■■ ■ GietzenerKmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <928 Montag, den 3j. Dezember Kummer 10$ Ium Neujahr. Von Eduard M ö r i k e. An tausend Wünsche, sederleicht, Wird sich kein Gott noch Engel kehren, Ja, wenn es jo viel Flüche wären. Dem Teufel wären sie zu seicht. Doch wenn ein Freund in Lieb' und Treu' Dem andern den Kalender segnet. So steht ein guter Geist dabei. Du denkst an mich, was Liebes dir begegnet, Ob dir's auch ohne das beschieden fe;. Neujahr 1929. Von Alexander v. Gleichen-Rußwurm. Wer vor seiner Zukunft steht wie vor einem Spieltisch und auf den blinden Zufall harrt, der ist ein Tor, aber der ist es auch, der sich vor dem Kommenden bang verkriecht und den Reiz der Stunde zurückscheucht vor ungewiß Drohendem, denn immer beantwortet sich die Frage: „Was ist die Zukunft für dich?" mit dem einzigen Wort: „Nichts als du selbst." Wie du den Ereignissen gegenüberstehst, so wirken sie auf dich, selbst jetzt, wo es immer heißt, daß der einzelne in der Masse verschwindet. Auch die Angst vor der Zukunft ist etwas Persönliches, das dem einzelnen anhaftet, ihn schreckt und unfähig macht, ihm Entschluß und Tatkraft raubt. Aber sie ist auch ansteckend wie eine böse Krankheit, und dadurch wächst der Schaden, den sie anrichtet, ins Unendliche. In den Reden an die deutsche Nation schrieb Johann Gottlieb Fichte: „Die Hoffnung einer besseren Zukunft allein ist das Element, in dem wir noch atmen können. Aber nur der Träumer kann diese Hoffnung auf etwas anderes gründen, denn auf ein solches, das er selbst für die Entwicklung einer Zukunft in die Gegenwart zu legen vermag". Nur auf der eigenen, inneren Entwicklung, die unabhängig von den Freuden und Lriden der Außenwelt vor sich geht, beruht solches Hoffen. Wenn wir am Jahreswechsel Vorwärtsblicken ins Ungewisse, haben wir als festeste Stütze nur das eigene Selbst. Da ist wohl die Frage am Platze: Können wir uns darauf verlassen, sind wir gerüstet für alles was uns treffen mag? Je ernster die Zeit ist, desto berechtigter ist die Frage, und niemand, selbst nicht der gläubigste Optimist, kann leugnen, daß politisch und wirtschaftlich viel, ja allzu viel Zündstoff vor' uns aufgehäuft ist. Es handelt sich hier nicht darum, zu untersuchen, ob sich irgend jemand finden wird, diesen Zündstoff in Flammen zu setzen, sondern nur der einzelne soll veranlaßt sein, sich selbst gegenüber die Frage aufzuwerfen, ob er dem Schicksal tapfer ins Auge zu sehen vermag. Es ist in den letzten Wochen des alten Jahres so etwas wie Angst durch die Reihen der Menschen geschlichen. War es die trübe Zeit, der ewig mit Wolken verhangene Himmel, der auf die Nerven fiel? War es die Aufregung des großen Lohnkampfes oder jene der äußeren Politik? War es die Wirtschaftskrise, die manches Opfer verlangt und nicht Halt macht vor Fleiß und Arbeitswillen? Wir find so voll Sehnsucht nach Frühling und Sonnenschein geworden, daß neben dem offiziellen Fest der Jahreswende auch der Naturfeiertag zu einer erneuten inneren Bedeutung kommt. Er gibt die hoffnungsfrohe Stimmung, den Mut, den wir brauchen, fest und sicher im Leben dazustehen. Wenn in der Neujahrsnacht der Weihnachtsbaum noch einmal angezündet wird, wenn das Wachs leise von den Zweigen herabtropft, gewinnt mancher Wunsch Kraft und Leben angesichts des Symbols: Ewiges erneutes Werden durch die Kraft des Lichtes. Alles, was Poesie ins Leben bringt und Freude rettet in dem schweren Kamps der Pflichten, ist heilige, unantastbare Ueberlieferung, wenn sich auch die Formen ändern, unter denen es verehrt und gefeiert wird. Mitten im Streit, im politischen Hader, im Vorgefühl schwerer Tage steht der Beginn eines neuen Jahres als heller Lichtpunkt, dessen Toaste und Segenssprüche froh in die Zukunft klingen. „So fingen wir, so trinken wir Uns froh hinein ins neue Jahr!" schrieb Hoffmann von Fallersleben, der Lyriker des gemütlichen Bieder- meiertums. Man sagt sich wohl oft, und belegt es mit allerlei Vernunftgründen, daß die Jahreseinteilungen etwas ganz Unbedeutendes und Unwefent- liches - finö. Gewiß, die Zeit verginge ebenso gleichgültig oder ebenso interessant, wie sie jeder ergreift und wie er sie aufnimmt, wenn man wcht daraus acht hätte, welche Woche, welcher Monat, welches Jahr „im Kalender steht". Allein diese trockene, vernünftige Philosophie verliert sich im Leben, und wer nur irgend Empfindung in' sich trägt» geht immer ganz anders vom 31. Dezember zum 1. Januar über, als von zwei anderen, beliebig aufeinanderfolgenden Tagen. „Es ist," schreibt Wilhelm von Humboldt in den Briefen an eine Freundin, „als menn ber Mensch versuchte, durch die Zeiteinteilungen der Flüchtigkeit der Zeit Einhalt zu tun, wenigstens ihren ununterbrochenen und ungeschie- denen Lauf zu unterbrechen." Der Mensch steht wie auf einer schmalen Grenze zwischen 23er- gaugenheit und Zukunft still. Er sammelt, er faßt in feinen Gedanken den vergangenen Zeitabschnitt und umspannt den Folgenden mit neuen Vorsätzen, Hoffnungen und Sorgen. Man wird sich vielleicht nicht immer klar darüber, aber man fühlt es bann unbestimmt, nicht bie Gegenwart ist unser Zweck, sie bilbet mit der Vergangenheit vereint nur das Mittel, diesem Zweck, der verborgenen Zukunft, mutvoll entgegenzusehen. Es ist unser Gluck, aber auch unsere Tragödie, daß wir nicht im Verweilen unsere Befriedigung finden, fonbern immer bie Hänbe nach vorwärts strecken, bas Neue, bas Unbekannte zu erhaschen. Deshalb liegt in der Sonnenwende unb den ihr folgenben Tagen, die uns zwingen, auf jedem Schriftstück, jeher Zeitung, jedem Theaterzettel eine neue Zahl zu sehen, auch für den Kulturmenschen eine Mystik, deren Aufdringlichkeit er schwer zu entrinnen vermag. 3n diesem Sinn liegt selbst für den modernsten Menschen eine Mah- nung in diesen Tagen des innerlichen Wechsels. Man wird sich der Unwiderbringlichkeit jeden Schrittes bewußt, den man getan hat, und steht nun zwischen dem Unabänderlichen unb bem Ungewissen ohne emen anberen Stützpunkt zu haben, als bas Vertrauen auf sich selbst. „Wenn der Pöbel aller Sorten Tanzet um bie golb'nen Kälber, Halte fest! Du hast im Leben Doch am Enbe nur bich selber." • ^n biefem Gedicht Theodor Storms, für feine Söhne geschrieben, hat jener Wunsch dichterischen Ausdruck gefunden, den ich an bie Spitze des ■ Jahres 1929 gestellt sehen möchte. Von bem gesunden Selbstvertrauen scheint mir einiges verloren zu sein. Gewiß, es ist töricht, sich als Bramarbas unversuchter Kräfte zu rühmen. Aber nötig ist es, auf bie eigene Kraft vertrauend, jeder Gefahr sich gewachsen zu fühlen. Darin liegt der Mut des Kulturmenschen, gleichweit entfernt von tollkühnem Benehmen und feiger Angst. Was haben wir vom Reichtum des modernen Tages, von allen Errungenschaften und allem Wissen, wenn wir beständig, für immer dies alles vielleicht nicht mehr in der nötigen Ruhe genießen können? Es 'st.'sterkwürdig, daß diese Furcht als Begleiterscheinung unserer Zeit auftritt, obwohl der Sport die Entschlußfähigkeit kräftigt und die Jugend lehrt, plötzlicher Gefahr stolz unb kühn ins Auge zu sehen. Es scheint den Trägern der Zeit eben mehr jener sittliche Mut zu fehlen, der — nach Smiles — die höchste Stufe der Menschlichkeit kenn- zeichnet, der Mut, gerecht zu sein unb unter allen Umständen seine Pflicht zu erfüllen, ^chn zu gewinnen ober auch nur sich seiner bewußt zu werben, wo er etwa verloren fein sollte, sei der Wunsch iebes einzelnen an diesem Jahreswechsel, dann wird von selbst jedes Gefühl von Angst unb Unsicherheit aus ber Menge schwinben, was das Jahr auch bringen möge. Vielleicht steht die Angst unb bie Scheu vor der Zukunft, die uns allen angeboren ist, mit der Unsicherheit aller Dinge im Zusammenhang, öe großer und intensiver eine Kultur wird, desto mehr sucht sie das Unmögliche, wirkliche Sicherheit zu erreichen. Deshalb bas Erstaunen, bas ungehaltene Erkennen, wenn Brandgeruch bie Luft erfüllt unb jeder gehalten ist, trotz ber guten Löscheinrichtung auch selbst ein wenig für die Sicherheit des eigenen Hauses Sorge zu tragen. Diese liegt nicht darin, durch eigene Untätigkeit am Niedergang des wirtschaftlichen Lebens mitzuwirken, sondern in der inneren Zuversicht, im Selbstvertrauen, im Humor eines gesunden Optimismus, der bas tödliche Verzweifeln nicht aufkommen läßt. Nichts ist so schlimm, wie es von ferne aussieht, leider auch nicht so schon, wie wir es erträumen. Aber bas Schlimmste an allem ist bie vorhergehende Angst, wie auch bas Schönste bie Hoffnung ist, bie uns rosig umgautelt. Der übertriebene Pessimismus ist von liebel, wie ber übertrieben« Optimismus gefährlich wirkt. Unb wer bie Angst zu überwinden Der- wachte, hat bie halbe Schlacht bereits gewonnen. Das gilt für den Kampf des einzelnen Lebens wie für die Kämpfe, in denen Interessen- gruppen, Nationen, Völker aneinander geraten. Für diesen Kampf, ber keinem erspart bleibt, möchte ich bas neue Jahr mit dem Wahlspruch aus Virgils Aeneis begrüßen: Nunc animi» opus, Aenea, nunc pectore firmo! (,Zetzt ist Mut, Aeneas, dir not letzt männliche Fassungl") — „Im neuen Inhr eitt neues Glück." Von Anna B o g d a n o w a. Die Glocke des „großen Iwan" hatte mit dröhnendem Klang das Jahr 1853 eingeläutet: ihr waren die hundert und aberhundert Glocken Moskaus gefolgt, und nun schwang und klang die ganze frostklare Winterlust, daß man das ernste Tonen der großen und das eifrige Bimmeln der kleinen Glocken nicht mehr voneinander unterscheiden konnte: es war ein Meer von schwingenden Tonwellen. Die Kirchentüren standen weit offen. Die goldenen Altäre, von unzähligen Wachskerzen erhellt, glänzten bis auf die dunklen Straßen, und mit den vcharen der Andächtigen zogen blaue Wei^rauchwolken hinaus und erfüllten die Luft mit geheimnisvollem süßen Duft. Vor der Tür einer kleinen Kirche in einer stillen Seitenstraße stand ein junger Mann und sah felis auf die herausströmenden Mel.,«,..., ...... ... dem Auf und Ab von dem goldenen Hintergründe des Altars scharf abhoben. Keiner achtete auf ihn. In lebhaftem Sprechen und Lachen standen sie in Gruppen zusammen. Ucberall hörte man den alten Silvestergruß: „Im neuen Jahr ein neues Glück", und viele tauschten den dreifachen Brudcrkuß. Hier und da trat ein junger Mann oder ein junges Mädchen auf einen Fremden zu: „Wie heißt du?", und war je nach der Antwort froh oder enttäuscht, sollte es doch nach altem Volksaberglauben der Name des Zukünftigen sein, den man auf diese Weise erfahren konnte. Allmählich zerstreuten sich die Menschen, die meisten strebten in reichen fellbehangenen Schlitten ihrem warmen Hause zu. Es wurde still. Auch die letzte Besucherin der Kirche, die vor einem Seitenaltar in tiefer Andacht gekniet hatte, trat jetzt mit ihrer alten Dienerin auf die Straße. Sie sah den jungen Menschen stehen. „Da ist er wieder, der aus der Kirche! Ich werde ihn doch fragen, Njanja", und trotz des Widerspruchs der Alten ging sie halb ängstlich, halb keck auf den Einsamen zu und fragte: „Wie heißt du?" „Alexander", lächelte er, „und du?" — „Sonja". Befangen standen sie nebeneinander und wußten nichts mehr zu sagen, Die alte Dienerin mahnte ernstlich zur Heimkehr: Sonja gehorchte widerstrebend: „Und du? Gehst du nicht nach Hause?" — „Ich habe kein Zuhause, ich muß erst wieder eins sinden." Sie zögerte, sah ihn prüfend an und sagte entschlossen: „Du hast wohl in der Kirche neben mir zu unserem Schutzheiligen gebetet: komm mit zu den Eltern. Vater sagt immer: daran, wie einer betet, erkennt man, ob er ein guter Mensch ist." Die ganze Familie saß um den Tisch, auf dem der Samowar kochte; mitten unter ihnen der blasse Fremde. Soeben hatte die Dienerschaft reich beschenkt das Zimmer verlassen, nachdem sie, alter Sitte gehorchend, vermummt und verkleidet ihrer Herrschaft Glück gewünscht hatte. Auch der obligate Bärenführer mit dem zottigen Bären im gewendeten Schafpelz hatte nicht gefehlt. Jetzt war es still nach dem fröhlichen Durcheinander, und alle hörten andächtig zu, wie der ehrwürdige Hausherr aus der Bibel vorlas. Als er geendet hatte, standen alle auf, wandten sich dem Heiligenbilde zu, bekreuzigten sich wiederholt unter tiesen Verneigungen und setzten sich wieder "auf ihre Plätze. Der Fremde war tief ergriffen. „Ihr habt mich nichts gefragt, nicht woher, nicht wohin. So will ich Vertrauen mit Vertrauen vergelten. Ich bin ein entlassener Sträfling, ein „Politischer" und komme direkt aus Sibirien von der Zwangsarbeit, zu der ich für sechs Jahre verurteilt war. Fürchtet nichts," sagte er lächelnd, als die alte Dienerin am Ende des Tisches hinter dem Samowar verstohlen ein Kreuz schlug, „ich habe nichts Schlimmes getan, nur einmal im Kreise junger Freunde eine „staatsgefähriiche" Rede gehalten. Ich wußte nicht, daß ein Spion in unserer Mitte war. Man brachte mich nach Sibirien. Laßt mich schweigen von der Zeit, die ich in Auflehnung und Verzweiflung unter niedrigsten Verbrechern verbrachte. Es war im besten Fäll ein ödes, hoffnungsloses Einerlei! Bis er kam! er — Feodor Dostojewski! Man erzählte sich von ihm, daß er im letzten Augenblick begnadigt worden wäre, als er schon mit verbundenen Augen vor den schußbereiten Kosaken stand. Er selbst sprach nie davon, ober es wird wohl wahr gewesen sein, denn seine Äugen sahen manchmal aus, wie die Augen des Heilands am Kreuz, auf einem alten Bilde, das über dem Bett meiner Großmutter hing. — Er war immer ruhig und freundlich gegen alle. Bei den Rohen und Lauten galt er bald für dumm, andere mißtrauten ihm, denn auch unter den Verworfensten gab es immer noch Berworfenere unter uns, Spione, die für die Kerkermeister spionierten; wieder andere nutzten ihn aus. Mir war er verhaßt und verächtlich, weil er alle Leiden und Demütigungen durch die rohen Kerkermeister ohne Widerrede ertrug. Vollends lächerlich erschien er allen, als die Frau eines Dekabristen, der zur Ansiedlung in Sibirien verurteilt war, ihm das einzige Buch, das ein Sträfling besitzen durfte, die Evangelien brachte, und er jede freie Stunde eifrig darin las. Wie es kam, weiß ich nicht zu sagen, aber allmählich änderte sich das Verhalten der anderen zu ihm; sie schenkten ihm Vertrauen, er sand für jeden ein Wort des Verstehens, und es war, als ob jeder sich feiner Gefunkenheit und Schlechtigkeit schämte und aus feinem Herzen hervorholte, was vielleicht seit seiner Kindheit verschüttet, doch das Reinste seines Lebens gewesen war. Oft auch hörte ich ihn mit den wenigen „Politischen" sprechen. Als einer, der namenlos unter der Gemeinschaft mit den niedrigsten Verbrechern litt, auf französisch, um nicht verstanden zu werden, verzweifelt ausrief: „Ich hasse diese Räuber und Mörder", sagte er sanft: „Menschen sind überall Menschen, auch diese hier", und er sprach davon, daß in jedem ein „Gottesfunken" ist, den man sindet, wenn jnan an ihn glaubt. Und ost, wenn einer zu- sammenbrechen wollte, sagte er: „Leiden ist etwas Großes! Es bietet die größte, ja die einzige Möglichkeit, sich von Schlechtem zu befreien." Oder er sagte: „Bewußtes Leiden ist das Privilegium des Menschen, das ihn vom Tier unterscheidet, welches am Leidm schließlich zugrunde geht". Für viele war er der einzige Halt, nur ich lehnte mich gegen ihn auf, ja, ich haßte ihn und suchte immer eine neue Gelegenheit, den „sanften Dulder" auf die Probe zu stellen und zu entlarven. Es war zu Silvester; an diesem Tage hatte Dostojewski durch meine Schuld eine empfindliche Strafe, wie sie nur ein sibirischer Kerkermeister ersinnen kann, erlitten. Jetzt am Abend saß er neben einem Jüngling, dessen Heimat hoch in den Bergen lag und der vor Heimweh fast vergangen war, und lehrte ihn lesen aus dem einzigen Buch, das er hatte. Sie lasen die Bergpredigt, und als sie zu den Worten kamen: „Liebet eure Feinde", legte Dostojewski seine feine Hand auf die Blätter und versuchte, dem Jüngling den Sinn dieser Worte in ihrer ganzen Größe klarzumachen. Ich mußte zuhören, ob ich wollte ober nicht, und blickte nur dann weg von diesem leuchtenden blassen Gesicht, wenn seine Äugen die meinen suchten. Und in der Rocht, als alle anderen schliefen und es eigentlich streng verboten war, zu sprechen, da bat ich ihn, um Verzeihung, und er hat mir verziehen wie ein Bruder! Von da an war meine Kerkerzeit die schönste und reichste meines Lebens. Als ich meine Strafe verbüßt hatte, muhte man mich beinahe mit Gewalt wegdringen. Jetzt bin ich wieder in der Heimat, aber ich weih, dah ich viel Mißtrauen, Verachtung und Haß werde ertragen müssen. Bei euch sand ich Geist von seinem Geist, und das werde ich nie vergessen! Ihr habt mir alle Glück gewünscht und ein großes Glück wartet meiner, ich weiß es. Darf ich doch i„ihm" den Weg bereiten, in seinem Sinn wirken. Ich will den Menschen zeigen, was für eine Barmherzigkeit Gottes es ist, wenn er uns leiden läßt. Ich will ihnen helfen, sich durch Leiden vom Bösen zu befreien. Und unermüdlich will ich in jedem den „Funken Gottes" suchen und ihn anfachen, bis er zur Flamme wird. Wenn dann er. Feodor Dostojewski, wiederkehrt, soll er diesen Flammen die Richtung, geben, dah sie zusammenschlagen zu einem gewaltigen Feuer, das reinigend und läuternd alle Menschenherzen mit sich zieht und bis ins tiefste Dunkel strahlt. Dann wird ein neues Menschengeschlecht erstehen, bann wird es hell und schön werden in unserem armen „Mütterchen Ruhland", dann wird unser Vaterland sich aufrichten in neuer Kraft, geläutert und gestählt durch bewußt erlebtes Leiden. Und welch tiefer neuer Sinn wird dann in dem alten Spruch liegen, wenn wir uns zu Silvester grüßen: Im Neuen Jahr ein neues Glück! Berechtigte Übertragung aus dem Russischen von 2t. Sieburg. Markusdrot. Don Per Schwenzrn. Der heilige Marcus war nicht so heilig, dah feine Zunge die süße Mandelatzung verschmäht hätte — Brot des Marcus, Marei panis, Marzipan. Womit wir den süßen terminus technicus ethy- mologisch erklärt hätten. Daß er aus Mandeln und Jucker besteht und daß Schweine daraus gemacht werden, wissen wir alle. „Marzipan" und „Porzellan" haben mehr als den graziösen Klangnamen gemein, man möchte angesichts eines niedlichen Marzipanschweinchens geradezu von eßbarem Porzellan sprechen. Das Wort Marzipan hat etwas Spielerisches, und wüßte man nicht, daß es sich um ein Genuhmittel handelt, man könnte aus einen Märchenprinzen tippen. Es hat alle Eigenschaften einer richtigen Kostbarkeit: süß und südlich, von zartem Duft, liegt es schwer wie verschlucktes Gold im Magen des Maßlosen, es wird gefälscht wie Münzen und Danknoten, ckvird statt aus Mandeln aus gewässerten Pfirsichkernen hergestellt, in diesem Falle heißt es Persipan und feiert unter diesem Damen Triumphe der Volkstümlichkeit, obwohl es sich zum Marzipan verhält wie der falsche Prinz zum echten. 3a, Marzipan ist eine aristokratische, eine patrizische Sache. Die Türme der Hansastadt Lübeck sind sicher öfter in Marzipan als in Metall gestanzt worden. Lübeck und Königsberg, die beiden seeüberragenden Städte, sind die Herkunftsstätten unseres MandelbroteS, und unwillkürlich hak man bei der Mutterschaft solch altehrwürdiger Patriarchin wie der Hanse das Gefühl, unser süßes Kind müßte schon von den Kaufständen der Nürnberger Pfeffersäcke, der Lübischen Koggen an fremder Küste, ja schon vom Schmauchtisch des rauchigen Rittersaales über gebrochene Lanzen und Herzen lächeln, in der schneeweißen Linken ein Glas mit süßem Malvasier, in der nicht minder weihen Rechten ein süffisant grinsendes Marzipanschwein haltend ... Dies alles könnte in einem Schäfergedicht von Arno Holz, aber nicht im 14. bis 17. Jahrhundert sich solchergestalt verhalten haben. Marzipan ist eine Errungenschaft des letzten Jahrhunderts, wobei nicht in Abrede gestellt werden soll, dah irgendein seliger Zuckerbäcker irgendwo früher mal Mandeln und Zucker mengte, nur dürfte das früher schon aus dem Grunde schwer gewesen sein, weil es keine so weihe schimmernde Raffinade gab wie heute, im Gegenteil ist die ganze Zuckerindustrie mit ihrem weltwirtschaftlichen Ausbau neuerer Prägung. Dedenkt man, daß Marzipan bis Mitte der siebziger Jahre nur in Konditoreien in kleinen Mengen her- gestellt wurde, so staunt man nicht weniger angesichts moderner gewaltiger Industrien, die heute pro Tag 100 Zentner Marzipanmasse herstellen. Wer die Marotte und die Möglichkeit hat, des öfteren größere Werke zu besichtigen, der kennt eine Gefühlsordnung, die ich mit Fabrikpsychose bezeichnen möchte, eine Art lampenfiebriger 2leu- gierde, hinter die Geheimnisse des täglichen Lebens zu kommen, zu erfahren, wieviel Pferdekräste etwa zur Herstellung eines Kragenknopfes erforderlich sind und wieso eine Maschine tausend Tafeln Schokolade in der Stunde verpacken kann. Das Wesentliche solcher Psychose ist die erhöhte innere Alarmbereitschaft, die Gefaßtheit auf jeder Riederträchtigkeit hinsichtlich Geruch und Geräusch. Wer zum Deispiel in eine Kesselschmiede geht, tut gut, seine Ohren so lange beim Portier in Verwahrung zu geben, und wer gar eine Zellulosefabrik besichtigen will, soll sich vorher einen Stockschnupfen mn Garantieverschluß zulegen. Nichts von alledem widerfuhr mir beim Besuch der größten Berliner Marzipanproduktion. Der Nestor der deutschen, das ist gleichzeitig der Weltmarzipanindustrie, führt mich durch die weiten, maschinendurchhallten Sale, fremb unb boch mit großem Interesse die meine kummergeivohnten Sinne mit den Wohlgerüchen der Tropen, Arabiens und des südlichen Kontinents streicheln. Saal A — eine Wolke Kakaoduft schlägt mir entgegen, braun und nahrhaft. So etwa muh es im Negerhimmel riechen! Saal B — aus vielen Tonnen steigt betäubender Duft des Chilehonigs auf, die Meng- und Rührmaschinen summen wie alle Bienenschwärme Südamerikas. Der Findige merkt bereits, daß es sich um eine Pfeffer- und Honig- kuchenbäckerei handelt, und demzufolge walzt, klappert, dampft und stöhnt das Mannigfalt der Maschinerien, magere Stahlarme, wellenförmige Mischmesser im braunen Teig herum, genug, mir ein Knusperhäuschen von zwei Stockwerken nebst Autogarage zu bauen. Das Ganze macht einen appetitlich-gigantischen Eindruck. Mehlstaub fällt wie Reif in der Frühlingsnacht. Hier befinden wir uns in dem analog zur Vorhölle gebildeten Vorparadies. Was sich dann tut. ist bereits die Vollendung, es tut sich nämlich die schwere Eisentüre auf, und ich trete in die Werkstatt ein, Abteilung la, Marzipan! So! Mandeln, Mandeln, nichts als Mandeln! In großen Körben, unzählige Zentner, stehen die kostbaren Kerne herum, entschalt, aber noch nicht gehäutet. Der süße Geruch hat etwas Betäubendes. Der freundliche Leiter der Fabrik zeigt und erklärt mir den Werdegang der Masse, die ich in großen, kreisenden Kesseln am anderen Ende des Saales erblicke. Zuerst wird die Mandel abgebrüht, d. h. sie wird zur Entschalung in diesem Riesensieb in einen Kessel heißen Wassers gesenkt. Die Kerne laufen dann durch die Gummiwalze, wobei die braunen Häute Wegplatzen. Die Weißen, Weichen Mandelherzen werden jetzt körbeweise in große Mühlen geschüttet, die ge- mahlene Masse, ähnlich wie der Kuchenteig, von stählernen Hebeln in kreisenden Kesseln durchgeknetet. Dann wird die Weiche Masse mit Zucker zusammen in einem andern Kessel vermengt, nochmals geknetet und jetzt „abgeröstet". Der Teig wandert hierbei in einen Kessel, der, ähnlich wie andere Zauberinstrumente, mit einem doppelten Boden versehen ist, in dem heißer Dampf eine starke Hitze entwickelt. So erwärmt und nochmals durchgewalkt, hat die Substanz den vollkommenen Grad der Köstlichkeit erreicht und wird in Holzkisten gespeichert. Der Versand geht in alle Welt, und je nach der Gediegenheit des weiteren Verarbeitens wird der edle Stoff durch größeren oder kleineren Zusatz von Zucker und Streckmitteln mehr odeir weniger entwertet. An Ort und Stelle aber war höchst lehrreich und appetitanregend zu sehen, wie eine Spihenindustrie Schweine, sämtliche Gemüse, Herzen und sonstigen netten eßbaren Firlefanz verfertigt. „Sehen Sie hier," sagte mein Begleiter, der Nestor der Mandelkunst, „diese Kartoffeln, Mohrrüben, Birnen und Torten, mit Stadtwappen und Engeln, das ist Lübecker Marzipan, nur leicht abgeröstet. Die Hauptsache beim Lübecker Marzipan ist, daß möglichst keine einzige bittere Mandel in die Masse gerät. Die Königsberger Manier hat darin mehr Lebensweisheit, sie tut, wie den Tropfen Wermut in den Lebenskelch, 10 Prozent bittere Mandeln ins Gemisch, dem eenen sin Ahl, dem annern sin Nachtigall! ... An langen Tischen wird geknetet, geformt, ein Künstler modelliert Dirnen und andere Früchte, Mädchen pressen die kleinen Marzipanbrote und Früchte in Schwefelformen aus. Herzen werden vus gewalzter Masse ausgestanzt. Das Großartigste aber ist die Echweinestanzmaschine. Ein reizendes Mädchen sitzt vor einem Apparat, der mit Marzipan gefüllt ist, unb stampft mit einem Hebelbruck ern komplettes Schweinchen nach dem andern. Die Arbeit der nächsten besteht darin, die Ohren zu putzen, die als einziger Geburtsfehler ungenau find. Von Hand zu Hand wandert die Neugeburt weiter, wird rosa bemalt, hinten und vorne, bekommt ein rosa Lächeln um die Schnauze und stellt sich in Reih und Glied eines Regiments auf, das peinlich im Karree geordnet, zum Packraum abmarschiert. An langen Tischen weihe Schürzen, vor weihen Schürzen buntes Spielzeug, Erdbeeren, Kirschen, Gurken, Würste. Schinken, und alles aus Marzipan. Da wird geputzt und gepinselt! Mit leuchtenden Farben, blank und giftfrei werden alle die lustigen Mo- delle bearbeitet. Die Kartoffelindustrie wälzt Kugeln in Kakao. In leuchtendem Bunt strahlen die Tische, auf denen die kandierten Früchte gebreitet liegen, die auf Herzen von Königsberg zierlich geordnet werden, Ananas in duftiger Menge wird in das schimmernde Weih geknetet, der schwere Laib in flüssige Schokolade getaucht, Tortenaufbauten von handwerklicher Pracht mit Früchten und Fi- fluten entstehen. »Das ist noch gar nichts," lieh sich mein freundlicher Führer vernehmen. „Obwohl ich dabei war, als die ersten Kartoffeln auf Stricknadeln gespieht am Gas geröstet wurden, was haben wir nicht in glücklichen Zeiten, für Dinge geschaffen! Früher, als die Mäzene ihre Künstler noch liebten, da griff die Hand noch geistig formend in die Masse. Damals modellierte ich im Aufrag Joseph Kainz in Marzipan, an einem Tisch fitzend und auf ausdrückliche Order Schnitzel und Bratkartoffeln verzehrend. Die Arbeit hätte jedem Panoptikum Ehre gemacht. Oder um einmal Amerikas marzipanische Kunst zu erwähnen: als der Negerboxer Johnson den Weltmeister Jim Jeffries ausgeknockt hatte, dedizierten ihm seine Anbeter eine Kolossattorte. Auf der Weltkugel lag weih und aus- aeknockt der marzipanerne Jim, schwarz und siegreich stand der schokoladene John. Seitdem aber hat das Marzipan wieder aufgeholt, denn bekanntlich sind weder Dempfev noch Tunneh von Schokolade..." „And woher stammen diese furchtbar vielen Mandeln?" „Aus Italien, Spanien und Marokko. Aus Spanien die besten, aus Italien die meisten, aus Marokko die wilden Mandeln." Richtig, in Marokko leben Wilde. Da erntet vermutlich das herbe Königsberg seine bitteren 10 Prozent. Ich für mein Teil bin für Lübeck. Ich will 10 Prozent Süßigkeit in meine Torte backen. Es werden die guten Freunde schon kommen, und ein paar bittere dazwischen stecken ... Punschlied. Von Friedrich v. Schiller. Vier Elemente, Innig gesellt, Bilden das Leben, Bauen die Welt. Preßt der Zitrone Saftigen Stern! Herb ist des Lebens Innerster Kern. Jetzt mit des Zuckers Linderndem Saft Zähmet die herbe. Brennende Kraft! Gießet des Wassers Sprudelnden Schwall! Wasser umfanget Ruhig das All. Tropfen des Geistes Gießet hinein! Leben dem Leben Gibt er allein. Eh' es verduftet. Schöpfet es schnell! Nur wenn er glühet, Labet der Quell. Die Silvesterglocken. Von Charles Dickens. (Sortierung.) „Ei ja!", entgegenete der Mann mit gedämpfter Stimme, indem er das kleine Gesichtchen mit beiden Händen sanft zu sich emporrichtete und es unverwandt anschaute, „das habe ich mir schon oft gedacht. Daran dachte ich, wenn mein Herd sehr kalt und mein Schrank leer war. Daran dachte ich gestern nacht, als wir wie zwei Diebe aufgegriffen wurden. Aber sie — sie sollten das kleine Gesicht nicht zu oft vor Gerichten bringen — meinst nicht, Lilian? Das ist kaum einem Mann erwünscht!" Er dämpfte seine Stimm« fast bis zur Lautlosigkeit und starrte das Kind so seltsam und ernst an, daß Toby, um seinen Gedanken eine andre Richtung zu geben, die Frage stellte, ob sein Weib noch am Leben sei. „Ich habe nie ein Weib gehabt", entgegnete er mit Kopfschütteln. Sie ist meines Bruders Kind — eine Waise — neun Jahre alt, obschon Jhr'e kaum glauben würdet; aber sie ist jetzt müde und abgezehrt. Die Union wollte die Sorge für sie übernehmen und sie achtundzwanzig Meilen von dem Orte, wo wir wohnen, zwischen vier Wände einsperren, wie sie's auch meinem alten Vater machten, als er nicht mehr arbeiten konnte, obschon er ihnen nicht lange lästig fiel. Da hab' denn ich sie zu mir genommen, und sie lebt bei mir. Ihre Mutter hatte einmal eine Freundin hier in London. Wir wollen versuchen, ob wir sie nicht entdecken und zugleich Arbeit finden können; aber ’s ist ein großer Platz Nun ja, 's ist auch recht — wir haben dafür um so mehr Raum umherzugehen, Lilly!" Er sah das Kind mit einem Lächeln an, das Toby mehr als zu Tränen rührte, und drückte dann deni armen Austräger die Hand. „Ich kenne Euch zwar nicht einmal dem Namen nach," sagte er; „aber ich habe Euch mein Herz ausgeschüttet, denn ich bin Euch dankbar — und zwar aus gutem Grund. Ich will Euern Rat befolgen und mich fernhalten von diesem..." „Friedensrichter", ergänzte Toby. „Äh!" fuhr er fort! „wenn dies der Name ist, den man ihm gibt. Von diesen? Friedensrichter. Und morgen will ich versuchen, ob mir nicht irgendwo in der Nähe von London ein besseres Glück blüht. Gute Nacht. Ein glückliches Neujahr!" „Halt!" rief Trotty, die Hand des andern festumklammernd, als sie sich losmachen wollte. „Hali!, das Neujahr kann nicht glücklich für mich fein, wenn wir uns fo trennen. Wie könnte ich auch von einem glücklichen Neujahr sprechen, wenn ich mit ansehen mußte, wie Ihr mit dem Kind weiterzieht, ohne zu wissen, wohin, und ohne ein Obdach für die Nacht. Kommt mit mir nach Hause! Ich bin zwar nur ein armer Mann und habe bloß ein elendes Quartier; aber ich kann Euch doch für eine Nacht ein Lager geben, ohne es zu entbehren. Kommt mit mir! So. ich will sie nehmen!" fügte Trotty bei, indem er das Kind aufhob. „Eine hübsche Kleine! Ich wollte mir zwanzigfach ihr Gewicht auflaben lassen, ohne daß ich es besonders spürte. Sagt mir, ob ich vielleicht zu schnell für Euch gehe — ’s ist meine Gewohnheit zu eilen!" Während Trotty dies sagte, mußte er stets sechs von feinen kurzen Trab schnitten während eines einzigen langen seines müden Gefährten hopsen; und seine dünnen Beine zitterten unter der Last, die er trug. .„Ei, sie ist so leicht," sagte Trotty, dessen Worte ebenso rasch und stoßweise tarnen, wie fein Schritt war, denn er wollte auf keine Danksagung hören und scheute sich, eine Pause eintreten zu kaffen; „so leicht rote eine Feder, leichter als eine Pfauenfeder — viel leichter. So, da sind wir — jetzt geht's da hinein, um die erste Ecke rechts, Onkel Will, an dein Brunnen vorbei und dann den Weg links hinauf, dem Wirtshaus gegenüber. Jetzt über den Weg hinüber, Onkel Will, und dort auf den Nieren- paftetenmann an der Ecke zu! Da wären wir! Nun an den Ställen hinunter, Onkel Will, und bann macht Ihr an der schwarzen Tür halt, über der ,Toby Beck, Dienstmann' auf einem Brett geschrieben steht. So, und etzt find mir da, jetzt find wir wirklich da, und jetzt wirst du dich wundern, Hebe Meg!" Mit diesen Worten setzte der atemlose Trotty das Kind mitten in der otubc zu den Füßen seiner Tochter nieder. Der kleine Gast sah Meg an «nb tief, da er in ihrem Gesicht nichts Zweifelerregendes fand, vertrauensvoll in ihre Arme. „So, da sind mir und da bleiben mir!" rief Toby, keuchend im Zimmer umherlaufend. „Hier, Onkel Will — Ihr seht, hier ist ein Feuer! Warum komm! Ihr nicht ans Feuer? Ha, da sind mir und da bleiben mir! Meg, mein Herz, wo ist der Kessel? So — er rnird augenblicklich kochen!" Trotty hatte wirklich während seines wilden Hin- und Herrennens den Kesiel aufzuheben gewußt und über das Feuer gesetzt, während Meg in einer rnarmen Ecke vor dem Kind niedergekniet war, um ihm die Schuhe auszuziehen und mit einem Tuch die nassen Füßchen zu trocknen. Ja, und sie lachte „aud) über Trotty — so vergnügt, so herzlich, daß Trotty sie augenblicklick) hätte segnen mögen, denn er hatte ja beim Eintreten gesehen, wie sie in Tränen vor dem Feuer saß. „Ei, Vater," sagte Meg, „du bist, glaube ich, diesen Abend ganz närrisch. Ich weiß nicht, was die Glocken dazu sagen würden. Die armen Füßchen, — wie kalt sie sind!" ,A sie sind jetzt wärmer!" rief das Kind. „Sie sind jetzt ganz warm!" „Nein, nein, nein", sagte Meg. „Wir haben sie noch nicht halb genug gerieben. Wir sind ja so fleißig! So fleißig! Und wenn sie ganz warm iinb, dann wollen wir das feuchte Haar auskämmen. Sind wir damit ertig, so wollen wir mit ein bißchen frischem Wasser einige Farbe in das arme blasse Gesicht bringen, und dann wollen wir so froh, so heiter und glücklich fein!" Das Kind umschlang in einem Anfall von Schluchzen ihren Hals, streichelte mit seinen Händchen ihre Wange und sagte: „O Meg! o liebe Meg!" Tobys Segen hätte nicht mehr tun können. Wer wäre auch imstande gewesen, mehr zu tun? „Ei, Vater!" rief Meg nach einer Pause. „Do bin ich und da steh ich, mein Lieb!" sagte Trotty. „Gütiger Himmel!" rief Meg, „er ist ganz von Sinnen! Setzt er da das Hütlein des lieben Kindes auf den "Kessel und hängt den Deckel hinter die Tür!" „Ich habe dies nicht mit Absicht getan, mein Lieb", entgegenete Trotty, indem er hastig sein Versehen wieder gutmachte. „Meg, mein Kind?" Meg blickte nach ihm hin und sah, daß er sich mit Vorbedacht hinter den Stuhl seines männlichen Gastes gestellt hatte, wo er mit vielen geheimnisvollen Gebärden das Sechspencestück, das er eingenommen, in die Hööhe hielt. „Als ich hereiokam," sagte Trotty, „habe ich irgendwo auf der Treppe eine halbe Unze Tee liegen sehen; auä) glaube ich wahrhaftig, daß ein Stückchen Speck dabei tag. Ich entsinne mich nicht mehr recht auf den Platz, will aber hinoehen und sehen, ob ich's nicht finde." Unter diesem unergründlich scharfsinnigen Vorwande entfernte sich Toby, um die besprochenen Lebensmittel für bares Geld bei Frau Chicken- stalker zu kaufen. Er kam bald wieder zurück und sagte, er habe die Sachen anfangs in der Dunkelheit nicht finden können. „Aber da sind sie endlich," sagte Trotty, das Teegeschirr aufsetzend — „alles richtig! Jät wußte es ja, daß es Tee und eine schöne Schnitte mar. Da, seht selbst. Meg, mein Herzchen, wenn du den Tee zurichten willst, während dein unwürdiger Vater den Speck röstet, so wird alles bald fertig sein, 's ist eine kuriose Sache," fuhr Trotty fort, indem er mit Hilfe der Röstgabel seine Kochkunst betrieb, „kurios, aber allen meinen Freunden wohlbekannt, daß ich für meine Person mir niemals weder aus Tee noch aus Speck etwas machte. Ich sehe es nur gern, wenn andre Leute sich's dabei wohl fein lassen," sagte er in sehr lautem Tone, um seinem Gast die Tatsache recht bemerklich zu machen, „obschon diese Nahrung mir jelbft durchaus nicht behagt." Doch schnüffelte Trotty den Wohlgeruch des zischenden Specks ein — ah! — als ob er mit Freuden selbst hätte zulangen mögen, und als er das kochende Wasser in den Teetopf goß, blickte er sehnsüchtig in dessen Tiefe hinunter und ließ sich gern den würzigen Dampf um die Nase kräuseln und den Kopf von einer dichten Wolke bekränzen. Aber trotzdem genoß er nichts weiter davon, als im Anfang der Höflichkeit halber einen einzigen Bissen, der ihm ungemein gut zu schmecken schien, obschon er erklärte, daß er sich nicht das mindeste daraus mache. Nein, Trottys Beschäftigung bestand darin. Will Fern und Lilian essen und trinken zu sehen, und das gleiche war bei Meg der Fall. Und nie fand ein Zuschauer bei einem Stadt- oder Hofbankett einen solchen Hochgenuß darin, andre — ja, wäre es sogar ein König oder ein Papst gewesen — schmausen zu sehen, als unser Pärlein an jenem Abend. Meg lächelte zu Trotty hinüber, Trotty lachte Meg an. Meg nickte und tat, als klatsche sie mit den Händen, um Trotty ihren Beifall zu erkennen zu geben, während Trotty in stummer Zeichensprache Meg eine unverständliche Geschichte erzählte, wann und wo er seine Gäste gefunden hatte. Und sie waren glücklich — sehr glücklich. „Obgleich ich sehen muß, daß Megs Verlobung gelöst ist", dachte Trotty bekümmert, als er Megs Gesicht betrachtete. „Nun, jetzt werde ich Euch was sagen", begann Trotty nach dem Tee. „Die Kleine schläft bei Meg." „Bei der guten Meg!" rief das Kind, sie liebkosend. „Bei Meg." „So ist's recht", sagte Trotty. „Und es sollte mich nicht wundern, wenn sie Megs Vater einen Kutz gäbe. Was meinst du, Kind? Ich bin Megs Vater." Trotty war hochentzückt, als sich ihm das Kind schüchtern näherte, ihn küßte und bann wieder zu Meg zurückkehrte. „Sie ist verständig rote Salomo", sagte Trotty. „Da kommen und da gehen — nein, das meinte ich nicht — ich — was wollte ich denn sagen, meine liebe Meg?" Meg blickte auf ihren Gast, der sich an ihren Stuhl gelehnt hatte und, während er das Gesicht von ihr abwandte, den in ihrem Schoß verborgenen Kopf der Kleinen streichelte. „Natürlich", sagte Toby. „Natürlich! Weiß ich doch wahrhaftig nicht, was ich heute abend treibe. Ich bin heute ganz zerstreut, glaube ich. Will Fern, Ihr kommt mit mir, denn Ihr seid todmüde und völlig erschöpft weil Ihr so lange nicht geruht habt. Kommt mit mir." Der Mann spielte noch immer mit den Locken des Kindes, lehnte noch immer mit abgewandtem Gesicht an Megs Stuhl. Er sprach kein Wort, aber in seinen rauhen Fingern, die sich im Haar des Kindes ballten und wider lösten, lag eine Beredsamkeit, die mehr als alle Worte sagte. „Ja, ja", fuhr Trotty fort, der unwillkürlich die Frage beantwortete, die auf Megs Gesicht stand. „Nimm sie mit dir, Meg. Bring sie zu Beit. So! jetzt will ich Euch zeigen, wo Ihr liegen könnt, Will, ’s ist zwar sticht viel Plag, sondern nur Heuboden; aber ein Heuboden ist, wie ich immer sage, die größte Beguemlichkeit, wenn man in Ställen wohnt; und bis dieser Schuppen und der Stall besser vermietet werden, leben wir hier sehr billig. Droben ist viel vortreffliches Heu, das einem Nachbar gehört und ein so reinliches Lager bietet, als es Hände und Meg nur machen können. Frischauf! Laßfs Euch nicht nahegehen. Für jedes neue Jahr ein neues Herz!" Die Hand, die sich aus dem Haar des Kindes losgemacht hatte, war zitternd in die unfers Toby gefallen, und letzterer führte nun seinen Gast, in einem fort sprechend, so zärtlich hinaus, als wär« dieser gleichfalls ein Kind. Da er vor Meg wieder zurückkam, so horchte er einen Augenblick an der Tür ihrer an die »tube stoßenden kleinen Kammer. Die Kleine murmelte ein Nachtgebet, mit dem sie auch den Namen der „lieben Meg" in Verbindung brachte — dann hörte Trotty, wie sie innehielt und nach dem seinigen fragte. Es dauerte eine kleine Weile, bis der törichte alte Knabe sich so weit fassen konnte, um das Feuer nachzuschüren und seinen Stuhl an den warmen Herd zu ziehen. Als es aber endlich geschehen war und er das Licht geputzt hatte, nahm er seine Zeitung aus der Tasche und begann zu lesen, anfangs gleichgültig, indem er rasch über die Spalten hinslog, sehr bald aber mit großem Ernst und trauriger Aufmerksamkeit. Denn diese schreckliche Zeitung lenkte Trottys Gedanken abermals auf den nämlichen Pfad, auf dem sie den ganzen Tag über, namentlich infolge der erlebten Ereignisse, gewandert waren. Sein Interesse an den beiden Wanderern hatte ihn zwar für eine Weile in «ine glücklichere Stimmung versetzt; sobald er aber wieder allein war und die Verbrechen und Gewalttaten der Leute las, versank er wieder in die frühere zurück. Endlick) kam er zu einem Bericht (und es war nicht der erste derartige, den er las) von einer Frau, die verzweiflungsvoll Hand nicht nur an ihr eignes Leben, sondern auch an das ihres jungen Kindes gelegt hatte. Dieses schreckliche Verbrechen wirkte so empörend auf ihn, daß er, als er dabei an Megs Liebe dachte, das Zeitungsblatt fallen ließ und entsetzt in seinen Stuhl zurücksank. „Unnatürlich und grau; 'm!" rief Toby. „Unnatürlich und grausam! Rur Leute von ganz verstoc.em Herzen, die schon schlecht geboren werden und auf Erden eigentlich nichts zu schassen haben, können solche Taten verüben. Was ich heute den Tag über gehört habe, ist nur zu wahr, nut zu erwiesen. Wir sind schlecht. Die Glocken nahmen die Worte so plötzlich auf und ertönten so laut, so klar und voll, daß er meinte, ihre Stimme bringe aus seinem Stuhl hervor. Und was sagten sie? „Toby Veck, Toby Beck, wir warten auf dich, Toby! Toby Veck, Toby Deck, wir warten auf dich, Toby! Komm, besuch' uns; komm, besuch' uns! — Schleppt ihn zu uns, schleppt ihn zu uns — hetzt und jagt ihn, hetzt und jagt ihn! Soll nicht schlafen! Soll nicht schlafen! Toby Veck, Toby Veck, die Tür steht offen, Toby —" bann begannen sie biefen Gesang wieder von vorn und klangen dermaßen, daß die Töne sogar aus den Ziegeln und dem Mörtel hervorzuguellen schienen. Toby lauschte. Einbildung, Einbildung! Das waren wohl nur die Gewissensbisse, weil er ihnen diesen Abend entlaufen war? Nein, nein. Nichts der Art. Aber wieder und wieder, ja noch dutzendmal erklang es: „Hetzt und jagt ihn — schleppt ihn zu uns, schleppt ihn zu uns!" di« ganze Stadt betäubend. „Meg", sagte Trotty leise, indem er an ihre Türe klopfte. „Hörst du nichts?" „Ich höre die Glocken, Vater. Sie sind heute abend sehr laut. „Schläft sie" fuhr Toby fort, diese Frage als Vorwand benutzend, um hieinschauen zu können. „So ruhig und glücklich! Aber ich kann sie noch nicht verlassen, Vater — schau nur, rote sie meine Hände festhält!" „Meg!" flüsterte Trotty. „Höre nur auf die Glocken!" Sie kehrte ihrem Vater das Gesicht zu und lauschte; ober in ihren Zügen ließ sich keine Veränderung vemerken. da sie die Glockenstimmen nicht verstand. Trotty entfernte sich, nahm wieder bei dem Feuer Platz und lauschte abermals allein. So verblieb er eine Weile. Aber nein, unmöglich konnte er es länger ertragen; denn ihre Ausdruckskraft war zu schrecklich. ‘ „Wenn die Turmtür wirklich offen ist," sagte Toby, indem er hastig seine Schürze beiseite legte, ohne jedoch an seinen Hut zu denken, „was hindert mich dann, hinaufzugehen und mich zu überzeugen? Ist sie aber geschlossen, so brauche ich keinen weiteren Beweis mehr. Dann ist s genug. Er glitt ruhig auf die Straße hinaus, fest überzeugt, daß er die Turmtüre geschlossen und verriegelt finden werde; denn er kannte die Tür wohl und hatte sie selten, vielleicht in seinem ganzen Leben nicht mehr als dreimal, offen stehen sehen Aber wie groß war sein Erstaunen, als er barhäuptig zu der Kirche kam, mit der Hand in die dunkle Nische tastete — wiewohl er gute Lust hatte, sie schaudernd wieder zurückzuziehen, weil er fürchtete, sie möchte unerwartet gepackt werden — und mm bemerkte, daß die Tür, die nach mißen aufging, wirklich halb offen stand! (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. *S. Lange, Gießen.