SietzenerKnmIienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Dienstag, -en 31. Januar Jahrgang 1928 Nummer 9 Das mitleidige Mädel. Von Gustav Falke. Trug mein Herz ich auf der Hand, Wehte ein Wind her übers Land, Weg war es. Kam ein Mütterchen. Mit Verlaub, Habt Ihr mein Herz? Die Alte war taub, Nickte nur. Kam der Jäger, brummte was: So ein Herz, schert mich das. Frag' weiter. Fragt' ich die Wege auf und ab, Keiner mein Herz mir wiedergab. Weg war es. Kam zuletzt des Hufschmieds Kind. Mädel, sahst du kein Herz im Wind? Lachte sie leis: Hat's auch der Wind nicht, hast du doch keins. Dauerst mich, Bub, da, nimm meins, Aber halt's fest. Verliebter Spaziergang. Von Franz Hessel. Von einer, die ich liebe, möchte ich gern erzählen, aber ich weiß nicht, wie ich anfangen soll; und dann werdet ihr Jungen von heute alles, was ich vorbringe, recht harmlos finden. Dabei hab' ich soviel Harm wie als Knabe, in der Zeit, als Erleben Ahnen war. Ist es jetzt schon Erinnern? Und lieb ich auch das an ihr, daß ihre schnellen Füße über Straßen- stein und Brückensteg und Diergartensand meiner Berliner Knabenzeit gehen? Denn so wie ihr glaubt, hab' ich nichts von ihr. Schleppend und immer von ihrer Eile mitgerissen geht etwas, wovon ich nicht weiß, ob es Ahnen oder Erinnern ist, um ihre vorstoßenden Jägerinnenknie wie ein langer Rock aus vergangener Zeit. Das junge Geschöpf, ich sehe es oft, immer nur ganz kurz und meistens auf der Straße. Wohl ist sie manchmal auch bei mir, und ich bin manchmal bei ihr im Zimmer. Aber wenn sie dann liegt, und ihr spitzer Ellbogen steigt aus dem abgleitenden Aermel, das ist nicht gut für mich. Es ist besser, sie gibt mir im Freien ein Stelldichein. Sie hat für uns erfunden, daß ich ihr immer entgegengehe oder irgendwo auf sie warte, auch wenn mir nachher in geschlossenen Räumen beieinander sein sollen. Da ist dieser Sonntagvormittag auf der Potsdamer Brücke, wohlgemerkt auf der kleinen, dem stilleren der beiden Brückenbögen, über den nicht die Bahnen, nur Wagen gehen. Ich stand vor dem Zeitungskiosk, ich ging ein Stück am Brückengeländer auf und ab, nie ganz bis ans Ende kehrte immer schnell wieder um. Ich wußte nicht, von welcher Seite und ob sie mit einer Bahn, einem Autobus oder zu Fuß kommen werde. Es war früher Frühling, sie würde wohl im Pelz sein. Manche, die in Pelzen von Tram- und Autoschwellen abstiegen oder auf dem Trottoir Zerkamen, hatten in der Schulter einen Augenblick den raschen Ruder- schlag ihres Kommens, ehe sie zu kurz oder zu breit wurden. Sie ist jo schlank und schmal. Und dann mit einmal war sie vor mir in einem Auto, das anhielt, und winkte wie von fern. Wißt ihr erfahrenen Frauenkenner, wißt ihr überhaupt, wie das ist, wenn eine ganz Rahe wie von fern winkt? Schön ist es auch, wenn sie mir eine Begegnung schenkt, bei der ich sie schon von. weitem kommen sehe. Da ist vom Lützow- und Nollendorf- Platz die alte Avenue, die Maaßenstraße heißt. Es ist gegen Abend. Leichter Regen sprüht. Reklameschrift wandert mit Riesenlettern über der Halle der Hochbahn, aus der sie kommen wird. Ich gehe entgegen ganz langsam von Baum zu Baum, und wenn ich beinahe am Platze bin, rückwärts zurück wie der Krebs, damit ich sie die ganze Strecke sehe, die sie herkommt. Sie ist in Eile, heute noch mehr als sonst, sie muß schnell viele Besorgungen machen. Besorgungen mit ihr zu machen, ist sehr interessant. Sie geht im verwirrenden Warenhaus sozusagen querfeldein ?uf das los, was sie braucht. Sie kann sehr verbindlich zu den aufge- jchreckten Verkäuferinnen sein, aber auch, wenn es nottut, kurz angebunden. Trefssicher durchkreuzt sie ausweichende Gegenrede. Alles geht schneller, als ich es wahrnehmen kann. Mit jeder Bewegung überholt sie mein Zuschauen. Wenn wir dann wieder auf der Straße sind, sagt sie plötzlich vor einem Haus „Auf Wiedersehen". Geht sie die Treppe hinauf Dl einem andern? Sie würde es mir vielleicht sagen, aber ich frage nicht. t»ie macht gewiß kein Hehl aus dem Leben, das sie führt, sie ist van heutzutage. Aber ich möchte nicht sehr gern Bescheid wissen und vorstellen müssen. Es ist Mittag. Wir stehen auf dem Lützowplatz. „Hiermit muß ich in die Tauentzienstraße", sagt sie. Sie hat einen gefalteten Filzhut in der Hand wie eine kleine Muse ihr Attribut. Aber dann will sie doch lieber erst das Ufer entlanggehen. Es ist schwül und grün um uns. Die Bäume spüren ein kommendes Gewitter. Als ich sie etwas zuviel von der Seite ansehe, ist sie mit einem Schritt auf dem niederen Geländer am Rasen überm Kanal und balanziert mit rudernden Armen. Von den winzigen Lederelefanten, die sie selbst ausgeschnitten und auf ihr Helles Kleid genäht hat, schwankt der, welcher auf dem Rücken ist, mit tastendem Rüssel auf und nieder. Am Dammübergang zur Budapester Straße ist sie besorgt um ihren kleinen, drahthaarigen Foxterrier, der hinter uns herläuft. Ich sehe ihre lange, magere Hand in die Luft nach ihm wie zum Greifen ausgestreckt. Mir ist, als greife sie an mein Herz. Damit sie nicht merkt, ich bin bewegt — das würde sie wohl recht komisch finden —, sag ich ihr schnell etwas Schmeichlerisches über ihr Halskettchen. „Ach mein Schmuck," sagt sie, — „ich habe nur Christbaumschmuck, aber das soll anders werden." Das kommt recht entschieden heraus, sie wird es gewiß noch weit bringen! Nun biegen wir in die Nürnberger Straße ein, um in die Tautzienstraße zu kommen. Dort aber mag sie nicht gleich in das Hutgeschäft und zünden andern vielen Besorgungen, möchte mit einmal erst etwas trinken, too treiben wir weiter bis zur Kirche und hinüber zu der Terrasse des neuen Cafes. Dahin hätten wir eigentlich geradeaus gehen können. Aber es ist lüß, Umwege mit ihr zu machen. Vielleicht hatte auch ihr Kurswechsel einen Sinn, der mir verborgen bleibt. Ich weiß ja nichts von ihr, gleite durch gegenwartslose Dauer mit ihrer gegenwärtigen Erscheinung, einmal in fließender Tageslust, dann wieder abends durch den Schimmerkreis angeleuchteter Bäume am Straßenrand in unferm geliebten Berlin, das sich mit Blumenbalkonen und spiegelndem Asphalt, mit Laternen und Gesichtern an diesem seinem Kinde freut. Mag sein, es gibt viele so muntere Mädchen. Manchmal begegnet mir ein Blick, eine Gebärde anderer, die an sie gemahnen. Aber auch dann seh ich nur sie, deren Namen ich nicht nenne, er brennt mir auf der Zunge, aber ihr sollt ihn nicht wissen, und einen falschen, ausgedachten, mag ich auch nicht an seiner Statt sagen. Wenn sie weg ist, von einer Treppe, von der Tram oder aus einem Wagen noch winkt, das ist schmerzlich, dann möcht ich nachspringen, sik zurückreißen, hart am Handgelenk sie packen, rückhaltlos, mit Gewalt. Es ist nicht zu ertragen, daß sie weg von mir ist und bleibt doch in der Welt. Schön aber ist es, wenn sie nur weggeht, um wiederzukommen, und läßt mich warten, bis sie wiederkommt. Schön ist es, im Vorzimmer des Friseurs zu sitzen, während sie sich das Haar wüschen läßt. Da sitzt man auf rotem Polster, sieht bunte Wände wie aus Pasten und Salben, Glasschränke mit schillernden Schalen, spiegelnden Flaschen, milchigen Dosen. Cs ist ein eleganter Laden, ihr kennt ihn. Zur Linken hat man bei der Tür die Kasse mit der Sitzgöttin. Thronen können heut nur Kassiererinnen. Neben der stehen zwei Telephone auf dem Tisch. Immerzu kommen Kundinnen und fassen nach den Hörern. Die eine sagt: „Besorgen Sie noch Sprotten. Obst bring ich mit. Und wenn Herr Kommerzienrat aus dem Bureau anruft, ich bin in einer halben Stunde zu Hause." Die andere sagt: „Erwarte mich am Eingang der Untergrundbahn an deiner Ecke, aber um acht muß ich unbedingt fort." Und die angestellten Fräuleins laufen hin und her in schwarzen Uniformkitteln mit roten Kragen. Eine dicke Dame möchte gern einer etwas geben, die sie gut manikürt hat, und beschreibt sie der Kassiererin. Die ruft ^Elsbeth!" — „Es war nicht Elsbeth," sagt die Dame des Hauses, die reklamehaft onduliert und kuchenschön im Vorhang erscheint, „es war Frieda." „Ja, so eine kleine Brünette", sagt die Dicke und zahlt. Und hinter all dem weiß ich die, die ich liebe. Vielleicht sitzt sie in der Zelle, die ich dahinten spaltoffen sehe. Sie wird von einem der Männer in weißer Kutte behandelt, die sich so gut auf Frauenköpfe verstehen. Die Frauen lieben ihre Berührung, lieben es, daß sie sie zart und fest anfassen müssen und dabei so kühl bleiben. Ist es ihre Stimme, was ich manchmal weither zu hören meine? Bald wird sie fertig fein und erscheinen. Fast ist es schön, daß sie noch nicht da ist, daß ich ihr noch entgegendenken kann. Gegenwart ist schwer zu ertragen. Ihr andern, die ihr wißt, was ihr wollt, ihr habt es leicht mit eurem Entweder-Oder. Morgen will sie mit mir vor dem neuen Bootshaus am Neuen See sitzen, wenn es nicht regnet. Lampen werden durch das Laub und aufs Wasser scheinen. Ich werde mich so setzen, daß ich sie viel von der Seite ansehen kann, ohne daß es sie stört. Aber nun beschreib ich euch nicht, wie sie von der Seite aussieht. Sonst erkennt ihr sie und sagt: „Die? Um die machst du dir soviel Umstände? Das liebt sie ja gar nicht. Lächerlich wird sie dich finden und wegschicken." Ja, das wird sie vielleicht, aber erst darf ich noch ein paarmal auf sie warten, bis sie kommt oder wiederkommt. | {eiligen Beziehungen, das jedem sattsam bekannt ist. Und was das Merkwürdigste ist — von diesem oder jenem Auswuchs abgesehen es geht Die Kunst der Geselligkeit. Bon Kuno Grafen von Hardenberg. Krau Rebekka. Bon Matthias Claudius. Wo war ich doch vor dreißig Jahr, Als deine Mutter dich gebar? Wär' ich doch dagewesen! — Gelauert hätt' ich an der Tür Auf dein Geschrei und für und für Gebetet unb gelesen. Und tam's Geschrei -- nun marsch hinein; „Du kleines, liebes Mägdelein, Mein Reif'gefährt, willkommen!" Und hätte dich denn weich und warm Zum erstenmal auf meinem Arm Mit Leib' und Seel' genommen Und hätte dich denn weich und warm Mit Leib' und Seel' auf meinen Arm Zum erstenmal genommen ..... „Du frommes, liebes Mägdelein, Ich hab' dich sonst noch nicht geseh'n, Willkommen, bist willkommen!" •— „Wie bist du, lieber Reis'gefährt', In deinen Windeln mir so wert! O werde nicht geringer! Du, Mutter, lehr' das Mägdlein wohl! Und wenn ich wiederkommen soll So pfeif nur aus dem Finger." „3u den zweitausend Betten". Ein Bericht aus Marseille. Von Hans Siemsen. Ws ich sechs oder sieben Jahre alt war, bekam ich zu Weihnachten einen „Kaufladen". Seitdem liebe ich Kaufläden. Da gab es Schubladen mit zehn Rosinen darin, oder nut zehn Kasfee- bohnen, kleine Säckchen mit Zucker, Tüten mit Salz, em Fäßchen m« nichts und eine Ladenkasse mit blanken Pfennigen aus Pappe. Und m -er Mitte stand die Hauptsache: eine Waage, die „ging". Wenn man auf die eine Seite eine Kaffeebohne legte und auf die andere Seite eine Rosine, dann war die Rosine schwerer als die Kaffeebohne. — Kaufmann auch so! Und es wird noch besser werden, wenn die jetzige Generation, gereister und gefestigter und übersättigt von aller Tanzwut und dem Allzuviel an Sport, eingesehen haben wird, daß auch Seele und Geist Bedürfnisse haben, die gepflegt werden müssen, soll der ganze Mensch nicht darunter leiden und unsere schöne, in Jahrhunderten erwachsene Kultur in leeres Maschinenbarbarentum versinken. Und sie wird es ein« sehen, und die ältere Generation-, die noch das Wesen verfeinerter Geselligkeit von früher her kennt, wird dazu beitragen können, wenn sie beginnt, die alte Kunst der Geselligkeit, wie sie zu allen Zeiten gepflegt wurde, im Sinne der freiheitlichen, der Jugend von heute nun einmal natürlichen Formen, zu beleben! Dadurch wird es sicherlich gelingen, allmählich die vielerwärts schroffe Trennung zwischen Alter und Jugend wieder zu überbrücken, und die nun einmal für alle Geselligkeit, soll sie wahrhaft fruchtbar sein, notwendige, aus allen Altersstufen bestehende menschliche Gemeinschaft, wieder herzustellen. Die Wege zu einer Belebung der Geselligkeitskunst sind nicht so schwer zu finden, wie es manchem scheinen mag. Es kommt vor allem darauf an, die Mentalität der heutigen Jugend zu erkennen und ihr Rechnung zu tragen. Wie stellt sie sich dar?... Frühzeitig erschüttert und vorzeitig verernstet durch die Tragödien des Welkrieges und den Umsturz alles Herkömmlichen, ist das Wesen der meisten jungen Leute eine Art von pathetischem Skeptizismus, deni sich ein brodelnder, weltverbZferisci^r, aber vor den Alten sorgsam versteckter Idealismus gesellt. Sinn für Humor ist nur in geringem Maße vorhanden, woher sollte er auch kommen; desto stärker ist eine Neigung für das Feierliche zu beobachten. Sonst freigeistig tobende Wandervögel findet man plötzlich in brunftiger Andacht einer Messe beiwohnen, an geselligen Abenden junger Menschen von heute geht es meist feierlicher her als auf einem Hofball von ernst. Die Aefthetik der Jugend ist puritanisch, sie schwelgt in neuer Sachlichkeit und fühlt sich glücklich angeregt von einem Kaktus und eurigen tepmch- bedeckten Matratzen auf dem Erdboden als einzigem Mobiliar. Der Rest ist wie bei aller Jugend jene keusch verschleierte Unsicherheit, ine sich zu allen Zeiten als eine mimosenhafte Empfindlichkeit darstellte! Ich meine nun, es ist gar nicht so schwer, diesen Zuständen, um nicht zu sagen, Eigenschaften der Werdenden, Rechnung zu tragen, und sie als Tatsachen für eine neue Kunst der Geselligkeit in Rechnung zu stellen. Im Grunde waren wir Steileren ja auch nicht wesentlich anders, und die Jugendstilbegeisterung oder die Böcklinschwärinerei machte uns unfern Eltern, Onkeln und Tanten gegenüber genau so überlegen und wider- harig wie es heute die neue Sachlichkeit unsere Jugend sein laßt, wenn sie nur Betonräume, kahle Wände und Metallrohrstäbe als Ideale gelten lassen will! Was taten die Meister und Künstlermnen von ixxmals mit uns? Sie ließen uns gelten, nahmen uns ernst, disputierten mit uns und -klärten uns, ohne daß wir es merkten, waren uns ÜSorbtlbei, die um nachahmten, und in deren Fußtapsey wir wanderten, ebenfallsohne daß wir es irgend einem Menschen, geschweige denn uns.i/lbst emgestand«! hätten, und sie ergossen so, indem sie uns auf alle Weisen immer wieder an sich zogen, auf uns den ganzen Segen jener edlen Kunst der GeseUig- leit, die immer Werdende zu Menschen machte, solange die G^ felt Behaupte keiner, daß alte Rezepte auf unsere Zett nicht passen, ich alautn an die Magie des großen, allverstehenden Herzens uni» feine Zauberkraft, die immer hinter jeder Kunst der Geselligkeit stand, die ich teunen lernte. Ja, ich glaube nicht nur daran, ich weiß um sie, und aus diesem Wissen heraus empfehle ich allen denen, die in unserer Jugend die Zukunft unseres Volkes lieben, die es ehrlich und herzlich nut allen Werdenden meinen, es mit der alten Magie des Herzens als Grundlage für die zu revidierende Kunst der Geselligkeit zu versuchen. Was sonst noch fehlen sollte, ergibt der Augenblick. Em feine- Tat.- gefühl das immer der sicherste Wegweiser in allen Lebenslagen ist, wird es diktieren, wie es im Grunde jedem Künstler diktiert,, wie weit er zu gehen hat wmn er ein Werk gestaltet! Mag es darum fein, daß kluge Frauen meift mehr berufen find, die Kunst der Geselligkeit zu üben als Männer, denen die Härte des Daseinskampfes das unmittelbare Emp- ftnben verkümmert! Aber auch noch anders pradestmiett die Fiau rar bie höhere Kunst der Gefelligkeit feit altersher: Ihre Mütterlichkeit und ihre häuslichen Talente! Läßt man die großen Meisterinnen der geselligen Künste wie wir sie uns aus allen Zeiten, dank der Jtunft«, Kultur- und Literaturgeschichte leicht heraufbeschwören können, Revue passieren, so findet man immer wieder, daß sich in ihnen nut einem seinen Einfühlungsvermögen, Mütterlichkeit und häusliche Ta ente zu verbinden pflegten Hatten sie obendrein noch Grazie des Geistes und wußten sie im rechten Augenblick zu schweigen — die Kunst der Geselligkeit gehört durchaus nicht zu den redenden Künsten — so verrichteten sie gesellige Wunder die noch immer mit Recht bestaunt werden! Hoffen wir also auf die Frauen als Bildnerinnen einer neuen Geselligkeitskunst, hoffen wir aber auch auf Männer von Phantasie, Einsicht und Humor, die die Kunst der Gefelligkeit, nach der unsere ge° svaltene Zeit so sehr verlangt, fördern und ausbauen helfen, denn er märe eine schlechte Kunst an der nicht Männliches und Weibliches, Geist : und Seele gemeinsam zeugten. Die große Kulturcaesur, die wir mit dem Weltkriege erleben muhten, zeigt sich auch im geselligen Leben wirksam. Das stark im Materialismus verödete Gesellschaftstreiben der Vorkriegszeit war vielfach zur Griinaffe , geworden, man sprach von teuflischen Dingen, wie Zweckessen und gesell- s schaftlichen Verpflichtungen, und wenn bessere Geister keine Freude daran ; empfanden, so war das kein Wunder. Snobismus, Heiratsmärkte,, verschleierte Geschäftskonferenzen, segelten unter der Flagge von Geselligkeit und geselligem Leben und diskreditierten dem Vorsichtigen von vornherein alles, was nach Gesellschaft aussah. Daß beste Geselligkeit auch ohne großen Aufwand von Geldmitteln denkbar ist, wurde vielfach ganz vergessen, es wurde vergessen, daß es eine Kunst der Geselligkeit gibt, eine Kunst, die Dachkammern zu Zauberpalästen, Menschenkinder in Glücksprinzen und Märchenprinzefsinnen verwandeln kann. Damit war die Geselligkeit auf dem besten Weg, ein Privileg der Reichen zu werden und den begabten Armen zum Parasiten zu erniedrigen. Der. Mittelstand aber, der zu stolz war, zu nehmen, wo, er nicht wieder geb en konnte, geriet in ein gesellschaftliches Sorgennetz, das ihn so lange schmerzlich umspannte, bis er sich mit Opfern, Einschränken und Seufzern losgetauft hatte. Und was kam dabei heraus? — Im Grunde nur eine Art von Nahrungsmittelaustausch, über dem ein allgemeines Gähnen klaffte. Und doch wagte sich niemand gegen das Schreckgespenst der gesellschaftlichen Schuldverhaftung und die Kuppler-Teufel der berechnenden Geselligkeit aufzulehnen. Und so begann das, was Geselligkeit im höchsten Sinne ist, fast auszusterben, und man konnte es in mittleren Städten erleben, daß dort Gesellschaften gegeben wurden, ohne daß man eigentliche Geselligkeit kannte. Erst im Weltkriege ward tiefem oder jenem klar, daß Geselligkeit nicht von Aufwand und Kapital abhängig ist. Trotz aller seelischen und leiblichen Nöte fand es sich, daß es Häuser gab, die es verstanden, der Mitwelt etwas zu fein, nicht mit Schlemmeressen, sondern mit einer Gesinnung, die über dem Geschehen stand und mit den Herzen zu fühlen vermochte. Sie übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, und es entstanden so zwanglose, gesellige Kreise, in denen in aller Stille etwas von dem lauteren, geselligen Glück genossen wurde, von dem wir hin und wieder in den Memoiren-Literaten der Freiheitskriege lesen und von dem die Goethezeit, materiell arm wie wir, noch deutlich spricht. Die Inflation mit ihren widerwärtigen Auswüchsen schien eine Zeilang diese feineren Regungen einer neuen vergeistigten Geselligkeit durch ein völlig kulturloses Treiben und durch Orgien eines sich überstürzenden Materialismus ersticken, zu wollen — es gelang ihr nicht: Das gesundende Deutschland bewahrte sich die im Kriege gewonnene Erfahrung, daß man gesellig leben kann ohne straffe gesellschaftliche Bindungen und ohne gesellschaftlichen Zwang; und entwickelte sie weiter. Vor allem bemächtigte sich ihrer die junge Generation, und so stehen wir heute vor einer neuen Geselligkeit, die mit dem nicht umzubringenden Gesellschaftstreiben, sagen wir alten, materialistischen Stiles, erfolgreich wetteifert und die Jugend fast ganz für sich gewonnen hat. Es ist das durchaus begreiflich: Was unsere Jugend, einerlei, ob weiblich oder männlich, von der von gestern wesentlich unterscheidet, ist der ausgesprochene Drang nach Selbständigkeit, die Abneigung vor jedem formalen Zwang, der Wunsch nach ungehinderter Aussprache, der Wunsch nach Befriedigung des großen Zeitideals: Bewegung, Ueberminburog von Zeit und Raum! Da wollen die ewigen Formen der Gesellschaft, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte bildeten, nicht mehr passen, man sieht sich genötigt, neuere, freiere, heranzubilden! Und sie ergaben sich von selbst; was früher undenkbar erschienen wäre, daß junge Mädchen ohne mütterlichen Schutz an geselligen Vergnügungen teilgenommen hätten, nun wurde es Selbstverständlichkeit; der Sport, der Zeitgott, half der Jugend, sich weitere Gebiete der geselligen Freiheit zu erobern, und so haben wir nun das Bild einer neuen Ordnung der ge- bin ich trotzdem, nicht geworden. Pappe. Aber eine Schwöche snr Meine Psennige find noch immer aus Kaufläden habe ich behalten. * Sie Sehenswürdigkeiten von Marseiile stehen im Baedeker verzeichnet Der alte Hafen mit der eisernen Spinneweben-Brucke. Der mtc Hafen mit den großen Ozeandampfern. „Notre Dame de la Garde , die Meer-Madonna, die fromme Lorelei, die, mit goldenem Kleid und goldenen Haaren, hochoben auf ihrem eigenen Kirchturm steh und ins Meer hinaussieht und in der Sonne blitzt und funkelt, damit bie See- leute den Hafen finden. Schloß und Park Borely mit der schönsten Rennbahn der Erde, dicht am Meer. Sogar die kleinen Restaurants am alten Hafen, in denen man die „Bouillabaisse“, die Fischsuppen mit Langusten, Fischen, Safranbrot und Muscheln, die Austern, die Tmten- kische und die See-Igel bekommt, — das alles steht im Baedeker und noch viel mehr. Nur die Kaufläden stehen nicht darin. Das kann auch kein vernünftiger Mensch verlangen. Aber gerade die Kaufläden find fn hübsch in Marseille. Einer ist da, der heißt „Castel Muro", Konfitüren und Patisserien gibt es dort. Das ist ja nun an und für sich nichts Besonderes. Das gibt es schließlich in jeder Stadt. Aber dieser Laden ist wie em Märchen aus Urlaub. Seine drei Schaufenster sind Juwelen aus Backwerk und Zuckerzeug. — Mahagoni, Kristall und vergoldeter Stuck. Viel Spiegel und viel "Glas. Und auf den geschliffenen Glasfcheiben stehen kleine Schalen und Körbchen aus Glas und Silber. Und darin liegt nun das alles, was ein Konditorherz, ein Konditorgenie, ein Märchsnkonditor fsty ausdenken kann. Du lieber Himmel, was hat er sich bloß alles aus-- gedacht! Da find zuerst die Kuchen. Kleine Kuchen in Rosa, in Orange, in Grün. Himmelblaue kleine Kuchen. Und Kuchen in Schwarz. Kuchen, die wie manikürt aussehen- und Kuchen mit kleinen Juwelen besetzt. Kuchen aus Luft, so leicht, als ob sie wegfliegen wollten. Und Kuchen, klein und dick, die schwer auf der Glasplatte und schwer im Magen liegen. Torten und kleine Torten. Obstkuchen mit Aepfeln, mit Erdbeeren, mit Aprikosen, Orangen, Hagebutten und Ananas. Runde kleine Kuchen, gerade groß genug, daß ein riesengroßer halber Pfirsich auf ihnen-ruhen kann, wie ein fettes dickes Himmelsgewölbe auf einer Erde aus Kuchenteig _ verzuckerte Veilchen, verzuckerte Rosenblätter, violett und rosa und gelb. Orangenblüten weiß und Pistazien grün. Walnüsse, Mandeln, Kastanien und Kürbiskerne. Verzuckerte Birnen, Kirschen, Pflaumen, Mirabellen, Datteln, Zitronenscheiben. Grüne, braune, blaue Feigen und ganz große Feigen, die beinahe schwarz sind. — Schokolade in jeder Art und Form, mit Nüssen, mit Früchten, mit Goldstaub, mit Pistazien- grüil, viereckig, rund, oval, als Katzenzunge, Taler, Weinlaub und Lorbeerblatt. — Und über dem allen auf der obersten Platte durchsichtig grün, goldgelb, rot, rosa und braun eine Orgel von Gläsern und Flaschen mit Fruchtsaft, Limonade, Sirup, Gelee und Honig. — Das ist kein Laden mehr, das ist die Verwirklichung eines Märchens. Ein Märchen, das wie alle Märchen mit Traum und Wunsch beginnt und, wie so viele Märchen, mit einem verdorbenen Magen enden wird. Aber was ist Hygiene, wenn es sich nm Märchen handelt? Ein Zweig von seinem eigenen Schokoladenlorbeer auf die Stirn des unsichtbaren Märchen- kondiwrs, der der Herr ist vom „Castel Miro!" Nun brauck)en wir bloß eben um die Ecke zu gehen, da liegt in einer dunklen kleinen Straße ein dunkler kleiner Laden. So klein, daß man schon Glück haben muh, um nicht vorbeizulaufen. Es ist der kleinste Laden, den ich je gesehen habe. Er ist so groß wie ein nicht sehr großer Schrank. In diesem Schrank sitzt der Ladenbesitzer. Er ist Schuhmacher und sitzt in seinem Schrank hinter einer Petroleumlampe und macht Flicken auf einen kleinen Damenschuh. Sein Schrank ist so klein, daß seine Frau nicht neben ihm sitzen kann. Sie steht auf der Straße unb' unterhält sich mit ihm durchs Fenster. Denn die Schranktür, die die Ladentür ist, ist aus Glas und hat ein Fenster. Wenn der Schuhmacher aus seinem Schrank heraus will, muß er erst die Tür aufmnchen, sonst kann er nicht aufstehen. Nicht viel weiter ist der Laden: „Aux 200 000 Bas". „Zu den 200 000 Socken." Zweihunderttaufend Socken liegen da in den Fenstern, in den Regalen, auf Tischen und Stühlen und auf dem Fußboden. Man geht auf Socken. Nicht nur auf denen, die man anhat, sondern auch auf denen, die auf dem Fußboden liegen. Sehr viel schöner aber ist der Laden: „Zu den zweitausend Bette n." Er ist vielleicht der prächtigste aller Läden in Marseille. — Die französischen Betten sind ja sehr schön. Schön breit sind sie vor allen Dingen. Man kann in ihnen spazierengehen. In Deutschland (auch wo anders) kenne ich Betten, die sind wie Särge. Wenn man sich umdreht, fällt man heraus. In Frankreich wird man oft gefragt, wenn man mit seiner Frau in ein Hotel kommt: „Ein Zimmer mit einem oder mit zwei Betten?" Und das eine Bett ist dann so groß, daß man zu zweit in ihm spazierengehen kann. Nun ist „Spazierengehen" ja wohl nicht der eigentliche Zweck eines Bettes. Immerhin — man kann nie wissen. Die Nacht ist lang und die Menschen sind sonderbar. Solche Spaziergangs-Bettstellen stehen hier im Laden, im Schaufenster vielmehr, denn der ganze Laden ist ein Schaufenster. Sie sind aus Messing, wunderbar blank geputzt. Cs gibt einfache, die sind einfach aus Messingstäben, durch die man hindurchgucken kann. Es gibt welche mit rosa Seideuschleifchen und seidenen Vorhängen zwischen den Messing- ftäben. Und manche haben am Fußende eine Platte, die ist wie aus Glimmerschiefer. Sie glänzt und glitzert silbern, blau und rosa, wie polierter Marmor, wie ein durchgesägter Riesenopal. Und die ganz feinen haben am Kopfende eine Verzierung, einen Engel, einen kleinen Amor mit Pfeil und Bogen, der leicht und lieblich über dem Messingbett dahinschwebt und Nacht für Nacht gar schelmisch hinablächelt auf di« Schläfer oder den einsamen Schläfer,, der in diesem verzierten Hochzeltsbett zu ruhen das Vergnügen haben wird. Und dann gibt es da noch die Steppdecken! Sie sind Zierde und Krone des Ladens, seiner Betten, des menschlichen Komforts und der gs- samten Schöpfung. Cs ist unmöglich, sie zu sehen, ohne den Wunsch zu verspüren, zu Bett zu gehen. Sie sind aus Seide. Sie sind blau, gelb, rot, rosa, grün, bordeaux-rot. Sie glühen in Farben, die es in der ganjeft übrigen Natur nicht gibt. Sie sind so süß, so hell, so rein, so leicht, so reich und "warm, daß man nur einen Wunsch hot, wenn man sie sieht: Sofort zu Bett! * Es ist Sonntag. Der Laden ist geschlossen. Man kann in ihn hinein- scheu, aber man kann nichts kaufen. Biele Menschen stehen da und sehen sehnsüchtig durchs Fenster. Die meisten sind Frauen. Albe und junge, reiche und arme. Elegante in Pelz und Sountagshut und Arbeiterfrauen im Umschlagetuch. Sie stehen und sehen: Mefsingbetten und Steppdecken. Ob sie morgen, am Montag, wiederkommen wollen und was kaufen? Ob sie — ja, Gott und der Teufel werden wissen, was sie wollen, was sie denken. Sie stehen da wie angewurzelt und sehen durchs Fenster, als ab da, hinter dem Fenster, das Paradies zu kaufen wäre. Em Paradies aus Messingbettstellen und seidenen Steppdecken. Welt-Inseln. Was liegt hinter der Milchstraße? Von Dr. Artur Beer, Reichenberg. Es war im Frühjahr 1920, als von der größten astronomischen For« schungsstätte der Welt, dem großartigen, auf dem, 1700 Meter hohen Gipfel des Mount Wilson bei Pasadena m Kalifornien gelegenen Observatorium der Carnegiestiftung, eine kurze, aber um so bedeutsamere Meldung kam: Im Andromedanebel wurden veränderliche Sterne von Delta-Cephei-Typus entdeckt. Jemand, der der rastlosen, ungeahnt schnellen. Entwicklung der Himmelsforschung, wahrend der letzten Jahaw iücht ständig gefolgt ist, hätte sich auch bei dieser Nachricht nicht mel denken können. Die wissenschaftliche Welt aber horchte auf, denn sie erkannte darin einen Schlüssel zu Größerem. Und m der Tat zelgten die Ergebnisse der folgenden Zeit bis in die jüngsten Tage hinein, daß em neuer Siegeszug des menschlichen Geistes eingelötet r^den war. Von neuem ist jetzt die Umgrenzung unseres kosmischen Weltbildes durchbrochen und die Grenzpfähle unseres Reiches find ungeheuer weit in den Ä« WP-««». »tten.» «"• -- «-»- Fahrt. Die Frage des Beförderungsmittels soll uns Nicht beunruhigen. Die Raumrakete", welche sich feit einigen Jahren in mehr oder minder phantastischer Ausmachung unseren Zeitgenossen °ls'-mke^lanetare Luf^ Hansa" vorstellt, wäre in jedem Falle mel zu langsam. Wollen wir uns lieber einer Radiowelle anvertrauen, oder dem gleichschnellen Lichtstrahl. Mit 300 000 Kilometern Sekundengeschwindigkeit starten wir so m den Raum hinaus. Nur einen Augenblick, li Sekunden, und wir sind am Monde vorübergesaust, die Bahnen von Venus und Merkur wer^n uber- sckritten und nad) 8 Minuten sind wir bereits an der 150 Millionen Kilometer entfernten Sonne vorbei. Nun buchen auch dieubrigen Planeten die Asteroiden und die Kometen vor uns auf. Mars, Jupiter, Saturn, Uranus werden hinter uns zuruckgelassen. Und knapp vier Stunden nach unserer Ausreise sind wir bereits an den Grenzen der Sonnenwelt Neptun ist erreicht! — Dach jetzt gähnt die weite „Leere vor uns. Zwar ,zeigen die mitgenommenen Fernrohre Millionen und Abernüllionen von Sternen, Sonnen wie die unsere, — aber Riesenraume trennen uns von ihnen, Räume, zu deren Ueberwindung auch unser so lckmelles Lichtfahrzeug Jahre benötigen wird. Langst ist indeflen die ganze Sonnenfamilie in einen einzigen Hellen, aber immer schwacher werdenden Stern zusammengeflossen. Und wenn wir die kürzeste Rich tuna einhalten, so könnten wir auch nach genau 4,06 Jahren aus Der Proxima Centauri", unserer nächsten Nachbarsonne, landen — doch bei glühenden Gasbällen, wie dies die Fixsterne sind, ist solches:nicht ratsam? llebrigens gibt es überhaupt nur 6 Sterne, die uns "aher stehen, als 10 unterer Reisejahre. Jetzt kennen wir auch den Zollstab des liftro- nornem bas -ßW&e", chic Strecke von mehr als 9 Billionen Kck°- me‘s?ür die Weiterreise würde unsere Lebensdauer nicht mehr aus- reichen, denn Hunderte von Lichtjahren brauchen wir, um auch nur bis zu vielen der hellsten uns vertrauten Sterne zu gelangen: so etwa sind es an bie 540 Jahre bis zum Riegel im Orion. Und reisen w r m ber Phantasie weiter, so müssen wir noch viele Tausende von üichtzahren durmessen, ehe wir die schwächsten Sterne erreichen, die unsere Riesenfernrohre gerade noch aufspüren, so insbesondere jene, die den zarte, bfuten bat wie die beobachtete Verteilung der Sterne nach ihren Ent- fe nungen nnb Helligkeiten und nach ihrem Entwicklungsal er: ihren Svektren) zu verstehen fei, ist für die Forschung eine der mteresiantesten, aber auch eine der schwierigsten. Erst die letzten Jahrzehnte brachten ^ch hier entscheidende Fortschritte. Zwei Forscher U'-besondere der halla^ gSTetf, ?,• SXÄKtÄ $8 konstruktionen, die trotz ihrer verschiedenen Grundlagen und einzelner Verschiedenheiten doch in wesentlichen Zugen ubereinfhmmen. Rach Kapteyn haben wir uns das „Milchstraßensystem als eine Sternhaufung vorzustellen, die sich zum Zentrum hin besonders.verdichtet. Von der um aefäbr zentral gelegenen Sonne aus mußten wir in der Richtung be Milchstraße etwa 26 000, senkrecht dazu „nur" etwa 5500 Lichtjahre durch- messen um bis an die Grenzbezirke dieses Universums zu gelangen, dieses riesigen Organismus, der nach Kapteyn etwa 47 piiaiarben Sterne umfassen mag. — Shapleys Entwurf Ist noch viel umfassender, denn in ihm finden auch noch große, bisher nicht berührte Gruppen von Himmels- M Verantwortlich: Dr. Hans Lhyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei,D. Lange, Viehes wohnt er Lu könne, seiner uerlra feilt $ sagte : eine j und der gelungen, des Ber- Das Fräulein von Seuderk. Bon E. T. A. S) o f f m a n n. (Schluß.) Mochte es fein, daß der König sich auf unzarte Weife daran erinnert fühlte, daß er im Begriff stehe, das strenge Recht der Schönheit aufzuopfern, oder vielleicht ging es dem Könige wie dem Träumer, dem, Heber all dem haben wir ganz unser Raumschiff vergessen, seit es uns an die Grenzen der Milchstrahenwelt herangeführt hatte. Der ruhelose Lichtstrahl aber hat von unseren Betrachtungen keine Notiz genommen und uns weiter in den Raum hinausgetragen. Wohin entführt er uns, in Nichts? Bis vor wenigen Jahren hätte man dem nicht widersprechen können: Daß jenseits der Shapleyschen Weltallsgrenzen wohl keinerlei kosmische Gebilde mehr existieren. Und dennoch hatte man schon längst eine bestimmte Gruppe von Himmelskörpern in Verdacht, etwas besonderes zu bedeuten: die Spiralnebel. In klaren Nächten findet man auch mit freiem Auge einen ihrer typischsten Vertreter im Sternbild der Andromeda. Ein kleines elliptisches Nebelwölkchen — von der Photographie enthüllt als eine ausgedehnte Spirale, deren Windungen wir seitlich betrachten, und bei der sich zumindest die äußeren Arme jetzt vor der Kraft der Mt. Wilson-Instrumente in eine ungeheure Sternfülle auflösen! Und nun untersucht Prof. Edwin B. Hubble, dem die neuen Fortschritte zu danken sind, mit seinen« lOOzölligen Reflektor sorgsam die Sterne und findet bis gegen 50 Licht- veränderliche unter ihnen, darunter zahlreiche vom Delta-Eephei-Typus, deren Perioden aber, von 18 bis 50 Tagen, führen auf dem angedeuteten Wege auf riesenhafte Ausmaße des Nebels, Ausmaße, die man sich kaum je hätte träumen lassen. 870 000 Lichtjahre als Entfernung von uns, 46 000 Lichtjahre als Durchmesser, vielleicht 17 Millionen Jahre als wahrscheinliche Rotationsdauer und als abgeschätzte Größenordnung für die Masse des Kerns etwa 270millionenfache Sonnenmaße. — Kein Zweifel also, eine neue gigantische Welt hat sich uns offenbart; und viel weiter draußen im Raum liegt sie noch als jene Kugelhaufen, in denen erst vor uzenigen Jahren Shapley die Grenzsteine der Welt aufgefunden hatte. Aber mehr noch. —■ Dergleichen wir als Ganzes, so finden wir weitgehende AehMchkeiten zwischen unserer engeren Milchstraßenwelt und den Spiralnebeln — sowohl in den Dimensionen, wie in dem inneren Aufbau, in den Leuchtkräften und in vielem anderen, — obwohl im einzelnen noch gewisse Unterschiede bestehen bleiben. Der eine Nachweis aber erscheint jedenfalls bereits erbracht: Ein Milchstraßensystem gleich dem unseren mit seinen Milliarden von Sonnen liegt eingehüllt in dieser unscheinbaren Nebelspirale der Andromeda vor uns. Und die unzähligen anderen derartigen Nebelspiralen, die unsere stärksten photographischen Instrumente aus dem abenteuerlichen Sterngewirr herauslösen, und deren Erforschung nach den gleichen Gesichtspunkten jetzt in Amerika mit großer Intensität betrieben wird, auch sie sind das gleiche, ferne Milchstraßensystem, Weltinseln... Bis zu ihnen reichte bis vor kurzem nur die Phantasie tastende Versuch. Jetzt aber scheint ein erster sicherer Schritt wiederum einer der großen Ausfälle aus den Begrenztheiten standes in die Unbegrenztheit des Universums. Di nennt als G Sein den n graph Parka er wi Seine meist der b: Sklav gefärb zum < der T der ii Unger zehn Reich- Pückle Adelh Helmi in Wi schall mines Helm ihrs 5 dem liebe" Mit t und u leben, Fürsti nant : Pt einant schöne eine l unter, und si sich z Fürst- dem ü zu wen düng vrdnei P. 9' Flfchz kehrte mit if zende- hart angerufen, die schönen Zauberbilder, die er zu umfassen gedachte/ schnell verschwinden. Vielleicht sah er nun nicht mehr seine Balliere oot sich, sondern dachte nur an die Soeur Louise de la misericorde (der Balliere Klostername bei den Karineliternonnen), die ihn peinigte mit ihrer Frömmigkeit und Buße. Was war jetzt anders zu tun, als des König; Beschlüsse ruhig abzuwarten. Des Grafen Miossens Aussage vor der Chambre Ardente war indessen bekannt geworden, und wie es zu geschehen pflegt, daß das Volk leicht getrieben wird von einem Extrem zum andern, so wurde derselbe, ben man erst als den verruchtesten Mörder verfluchte und den man zu zerreißen drohte, noch ehe er die Blutbühne bestiegen, als unschuldige; Opfer einer barbarischen Justiz beklagt. Nun erst erinnerten sich die Nach barsleute feines tugendhaften Wandels, der großen Liebe zu Madelon, der Treue, der Ergebenheit mit Leib und Seele, die er zu dem alten Goldschmied gelegt. — Ganze Züge des Volkes erschienen oft auf bedrohe liche Weise vor la Regnies Palast und schrien: Gib uns Olivier Brusson heraus, er ist unschuldig, und warfen wohl gar Steine nach den Fenstern, so daß la Regnie genötigt war, bei der Marechaussse Schutz zu suchen oot dem erzürnten Pöbel. Mehrere Tage vergingen, ohne daß der Scuderi von Olivier Brusson; Prozeß nur das mindeste bekannt wurde. Endlich mit d'Andillys Hilfe gelang es der Scuderi auszukundschaften, daß der König eine lange geheime Unterredung mit dem Grafen Miossen- gehabt. Ferner, daß Bontems, des Königs vertrautester Kammerdiener uni Geschäftsträger, in der Conciergerie gewesen, und mit Brusson gesprochen, daß endlich in einer Nacht eben derselbe Bontems mit mehreren Leuten in Cardillacs Hause gewesen und sich lange darin aufgehalten. So viel war also gewiß, daß der König selbst dem wahren Zusammenhänge bei Sache nachforschen ließ, unbegreiflich blieb aber bie lange Verzögerung bes Beschlusses. La Regnie mochte alles aufbieten, bas Opfer, das ihm entrissen werden sollte, zwischen den Zähnen festzuhalten. Das verdarb jebt Hoffnung im Aufkeimen. Beinahe ein Monat war vergangen, da ließ die Maintenon der Scu- beri sagen, der König wünsche sie heute abenb in ihren, der Maintenon, Gemächern zu sehen. Das Herz schlug der Scuderi hoch auf, sie wußte, bah Brussons Sache sich nun entscheiben würbe. Und doch schien es, als habe der König die ganze Sache vergessen, dem wie sonst, weilend in anmutigen Gesprächen mit der Maintenon und da Scuderi, gedachte er nicht mit einer Silbe des armen Brussons. Endlich erschien Bontems, näherte sich dem König und sprach einige Worte so leise, daß beide Damen nichts davon verstanden. Die Scuderi erbebte in: Innern. Da stand der König auf, schritt auf die Scuderi zu und sprach mit leuchtenden Blicken: Ich wünsche Euch Glück, mein Fräulein! Euei Schützling, Olivier Brusson, ist frei! — Die Scuderi, der die Tränen au; ben Augen stürzten, keines Wortes mächtig, wollte sich bem Könige z« Füßen werfen. Der hinderte sie daran, sprechend: Geht, geht, Ihr sollt« Parlamentsadvokat fein und meine Rechtshändel ausfechten, denn, beim heiligen Dionys, Eurer Beredsamkeit widersteht niemand auf Erden. Doch, fügte er ernster hinzu, doch, wen die Tugend selbst in Schutz nimmt, mag der nicht sicher sein vor jeder bösen Anklage, vor der Chambre Ardente und allen Gerichtshöfen in der Welt? — Die Scuderi fand nun Worte, die sich in den glühendsten Dank ergossen. Der König unterbrach sie, ii)i ankündigend, daß in ihrem Hause sie selbst viel feurigerer Dank erwarte, als er von ihr fordern könne, denn wahrscheinlich umarme in diesem Augenblick der glückliche Olivier schon seine Madelon. Bontenis, so schloß der König, Bontems sott Euch tausend Louis auszahlen, bie gebt in meinen- Namen der Kleinen als Vrautschatz. Mag sie ihren Brusson, der solch ein Glück gar nicht verdient, heiraten, aber dann sollen beide fort aus Pons, Das ist mein Wille. — Die Martiniere tarn der Scuderi entgegen mit raschen Schritten, hinta ihr her Baptiste, beide mit vor Freude glänzenden Gesichtern, beide ,auch zend, schreiend: Er ist hier — er ist frei! O bie lieben jungen Leute! Bas selige Paar stürzte ber Scuberi zu Füßen. Oh, ich habe es ja gewußt, dch Ihr, Ihr allein mir den Gatten retten würdet, rief Madelon. Ach, bei Glaube an Euch, meine Mutter, stand ja fest in meiner Seele, rief Dhmer, und beide küßten der würdigen Dame bie Hände und vergossen taufen heiße Tränen. Und bann umarmten sie sich roieber und beteuerten, bah bie überirdische Seligkeit dieses Augenblicks alle namenlose Leiben der vei- gangenen Tage auf wiege; und schwuren, nicht voneinander zu lassen bi- in ben Tod. _ Rach wenigen Tagen wurden sie verbunden durch den Segen bes Priesters. Wäre es auch nicht bes Königs Witte gewesen, Brusson hätte doch nicht in Paris bleiben können, wo ihn alles an jene entsetzliche Zeit btt Untaten Cardillacs erinnerte, wo irgendein Zufall das böse Geheimnis, nun noch mehreren Personen bekannt worden, feindselig enthüllen und friedliches Leben auf immer verstören konnte. Gleich nach der Hochzeit zoz er, von den Segnungen Der Seubert begleitet, mit seinem jungen Wei« nach Genf. Reich ausgestattet durch Madelons Brautschatz, begabt nut fei- teuer Gefchicklichkeit in seinem Handwerk, mit jeder bürgerlichen Tugen», ward ihm dort ein glückliches, sorgenfreies Leben. Ein Jahr war vergangen feit der Abreise Brussons, als eine offen!1 liche Bekanntmachung erschien, gezeichnet von Harloy de Chanvalon, Crz- bifchos von Paris, und von dem Parlamentsadvokaten Pierre Arnau« d'Andilly, des Inhalts, daß ein reuiger Sünder unter dem Siegel b» Beichte, der Kirche einen "reichen geraubten Schatz an Juwelen und Geschmeide übergeben. Jeder, dem etwa bis zum Ende 1680 vorzugm durch mörderischen Anfall auf öffentlicher Straße ein Schmuck geraM worden, solle sich bei d'Andilly melden und werde, treffe bie Beschreivun« bes ihm geraubten Schmucks mit irgenbeinem vorgefundenen Kleinod genau überein, und finde sonst kein Zweisel gegen die Rechtmäßigkeit oe Anspruchs statt, den Schmuck wieder erhalten. körpern ihre für das Ganze sogar grundlegende Einordnung. Dies find die , kosmischen Nebel" (lichtschwache, ausgedehnte, teils leuchtende, teils dunkle Gebilde, welche uns jetzt die Photographie zu Taufenden enthüllt, sowie ferner die Sternhaufen, die „offenen" Haufen, vor allem aber die etwa 80 sog. „Kugelhaufen", in deren manchem, so z. B. beim berühmten Herkuleshaufen auf scheinbar kleinstem Raume bis an bie 30 000 Sterne gezählt wurden. Nach Shapley wird ber Anblick ber Milchstraße durch eine etwa 10 000 Lichtjahre dicke Sternschicht erzeugt, in der sich außer Nebelgebilden und Sternen verschiedenster Typen auch, ziemlich am Rande gelegen, unser „totales Sternsystem", mit der Sonne befindet; letzteres könnte man geneigt fein, dem Kapteynschen Schema gleichzufetzen. Alles dies aber ist eingehüllt in bie große Weltlinse Shapleys, die in ihrem weiten Bereich nur noch erfüllt ist von den ziemlich dünn verteilten Kugelhanfen. Die Dimensionen dieser tünen Weltkonstruktion ergaben sich als ungeheuer, vor Hobbies jüngsten Entdeckungen umritten sie bie Gröhe bes Weltalls, soweit dieses vom menschlichen Geist überhaupt zu begreifen ist: Nicht weniger als 325 000 Lichtjahre für den Durchmesser und 65 000 Lichtjahre für den Abstand ber Sonne vom Mittelpunkt bes Systems. Welches rounberbare Werkzeug ermöglichte es Shapley, zu diesen kühnen Zahlen zu gelangen? Eben bas Wunder der „Delta-Cephei- Sterne": Unter jenen Sternen, deren Helligkeit bei genauer Verfolgung bisher Schwankungen zeigte, nimmt gerade diese typische Sterngruppe eine besondere Stellung ein; vor allem durch bie große Regelmäßigkeit dieser Lichtschwankungen (Perioden von einigen Stunden bis zu Zehnern von Tagen) und durch ihre große wirkliche Leuchtkraft, die für unser Auge nur durch ihre große Entfernung ausgehoben wird. Ueberaus bedeutungsvoll ist nun eine von Miß Leavi11 und Shapley aufgefundene Gesetzmäßigkeit, wonach die Periode eines Delta-Cephei-Veränderlichen um so länger ist, d. h. die Lichtschwankungen um so langsamer verlaufen, je größer die wahre Leuchtkraft des Sternes ist. Nun fand man auch in den genannten Kugelhaufen zahlreiche solcher Veränderlichen als sehr schwache Sternchen, deren Lichtperiode stets weniger als ein Tag betrug. Rach der Leavittfchen Kurve entspricht bann biefen Sternen im Durchschnitt etwa die lOOfache Sonnenhelligkeit, — und nun die Folgerung: Damit ein Stern, der in Wahrheit lOOfach Heller ist, als die Sonne, uns nur als das beobachtete schwache Sternchen erscheint, muß er so und soviel Lichtjahre von uns entfernt fein; ebenso weit also auch der ihn enthaltende Kugelhaufen. In der skizzierten Weise war das Problem der Entfernungsbestimmung für Räume bewältigt, deren Tiefen sonst keines unserer direkten Hilfsmittel gewachsen gewesen wäre.