Jahrgang |928 Dienstag, den 3|. Juli Kummer 6J SiehenerKmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Dss Mädchen. Von Werner Bock. Wenn mich der Abendwind mit Düften segnet Und auf den heißgebrannten Wiesenpfaden Die Schar der Schnitterinnen mir begegnet, Berg ich mein Haupt im Meer der reifen Saaten. Ihr Halme mit der süßen Schmerzenswunde, Erblüht, um sterbend zu beglücken: Auch ich bin reif und warte meiner Stunde, Da mich geliebte Hände pflücken. Bummel irr Bayreuth. Bilder aus der Aestspielfkadt. Von Gustav Manz. Ein begeisterter Franzose hat einmal kurz vor dem Weltkrieg in einem Buche über Richard Wagner geschrieben, man könne auf alle mögliche Weise nach Bayreuth kommen, — eigentlich aber müßte man wie zu einer Wallfahrt auf den Knien hinrutschen. Ich weih nicht, ob der Verfasser dieses Ausspruches noch lebt und sich davon überzeugen kann, daß bei der Menschheit heutiger Zeit keine Neigung für das Knie- rutschen besteht. Im Gegenteil, es kann den Söhnen und Töchtern unseres technischen Zeitalters gar nicht schnell genug gehen! Der einst so verschlafene und vergessene deutsche Winkel, den sich Richard Wagner ausgesucht hotte, weil der „liebliche Hügel", auf ivelchem sein Tempel der Kunst eiftehen sollte, so fern vom Industriequalm war, — diese stille Markgrafenstadt am Roten Main wird heute durchrattert von den Kraft- wagen aller Herren Länder. An den Spieltagen bauen sich Wagenburgen um den großen roten Ziegelsteinbau auf, zu welchem man früher mit einer gewissen betonten Feierlichkeit zu Fuße hinaufpilgerte. Natürlich sind es deren auch heute noch Hundert« und Aberhunderte, denen Einfachheit der Gesinnung und Bescheidenheit des Geldbeutels diesen be- behaglichen Schlenderschritt vorschreiben. Sie lassen neidlos die fauchenden Ungetüme an sich vorüberbrausen. Und sie wissen ganz genau, daß das Kunstverständnis durchaus nicht immer Schritt halt mit der Anzahl der maschinellen Pferdekräfte, über welche der Besitzer eines Opelwagens, eines Buick oder eines Rolls-Royce verfügt. Soll es doch Amerikaner geben, von jener Sorte, die da nicht reifen, sondern gereift werden, deren Festspielbesuch also aussieht, sie fahren in ihrem Auto den Festspiel- Hügel hinauf, einmal um das Festspielhaus herum und dann wieder hinunter in die Stadt, hinaus ans der Stadt — zu weiterer Expreßbesichtigung des schönen Landes „Germany“! Drüben im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten aber erzählen sie stolz, sie seien bei den Bayreuther Festspielen gewesen.. . Dem Himmel sei Dank, nicht alle sind sie so, welche der Dampf ober dec Motor hierherbefördertl Und gerade unter den Ausländern, welche von diesseits ober jenseits des Ozeans hierherkommen, habe ich manchen gesunden, der es an Verständnis und Begeisterung mit den beharrlichsten deutschen Stammgästen Bayreuths ausnehmen kann. Aber auch dazu haben wir Deutsche ein gutes Teil beigetragen! Deutsche Künstler sind es ja, die in London und Paris, in Chikago und Nenyork den Ruhm des Wagnerschen Kunstwerkes zu denen getragen haben, die sich früher nur durch italienische oder französische Kunst die Langeweile vertreiben liehen. Die Pioniere des deutschen Gesanges haben dem verwöhnten und blasierten Publikum der fremden Weltstädte den Respekt vor dec deutschen Kunst beigebracht. Es ist eine wahre Freude, zu fefyert, wie unbedingt di« Ernsthaftigkeit des deutschen Kunstgenusses auch die Ausländer erfaßt hat. Hier ist jeder vünktlich zur Stelle! Bei der dritten und letzten Trompetenfanfare hat sich jeder auf seinem Platz eingefunden, und in dem Augenblick, in welchem die Lampen erlöschen, erstirbt das schwirrende Gespräch. Eg tritt jene unvergeßliche, spannende Stille in dem gewaltigen A«ume ein, die Umschaltung aus dem Alltag in die erschlossene Bereitschaft der Seele. Tausendfach ist sie geschildert worden, diese geheimnisvolle Stimmung °es Bayreuther Hauses, immer wieder erschütternd für den, der sie rennt und seltsam aufwühlend für den Neuling: ganz einerlei, ob aus »mystischen Abgrund" des versenkten Orchesters die Sehnsucht des ■Wischen Liebespaares aufseufzt, ob der feierliche ^s-Dur-Klang des sparstfalvorspiels emporschwebt, oder ob sich über dem ungeheuren Orgel- punkte des Rheingolds das Wellenspiel des rauschenden Stromes cnb Welt. Doch ich will nicht zum tausendundersten Male wiederholen, was L, weiß, der einmal hier gewesen ist, und was keiner ahnen kann, knuL nidlt «rlebt hat! Ich schreibe diese Zeilen ja auch nicht, um als !wr Beckmesser die künstlerischen Leistungen abzuschätzen. Dies mögen andere tun, denen es ihr nicht gerade beneidenswerter Benis sichre,bt. Ich selber bin [eit drei Jahrzehnten überzeugter Festspielbummler. Sa, ich will die ketzerische Bemerkung nicht unterdrücken- ehe ich da bin, freue ich mich auf die Erlebnisstunden in dem zaubervollen Hause; wenn aber zwei oder drei Tage lang die Tonfluten in mich hineingerauscht sind, dann freue ich mich um so mehr auf die spielfreien Tage, auf die fröhliche Erholung, auf den sorgenlosen Bummel durch Stadt und Land. Und auf einmal merke ich, daß ich angesteckt bin vom Geiste des Schulmeisterlein Wuz, der sich immer auf etwas freute, — vom Geiste des in „Bier und Tränen seligen Kneipanten" Jean Paul, der draußen auf dem stillen Bayreuther Friedhof alle „Rosen- und Dornenstücke" des Lebens auf immer vergessen hat. meinte einmal, schon um der spielfreien Tage willen hatte „Bayreuth' erfunden werden müssen. In dieser Ueberireibung liegt doch ein Körnchen Wahrheit. Zukünftiges keuchtet vor. Besinnliche Na- < ” möchten gerne in sich etwas aufnehmen von der Kulturluft der alten Markgrafenstadt, die im Laufe der Zeiten allerlei bunte Schicksale erlebt hat; im fünfzehnten Jahrhundert haben die Hufsitien hier bös gehaust, im sechzehnren war es Albrecht Alcib indes, der als ein fürstlicher Raubritter seine Stadt Bayreuth schließlich ins Unglück stürzte; hundert Jahre später brandschatzten und erpreßten die Kaiser- ■taten und Wallensteiner die unglückliche Stadt; erst im achtzehnten Jahr- hundert fand sie Frieden und stieg unter Markgraf Friedrich zu Glück und Glanz empor. Das prunkvolle alte Opernhaus entstand; die beiden Schlösser in der Stadt und der Sonnentempel auf der Eremitage zeugen heute noch von der Großzügigkeit jener Tage. Das ist es, was Bayreuth anderen Mittelstädten gegenüber das besondere Gepräge verleiht. Man spürt, hier hat einmal fürstliche Freigebigkeit offene Hand gehabt, und daneben ist ein ruhiges, arbeitsames Bürgertum durch stille Biedermeierzeit hürdurch bis in unsere Tage zu behaglichen Lebensverhältnissen gekommen. Auch die neueste Zeit, in welcher die Industrie ihren Einzug gehalten hat, in welcher sogar ein Flughafen die Stadt an den Weltverkehr anschlietzt und auf diese Weise alle Eisenbahnsünden wieder gutmacht, — auch sie hat den eigentlichen Charakter der Stadt nicht merklich ändern können. Und so schlendert man ferienfroh durch ihre sauberen, breiten Hauptstraßen ober durch die winkligen Gassen der Altstadt; man betrachtet alte und neue Sehenswürdigkeiten: Park Wahnfried mit der großen Granit- platte, die Wagners sterbliche Ueberrefte deckt, den schattigen, von Vogelgezwitscher erfüllten Hofgarten, das Wagner-Museum mit dem Sebent« zimmer für den getreuen Biographen Glasenapp im neuen Schloß. Man wandert ober führt hinaus nach der Eremitage mit ihren Wasser- spielen und den sonstigen Erinnerungen an den höfischen Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts; man besucht das anmutig gelegene Schloß Fantaisie. Der und jener erinnert sich wohl mich daran, daß dieMart- gräfin Wilhelmine, Friedrichs des Großen geistvolle und scharfzüngige Schwester, in der ehemaligen Schloßkirche, der heutigen katholischen Pfarrkirche, begraben liegt. Wie so mancher gehöre auch ich zu den sonderbaren Käuzen, die in jeder Stadt die Kirchhöfe besuchen. Und nun gar ein Gang über den Bayreuther Friedhof! Ich habe es niemals unterlassen, dort eine stille Stunde zu verbringen. Ein kleines Mausoleum umschließt die Körperlichkeit von Franz Liszt, diesem großen und gütigen Menschen; ein Granitblock erinnert an Jean Paul, den Dichter, der einst, den Dachsranzen umgehängt, zur Rollwenzelei wanderte, um der Wirtin die neuen Einfälle feiner krausen Phantasie vorzulesen. Einen dankbaren Zoll der Erinnerung entrichtet man am Grabe Julius Knieses, dieser ernsten Kantorgestalt, des Mannes, der die weltberühmte Bayreuther Chordifziplin geschaffen und seinem Nachfolger Hugo Rüdel zu weiterem Ausbau hinterlassen hat. Aber wieviel neue Gräber sind hier seit den Jahren des Weltkrieges hinzugekommen! Weithin dehnen sich die Reihen- und Massengräber deutscher, russischer, rumänischer und italienischer Soldaten, die hier für immer von Weh und Wunden genesen. Und noch zwei Gräber suche ich auf. Auch sie sind Ruhestätten von Kämpfern, von Soldaten des Geistes; sie schlummern in der Erde, auf der sie und für die sie gestritten haben: Hans Richter, der erste Meistersinger- unb Festspieldirigent, und H. St. C h a m b e r l a in , dieser Deutsche aus Leidenschaft und Ueberzeugung. Doch kehren wir zurück von den Toten zu den Lebenden! Zur not« wendigen Atzung und zum fröhlichen Umtrunt findet man sich in den Abendstunden nach den Vorstellungen ober an den spielfreien Tagen in den wohlbekannten Gaststätten, für die es ebensogut eine „Tradition" gibt wie für die Hüter des künstlerischen Erbes von Richard Wagner. Ein Haupivunkt dieses Gastverkehrs ist nach wie vor der so bequeme, in Bahnhofsnähe gelegene Garten des Hotels zur Post, in welchem ich elber seit dreißig Jahren mein Obdach gefunden habe; Dutzende von Gasthäusern, Wirtsck-aften, vom vornehmen Anstrich des erftflaffigen Hotels bis zum bescheidenen Charakter der bürgerlid)en Herberge, sorgen für Unterkunft und Verpflegung. Wie anheimelnd berührt es den alten ! Bayreuther Bekucker, beim ersten Gang durch die Stadt festzustellen, Laß es trotz aller Rücksichtnahme auf verwöhnteste Ansprüche Immer noch wie in jeder gntdeutschen^ Kleinstadt oder Mittelstadt, hier einen „Gol- denenHirschen" und ein „SchwarzesRaß" gibt, das zwar neben den alten Konditoreien ein paar „Dielen" und Cafes entstanden sind, daß aber daneben sich immer noch Kolbs Hannickel oder Wolfenzacher und Grampp am Kutscherplatz ihres Daseins erfreuen und gar in der traulichen Kirchgasse, immer noch betreut vom gemütlichen Herr Meyer, die alte, unverwüstliche „Eule". Diese Künstlerkneipe, die sich ebenso der Gunst hoher und höchster wie auch froher und fröhlichster Herrschaften rühmen darf, ist ein Jnventarstück, das man sich aus Bayreuth nicht hinwegdenken kann. Während ich diese Zeilen an einem spielfreien Tage niederschreibe, blickt der blaue Himmel mit seinen weißen Wolken munter hernieder auf die liebe, alte Stadt Bayreuth. Da droben also hat man die Flaggenfrage auf bayrisch gelöst, während vom First des Festspielhauses zum ersten Male eine Hausflagge weht mit einem großen, roten „W" auf weißem Grunde. Das will bedeuten: Richard Wagner hat dies Haus errichtet, es war sein eigen; diejenigen aber, die heute seinen Namen tragen, wollen es hüten als treue Sachwalter! Wer in diesem Sommer den Festspielbeginn mit Tristan und Parsifal erlebt hat, wird, wenn er ehrlich und unbefangen ist, bezeugen: was diese Flagge sagt, ist gleicherweise ein stolzes Versprechen und eine reiche Erfüllung! Der Maler venezianischer Frauenschönheit. Zu Palma Vecchios 400. Todestag. Bon Dr. Hedwig Fischmann. Neben dem strahlenden Doppelgestirn, das dem aufgehenden venezianischen Cinquecento geleuchtet, neben dem einen aufwühlenden Frühlingssturm gleich dahinbrausenden Götterjüngling G i o r g i o n e und dem aus unerschöpflicher Kraftfülle schöpfenden Tizian, dem Erfüller dieser Verheißung, steht, verdunkelt von dem blendenden Lichte jener beiden, ein Dritter, dessen Kunst aus dem gleichen Boden die besten Wurzeln ihrer Kraft gezogen: Palma Vecchio, der Maler venezianischer Frauenschönheit. Ihm ward es zum Fluche, daß er der Sohn jener Zeit gewesen, daß er gemessen und verkleinert ward an dem Maße jener Größten. Nicht in dem Urteil der Mitwelt, die das Schaffen dieses Meisters wohl zu werten wußte — und schon diese Entscheidung des kunstfrohen und -verständigen Venedig jener Tage hätten nachgeborene Generationen vorsichtiger in ihrem absprechenden Urteil machen müssen — wohl aber vor dem Forum einer späteren Kritik, die sich in den Vorwürfen der Seelen-, Geist- und Temperamentlosigkeit Palmascher Kunst nicht genugtun kann und nur ihre koloristischen Qualitäten gelten läßt. Haben doch diese vergeblichen Mängel, die ja ziemlich das Schlimmste bedeuten, was man einem Künstler überhaupt nachsagen kann, nicht daran gehindert, daß gar manches seiner Gemälde lange Zeit als eine Meisterschöpfung des Giorgione ober des Tizian gepriesen wurde, daß man der unechten Signatur G(iorgio) B(arbarelli) auf dem Dresdner Bilde „Jakob und Rahel" willig Glauben geschenkt und die vielumstrittene „Bella" aus dem Palazzo Sciarra in Rom als „den erhabensten weiblichen Typus des Tizian" gepriesen und nur zögernd und widerwillig dem Werke Palmas zurückgegeben hat. Gewiß, der Umkreis, in dem sich die Kunst dieses Meisters bewegt, ist eng gebunden gleich dem Lebenskreis, in den sein Dasein gebannt war. Frühzeitig war Giacomo N t g r e t t i — dies der wahre, erst spät von der Forschung aufgedeckte Name des Künstlers — aus seiner Heimat Sinalto bei Bergamo nach Venedig gekornmen, wo er wie seine beiden etwas älteren Zeitgenossen Giorgione und Tizian in der Werkstatt des Giovanni Bellini tätig gewesen ist und entscheidende, besonders in seinen Altargemälden nachwirkende Richtlinien seiner Kunst empfangen hat; von ihm selbst aber ist in jenen Jahren ein deutlich erkennbarer Wirkungsstrom auf den langsamer reifenden Tizian ausgegangen. Wenn Palmas Lebenslinie sich auch früh von seiner berga- rnasker Heimat entfernt hat, so ist doch ein inniges Verbundensein mit jenem Boden in seinem Schaffen stets lebendig geblieben; immer wieder klingt die Gebirgslandschaft seines himmlischen Tales in den Hintergründen seiner Altargemälde und heiligen Konversationen an, wie er auch gern seine biblischen Szenen in den Rahmen des arbeitsreichen oder behäbigen Daseins des wohlhabenden Gebirgsbauern einspannt, z. B. die Heimsuchung oder die Begegnung Jakob und Rahels, und ihren Gestalten die schwere, wuchtige Massigkeit des Bauernschlages jener Gegend verleiht. Doch seltsam: dieser Maler, der niemals müde wird, der Schönheit der Venezianerin immer neue Huldigungen darzubringen, geht scheinbar unempfindlich an dem lockenden Zauber ihrer hohen Herrin, an den Reizen der Dogenstadt vorüber; nie spiegelt sich ihr Bild, nie das Meer, diese Seele ihres Seins, in seinen Gemälden wider. Und doch ward Venedig zur dauernden Stätte seines Wirkens und seines Ruhmes, wo er bis zu seinem Tode eine selbständige und reich mit Aufträgen bedachte Künstlerwerkstatt sein eigen nannte. Wer je in der Kirche Santa Maria formosa vor Palmas heiliger Barbara, dieser Gipfelschöpfung seiner Kunst, gestanden, der hat der Venezianerin des Cinquecento Äuge in Auge gesehen. Die maestä, dieses höchste Frauenideal der Zeit, ist in dieser Gestalt, die den engen Rahmen des Bildes mit ihrer überragenden Größe fast zu sprengen scheint, unsterblich geworden. „Der Kopf der Heiligen von einer wahrhaft zentralen venezianischen Schönheit, das ganze mit der höchsten Gewalt und Wissenschaft der Farbe und Modellierung vollendet," so faßt Jacob B u r ck - harbt den Eindruck dieses herrlichen Gemäldes zusammen. Wen kümmert es, daß dieses machtvolle Weib in dem schwer wallenden, in PurMrtönen rauschenden Gewand eine Verkörperung der Schutzpatronin der Artilleristen, die diesen Altar bei dem Künstler bestellten, darstellt? Es ist die Venezianerin, ist Venedig. Wer hat vor dieser Gestalt einen Blick, einen Gedanken für die unverhältnismäßige Kleinheit der Hände und Füße, wer für die anderen Gestalten des Altars, selbst für den jugendschönen Körper des heiligen Sebastian? Hier braust, alles über« tönend, das hohe Lied von der Schönheit der Venezianerin. Viele Mtarwerke sind außer dem Wunderwerk in Santa Maria formosa aus dem Atelier des beliebten Künstlers hervorgegangen, aber in der Komposition und dem Aufbau großer Gruppen, die diese Gemälde von ihm forderten, lag nicht die eigentliche Stärke Palmas, während das lebendige Gefühl für den reizvollen koloristischen Zusammenklang, das ihm in so hohem Maße eignet, sich nirgends dort verleugnet, wo es sich um eigenhändige, nicht um Gehilfenarbeit handelt. Dennoch sind ihm auch auf dem Gebiet des Altarbildes so wirkungsvolle Schöpfungen gelungen, wie die thronende Jungfrau mit Heiligen in St. Stefano in Vicenza oder die Anbetung der heiligen drei Könige in der Brera mit der geschlossen aufgebauten, ganz aus den alles beherrschenden ideellen Mittelpunkt, das Jesuskind, hinstrebenden Hauptgruppe und dem geschickt zum Engpaß vertieften Hintergrund, aus dem sich der Zug der heiligen drei Könige entwickelt, — ein Gemälde, das wohl geeignet erscheint, den Vorwurf der mangelnden Kraft des Künstlers für große Kompositionen in feiner uneingeschränkten Geltung zu erschüttern. Aber leicht und anmutvoll, als unbestrittener Herrscher, bewegt sich Palma auf dem Gebiet des „Existenzbildes", jenen ins Genrehafte transponierten Szenen biblischen Inhalts, bestimmt, der häuslichen Andacht zu dienen, die erst durch ihn ihre eigentliche Ausbildrlng empfangen haben. Besonders gern wählte er hierfür als Vorwurf die heiligen Konversationen, Halb- oder Ganzfigurengruppen von Heiligen in zwangloser Unterhaltung inmitten einer anmutigen Landschaft, denen sich bisweilen auch ein von seinem Patron empfohlener Stifter zugesellt, Bilder von rein weltlicher, aber hehrer Schönheit und unübertrefflicher Farbenpracht und Farbenharmonie." Doch seinen höchsten Ruhmestitel hat sich der Künstler als Maler schöner Frauen errungen. In einer Zeit, da die Frauen Venedigs selbst kostbaren Kunst- und Luxuswerken gleich gehalten wurden; da all ihr Sinnen und Trachten der Pflege ihrer Erscheinung galt; da sie es sich nicht verdrießen liehen, halbe Tage lang auf den Terrassen ihrer Paläste in der Sonnenglut auszuharren, um den mit sorgsam zusammengebrauten Essenzen behandelten Haar den von der Mode vorgeschriebenen Gold- ton zu verleihen; da die schimmerndsten und prachtvollsten Samte und Brokate gerade würdig genug als Rahmen ihrer Schönheit befunden wurden — wer wäre da wohl besser zum Maler dieser Frauen geeignet gewesen als Palma, dessen virtuoser, schmelz- und glutvoller Pinsel nicht müde wurde, Kunstwerke über diese Kunstwerke zu schaffen, dem leisesten Huschen der Lichter über die in tausend Nüancen des Blond variierende Haarpracht zu lauschen, ein Inkarnat von samtiger Weichheit und hauch- zarter Frische hervorzuzaubern und auch bereitwillig mit seiner Kunst die Kunst des Modelles zu verbessern und es dein allgeinein anerkannten Schönheitsideal der Zeit anzuähneln. Darum wirken die Frauenpotträts dieses Malers oft so schwesterngleich, nicht bloß die nur durch die Pracht ihrer Gewänder verschiedenen „Drei Schwestern" in Dresden. Doch geistlos, seelenlos wären Palmas Frauenporträts? Ja, forderte inan denn von jenen Frauen Geist? „Trug" man Seele im damaligen Venedig? Und daß Palma Vecchio überall dort, wo Seele, wo nur ein Hauch des Geistes vorhanden war, ihn gar wohl in feinen Gemälden aufzufangen und nachtönen zu lasten verstand, das beweist das schon erwähnte Bildnis der „Bella" aus der Galerie Sciarra zu Rom (jetzt bei Rothschild in Paris) mit den vornehmen, durchgeistigten Zügen, beherrscht von dem prüfend forschenden Blick, oder die von einem Legendenkvanz umwobene zauberhafte „Violante", in der man die Tochter des Künstlers und die Geliebte Tizians hatte sehen wollen. Das Inventar des Erzherzog- Leopold Wilhelm, aus dessen Besitz das Bild in die an grauen- porträts Palmas besonders reiche Wiener Galerie übergegangen ist, führt es unter dem Titel „la della gättä", („die schöne Katze"), und dieser Name gibt etwas von dem schmeichlerischen und zugleich aufreizenden elektrischen Fluidum wieder, das dieser geheimnisvollen Frauengestmt entströmt. Weniger glücklich dagegen ist Palma überall dort, wo er die Schönheit seiner Modelle mit biblischen ober antiken Gewändern bekleidet oder entkleidet. . „., Vier Jahrhunderte sind seit dem Tode Palmas heute verfloßen. tW scheint es nun an der Zeit, das Urteil über diesen Meister, den einst die Makart-Zeit so sehr erhoben und der vielleicht gerade danim einer späteren Epoche als bloßer Routinier verdächtig geworden ist, nochmals nachzuprüfen, ihn aus dem Schatten seiner großen Zeitgenossen, in dem er allzulange gestanden, in eigenes Licht zu rücken. Und auch das trotzige Selbstbildnis Palmas in München mit den energischen Zügen voll verhaltener Kraft, die so gar nicht zu dem Bild eines temperamenllostn Künstlers stimmen wollen, scheint gebieterisch diese Revision zu heischen. Löwenzahn. Bon Rudolf Behrens. Bor mir liegen zwanzig ausgezogene „Löwenzähne", Blätter von Taraxacum ofticinale ober, wie ß i n n 6 treffender sagt, Leontoao taraxacum. Ich treibe mein Spiel mit ihnen und muß erkennen, da» st ein großes Geheimnis offenbaren. Sie sind alle in der Marsch ßepju® und fordern zum Vergleich heraus. Eine Fülle unterschiedlicher Form ist das Ergebnis. Nicht eins ist dem andern ähnlich in seiner mnguv ober lineal lanzettlichen, schrotsägigen Gestalt. Ob als Rosette am runde, als Büschel im Kampfe mit den hohen Wiesenkräutern, im Erun des Grabens, im Schatten der Hecke ober unter Weißdorn und nm Rosen gesucht, je nach ihrem Standorte sind sie breit ober fajmai, > » ober kurz, tief ober flach gesägt, rundlich oder spitz gezahnt und oewe j unzweifelhaft die Abhängigkeit ihres Lebens von dem jeweiligen .w» baden samt den ans Licht drängenden Blumenkindern. Sie erjcyu » mir ein ganzes Landschaftsbild, nämlich die Marsch mit n6, wohnem, und darüber hinaus Kulturzusammenhänge, die den w radius der fruchtbeschwerten Pappusslugzeuge des LöwenzaY»' weitem übersteigen. Ich erinnere mich einer längst verklungenen Schulstunde, in der ich folgendes aufzusagen hatte: „Die Marsch ist alluviales Schwemmland an den Ufern der Meere und Flüsse, durchsetzt von mikroskopischen Organismen und besteht aus Lehm-, Ton- und Kiesschichten. Sie ist von Dünen begleitet und bildet einen vorzüglichen Weideboden, der seine Bewohner veranlaßt, sich vorwiegend mit der Zucht von Milch- und Masttieren, dem Rindvieh, zu befassen." Bei dem Worte Rindvieh nickte unser Lehrer zustimmend, was ich sehr komisch fand, und woraus ich schloß, daß er mit mir zufrieden war. Damals hatte ich so gut gelernt, daß ich noch heute auf die Frage „Was sind Marschen?", ohne mich zu besinnen, geläufig Antwort geben kann. Niemand hatte mir gesagt, daß Definitionen keine hohlgeblasenen Glas- kövfe zu sein brauchen, sondern daß sich diese Glasköpfe auch füllen lassen. Damals war die Marsch für mich solch hohler Glaskopf: denn ich hatte weder eine gesehen, noch vermochte ich mir eine richtige Vorstellung von dieser Landschaft zu machen. Meine Phantasie erfüllten zwar Wiesen, Kälber, Hecken, Ochsen und Lehmklöße; doch erst viel später lernte ich aus eigener Anschauung die Kraft dieser Landschaft kennen, verstand ihre Schwere und die Notwendigkeit ihrer Menschengestaltung nach den Gesetzen irdischen Gebundenseins. Nun gehe ich schon seit zwei Jahrzehnten meinen „alten Marschweg", wenn ich einmal dem großstädtischen Ameisenhaufen entfliehen will, und fühle mich niemals erdgeketteter und schwerblütiger, denkfauler und arbeitsunlustiger als auf dem geborstenen, zu Stein verklumpten Lehm der Marsch. Wen eine Landschaft nicht zu formen vermag, wer auf hohen Bergen, auf weiter Wasferfläche, in dunklen Wäldern und auf lustigen Wiesen ein und dasselbe fühlt, nur frische Luft, Einsamkeit und die Lust nach dem nächsten Kaffeegarten in sich spürt, ist für jede Landschaft verdorben und soll getrost auf seinem Hausbalkon seelische Erholung suchen. Die Menschen tragen das Antlitz ihrer Erde mit Ausnahme jener Dutzendware, wie sie skrupellose Postkartenfabrikanten vorwiegend für Liebespaare herstellt, ohne Geist und Gebärde, ohne Linicnzug und Ausdruck, die verdient, dem Zensor für „Schund und Schmutz" zur Aburteilung vorgelegt zu werden. Unter dieses Gesetz fallen meines Erachtens weit mehr Dinge, als sich der Laie träumen läßt. Nicht die aufreizenden Pseudokunsterzeugnisse dieser Gattung verderben durch ihr Gift, ihnen kann man am ehesten aus dem Wege gehen, sondern die bakterienhast verbreiteten, nichtssagenden Produkte harmlosesten Kitsches, von den anspruchslosen Machwerken lächerlicher Sentimentalität und grober Unnatur ganz zu schweigen. Gott sei Dank ist die Wirklichkeit, die Natur, von solcher Unkultur weit entfernt. Auch der Marschenbauer trägt sein geprägtes Antlitz. Es zeigt dis Schärfe R o d i n f ch e r Formgewalt und die Kompaktheit Barlach- scher Gestaltung. Seine Glieder sind lässig: denn in dem ihm anvertrauten mesopotamischen Fruchtgefilde sorgt die Natur für den Ausgleich von Mahd und Nachwuchs. Altersrunzeln, die bei ihm erst spät auftreten, sind nicht die Folge sorgenden Schaffens und durchdarbter Mißernten, sondern gleichen seinem Lande und sind wie dessen Risse Spuren fa- vannenhafter Sommerdürre. Sein Mammon ist die Kuh, dieses plumpe Geschöpf mit glotzenden Stieraugen,, unholfenen X-Beinen, unnötigen Hornspießen und kottriesendem Tigerschwanz, am häufigsten schwarzweiß gezeichnet, das zu dem Grunde der oft farbenarmen Landschaft in Kontrast steht. Es ist eine alte Wahrheit, je nützlicher ein Tier ist, um so häßlicher ist es. Man denke an das Kamel, das unentbehrliche Schiff der Wüste. Was dem Kongoneger das Elfenbein, dem Lappen das Renntier oder dem Grönländer der Schlittenhund bedeutet, ist für den Marschenbauer die Kuh. Mit ihr lebt er unter einem Dache, für sie sorgt er, wenn die Weide dem Winterschlafs verfällt, ihr Gedeihen steht von allen seinen Nöten obenan; denn ihre Milch ist seine Zehrung, ihr Fleisch seine Nahrung und ihr Nachwuchs sein Geld. Nach ihrer Kopfzahl bemißt man seinen Wohlstand und errechnet seine Steuern, mit ihr dokumentiert er wirtschaftliche Macht und Ansehen, und von Jakobs Zeiten ist dieser alttcstamentliche, patriarchalische Herdefürstenstolz auf den Marschenbewohner vererbt. Seine Kühe sind seine Untertanen, über die er in seinem weiten Reiche der unabsehbaren Weiden regiert. Dieses Reich ist die schier unendlich einförmige, grüne Fläche zwischen Deich und Geest, dieses lang- gezogene Schachbrett mit den geraden Hecken und Zäunen, den aufhaltenden Stegen, hier und da unterbrochen durch ein Hirtenhaus, einen uralten Ziehbrunnen oder eine künstliche Viehtränke. Ohne diese Einschachtelung wäre die Marsch ein grünes Meer, in deren Langeweile man ebenso ertrinken könnte, wie in den Wasserwogen der See. Aber diese Wellenbrecher aus Weißdorn, das Flschtwerk buntester Zauntechnik und die einsamen Bauminseln, bestehend aus einer zitternden Weide oder rauschenden Esche, einer schwankenden Pappel oder geknickten Eiche lassen dcn im grünen Strudel Schwimmenden nicht untergehen. Sie geben ihm immer wieder schützenden Grund, verweilende Stützpunkte und auslohnende Ablenkung. Vor dem ersten Grasschnitt ist diese Flut sogar ein Blütenmeer. Die Marsch hält dann den ganzen Zauber der Natur gefangen, und Schaumkraut, Wiesenkle«, Wucherblume, Hahnenfuß, Gänseblume, Zaunwicke, Schafgarbe, Bärenklau, Pastinak, Hornkraut, Pipau und Sinau wetteifern mit der Pracht ihrer Entfaltung; doch keiner tut es dem Löwen- r«yn gleich. Er ist der Herrscher unter ihnen, obgleich kein geachteter, seine sonderbaren Blätter und sonnenschönen Blüten zu verbreitet, »u alltäglich sind und kunstvolle Formen gemeiner Futterkräuter ebenso- ?Emg gelten wie Propheten im eigenen Vaterland«. Ich wüßte nicht, -A W je ein Blumenfreund für Löwenzahn begeistert hätte, gleich wie ^„„Kälberkropf und Petersilie nicht ans Herz gewachsen sind. Immer Ikk-n et ^kküstche Gewächse sein, mögen sie noch so verschroben aus- Snnh 1rln‘3 in 3ehn Jahren nicht zur Blüte kommen; sie erfreuen, ihre ">nge, die ihrerseits wiederum einen S p i tz w e g reizen, solche ,-rr kteenfreunde" der Nachwelt zu erhalten. Man wage sich getrost ein« infoVJn . Hukrautmaterie hinein. Dort tut sich einem eine nicht minder ~ljante Welt auf, an der man meistens oberflächlilch vorübergeht. Gon der Name Löwenzahn flößt Respekt ein. Das ist kein psycholo- gijches Geheimnis, sondern eine Binsenwahrheit, die jeder am eigenen Leibe verspüren kann. Der Name ist nicht nur eine Visitenkarte, sondern drückt Wesen, Empfehlung und ethymologische Sinndeutung aus und besitzt fraglos suggestive Gewalt, persönlichen Magnetismus und verschafft oftmals den persönlichen Mut im Kampfe ums Dasein. Es wird niemand glauben, daß eine schlichte Karte mit den einfachen Zügen „Willi Meier", „Heinrich Müller" oder „August Schulze" ohne weiteres Anziehung besäße. Jeder Handelsvertreter, Stellungsuchende, Kunstbeflissene oder Besucher eines Regierungs- oder Bureaugewaltigen weiß, was es heißt, mit „Arpad von Adlershorst" oder „Ingo von der Lessen" aufwarten zu können. Wer daran zweifelt, befrage Harry Domela. Ob sich der Name mit seinem Träger deckt, entscheidet erst in zweiter Linie. Mit jedem Namen verbindet sich eine Vorstellung, die durch spätere Wahrnehmung nach den Gesetzen der Apperzeption entweder zu einer positiven oder negativen Anschauung erwächst. Löwenzahn hat etwas Souveränes in seinem Namen, das selbst seine Koseformen wie Pust-, Ringel-, Butter- oder Kuhblume nicht verwischen können. Er beherrscht Wiese und Feld, Landstraße und Garten, Berg und Tal, Geest und Marsch mit einer Virtuosität, der man Hochachtung nicht versagen kann. Vor diesen Löwenzähnen ist keine Landschaft sicher, am wenigsten die Marsch, auf deren endlosen Gefilden sie ihre propellerbewehrten Samenkörnlein wie Lustmaschinen segeln lassen können, und deren Fahrten im Reiche Floras nicht minder verblüffen als Arktis- und Atlantisflüge anläßlich der Bezwingung unseres Planeten. Die inneren Kräfte find dieselben, nur ihre Ziele sind verschieden, und erdgebunden sind sie beide. Ein Fest auf Hadersievhuus. Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.) „Heiliger Hubertus!" rief Herr Dolf; „kümmert Gaspard der Nabe sich auch um Schiehzeug?" Der Schreiber warf von unten seine scharfen Blicke auf den Frager: „Wenn ich nur treffen könnte!" sagte er. Da lachte Rolf Lembeck: „So komm! Ich kenn« die Feuerröhre schon von Prag; wer weiß, ob nicht dein Treffer drinsitzt!" „Vielleicht," erwiderte Gaspard, und da der andere nach dem Reitstall schritt, sah er ihm nach, als sähe er auf seine Beute. Sn kurzem ritten sie auf Haderslev. Es war zu Ende Sunt; Rolf hatte sein Mäntelchen schon auf des Rappen Hals gelegt, denn die Sonne brannte: Gaspard warf die Gugelkappe in den Nacken. Do ritten sie in dem goldenen Staub der Heerstraße durch das Kirchdorf Hammelef; die Bauernkinder lagen im Sande vor den Hütten und wiesen mit den Fingern auf den schmucken Reiter. Von da führte der Weg durch den Wald, und die Rosse traten vorsichtig zwischen die Eichen- und Buchenwurzeln. Der Ritter blies den Ottern von sich: „Ah, Gaspard, das ging schier ums Gesottenwerden!" Der Schreiber nickte nur; er hatte Gedankenarbeit. Der Wald hörte auf, und wieder kam der Sonnenbrand; nach einer Weile ein Hügei mit hohen Bäumen, an dem zur Linken sich eine andere Holzung hinzog; oben aus den Wipfeln sah die Krönung eines stumpfen TurmeS. Wie eine Gabel teilte sich der Weg nach rechts und links; und Gaspard, als ob es sich von selbst verstehe, spornte seinen Fuchs zur Linken in den Waldweg, er wollte an der Gartenwand vorüber, um dort des RitterS Mienen und Gebaren zu erforschen; doch da er umblickte, sah er sich allein; der Ritter war schon nach Osten auf dem Wege durch die freie Landschaft. Der Ritter sah lachend von seinem Hengst auf ihn herab: „Sch wuhr nicht, Gaspard, daß du die Sonne fürchtetest!" Gaspard wandte fein Pferd und ritt bald wieder neben ihm. „Ei, Herr," sprach er, „was meidet Shr den Schatten und reitet den weiteren Weg Hier in der Donnenglut?" „Sch bin kein Ritter, Herr," sprach Gaspard und zog sich seine Gugelkappe in die Stirn, „Sst in dem Schlosse droben etwas, das Euer Auge haßt?" „Meinst du," erwiderte Rolf Lembeck fröhlich, „daß man nur meidet, was man haßt?" Doch, als besänne er sich plötzlich, fügte er hinzu: „Wohl sehe ich lieber das freie Land hier als auf des Dänenkönigs Burgen; mir ist, er spinne wieder Anheil!" Der Zusatz kam zu spät, denn als er au!f den Schreiber blickte, sah er desseiw Kopf sich seitwärts drehen und mit der Rase nach der Erde fahren, daß ihm der Kappenzipfel um die Schulter schwenkte. „Hallo, Rabe," ries er. „Wonach trachtest du?" „Shr wisset, Herr/' entgegnete der Braune, „ich sehe bisweilen Dinge, die nicht da sind." „And was Beute sahst du denn dorten auf dem Sande?" „So Shr es wissen wollet — nur eines Fädleins Erde! Sch dachte töricht, «S sei schier mitzunehmen; doch — Ihr habt recht, warum sollen wir die Königsburg betrachten!" „Gi>, Gaspard!" rief der Ritter, „wozu der Faden! Hier ist kein griechisch Labyrinth!" Doch plötzlich überkam es ihm, als stehe er mit Dagmar vor aller Welt aus offenem Markt, und aus dem Haufen glühten seines Weibes Augen au das arme Kind. Gaspard blinzte mit verknis enem Lachen auf den jungen Herrn und lie-h dann seinen Fuchs nach hinten gehen. So ritten sie, jeder in eigenen Gedanken, in die Stadt, — Was mit dem Feuerrohr geworden, vermag ich nicht zu sagen; aber ein anderes. Sn Holstein, in einer engen Gruft, mußten di« Würmer sich durch einen Sarg gefressen und von dem gemunkelt haben. was sie in dem toten Mann gesunden hatten, der, als er oben ging, Hans Pogwisch hieß. Am Nachmittage, da Rolf Lembeck mit dem Schreiber das Haus des Schmieds verlassen batte, sah in der Gaststube des „Schwarzen Stiers'^ zu Haderslev ein wüster Hvlstenkerl; er wollte zum König Waldemar, 8er wieder einmal Kriegsleute sammelte; ein paar Gesellen, die ihm nicht ungleich sahen, hielten ihn trunffjel, denn er war ebenso maulfertig im Trinken wie int Reden.. „Ihr habt das Weibs- stück nun nahebei!" rief er; „die macht nicht Viel Federlesens, und schmuck ist sie, daß sie dsn Teufel verführen könnte!" Er stützte den schweren Kopf in seine Hand und streckte die andere breithin auf den Tisch: „Die Königlichen hatten ihr den Mann, der seinem Weib die ganze Ehssröhlichkeit verdorben hatte, zu ihrer Freude so verhauen, daß schon der Gottseibeiuns am Bettende sah, um mit der Seele abzufahren. 2lber — das wissen wir selber! Llnkraut und Disteln vergehen nicht so leicht; und eines Tages wurde seine Ras« wieder rot und kreuzfidel!" Der Kerl lachte und nahm sein Glas: „Ein Satansweib! Möge der Teufel ihr weiter helfen!" And die Gläser der drei Halunken klirrten aneinander. An einem andern Tische sah ebn Herr, jung und im goldgestickten Rock; er war schon aufgefprungem und hatte die Hand am Schwert- Miss, um die Kerle abzufuchteln; denn er wußte, es war sein Weib, das ihre schmutzigen Mäuler schändeten. Aber er setzte sich schweigend wisdsr: er mutzte Höven; das war besserer Gewinn. And mit heimlicherer Stimme begann auch schon wieder der Dettelgast am andern Tische: aber er hatte sich zuvor noch erst fern Stück gelacht: „Der wunde Ritter, ich sagt's euch schon, Hub an, seine Fäuste wiederum zu fühlen; da" — und der Kerl stich mit seinem Becher auf den Tisch — „da hatte sie auf einmal Ratten zu vergiften! — ÄH glaub, es ist auch wohl eine Ratte mit krepiert; abes es glückte wunderbar: am andern Morgen war sie eine frohe Witwe!" „Mordbrand!" rief einer von dem andern; „gar eine Ritterfrau und hier? Wie heißt sie denn?" Aber der Ke-rl wischte sich den Ak und und Hub mit trunkener Feierlichkeit die flache Hand: «Das bleibt bei mir! 2ch bin von ihrem Hof; ein Hundsfott, der seinen Herrn verrät! Möchte nur der Folgmann des armen Vorwirts nicht geworden sein!" Er 'Leerte sein neu gefülltes Glas und stand taumelnd auf; als er an Rolf Lembeck vorüberkam, sah er tim mit verglasten Augen an) und strebte taumelnd nach der Tür. Gleichzeitig war Gaspard in das Gemach getreten, der auf Einkauf für seine Herrin, in der Stadt gewesen war, und Rolf drängte zur Heimfahrt. Auf dem Rückwege ließ er den Schreiber vor sich reiten: er wollte weder feine noch eines anderen Menschen Rede hören; ihm war's, als wenn das Hirn ihm friere und gössen Eisstrahlen sich hinab durch seinen Rücken! Richt seines Weibes dachte er zunächst; nein, Dagmars; und daß zu ihr ein furchtbarer Rettunasweg sich aufgeton. Als er zu Dornmg ins Gemach trat, kam Frau Wulfhild mit aus- gestreckten Armen ihm entgegen; aber er griff sie an beiden Handgelenken und hielt sie von sich: mit entsetzten Augen sah er auf ihr Antlitz. ■ Sie erschrak. „Was ist dir?" rief sie auffahrend; „bist du auch toll geworden?" Da ließ er fchweigenö chre Hände fahren und schritt in den Hof hinab. Das Weib aber stand plötzlich ohne Regung: „Was war das?" stammelte sie kaum hörbar. Nach einigen Tagen stand der Schreiber in Frau Wulshilds Kemenate. „Hast du die Puppe?" frag sie hastig. Er wiegte seinen kleinen Kops: „Ich habe sie und habe sie auch nicht." „Das heißt?" „Ich wette, es ist das Fräulein von des Königs Burg." „Des Schlohhauptmanns Tochter? — Ein Kind!" Er spreizte seine Finger: „Erlaubt, das pflegt sich beim ersten Kuß zu wandeln; und überdies — das Neue ist ein Dämon!" Sie war vom Sessel aufgesprungen und schrill mit funkelnden Augen auf und ab: ihre Finger griffen in ihr Sacktuch, als sei's ein lebend Wesen das sie würgen müsse. „Das Spielzeug könnt Ihr nicht nehmen," sagte Gaspard wieder; „doch wenn das Spielzeug nicht' asm Kinde tonn, so muß das Kind vom Spielzeug!" „Was heißt das? Rede deutlich!" „Sind hier die Wände sicher?" „Das weißt du selber," erwiderte Frau Wulshild uni) warf sich in den Sessel. „Nun rede!" Und Gaspard letzte stch zu ihren Füßen auf dem Schemel, den sie ihm gewiesen hatte. „Ihr habet, edle Herrin," begann er leise, mit Fingerspiel sein Wort begleitend, „meine Maulwurfsarbeit nicht gesehen, aber ich habe sie getan. So leiht mir nun ein hörend Ohr! — Die unruhigen Herren in Holstein spinnen einmal wieder etwas gegen den König Atterdag" — er sah sich um; dann suhr er fort: „Sie hatten Eueren Schwäher auch zum Rat berufen: Ihr wisset, der gewaltige Herr hat etwas von der Fledermaus: beim Wolf heut und morgen bei den Falken; und so wollen 'je seiner diesmal sicher werden. Aber er bauet die Burg dort auf der Insel und kann nicht fort von dem wilden Bauvolk." Gaspard senkte seine Na e: „Wollet nicht fragen, wie ich das erfahren habe; aber ich suchte einen klugen Boten und schrieb an Herrn Claus Lembeck, daß bei Euch ein treuer Maim entbehrlich sei, wenn anders Treue im nächsten Bluts liege; ich schrieb auch, es komme Euerem Wunsche entgegen, des Ehegemahls auf eine Weile ju entrateu." „Mich will bedünken," rief das Weib, „du bist noch eigenwilliger als klug! Und Claus Lembeck" — setzte sie hinzu — „wie lautet seine Antwort?" Der Schreiber nestelte an seinem Rock und reichte ihr zwei Papiere. „Solange," sprach er, „der alte Ritter nicht des Königs ist, sind die Wünsche der Schauenburgerin ihm Befehl! Hier ist ein Brief für Euch, und nebenbei, wenn Ihr sie wollet, die Berufung für Herrn Rolf Lembeck!" Die Frau griff nach den Briefen und las sie. „Du nimmst mir den Gemahl und solltest ihn mir doch wahren!" sprach sie seufzend. „So lasset mich schreiben, daß Ihr ihn nicht missen könnt!" Da war sie aufgestanden; den Kopf emporgeworfen, die eine Hand an ihren Lippen, stand sie da, wie in die Weite schauend; dann reichte sie dem Schreiber ihre andere Hand: „Mein weißer Rabe! Ich bin zufrieden, schick mir deinen Boten; ich werde an Claus Lembeck schreiben, Rolf wird diesem Vater nicht zuwiderhandeln." ,F)ch wußte es, Herrin; Ihr seid nicht wie die andern." Er küßte khr Gewand; dann wurde er entlassen. --Am Abend dieses Tages schritt Rolf Lembeck nach der Gartenmauer zu Haderslevhuus, und Gaspard der Rabe schlich unmerklich hinterdrein; er wollte nähere Bestätigung für einen neuen Anschlag, den er im Kopfe trug. Spärlicher Nachtschein zitierte durch die Buchenkronen; nur wenn der Ritter durch eine Lichtung ging, huschten wie blaue Funken die Johanniskäfer um ihn her, und die Nacht war lau und still. Sein Weib hatte nicht versucht, ihn zu halten; dennoch ging er langsam und in schwerem Sinnen, und er hörte nicht auf den Schritt, der in den seinen trat. Nicht nur was er im „Schwarzen Stier" erfahren hatte, ein anderes noch war ihm gekommen! Ein Wort, das er als Knabe von feinem Vater vernommen hatte. Ein Graf von Orlamünde hatte derzeit von feinem Weibe wollen, um eine Schönere zu freien; aber kein Laie hatte zwischen den beiden Eheleuten den gemeinsamen Blutstropfen finden können, der fähig war, den Bund zu lösen. Da machte der Graf ein gut Teil seiner Habe zu Gold und zog nach Rom; und bald auch kam er mit heiterem Antlitz heim: zwar ohne Gold, aber mit dem Pergament des Heiligen Vaters in der Tasche, das wegen des zu nahen Blutes die Ehe aufhob. „Beim heiligen Bart," hatte Claus Lembeck da gerufen, „der Teufel konnte es nicht; der Papst hat es herausgefunden!" Der Knabe Rolf hatte das Wort gehört und nicht geachtet; jetzt kam es aus der Tiefe, wo das Gedächtnis die Schätze für die Zukunft hütet. „Und wenn dem Orlamünder, warum nicht mir?" rief es in ihm. „War meiner Großmuhme Gemahl doch ein Vetter von den Schauenburgern!" Dann dachte er des anderen: „Wenn ich es brauchen müßte, das bricht die Kette!" rief er laut, und mit kräftigeren Schritten ging er weiter. Der Rabe Gaspard war auf feinen Fersen; und als nach einer Weile der Ritter sich droben aus den dichten Zweigen in die zarten Arme schwang, da war der Laurer an dem Waldrand und sah, was keines Menschen Auge hätte selpm sollen. Denn in dem Ritter war alle ungestüme Liebesnot und Hoffnung aufgesprüht. „Rolf, Rolf! Du tötest mich!" rief Dagmar, als er sie in seine Arme preßte. Da ließ er sie plötzlich und starrte über die Mauer in den Grund hinab. „Hörtest du es, Dagmar? Da drunten lachte was!" Sie aber wandte das süße Antlitz zu ihm: „Fürchtest du dich, Rolf?" „Ja -T- Dagmar, wer dich im Arm hält, muß sich fürchten!" „Doch nicht vor Ringeltauben! Ich hörte es auch, es kam dort aus der Buche." Er warf noch einen Blick hinab, dann zog er sie auf die Bank, wo vom Weg herauf kein Auge sie erreichen konnte. Die Nachtigall hatte ausgesungen; fast keines Atemzuges Regung war in der Nacht; wie mühe legte Dagmar den feinen Nacken auf feinen Arm, und ihre dunkeln Augen wollten nichts als ihn. Dämmerung war es, denn der Mond war rund uni) wieder schmal geworden und stand mit seiner Sichel über den Baumen in Südost. Rolf Lembeck sah grübelnd in die Nacht hinaus. „Nimm! So nimm doch, liebster Mann!" hauchte das Kind und bot ihm ihre roten Lippen. Aber er drückte wie in Angst ihren Kopf an seine Brust: „Nicht mehl', o Süße, Selige!" Da lachte sie und riß das dunkle Köpfchen wieder gegen ihn auf: „Um was? So nimm doch, was dein ist!" Aber der Mann stöhnte, in Wonne halb und halb in Schmerz: ,fi, Dagmar, ein Feuer ist die Minne; es soll dich nicht verbrennen!" Sie verstand ihn nicht; sie frag auch nicht, nur als seine Lippen jetzt flüchtig H)re Stirn berührten, klage sie: „Das ist ja nicht der Weg zum Herzen! Zürnst du? Was hab' ich dir getan?" „Du, Dagmar?" rief er, und seine Augen leuchteten wie blaue Sterne, „du fülltest mir das Herz mit Wonne; soll ich Todesnot in deines bringen? Höre mich, du Schöne, Unirdische! Mir ist es oft ein Wunder, daß meine Hände dich berühren können; mir ist, als seiest du mein holder Schattengeist, von dem die alten Mären sagen, zwischen Lilien aus dem Mond- scheinsee zu mir emporgestiegen; mir träumt zu Nacht, daß Flügel an deinen zarten Schultern sprießen, daß du mich fortträgst, weit ans hem Wirrsal meines jungen Lebens!" „O nein, nicht so, nicht so!" Flehend bat sie ihn, und ihre Hönde legten sich auf seinen Mund; „du täuschest dich; ich bin nur ein Erdenkino, ö Rolf, die sterben vom Hauch der Luft! Ich weiß es!" Anbetend sah der Mann sie an. Da glitt sie ihm zu Füßen, ein gespenstischer Glanz brach aus ihren Augen. ,,O Liebster, kein Leben, kein Sterben ohne dich!" Er zog sie sanft zu sich herauf: „Erst leben, Dagmar! Wir zusammen — möchtest du das nicht?" , Sie nickte nur; aber der Atem stand ihr still, als ob sie Wunder hören solle. „So muß ich dich um Urlaub bitten!" „Urlaub?" rief sie erschreckt. „Du willst fort? — Ganz fort?" „Nur auf zehn Tage, Dagmar! Am Abend nach Mariä HeimsiichE bin ich wieder bei dir!" „Zehn Tage! — O, das ist lange!" « Er strich ihr liebkosend das lose Haar unter ihre» Silberreis: vW Dagmar, lange! Aber ich muß zu meinem Vater!" Sie blickte ihn plötzlich wie verwundert an: „Hast du auch einen Vaier. frug sie zaghaft. „ „Hast du doch einen, Liebste!" sprach er. „Und meiner soll uns •)«!< daß ich mit ihm durchs Schloßtor zu dem deinen trete und dich zum v? gemahl begehre!" (Fortsetzung ;olg^ Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Äniverfitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, DieK«»-