MetzenerKmiilienblAter Nummer 69 Ben. »r freue i* - SufettQ^ ttsjugeBen" Stock nach !umpf)ieren, ? erstennia, [e geheiniir - !a, Baß«, ■r Baron?' betrachte« ’ -ch kenne fünfzig ches Mäd- weg? Oder ieu, Fra« istine", be. Isaak." Üitwe fort, das junge üe Witwe Mutter ist ntagsruhe i! .Richtet nd, einen )er durch. Gott, wie reu, nicht - plötzlich, t. „Wenn scheu und das doch m Ihnen vürde es über die s würde Gott so ist denn wunden? andschast e nächste wohnie, wechseln, ir niüde, i(ter Teerst ein zwischen Waldes >fort er- ie schoß n Bun- ni Arm keuchte. g. „Ich Za, ans ", sagte erte er eines en Sie würde rlassen i Ein- b. Sie eendet „9aä lte er Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger ________ ~~ Dienstag, den asTImF*™ An Len Mond.' Bon J.W. von Goethe Füllest wieder Busch und Tai Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz: Breitest über mein ®efi(ö Lindernd deinen Blick, Wie des Freundes Auge mit» Heber mein Geschick. 3eöen Nachklang fühlt metrt Herz Froh und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud' und Schmerz In der Einsamkeit. Fließe, fließe, lieber Fluß! Nimmer werd' ich froh So verrauschte Scherz und Kuß, Und die Treue so. Ich besaß es doch einmal. Was so köstlich ist! Daß man doch zu seiner Qual Nimmer es vergißt! Rausche, Fluß, das Tal entlang. Ohne Rast und Ruh', Rausche, fliistre meinem Sang Melodien zu. Wenn du in der Winternacht Wütend überschwillst, Oder um die Frühlingspracht Junger Knospen quillst. Selig, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt, Einen Freund am Busen hält Und mit dem genießt, Was, voii Menschen nicht gewrißt, Oder nicht bedacht, Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht. Goethe und die Rahe?. 3« Goethes Geburtstag am 2S August. Aon Stefan Zweig. m , (Nachdruck verboten.) k... roirÖ er y°n seiner Mitwelt nur irdisch, nur einnS « ertannt: em ganzes Jahrhundert noch war vonnöten, dies nu al|f einmal Gegebene langsam aufbauend Stück um Stück “ 'i,en "Nd wieder als Einheit zu begreifen. Seit Lm .®eftatt hat Goethes Genius mitten in feiner deutschen la hinin^L e.$en bts öum letzten Augenblick ihres Atems würdig-groß, in emi„ „Ä^"o/uusschauend erkannt, eine einzige unbeirrt von Zweifel in hoiiH* ihn als einnmlige Emanation des Göttlichen ÜBirfi'p* „r r ^schaut — Rahel, dieser silbeme Mond seines oleick»nf »auL ""bereu stilleren Bahnen des Geistes wandernd, aber in fein™ null mV1,, berührend und doch alles Licht empfangend von ,*7 ,. Klassere Scheibe, immer nur Widerschein schöpferischen [pieaett' „i set Jie ""bers als seine sonnenhafte Sphäre, aber ihr Glanz Sternpnr.- beutsamer Schatten, wie kein anderes Gebilde des geistigen Sdtiffor »TI1!6Deutschland fein Dasein urkundlich wieder. Nicht iu (Boefh»« m ,d'‘le9e!' nicht Eckermann und das junge Geschlecht haben ftänbni« „ r^!n!U? in dernraßen intuitiver, dermaßen geistig edlem Ber- wie sRnfi»?e ebt lU!? diese ferne, kleine, halbvergessene Berliner Jüdin, [tonen hm '„i*!1 willen Worten jener Zeit, von allen Reden und Rezen- i)eute m„uLichts als ihre, ein halbes Jahrhundert umfassende Liebe noch »>eihek,nkt "nd nichts so sehr unsere Billigkeit als ihre brennende, Den» ""sslommende Bewunderung. 1*4 behni-H'* 'si der einzige literarische Geist der damaligen Welt, der ' weigert, Goethe nach der einzelnen Produktion, dem neuen stÄend^^d1mkL''Wä?m7'de?L ^ ^'^gen Werk mit bald 7° “UmSÄ & X"Ä-Ä;* ®U. .*£"L T-LLSMMWL4 4« "n»ch eiErS '* m" » f**«• SUtiSa ll,,lSS«TS8i;n 5% jSTWü WTtff'Ä’ÄirS? Srrr*' SW& 'ÄMseaS e ä ® £'I9e ®ertpunift, fo bleibt in ihrem literarischen Haushalt er die Wert ouder.- Werte: Verehrung für Goethe ist die LegittmaUon ?‘e f:lr .Menschen in ihre innere Welt. Wen er selbst liebt bat unbeschrankten Kredit auf ihr Herz, wer ihn nur leben burff - ft3ort von seinem Munde hören, ist erhöht in seinem menschlichen Wert s'bermutlg schreibr ihr Prinz Louis Ferdinand, als er in Weimar smn- fangen mürbe, „er fei für sie jetzt dreitausend Taler ntehr wert'^ W-r aber hämisch und mäkelnd von Goethe spricht, ist für iie erlediat- er hat sie beleidigt in ihrem Unantastbaren, in ihrer Religion " .Schwärmerei eines Schöngeistes, weibliche Verstiegenheit — damit hat lässig eine eilfertig klitternde Literaturgeschichte diese ßeibenidHtft abgetan. Aber Rahels Ehrfurcht ist herrlick-er bezeugt noch als im Wort- von allen Menschen der Zeit hat keiner in seiner >erfönltAnHaltunq rührender und rem er jene äußerste Scheu bezeugt, die lieber verkannt bleiben als zur Lafllgkeit sich erniedrigen will. Richt wie Pettine, die E-tke und Sp-.egelsuchtrge, versucht sich Rahe! Goethe persönlich aufzn- 9ts„...........ss ? ö '1 p).n obet gar wie jene den Alternden durch em Abentenerchen zu kirren, - fünfzig Jahre lang und immer heftiger, je mehr sie ihn bewundert, drückt sie sich weg von seiner Nahe, weichr >hm ehrfürchtig aus, ganz wie Grillparzer, jener ?"kre Scheu-Edle, von der Angst verwirrt: „was könnte ich ihm denn fein? Ihre Berehrung faßt sie niemals als ein Anrecht, als einen Tür- fiopfer, um damit an sein Herz zu pochen — nein, durchaus weiblich durchaus verhalten empfindet sie Liebe nicht rein, die aus SJteuqie«- nur Werbung geht. Mit feinem Brief, mit keinem Wort spricht sie ihn an. Und doch sind ihre ganzen Gedanken wie Träume um ihn, und jede-. Wort seiner Lippen trinkt sie von fremdem Munde gierig ein. Und dabei durfte sie ruhig wagen, zwischen die hundert und aber hundert gleichgültigen Besucher zu treten, die Tag um Tag dort an die Schwelle pochten, denn von der ersten Begegnung, noch im Schatten bemalten Jahrhunderts, hat ihr Goethe liebreichste,r Eindruck bewahrt- „Sie ist ein Mädchen von außerordentlichem Verstand, die immer denkt, und von Empfindungen — wo findet man das? Es ist etwas Seltenes.... Man fühlt sich, je naher man sie kennenlernt, desto mehr angezogen und lieblich gehalten." Man bringt ihr dies Wort: sie ist beglückt, aber sie drangt erst recht ihn, nicht nach, zehn, zwanzig Jahre läßt sie vergehen ohne den schüchternsten Versuch einer Begegnung, und dabei fühlt sie in jeder Stunde, wie schwer es ist, „solch liebende Bewunderung schwei- gend ein ganzes Leben hindurch in sich zu verhehlen". Inzwischen zeigt Cotta, ohne die Namen zu nennen, dem Meister Teile des Briefwechsels zwischen Rahel und Varnhagen: wieder rühmt Goethe in denkwürdigem Brief ihre „merkwürdig auffassende, verneinende, nachhelfende Natur". Aber noch immer hält sie sich zurück, bei allem Stolz vor allen anderen sich zu gering fühlend vor ihm. — „Ich habe Unendliches von ihm gehabt. er nichts von mir." zwanzig Jahre bleibt sie ihm so fern und nah. Dann endlich kommt unvermutet „nach so langjähriger Liebe und Leben und Beten" der große Augenblick: das Höchste ihrer Wünsche erfüllt sich, sie muh nicht zu ihm gehen — Goethe kommt zu ihr, ungeladen, unvermutet, ein wahres Geschenk. Zufällig in Frankfurt, hat er von ihrer Anwesenheit erfahren, und um zehn Uhr morgens kommt er zu ihr. Der Diener bringt die Karte herauf, Rahel ist im Schlafrock: sie erschrickt vor dem Glück seiner Gegenwart, sie erschrickt bei dem Gedanken ihres Negliges, ihre Ungrazie. Eine Sekunde lang kämpft die Ehrfurcht der Beglückten mit der Eitelkeit der Frau: aber sie entscheidet aus lauterstem Gefühl und „opfert sich" — man darf Goethe nicht warten lassen. So kommt sie, nicht ganz convenabel und deshalb verwirrt, eilig herab, ihn zu empfangen — fühlt (ganz wie Grillparzer), daß ihr alle die glühenden Dinge, die sie ihm zu sagen Härte, entgleiten. Der Augenblick ist nicht genützt, nicht in dem höchsten Sinn, mit dem sie ihn erfüllen wollte — aber doch, er ist gewesen, er lebt, er glüht ewig in ihr. „In einer Sache bin ich in meinem tiefsten Innern gefolgt, mich von Goethe scheu zurückzuhalten. Gott, wie recht war cs! Wie keusch, wie unentweiht, wie durch ein ganzes unseliges Leben durch bewahrt, könnt' ich ihm nun die Adoration in meinem Herzen zeigen." — Run hat sie, wie sie lagt, „den Rittersckstag empfangen". Ein Leben lang Liebe ist bedankt durch diesen Augenblick. Noch einmal dann darf sie ihn in Weimar sehen: dreimal begegnet ihm ihre irdische Bahn. Hätte sie nichts als diese Zurückhaltung in ihrer Liebe bewiesen, die mit feinem Herzen wüßten schon um ihren Wert, den hundertfach noch ihr (heute noch unvollkommen bekanntes) Werk bezeugt. Einmal schreibt sie, Goethe sei „ein Probierstein" — und als Probe weiblichster Zartheit, geistiger Klarheit und sittlicher Gröhe hat sie wie keine sie bestanden, vorbildlicher ihrer ganzen Generation, die größte Erkennerin der Werte, die edelste Bindung weiblich wirkender Kräfte. Richt produktiv wie jener, aber in ihrer Rezeptivität ebenso umfassend wie ihr Meister spiegelt sie stärker sein Wesen als alle Dichter und Denker jener Zeit: immer drückt ja Liebe ein Konformes, eine geheime Affinität aus, die sich in höherer Bereinung voll verwirklichen wird. Und vielleicht ist die Zet nahe, wo man in dieser umfassendsten Empfängerin, in diesem weiblichen Genius die polare Ergänzung zur männlich produktiven, welterschaffenden Gestalt Goethes in reinerem Umriß «ls bisher erkennen wird — nicht den Geist vergleichend, aber seine Formung, nicht die Gabe, aber den Sinn, in dem sie geboten war. „Wie es auch sei, das Leben, es ist gut." Spülfommerglück auf der Dornburg 1828. Von Dr. Hedwig Fischmann. Hinter dem burgengekrönten Berge des Saaletales sank die Sonne. Aber als könne der scheidende Spätsommertag sich nur widerwillig lösen von der lieblichen Landschaft, schlang er, noch einmal verweilend, das Wunder eines farbigen Doppelbogens, im reinen Kreise geschlossen, über die unersättliche Lichtsehnsucht atmende Erde. Und das strahlende Auge des weltweisen Greises grüßte von des Lebens letztem, ragendem Gipfel das sinkende Gestirn des Lichtes und fein mystisches Zauberspiel, gesetzgebundene Wirklichkeit und tiefstes Symbol in ihm erkennend, erahnend. Rückwärts schweifte der Blick über einen langen, wundersam reichen Lebenstag — vorwärts in das aufdämmernde Dunkel der Nacht. Auch ihm rundete sich schließend der Kreis des farbenglutenden Lebensbogens. Einsamkeit und innere Sammlung suchend, war der greise Goethe vor den „düstern Funktionen", mit denen sich das trauernde Weimar zur Leichenfeier des Großherzogs Karl August rüstete, in den grün umhegten Frieden der Dornburg geflohen. „Ein wohlwollender Dämon" hatte ihm diese Stätte gewiesen, an der er mit seinem fürstlichen Freunde in den mehr als fünf Jahrzehnten gemeinsamer innigster Verbundenheit gar oft geweilt hatte. Hier löste sich der Schmerz zu milder Wehmut, besänftigt von der bestrickenden Anmut des Ortes, in seine Schranken zurückgewiesen von dem in eherner Selbstzucht waltenden Herrschertrieb des Geistes: hier fand Goethe während seines vom 7. Juli bis 1. September dauernden Aufenthalts nach feinem eigenen Zeugnis alles, dessen er in jenen Tagen bedurfte, „Zerstreuung der äußeren Sinne, Langeweile und also Sammlung des Innern, Tagebreite genug, um sich dem Einzelnen zu widmen." Aus den Räumen der drei Dornburger Schlösser aber, in dessen südlichem, erst vor wenigen Jahren vom Großherzog erworbenen, Goethe jetzt als rüstig schaffender Einsiedler hauste, aus den Baum- und Rebengängen ihrer Terrassenanlagen, die der liebevollen Sorgfalt des auch ihn selber betreuenden Gärtners Stell unterstanden, traten ihm, die Einsamkeit fuß-wehmutsvoll belebend, die Bilder längst abgelebter seliger Stunden entgegen. Von hier war in jenen ersten, wildgärenden Weimarer Sturm- zahren manches leidenschaftlich hingewühlte Zettelchen zu Charlotte v o n s t e i n geflattert, — auch sie war nun schon, ein versöhnter Schatten, durch Has dunkle Tor geschritten —, das mit Wort und Zeichnung der geliebte« yroii von seinem sehnsuchterfüllten Leben fern von ihr berichten sollte. Dann wieder hatte er „in dem überlieblichen Dornburger Schlößchen" Mischen den Rekrutenaushebungen einer mühseligen Dienstreise an den Figuren seiner „Iphigenie" geposselt, hatte Egmonts nachtwandlerisch am Abgrund schreitende Gestalt ihren Schicksalsweg weitergelritet. Und als der Abend des Lebens sich langsam auch zu ihm herniedergeneigt, da hatte „der alte Merlin", den Urelementen befreundet, sich einspinnen lassen vom Zauberkreis der Burg und in glücklichen Stunden mit den Steinen und Pflanzen dieses Tales Zwiesprache gehalten. Nun war Goethe in schmerzvollsten Tagen zurückgekehrt zu der erinnerunggeweihten, heilungverheißenden Stätte. Durch das Tor des Schlosses war er geschritten, von dem, ihn im tiefsten ergreifend, die alle lateinische Inschrift den Wanderer grüßte: „Gaudeat Ingrediens, laetetur et aede recedens, His, qui praetereunt, det bona cuncta Deus! 1608.“, die der Dichter mit dem deutschen Distichon übersetzte: Freudig trete herein und froh entferne dich wieder! Ziehst du als Wandrer vorbei, segne die Pfade dir Gott!" Doch als Goethe nach reich erfüllten Wochen den wundertätigen Bannkreis der Burg verließ, da wandelte er dankerfüllt die Worte in einen Segensspruch für den neuen Schloßherrn: „Schmerzlich trat ich herein, getrost entfern’ ich mich wieder, Gönne dem Herren der Burg alles Erfreuliche Gott. 1828." Und wie des alten Goethe ins Tiefe und Tiefste schweifender Blick dem gegenwärtigen Einzelfalle stets die letzte Symbolik seiner Bedeutung abfragte, so ward ihm hier, ausgehend von jener liebreich den Wanderer grüßenden Inschrift, der Bezirk der. gastlichen Stätte zum Sinnbild des nach endlichen Grenzen abgeschlossenen und doch segensreich fortwirkenden Schaffens des dahingeschiedenen Freundes und Herrn. In jenem tief ergreifenden Briefe, in dem der greife Goethe mit leise leideszitternder und doch so sicherer Hand die Summe dieses reichen Lebenswerkes zieht, zugleich dem jungen Fürsten das Gelöbnis treuer Gefolgschaft leistend, steigt ihm aus der ihn umgebenden, durch fünf Jahrzehnte sorgender Pflege emporgeblühten Umwelt die tröstliche Gewißheit empor, sich zum hohen Wort des Weifen erhebend: „Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum zu betrachten, welches unaufhaltsam das Notwendige beivirkt und dadurch sich sogar über das Zufällige zum Herrn erhebt." Die Briefe des „Eremiten von Dornburg", dessen Klausur aber durchaus nicht so streng war, daß sie nicht fast täglich von froh willkommen geheißenen Freunden aus Weimar und Jena unterbrochen worden wäre, werden nicht müde, das anmutige Landfchaftsbild mit feinen wohlgepflegten Gärten, den reichbehangenen Traubengeländen und feenhaften Rofen- lauben, aus dem Goethe jene siegreich aller Vergänglichkeit trotzende Gewißheit gewonnen, in immer neuen „auf dem schwarzgrauen Grunde" dieser Tage erhöhtcren Farben zu schildern, wie fein Auge nicht ermattete, sich an ihm im Wechsel der Tageszeiten, der Witterung, der Beleuchtung satt zu trinken. „Hier fragt sich's gar nicht, ob man luftig ist oder fein will, das Ganze ist heiter, munter, verständig, fchön, weitläufig und doch übersehbar", so preist Goethe das traute Asyl, in dessen Schutz er über die Schwelle seines 80. Lebensjahres trat. Was Wunder, daß hier wieder feine „alte, wohlfundierte Leidenschaft", die Botanik, neben der Mineralogie und Meteorologie ihr Recht forderte und ihn beim Scheiden von dieser Stätte mit manchen reichen Gaben beschenkt entließ, darunter der mit S o r e t gemeinsam unternommenen französischen Bearbeitung feiner „Metamorphose der Pflanzen". Doch aud) wundersam leuchtende Blüten Goethescher Alterslyrik entwachsen diesem gesegneten Boden in leidvoll verklärten Spätsommertagen. Im Anblick des aufgehenden Vollmondes über der Dornburg entstehen jene aus tiefstem Schmerz und höchster Seligkeit geborenen Strophen, die, den Faden feines Daseins um Jahre zurückfpannend — was bedeuten dem die Unendlichkeit durchfpähenden Seherblick zeit- gebundene Schranken! —, anknüpfen an die wunderfcligen Tage, da sich toulcitas und Hatems Gedanken in der Betrachtung des lieblichen Nacht- geftirns zu treffen verschworen. Und so innig verfließt Goethe Gegenwärtiges und Vergangenes in eins, daß er den fernen Freunden Jakob und Marianne W i l l e m e r die Verse mit der Frage zusandte, ob auch sie, des Entfernten gedenkend, den klaren Vollmond der Augustnacht betrachtet hätten. Dann wieder formt die gestaltende Bildnerkraft des alten Goethe den Anblick des aus Morgennebelschleiern sich enthüllenden Saaletales zu einem Naturbilde, in dem das schwingende, klingende Lichtspiel des Aethers in seinen leisesten Zuckungen nachzittert. Mit schönheitsberauschten Lynkeus-Augen geschaut, mit Faustischem Drange ins Letzte, Visionäre gesteigert, zum Rück- und Vorblick geweitet in dem überschattenden Bewußtsein des nahenden Heimgangs — so wachsen die Dom burger Gedichte in dem bedeutsamsten Stück der Trilogie „Der Bräutigam" zu dem letzte Goethesche Lebensweissheit enthüllenden, von dankbare« Glücksjubel durchzittcrten Bekenntnis empor: „Wie es auch fei, das Leben, es ist gut!" Und der weife Einsiedler stieg hinab ins Tal von der Dornburger Höhe, sich noch einmal für eine kurze Spanne Zeit der menschlichen Endlichkeit zuzugesellen. (Tattaro. Von Anton Schnack. Id) erschrecke: das Schiff hat angelegt, die irr- und wirrfälige Bvcche di Cattaro ist zu Ende und wird von den Bergen wie ein Sack ab- geschnurt. Der Eindruck ist jäh, fast schmerzlich; weißglühend zerreißen trostlose, brettartige und unerwartete Felswände den ausgekochten Hw' mel. Kaum ein Grün im Gerolle. Tiefe Rillen. Abfallend wie »W' platten. Jach herunterfchiehend. Unweigerlich kalt, nackt, fahl, weiß» Stein. Dreiviertei des Jahres feuert die Sonne gegen die Glaswand oe- Felsgebirges, das grausam und fchön zugleich ist, Pfeil für Pfeil, " herunter in das düstere Cattaro Pech und Schwefel fallen lassen. ™ ein. Riefenvogel hockt cs am Stock des Steins, greulich verrupft, “ allem Angesicht, ausgefogen, ausgelaugt, schwarz und schattenlos, e tote Stadt. Eine Riefenspinne hat hier ein steinernes Spinnennetz siezM« das die Löcher der Gaffen und Tore stechen, gerade so breit, um « durchzuschlcichen. Es ist lautlos in ihnen. Mein Schritt ist ost allein. Ich komme zu Treppen und diese Treppen sind wie geschliffen und machen den Eindruck von Eis. Kaum setzt sich der Fuß darauf, rutscht a ab. Löcher die Türen. Löcher die Fenster. Wo sie offen sind, sticht der Blick in ein unabtastbares Dunkel. Wer auftaucht in einem solchen Höhlenquadrat, hat ein verschleimtes Gesicht, eine bleiche Farbe, ein traumloses Auge; so eine Grabesluft in den Lungen muh die Körper ver- «. Darüber der ruchlose Himmel, der auf die Dächer sich feuert und alkbewurf an den Mauern sengt. * Ich schmecke Rauch. Ich schmecke ausgeschütteten und gärenden Wein. Ich schmecke Dung. Ich schmecke Zwiebelfaft. In meine Rase stopft sich Aasgeruch. Ueber die Zunge kommt ein Geschmack wie er in schlechten Herdlöchern hängt. Cs ist unglaublich, wie diese Stadt mit finsterer, ein- gä>rückter und schmutzbeladener Brust sich gegen den Saphirglanz der Bucht wirft, die bald grün wie Gletscherwasser ist, bald blau, und dem Himmel, ohne Wolkenzug, ohne Dunst und Nebelstreifen, in seiner Durchsichtigkeit nicht nachsteht. Es ist unerhört, wie sich menschliche Energie an die Bergwand gehängt hat: von der Stadt an laufen die Mauern die Wand hinauf, in drohen Zickzacksprüngen hin und her, geradeaus und umkreisen in einer schwindelnden Höhe von dreihundert Meter den Berg, um sich wieder, mit Ausbuchtungen, Toren, Türmen und Kapellen fast senkrecht auf die andere Seite der Stadt zu stürzen. Ein riesenhaftes quadratisches Schwalbennest hängt in der Luft. Die verbissene und kalte Grausamkeit der Bergwand ist durch dreifache Mauergefüge noch unzugänglicher gemacht. Das hängt und fällt nicht ab, obwohl die Erdstöße mit ihren Hämmern schon darauf herumtrommelten. Das hängt einer chinesischen Mauer gleich, angesaucht von der Borawut, die rote ein Brodelbrei sich hier verschroächt, eine unverständliche Gewaltsarbeit. Nicht ausdenkbar das Blut, das über ihre Quadern geflossen ist, der Schweiß der Fron- vrbeiter, die Qualen von zerrissener Haut und zerschmetterten Knochen. * Man hat sich hier abgeroürgt. Die Völker sind in diesen Feuer- und Felsenkessel geströmt, um sich zu peinigen. Unergründlich ist mir der Kampf, der durch die Jahrhunderte hindurch um dieses fahle, in die Ecke gedrückte, glanzlose Nest entbrannt ist. Eine lange Kette von Inter» essengegenjätzen, von Uebersällen, von Plünderungen, von Besitzergreifungen, von Brandschatzungen verbindet den römischen Legionssoldaten mit dem Infanteristen von S. H. S. Immer wieder ist hier Europa mit Asien zusammengeprallt. Römer, Griechen, Tartaren, Serben, Türken, Venezianer, Ungarn, Bosniaken, Oesterreicher. Franzosen, Russen, Engländer, Montenegriner warfen sich herein, warfen sich hinaus, zerstörten an der Stadt, bauten an der Stadt, sogen sie aus wie ein Polyp einen Fisch mit Genuß und Behagen vom letzten Blut- und Safttropfen tnüeert. Drei Dinge erschrecken mich sehr: die Herden der Katzen, die Soldaten, die alten Frauen. Kein Blick um eine Ecke, kein Blick empor an einer Hausroand, kein Blick in ein Fensterloch ohne von einem grünen, giftigen und blitzenden Tierauge getroffen zU werden. Diese Katzen haben nichts Gepflegtes, Deutschfamiliäres, Vertrauliches und Zahmes, es sind Gespenster, bei Subin zu Hause, die Begleiter irgendeines unsichtbaren Dämonen, der seinen Thron im Verfall hat. Die Treppen sind überlagert von ihnen, aus allen Fenstersimsen kleben sie wie Aussatz, es sind elende Körper, langgezogen von Hunger, fleckig und räudig, mit verklebte» Haaren und vom Grind gepeinigt, scheu, mit gesträubten Schwänzen, grau und schwarz wie die Asche, in der sie sich in den Schlaf buddeln; gedrückt und geduckt hüpfen sie die Treppen herunter, vorbei an den alten und sreudlosen Kindern, die mit wissendem Gesicht wortlos die Hand nach einem Dinar Hinhalten. Ein Blick in einen Brorladen: mitten auf dem Berkaufstisch, neben Brot, Papier und Mehlstaub, im Kringel eines Sonnenstrahls zieht eine Katze ihren Leib in die Länge. Die dicke und fahle Bäckerin daneben könnte sie mit einer Armbewegung hinweMegen. Sie tut es nicht. Die Katze reizt ein Flohstich zum kratzen, sie tut es nicht. Die Stadt ist eine Wabe voll Soldaten. Tritt um Tritt. Um die Weintische haben sie sich mit breiten Armen herumgelegt. Das Schiff hat über hundert junge Mädchen an Bord. Sie können sich nicht satt an ihnen sehen. Sie hocken aus den Treppen, fie lümmeln an den Toren. Sie hängen ihre Köpfe aus den schmalen Mauerritzen. Am Quellbach kniet ein halbes Dutzend nieder und säuft. Alles Bauerngesichter, man Hai ihnen noch nicht viel abgeschliffen, ihr Tritt ist' groß und schwer wie der Tritt des Ochsen am Pflug, hinter dem sie hergingen. Ein Büschel Grün hinter dem Ohr. Eine Blume zwischen den Zähnen, Hand in Hand oft: ihre Naivität bezaubert, sie machen den Geist lächerlich, für den sie den Drillich anhaben. Ihre Knie hat die Hitze eingeknickt, sie haben keine Gebärde, die an Mars erinnert. Es find verkleidete Bauern, Hirten oder Holzfäller. . Die Schlafenden, auf das Pflaster ausgestreckt, das Gesicht auf dem Stein, die Brust entblößt, zeugen dafür, daß man hier das Blut des Orients in sich trägt. Ich trete über sie und sie wissen es nicht. Ich komme nach einer Stunde wieder zurück und sie liegen noch immer am gleichen weö, Mumien, die in der Sonne zu einem Bündel Leder geworden sind. Güter, Stacheldraht, Mauern. . Cattaro macht den Eindruck eines Kerkers, einer hockenden Kase- mattc mit einem Wirrwarr von Dunkelkammern und Zellen. Nichts anderes scheint es gekannt zu haben, als sich zu schützen und zu verewigen. Gegen das Meer, das die Schiffe der Plünderer herantrug. "?9en die Bergpässe, die im Nachtschatten von Völkern überquollen, die Geprassel von Steinblöcken kamen. „.zwischen Tor und Tor, zwischen Wasser und Wand, gepreßt und iUsammengeschoben, daß ihm fein Atem fast blieb, hat sich Cattaro, heute wie ein Hunde- und Schalkallaui Kotor geheißen, aus Krieg unb' Erdboden wie ein dunkler Schlupfwinkel erhalten. Ungetüme sind die Werke. Die Tore verrostet. Die Brüstungen mürb. Sprünge haben das Gesäß der Türme zerrissen. Erdbeben klappern immer wieder einmal und rollen ihren unterirdischen Donner durch die vertrocknete Stadt. Ich sehe die Kathedrale (angeblich 809), zwei Türme, mehr einer Burg gehörend als der Heiligkeit einer Kirche, nicht hoch: ein Eindruck von Gestutztem; auch stürzt sich der Koloß des Berges vom Hintergründe so auf sie, daß sie aus dem Schatten des kleinen Platzes nicht herausragt. Unter dem alten zerrissenen Stein ihrer Gänge ruht der Heilige der Bucht: der Jünglkna Trifon, herübergerettet durch ein legendäres Martyrium. Einmal im Jahre wird der Heilige vulgarisiert. Sein Martertag schwelgt in einem Festknäuel auf von Maskeraden, Umzügen, Tänzen, Völlerei und Ketten von Gewehrsalven, die die Seeleute der Bocche ihrem Schutzpatron zu Ehren in die Wände der Berge knallen. Am Kai ist die Markthalle. Haufen von Honigklumpen, bie sich als goldgelbe frischgepflückte Feigen entpuppen, aus denen die Sonne einen rosaroten zähen Saft gekocht hat. Kleine Berghügel von blauen und schwarzen Trauben. Körbe, die auseinandergeborsten find und weiße Trauben in perligen Kaskaden übereinanderstürzen, giftgrüne Kugeln der Wassermelonen, Latinja genannt, die, ausgeschnitten, ein wässeriges, lockeres rosanes Fleisch zeigt, durchzogen von Schnüren ebenholz- schwarzer glänzender Flachkerne. Die Bauern dahinter sehe ich mir an: halbe Türken, riesige Hinterteile in den blauen Pluderhosen, mit dem Geruch von Ziegen und Böcken im Wams, schepp sitzt der rote Fez auf einem Ohr. Pflanzenhaft haben sich ihre Beine zur Hockerstellung verwickelt. Stoisch thronen sie auf dem Boden. Schweigend. Kaum bewegt. Manchmal ein wenig an der Zigarette fingernd, die sie blitzschnell wickeln. Ihr Bergauge schnellt aus dem Winkel wie ein Vogelblitz, verachtend, dumm, erstaunt, kalt, nicht abzutasten. Im rauschenden Bienen- und Fliegenschroarm schläft ein Bäuerinnengesicht, das aus dem Stein der »erweiterten Bergwand gehauen scheint. Einige kauen weißes Brot. Andere lecken an der schmierigen Haut einer Feige. Es ist eine Luft davor, als würde Obst gekocht. Der Kai ist arm an vchiffen. Die Bucht liegt do, ein wenig unruhig in einem Nachmittagszug, der von den Berggipseln drückt, und blitzt, wo die toonne darübersteht, wie geschmolzener Bleifluß. Ein gestrandetes Schiff, Kiel oben, auseinanderbröckelnd, liegt im seichten Wasser. Ein riesenhafter Fischleib aus der Ferne, dem die Flossen abgeschlagen sind. Es liegt da feit Jahren. Es wird morgen da liegen. Es wird in einem Jahre noch da liegen. Niemand kümmert dieser Leichnam aus Rost und zersprungenem Holz. Das Wasser gluckst um es herum und die Buben der Schifssknechte werfen von ihm ihre Angeln aus. An der Hafenstraße stehen die Autos für die hundertzweiunddreißig vtaubserpentinen über die Flanke des Loven und des Goto Brdo. Teuflisch verwegen ist die Fahrt nach Cetinje und über die wilde Sonnen- Hochfläche des Dorfes Njegos. Ein bleierner Schlaf hat die Stadt eingeschwefell: die Häuser haben tote Augen, die Türen sind zu und andere scheinen es zu sein, weil sie ganz schwarze Gänge haben. Der wachhabende Soldat vor einem Tor kann sich kaum auf den Beinen halten. Die Ecksteine sind wie Schlacken, weißglühend, eben erst aus einem Kessel gespien. Das Bergmassio des Lovöen hat den unerträglichen schein einer Glaswand. Grausam, ein Ungeheuer, bereit zu einem Zuschlag, wölbt es seinen Tierbuckel aus Stein in die fahle, ausgekochte Lust. Gut, daß das Schiff zur Abfahrt tutet. Ich sehe das andere Ufer, es ist grün und scheint mit seinen Gärten in das Meer zu fließen. diesem Winterwetter nichts. Was hat er Frechheit. Ich werde im Wald erkältet. Ich über Gesundheittrinken es Bähet ganz gewiß (Fortsetzung.) was ist denn mit dir? Wie bist du blaß! „Mein Himmel, Isaak, Du hast dich sicherlich bei werde dir gleich nach Tisch „Nein, nein, mir fehlt gesagt?" „Ach, das war ja nur Die MuiLer. Novelle von Maarten Maartens. sagen." „Mutter, ich wollte, du überließest mir die Sorge für die Forsten! Ihre magere Wange rötete sich ganz wenig, aber fie rief nur nach dem Hund. Sie wußte sich Isaaks Benehmen nicht zu erklären. Statt behaglich am Sonntagsfeuer ein Schlummerstündchen zu halten, ergriff er die erste Gelegenheit, um auszuspringen und von bannen zu eilen. Die Witwe blieb gedankenvoll zurück und redete nur dann und wann mit der Elster, denn Beppo hatte sich nach beendetem Mahl seinem Herrn angefchlossen. Nach einiger Zeit kam die lahme Frau Lonkebror herüber, um em wenig zu plaudern, und von ihr erfuhr die Witwe inmitten eines Stroms von Klatschereien, daß Tom Bunsing erklärt habe, er habe die Absicht, Christine Brodel zu heiraten. Denn Tom Bunsing war, obwohl er aus lauter Uebermut roilbbiebte, der Sohn eines kleinen, ober angesehenen Hofbesitzers. ‘ „Ah, jetzt versteh' ich!" sagte Mary Quint zu sich selbst. Sobald Isaak ben marternd fragenden Blicken feiner Mutter entronnen war, stürmte er durch den stillen Wald nach seinem fernen Versteck Fiebernd vor Besorgnis kam er dort an und steckte die Hand in die Höhlung: sie stieß gegen die Flaschen. Also waren sie doch noch dal Er lachte laut auf. Es hatte ihm Mühe gekostet, diesen Alkoholvorrat zusammenzubringen, ihn im Marktstädtchen in einer Gegend, in der er völlig unbekannt war, zu lausen und die Flaschen zu zweien oder dreien vorsichtig wegzuschaffen und zu verstecken. Im Dorf hatte keine Seele Ihn semaks mehr als einen Schnaps trinken sehen. Man -würde es ihm zwar keineswegs verdacht haben, wenn er es getan hätte, aber ihm kam es wie immer vor allem daraus an, die Seelenruhe seiner Mutter nicht zu gefährden. Es machte, wie er oft erbittert zu sich selbst sagte, wenig aus, daß er mit der Zeit ein verschriener Säufer werden würde, da das nun einmal sein furchtbares, unausweichliches Schicksal war — wenn nur das Grab sich vorher über dem Herzen schloß, das ihn liebte! Nur solange, solange, großer Gott! Er öffnete eine Flasche und setzte sie an die Lippen. Doch sofort ließ er sie prustend fallen. Sie enthielt nichts als Wasser. Die Scherben lagen am Boden, und der Hund kroch herzu und leckte sie ab. Entsetzt stand Isaak da und versuchte sich klarzumachen, was dieser Possen zu bedeuten hatte. Sein Geheimnis war in den Händen der Wilddiebe. Eine ganze Weile blieb er so stehen, aber seine wirbelnden Gedanken wollten sich nicht klären. Der Hund drängte sich winselnd an ihn. Er bückte sich, um ihn zu streicheln. Der trübe Rovembertag begann bereits auf die Neige zu gehen. Plötzlich tauchte wie ein schaudernder Windstoß ein Gedanke aus schrecklicher Ferne in ihm auf. Der Abend nahte — er war schon da — und er hatte keinen Tropfen zu trinken! Da kam die Trinkertobsucht über ihn: die Angst vor der kommenden Begierde, vor dem marternden Durst. Er schrie laut auf und rannte quer durch den Wald nach der Landstraße, am Försterhüuschen vorbei, dem Dorf, bem Wirtshaus, der Linderung zu! Der Hund lief keuchend neben ihm her. Als er die ersten Häuser erreichte, leuchteten schon im Zwielicht die Lampen auf. Die wilde Hast, die wachsende Gier hatten jede Fiber seines Wesens angespannt, bis er stöhnte, als ob er physische Schmerzen litte. Er eilte durch die menschenleere Straße nach dem Gasthof. Bor der Tür blieb er einen Augenblick, nach Atem ringend, stehen, dann trat er ein und sagte mit mühsam beherrschter Stimme: „Guten Abend, Herr Picker — einen Schnaps!" Schallendes Gelächter ertönte aus einer Ecke des schlecht erleuchteten Raums. Um einen Tisch saß im Halbdunkel, umhüllt von Fusel- und Petroleumdünsten, ein halbes Dutzend auserlesener Geister. Der Förster führ herum und bot ihnen mit krampfhafter Selbstbeherrschung die Stirn. „Ich stoße dich auf ein Glas, Quint", rief Tom Bunsings Stimme. „Danke, ich kann selbst bezahlen", entgegnete Isaak voll mühsam rlnterdrückter Wut. Er goß den Schnaps herunter und fühlte, wie sein Gehirn sich beruhigte. „Mit ehrlich verdientem Geld", setzte er hinzu. „Das hast du auch nötig, um deinen Keller zu füllen", bemerkte eine andere Stimme aus dem Dämmerlicht. „Pst!" sagte ein älterer Mann. Isaak stand am Schenktisch, und seine ganze Seele strebte danach, sich der drohenden Schande zu entreißen. „Geben Sie mir noch einen", sagte er. „Es ist heute abend sehr feucht." Erneutes schallendes Gelächter begrüßte seine Worte. „Sie sind heute ja ungewöhnlich durstig, Förster Quint", sagte der Wirt mit vielsagendem Lächeln. Die Männer in der Ecke saßen lauernd da. „Hör' mal, Quint." rief Tom Bunsing, „wir sind gute Freunde, weißt du, und meisten es nickt böse! Aber deine Mutter sollte lieber reinen Mund halten." „Halt du den Mund", sagte Isaak. Der Wilddieb sprang fluchend auf und kam auf ihn zu. „Noch einen," sagte Isaak ruhig, „und dann gehe ich." Aber diesmal lachte niemand. Die Männer hatten sich um dir beiden geschart. „3d) sage dir," begann Bunsing, „deine Mutter —" „Wenn du ihren Namen hier noch ein einziges Mal nennst, schlag' ich dich nieder", sagte Isaak und schob sein leeres Glas zurück. Der andere lachte trotzig, obwohl er einen Schritt zurücktrat. „Deine Mutter —" „Hast du noch Wünsche?" fragte Isaak, als Tom Bunsing wieder auf die Beine kam. „Hört mal, ich will hier keine Prügelei haben", schlug sich der Wirt zornig ins Mittel. „Macht alle miteinander, daß ihr rauskommt, und zahl' es ihm draußen heim, Tom!" ,Zch werd' es ihm. ein andermal mit Zinsen zurückzahlen", sagte der eingeschüchterte Held, indem er sich die Stirne rieb. 'Aber keiner wich vom Platz. „Wenn du es willst, wirst du mich schon finden", entgegnete Isaak. „Hören Sie, Picker, wickeln Sie mir eine Flasche Genever ein! Hier ist das Geld." Sie sahen alle zu, während der Wirt bei der Arbeit war. Isaak schob die Flasche in die Tasche seiner Jagdjoppe. ,Hört mich an, Jungens," sagte er mit leiser aber klarer Stimme, „ich — ich bin ein redlicher Mann. Ich habe keinem von euch jemals etwas zuleide getan. Meinetwegen will ich mich mit jedem von euch prügeln, der es wünscht, obwohl ich nicht weiß, warum. Aber ohne Messer!" Er wandte sich an den älteren Manin „Bost," sagte er, „sorg' dafür, daß sie ein Einsehen haben und meine Mutter verschonen. Sorg' dafür, daß es meiner Mutter «richt zrr Ohren kommt. Für euch ist es ein Spaß — ein Hauptspaß, mit dem ihr mich uzen könnt. Aber damit hat es Zeit. Sie ist eine alte Frau," — seine Stimme nahm einen verzweifelten Klang an — „bringt die Sache nicht herum — jetzt noch mw! Jungens denkt an eure eigene — nein, das ist etwas anderes. Hier steh ich, macht mit mir, was ihr wollt, aber laßt es ihr nicht zu Ohren kommen!" • _ andern standen unbeholfen und boshaft lächelnd beiseite, aber Jan Bost trat vor. Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl „Es gibt in der ganzen Rachbarschaft kerne Seele, die deine Mutter nicht ehrt, Quint. Sie ist 'ne mutige Frau und hat nrich auf zwei Tage in, Lock- gebracht. Keiner wird das Herz oder den Mut haben, in ihrer Gegenwart auch nur 'n Wort gegen dich zu saqen. Hier, gib mir die Hand und geh nach Hause." Der Förster trat schweren Herzens den Heimweg an. Er kaute beim Gehen Tabak, um den Alkoholgeruch niederzuhalten. Er mußte einen neuen Versteck für seinen Schatz suchen. Es war fast neun Uhr, als seine Mutter ihn einließ. „Was für ein sonderbarer Sonntag!" sagte sie. „Wo bist du gewesen?" Um aber nicht den Verdacht von Mißtrauen ober Vorwurf zu erwecken, fuhr sie fort: „Glaube nicht, daß ich hinter dir herspioniere, Isaak. Lieber Gott, ick- weiß ja, daß du verliebt bist. Aber vielleicht ist das auch nur so ’n Einfall von mir. Sie ist ein liebes und gutes kleines Ding." Sie setzte das sorgsam warmgehaltene Abendessen auf den Tisch. „Sagen könntest bu’s mir aber eigentlich doch, Isaak", fügte sie mit sanfter Inkonsequenz hinzu. „Ich bin deine Mutter und habe das Recht, es zu wissen. Manchmal denke ich, daß du Angst hast, es mir zu sagen, weil du fürchtest, ich könnte es mir zu Herzen nehmen ober eifersüchtig sein. Junge, du solltest mich dock) wirklich besser kennen!" „Aber Mutter, es ist ja gar nichts los", wandte er ein und tat, als' ob er äße. Sie stellte sich vor ihn hin und stemmte die. Arme in die Seite. „Du bist gar nicht verliebt?" fragte sie. Er hatte ihr niemals gerade ins Gesicht gelogen. „Ich sagte dir doch schon, daß ich nie heiraten werde", erwiderte er. Sie lachte leise und beglückt. „Das sagen sie alle, achr ober vierzehn Tage eh' sie freien gehen", sagte sie. „Schön, Isaak, aber merke dir ein«: Laß ihre Mutter nicht vor mir wissen, baß bie Sache ab gemacht ist." „Ich werd' es mir merken", entgegnete er. „Aber wenn ich dir das verspreche, mußt du mir auch etwas versprechen, Mutter." „Schon gut", schrie die Elster. . „Ra, was denn?" fragte die Witwe, sanft und befriedigt. „Laß Tom Bunsing in Ruh'." „Ich soll Tom Bunsing in Ruh' lassen!" wiederholte sie, und alle Fröhlichkeit verschwand plötzlich aus ihrer Stimme. „Meinst du damit, daß ich Baßet nicht sagen soll, ich hätte ihn mit zwei Fasanen angetroffen?" „Ja." Die Witwe stützte eine Hand auf den Tisch. „Mein eigener Sohn bittet mich, unfern Herrn zu betrügen?" sagte sie. „Nein", erwiderte Isaak befangen. ,Zch werde melden, ich hätte ihn verwarnt. Auf deine Fasanengeschichte hin kann er doch nicht überführt werden. Mutter, ich möchte ihn nicht zur Verzweiflung treiben. 3d) bin bange vor ihm." „Bange!" wiederholte sie voll unverhohlener Verachtung. „Bange vor deinem Nebenbuhler? Oh, Isaak, das ist es nicht — verzeih' mir, lieber Junge! Ich verstehe schon.. Dummes Zeug, mir wird er nichts antun, Isaak. All die Jahre hindurch hat ja keiner von ihnen mich auch nur angerührt." „Laß ihn in Frieden, Mutter. Ich bin der Unterförster. Es ist meine Sache." Er sprach lauter als er wußte. ,Lsaak, so hast du noch nie mit mir gesprochen!" Ihr lebhaftes Auge blitzte. „Ich will jetzt auch nicht ungebührlich mit dir sprechen. Es ist nicht meine Schuld, wenn du dich in meine Angelegenheiten mischst--’ „Schweig still!" Sie wartete einen Augenblick. .Ich gehe zu Beit", sagte sie und verließ das Zimmer. 3. Schon nach wenigen Tagen wußte — mit Ausnahme einer einzigen Seele — die ganze Nachbarschaft, daß der hübsche, allgemein geachtete junge Unterförfter — Quint, der Sohn der alten Witwe, Isaak -Quint — sich "insgeheim dem Alkoholgenuß ergeben hatte. Nun wurde der Genuß geistiger Getränke zwar nicht als eine Sache, auf die man stolz war, aber andererseits doch auch nicht als Gegenstand allgemeinen Tadelns und Aufhebens angesehen: aber die Heimlichkeit, der versteckte Vorrat und der Streich, den man dem „Heuchler" gespielt hatte, gaben vereinten Anlaß dazu, ihn mit Hohn und Spott zu überhäufen. Besonders ergrimmt war der Gastwirt Picker, der sich als um einen gerechten Verdienst betrogen ansah und öffentlich die Ueberzeugung äußerte, Jsaa! habe den so sorgsam versteckt gehaltenen Alkoholvorrat gestohlen. Dieft Annahme wurde im Dors abgelehnt, dagegen war man der Ansicht, daß der Förster, den noch niemand berauscht gesehen hatte, sich von Kindesbeinen an dem Trunk ergeben haben müsse. Durch Wochen und Monate hindurch lebte der Missetäter in einer Atmosphäre zorniger Verspottung. Die lang befürchtete Enthüllung war eingetreten. Er trug R klaglos "und war zufrieden, wenn er abends bei der Heimkehr von der Arbeit nur auf dem Antlitz feiner Mutter den unveränderten Wilkommen gewahrte. .. Wenn! — Daran hing die tägliche, bie stündliche Spannung, die sein Dasein zu einem ununterbrochenen Schrecken machte. Jeden Augenblick konnte der Schlag herniedersausen. Daran dachte er, wenn er auei im Walde ober mit seinen Kollegen bei der Arbeit war, wenn er ve Tagesanbruch seine Befehle empfing und wenn er in der Stille oe Nacht auf Wache stand. Eben jetzt, während er im lärmenden Min* haus über einen Witz lachte, konnte das verhängnisvolle Wort zu V> j fallen. Wem« feine Mutter unter vier Augen mit einer Nachbarin fprw zitterte er. Eines Abends, am Anfang feiner Qual, kicherte sie pto«< > über dem kleinen Lokalblatt, das die Leute „Alte Klatschbase" zu neu pflegten. „Dl), hier steht eine drollige Geschichte", sagte und las die für den Druck zurechtgestutzte Geschichte von dem „Betrogenen früger" vor. _____________________(Fortsetzung folgt.)___________ ____ sche Unkversitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Giebe"-