MehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang P28 Samstag, den 28. Juli Nummer 60 Mittägliche Landschaft. Von Otto E h r h a r t. lieber den Tälern, Wäldern und Matten Flimmert die grelle, weiß-glutende Luft. Reglos, verhalten dämmert die Welt. Unter des Ahorns rastlichem Schatten Streckt sich der Schnitter zum Mittagsschlaf. Mohn winkt im Korne ... Hasen und Rehe Grasen vertraulich am Waldesrande ... Ruhen die Hände, Sensen und Gabeln, Ist aller Wille: Ruhig Gehaben, Stilles Besinnen in süßer Ruh ... Mittag — von fester Arbeit umründet. Mittag — die Hälfte des Schweren getan. Mittag — und nach ihm der kühle Abend ... Seele, bedenke die friedreiche Pause, Stärkend genieße die heilsame Rast. Daß dir das Ende noch glücklich gelinge, Eh' dich der Abend ins Dunkele ruft ... Bildnis einer Unbekannten. Von Alessandro de S t e f a n i. London, den 11. März 1767. Hochverehrte Lady! Ich weiß nicht, ob ich den heutigen Tag, an dem es mir endlich vergönnt war, mit Ihnen persönlich bekannt zu roerben, unter die glücklichen ober unglücklichen meines Lebens zählen soll. Wohlwollenden Freunden oerbante ich diese Begegnung; doch meine Verwirrung und Befangenheit war so groß, daß Sie mich sicher für einen Menschen gehalten haben, den man übersehen kann. Ist es so? Vielleicht ist Ihnen nicht einmal mein Raine in Erinnerung geblieben, und ich weiß auch nicht, ob man Ihnen sagte, daß ich Maler sei. Zwar keiner, der in der Mode, und keiner, der berühmt ist. Und da ich Ihnen l)eute kaum ein paar zusammenhängende Worte zu sagen wußte, will ich mich Ihnen hiermit auf etwas weniger banale und eilige Weise nochmals vorstellen. Wie ich bereits erwähnte, bin ich Maler. Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, heiße George Romney und stamme aus der Provinz. Seit fünf Jahren lebe ich in London, doch ist es mir bisher nicht gelungen, bekannt zu werden. Es wird mir gelingen. Ich besitze eine unbeugsame Willens- traji, und meine künstlerischen Fähigkeiten genügen, um mir das Morgen zu sichern. Wie Sie sehen, bin ich durchaus nicht bescheiden. Vor etwa fünf Jahren, an einem Märztag, verließ ich Heimat und Familie, bestieg ein Pferd und kam mit ein paar Sterling in der Tasche nach London. Ich wollte mir Ruhm erwerben und bas Leben kennen- lernen. Beides ist mir bisher nicht gelungen, aber ich verliere nicht den Mut. Ich bin jung, gesund und gehe ohne Zögern meinen Weg. Während meines Aufenthaltes in der Großstadt habe ich viel Widerwärtigkeiten und Bitternisse erfahren, aber nichts hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht, außer — Ihnen bisweilen zu begegnen. Seit ich Sie das erstemal sah, sucht Sie mein Blick. Ich kannte Ihren Namen nicht, aber ich fühlte, daß ich Sie einst kennenlernen würde, und heute war mir bas Schicksal günstig. Ober sollte es mich auch biesmal zum Narren halten? Cs wird sich zeigen. Indessen wage ich es, das Schicksal herauszufordern und diesen Brief zu schreiben, der das heute geknüpfte Land befestigen ober zerreißen soll. , Sie werben vielleicht skeptisch über meine Offenherzigkeit lächeln, ober seien Sie überzeugt, es sind keine teeren Phrasen. Es sind Worte der Aufrichtigkeit, die "ein von der Großstadt noch nicht verdorbener "unstler an diejenige richiet, die verstehen müßte, wenn ihre Seele ein ®en,*9 dem Antliß voll Geist und Energie gleicht. Und bann? Ich weiß nicht. Mehr kann man bas eigene Schicksal nicht zwingen. «>e werden entweder der Weg sein, der mich zum Ziele führt, ober Witte bitterste Enttäuschung. Beides ist möglich. Rur — lassen Sie mich Mi m Ungewißheit. Ich hasse Ungewißheit wie bie Lüge. Und verzeihen i« die ungestüme Art und meinen unkorrekten Stil. Ich bin nicht chUststeller und stamme nicht aus London. George Romney. ♦ London, den 21. April 1767. Teuerste Lady! > ^n&e. die heute vergeblich zur Weiterarbeit an unserem Bilde ul«»?'« sind nicht gekommen und haben mir auch keine Nachricht ' 1<öt- Warum? Die gewohnten Schwierigkeiten? Und anstatt in Ihrem Beisein zu arbeiten, schreibe ich Ihnen, um mir vorzutäuschen, ich fei nicht allein. Doch mein Atelier ist düster und ohne den Glanz Ihrer Augen! Und meine Kunst — an die ich trotz allem glaube — scheint mir arm, wenn nicht Ihre Stimme mir göttliche Gewißheit gibt. Seit ich Ihnen begegnet bin, habe ich meine frühere Sicherheit verloren, und ich muß nun aus Ihrem Mund bestätigt hören, was ich mir früher selbst sagte, um glauben und kämpfen zu können. Ist das Siebe?, frage ich Sie. Worte werden wenig zwischen uns gewechselt, und obwohl wir täglich viele Stunden beisammen sind, mir ganz allein, habe ich noch nie Ihre Hand ergriffen, um sie zu küssen, habe ich Sie nie länger betrachtet, als es für den Maler notwendig ist. Und doch fühle ich, daß Sie mich verstehen und meinem Leben und meiner Kunst unentbehrlich geworden sind. Aber auch ich verstehe Sie. Ihr Bild gibt mir diese Ueberzeugung. Ich betrachte es, und Sie sind mir nicht mehr fern, ich habe Sie festgebannt durch den Zauber der Kunst. Bald ist das Werk vollendet, und mit ihm wird mein Aufstieg beginnen. Sie haben es mir oft versichert, und auch ich bin davon überzeugt. Vielleicht werden Sie bann ein wenig stolz sein auf den Künstler, den Sie entdeckt, verstanden und mit ermutigendem Lächeln zum Ruhm geführt haben. Ich werde gleichsam Ihr Werk fein! Und bann werben Sie mich lieben müssen, wie ich Sie lieb gewann, als Sie mir, unbekannt unb flüchtig, zum ersten Male auf ber Straße begegnet sinb. Aber was schreibe ich ba für törichte Dinge? Wenn Sie gekommen wären, hätte ich nie gewagt, biefe Worte auszusprechen, die zwischen uns nicht gesagt zu werben brauchten ... Aber sie verschweigen, was änbert’s. Nein, nein — kommen Sie. Alles, was ich für Sie fühle, will ich Ihnen mit Farbe unb Pinsel sagen, nicht mit diesen farblosen Worten, bie jedes Gefühl entstellen und mich anders erscheinen lassen, als ich bin. George. London, den 4. Mai 1767. ? Lady! Zu meinem Bedauern bin diesmal ich es, ber Sie warten lassen muß. Ich werde heute nicht — wie ich versprochen — Ihrer liebenswürdigen Einladung Folge leisten. Zu vieles hat sich geändert. Sie werden mich für einen Starren halten, aber ich bin heute derselbe, ber ich zum Beginn unserer Bekanntschaft ivar. In den wenigen Monaten, in denen wir uns nahestanden, hätten Sie meinen Charakter besser kennenlernen sollen. Aber ich mage nichts mehr ovrauszusetzen, feit mir die Binden von den Augen fielen. Sehen Sie mich nicht so erstaunt und fragend an. Nichts Außergewöhnliches hat sich seit gestern ereignet, nur ein kleiner Umstand, der das Wahnbild zerstört, das ich mir von Ihnen gemacht hatte. Sie sind nicht bie, bie Sie scheinen, ober besser, nicht bie, für bie ich Sie hielt! Die Tatsache ist ganz einfach bie: Ich habe heute morgen durch Zufall erfahren, daß Sie sich in diesem Monat nicht nur von mir, sondern auch von meinem ehrenwerten Kollegen William Perkins malen ließen! Das ist alles. Die Sache erscheint Ihnen gewiß nicht schlimm. Und sie ist es nicht. Sic haben jenem Maler dieselbe Liebenswürdigkeit wie mir erweisen wollen! Was wäre natürlicher? Und es ist auch verständlich, daß Sie mir gegenüber nie etwas davon erwähnten. Man weiß, daß unter Künstlern nicht immer Sympathie herrscht. Wir hätten über diese Gleick-- setzung gegenseitig mißtrauen und Neid empfinden können. Darum nehme ich an, daß Sie so wenig wie mit mir von William Perkins mit ihm von George Romney gesprochen haben. Alles das ist logisch unb vor allein weiblich, aber es entspricht nicht bem, was die tyraii hätte tun dürfen, deren Bild ich gemalt habe! Geht Ihre Eifersucht so weit?, werden Sie fragen. Stein, teure Lady. Das ist es nicht. Zunächst habe ich gar kein Recht, eifersüchtig zu sein unb, wie ich glaube, auch keinen Grund. Ich möchte darauf schwören, daß Sie William Perkins, obwohl fein Wesen bestechender ist als bas meine, nicht mehr zugestanben haben als mir: nämlich nichts. Und es ist auch nicht Eifersucht des Künstlers, der den Rivalen fürchtet. Ich kenne Perkins Bedeutung und keime die meine. Cs ist nicht möglich uns als Maler zu vergleichen. Heute sind wir beide noch im Dunkel, aber er wird darin bleiben, ich nicht, das ist der Unterfchied. Sie haben mich in Ihrer Achtung und in Ihrer Zuneigung mit William Perkins auf eine Stufe gestellt! Sie haben zu uns beiden gleiches Vertrauen gehabt! Vielleicht haben Sie ihm mit dem gleichen Lächeln die gleichen "Worte ber Ermutigung gesagt wie mir! Das ist es, was mich kränkt unb mehr noch, unroieberbringlid) das Ideal zerstört, das ich non Ihnen im Herzen trug und mit fo viel Hingebung auf der Leinwand verewigte. Die Frau, die ich zu kennen glaubte, und die George Romncy tm Atelier besuchte, war ein seltsames Wesen, voll Intuition und Energie. Sie bedurfte nicht des Urteils der Menge, um meinen Wert und meine Zukunft zu erkennen. Sie hatte ihre Schönheit zur Schöpfung eines Kunstwerkes dargebracht. . „ Diese Frau ähnelt Ihnen nicht. Sie Malversuche eines William Per- kins hätten sie ermüden müssen. Sie wäre nicht einen Augenblick im Zweifel gewesen, wer von beiden der wahre Künstler ist. Ich will zu Ihren Gunsten nicht annehmen, daß Sie uns beide für aussichtsvolle Künstler gehalten haben. Das nicht! Einer von uns beiden muhte auf falschem Wege sein, das werden auch Sie erkannt haben. Meine Auf- fafsung der Malerei ist unvereinbar mit der von William Pcrkins. Und wenn jener wirklich eine schwache Hoffnung hegt, einst ein Maler zu werden, jo hätte ich entschieden Seemann werden sollen.. Nein, nein. Sie sind Ihren Zweifeln erlegen, die durch die mehr bürgerliche Lebensform meines Kollegen noch verstärkt wurden. Und auch heute, vor der beendeten Arbeit, sind Sie sich nicht klar darüber, wer den Sieg erringen wird. Denn gestern luden Sie William Perkins zu !ich ein und heute mich. Oh, da alles in der Welt möglich ist, wird es William Perkms vielleicht gelingen, eine Art Eintagsruhm vor mir zu erlangen! Alles ist möglich, ... nur das eine mehr: daß Sie identisch sind mit der Frau, deren Bild ich gemalt habe. Diejenige, die William Perkins zu malen versuchte, sind' vielleicht Sie, wirklich Sie. Mein Bild stellt eine Unbekannte dar, die keinen Zweifel kennt und keine Lüge, die sichere Prophetin, das Sinnbild meines schon errungenen Sieges. Sie werden nun begreifen, warum ich nicht zu Ihnen gekommen bin und nicht den Wunsch habe. Sie wiederzusehen. Verzeihen Sie, roenn jcb Ihnen auch nicht das Bild gebe. Es gehört mir allein und bleibt in meinem Besitz als Bildnis einer Unbekannten. Sicherlich wird mein Kollege Ihren Namen unter feine Arbeit setzen, schon um die Identifizierung zu erleichtern. Wenn ich das Porträt später einmal auf einer Ausstellung sehen sollte, kann cs inöglich sein, dah ich es nicht erkenne, denn schon jetzt erinnere ich mich kaum mehr Ihres Namens. Und wenn ich Ihnen selbst begegne, werden Sie wahrscheinlich eine Fremde für mich fein, denn ich kann mir Ihr Aeußcres nur noch schwer vergegenwärtigen, jenes „wahre" Aeutzcre, dah ich nie gesehen und das mit Ihren Zweifeln übereinstimmen muh. Ohne jeden Groll und ohne jede Dankbarkeit George Romney. Maler. Trotz eifrigster Nachforschungen, an denen ich selbst mich voll Interesse und Ausdauer beteiligt habe, ist es nicht möglich gewesen, festzu- stellen, an wen diese Briefe gerichtet sind, noch das Bild zu tdentifizieren, auf das sie anspielen. Manch einer, der diese Briefe im Original gelten hat, glaubte sie an Emma Lyon, Lady Hamilton geschrieben, aber diese Vermutung konnte vor den kritischen Nachprüfungen nicht aufrecht ersten werden. Es bleibt uns darum nichts anderes übrig, als, wie auch Romney es wollte, diese rätselhafte Frauengestalt im Dunkel zu belassen. Die drei Briefe, die ein interessantes Dokument für die Psyche des Künstlers bilden, werden hier zum ersten Male der Oeffentlichkeit übergeben. Sie waren den Biographen des berühmten Malers entgangen. » * * (Autorisierte Uebersetzung aus dem Italienischen von Stefanie Feinberg.) Rasputin und die Romanows. Don Heinz D r e b e m c t> c r. 3n der nächsten Zeit wird in Paris wieder einmal ein Rasputin« Prozeß an alte Dinge rühren. Allerdings handelt es sich nicht um ein strafrechtliches Verfahren, sondern um eine Privatklage, die Rasputins Tochter gegen den Mörder ihres Vaters, Fürst 3ussupoff, eingeleitet hat. Eine alte Weissagung des „Propheten" Seraphim von Sarow verkündete, dah unter der Regierung des Zaren, der um die Wende des 20. Jahrhunderts herrschen würde, Rußland von Elend, Krieg und Aufständen bedroht sei. Rikolaj II. war abergläubisch, mißtrauisch und ängstlich. Schon von den ersten Tagen seiner Regierung an verfolgte ihn plnheil. Deine Hochzeit mit der Priinzessin Alle von Hessen siel mit der Trauerfeier für seinen Vater, deir Zaren Alexander HL, zusammen. Das Krönungsfest in Moskau kostete 3000 Menschen das Sehen; beim Empfang in Kiew fanden 300 Menschen den Tod in den Mellen des Dnjepr. Unruhen, Katastrophen und Kriege bewirkten, daß der Zar sich immer mehr von allem -Umgang zurückzog und seiner „Familie lebte. Ein starker Ring von Beobachtern, Hütern und Spitzeln schloß das 3dyll von Zarskoje Selo ab von allen Einwirkungen, von Besuchern und ungünstigen Rachrichten. Doch auch in das sorgsam behütete 3dhll fielen Schatten. Als nach Jahren des Wartens endlich der ersehnte Thronerbe geboren war, zeigte es sich bald, daß Alexej an Hämophilie litt, „Bluter" war. Cin kleiner Stoß, ja eine ungeschickte Bewegung, gaben Veranlassung, dah sich ein innerer Bluterguß bildete, der mit einer blauen Geschwulst und starken Schmerzen auftrat. Oft schwebte der Thronfolger in Lebensgefahr. Rie durste er, wie andere Kinder, oder die Schwestern, umhertollen und spielen. Stets behütete ihn sein Wärter, der Matrose Derewenko, aus das sorgfältigste. Die Zarin, deren Gesundheit nach den Erregungen des russisch- japanischen Krieges stark erschüttert war, litt namenlos unter den Qualen ihres Kindes, dem sie das Leiden vererbt hatte, denn in ihrer Familie war die Bluterkrankheit heimisch. Kein Wunder, wenn in solcher Lage das Herrscherpaar zu jedem Strohhalm griff, der Hilfe versprach. Aerztliche Kunst schien der Krankheit des Thronfolgers gegenüber oft machtlos. Demütige St» gebung in Gott, Gebete und Andachten vermochten nicht zu helfen bei den zahlreichen Schicksalsschlägen von außen. Der Fatalismus des Zaren und die mystische Veranlagung der Zarin suchten Stützen neben dem strengen Kirchenglauben, der ihnen unzulänglich erschien. Der» wachsene, Fallsüchtige, Idioten, aber auch geschäftstüchtige Wunderarzte und Zauberer fanden Eingang bei Hofe. Man teilte dort die Anschauung des Volkes, der russischen Bauern, daß Gott in dey Einfältigen und Kranken lebe und ihrer Fürsprache Gehör schenke. An Tolstoi und Dostojewski nur braucht man zu denken, um an religiöse Mystik, an Sekten und Sektierer erinnert zu werden und an den Fanatismus, mit dem das russische Volk an eine 3dee glaubt... Auch in den Petersburger Salons hatte man sich dem Mystizismus und Okkultismus verschrieben, nachdem Rikolaj II. die Politik so ganz und gar links liegen ließ. So kam Rasputin, der „Wundermönch", der „Prophet", der „neue Heilige", durch die Großfürstinnen Militza und Anastasia an den Zarenhof. — Grigori Jefimowitsch Rasputin war der Sohu eines Fuhrmannes, Pokrowskoje am Tjumen, Gouvernement Tobolsk, 80 Werst von der Stadt Tjumen entfernt, war seine Heimat. Als Wanderprediger, als „Staretz" war er nach Petersburg gekommen. 3n der Kleidung der Dauern, der Mufchiks, im einfachen Hemde, in weiten Hosen und hohen Stiefeln erschien er in den Salons und am Hofe. Sein Gesicht, von unordentlichem Haar und wirrem Bart umrahmt, zeigte gewöhnliche, derbe Bauernzüge. Aber Schlauheit und Wollust malten sich in diesem Gesicht, in dem die kleinen, hellgrauen Augen, tief in ihren Höhlen sitzend, das Bemerkenswerteste waren. 3ussupoff spricht von ddr stechenden, lähmenden und durchdringenden Schärfe des Blickes. Selbst der Mörder kam in die Gefahr, der suggestiven Kraft dieses Bauern zu erliegen. Bei den schweren Erkrankungen des Thronfolgers genügte es, wenn Rasputin erschien und Über em Kranken das Zeichen des Kreuzes machte. Nach den Aussagen der Wyrubowa hörten die Blutungen sofort auf, die Schmerzen verschwanden; der kleine Alexej fiel in einen tiefen Schlaf. Nicht einmal ’ die persönliche Anwesenheit des Wunder- mönches aber war erforderlich, schon ein Ferngespräch mit dem Kranken ober ein Telegramm an ihn bewirkten Besserung und Heilung. Während der häufigen Erkrankungen des Knaben wendete sich die Zarin stets an Rasputin und auch in anderen Fällen vertraute das Herrscherpaar fest auf die Kraft seines Gebetes. Kein Wunder, wenn man von einem großen Einfluß des einfachen sibirischen Bauern auf Nikolai II. sprach, ja, ihn als „Zar über den Zaren" bezeichnete. „Wenn ich mit meiner Bauernfaust dreinhauc, dann verkriechen sich alle in ihre Winkel," gibt Jussupoff einen Ausspruch Rasputins wieder. Mit „alle" sind sowohl der Zar und die Zarin, wie auch die Minister gemeint. Alle Briefe und Meldungen über einen ausschweifenden und liederlichen Lebenswandel, alle Klatschereien über Rasputin und sein Ver- hältnis zu den Frauen, besonders zu den Damen am Hofe, vermochten nicht, seine Stellung zu erschüttern. Mehrfach wurden Anschläge auf sein Leben unternommen. Gefährlich durch einen Messerstich verletzt, log Rasputin 1914 in seiner Heimat. In einem Telegramm beschwor er den Zaren, es nicht zum Kriege kommen zu lassen. Mehrfach setzte er sich später für den Frieden ein, ohne dann noch die Lawine aushalten zu können. Dem allrussischen Verband und der Entente-Clique war Rasputin damit ein Dorn im Auge. Sie stempelten ihn zum Spion, zum Helsers- helfer der Deutschen. Ihm und der unbeliebten Zarin galt ihr Kampf. Aber nur der gesunde Bauernverstand ließ Rasputin gegen den Krieg, dessen Kosten das Volk zahlen mußte, eintreten. Fürst Felix Jussupoff, einer der reichsten Männer des zaristischen Rußlands, faßte den Plan, den unbequemen und mächtigen Ratgeber aus dem Wege zu räumen. Die Art und Weife, wie die -rat vorbereitet wurde, läßt nicht gerade viel Sympathie für den Mörder auf= kommen. Er schlich sich in das Vertrauen Rasputins ein und lockte ihn in der Nacht des 16. Dezembers 1916 in fein Palais. Hier warteten als Mitverschworene der Dumaabgeordnete Purischkewitsch, der Leutnant Suchotin, der Arzt Lalowert und der Großfürst Dimitrij Pawlowckjch. „Aus bestimmten Gründen legte ich auf die Mitwirkung des Großfürsten an der Verschwörung großen Wert," schreibt Jussupoff in feinem Buck über die Mordtat. Diese bestimmten Gründe betrafen die eigene Sicherheit. Die Teilnahme eines Mitgliedes der Zarenfamilie entzog auq die übrigen Beteiligten der gewöhnlichen Gerichtsbarkeit. In einem oe« sonders für den Zweck herqerichteten Raum im Erdgeschoß des Pa ast» an der Mojka bewirtete Fürst Jussupoff Rasputin mit vergiftetem Ä und Schokoladen- und Mandeltörtchen, die mit einer gehörigen Zyankali gewürzt waren. Rasputin aß und trank und unterbiet. M mit dem Mörder, der ihm zur Laute traurige Lieder fang. Das wirkte zum maßlosen Ensetzen der Mörder nicht. Fürst Jussupost ging zu den wartenden Komplizen und holte einen Revolver. Ms RyWu ihm im Eßzimmer entgegentrat, schoß er ihn nieder. Die Kugel ou - bohrte das Herz. Man untersuchte die Wunde, aus der nur wenig sickerte und schloß bas Zimmer ab. Der Arzt als Chauffeur fuhr nu Großfürsten und dem Leutnant, den man mit Rasputins Manie mm Mütze bekleidet hatte, um etwa beobachtende Geheimagenten zuz tauw - im offenen Auto des Abgeordneten davon. Als eine geraume Zeit IP Jussupoff zu seinem Opfer zurückkehrte, sprang dieses auf die v - und versuchte, den Mörder zu erwürgen. Der vergiftete und ermi Körper kroch eine Treppe empor und wankte in den Garten. Kugeln sandte Purischkewitsch ihm nach. Einem herbeieilenden Po 31• erklärte man, es sei ein Hund erschossen worden. Die Leiche wuw dem Stiefelabsatz und dem Gummiknüppel bearbeitet, mit: ©trw ’ et Ketten verschnürt und in die Newa geworfen. Als Taucher JieJ(fn)Cj8 bargen, war der rechte Arm frei und die Lungen voll Wasser, eni ? dafür, daß noch Leben in dem Körper war, als man ihn verfen ' Die Mörder bekannten sich nicht zu ihrer Tat. Fürst Iuflup u sicherte in einem Schreiben der Zarin unter Eid, daß am L Abend Rasputin nicht bei ihm gewesen sei. Der Großfürst und o Experimentelle Telepathie. Von Graf Carl von Klinckowstroem. . Sttls iXlb eines Romans, auf der Bühne und im Film feierte Rasputin seine Auferstehung. Das Unbekannte und Ungeklärte dieser men chlichen Erscheinung, ihre zwiefache Seele, wird noch lange die' Phantasie und die Federn beschäftigen. „Ei, Kind, es wird ja Nacht, und du iveißt, der alte Josef sagt, die Unholden schauen dann aus dem Boden!" „Slur in den Garten, Base! da gibt es keine!" Die Alte wurde unruhig; sie rückte an dem Kinntuch, daß sie über ihr schwarzes Käppchen gebunden hatte. „Du weißt, sieh mich nur an!" sagte sie; „das duinme Kopfreißen; ich darf nicht in die Abendlust. Wenn dich was anküme! Dein Vater ist in Wordingborg!" „O Bas', ich nehme Heudan, die Dogge, mit!" rief Dagmar beklommen; „sie war auch gestern abend bei mir!" wurden vom Zaren aus Petersburg ausgewiesen. Ihre „patriotische Tat" war nicht der Schlußstrich unter eine der dunkelsten Epochen des Zarenreiches, sondern dis erste Brandfackel für ein aanz und gar morsches Gebäude. " 7 Ein Fest auf Haderslevhuus. Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.) Es war ganz still im Gemach; nur das Sticheln der Nadeln wurde hörbar und das eintönige Geräusch eines Dompfaffen, der in seinem Bauer innerhalb deS Fensters unaufhaltsam auf uiid nieder hüpfte. Das junge Kind führte heute ihre Nadel nicht mit gewohnter Sicherheit, und die Blättchen hingen oft nicht richtig au den goldenen Ranken; sie schaute nach jedem zehnten Stiche hastig durch das Fenster, das nach Osten lag, aber der Mond ivar noch nicht da. Ihr Atem wurde kürzer; in ihrem Innern war heute eine fremde Kraft, die ihr die Nadel aus der Richte stieß. Endlich legte die Alte ihr besticktes Schädelstücklein auf den Tisch. „Fertig !“ sagte sie. „Guck her, Dagmar! Ob wohl dieser Kopf im Leben solchen Schmuck getragen hat?" Das Kind hatte nicht gehört: der Moild Ivar eben über den Bäumen aufgegangen. : | Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet muh man das Ergebnis als i= außerordentlich günstig bezeichnen. Cs fragt sich nur, ob man bei der angewendeten Versuchsmethode genötigt ist, als Erklärung nur mehr echte parasen,arische Gedankenübertragung gelten zu lassen. Sind alle Fehler- quellen vermieden worden? Murray gibt selbst an, sich in einem Zustande »er.Hyperästhesie zu befinden. Mrs. Sidgwick erwägt daher mit Recht die Möglichkeit einer abnormen Steigerung des Gehörsinns als Fehler- quelle. Obwohl es gelegentlich nachgeprüft morden war, daß sich die Ver- suchsperson in dem Zimmer, in welches sie sich jedesmal vor Beginn eines Versuches begab, tatsächlich normalerweise außer Hörweite befand, vermag Mrs. «idgwick einige Fälle nnchzuweisen, bei welchen Murray einen JfQtnen oder ein Wort vernommen hatte (z. B. Bersuch 24 und 25) Das konnte dann leicht zum Erraten des Motivs führen, welches der Aufgabe zugrundelag. In wieviel Fällen mag Murray unbewußt derartige Wahrnehmungen gemacht haben? Auch erscheint der alte vielumstrittene Einwand des „unbewußten Flüsterns" (Lehmann) seitens der als Agent wirkenden Person oder eines anderen Anwesenden nicht hinreichend be. rucksichtigt, um diese Versuche als durchaus beweiskräftig erscheinen zu laßen. Auch hinsichtlich der gewählten Motive bleibt für den Fernstehenden noch manche Frage offen. Oft handelt es sich um Szenen aus dem Leben der Familie Murray oder aus Romanen oder sonstigen bekannteren Werken der Literatur. Im Murrayschen Familienkreise wird offenbar viel Lektüre getrieben, wohl auch viel darüber gesprochen. Es fragt sich also inwieweit die gestellten Aufgaben für Mitglieder der Familie nahelagen' ob etwa z. B. gerade eines der gewählten Bücher kurz zuvor Gegenstand der Unterhaltung gewesen war usw. Das würde naturgemäß manchen geradezu verblüffenden Erfolgen viel von ihrem Wert nehmen. Für Professor Murray selbst ist die Telepathie unbewußte Sinneswar- Ueberfrnonnn I die vielleicht auf anderem Wege zustandekommt als durch die munaen . ! v $t.onate der „fünf kanonischen Sinne". Er sieht das Phänomen nicht als munaen uuv. i einen rem psychischen Prozeß an und läßt die Möglichkeit hypothetischer „Hirnstrahlen" offen. Es ist auf jeden Fall nicht leicht, derartige Experimente so zu gestalten, daß jede Fehlerquelle ausgeschaltet erscheint. Aber das Problem ist gegeben, und die Arbeit an seiner Klärung ist des Schweißes der Edlen wert. Unter den sog. okkulten Phänomenen ist das der Gedankenübertraqunq ohne Vermittlung der Sinne, die „experimentelle Telepathie", dasjenige welches noch am ehesten Aussicht hat, von der offiziellen Wissenschaft anerkannt zu werden. Denn die naheliegende Analogie der drahtlosen Tele- grapme laßt an eine Erklärung denken, die theoretisch die Uebermittlunq von Gedanken, Gefühlen, Vorstellungen usw. von einem Hirn als Geber auf ein zweites Hirn als Empfänger verständlich machen würde. Diese Analoge ist aber jchr oberflächlich. Sie vermag die sich dabei abspielenden psychischen Vorgänge auch nicht annähernd befriedigend zu decken. Wie dem auch |ei, es liegt jedenfalls heute schon ein recht beachtenswertes Er- sahrungsmaterial vor — Experimente der englischen Society kor Psychical Research, von Tifchner; Wasielewski, Bruck und anderen — das eine ernsthafte Würdigung durchaus verdient. . Londoner Society kor Psychical Research hat nun neuerdings eine Reihe sehr eigenartiger derartiger Versuche veröffentlicht, die zu einem bemerkenswerten Prozentsatz positive Resultate ergeben haben und auch 'n der Art der gestellten Aufgaben von der üblichen Art — von Vorstellungen, geometrischen Figuren, einfachen Zeichnungen usw. abweichen Es stnd zwei Serien von Experimenten, die der Oxforder Pro- feßor Gilbert M u r r a y durchgeführt hat. Die erste Reihe umfaßt 504 Sin*^c ooc uc^e' d'v Zwecke Reihe, auf die wir hier näher eingehen wollen deren 236. ' van Murray angewendete einfache Methode war im allgemeinen die folgende: Murray als Versuchsperson verläßt den Sitzungsraum und begibt sich außer Hörweite in ein anderes Zimmer. Die als Geber als „Agent wirkende Person, meist seine älteste verheiratete Tochter, bleibt im Zimmer zurück und denkt an irgendeinen Vorgang oder ein Ereignis fei es m,s dem Leben oder aus irgendeinem Roman oder dergleichen und gibt das Thema kurz an. Dieses wird von einem Protokollführer notiert der dann im Verlaufe der Sitzung das gleiche Blatt Papier zur weiteren Protokollierung der Angaben der Versuchsperson, des Professors Murray, benutzt, „iurray wird nun herbeigerufen. Gewöhnlich ergreift er die ^0110 feiner Vollster bzw. der als Agent fungierenden Person und vermag sodann wenn er disponiert ist und keinerlei Störung eintritt, sogleich ^7.^" Einzelheiten anzugeben, was seine Tochter gedacht hat. Es ist nach der Ver,iichsanordnung Murray dabei nicht möglich, etwa einen Blick auf das Blatt des Protokollführers zu werfen. Die 236 Einzelversuche wurden in 26 Sitzungen angestellt; die Zahl der ™ner Sitzung variierte zwischen 3 und 26. Sie liefen also relativ schnell ab. Wir geben zunächst einige charakteristische Beispiele von positiv verlaufenen Versuchen, um die Art dieser Experimente anschaulich von (^anaten^^Fch^möch^te"annebmen'^bnk"e' 'r’ Dcrnci,mhc das Bersten I ngtc sw, „du hast noch eine Kinderhand; aber doch nicht allemal so sehr! sind - icki MviM. b Terence und noch jemand Ich sagt's dir schon: was wollten deine Finger bei dem Totenbein! Schelle nicht daß ill Ne kenn/' Än knnn^sie ,Uon kenne. New, ich glaube nach der Grete, daß sie die Kerze bringt; der Tag ist aus, und der da draußen" ^Bis aus hm- 'nkftter^n^n-xr I ~ zeigte mit ihrem mageren Finger nach dem Mond — „der leuchtet SBerfuA 10 59irnmhe Tnnnf.1 ^!?olroas ist die Ausgabe richtig gelost. I nur Verliebten, aber Nicht Kindern und alten Frauen!" Brooke ecki Bekannter an Rupert (Rupert Ein heißes Rot schoß über das junge Antlitz; aber die Alte gewahrte es Roman! firi™uih ' «JKataWo aus (Tolstois Nicht. „So schelle doch, Kind!" wiederholte sie: „du kannst dann deinen Wald Innf/nh1" trieben trifft. In einem gelben Anzug, durch einen I Silbergürtel weitersticken! Ist der erst fertig zu dem weißen Seidenkleide, Wurrnn CIA „r , ■. , . „ , m j da wirst du ausfehen wie die heidnifche Diana; es fehlt nur noch der Silber- -Murray. Ich glaubte, als ich hereinkarn, es handle sich um Rupert. I mond an deiner Stirn!" &f