SieheimKnnilienblAter Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Jahrgang <928 ßreitag, den 28. Dezember Nummer zor Weihnachten. Bon Christian Morgenstern Das ist die tiefe Glocke, die einmal nur des Jahres schallt, daß fie die Herzen locke mit mahnender Gewalt. Bis von den Bergen droben besuchen sie im Tal den Ort, das süße Kind zu loben und seiner Liebe Wort. Das ist die tiefe Glocke, die einmal nur des Jahres schallt, daß sie die Gottheit locke in jeglicher Gestalt. Hirten auf dem Felde. Von Anton Schnack. Hundert seidene und geduldige Lämmer weideten am Hügel im Schatten. Der alte Hirte, ein Vater der siebzig Jahre und der tiefen Scelenstille, stand auf seinen gekrümmten Palmstock gestützt an der zerfallenen Weinbergmauer und schaute in das Land zu seinen Füßen. Da lag Bethlehem und rauchte blau aus kleinen Schloten. Dort blitzte die grvßmächtige Stadt Jerusalem mit Glastempeln, Zaubergärten, schäumenden Fontänen, Kristallterrassen, Rosenholzpalästen und marmornen Türmen. Durch die kupfernen Tore sprengten die Mohrenkönige mit rollenden Trommeln und blutroten Roßschweifen. Die römischen Kohorten sprühten Feuer aus den metallenen Brüsten und den gewölbten Schildern. Eine weiße Wüstenantilope jagte scheu und äugend durch die Sykomorengärten. Am Horizont seines Blickes lag der heilige Berg Gold in Wolken. Der fischreiche und legendenhafte Fluß Silber wand sich mit blauen Kreisen um die Olioenflanken. Eine Taubenwolke schattete und blitzte über den Weizengefilden der Täler. Langsam wurde des Hirtenvaters Betrachtung zu einem tiefen Traumgesicht. . Der Hirtenknabe saß an der steinernen Zisterne, in der sich der Himmel spiegelte und in die der König der Molche mit einem purpurnen Feuerschweif und einer diamantenen Krone bis zu dem jahrtausendalten Kiesgestein des Grundes hinabtauchte. Jakob war ein guter Hirtenknabe und er hatte Lieblinge unter seiner Lämmerschar. Das eine war das Lamm Schwarzfleck. Es war weiß wie der Schnee auf dem heiligen Berg und flammte wie eine Blüte, wenn es auf der Weide stand. Auf seiner Stirne war ein faustgroßes schwarzes Mal, das wie eine verfinsterte Sonne brannte. Das andere war das Schaf des hinkenden Fußes, das ein wilder Hund einst in den Knöchel gebissen hatte. Seitdem liebt es Jakob mit stiller Barmherzigkeit, da es einen Blick voll inwendiger Trauer zu ihm emporhob. Die Hirten hatten ihre Hütten in der Jerichoebene. Dreißig Feigenbäume warfen über den Hof breiten Schatten und auf dem Brunnenstein saß dunkel wie Abendschatten das Mädchen Miriam und dachte an den Propheten Johannes, der mit gewaltiger Stimme das Tal heraufgekommen war und die Ankunft eines himmlischen Königs voraussagte. ♦ Sie haben ein glückliches Leben. Einmal werden sie von einer Grille beglückt, die am Nachmittagsrain ihre leichte Sommergeige spielt. Einmal stehen sie im Schilfgeröhr und Weidengebüsch des Morgenflusses: ein fremdes Schiff ist vor Anker gegangen. Mohren klettern durch die Segelschnüre und ein herrlicher Mohrenkönig steht am Bug und sein Goldschwert funkelt. Im Wasser ist das Spiel der Fische, die mit violetten Flossen und eisiggrünen Augen in stummen Rudeln und Geschwadern vorbeiziehen. Manchmal weiden die Hirten in die Abenddämmerung hinein. Kennt ihr den Traumgeruch von Salbei und Lavendel? Am Abend ist er am süßesten und der Hirte steht mitten in den Kräutern und um ihn ist die Luft voll Windgeflüster und Schwermut. Im Himmel über ihm hängt das kristallene Mondhorn. Und der Splitter eines isiernes fällt mit Feuerlicht vor ihm in das hohe Korn. Manchmal liegt der Hirtenvater in der Mittagshitze im Schatten des Aho nbaumes. Heber [einem braunen und gütigen Hirtengesicht liegt der breitgeränderte Hut. Neben ihm steht der Krug mit Wein in nasse Tücher gehüllt. Es ist Wein, dessen Trauben er selbst gepflanzt, dessen ®ur- Sein er selbst gedüngt und begossen hat. Im Herbste schnitt er Traube für Traube mit seinem geschwungenen Traubenmesser ab und warf sie lachend in die Bütte. Er stampfte sie selbst zu Maische, er preßte sie in der Kelter aus und überwachte das Gären in den Fässern und zog ihn ab, wenn er reif und klar war, in die Weinschläuche, die er sich aus Esel- und Rindermägen gegerbt hatte. Was er gepflanzt, trinkt er wieder und so wird er immer geheimnisvoller verschwistert mit dem Herzen der Erde, mit den Weinstöcken unter seinen Olivenbäumen, mit den beit« kräftigen Kräutern seines Gartens und dem Gras seiner Weidewiesen. * Lächele nicht über seine Gedanken, nicht über sein sinnend hinge, neigtes Gesicht! Denn die Weisheit seiner Gedanken ist tief und von langen Jahren beschattet. Sie lächeln über den Ehrgeiz und verachten die Haft. Er weiß, daß alle Dinge sterblich sind und von kurzer Dauer und rote ein Schalten kaum in der Erinnerung zurückbleiben. Ach auf fernem Rücken Hegen schon siebzig Jahre. Und ihm sind sie wie ein Nichts, wie eine unbewegte Last, die oft und oft schmerzlich war. Zwi- schen Mensch und Natur steht er sagenumwittert, steinalt und verehrt, dessen Auge die Geheimnisse der Gräber und der Sterne enträtselt habe«, der mächtig ist heißer Beschwörungen und gewaltiger Zaubeifprüche. In seinen Nachtgesichten treten Lichter auf, die noch kein Leuchter spendete, seine Träume sind mit Stimmen von oben erfüllt und mit Stimmen von unten. Sie sagen ihm die Zukunft und entschleiern ihm die Vergangenheit und machen seinen Blick erschreckt und verstehend. So ziehen sie mit ihren Herden vom Anfang der Sonne bis zu ihrem yaebergang. Unruhig ist ihr Blut und bet aller Unruhe weise. Sie wisse« bte Brunnen mit süßen und heilsamen Wassern, sie wissen die Quelle« und fetten Grassäume, sie wissen die Felshöhlen, wo der Wind nicht hin kann und wo das Gestein wie Kristall und Azur leuchtet. Sie wissen die Gräber der heiligen Männer, die Propheten waren und gottüber- schattete Aufruhrer. * Einmal war eine Nacht voll unbegreiflicher Stille, die Grillen waren hinter den Grasbüscheln in einen trägen Schlaf gefallen, die Zikaden schlummerten auf den Feigenblättern und die großen Fledermäuse hatten ihren kreisenden und pfeifenden Flug eingestellt. Die Schafe in den Pferchen rumorten nicht, die Hunde liefe« nicht gespenstisch heulend wie sonst in den Nächten um die Ställe ... Den Hirten Anubis rief eine Stimme. Anubis richtete sich auf und horchte. Und zum zweiten Male hörte er wie von oben: „Stehe auf, Hirte Anubis!" Durch das runde Dachloch sah er die Hügel von Judäa unter dem schwarzen Nachthimmel mit Sternen besät, lieber dem Palmenwald sah er die Nacht sich erhelle«. L-cht und Silber flössen über die uralte Stadt Jerusalem, auf der die Pferdehufe der römischen und arabischen Reiter herüberklapperten. Er erhob sich schnell und mit einem verwunderten Herzen: und al» er aus dem Stalle in die Nachtluft trat, leckte ihm ein Esel die Hand. Em wilder Hase, der an der.Hürde kauerte, machte vor ihm einen Sprung und folgte ihm wie gezähmt. Eine braune Wüstenantilope lief fmneHftcns vor dem Hirten her. Eine furchtbare Helle kam über die Nacht: mitten aus den Klaftern des Himmels stieg ein Stern von un- bekannter Schönheit und warf aus einem riesenhaft gezückten Schweif einen blendenden Schein über die ganze Erde. Der Hirte rief seine Bruder Jakob, Balthasar und Sebastian. Auch ich war aufgewacht und erhob mich, durch mein Bogenfenster flog der Pfeil eines heftigen Lichtes, das den Glanz der anderen Sterne und das Horn des Mondes verdunkelte. Anubis sagte und sein Auge blickte glühend: „Es ist der Leuchter eines Königs. Laßt uns feiner Heerstraße entgegenziehen!" Wir zogen voran und ließen die Trommel schlagen und die Hirtenflöten fingen und hinter uns her zog der ganze Troß der Frauen und Kinder auf dem Rucken der Esel und Dromedare. Der Thymian duftete uns entgegen, die Palmen glanzten wie versilbert, eine hochgezackte Stadt stieg in der Nacht auf und auf dem höchsten der Türme blies ein Wächter eine gewaltige Posaune. Was war das für ein süßes Jubilieren in der Lust? Unsichtbare Vogelgeschwader mußten die Nacht durchqueren. Nymphen und Zikaden mußten zu Millionen in den Bäumen hängen und ihre schwirrende« Flügel in unermüdlichem Spiel bewegen. Aber es war eine Wolke mm weißen und schneeglänzenden Engeln, wie wir sie manchmal in unsere» H:rtenträumen sahen. Sie kamen aus dem Sternentor und ließen de« Wind durch ihre Harfensaiten klingen. Wir waren weit gezogen, über uns die Geschwader der Engel und das azurene Licht des gewaltige« Sternenleuchters. Da sahen wir plötzlich den Stall von Bethlehem unter dem Olivengeäst und aus allen Türen und Fenster« drang Licht auf uns ein. Was war das? Wir kannten diese zerfallene Hütte, aus der der Stein bröckelte und das Dachholz fiel. Wer hatte hier feinen Zauber» spuk getrieben? Sie war wie aus Rosenholz errichtet. Sie schien mir wie mit Seide überdeckt. Wer hatte sie warm gemacht mit Dogelflaum und blütenweißer Schafwolle? Ein Engel stand am Herd und buk Aepfel- küchlein. Auf dem Tisch stand ein hoher Krug, aus dem der rote Wein fortwährend überquoll und in die Decher floß. Herrn Josephs Esel halte Der Gefanqene von Der Plassenburg. Eine Weihnachtsgeschichke. Don Alfred Richard Meyer. Ist in den Historien gar nichts davon verzeichnet, was sich vor vierhundert Jahren auf der Plassenburg oberhalb Kulmbachs an drei verschiedenen Weihnachtsabenden hintereinander begeben hat — nämlich mit des Markgrafen und Kurfürsten Albrecht Achilles zweitem Sohn, mit dem Markgrafen Friedrich dem Aelteren von Brandenburg. War derselbe nämlich von seinem ältesten Sohn Markgraf Kasimir, den ihm mit siebenzehn anderen Kindern die polnische Königstochter Sophia bescherte, zwölf lange Jahre in ein gar dunkles und enges Turmgemach getan — wie es in der Ent-- fagungsurkunde auf Pergament unterschrieben zu lesen ist, deshalb: „Aus merklicher Notdurft und Schwachheit seines Leibes, zur Ver- hütung ferneren Unrats und Schadens habe er bedacht, daß bisher seinem Fürstentum, Land und Leuten nicht ein kleiner, sondern ein großer Schaden zugewachsen und künftig noch größer gedeihen möchte; dem zuvorzukommen, aus Pflicht gegen seine Kinder, zum Besten des Allgemeinen habe er seinem Sohn Kasimir für sich und seine Brüder sein Fürstentum, Land und Leute recht und redlich mit wohlbedachtem Mut und zeitigem gehabten Rat übergeben, alle Untertanen ihrer Pflicht losgezählt und an ihn gewiesen" Ist die alte Kulmbacher Linie der fränkischen Hohenzollern bald darauf mit Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg erloschen; war die Plassenburg in einen elenden Schutthaufen verwandelt, von den Franzosen vollends 1808 geschleift, um als Zwangsarbeitshaus für männliche Sträflinge mit Teppichfabrik und Wollmafchinenspinnerei auf unsere Tage zu kommen; ist auch allhier das Archiv für das Fürstentum Bayreuth aufbewahrt worben. Markgraf Friedrich von Brandenburg lauschte in seinem dunklen und engen Turmgemach auf. In der Stube der Landsknechte war wiederum ein Lärmen aufgestanden. Das war des Würzburger Jörgls Stimme und das der Langheinitz und das der Fetzer, die sich da anbrüllten. Muhte eben eine leere zinnerne Weinkanne derb an die Wand geflogen fein. Hatten sie wieder beim Würfeln das Keilen gekriegt — wie gestern, da sie den Markgrafen den Gulden abgewonnen hatten, den Gulden, den ihm der Schloßhauptmann Konrad Boß von Flachslanden, der gute, mitleidige Mann, ihm ausdrücklich zum Beispielen geschenkt hatte, etwas Kurzweil in feine schwere Einsamkeit zu bringen. Und da war auch des Schloß- Hauptmanns Helle Stimme wieder und zerbrach jäh den Zank der Streitenden: „Heute, da wir auf die Weihnacht Christi, unseres Herrn, ein fröhlich Lied anheben sollten ....“ Der Markgraf zuckte zusammen. Die Dunkelheit um ihn in dem finsteren und noch enger zusammengedrückten Turmgemach griff schmerzhaft mit Krallen nach ihm. Dor seinen weit aufgerissenen Augen flimmerte es bunt und ward ein Leuchten, das dennoch kein Licht, ein inbrünstig ersehntes, werden sollte. Herr Konrad Botz von Flachslanden — wenn er ihn rufen würde ... Näherten sich harte Schritte den Gang entlang. War es, die eiserne Klappe in der Tür für abendliche Speise und Trank zu öffnen? Klirrte der große Schlüssel im quietschenden Schloß. Fiel einer Fackel Schein hell in die Dunkelheit und auf einen glänzenden Gegenstand in des Schlohhauptmanns Hand. , „Markgraf — Weihenacht ist, deh sollt auch Ihr billig fröhlich sein, weil Er ist geborn, eur Fleisch und Blut. Er will und kann euch lassen nicht, setzt ihr auf Ihn eur Zuversicht — wie das gesungen hat Im neuen Ton Doctor Martinus Luther, Augustiner von Wittemberg. Ist kein Spiegel der Frauen, der Rhetorik, der Blinden, der christlichen Wallfahrt, was ich Euch da bringe, sondern eine Purpurdecke auf dem Rücken. Auf ihm war wohl das herrliche Kind gekommen, das in der Krippe lag, vor der Frau Maria singend sah und über die sich Vater Joseph, der unseren Gartenzaun gezimmert und die Rohre unseres Brunnens geschnitzt hakte, sich beglückt und betend neigte. Da zog der Hirte Anubis seinen großen Schlapphut vor dem Kinde, in dessen Auge schon alles Wissen und aller Schmerz der Welt zu liegen schienen. Der Hirte sprach: „Brüder, Hirten aus Judäa, wir haben den König gefunden!" Und die Engel, die auf dem Dache saßen, spielten in ihren Harfen und sangen Hosianna. Auch wir sangen Hosianna und gaben Herrn Joseph die Hand. Dann ließen wir dem Kinde, was jeder gerade in der Tasche hatte, als Spielzeug zurück. Anubis zog einen blutroten glatten Granatapfel aus seiner Hirtentasche, Sebastian hatte in seinem Lederbeutel ein gbtzerndes Goldkörnchen aus dem Jordansand und ich legte eine seidenweiße Wollquaste von meinem toten Lieblingslamm auf des Jesuknaben Wiegendeckchen nieder ... Als wir heimkehrten, war die Sonne schon hoch am Himmel, der nächtliche Wunderstern leuchtete noch und der Wind, der uns entgegen« wehte, war wie ein Dufiftrom. Auf dem Jordan zog eine gelbe Segelbarke. Sie war voll Engel, die Hörner und Tuben bliesen und von der Spitze des Schiffes wehte eine blaue Fahne mit mit der Feuerschrift: „Hallelujah, das Christkind ist geboren. Und die Hirtenkinder spielten mit Bällen und Ringen im Gras, die ihnen die Engel auf dem Schiffe zumarfen. Mitten durch die Rosenfelder sprengten Kawalkaden von ■ Mohren vorüber, von den Pferdehufen flog der Staub, ihre Silberbänder flimmerten, ihre Zähne blitzten wie Elfenbein, sie tarnen weit her aus den Wüsten und Märchenstädten des Ostens, sie hatten Weihrauchfackeln angezündet, die sie durch die Luft schwenkten und fie riefen uns zu: „Wo ist der neugeborene König?" „Im Stall zu Bethlehem", war unsere Antwort... §o voll Wunder und heiliger Dinge ist das Leben der Hirten und glücklich ist es, ein Hirte zu fein, Traumgesichte zu haben, Stimmen aus dem Himmel zu hören, den Gang der Sterne zu ergründen und Gott in der Weihnachtszeit zu finden ... ein Wunder della vetrana veneziana e muranese der Brüder Dal Gallo, die das Geheimnis der gläsernen Spiegel von dem Matteo Redor erbten. Seid Ihr nicht so allein auf den heiligen Abend. Könnt Ihr ein Sermon von Angesicht zu Angesicht halten, einen Dialogus oder gar eine hübsche Disputation erregen, ein Prog- nosiication machen auf das neue Jahr, Paraphrases anstellen, ob Ihr noch dem Porträt gleicht, das einmal der Beit Hirschvogel von Euch malte, als der Kaiser Maximilian Euch die Derwaltung Veronas übertragen hatte." DaS war die abendliche Weihnachtsstunde des Markgrafen Friedrich des Aelteren von Brandenburg, da er, so lange die Fackel knisternd wie Festkerzen blakte, höchst laute Zwiesprach mit seinem Spiegelbild hielt. Es gefiel ihm, sich selbst alle möglichen Rollen anklägerisch in den Mund zu legen, zuerst die des Abts Sebald Bamberger von Heilsbronn, dessen Kloster er jedes Jahr, wenn der eigenen Hofhaltung Mittel versiegten, mindestens einmal zu Überfällen Pflegte und mitten in die Prasserei seiner Hofleute im Abteigarten höchst weltliche Tänze anbefahl. Dann wieder hielt er sich selbstquälerisch die verhaßte Maske seines eigenen Sohnes Kasimir vor, und ließ in der Entlassungsurkunde furchtbare Worte sprechen, die Augen stets starr in das Quecksilber-Spiegelglas auf einen großen hageren alten Mann gerichtet, der nun bereits das zehnte Jahr im Gefängnisturm der Plassenburg sah und wohl nie wieder im Leben eine Türschwelle überschreiten durfte. Narrte ihn das zauberische Amalgam der Zinnfolie, das Flackern der Fackel, oder schwankte er wirklich? Krampfig griff seine Hand nach dem Tisch, kriegte ein Buch zu fassen, das der Schloßhauptmann auch noch als Geschenk dahingelegt haben mochte: „Etlich Christlich klein über / Lobgesang und Psalm, dem rainen Wort Gottes gemeh, aus der Hehlgen schrifft, durch mancherleh Hochgelerter gemacht, in den Kirchen zu fingen, wie es dann zum tayl berayt zu Wittenberg in Übung ist. / Wittenberg M. D. XXII1I.“ And da er das Buch aufschlug, war es just die Seite: „Dis find die Hehlgen zehn gebott“; und er las: „Du sollt ehrn und gehorsam seyn dem Vater und der Mutter dehn. And wo dehn Hand ihn dienen kan, so wirstu längs leben Han." Zerschlug der Markgraf, von der neuen lutherischen Lehre betroffen, den Spiegel, zog es vor, weiterhin in stummer Einsamkeit zu leben, die-Tage und Nächte zu zählen, bis wiederum eines Jahres träger Lauf beschlossen war. War jetzt des öfteren, bedünkte es, zwischen den Mauern ein leises, seltsames Gewimmer, wie von Kinderlein ein Gewimmer, vielleicht von den orlamündischen Kindern, denen Kunigunde, Witwe des letzten Grafen Otto von Orlamünde, eine goldene Nadel durch das Gehirn stieß, um diese vier trennenden Augen für immer zu verlöschen und des Burggrafen Albrecht des Schönen von Nürnberg Gattin werden zu können. Hat seitdem Kunigunde, die weiße Fran über das Grab hinaus keine Ruhe finden sollen und ist stets in Erscheinung getreten, so ein Hohenzvller zum Sterben kam. Soll der Leichnam der Kinderlein unverweslich sich erhalten haben, und ihr Fleisch nicht den Weg der Dergänglichkeit von der Erden zum Himmel finden können und ihre Stimme immer wieder durch die Manern der Plassenburg anllagend gegen die Mutter bis zum jüngsten Tag rufen. Das mußte dieses Gewimmer fein, war es längst für Markgraf Friedrich zur beängstigenden Gewißheit geworden. Da nun wiederum der Schloßhauptmann Konrad Boß von Flachslanden sich die Tür seines fürstlichen Gefangenen am Weihnachtsabend aufschlietzen ließ, ergoß sich ein ganz anderes, schier seraphisches Licht in des dunklen und engen Turmgemaches Einsamkeit: ein Mägdlein in ganz weißem Kleide war es, das ein kerzen- geschmücktes Tannenbäumchen in den Händen hielt, mild umflutet von einer Musik, die also zum Worte ward: „Ein kindelein, so zart und fein, Das sol eur freud und Wonne fein.“ Ward es dem Markgrafen ganz anders weihnachtlich denn im Jahre vorher im Herzen. Beide Hände streckte er nach der lieblichen Erscheinung aus, fie fröhlich und herzlich an sich zu ziehen. Reichte ihm da aber der Schloßhauptmann, die Augen bewegt abgewandt, vom Markgrafen Kasimir einen Revers entgegen, von dessen Unterzeichnung die Freilassung abhängen würde: sollte sich der Dater verpflichten, auf die Regierung Verzicht zu leisten, sich an niemand wegen der Gefangenhaltung rächen, vom Hofe feines Sohnes nicht entfernen, ja ohne dessen Erlaubnis nicht aus dem Gemach gehen zu wollen, wogegen ihm der Sohn, damit der Dater lieber darin bleibe, ein gutes Mägdlein hineinlassen, darüber nicht zürnen und sich stellen wolle, als wüßte er's nicht. Bat der alte Markgras sich den schweren Entschluß bis zum anderen Morgen zu- rückstellen zu dürfen und ihm, da es ja Weihnachten sei, das Eng- lein auf die Festnacht gnädig zu belassen. Ging Herr Konrad Boß von Flachslanden stumm aus dem Turmgemach, wohl wissend, daß er am anderen Morgen die Revers-Ablehnung des alten Markgrafen empfangen werde ... mochte das Kindlein jenem für diese Nacht Freud und Wonne fein. Kam ein noch schlimmeres Jahr über die Lande. Wie s in Hellers Bayreuther Stadtchronik geschrieben steht, ließ der Markgraf Kasimir etlich tausend Bauern durch fein Kriegsvolk hin und wieder im Lande umbringen, zog darnach gen Kulmbach, da ließ er in zweien Tagen vierzehn Mannen von Bayreuth, Pegnitz und Kulmbach die Köpfe abschlagen, ferners aber zu Kihingen ließ er zweiundsiebzig Bürgern und Bauern die Augen ausstechen. Den Weihnachtsengei aber, den er, allzu milder Gesinnung, einmal zu seinem Vater entsandt hatte, lieh er mit einem eben geborenen Kindelein so jart und fein lebendig in der Plassenburg einmauern. War wiederum zwischen den Mauern ein leises, seltsames Gewimmer, wie vor Kinderlein ein Gewimmer. Werden die vrlamündischen Kinder sein, nun schon im dritten Jahrhundert — lieh der alte Markgraf den ergrauten Schädel noch tiefer hängen und zählte immer wieder an den Strichen ab, wie viel Tage es wohl noch bis Weihnachten sein möchten. Dazwischen erfuhr er vom Schlohhauptmann, daß Markgraf Kasimir in kaiserliche Dienste getreten unfi nach Ungarn gesogen sei. Und da faltete Markgraf Friedrich so inbrünstig zum Gebet die Hände, wie sie sich noch nie geschlossen hatten ... weil es hier eben um ein Gelübde ging. Und Gott schien an dem alten fromm gewordenen Mann Wohlgefallen zu finden. Roch im De- iftniber starb Markgraf Kasimir an der Duhr im fernen Ofen, einen Fluch auf den zerkrampften Lippen, nachdem sein Bruder Johann m Valencia, Gatte der Witwe Ferdinands von Aragonien, weil er deren' Liebesleidenschaft nicht mehr recht Genüge tun konnte, an heimlich beigebrachtem Gift dahingesiecht war. Die Plasfenburg vffnete sich für Markgraf Friedrich just zu Weihnachten. Da er zaghaft seinen Weg durch die glockenklingende Schneelandschaft feines Landes nahm, nach zwölf langen Jähren ein plötzlich Befreiter, und es ihn nach Ansbach zog, wo er fürder einen bescheidenen Hofstaat halten wollte, falls ihm der Etat von seinem zweitältesten Sohne genehmigt würde, kam ihm ein seltsamer, singender Zag entgegen, mit Geigen und Fiedeln, aber von Stecken geleitet. Es waren die zweiundsiebzig Bürger und Bauern von K-tzmgen, denen Markgraf Kasimir die Augen hatte ausstechen lassen. Was sie sangen und spielten, war das Kinderlieb auf die Weihnacht Christi von Martinus Luther, zu dessen neuer Kirchen- sich der alte Markgraf bekennen wollte, nachdem er dessen nützlich und fast tröstlich Predigt oder Unterrichtung gelesen, wie sich em Christenmensch mit Freuden bereiten soll zu sterben. All Viesen armen zweiundsiebzig Männern würde kein Spiegel mehr Dienste leisten, denn ein solcher der Blinden, wann Christus, der Herr, hat geredt: ich werd mein glorh vor den hochweisen verbergen und werd es den kleinen verkünden und offenbaren, denn «her mein glory und Ehr sollt untergehen, es mühten eher Stein und Holz reden lernen, auf solches ist aufgericht anzuschauen dieser Spiegel der Blinden, Gott woll uns erleuchten und entledigen von all unfern Sünden. Kerzen erlöschen. Bon Peter Warmund. Dem groh en grünen Baum entströmte sein weihnachtlicher Atem, und die Menschen saßen in einer warmen, betäubten Schwüle; es toaren die Großeltern, die Eltern und der kleine Christoph. Es war yon em halbes Dunkel im Zimmer wie von Aufbruch und Ende. Die Erwachsenen sahen stumm in den Gipfel der Tanne, wo die obersten Kerzen schon verloschen waren; die unteren brannten noch, aber sie waren unruhig und flackerten angstvoll, als ahnten sie ihr Sterben, und die zuckenden Lichter fielen und schwanden, die Schatten wurden scharfer und schwächer. Der Abend kam zum Abschluß, die Spannung des Geschenktifches und des flimmernden Lamettas hatte sich W «ne ruhige und müde Beschaulichkeit gekost. Christoph lag auf der Erde und hatte sein Kinn vertrauensvoll auf die Wolle eines gewaltigen Teddys gestützt. Er verfiel nicht darauf, - , >-?annengtt>fe[ zu spähen, denn aus ferner Kleinheit war ihm «ne solche Höhe noch unerreichbar; aber er starrte mit seinen großen, schwarzen Augen auf eins der untersten Lichter, welches ihm eben Vor fernem Gesicht stand. Diese Kerze, zu der er an diesem Abend nach dem Ueberraschungsjubel eine persönliche Freundschaft gefaßt gntte — denn stolz und aufrecht behauptete sie sich an der auffälligen Spitze eines Astes — verlor schon, und das war wunderbar, von ihrer Majestät. Sicherlich, ihre Genossen hielten sich nicht so wacker, sie hatten nachgegeben, sie tröpfelten und weinten wächserne Tränen. Dogen sich und versanken. Doch die Stolze hatte noch ein wenig von lhrer steifen Würde bewahrt, aber nun begann auch sie schon, zu zerschmelzen, sie wurde unregelmäßig, und von irgendwoher, vielleicht aus den Tiefen der Tanne, von dorther, wohin man nicht deutlich feiten konnte, wo alles in Dunkel und Schatten lag, war wohl eine Hand gekommen, die das Licht angetastet hatte: es krümmte, neigte such, verschied. Aus, warf Christoph schwer atmend in die allgemeine Stille. Vie empfanden das kleine Wort, das jetzt so unerwartet in ihre Gedanken fiel, gemeinsam in feiner schicksalsvollen Schwere. Ja. Christoph, ausgebrannt, bestätigte die Mutter, welche der Dichtung seines Blickes schon lange gefolgt war. Aber sieh nur, die anderen brennen noch. Dieses aber schien dem Knaben nicht wichtig, die anderen kümmerten ihn nicht; traurig schob er sich an den Daum und knetete den Rest des warmen Wachses zu einem rundlichen Gebilde. Jetzt erinnerte nichts mehr an die stolze Schlankheit der Gestalt, es mußte Christoph bewußt geworden fein, denn er sah traurig auf das Werk feiner Finger. Endlich erhob er sich unzufrieden, stellte sich vor den Tisch der Erwachsenen, sah mit seinen großen Augen in die Runde und begehrte zu wissen, warum nun eben dieses eine Licht jetzt ausgebrannt wäre, es seien doch alle Lichter von gleicher Gröhe gewesen? Der Bater, maulfaul und festesmüde, sah zu den Großeltern hinüber, als wollte er sagen: da seht ihr, was Kinder alles fra- §«i ~ aber die Mutter strich über den schwarzen Scheitel des Knaben: Siehst du, einmal müssen alle Kerzen erlöschen, und es hat eine jede nur ihre Zeit. Aha, Zeit, machte Christoph, was ist das? Die Großmutter lächelte gütig über diesen Wissenseifer, die Mutter blickte mit einer kleinen Rührung umher, der Großvater sah starr vor sich hin und dem Bater schwirrten einige akademische Erinnerun- 8«i an Kant und aprioristifche Begriffe durch den Kopf — das Sonnte er aber doch dem Jungen nicht beibringen. Doch der stanV noch da und wartete. Zeit, begann der Bater, nun Zeit ist Leben. Oder auch Tod, ergänzte der alte Herr. Richtig, auch Tod, willigte der Vater ein, Zeit ist alles; alles was geschieht, geschieht in der Zeit. Die Kerze, Christoph, fügte die Mutter hinzu und zog den Knaben an sich, hatte ihre Zeit, in der sie brennen durfte. Sanni mutzte sie versinken, und da war es aus mit ihr. Sieh, auch di« anderen verlöschen schon, so erlöschen sie alle. Aha, meinte Christoph, ja, das ist Zeit. Der Baum stand tote ein grauer Schatten vor ihnen, nur noch von unten her wurde er von einigen Lichtern durchschienen. Es rieselte letfe. Die Radeln fallen, meinte jemand, er streut schon, er wird sich Nicht gut halten. Aber auch diese prosaische Bemerkung fiel in die Stimmung dev verlöschenden Kerzen wie ein Pochen des Schicksals. Dis auf den Bater, der herzlich nach seinem Bett verlangte, hatte es ihnen allen geschienen, als seien die wenigen Worte, die sie in den letzten Minuten gewechselt hatten, von einer hinterhältigen Bedeu- tung gewesen. Sie sahen auf den Knaben, der, leise feinen Teddy streichelnd, großen Auges in die letzten Flammen blickte. Dielleicht bewegte ihn immer noch das Wunder der Zeit, das selbst die Erwachsenen nicht begreifen konnten. Denn jetzt schien, unter dem Rieseln der Radeln und dem letzten, verzweifelten Wehen der Achter, die Zeit selbst durch den Raum zu rauschen. Der Knabe saß ruhig und ahnte nichts. Er wußte nicht, daß die Zeit auch fein Haupt firetajelte, tote es die Mutter vorher geliebkost hatte, während et basaß und in die wachsende Dämmerung spähte — jetzt war es noch «?,stündliches Streicheln, aber aus dem Streicheln wurde einmal F-mheln, Wehen, Stürmen; auch der Kleine wuchs heran, wie sie selbst gewachsen waren, immer war die Zeit um ihn. die jetzt die Ke^en erlöschen und die Radeln riefeln ließ, und vielleicht würde er spater einmal an diesen Weihnachtsbaum denken, unter dem sie Hm zuerst ihr unentschleiertes Antlitz gezeigt hatte. Sie fühlten die Zett über sich gehen, in zwei Augenblicken übersahen sie, was gewesen war und was noch blieb. Sie fühlten, tote die Zeit an ihnen zehrte, während jetzt ein leiser Guß von Radeln plötzlich zur Erde fiel. ■llnb sie erinnerten sich: in einigen Tagen begann das neue Jahr — aber das schien ganz nebensächlich in diesem Augenblick, in dem, nut Zeit war. Wie sie jetzt alle dasaßen — auch der Bater sann ermüdet über das Wort nach, das er einmal gehört hatte: einmal müssen alle Kerzen erlöschen . . . wie sie da versammelt waren unter d«n Dust verzehrten Wachses, der aus dem rieselnden Baume wehte, da uberschlich sie langsam die feierliche Melancholie nach den Freuden des Festes, der fahle Abglanz der Dergänglichkeit. den die Ratur hinter alle Erregungen gestellt hat, tag über ihnen, die Menschen zu warnen, damit sie nicht zu verschwenderisch mit ihren Freuden und Leiden schalteten. Es war auch die große Traurigkeit, welche allem Ende voranschreitet, die aus dem Schatten des Baumes aus fie übergriff: nun war auch dieses Fest aus, der Alltag begann, die Zeit lief und zehrte. „ fraß. Sie fühlten es plötzlich, als die letzte Kerze Der» flatterte unb fie in einer schweigenerfüllten Dunkelheit blieben, fie suhlten das Ragen des Todes an den Mauern des Hanfes, an den Steinen der Straße; in allen Stuben verlöschten jetzt die Bäume, überall faßen Menschen zusammen und sahen in die Vergänglichkeit der fressenden Flamme. Dann, mit einem Ruck die Schwermut der Sekunde abschüttelnd, drehte der Vater das elektrische Licht an. Sie sahen sich in die Augen, blinzelnd und etwas verlegen lächelnd, als schämten sie sich dieser unziemlichen Festtagsgedanken ein wenig, und sie sahen auf den Knaben herunter, der sich wie von einem Banne schüttelte und langsam zu seinem Gabentisch ging. Rein, der ahnte noch von nichts. Die Silöefterglocfeen. Von Charles Dickens. (Fortsetzung.) 31tinertm“' ®ir 3ofe^- »Herr Fish, wollen Sie so gut fein, auf« n H«r ?ish ergriff augenblicklich seine Feder und schrieb, wie ihm Sir Joseph diktierte: , „Privat. Mein teurer Sir! ' _. 3ch bin Euch für Eure Höflichkeit in der Sache dieses William Fern, von dem ich leider nichts Günstiges sagen kann, sehr verpflichtet. Ich habe mich ihm gegenüber stets im Lichte eines Vaters und Freundes gesehen, bin aber (wie es leider nur zu gewöhnlich der Fall ist) mit Undank und beharrlicher Opposition gegen meine Pläne belohnt worden. Er ist em unruhiger, rebellischer Geist. Sein Charakter duldet kein Erforschen. Nichts wird ihn dazu vermögen, glücklich zu sein, da er es doch so gut konnte. Unter diesen Umständen gestehe ich, daß Ihr meiner Ansicht nach der Gesellschaft einen Dienst leisten und ein heilsames Beispiel in einem Land geben würdet — wo, sowohl um derer willen, die im guten oder im bösen Rus eines Vaters und Freundes der Armen stehen als auch mit Rücksicht auf die irregeleitete Klaffe selbst, Beispiele so' notig sind — wenn Ihr diesen Mann für einige Zeit als Vagabunden einsperren ließet, falls sich derselbe, wie er Euch in dem Verhör versprochen hat (und ich zweifle nicht), daß er Wort halten wird), wieder bei Euch einstellen sollte. Ich verbleibe" usw. „Es kommt mir vor," bemerkte Sir Joseph, als er diesen Brief unter« zeichnet hatte und Herr Fish ihn eben versiegelte, „als ob dies wahrhaftig eine Derordnung der Vorsehung sei. Am Schluß des Jahres kann und meinem Danke", sagte Herr Joseph. dem wir angelangt sind, und gebe er die Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — ®tud und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, A. Lange. Gießen. „Frau Chickenstalker schuldig?", wiederholte Sir Joseph in demselben Ton wie zuvor. „Mit meinem Kompliment „Halt!" „Halt!" wiederholte Fish. Ihr habt vielleicht gewisse orakelhaft fort, „zu denen ich Bemerkungen gehört," fuhr Sir Joseph mich durch den feierlichen Zeitpunkt, an durch die gebieterische Pflicht, in einem ich sogar mit William Fern meine Rechnung begleichen und meine Bilanz aufstellen. „Trotty, dem der Mut schon längst wieder ganz und gar entsunken war, trat setzt mit einer Jammermtene vor, um den Brief in Empfang zu nehmen. „Sie hält einen Laden, in dein alles zu haben ist", entgegcnete Toby. „Auch ein — ein wenig fehlt noch an der Hausmiete. Rur sehr wenig, Sir. Ich weiß, wir sollten nichts schuldig sein, aber es ist uns wahrhaftig schlimm ergangen." Sir Joseph musterte zweimal seine Gattin, Herrn Fish und Trotty im Kreis, woran/ er mit beiden Händen eine trostlose Gebärde machte, als ,che ganz und gar auf. bekleidung - in den rauhen Lederhosen, dem Zwilchkittel und de», fcreit. trempmen Hute, rote sie, das an ihren Hals sich anklammernde Kind aut ihrem Arm, dahinglttt. Ehe der Wanderer in der Dunkelheit oerfchmnnh 'n°chte er halt und blickte umher. Als er Trotty noch Aeh!n a^^en er ptj® ob rr weitergehen oder umkehren sollte. Nachdem rr zuerst das eine, dann das andre getan hatte, kam er wieder aimirf und Trotty ging ihm auf halbem Weg entgegen S - rnn£ vielleicht sagen," begann der Mann mit einem matten Lächeln, „wo Alderman Cute wohnt? Wenn Ihr's wißt werdet Ibr Auskunft geben. Ich frage lieber S ÄgÄS Hau?ze?gen."^" Toby. „Ich will Euch mit Freuden sein würgen an einem andern Ort mit ihm zusqmmentreffen," s'Ste der Mann, neben Toby hergehend, „aber man hat einen Argwohn auf mich, und ich mochte nuch von ihm reinigen, damit ich frei ausgeben und mein Brot suchen kann, obschon Ich nicht weiß wo ich's au finde» & komme'- mfr ^hl vergeben, wenn^h^te abend in sein dochMcht^hettzV^'" riCf X°bl) Susammenfahrend. „Ihr werdet rvenänd ^'lgegnete der andre, sich erstaunt gegen den Dienstman« um» „Fern? Will Fern?" sagte Trotty. „Das ist mein Name", versetzte der Mann. „Dann, um's Himmels willen, geht nicht zu ihm!" rief Trotty, ihn mn Arm fassend und vorsichtig umherblickend. „Geht nicht zu ihm! Er wird Euch hopp nehmen, so wahr Ihr geboren seid. Da — kommt in breses Gäßchen herauf: ich will Euch dann sagen, was ich meine. Aber xu ihm mußt Ihr nicht gehen." , Der Mann sah Toby an, als Halts er ihn für toll, folgte ihm aber detnungeachtet. Sobald sie sich aller Beobachtung entzogen hatten, teilte ihm Trotty alles mit, was er im Hause des Sir Joseph Bowley über ihn vernommen und was man über seinen Charakter gesagt hatte. Der Fremde hörte mit einer Ruhe zu, die unser» armen Trotty in Erstaunen setzte. Er widersprach auch nicht ein einziges Mal, sondern nickte nur hin und wieder, mehr wie zur Bekräftigung einer Alltags» geschichte, wie es schien, als in der Absicht, sie von sich abzuweisen. Einoder zweimal schob er seinen Hut zurück und fuhr mit der sommersprossigen Hand über eine Stirn, wo jede Furche, die er gepflügt hckte, ihr Bild im kleinen abgedrückt zu haben schien. Doch dies war alles. „Es ist in der Hauptsache wahr genug", sagte er. ,Lch könnte zwar da und dort den Weizen von der Spreu sichten — ober lassen roir’s lieber. Wozu auch? Ich habe gegen seine Pläne gehandelt, und das ist mein Unglück, obschon ich nicht anders konnte und es morgen wieder ebenso machen würde. Was den Charakter betrifft, so spähen und spähen diese vornehmen Leute und wollen ihn frei von allem Makel haben, ehe sie uns mit einem dürren, guten Worte aushelfenl Na, ich hoffe, daß sie ihren guten Leumund nicht so leicht verlieren als wir, denn Ihr Leben wäre dann schlimm genug, und es verlohnte sich kaum der Mühe, es zu erhalten. Was mich betrifft, Herr, so hat diese Hand" — er streckte sie vor sich aus — „nie etwas o»getastet, das nicht mein Eigentum war, und ist nie zurückgeschreckt vor der Arbeit, wie schwer sie auch und wie ärmlich der Lohn sein mochte. Wer dies leugnen kann, der soll sie mir abhackenl Aber wenn mich die Arbeit nicht wie ein menschliches Geschöpf erhält — wenn ich so schlecht leben muß, daß ich in und außer dem Haus hungere — wenn ich sehe, daß ein ganzes Leben voll Tätigkeit so beginnt, so fortmacht und so endet, ohne eine Aussicht auf einen Wechsel, dann sage ich zu dem vornehmen Volk: .Haltet euch fern von mir und laßt meine Hütte ungeschoren! Meine Türen sind dunkel genug, ohne daß noch euer Schatten dazu kommt. Von mir dürft Ihr nicht verlangen, daß ich in dem Park die Schaustellung vermehren helfe, roenn’s da einen Geburtstag, eine schöne Rede oder weiß der Himmel was, gibt. Führt eure Komödien ohne mich auf, und mögen sie euch wohl bekommen. Wir haben nichts miteinander zu schaffen, und 's ist am besten, wenn man mich gehen läßt!'" Da er bemerkte, daß das Kind in seinen Armen fetzt die Augen geöffnet hatte und verwundert umhersah, hielt er inne, plauderte ein bißchen in seinem Kinderkauderwelsch mit ihm und stellte es neben sich auf die Erde. Dann wand er sich langsam eine der langen Locken des Mädchens wie einen Ring um den Finger, und während die Kleine sich an fein staubiges Bein anklammerte, sagte er zu Trotty: „Ich bin, glaub' ich, nicht von Natur aus widerhaarig und lasse mich leicht zufriedenstellen. Auch trage ich niemand einen Groll »ach und wünsche nur zu leben, wie die andern Geschöpfe Gottes. Das kann ich -nicht — das tu ich nicht, und so liegt denn eine tiefe Kluft zwischen mir und denen, die es können und tun. Es gibt noch viele, denen es geradeso ergeht wie mir, und Ihr könnt' sie eher zu Hunderten und Tausenden abzählen als zu Einern." Trotty wußte, daß der Mann hierin die Wahrheit sprach, und nickte zustimmend. „Ich habe dadurch einen schlimmen Namen erhalten," sagte Fern, „und fürchte, daß ich wahrscheinlich nie zu einem bessern kommen roerbe. Es ist gesetzwidrig, unmutig zu sein, und ich bin wirklich unmutig, obgleich Gott weiß, daß ich weit lieber frohgemut märe, wenn ich's fyi könnte. Nun, ich weiß nicht, ob dieser Alderman m i r weh tun könnte, wenn er mich ins Gefängnis schickte: ober falls nicht ein Freund ein Wort für mich spräche, so wär er’s wohl imstande, und Ihr seht ...!" Er deutete mit dem Finger auf das Kind. „Sie hat ein schönes Gesicht", sagte Trotty. (Fortsetzung folgt.) „Wie kann ein Mann, sogar einer aus dieser unbekümmerten .und unpraktischen Rasse — ein aller Marrn, ein grauer Mann, einem neuen Jahr ins Gesicht sehen, während seine Angelegenheiten sich in einem een Zustand befinden! Wie kann er sich nachts zu Bett legen und am gen wieder aufstehen, während — da!", fügte er bei, indem er Trotty den Rücken zuwandte — „nehmt den Brief, nehmt den Brief!" „Wollte Gott, es wäre anders, Sir", sagte Trotty, der sich sehnlichst zu entschuldigen wünschte. „Aber wir sind bitter heimgesucht worden." Da Sir Joseph noch immer sein: „Nehmt den Brief, nehmt den Brief!" wiederholte, und Herr Fish nicht nur das gleiche sagte, sondern auch der Aufforderung dadurch einen weiteren Nachdruck gab, daß er gegen die Tür rotes, blieb dem armen Trotty nichts übrig, als daß er seine Verbeugung machte und das Haus verließ. Auf der Straße angelangt, zog er seinen alte.», abgenützten Hut ins Gesicht, um den Schmerz zu verbergen, den er darüber fühlte, daß er nirgends dem Neujahr einen Halt abgewinnen konnte. Er hob seine Kopfbedeckung nicht einmal, um an dem Glockenturm hinaufblicken zu können, als er auf dem Rückweg an der alten Kirche vorbeikam. Für einen Augenblick blieb er gewohnheitshalber stehen. Er wußte, daß es dunkel wurde und der Kirchturm schwach und undeutlich über ihm in die trübe Lust stieg: auch wußte er, daß die Glocken alsbald erschallen würden, und daß sie zu einer solchen Zeit wie Stimmen aus den Wolken in seine Ohren zu tönen pflegten. Aber er beeilte sich nur um so mehr, den Brief an den Alderman abzuliefern und ihnen aus dem Wege zu kommen, ehe sie anfingen, denn er fürchtete, in ihrem Bimmeln nichts andres als den ewigen Refrain „Freunde und Väter, Frettnde und Väter" zu hären. Toby sputete sich daher nach Kräften, seinen Auftrag auszurichten, und trabte dann nach Hause. Sein Gang war aber im besten Fall linkisch und würde durch den tief Ins Gesicht gedrückten Hut nicht verbessert, weshalb er nach kurzer Zeit gegen jemand anprallte, der ihn taumelnd auf den Fahrweg hinausschleuderte. „Ich bitte um Verzeihung!" sagte Trotty, in großer Verwirrung seinen Hut in die Höhe ziehend, dessen zerisienes Futter aber auf der Stirn sitzen blieb, so daß sein Kopf wie in einem Bienenkorb steckte. „Hoffentlich habe ich Euch nicht verletzt?" Toby war kein so absoluter Samson, daß er möglicherweise irgend jemand hätte beschädigen können; dagegen lag die Wahrscheinlichkeit weit näher, daß er selbst Schaden genommen hatte, denn er war wie ein Federball auf die Straße hinausgeflogen. Dennoch hatte er eine so hohe Meinung von seiner eignen Kraft, daß er um den andern wirklich besorgt war und noch einmal fragte: „Hoffentlich habe ich Euch nicht verletzt?" Der Mann, gegen den er angerannt war, ein sonnverbrannter, muskulöser Bauer mit grauen Haaren und rauhem Sinn, stierte ihn einen Augenblick an, als glaube er, Toby wolle sich mit ihm einen Scherz erlauben. Sobald er jedoch dessen ehrliche Miene gesehen hatte, antwortete er: „Nein, mein Freund, Ihr habt mich nicht verletzt." „Und auch das Kind nicht", fragte Trotty. „Auch das Kind nicht", erwiderte der Mann. „Ich danke Euch sehr." Bei diesen Worten blickte er auf das kleine Mädchen, das er schlafend in seinen Armen trug, beschattete ihr Gesicht mit dem langen Ende seines zerrissenen Halstuches und ging langsam weiter. Der Ton. in dem er sagte: „Ich danke Euch sehr", drang in Tobys Herz. Der Mann war so ermattet, von der Wanderung beschmutzt und sah so seltsam und betrübt umher, daß es ihm wohl ein Trost sein mußte, jemand danken zu können, für wie wenig es auch fein mochte. Toby blieb stehen und schaute ihm nach, wie er mit wunden Füßen weiter ging, während das Kind den Arm um seinen Hals geschlungen hatte. Trotty hatte nur noch Augen für die Gestalt in den abgenutzten Schuhen — jetzt nur noch die Schatten und Gespenster einer Fuß- solchen Augenblick alle häuslichen Angelegenheiten zu ordnen, verleiten ließ. Ihr habt bemerkt, daß ich mich nicht hinter meine hohe Stellung in der Gesellschaft verschanze, sondern daß Herr Fish — dieser Gentleman da — ein Scheckbuch neben sich liegen hat und nur dazu hier ist, mich in den Stand zu setzen, ein vollkommen neues Blatt aufzuschlagen, damit die neue Epoche mit einem vollkommen reinen Buche angetreten werden kann. Nun, mein Freund, seid Ihr gleichfalls Imstande, Eure Hand aufs Herz zu legen und zu sagen, daß Ihr Eure Vorbereitungen für ein neues Jahr getroffen habt?" „Ich fürchte, Sir," stammelte Trotty, „daß da noch zehn ober zwölf Schilling sind, die ich Frau Chickenstalker schuldig bin."