D cnstag, den 28. Februar Jahrgang $928 Nummer \I ter? Womöglich auf den Morgen, die mir gehörten? Auf dem , Gieheii. andern erhältst auch du „Sage mir lieber, in „Sn keiner. Doch — unterstützen." „Was fällt dir ein?“ dein Teil." welcher Weise ich dir helfen kann." du kannst mich beim Ausgraben der Eiche ~~ es ist verflucht, daß er mit uns umspringen kann, als wären wir hergelaufene Hunde. Gestern reich — heute arm. Soll ich mich erhängen, wie es Wilhelm Kell und Jakob Beugel getan haben? Rätst du zum Revolver, den andere wählten? Zum Gift, das weitere deutsche Farmer von der Erniedrigung befreite? Soll ich mich demütigen und Knecht in englischen Faktoreien spielen? Treiber? -Verwalter? Womöalick auf den Morgen, die mir gehörten? Auf dem noch di« gilt bet :r dieser i seiner Ki 5 ®e< besteht, estelkung daß die inge zer- . Endlich en Sach- Die Sternseherin Life. Von Matthias Claudius. Ich sehe oft um Mitternacht, Wenn ich mein Werk getan, Und niemand mehr im Hause wacht, Die Stern' am Himmel an. Sie gehn da, hin und her zerstreut Als Lämmer auf der Flur; » In Rudeln auch und aufgereiht Wie Perlen an der Schnur; Und funkeln alle weit und breit Und funkeln rein und schön; Ich seh' die große Herrlichkeit, Und kann mich satt nicht sehn Dann saget, untern Himmelszelt, Mein Herz mir in der Brust: „Es gibt was Bessers in der Wed Als all ihr Schmerz und Lust." Ich werf' mich auf mein Lager hin Und liege lange wach, Und suche es in meinem Sinn Und sehne mich danach. ;ten Schach' Schluß in Nariftl r MaM nirben, dr« f ber Brs olfeld, op ■n, so 5- die haus gn em Inner» rennende ten, totis hrs nxit Ion über- ch wie es ing durch ,u haben, zur ernst )7 in den ärt. Auch m Gegen, er Murr' eine be> hier nichi Schach- enen Be- pelen mit s war die saß, aus Geräusch anz umfr iander g<- rankartige tels ein?» i Getriebe ensch ver< Ertlärung, re, daß tt schien das at bald z» iegt. Denn e Leistung es Gegen- gner eine» ichkeit. «o eie andere nsch stecke» j 1784 mit ;u erkläre;! re, hat atij Poe, der tzdem 18M e. Poe!°b r Apporst -Besitz des zu seine»' er war ei» Der Baum. Erzählung von Sohamres Heinrich Draach. Sand — Sand. Endlos dehnte sich die südwestafrikanische Steppe, in der nux halbverdorrtes Gras gedieh, keine Sträucher grünten und keine Bäume Schatten warfen. Dorngebüsch hie und da. daneben eine bittere Melone und selten in Senkungen giftige Milchbüsche. Sonst nichts. Rur Sand. Auf einer kaum durch Hügel unterbrochenen Ebene nur Sand. Darüber in der Ferne, prangend wie Burgen in Märchen, auftauchend aus violettem Hauch, steil, schroff und vielverzackt, die Gruppe der Spitzkvppjes, das lockende Verderben unerfahrener Einwanderer. Diele zogen der Schönheit zu und starben im Sande oder in den Klüften des toten Gesteins. Durst Peinigte sie und Durst erlöste sie von der Qual. Sm Herbst des Sahres 1921 zügelte nordwärts bet Berggipfel ein Mann in tropischer Tracht sein Pferd. Er kam von Gobabis . und strebte nach Okombahe. Snnerhalb des Sandmeeres benutzte er bei. Psad, den Massen wilder Tiere vor Sahrhunderten gebahnt, und Rudel auf Rudel gegangen waren. Er führte zur Tränke. Zu einem Einschnitt in der Steppe, zum Flußtal des Ömaruru, in dem die Samaras Felder von Mais, Weizen und Hirse angelegt hatten. Hier wuchs die Pflanze, hier der Feigenka tus, die stämmige Aloe, Kandelaber-Euphorbien und Palmen. Hier weideten die Herden der weißen Grundbesitzer und umstanden die Staubecken, die noch schmutziges, von Gewittergüssen ausgesangenes Wasser enthielten. Gegen Abend wurde aus einem Abhang in östlicher Richtung das Haus des Regerkapitäns sichtbar. So war das Ziel erreicht. Der Reiter reckte sich im Sattel empor und hielt Umschau. Als er vor sich einen Karren schaukeln sah, trieb er fein Pferd zur Eile an. „He — du bist es, Peter ©teingert,“ rief es ihm aus dem knarrenden Gefährt entgegen. „Du - Walter Heck." „So hat dich mein Bote erreicht," kroch ein Mann in den sechziger Sahren, stämmig, sonnverbrannt und backenbärtig, unter dem Verdeck hervor. „Sa, alter Kamerad," sie schüttelten sich die Hände. „Es ist aus, Freund. Arbeit und Ausdauer gaben mir ein gutes Besitztum. Der Engländer verschlang es. Richts ist mehr da, morgen ziehe ich fort.“ »Du hast verkauft?" «Fandest du Gold, daß du dem Unheil entrinnen willst? Sm Viehbestand steckte unser Vermögen. Der Brite drückte die Preise herab. Allmählich —- er drosselte und zog enger zu. Aus die Hälfte — ein Drittel — ein Viertel — ein Sechstel — ein Zwölftel — noch weiter „Sch nehme den Baum, der vor meiner Türe steht, mit." „Eine Eiche nach Deutschland verladen?" „Walter, als ich auszog, mir in Südwest eine neue Heimat zu suchen, steckte mir die Geliebte, die später nachkam und meine Frau wurde, ein Eichenzweiglein mit zwei Früchten und drei Blättern an den Hut. Die Blätter verdorrten und der Wind verwehte sie. Von den Früchten nahm mir eine die Brandung in der Swakopmunder Bucht. Die andere kollerte zu Boden, als ich den ersten Spatenstich zu meinem Hause führte. Sch dachte, sie entbietet Grüße und segnet mein Beginnen. Der Samen ging an, wurde Reis, Bäumchen und 'Baum. Begleiter im Leben und Teilhaber eines Geschicks, das ihn und mich übrig ließ und will, daß wir gufammenbleiben. Heute nacht wird die Eiche ausgegraben und mit dem Wurzelballen und mit der Erde, die ihn umgibt, in Segeltücher geschlagen. Wenn ich Koffer und Kisten verlöre, früge ich wenig danach. Rur der Baum — um den darf ich nicht kommen. Du hast auch unter seinen Zweigen gesessen und geträumt. Hast gesagt, daß sein Rauschen von dem fernen Vaterland erzählt, von alten und neuen Taten, von deutscher Liebe und deutschem Leid. Was er dir spendete, hat er mir hundertfältig geschenkt." , „Drüben hast du tausend Eichen in einem einzigen Wald." „Sa, aber was denkst du, was die Eiche dort für mich bedeutet? Sn der Heimat wird sie Weisen tr^ Westasrika raunen. Wenn Frühling wird und Sommertage dichtes Laub und reifende Achren bringen, wird sie daran erinnern, daß jetzt oer Omaruru zu einem reißenden Strom wird, und die kalte Sahreszeit Springböcke, Perlhühner und Affenherden mit frostigen Rächten erschreckt. Und wenn sie in Bremen, Berlin und München Vorbereitungen für Weihnachten treffen, werden die kahlen Aeste unter Decken von Schnee davon sagen, daß nun die Dürre über Windhoek und Grvßfontain schreitet, dah glühende Hitze sengt, die Schwarzen Ernte halten und solange fressen, bis sie unförmige Bäuche und leere Vorratskammern haben. Die Eiche wird auch an dich gemahnen, an den alten Ertrnann, der in der Wildnis begraben sein wollte und von einem Handelszug nicht heim- SiehenerZamilienbliitler Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Boden, den ich aus diesem Sandkessel riß? An den Wasserreservoiren, die meine Mühle mit Felsblöcken dämmte?" „Sch wollte dich bitten, zu mir zu ziehen." „Es wird bei euch nicht anders gehen." „Traubengärten und Tabatäcker sind angelegt. Wir hoffen, »Inhalten zu können." „Sch glaube es nicht." „Was unternimmst du?" „Sch kehre zurück." „Wir dürfen diese Erde nicht verlassen." „Sch tat das meine.“ „Andere Zeiten bringen ein besseres Los." „Richt für mich. Die Hereros haben meine Kinder gemordet, sie haben mein Weib getötet — ich hielt aus. Sie haben meine Herden gestohlen und das Haus angezündet — ich richtete das Dach von neuem und zog wieder Rinder und Schafe heran. Sn den Sahren deS Weltkrieges setzte uns der Engländer hinter Drahtverhaue. Fürchterlich — in heißen Monaten nur auf eine Winzigkeit Raum angewiesen zu fein. Auf und ab gingen wir — wie Tiger in Käsigen. Smmer auf und ab. Und stets dieselben Gesichter, dasselbe Essen, dasselbe Grinsen der Soldaten. Und unaufhörlich — endlos — das Hin und Her. Auf und ab — auf und ab. Auch das ertrug ich und murrte nicht. Dann kam die Finsternis. Der Tag, an dein wir erfuhren, daß die Heimat uns preisgeben mußte. Weißt du noch, wie wir zusammenbrachen, erinnerst du dich der Stunden, in denen die Zeit so wesenlos tot war wie diese Oede? Selbst das schlimmste zwang ich mich zu überwinden. Sch hoffte und hoffe auch heute. Rur — für mich nicht mehr. Der Widerstand des Herzens ist aufgezehrt. Morgen beginnt die Reife zum Meer, und in einer Woche die Fahrt nach Hamburg. Srgendwo finde ich Unterschlupf. Eine Hütte, ein paar Quadratmeter Garten mit Sohannisbeersträuchern und Obst- Hecken, dazu das Gegacker von Hennen und Zeisiggezwitscher — ich will mich begnügen und nicht klagen." „Roch einmal, Peter, wende dich nicht ab.“ „Sch habe in Freiheit gekämpft und gedarbt — der fremde» Knute, die uns unbarmherzig trifft, ergebe ich mich nicht." „Bist du mit dem Handel zufrieden?" „Sch bekam für das Vieh fast nichts. Für die Farm wenig und für meine Sammlung an Geweihen und Wildfellen etwas. Die besten Stücke habe ich behalten. Vier, fünf, sechs nehme ich mit, von de» mb noch »sicht, ufjbobcn > zu be-' n Saale | ereckiger j eer war, : der an [en, doch; 3 es sich ten uni letten - nb etwas lehrte, von Leopardenjagden und Schlangenfallen. Dieses Land, mein Freund, dieses unser verlorenes Land,, dieses Land der Hoffnung — ewig wird es mir vor Augen sein." Der Reiter war abgestiegen und schritt neben seinem Frmrnde her. Sie überquerten das Flußbett und kamen durch einen Dusch von Palmen, Aloen und Aotdornhecken zu Gehöften und Steingerts Haus. Verstaubt und verkrüppelt stand die Eiche vor der Veranda. Ihr stark verkoriter Stamm war niedrig und dick, die Krone verkümmert. Die fremde Erde und das heiße Klima hatten ihren Wuchs behindert. Vach Eintritt der Dunkelheit und nach dem Aufkommen kühler Winde grub man den Baum aus, schlug nasse Segeltücher um den Wurzelballen und hob die Last mit Winden und Hebeln auf zwei aneinandergekoppelte Karren. Die Eiche ächzte, als sie sich auf die Dohlen legte. . r , In der Frühe des nächsten Tages ließ der Alte sechzehn Ochsen vor die Wagen spannen und schied von Okambe. Walter Heck gab ihm das Geleit bis zur dritten Raststätte. Ein Hamburger Makler hatte als Unterschlupf für Peter Steingert ein Häuschen in seinem Heimatdorf erworben. Beim Einzug gab es kaum Aufsehen. Erst als der Afrikaner daran ging, ein tiefes Loch vor seiner Wohnung auszuheben und eine- Mittags mit Hott und Hüh, mit Fuhrmannsgekreische, Knarren und Knattern schwere Wagen mit einer blätterlosen und verknorpelten Eiche heranächzten, reckte man die Hälse und ward neugierig. Viel Volk sah zu, als die Fracht von ihren Tüchern befreit, der Daum heruntergelassen und eingepflanzt wurde. Es fehlte nicht an Scherzen, und mancher Spott wurde laut. Peter Steingert kümmerte sich nicht darum. Eimer um Eimer voll Wasser trug er herbei und goß sie aus, beschnitt verbrochene Aeste und pflasterte eine große Wunde vor der Ausgabelung mit Lehm und ausgeschnallten Brettern zu. Heden Tag sorgte er sich um den Daum. Die Eiche gewann Leben. Als sich im Lenz die Welt mit Blüten und jungem Grün schmückte, trieb auch sie rostbraune Knospen und öffnete die Hüllen bald. Kinder flochten Kränze aus ihren Blättern und schmückten sich damit. Peter Steingert lieh sie gewähren und gestattet es auch heute gern. Jeden Abend sitzt er unter dem Daum, lauscht in das Flüstern der Aeste hinauf und träumt von einem fernen Land. Für ihn hat Deutschland nur eine einzige Eiche. Mathematik und Musik- Das Problem der Doppelbegabung. Von Dr. L. Kühle, Heidelberg. Daß gewisse natürliche Beziehungen zwischen Mathematik und Musik bestehen, ist nicht neu. Am längsten bekannt sind die auf dem Umweg über die Physik der schwingenden Saite. Der unfaßbaren Rätselhaftigkeit des geheimnisvollen Phänomens „Musik" mit seiner dämonischen Wirkung auf die menschliche Seele steht die verstandesmäßig klare, nüchterne Tatsache gegenüber, daß die Harmonie der musikalischen Konsonanzen abhängig ist von gewissen Zahlgesetzen, daß nur dann eine eine Oktave, Quinte, Quarte zustande kommt, wenn die Längen der tönenden Saiten sich mit mathematischer Genauigkeit verhalten wie 2:1, 3:2 oder 4:3. Die Griechen sind wohl die eigentlichen Entdecker dieser Zusammenhänge und ihrer Bedeutung — wenn auch die Zahlverhältnisse selbst schon lange vorher im Orient bekannt gewesen sind. Die Griechen haben eine unerhört strenge spekulative Musiktheorie aufgebaut, die sowohl das kosmische Geschehen als „Harmonie der Sphären" regierte, wie sie die Grundlagen des Staates beherrschte. Es ist bekannt, daß eine Revolutionierung der musikalischen Formen schließlich sogar für staatsfeindlich erklärt wurde. So zeigt uns jene Epoche Musik als Offenbarung des metaphysischen Urgrundes alles Seins, als eine die menschliche Seele ebenso wie alles Wirkliche beherrschende Macht. Stber — wird man über diese streng formale, mathematisch-philosophisch begründete Musik hinaus eine innere Verwandtschaft zwischen der „dionysischsten der Künste" und der „Begrifflichsten der Wissenschaften" finden können? Was wir heute Musik nennen, als Musik begreifen und empfinden, was sollte das noch mit mathematischem Denken zu tun haben? Kann die Musik, welche Plato mit Begeisterung die Schwester der Astronomie nennt, und von der noch Leibniz sagte, der Genuß, den sie gewähre, sei etwa der Freude beim Aufgehen einer arithmetischen Aufgabe zu vergleichen, mit unserem völlig anders gearteten romantischen Musikgefühl identisch sein? Das Problem der Verwandtschaft von Mathematik und Musik ist in der Gegenwart auf eine ganz neue Weise durch Untersuchungen der experimentellen Psychologie wieder aktuell geworden und es steht heute zweifellos fest, daß irgendeine Verwandtschast besteht. Die experimentelle Psychologie interessiert sich lebhaft für das Problem, wie die einzelnen geistigen Fähigkeiten voneinander abhängen und woraus sie hervorgehen. Eine Lösung dieser Frage würde entscheidende Aufschlüsse geben über die Struktur des menschlichen Geistes überhaupt. Es wurde in dieser Richtung zuerst von dem Amerikaner S p e a r - man, allerdings mit gänzlich unzureichenden Methoden, geforscht. Spearman und später auch Krüger maßen mit Hilfe gewisser Methoden der Mychophysik die Fähigkeiten des Addierens und Kombinierens, das Vermögen Tonhöhen zu unterscheiden und den Raumsinn bei einer großen Anzahl von Versuchspersonen. Sie fanden dabei eine gewisse Gemeinschaft des Auftretens, eine Korrelation zwischen Ton- unterscheidungsvermögen einerseits und der Fähigkeit des Addierens :md Kombinierens andererseits. Zweifellos war aber dieser Versuch, sozusagen aus „Elementarfähigkeiten" Schlüsse auf geistige Leistungen und ihre Zusammenhänge zu ziehen verfehlt. Die von Spearman und Krüger untersuchten Eigen- schäften sind nicht eigentlich geistige, sondern sensuale Fähigkeiten. Mit mathematischer und musikalischer Begabung haben weder die Kunst des Addierens noch die Fähigkeit, Tonhöhen zu unterscheiden, etwas zu tun, denn es gibt große Mathematiker, die nicht rechnen können, ebenso wie bedeutende Musiker durchaus nicht immer zuverlässiges Gehör haben. Das Zusammentreffen wirklicher Begabungen für Mathematik und Musik untersuchte der Psychologe Richard Miller an einem außer- ordentlich günstigen Material. Er durchforschte zehn Jahrgänge eines Lehrerseminars, dessen Schüler bekanntlich Mathematik und Musik als Pflichtfächer treiben müssen. Seine Statistik umfaßt 826 Fälle, kann also einigen Anspruch auf Zuverlässigkeit machen. Er fand sehr interessante Zahlen und Zusammenhänge: intellektuell-mathematische Anlage gleichzeitig mit ausgesprochen künstlerischer — hier musikalischer — sand sich, meist im Rahmen hervorragender Gesamtanlage, bei 66,3 Prozent der Musiker und bei 55,9 Prozent der Mathematiker, d.h. in etwa zwei Drittel aller Fälle traten mathematische und musikalische Begabung gemeinsam auf. • Nur mathematisch begabt und nicht musikalisch waren 21,7 Prozent der Mathematiker und nur musikalisch, aber nicht mathematisch begabt, waren 20,4 Prozent der Musiker. Einseitige Talente sind also relativ selten. Beachtenswert ist hierbei, daß offenbar häufiger ausgezeichnete Musiker auch gute Mathematiker find als umgekehrt! — Miller stellte weiterhin fest, daß die guten Mathematiker auf mufi- kaliichem Gebiet im allgemeinen Besonderes in Harmonielehre und Kontrapunktik ^leisten; außerdem sind sie für Klavier und Orgel mehr begabt, als etwa für Geige und Gesang, also eine Betonung des Polyphonen. Es hat somit den Anschein, als ob das konstruktive Ele- ment in der Musik, die Harmonik dem mathematischen Gefühl naher verwandt sei, als die Melodik. Wenn man mit Miller die Formen der Begabung einteilt in produktive und reproduktive und diese wieder in konstruktive und intuitive bzw. formbetonte und gefühlsbetonte, dann liegt es sehr nahe, das konstruktive, formbetonte Element in der Musik wie in der Mathematik als das Gemeinsame vorauszusetzen. Besonders interessant ist natürlich die Frage nach dem Auftreten von Doppelbegabungen bei den großen Talenten und Genies. Für Die Kenntnis der mathematischen Veranlagung bedeutender Musiker Der Vergangenheit läßt sich wenig Material beschossen. Im allgemeinen fehlte es wohl Männern wie Beethoven, Bach und selbst auch den Romantikern an engerer Berührung mit der Mathematik, so daß etwaige Talente gar nicht zur Entwicklung kommen konnten. Nur von Mozart ist es überliefert, daß er in seiner Schulzeit als ein Wunder- kind im Rechnen galt. Auch über mathematische Fähigkeiten lebender großer Musiker ist bisher noch nicht genügend Material gesammelt. Lediglich von einzelnen, z.B. von den Pianisten Moritz Rosenthal und Alfred Höhn weiß man, daß sie auch starkes Jnteresie für mathematische Dinge besitzen. Auch hier ist interessant das Zusammentressen von Mathematik und Klavierspiel. , Ueber die musikalischen Fähigkeiten und Neigungen der bedeutenden lebenden Mathematiker weiß man dagegen recht gut Bescheid. Es sanden sich hier ähnliche Verhältnisse wie sie Miller bei den Semmarschulern gesunden hat. Der Verfasser hat z. B. festgestellt, daß fast durchweg unmusikalisch nur die sog. Zahlentheoretiker, d.h. dieiemgen Mathematiker sind, die sich mit abstrakter Größenlehre beschäftigen, wahrend alle anderen, an Anschauung und konstruktives Denken geknüpften Zweig« der Mathematik fast durchweg mit musikalischen Interessen gepaart erscheinen. Hier ging die musikalische Begabung bis zum ausgespn- ebenen Talent. Bekannt ist z. B., daß der große französische Analytik«! Adamar als ein hervorragender Cellist gilt und von E i n ft ein, um noch ein Beispiel zu nennen, weih man, daß er ausgezeichnet *Die^Statistik beweist also, was das Gefühl des Laien zunächst ab- lehnen mochte: es gibt eine zweifellose Neigung von musikalischen und mathematischen Fähigkeiten, gemeinsam aufzutreten. Die Wissenschasl hat zwar zunächst noch keine ausreichende Theorie zur Erklärung bic|«s Phänomens, immerhin aber geht aus den Untersuchungen Millers, mit aus den Feststellungen des Verfassers hervor, daß ein gemeinsames Element der künstlerischen, wie der wissenschaftlichen Begabung zu- grunbe liegen muß. 3m Lande der Eskimos. Von Dr. Ernst Ehrenberg. Es ist sehr seltsam, zu wissen, daß hoch im Norden, drüben in ©rön- land, auf Bassinsland, um den Hudsonsee (Kanada) und-in Alaska I® primitiven Menschen wohnen, die im Kampf mit den härtesten ROM gemalten ihr abgeschlossenes Leben führen: die Eskimos. Was a- den Kulturländern des Südens zu ihnen bringt, ist wie ein schwaches W aus einer phantastischen Welt, die sie nicht kennen. Eis und Schnee |i der ewige Zauber ihrer einsamen Landschaft. Und die Stürme, die über v» Schneefelder fegen, senden ihnen die Musik der Sphären in die ken berichtet hat, erzählt 1 genbe Legende: „Ein Eskimo, der jeden Tag die Sonne über dem unem- lichen Eismeer aufgehen sah, wurde einst von seinen Angehörigen ° stimmt, doch ein einziges Mal ein mehr westliches Jagdgebiet anfOTWt Er gab nach, und sie wanderten so lange, bis für sie die Sonne nuJM über dem Meere, sondern über dem Lande aufging. Nun sch-n - dem Alten, daß er jenseits der Grenze der Erde sei, und er besay i fertige Umkehr. Auf den alten Lagerplatz zurückgekehrt, war es sein e ' die Sonne zu begrüßen. Er ging ihr entgegen, neigte sich tief vor i? r SBaben Als er nicht roieibertam und man noch ihm sah, war er to t. Di« Freude hatte ihn getötet." Es ist uwmöglich, einfacher und ergreifender zu lagen, was dreien Menschen ihre eisig« Heimat bedeutet. Leeden hat'drei Jahre an der Hudsonducht (im.nordöstlichen Kanada) unter Eskimos gelebt, und zwar unter Stämmen, die niemals zuvor (mit Ausnahme von zwei Amerikanern, die getötet wurden) einen Weihen gesehen hatten. Diese beiden amerikanischen Forschungsreisenden verloren chr Leben durch eigene Schuld. Als an einem Morgen die begleitenden Eskimos wegen eines wehenden Schneesturms sich weigerten, sofort wer- terzuwandern, sucht der eine der beiden Amerikaner die Begleiter mit - ber Reitpeitsche zum Weitermarsch zu zwingen. Die Eskimos nahmen diesen Wutanfall als ein Zeichen dafür, daß der Fremd« von oo en Geistern bfeffen sei und töteten beide. Lüge, Betrug und Zorn gelten diesen Eskimos am Hudson als Zeichen von Besessenheit. Man rettet den Menschen, der von ihr befallen wird, indem man ihn tötet. Leeden, der viermal das nördliche Kanada besuchte, hat das Leben der Eskimos im Film festgehalten und ihre Musik in Phonogrammen ausgenommen. „Die Musik ist (so erzählt Leeden) Ausdruck und Losung aller Spannungen des Eskimolebens. Sie besingen ihr Leben, ihr« Liebe, chr Land, sie lösen ihre Streitigkeiten durch Gesang und derjenige, der den Zuhörern besser gefällt, gewinnt." Die Dafeinsbedingungen für die Eskimos an der Hudsonbucht (deren Wasserfläche die der Nordsee Wer- trifft) sind andere, als die der Eskimos im benachbarten Grönland. Während des Sommers wirb so viel Wild (Walrosse und Renntiere) erlegt, daß die Vorräte, die an der Küste unter Steinen aufbewahrt werden, auch über den Winter reichen. Um den Moschusochsen vor der drohenden Ausrottung zu bewahren, veranlaßte Leeden bei der Regierung den Erlaß eines Schutzgesetzes. Der Ersolg war, daß di« Jagd auf di es«s selten geworden« Tier unterblieb, weil di« Händler den Eskimos die Felle nicht mehr abkaufen durften. Leeden kommt zu dem Schluß, daß di« kanadischen , Eskimos, worauf Körper- und Schädelbitdung hindeuten, von den Indianern abftammen und sich in dieser Hinsicht, aber auch in bezug aus Musik und Tanz von den grönländischen Eskimos wesentlich unterscheiden. Es sind nun fast vier Jahrzehnte her — es war im Jahr 1890 — als der Direktor für das Erziehungswefen in Alaska, Dr. Jackson, feinen Bezirk bereiste und di« Entdeckung machte, daß die Eingeborenen (Indianer, Eskimos und Lappen) ihre Nahrungsquellen immer mehr verloren. Die Wale waren, aus Furcht vor den lveißen Jägern, nach Norden aus« gewandert, das Walroß war verschwunden, desgleichen der Seehimd und der Karibu (eine Abart des Renntiers) war nahezu ausgerottet. Die Regierung in Washington empfing ben Bericht Dr. Jacksons und griff sofort ein. Schon in den nächsten Jahren wurden aus Sibirien — viele lachten über das Unternehmen — über taufend Renntiere eingeführt. Sie vermehrten sich sehr schnell. Heute find es bereits 500 000. Man hat berechnet, daß auf den weiten Ebenen von Alaska, die rund 400 000 Quadratmeilen umfassen, etwa zehn Millionen Renntiere leben könnten. Wenn man sich vorstellt, daß di« Zuchtkosten für ein Renntier (die Regierung in Washington stellt die Weide kostenlos zur Verfügung) etwa ein Dollar pro Jahr beträgt, während für ein Renntier 23 Dollar (Schlachtgewicht) bezahlt werden, dann begreift man, daß in Alaska dis Renntierzucht ein lohnendes Geschäft zu werden beginnt. Die Alaska-Eskimos unterscheiden sich sehr wesentlich von denen, die am Hudson wohnen oder gar in Bas fin sla nd. Die Leute in Alaska — 12000 Eskimos wohnen dort — haben rechnen gelernt und kümmern sich sehr geschäftstüchtig um den Fleifchversand. Sie wohnen nicht mehr, wie einst, in Eishütten, sondern in sehr komfortablen Wohnungen und verfolgen sehr genau den Stand ihres Bankkontos. Es find wohlhabende Leute geworden, die jährlich ihre viertausend Dollar einnehmem Sie haben ihr« Jagd, ihr Grammophon, ihr Radio. Freilich weiter nördlich, am Kap Narrow, wo das Packeis des Eismeers das ganze Jahr zu fchen ist, sieht die Welt schon etwas anders aus. Dort oben, am Point Barrow, und auch am Großen Bärenfee ist das Leben von grausamer Härte. Es ist das Land des Schweigens, das Land der großen ©titte, der unendlichen eisigen Em- tamfeit. , ... . Und wenn wir nach Grönland hinübergehen, rot« ist es dort? Im vorigen Jahr ist das dänische Expeditionsschiff „Grönland , das di« An- fiedlung von Kolonisten an der noch unerschlosienen vstkust« Grönlands am Skoresbyfund, in die Wege leiten sollte, nach Kopenhagen heimgekchrt. In diesem Sonmier sollen die aus dem übervölkerten Westgrönland übergeführten Eskimos Wohnstätten erhalten, roomit ein neuer Abschnitt da- nifcher Kolonisierung Ostgrönlands beginnt. Wir vergessen, wenn rmr den Namen Grönland" ausfprechen, daß es sich bei diesem Land, ,cher größten Insel der Erde", um ein Gebiet handelt, das so groß ist wie Europa (mit Ausnahme von Rußland). Der bekannt« Arktisforscher Knud Ras- muffen hat es auf einer vierjährigen Expedition durchforscht und eine neue Kartographiernng veranlaßt. Rasmussen vermutet, daß die Grönländer aus dem arktischen Nordamerika nach Grönland herübergewandert find, und alle Zeichen deuten daraus hin, daß die Vorfahren einst vom Meere (nämlich vom Seetierfang) lebten, während heute — das Küstern gebiet hat sich inzwischen um zehn Meter gehoben — tae Bewohner sich zu Inland-Eskimos entwickelt haben. „Die Uebereinftnnmung zwischen der Kultur in Grönland und der älteren Kultur in dem zentralen EÄmno- gebiet (so berichtet Rasmussen) macht es wahrscheinlich, daß die Grönländer seinerzeit aus dieser Gegend auswanderten, was unter anderem auch dadurch erhärtet wird, daß erstaunlich viel« Sagen hier ganz ote« selben sind, wie diejenigen, die man von Grönland her kennt. Rasmussen ließ, um Vergleiche zu gewinnen, durch einige 8 reu nie die Eskimos auf der amerikanischen Seit« ausfuchen. Er berichtet: „Dt«fe Eskimos leben vollständig unabhängig vom Meer, indem ihr Haupterwerb in Renntteriagd besteht, ergänzt durch Lachsfang in den Seen und Gebirgsbächen. So ganz ohne Kenntnis der Küsten-oerhaltnisfe sind sie, daß sie uns zum Beispiel fragten, wo die „Hörner" an den Seehunden fitzen, und uns, da wir zufällig Walroßfleisch auf unseren Schlitten hatten, baten, es auszuschneiden, da sie ganz unbekannt damit waren. Ihr« Kultur ist die am meisten primitive Eskimokultur, die man kennt. Alle die Zeugnisse, die wir sammeln konnten, deuten darauf, daß wir hier vor einem Rest der Ur-Eskimos ftchen." Es sind jene Eskimos, die noch an Geisterbeschwörungen glauben und alle Reste, die von Mahlzeiten übrigbleiben, vergraben, weil, wie man sagt, die Geister nicht sehen dürfen, daß irgendetwas achtlos weggeworfen wird. Vor etwa taufend Jahren wurde Grönland entdeckt und besiedelt. Es ist nur an den Randen bewohnt. Das Innere — ein ganzer Kontinent, von Gletschern überzogen — wartet noch der Entdecker. Alaska, Baffinsland und Grönland — Heimat der Eskimos —• Schnee- land und Land des ewigen Eises. Was wissen wir? Von den ewigen Wellen der Kultur umspült, ahnen wir nichts vom ungeselligen Norden und von dem Kampf, den der Mensch dieser nöMichen Zonen ausfechten muß, um fein fpärliches Leben zu behaupten. dessen Verlängerung wir auf den Backofen sahen. Ein koft- irömte von dort auf uns zu, und in Erwartung der Wecken ins auf die Holzbänke, die um einen groben Tisch an der Tische stehen und sah vergnüglich unserer „Liebwerter Meister," sagte Franz, al ,3a, ,Ei, ,3a „Es waren zwei Königskinder". Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.) Meister, und wir sind schon von Stuttgart kommen!" der Tausend, scho vo Stuegert? Des mär’!" freilich: aber saget, sind denn die Wecken fertig? Wir haben „No net, ihr Herre, aber bald! Send Se no so guet und gonget Se derweil in d' Stube!" . Und rasch war die Haustür geöffnet, und wir traten in em großes Zimmer, in dessen Verlängerung wir aus den Backofen sahen. Em kost- licher Duft strömte von dort auf uns zu, und in Erwartung der Wecken senken wir uns auf die Holzbänke, die um einen groben Tisch an per Wand entlang liefen. Der Meister ging zwischen uns und dem Ofen hm und wieder, bald aber schüttete er aus (einer weißen Schurze einen Hausen Wecken vor uns hin und schob ein großes, hölzernes Salz- faß, das auf dem Tische stand, in unsere Nähe Ha, rote uns die in Salz getauchten Wecken schmeckten, und wie taschenspielerartig wir Ne verschwinden ließen! Auch Marx hielt tapfer mit, und (eine blaß- gelben Wangen röteten sich von dem warmen Brote. Noch einmal mußte der Meister Sukkurs aus dem Ofen holen, dann blieb er am Tische stehen und sah vergnüglich unserer Mahlzeit zu. „Liebwerter Meister," sagte Franz, als alles gesättigt war, und (ab ihn zärtlich an, indem er sich den Schnurrbart wischte, Sie haben sich der unzeitigen Gäste wie ein Vater angenommen; bafür (oll Ihnen auch ein Hochgenuß bereitet werden. Wir gehören nämlich zu dem immer seltener werdenden Orden der fahrenden Sänger! Damit griff er in die Tasche, reichte uns die Stimmen, dann bewegte er die Hand: „Ems. zwei!" und „Tropfen vo Tau!" klang es; wir sangen, der Meister faltete die Hände über seinem Bauch, lächelte uns an und taktierte schließlich mit dem Kopfe. „ . . . „Schön; aber schön!" sagte er endlich, „no der Tenor , und er (^ mit bescheidener Schlauheit zu uns auf, ,Her Tenor kommt mir « bißet« schwach für!" ' ' Marr "strich fein dunkles Haar sich von den Schläfen; denn er war der Tenor. „Das macht der Text, Meister" sagte er, „das.darf man nur jo spinnewebenartig fingen, roenn's nicht zerreißen fall. .Gut gebrüllt, Löwe!" murmelte Franz. 3a stelle," tagte der Bäcker; „die Herre verstandet des besser, und schö'isch geroea, des laß i mir net nemme! Mer haut hie au en Gsatm- verein, aber der goht no im Sommer manchmal furt. wisset Se, wenn, e Fahnenweih ober fo ebbes gelt. 3 g'hör au, derzue, well t zu bene Ausflüg b’ Wecke unb b’ Hörnle liefere mueß." Ein schelmisches Lächeln lief über das hübsche Antlitz unseres Dirigenten. „Nun, Meister," sagte er, „wir müssen weiter, aber wir (ollen unsere Wecken noch bezahlen!" , Aber der gute Monn wehrte mit beiden Händen ab. »Destht met Sach ,’s sicht alles scho in Richtigkeit, und jetzt dank t ebe reacht schon für den schöne Morgegrueß!" und somit geleitete er uns zur Daustür. „Ein prächtiger alter Herr," sagte Franz, da wir draußen auf der Gaffe standen; „das Frühstück hätten wir uns ersungen, wo kriegen wir nun den Kaffee? Die geretteten dreizehn reichen dazu nicht. Es gab ein Hin- und Widerreden ich roolltenach frrus, aber• i* wurde überstimmt. Marx zog seine Uhr. „Nordischer SiichenschMfer rief er und wies gen Osten in eine Nebengasse, „sieh nur, wie dort die Sonne schon am Himmel tanzt! 3m nächsten Dorfe lebt mir ^n Gast- freund, das heißt: ein Krugwirt, der mich im Frühjahr °uf seinem Wagen ein Stück Weges mitnahm und mich bann mit einem Schnaps traktierte; dort laßt uns um den Kaffee fingen! „Akzeptiert! Vorwärts zum Kaffee! rief Franz uv» wir schritten alle die buckelige Straße hinunter. Es war noch erste Mmg-nMe. die Schatten der alten Häuser lagen auf den feuchten Steinen, nur am Markte rauschte ein Brunnen aus drei (leinen Rohren, und aus dem Fenster eines oberen Stockwerks sah ein Mädchen auf uns herab, bas braune Haar um die verschlafenen Augen, einen Besenstock in der ^Marx streckte die Arme gegen uns: „Halt!" sagte er leise. „Franz, die Stimmen." _ „ . Im Augenblick standen wir um den Brunnen, und. „Eins, zwell --Tropfen von laut" , _ , .. . Die Dirne sah lachend zu uns nieder und druckte sich den Besenstock ans Herz; wir aber warfen die Augen »» ihr empor und sangen nicht ohne Innigkeit das Stück zu Ende. „Lebwohl, schönes Kind! nef Marx, da wir die Stimmen roieocr abgaben, „lebroohl und laß den Tag dir 6U^ßehbcroo®!?! Lebewohl!" riefen auch wir anderen und sie nickte noch einmal, blutrot in ihrem schmucken Angesicht, und verschwand im Dunkel des Gemaches. Mr aber schritten bald zum Tor hinaus, die Lerchen fangen chon, und wie leise Melodie tonte das Rauschen der Rems zu uns herüber. „Linele!" murmelte Marx und ließ den Kopf auf die Brust sinken. „Was, Linele? Hieß die Linele? Bist du auch hier bekannt?" frug „di was, ich sprach nur zu mir selber." „So? — Nun, Lavendel, das mußt du nächstesmal dabet sagen. Uebrigens scheinst du dich mit sträflichen Geheimnissen zu befassen!" Marx tat, als ob er nichts gehört habe, und ging strack voran. Bald hatten wir ein Dorf erreicht — den Namen habe ich vergessen —, in der offenen Tür eines Hauses, unter einem Schüde mit einem roten Ochjen- kopf, stand, von den schrägen Sonnenstrahlen angeschienen, ein grauköpfiger Mann in Hemdärmeln und mit weißer Zipfelmütze. „Mein Gastfreund," sagte unser Halbfranzose, und „Grieß Gott, Herr Marx!" ries der Wirt und streckte ihm die runde Hand entgegen und schüttelte sie kräftig. „Wisset Se no, wia mer mit anander g'fahre send? Se hent wälle nach Stueert aufs Konservatori! Wo kommet Se denn letzt gar fo früeh fcho her? Aber wollet die Herre net rei'fpaziere? D’ Luft goht kuel vom Tal her." Wir traten in die große, leere Gaststube, Franz warf seinen Ziegenhainer aus den Tisch und sagte mit Würde: „Drei Glas Pomeranzen, Herr Wirt." Ich erschrak: „O weh, unsere armen dreizehn!" Aber Franz hatte in diesen Dingen stets die Oberleitung. Der Wirt hantierte schon an seinem Flaschenbord und setzte die Gläser vor uns aus den Tisch. „No," sagte er zu Marx, „wie goht's? Was machet Se denn? Se send e bißle schmäler worren do rinn’, und er strich sich nut dem Finger um feine runden Backen. Marx nahm sein Glas und nippte: „Ach. Herr Wirt, das ist vom selben, mit dem Sie mich dazumal erquickten. Ja, mich anlangend," fuhr er fort, „wir drei, wie Sie uns hier sehen, gehören zu dem jetzt so seltenen Orden der fahrenden Sänger, aber wir hoffen frischen Schwung hineinzubringen." „Des wär'! Ei, was Se saget!" sagte der Wirt und schaute uns mit unglaublich dummen Augen an. „Sie scheinen Zweifel zu hegen, lieber Mann," nahm jetzt Franz das Wort und sah ihn mit Würde durch seine Brille an; „es ist Ihnen auch nicht gerade zu verdenken; aber — liebe Sangesbrüder, habt die Güte!" Und er verteilte wiederum die Stimmen. „Ei was, machet Se koine G'schichte!" rief unser Wirt; „i Han jo net da mindeschte Zweifel." Aber schon taktierte Franz: „Eins, zwei!" und „Tropfen von Tau!" scholl es in so reinem Dveiklangj ich weiß nicht, half uns der Margen, der so hell in die Fenster schien; mir war, wir hätten's niemals noch so schön gesungen. Der Wirt hatte beide Hände auf den Tisch gestemmt und sah uns bewegungslos mit seinen runden Augen an. ,,'Jioi, so was!" rief er. „Ebbes so Schönes! Wo hent Sc des denn profitiert? Aber halt!" und er schlug mit der Faust auf den Tisch. „I hol' mei Weib! Ah, wia di jung gwea isch, Hot je au g'sunge wie a Lerchle! Und mei Tochter, dia Hot Klavierstund' beim Lehrer hie. Gelt, so singet's uns no emoti" Er wollte davontraben, aber Franz hielt ihn zurück: „Warten Sie, Herr Wirt, wir singen's Ihnen schon gern noch einmal wieder; aber, wissen Sie, hier? In der ordinären Gaststub'? Es geht schon auf fünf Uhr, es könnten Leute kommen — das paßt sich nicht für unseren Stand." „Ja, ja," sagte der Wirt, „i hör, i begreif scho, aber kommet Se no nauf in die ober' Stilb, in unser guete Stub, da wird's schon gehe!" Franz warf uns einen triumphierenden Blick zu, und der Wirt führte uns eine Treppe hinauf in eine leidlich möblierte Stube mit niedriger Decke, worin sich außer den Bildern von König und Königin auch eine Art von hartem Sofa vorfand. Dann lief er fort und kam bald mit einer sauberen Fünfzigerin und einem etwa zehnjährigen Mädchen in die Stube. Sie sagten beide ihr „Grieß Gott!" und setzten sich auf Stühle neben der Tür, während der Wirt am Pfosten stehen blieb. Aber als wir kaum die ersten zwölf Takte hinter uns hatten, wurde das Gesicht der Wirtin schon lebendig; sie schlug mit den Händen auf ihre runden Knie und sah aus ihren feurigen Augen liebevoll zu uns herüber. „Wisset Se!" rief sie, da wir eben einen brillanten Schluß gemacht hatten, „mer heut e Hauzich heut im Dors! Das wär' e Fraid, wann Se do finge tätet! 's ischi en alte Liabschast, 's Bräutigams Bater hot net wolle, und er hal s Guet g'hett; aber jetzt leit er drüben auf’m Kirchhof, und heut lasset sich de Junge z’samme gebe. Des wär' halt schön von bene Herre, wenn mer do so a paar Liedle könnt z'höre kriege! And a Tänzle? Do werdet Se au nix dagege Han!" Ich sah schon, daß dem Franz die Lust zu Kopfe stieg; auch dem Wirt gefiel der Borschlag, und beide Eheleute drängten jetzt, wir sollten bleiben. „Au, nu,“ sagte der Ehemann endlich, da keine reine Antwort von uns kam, „verakkordieret's mitenander!" Damit zog er seine Frau zur Tür hinaus, während das Dirnlein sich hinterdrein drängte. „Das geht nicht," sagte Marx bestimmt, „um zehn Ahr habe ich Klavierstunde, ich muh nach Haus." Franz sagte nichts, aber er sah verdrossen auf dem Sofa und kaute an einem Strohhalm, er konnte sein Gelüsten offenbar noch nicht verwinden. „Liebster Dirigent," sagte ich, da auch mir des Abenteuers nun genug schien, „gedenkst du wirklich den fahrenden ©ängerorben mit unserem einen Terzett gegen eine ganze Bauernhochzeit ausrecht- zuerhalten?" Er warf den Kopf zurück, und ein sieghaftes Lächeln flog über fein junges Antlitz; denn schwere Schritte und ein Klirren von Tassen und Lösselchen kam draußen die Stiege heraus. „Der Kaffee! Beim Zeus, der Kaffee!" rief er fröhlich; „du hast recht, Aordmann, wir müssen gehen!" And da erschien er und erfüllte das Zimmer mit feinem belebenden Morgendujt; eine dicke Magd trug ihn, die Familie folgte: „Au, ihr Herre!" rief der Wirt, „was pent Se ausg'macht?" Aber Franz erklärte, nicht ohne Feierlichkeit, daß eine Ver- sammlung der fahrenden Sänger uns auf den Abend unabkömmlich mache. Die Frau wollte sich nicht zufrieden geben; sie hatte die Augen immer noch auf unseren schmucken Dirigenten; der Wirt aber rief: „Au, Weib, wenn's emol net sei ka! Schenk bene Herre ihre Schale voll, se hent no en weite Weag z' mached." Ich glaube, nimmer noch hat mir ein Kaffee so geschmeckt, wie Wonne zog es mir burch alle Glieder; bann aber fragten wir nach unserer Schuldigkeit. Die guten Leute wurden fast zornig, als Franz in frevlem lieber- mut den Finger auf den Tisch stützte und aufrechnend frug: „Drei Portionen Kaffee?" Mir fiel das Herz dabei völlig — salva venia — in die Hosen; aber, Gott bewahre! Aur für die drei bestellten Pomeranzen, weiter waren wir nichts schuldig! Unter vielem Dank und Händeschütteln verabschiedeten wir uns, und da wir nachzählten, waren noch fünf Kreuzer in unserer Reisekasse. Wir fühlten endlich, bah wir unsere Kräfte ausgegeben hatten, und gingen ohne viele Worte unseren Weg zurück; nur Franz sagte noch einmal wie zu sich selber: „Aeun Kreuzer unb ein Terzett!" Etwa halb zehn Ahr vormittags langten wir in meiner Wohnung an. „Mcht einen Schritt weiter!" rief Franz und warf sich auf mein Sofa; „Pier Iah ich's nachten unb auch wieder tagen!“ Ich warf mich, wie ich war, aufs Bett; ich glaube, es war die größte Müdigkeit meines Lebens. „And du, Marx?" frug ich. Er saß zusammengesunken auf meinem Klavierbvck und sah hunds- elcnb aus. „Laß mich noch ein Diertelstündchen!" erwiderte er; „um zehn Ahr muh ich zur Klavierstunde!" Wie ich später von dem Lehrer hörte, hatte er gerade damals vortrefflich gespielt; aber was es ihm an Aervenkapital gekostet, । davon hat er nicht geredet. — Franz und ich schliefen, bis am anderen Morgen früh die Hähne krähten. Sv lebten wir im ersten Jahre miteinander zusammen in frischem Jugendübermut, jeder für sich in gewissenhafter Arbeit, Marx in peinlichster Pflichterfüllung. Im Winter wurde ein größerer Verein gestiftet — „Drehorgel" hieh er —, wo man einmal in der Woche ; im Wirtshaus zusammenkam; Zweck und Inhalt waren dieselben wie bei unseren kleinen „Versammlungen“, die aber deshalb nicht gestört wurden. Don den drei Freunden hatte sich derzeit Marx am festesten an mich geschlossen; wir sahen uns fast täglich. Aber er war nicht eben ein bequemer Freund, obgleich er mit fast kindlicher Liebe an mit ping, denn das leiseste Wort konnte ihn verstimmen, er war von krankhafter Reizbarkeit; zumal seine Abhängigkeit von der Meinung anderer über ihn war völlig quälend. War ihm dergleichen zugekommen, bann, wenn er abends nach der Versammlung mich nach Hause geleitete, faßte er krampfhaft meinen Arm, zitterte und knirschte mit den Zähnen und redete unendlich und immer eifriger über die meist recht gleichgültige Sache. „Richt wahr, du fühlst es! Du, du fühlst es doch auch, baß ich es nicht ertragen kann!" Ich hörte meist gebulbig zu, ober mitunter hörte ich auch nicht, ober ich sagte: „Lah doch ben Plunber, bu köntest dich um drei Kreuzer noch ins Tollhaus reden." Dann wurde er eine Weile still, aber es half doch nicht. Aie vergesse ich den Abend, da unser gemeinsamer Klavierlehrer, ein wahrer Vater seiner Konservatoristen, ihn in der Aachmittagsstunbe, ich weih nicht mehr wie, auf den Tob sollte beleidigt haben; der Mensch sollte ihm vor die Pistole, der Unterricht zum mindesten sollte aushören! Ich entsinne mich noch, bah ich schließlich die Nachtklingel an einer 2lpotheke ziehen muhte, um Brausepulver für ihn zu kaufen, unb bah ich ihn in feiner Wohnune selber noch ins Bett packte. Er machte die Sache anderen Tags auch wirklich beim Direktor anhängig, und der gute Professor schrieb ihm bann: J’aüends Monsieur Marx pour sa lexou de Vendredi, je lui pro- mets de ne pas le manger et d’oublier meine sa singuliere fagon de me mehre a la porte‘l). — Wir anderen lachten, und io war dieser Falk ge« schlichtet. Marx hat mir einmal angebeutet, er sei, da er zum Musiker bestimmt gewesen, schon als Kind zu übermäßigem Klavierspiel an* getrieben worden, er habe nachher oft seine kleinen Hände nicht still* halten können; vielleicht lag hier der Arquell dieser Zustände. Hebet* dies trank er ben stärksten Kaffee, bevor er sich des Morgens ans Klavier setzte, unb rauchte scheußlich schweren Tabak, den er sich m grünen Blättern von einer Muhme in Lahr zu holen pflegte. Nun war in ben ersten neuen Frühlingstagen auch noch jener Seuizec „Linele!", den wir bei unserer Sängerfahrt zum erstenmal von ihm gehört hatten, zu einer vollgerechten Liebschaft ausgewachsen. 2lll- mählich hatte er alles mir anvertraut: die allerliebste Tischler* meistertochter wohnte ihm gerade gegenüber, durch die Fenster hatten sie sich zuerst gesehen, bann angesehen, blutrot und unter starkem Herzschlagen, bann halten kleine Hanbbewegungen unb Blumentöpfe ein Verständnis vermittelt; er hatte ihr ein Konzertbillett gesandt und, nachdem endlich die ewige Musik zu Ende gewesen, das junge, blonde Kind durch manche überflüssige Gassen nach ihrer Wohnung hingeleitet. (Fortsetzung folgt.) 1 „Ich erwarte Herrn Marx zu seiner Stunde am Freitag; verspreche ihm, ihn nicht aufzuessen unb selbst feine einzigartige Weise zu vergessen, mich vor die Tür zu setzen." Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniverf itäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Siehe».