beschriebenen System sind auf einigen Strecken der Deutschen Reichsbahn gegen zweitausend Versuchsfahrten gemacht worben, bei denen die ganze Apparatur vollkommen den Erwartungen entsprechend gearbeitet hat. Nur in einer ganz kleinen Zahl von Fällen sind Versager voroe- kommen, deren Ursache aber nicht im System lag. Auch sehr erschwerende atmosphärische Bedingungen haben die Zuverlässigkeit nicht in Frage Seilt, selbst bei starkem Rebel arbeitet das System einwandfrei. Eine a^r mürbe höchstens das Vereisen ber Linsen bilden. Indessen gibt es zweifellos Mittel, bas zu verhindern, denn auch die Austrittslinsen der Unterseeboots-Periskope find mit einem Mittel bestrichen, bas bas Benetzen durch Wasser verhindert, weil man ja sonst durch die beschlagenen Periskope gar nichts sehen könnte. Aehnliche Mittel werden sich hier on< wenden lassen. Es werden gegenwärtig eine Anzahl Strecken der Reichsbahn in Bayern mit dem Verfahren ausgeftattet, um im Betrieb weitere Erfahrungen zu sammeln. Falls diese ebenso günstig ausfallen, wst die Versuchserfahrungen, ist mit einer allgemeinen Einführung zu rechnen- Derantwortltch: Dr. Hans Thyriot, e- Druck und Verlag: Brühl'sche Anivers itäts-Dvch. und Steinbruckerei, A. Lange, Dietzen.