Samstag, den 28. Januar Nummer 8 Jahrgang <928 SwäroiwSsBcaga«»“» ,r n DZMMerung. Von Hans Friedrich B l u n rt. Wenn's Licht verebbt, wenn all der bunten Dinge Versiegter Schein zu grauen Schatten wird, Wenn letzte, helle Luft in Hecken flirrt, Erlischt und blaß zum fahlen Wegstaub sinkt. Dann starb der Tag. Licht war des Tages Seele. — Wir spüren tief die Dämmerung, die uns zwingt, Auch uns einst zwingt, wenn unser Blut verschwingt Und unser Geist sich still zum Zwielicht schattet/ Wir spüren trauernd, daß der Tag und wir Uns nicht so fremd. Daß unser all Entstehn Wachsend in jedem Werden und Vergehn Ewiger Wiederkehr verfallen ist. Wir denken, daß wir elnfttnalg wie der Tag Im Dunkel aufgelöst und nebelNem Im Mondlicht geistern, nur ein Widerschein Versiegten Leuchtens, nur ein lsiblos Sehnen, Bis uns der Atem einer Mutter trinkt. Ein Ungebornes unsere Seele hascht, Und wollend, ungewollt, halb überrascht Sich unser neuer Lebensweg erhebt. 91« Frsu Tertr«-. Bon Hermann Hesse. Im einsamsten Gemach meines Schlosses, unter der Wölbung des schmalen Fensters, sitzest du ost. Freundlichste unter meinen Toten. Heber alles Zusammensein und Händehalten hinaus dauert noch deine unbegreifliche, gütige Gegenwart, wie eines Sternes, der verschollen ist und dessen Strahlen doch lange Zeiten noch zu uns reichen. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich unter dem .Himmel der Vita Nuooa gewandelt bin. Ich kann nicht zählen, wie oft ich verzweifelte, ein anderes Bild deiner Erscheinung zu finden. Keine Schönheit, wenn nicht die jenes süßesten Gedichtes, ist dir zu vergleichen. Mir ist ost, als wärest du die gewesen, die einst an dem entrückten Dante vorüberging, und wärest nur einmal noch über die Erde gewandelt im Schatten meiner sehnsüchtigen Jugend. Daß ich dich mit leiblichen Augen gesehen habe, daß deine Hand in der meinen lag, daß dein leichter Schritt neben dem meinen über der: Boden ging, ist das nicht eine Gnad« der Ueberirdischen, ist das nicht eine segnende Hand auf meiner Stirn, ein Blick aus verklärten Augen, eine Pforte, die mir in das Reich der ewigen Schönheit geöffnet wird? In Schlafträumen sehe ich oft deine leibliche Gestalt und sehe die fein- gliedrigen weißen Finger deiner adligen Hände aus die Tasten des Flügels ddl^gt- Ddsrist sehe dich gegen Abend stehen, die Farbenwende des erfassenden Himmels betrachtend, mit den Augen, die von der wunderbaren Kenntnis des Schönen voll tiefen Glanzes waren. Diese Aiigen haben nur unzählige Künstlerträume geweckt und gerichtet. Sie sind vielleicht das Unschätzbarste, was meinem Leben gegeben wurde; denn sie sind Sterne »er Schönheit und Wahrhaftigkeit, voll Güte und Strenge, unbetrüglich richtr.,d, be,sernd und belohnend, Feinde und Rächer alles Unwerten, Unwesenhaften und Zufälligen. Sie geben Gesetze, sie prüfen, sie verurteilen, beglücken mit überschwenglichem Glück. Was ist Vorteil, was ist dunst, was ist Ruhm und menschliches Lob ohne die Gewährung und das gnädige Leuchten dieser unbestechlichen Lichteri Der Tag ist laut und grausam, für Kinder unb Krieger gerecht, und alles Tagleben ist von Ungenügen durchtränkt. Ist nicht jeder eindäm- irrrnde Abend eine Heimkehr, eine geöffnete Tür, ein Hörbarwerden alles Ewigen? Du, Wunderbare, hast mich gelehrt, heimzukehren und mein Ohr oen stimmen der Ewigkeit zu öffnen. Du jagtest, als schon das letzte Tor 55^" war. vor dir die Flügel aufzutun, zu mir die Worte: „Laß dir die «oende heilig sein und dränge ihr Schweigen nicht aus deiner Wohnungi Swigkellte'K b e <5terne denn sie sind die obersten Sinnbilder der -m wir unsere Freundschaft beschlossen, trat noch einer r^!^t6aL.unb unbegreiflich, ein Geist und Schutzgott. Mir ist, er Gebärden eines Segnenden über mich gemacht, und jene aeblteben n^' neÄCnen .eure£ Shönheit. Dieser ist seitdem bei mir 8.E,wben und hat sich vielfältig oft an nur erwiesen, als ein Arm des „ em Ratfeldeuter, als Dritter eines Glückes. Oft war meine X"? 3“ Übereilungen hingeboten, und er drängte sie zurück; oft war ich .nrM voriibergegangen, und er nötigte mich, still zu stehen und Ä ’ wollte ich ein grünes Glück vom Ast brechen, und er «et mir: „Warte noch!" , versöhnlich und liebenswürdig ist, was holde Stimmen bat und nostliche Bedeutung, was selten, edel und von abgesonderter Schönheit ist hat seitdem eine sichtbare Seite für mich und irgendeinen Weg zu meinen Sinnen. Die Ströme, in der Rachi reden mir deutlicher, die Sterne können mch- mehr ohne mein Mitwissen auf- und niedersteigen. unsichtbarer Dritter kam auch an einem Tage D. 9lir' .*■>“. wem Herz den Takt verloren hatte und mein Auge zu er- blinden schien. Er glättete meine Stirn, er lehnte zuweilen an mich und Dn ms Ohr er ging vorüber und drückte mir die Hand. WÄmfL» f 9 outer Teerosen gebettet, voller Frieden, voller «8er* lächeln. Du lagst und rührtest keine Hand, lagst und warst kalt und weiß. „Dich Stimde erschien mir als eine unergründlich schwarze Nacht. Ich stand in dichter Finsternis und wußte nicht, wo ich war, ohne Nähe und Ifitüte'nnfennfnnr^'Ktern umgeben. Ich stand unbewegt und suhlte auf allen Seiten Abgrunde neben mir offen, spürte nur meine in* "Nd kalt, und glaubte an keinen Morgen meh,. Da stand der Droster neben mir, umschlang mich mit festen Armen nietebfnmHtm 's”11*31 ?rl«rutfl ^ö..'ch im Zenit eines unsichtbaren Him- mels inmitten ber vollkommenen Finsternis einzig einen hellen, mitten strahlenlosen «tern von jeliger Schönheit stehen. Als ich diesen sah, mußte ich einen Abends gedenken, an dem ich mit dir im Walde ging. Ich hätte unThehfrfte' s'i" bld) fieleäi plötzlich zog ich dich ganz an Mich her d .mmzes Gesicht mit schnellen, durstigen Küssen. Da er* schrakst du, drängtest mich ab unb sähest wie verwandelt aus. Und sagtest: 3d) 6Jn ö!r ^icht zu Umarmungen gegeben. Der Tag ist nicht mehr fern an dern du mich mit Händen und Lippen nicht mehr er» reichen wirst. Aber dann kommt die Zeit, daß ich dir näher sein werde als heute und jemals. Die Nahe überfiel mich plötzlich mit unendlicher Sustin* em völliges Aug in 'Auge, wie ein Kuß ohne Ende. Was ist alle Liebkosung gegen dieses namenlose Bereinigtsein. . Wanderungen durch die Orte, an denen wir beisammen waren, kam diele Wonne spater noch manchmal über mich, schon lange Zeit nach tetn iS,im Schwarzwald bergan durch einen dum wanderte, tat) ich deine helle Gestalt von der Höhe her mir entgegengehen. Du kamst mit deinem alten Händewinken den Berg herab, begegnest mir und warst verschwunden, während zugleich deine Gegenwart mein Inneres süß und tief erfüllte. 8 Ach häufigsten aber trittst du an den Himmel meiner Träume wie am -vag. meiner größten Finsternis, als der milde Stern der Gnade voll ?euger 'schonhert. An einem Abende, als 'Musik und lautes Gespräch dich bis in die letzten Gartenwege verfolgte, fand ich dich dort auf und nieder gehend, gab dir meinen Arm und begleitete dich. Da sagtest du: „Wenn ich nicht mehr hier sem werde und wenn du selber einmal leiser geworden bist, wird vielleicht dieser vergehende Abend unb mancher, der schon vergangen ist, dir gegen, wartiger und wirklicher fein als deine eigene Hand. Dann wirst du mitter- nachts irgendwo in deinem Zimmer wach fein, vielleicht weit von hier. Vor deinem Fenster aber wird die nahe Welt zurückweichen, und du wirst glauben. atefen Weg und uns beide darauf wandelnd zu sehen" Heute nun liegt dieser, Abend vor mir, in die entfernte Musik mischen mH wieder untere (elfen stimmen, daß ich nicht weiß, ob jener Abend oder der beute wirklich und vom irdischen Monde erleuchtet ist. Aus her WerAfL«iL des ErZÄHlers. Von Felix Spanten. Man soll sich bisweilen darüber Rechenschaft geben, wie die nach, haltigeren und bleibenderen Eindrücke der Dichtung'entstehen. Was voll- zieyi sich m den Romanen, wie geschieht es, daß manche Gestalten, um deren Veranschaulichung sich der Autor offenbar gemüht hat, nebelhaft bleiben, wahrend andere, denen nicht die gleiche Mühe gilt, plastisch werden und wie Bilder vor das Auge treten, farbig, charaktervoll und Har, dag sie in einer bestimmten Atmosphäre stehen? Hier liegt ein allem ■ßlan und aller Absicht entrücktes gnadenvolles Geheimnis, das man hat oder nicht ha^Geheimnis immer noch, fo viel auch darüber enträtfeü wurde feit Ü erf i n g s „Laokoon", der den aufschlußreichen Vergleich »wischen Materei und Dichtung zog, über die zahllosen klassizistischen „stoetiken , die auf aristotelisch-lessingifcher Grundlage immer noch weiter bauten, bis zu einer der jüngsten und oerdienftoollsten, die nicht mehr hochmütige „Ewigkeitswerte" postuliert, fonbern die Dichtung als reine, Erkenntnismaterial benutzt — Oskar Wa Izels „Wortkunstwerk" Weil dieses Geheimnis der Berkörperlichung der handelnden Menschen nicht durch eindeutige gottschediantsche Doktrinen zu bezwingen ist, hat es ein jeder auf seine eigene Art lösen wollen. Der Leser, der einen Roman nur zu fluchtiger Kenntnisnahme durcheilt, achtet kaum auf die verschiedenen Masken, hinter Denen sich der Autor selbst in fein Werk hinein- SietzenerZamüieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Weltruf errangen, erwuchs zu höchster >es mit derlei Instrumenten besetzt war, und Abmessung von Schuld und Reinheit, Abgründen und Hohen, Licht und Finsternis, Irrtum und Aufklärung, dah der Beurteiler dieses Buch mit der Gewißheit abschließt, ein Abbild des verworrenen Lebens und seiner Schicksale erhalten zu hoben, das nach chaotischer Schwankung wieder in das Gleichgewicht des Seins zurückfindet. Einmal steht, zwischen hundert anderen, dieser einfache Satz: „Die Zigarre, bie Gaston Chamade rauchte, blieb mir unvergeßlich, wie sie beständig blätterte, von ihn geleckt und gepreßt wurde, kohlend brannte und schließlich zerbrach Wie geschieht es, daß man unbewußt das Bild dieser häßlichen stmpeln Zigarre behält bis zum Ende? Warum prägt sich dieser kleine Zug bis weit über das Buch hinaus ein? Liegt hier eine jener symbolischen Handlungen vor, die im tiefsten Sinne als bedeutsame Sinnbilder eines Zustandes ober eines Schicksals wirken — und weshalb? Vom Lautenklang zum Schlagwerk. Wie das moderne Orchester entstand. Bon Dr. Anton Mayer. rskamotiert. Hier aber beginnt schon die Berschiedenhelt der individuellen «vifckien Techniken. Darf der Dichter als Persönlichkeit überhaupt mu= redend erscheinen? Keine müßige Frage. Otto L u d w i g _j>at, nur ein Beispiel, gefordert, dah der Verfasser als solcher nach Möglichkeit ga>izUcy hinter der Darstellung zu verschwinden habe, em Gebot, das durch d-s Romanroutiniers S p i e l h a g e n rigorose Doktrin verschärft^wurde.„Du sollst uns Menschen handelnd vorfuhren, du sollst die- und nicht- anderes tun, weil du nichts anderes tun kannst, ohne in demselben Moment aufzuhören, ein epischer Dichter yt fein. Damit ist a.jo zum Verspiel alle direkte psychologische Charakteristik aus dem Roman vertrieben, der Dichter dark sich so wenig wie der Dramatiker hinter seinem Werk bemerken lassen, auch nicht die geringste Kritik darf er sich he raus nehmen, __ das homerische Epos wird als Muster angeführt er darf nicht äußern, wie er sich selbst zu einer Begebenheit, einem Menschen, einer Sachlage stellt. In dieser rigorosen Forderung liegt b>e richtige Erkenntnis, daß gemeinhin jene Stellen, in denen der Verfasser sich selbst mit einem Kommentar zum Worte meldet, als die minderen Partien der Romane sich erweisen: man spürt die Pfeiler, die den Dau stutzen, die Klammern, welche Unorganisches zufammenfaßen sollen. Noch lange nach der Jahrhundertwende blieb die durchschnittliche Romantechmk auf ganz objektive Darstellungen der Schauplätze, der „Szenen, im eigentlichen Sinne beschränkt, auf denen sich dann die Personen m lebhaftem, oft dramatisch erregten und zugespitzten Dialog (mit Regiebemerkungen) bewegten- zahllos sind jene Romaiianfänge, welche mit einem Dialog eine „Szene" eröffnen, deren Schauplatz und Personen dann m gelegentlichen Anmerkungen beschrieben werden. Erst allmählich ist dieser unbedingte Äwana zur „objektiven", den Versasser eliminierenden Darstellung Durchbrochen worden. Während Thomas Manns „Z a u b e r b e r g no-.I) ganz episch anhebt: „Ein einfacher junger Mensch reifte E HoMommer von Hamburg, feiner Vaterstadt, nach Davos-Platzstellt da- fünfte Kapitel fchon eine Bemerkung allerperfönlichster Art an den Beginn: , Hier steht eine Erscheinung bevor, über die der Erzähler sich selbst zu wundern gut tut, damit nicht der Leser auf eigene Hand sich allzusehr darüber wundere..." Ironie, welihe die etwaige Verwunderung des Lesers scherzend vorwegnimmt. So wird allmählich ein Gesetz durchbrochen, das noch um 1900 absolute Geltung gehabt hatte. Aber mit diesen zeitgebundenen Doktrinen ist das Wesen einer dichterischen Wirkung ebensowenig zu fassen wie mit jenen Feststellungen, durch welche Mittel etwa der „Wercher" die Form einer Zeit überboten und durchbrochen habe; letzlich beruhen die tiefften Wirkungen der -i-ich- tung auf jenem Geheimnis, von dem der alte Fontane demütig jagte: alles ist Gnade. Der jüngste Roman Albrecht S cha e ff er s, „D i e Ge - schichte der Brüder Chamade*), stellt sich vom Blickpunkt dieser etwas rudimentären, wenn schließlich auch notwendigen, Aejthenk aus betrachtet, als ein ganz formlos^ Gebilde dar - wahrend er w Wahrheit ein höchst formvollendetes Werk ist, fest in sich ruhend, m beharrlicher Notwendigkeit aussteigend und sinkend. .. n Die Form dieses Epos allerdings scheint 6em Dichter jede denkbare Freiheit zu gestatten. Er gibt seinen Roman als dichterische und vervollständigte Ueberarbeitung einer vor achtzig Jahren erschienenen unoe- kannten französischen Erzählung, die ein Anwalt de Vries als Augenzmge eines Kriminalfalls in der Jch-Form vorträgt. Da sich nun der Dichter lediglich als Herausgeber seines Buches maskiert, scyemt seine Persönlichkeit dem Leser völlig zu entgleiten, um sich sogleich durch em Hintertürchen unbemerkt wieder zu nahen, in zwiefacher Gestalt, als epischer und obick- tioer Berichterstatter und als persönlicher Miterleber und also Beurteiler der Menschen und Vorgänge dieses Kriminalromans, der einen der edelsten feiner Gattung darstellt, da nicht die Tat sondern die Menschm und ihre Schicksale das Wesen seiner Handlung bilden. Die Tat? Zwei Morde. Der Täter? Jener Gaston Chamade, auf dessen abstoßende Häßlichkeit der Erzähler von Beginn an alle Scheinwerfer sammelt: „... wurde der spater Gaston getaufte Knabe zu feinem Unglück mit einer Art Rachen geboren, einem Mund von abschreckender Größe, riesige rote Lippen die m der Mitte geteilt waren und wie lechzend sich niemals ganz schließen mo.lten, so daß der Mund immer ein gewaltiges Dreieck bilbete unb ein Quadrat, wenn das Kind klagte ober schrie ..." Das ist der Mörder? Er muß es sein, alle sagen es, er wird fast von ber Menge gelyncht, und auch jener epische Berichterstatter tut listigerweife nichts dazu, bem Leser diesen Glauben zu rauben. Und wer ist der Schuldige? Sein Bruder Raoul Chamade, der hinter der schreienden Ungestalt dieses Gaston ganz im Leisen durch die Ereignisse schlich mit seinem nach innen gerichteten Blick unb bem Stolz feines Cäsarenprofils, ber unbemerkt blieb, weil — jener Anwalt be Bries erst am Ende ber Ereignisse Gelegenheit hat, jenen Raoul naher kennenzulernen: ein einfachstes Taschenspielerkunststück, allen Verdacht von dem Täter zu lenken und einen Schuldigen zu belasten und die Spannung, die jeden Leser durch dieses Buch treibt, nach Belieben in der Schwebe zu halten. Dann freilich, als die Geheimnisse Raouls aufgedeckt werden, scheint auch jene „Spannung" erloschen, nach welcher der Leser immer zuerst zu fragen pflegt. Aber jetzt tritt ein zweiter Mensch auf die Buhne, auf ihn werden die Scheinwerfer gerichtet, seine dunkeln Winkel werden erhellt, ein neues Drama beginnt nun erst: das des schuldigen Raoul Chamade. ... , ,, , Solche Technik kann man leicht erklären, unertlarbar aber bleibt auch hier das Geheimnis der Plastik und der Atmosphäre, das um diese Personen schwebt, die aus Gesinnungen, Körperlichkeit, Handlungen der handelnden Menschen und aus noch zahllosen unwägbaren Bestandteilen zu bestehen scheint. Sagen kann man, daß hier eine wundervoll ebenmäßig gebaute, in klassischer Fülle und Ruhe dahinströmende Sprache das Kolportagehafte des Motivs edle unb verkläre; ähnliches gilt von der trüben Landschaft, in welcher sich dieser Justizmord ereignet und wie er in dieses Land eingeschmiegt wurde. Und dieses unb jenes kann man feststellen und beobachten, kann dem Dichter hinter die Geheimnisse seiner Komposition und feines Aufbaus leuchten unb darf doch nicht wähnen, das eine Geheimnis des Künstlers entschleiert zu haben, jenen Willen zur Verteilung *) Der vor einiger Zeit im „Gieß. Anz." besprochen wurde. Die Musik hat seit den Zeiten der Renaissance, in ber sie {idj aus einer Wissenschaft mathematischen Charakters zu einer durch strenge Regeln gebundenen Kunst entwickelte, in Klangfarbe, Harmonie und Rhythmik viele und grundlegende Aenderungen zu verzeichnen. Die Instrumente, welche man mit derselben Vorliebe benutzte, deren sich heute etwa chas Klavier zu erfreuen hat, waren Lauten in den verschiedensten Großen, Stimmungen und Tonhöhen; da in diesen Zeiten der sich aus den Banden allzu großer Gelehrsamkeit unb drohender Verknöcherung losenden Tonkunst Italien bas Land war, in bem ihre bedeutendsten Meister lebten, gedieh dort natürlicherweise auch der Instrumentenbau auf das beste, unb die alten Lauten, bie ehrwürdigen Ahnen unserer Gitarren unb Mandolinen, sind heute noch an Schönheit des Klanges und Adel der tform unerreichte Vorbilder. Auch der Bau von Streichinstrumenten, von denen besonders die i t a l i e ii i s ch e n Geigen Weltruf errangen, erwuchs zu höchster Blüte, so daß ein Orchester, welches mit derlei Instrumenten besetzt war, | einer Fülle der schönsten Klänge fähig gewesen sein muh. Die Zusammensetzung der Orchester jener Zeit war nämlich ganz verschieben von ber uns gewohnten. In den Florentiner Opern, welche am Cnbe des 16. Jahrhunderts bie Geschichte ber musikdramatischen Kunst eröffnen, bestand das Orchester in der Hauptsache aus Streichern und Zupfinstrumenten, denen sich bas bis zum Ende des 18. Jahrhunderts unvermeidliche Cembalo zur Begleitung der Rezitation unb ber Verstärkung des Baffes zugefeilte. Die Partie des Cembalo wurde Nicht „ausgeschne- s ben" d. h. es wurden nur bie Baßnoten als Träger der Harmonien mit einigen Zahlen, welche die Intervalle eben dieser Harmonien angaben, auf. gezeichnet; alles übrige blieb der Phantasie des Cembalisten überlassen, der seine Stimme nach Gutdünken mit seinen eigenen Einfallen aus- schmücken durfte. Das fetzte voraus, daß gerade diese Musiker sehr gute Künstler sein mußten; für uns hat es den Nachteil, daß wir keinen Begriff mehr davon haben, in welcher Art die Spieler ihren Part aus- - schmückten, was sich bann in Neuausgaben älterer Opern oder Aufführungen solcher Werke, in denen die Cembalostimme von einem nicht allzu Sachkundigen ober mit mangelndem Stilgefühl Begabten ergänzt wird, unliebsam bemerkbar macht. , ...... „ Schon früh traten noch andere Instrumente hinzu, zunächst zur Er-, zielung außergewöhnlicher Essekte: die Holz- unb Blechblasinstrumente. Die S ch a I m ei war bei ben idyllischen, Dem Gebiet ber Scya erpoesie entnommenen Stossen unerläßlich; die Oboe übernahm ihre Rolle Jagb- szenen mythologischer unb heroischer Art belebten die Buhnen und konnten zur Illustrierung fröhlichen Weidwerks der H ö r n e r nicht entbehren. Und schließlich gab es düstere, erhabene und gewaltige Szenen, welche das göttliche Element auf bie Szene brachten und des feierlichen Klanges der Posaunen bedurften, ebenso wie militärisches Leben,vom Schmettern , der Trompeten begleitet wurde. Die Verwendung dieser Instrumente war indessen lange Zeit hindurch äußerst sparsam, daher denn auch die Wirkung eine viel größere, wenn sie erklangen unbjebermann die innere Notwendigkeit und zwingende Berechtigung ihrer ^v"e erkannte. Besonders die Posaunen, ohne welche heute kein Operettenschreiber zur Begleitung eines einfachen Gesanges auszukommen glaubt und damit da ernste Instrument auf das läppischste degradiert, erfreute sich lange Zeit ^Jm Laufendes 17. Jahrhunderts erreichte nut der Ausbildung ber Oper bas Orchester eine Zusammensetzung, welche sich bis weit w das 19 J3a$r hundert hinein gehalten hat, und im wesentlichen nicht verändert, sondern nur verstärkt worden ist. Als Holzblasinstrumente finden wir nun Flo en, Oboen, Klarinetten unb Fagotte; bas Blech bleibt bei ben ^empeten, Hörnern und Posaunen; der dumpfe Donner der Pauken mischt sich m d e übrigen Klänge; aber das Rückgrat, der wichtigste unb meistbesckMigte Teil des Orchesters, ist der Streichkörper geworden D-.e Violinen , wurden in zwei Gruppen geteilt, als erste und zwecke bezeichnet: unb oon den am ersten Putt der ersten Gruppe sitzenden gllich am a.igefuhrt .ch Ausbildung hatte in Paris unter Lully große ^ortschntR gemacht. Die französischen Könige hielten sich berühmte und ausgezeichnete Streich' orchester. Statt der anfangs üblich gewesenen tieferen Streichinstrumente, bie Viola d’amore, Viola da Gamba und anders genannt wurden, bürgerte sich die Bratsche (Viola) ein, deren sonorer Klang den besten Ucbergang zu den tiefen Streichern, zu den Celli und Baßen b„deb Die Komponisten lernten es bald, die charakteristischen Klangfarben o Instrumente zur Hervorbringung besonderer Stimmungen SR mischen, oder ihnen Solostellen zu geben, in denen Vorgänge auf ber Buhne oöer auch Personen beschrieben unb bezeichnet würben. Die Technik ber ein seinen Instrumente bildete sich infolgedessen schnell aus, so dah halb n den Orchestern viele ausgezeichnete Virtuosen zu finden waren, was n-m wiederum die Tondichter dazu verlockte, die Kräfte dieser Spieler durq immer schwierigere, vollständig konzertierende Partien auf bie tfsrooe 3“ stellen. Mozart schrieb verschiedene Jnstrumentalstellen seiner vperi für bestimmte Orchestermusiker, wie z. B. die Einleitung und Begleitu g der großen Arie „Martern aller Arten" für vier konzertierende Sow- ! inftrumente, welche ein ebenso schwieriges Passagenwerk zu bewältigen haben, wie Constanze in ihrem Gesang aus der Buhne. Im 19- Jahrhundert führte der geniale Instrumentator Hector B e r - lioz das Orchester auf eine Höhe, die später von Wagner und Strauß noch weiter ausgebaut wurde. Neue Instrumente wurden dem Orchester zugefügt, wie das englische Horn, die Baßklarinette und das Kontrafagott, die Tuba, die Harfe und andere mehr; aber nicht nur durch die immer größer werdenden Kombinationsmöglichkeiten bereicherte man den Orchesterklang, sondern gerade durch die sorgfältige Ausbildung der Musiker und die Verbesserung der alten Instrumente, deren Umfang vergrößert und deren Spielmöglichkeit erweitert wurde, bekam das Orchester einen Glanz, eine Reichhaltigkeit des Tones und eine Abwechselung in der Farbengebung, welche sich die primitiven Kapellen der frühen Zeit nicht hätten träumen lassen. Allen Musikfreunden sind die noch auf Berlioz' Leistungen in der „Fantastischen" und der „Harold"-Sinfonie fußenden berauschenden Orsterklänge Richard Wagners und Richard Straußens bekannt; alle haben wir uns vom Wehen des Feuerzaubers mit seiner slam- menzischenden Violinfigur, den funkensprühenden Holzbläsern, den leuchtenden Glöckchen und den gewaltigen Wotanstuben und Posaunen umbrennen lassen, alle sind wir mit den Walküren im schmetternden Galopp der Blechbläser, im Sturmheulen der Streicher fortgerissen worden, oder haben die zauberhafte und heilige Lieblichkeit des Karfreitagszaubers in den stillen Tönen der Holzbläser empfunden. Die sinfonischen Dichtungen Liszts und Straußens sind überreich an überraschenden Effekten, wie dem durch das Orchester klirrenden Peitschenschlag im „Mazeppa", dem quäkenden Gebelfer der durch Kakophonien der Holzbläser charakterisierten Widersacher im „Heldenleben", oder den naturalistischen Effekten im „Till Eulenspiegel" und vor allem im „Don Quichote", die sich, wie beim Hammelgeblök der Fagotte, bedenklich ins Imitatorische verlieren. Es ist ein« gewisse Kenntnis des Orchesters und seiner Instrumente notwendig, um den Absichten des Komponisten folgen und seinen Ausdruck verstehen zu können. Man muß Klarinette und Oboen im Klang auseinander halten können, um der subtilen Jnstrumentalpsychologie Mozarts nahezukommen. In „Cosi fan tutte" z. B. malt er mit süßen und schwärmerischen, aber nicht ganz ehrlichen Klarinettenterzen die Verliebtheit der beiden Schwestern, während der Ironiker und Zyniker Don Alfonso stets von scharfen Oboen begleitet erscheint. Die Orchesterpartitur eines großen Komponisten bietet in der Zusammensetzung der Instrumente ein buntes und lebendiges Bild, dessen Farbenmischung ebenso wenig zufällig entstanden ist, wie die Valeurs auf den Gemälden eines großen Meisters der bildenden Kunst. Je klarer man die Fäden eines Jnstrumentalgewebes unterscheiden kann, desto eindrucksvoller wird sich das Hören eines Werkes gestalten; die Gruppen heben sich voneinander ab, bekommen ein eigenes Dasein und schließen sich doch am Ende wieder zum großen Ganzen zusammen. Das Fräulein von Seubert Don E. T. A. H o f f m a n n. (Fortsetzung.) So wie Cardillac nach dem Abendgebet sich wie gewöhnlich eingeschlossen, stieg ich durch ein Fenster in den Hof, schlüpfte durch die Oeffnung in der Mauer und stellte mich unfern in den tiefen Schatten. Nicht lange dauerte es, so kam Cardillac heraus und schlich leise durch die Straße fort. Ich hinter ihm her. Es ging nach der Straße St. Honors, mir bebt« das Herz. Cardillac war mit einem Male mir entschwunden. Ich beschloß, mich an Eure Haustür zu stellen. Da kommt singend und trillernd wie damals, als der Zufall mich zum Zuschauer von Cardillacs Mordtat machte, ein Offizier bei mir vorüber, ohne mich zu gewahren. Aber in demselben Augenblick springt eine schwarze Gestalt hervor und fällt über ihn her. Es ist Cardillac. Diesen Mord will ich hindern, mit einem lauten Schrei bin ich in zwei — drei Sätzen zur Stelle. Nicht der Offizier — Cardillac sinkt zum Tode getroffen röchelnd zu Boden. Der Offizier läßt den Dolch fallen, reißt den Degen aus der Scheids, stellt sich, wähnend ich fei des Mörders Geselle, kampffertig mir entgegen, eilt aber schnell davon, als er gewahrt, daß ich, ohne mich um ihn zu kümmern, nur den Leichnam untersuche. Cardillac lebte noch. Ich lud ihn, nachdem ich den Dolch, den der Offizier hatte fallen lassen, zu mir gesteckt, aus die Schultern, und schleppte ihn mühsam fort nach Hause, und durch den geheimen Gang hinauf in die Werkstatt. Das übrige ist Euch bekannt. Ihr seht, mein würdiges Fräulein, daß mein einziges Verbrechen nur darin besteht, daß ich Madelons Vater nicht den Gerichten verriet und so seinen Untaten ein Ende machte. Rein bin ich von jeder Blutschuld. Keine Marter wird mir das Geheimnis von Cardillacs Untaten abzwingen. Ich will nicht, daß der ewigen Macht, die der tugendhaften Tochter des Vaters gräßliche Blutschuld verscheierte, zum Trotz, das ganze Elend der Vergangenheit, ihres ganzen Seins noch jetzt tötend auf sie einbreche, daß noch jetzt die weli- Üche Rache den Leichnam aufwühle aus der Erde, die ihn deckt, daß noch jetzt der Henker die vermoderten Gebeine mit Schande brandmarke. Nein! Mich wird die Geliebte meiner Seele beweinen als den unschuldig Gefallenen, die Zeit wird ihren Schmerz lindern, aber unüberwindlich würde der Jammer sein über des geliebten Vaters entsetzliche Taten der Hölle. Olivier schwieg, aber nun stürzte plötzlich ein Tränenstrom aus seinen Augen, er warf sich der Scuderi zu Füßen und flehte: Ihr seid von meiner Unschuld überzeugt — gewiß, Ihr seid es! Habt Erbarmen mit mir, sagt, wie steht es um Madelon? Die Scuderi rief der MartiniLre, und nach wenigen Augenblicken flog Madelon an Oliviers Hals. Nun ist alles gut, da du hier bist — ich mußt' es ja, daß die edelmütigste Dame dich retten würde! So rief Madelon einmal über das andere, und Olivier vergaß fein Schicksal, alles was ihm drohte, er war frei und selig. Auf das rührendste klagten beide sich, was sie umeinander gelitten, und umarmten sich dann aufs neue unb meinten vor Entzücken, daß sie sich wiedergefunden. Wäre die Scuderi nicht von Oliviers Unschuld schon überzeugt «wesen, der Glaube daran müßte ihr jetzt gekommen sein, da sie die betben betrachtete, die in der Seligkeit des innigsten Liebesbündnisses die Welt vergaßen und ihr Elend und ihr namenloses Leiden. Nein, rief sie, solch seliger Vergessenheit ist nur ein reines Herz fähig. Die hellen Strahlen des Morgens brachen durch das Fenster. Desgrais klopfte leise an die Tür des Gemachs und erinnerte, daß es Zeit fei, Olivier Bruffon forfzufchaffen, da ohne Aufsehen zu erregen das später nicht geschehen könne. Die Liebenden muhten sich trennen. — Die dunklen Ahnungen, von denen der Seuderi Gemüt befangen seit Brussons erstem Eintritt in ihr Haus, hatten sich nun 3um Leben gestattet auf furchtbare Weise. Den Sohn ihrer geliebten Ann« sah sie schuldlos verstrickt auf eine Art, daß ihn vorn schmachvollen Tod zu retten kaum denkbar schien. Sie ehrte des Jünglings Heldensinn, der lieber schuldbeladen sterben, als ein Geheimnis verraten wollte, das [einer Madelon den Tod bringen mußte. Im ganzen Reiche der Möglichkeit fand sie kein Mittel, den Aermsten dem grausamen Gerichtshöfe zu entreißen. Und doch stand es fest in ihrer Seele, daß sie keine Opfer scheuen müsse, das himmelschreiende Unrecht abzuwenden, das man zu begehen im Begriff war. Sie quälte sich ab mit allerlei Entwürfen und Plänen, die bis an das Abenteuerliche streiften, und die sie ebenso schnell verwarf als aussaßte. Immer mehr verschwand jeder Hoffnungsschimmer, so daß sie verzweifeln wollte. Aber Madelons unbedingtes kindliches Vertrauen, die Verklärung, mit der sie von dem Geliebten sprach, der nun bald, freigesprochen von jeder Schuld, sie als Gattin umarmen werde, richtete die Scuderi in eben dem Grad wieder auf, als sie davon tief bis ins Herz gerührt wurde. Um nun endlich etwas zu tun, schrieb die Scuderi an la Regnie einen langen Brief, worin sie ihm sagte, daß Olivier Brusson ihr auf die glaub- würdiaste Weise seine völlige Unschuld an Cardillacs Tode bargetan habe, und daß nur der heldenmütige Entschluß, ein Geheimnis in das Grab zu nehmen, dessen Enthüllung die Unschuld und Tugend selbst verderben würde, ihn zurückhalte, dem Gericht ein Geständnis abzulegen, das ihn von dem entjetzlichen Verdacht nicht allein, daß er Cardillac ermordet, sondern daß er auch zur Bande verruchter Mörder gehöre, befreien müsse. Alles was glühender Eifer, was geistvolle Beredsamkeit vermag, hatte di« Scuderi aufgeboten, la Regnies hartes Herz zu erweichen. Nach wenigen Stunden antwortete la Regnie, wie es ihn herzlich freue, wenn Olivier Bruffon sich bei feiner hohen, würdigen Gönnerin gänzlich gerechtfertigt habe. Was Oliviers heldenmütigen Entschluß betreffe, ein Geheimnis, das sich auf die Tat beziehe, mit ins Grad nehmen zu wollen, fo tue es ihm leid, daß di« Chambre Ardente dergleichen Heldenmut nicht ehren könne, denselben vielmehr durch die kräftigsten Mittel zu brechen suchen müsse. Nach drei Tagen hoste er im Besitz des seltsamen Geheimnisses zu sein, das wahrscheinlich geschehene Wunder an den Tag bringen werde. Nur zu gut wußte die Scuderi, was der fürchterliche la Regnie mit jenen Mitteln, die Brussons Heldenmut brechen sollten, meinte. Nun war es gewiß, daß die Tortur über den Unglücklichen verhängt war. In der Todesangst fiel der Scuderi endlich ein, daß, um nur Aufschub zu erlangen, der Rat eines Rechtsverständigen dienlich sein könne. Pierre Arnaud d'Andilly war damals der berühmteste Advokat in Paris. Seiner tiefsten Wissenschaft, seinem umfassenden Verstände mar seine Rechtschaffenheit, feine Tugend gleich. Zu dem begab sich die Scuderi und sagte ihm alles, sorneit es möglich mar, ohne Brussons Geheimnis zu verletzten. Sie glaubte, daß d'Andilly mit Eifer sich des Unschuldigen annehmen merbe, ihre Hoffnung mürbe aber auf bas bitterste getäuscht. D'Andilly hatte ruhig alles angehört und ermiberte bann lächelnd mit Boileaus Worten: Le vrai peut quelque fois n’etre pas vraisemblable*) Er bemies der Scuderi, daß die auffallendsten Verdachtsgründe wider Brusson sprächen, daß la Regnies Verfahren keineswegs grausam und übereilt zu nennen, vielmehr ganz gesetzlich fei, ja daß er nicht anders handeln könne, ohne die Pflichten des Richters zu verletzen. Er, d'Andilly, selbst getraue sich nicht durch die geschickteste Verteidigung Brusson von der Tortur zu retten. Nur Bruffon selbst könne das entweder durch aufrichtiges Geständnis oder wenigstens durch die genaueste Erzählung der Umstände bei dem Morde Cardillacs, die bann vielleicht erst zu neuen Ausmittlungen Anlaß geben würden. So werfe ich mich dem Könige zu Füßen, und flehe um Gnade, sprach die Seubert ganz außer sich mit von Tränen halb erstickter Stimme. — Tut bas, rief d'Andilly, tut das um des Himmels willen nicht, mein Fräulein! Spart Euch dieses letzte Hilfsmittel auf, bas, schlug es einmal fehl, Euch für immer verloren ist. Der König wirb nimmer einen Verbrecher der Art begnadigen, der bitterste Vorwurf des gefährdeten Volks würde ihn treffen" Möglich ist es, daß Bruffon durch Entdeckung seines Geheimnisses ober sonst Mittel findet, den wider ihn streitenden Verdacht aufzuheben. Dann ist es Zeit, des Königs Gnade zu erflehen, der nicht danach fragen, was vor Gericht bewiesen ist ober nicht, sondern seine innere Ueberzeugung zu Rate ziehen wird. — Die Scuderi mußte dem tief erfahrenen d'Andilly notgedrungen beipflichten. In tiefen Kummer versenkt, sinnend und sinnend, was um der Jungfrau und aller Heiligen willen sie nun anfangen solle, um den unglücklichen Bruffon zu retten, saß sie am späten Abend in ihrem Gemach, als die Martiniere ein« trat und den Grafen von Miossens, Obristen von der Garde des Königs, meldete, der dringend wünsche, bas Fräulein zu sprechen. Verzeiht, sagte Miossens, inbem er sich mit soldatischem Anstande verbeugte, verzeiht, mein Fräulein, wenn ich Euch so spät, so zu ungelegener Zeit überlaufe. Wir Soldaten machen es nicht anders, und zudem bin ich mit zwei Worten entschuldigt. Olivier Brusson führt mich zu Euch. — Die Scuderi, hochgespannt, was sie jetzt wieder erfahren werde, rief laut: Olivier Brusson? Der unglücklichste aller Menschen? Was habt Ihr mit dem? — Dacht ich's doch, sprach Miossens lächelnd weiter, daß Eures Schützlings Namen hinreichen würde, mir bei Euch ein geneigtes Ohr zu verschaffen. Die ganze Welt ist von Brussons Schuld überzeugt. Ich weiß, daß Ihr eine andere Meinung hegt, die sich sreilich nur auf die Beteuerungen des Angeklagten stützen soll, wie man gesagt hat. Mit mir ist es *) Das Wahre kann manchmal unwahrscheinlich sein. anders. Niemand als ich kann besser überzeugt sein von Brussons Uu* schuld an dem Tode Laroillacs. — Redei, o redet, rief die Seubert, indem ihr die Augen glänzten vor Entzücken. — Ich, sagte Miossens mit Nachdruck, ich war es selbst, der den alten Goldschmied niederstieß in der Straße St. Honorö unfern Eurem Hause. — Um aller Heiligen willen, Ihr — Ihr! rief die Seubert. — Und, fuhr Miossens fort, unb ich schwöre es Euch, mein Fräulein, daß ich stolz bin auf meine Tat. Wisset, daß Car- bUktc der verruchteste, heuchlerischste Bösewicht, daß er es war, der in bet Nacht heimtückisch mordete unb raubte, unb so lange allen Schlingen entging. Ich weiß selbst nicht, wie es kam, daß ein innerer Verdacht sich in mir gegen den alten Bösewicht regte, als er voll sichtlicher Unruhe den Schimick brachte, den ich bestellt, als er sich genau erkundigte, für wen ich den «schmuck bestimmt, und als er auf recht listige Art meinen Kammerdiener ausgefragt hatte, wann ich eine gewisse Dame zu besuchen pflege. Längst war es mir ausgefallen, daß die unglücklichen Schlachtopfer der abscheulichsten Raubgier alle dieselbe Todeswunde trugen. Es war mir gewiß, daß der Mörder auf den Stoß, der augenblicklich töten mußte, eingeübt war unb darauf rechnete. Schlug der fehl, so galt es den gleichen Kampf. Dies ließ mich eine Vorsichtsmaßregel brauchen, die so einfach ist, daß ich nicht begreife, wie andere nicht längst daraus sielen und sich retteten von dem bedrohlichen Mordweseit. Ich trug einen leichten Brustharnisch unter der Weste. Cardillac fiel mich von hinten an. Er umfaßte mich mit Riesenkraft, aber der sicher geführte Stoß glitt ab an dem Eisen. In demselben Augenblick eniwand ich mich ihm und stieß ihm den Dolch, den ich in Bereitschaft hatte, in die Brust. — Und Ihr schweigt, fragte die Scuberi, Ihr zeigtet den Gerichten nicht an, was geschehen? — Erlaubt, sprach Miossens tveiter, erlaubt, mein Fräulein, zu bemerken, daß eine solche Anzeige mich, wo nicht geradezu ins Verderben, doch in den abscheulichsten Prozeß verwickeln konnte. Hätte la Regnie, überall Verbrechen witternd, mir’s denn geradehin geglaubt, wenn ich den rechtschaffenen Cardillac, das Muster aller Frömmigkeit und Tugend, des versuchten Mordes angeklagi? Wie, wenn das Schwert der Gerechtigkeit feine Spitze wider mich selbst getvanbt? — Das war nicht möglich, rief die Scuberi, Eure Geburt — Euer Stand — Oh, fuhr Miossens fort, denkt doch an den Marschall von Luxemburg, den der Einfall, sieh von der le Sage bas Horoskop stellen zu lassen, in den Verdacht des Giftmordes und in die Bastille brachte. Nein, beim St. Dionys, nicht eine Stunde Freiheit, nicht meinen Ohrzipfel geb' ich preis dem rasenden la Regnie, der sein Messer gern an unserer alter Kehlen setzte. — Aber so bringt Ihr ja den unschuldigen Brusson aufs Schaffst? fiel ihm die Scuberi ins Wort. — Unschuldig, erwiderte Miossens, unschuldig, mein Fräulein, nennt Ihr des verruchten Cardillac» Spießgesellen? Der ihm beiftanb in seinen Taten? Der den Tob hundertmal verdient hat? Nein in der Tat, der blutet mit Recht, und bah ich Euch, mein hochverehrtes Fräulein, den wahren Zusammenhang der Sache entdeckte, geschah in ber Voraussetzung, daß Ihr, ohne mich in die Hände der Chambre Siebente zu liefern, doch mein Geheimnis auf irgendeine Weise für Euren Schützling zu nützen verstehen würdet. Die Scuberi, im Innersten entzückt, ihre Ueberzeugrmg von Brussons Unschuld auf solch entscheidende Weise bestätigt zu sehen, nahm gar keinen Anstand, dem Grafen, ber Eardillacs Verbrechen ja schon kannte, alles zu entdecken unb ihn aufzufordern, sich mit ihr zu d'Anbilly zu begeben. Dem sollte unter dem Siegel der Verschwiegenheit alles entdeckt werden, : der solle bann Rat erteilen, was nun zu beginnen. D'Anbilly, nachdem die Scuberi ihm alles auf das genaueste erzählt hatte, erkundigte sich nochmals nach den geringfügigsten Umständen. Insbesondere fragte er den Grafen Miossens, ob er auch die feste lieber« zeugung habe, daß er von Cardillac angefallen, unb ob er Olivier Brusfon als denjenigen würde wieder erkennen können, ber den Leichnam fort- getragen. Außerdem, erwiberte Miossens, daß ich in ber mondhellen Nacht den Goldschmied recht gut erkannte, habe ich auch bei la Regnie selbst den Dolch gesehen, mit dem Cardillac niebergestoßeu wurde. Es ist der meinige, ausgezeichnet durch die zierliche Arbeit des Griffs. Nur eilten Schritt von ihm stehend gewahrte ich alle Züge des Jünglings, dem ber Hut vom Kopf gefallen, unb würde ihn allerdings wieder erkennen können. D'Anbilly sah schweigend einige Augenblicke vor sich nieder, dann sagte er: Auf gewöhnlichem Wege ist Brusson aus den Händen ber Justiz nun ganz unb gar nicht zu retten. Er will Madelons halber Cardillac nicht als Mordräuber nennen. Das mag er tun, denn selbst, wenn es ihm gelingen müßte, durch Entdeckung des heimlichen Ausgangs, des zufammenge- raubten Schatzes dies nachzuweise», würbe ihn-doch als Mitverbundenen ber Tob treffen. Dasselbe Verhältnis bleibt stehen, wenn ber Graf Miossens die Begebenheit mit dem Goldschmied, wie sie wirklich sich zutrug, den Richtern entdecken sollte. Aufschub ist bas einzige, wonach getrachtet werden muß. Graf Miossens begibt sich nach ber Conciergerie, läßt sich Olivier Brusson vorstellen unb erkennt ihn für ben, ber den Leichnam Cardillaes sortschaffte. Er eilt zu la Regnie unb sagt: In ber Straße St Honorö sah ich einen Menschen niederstoßen, ich stand dicht neben dem Leichnam, als ein anderer hinzusprang, sich zum Leichnam nieber« bückte, ihn, da er noch Leben spürte, auf die Schultern lud unb forttrug. In Olivier Brusson habe ich diesen Menschen erkannt. Diese Aussage veranlaßt Brussons nochmalige Vernehmung, Zusammenstellung mit dem Grasen Miossens. Genug, die Tortur unterbleibt unb man forscht weiter nach. Dann ist es Zeit, sich an ben König selbst zu wenden. Euerm Scharfsinn, mein Fräulein, bleibt es überlassen, dies auf die geschickteste Weise zu tun. Nach meinem Dafürhalten würd' es gut sein, dem Könige das ganze Geheimnis zu entdecke». Durch diese Aussage des Grafen Miossens werden Brussons Geständnisse unterstützt. Dasselbe geschieht melleicht durch geheime Nachforschung in Cardillaes Hause. Keinen Nechisspruch, aber des Königs Entscheidung, auf inneres Gefühl, bas da, wo der Richter strafe» muß, Knabe ausspricht, gestützt, kann das alles begründen. — Graf Miossens befolgte genau, was d'Anbilly geraten, unb es geschah wirklich, was dieser vorhergesehen. Nun kam es darauf an, ben König anzugehen, und dies war bet schwierigste Punkt, da er gegen Brusson, den er allein für ben entieß. licken Raubmörder hielt, der so lange Zeit hindurch ganz Paris in Ang»! und Schrecken gesetzt hatte, solchen Abscheu hegte, daß er, nur leise erinnert an den berüchtigten Prozeß, in den heftigsten Zorn geriet. Di, Maintenon, ihrem Grundsatz, dem König nie von unangenehmen Dingen zu reden, getreu, verwarf jede Vermittlung, unb so war Brussons Schicksal ganz in die Hand ber Scuberi gelegt. Nach langem Sinnen faßte sie einen Entschluß ebenso schnell als sie ihn ausführte. Sie kleidete sich in eine schwarze Robe von schwerem Seidenzeug, schmückte sich mit Car. billacs köstlichem Geschmeide, hing einen langen, schwarzen Schleier über, unb erschien so in den Gemächern der Maintenon zur Stunde, da eben ber König zugegen. Die edle Gestalt des ehrwürdigen Fräuleins in bi» fern- feierlichen Anzuge hatte eine 'Majestät, die tiefe Ehrfurcht erwecken wußte selbst bei dem losen Volk, bas gewohnt ist, in ben Vorzimmern fetn leichtsinnig nichts beachtendes Wesen zu treiben. Alles wich scheu zur Seite, unb als sie nun einirat, stand selbst der König ganz verwundert auf und kam ihr entgegen. Da blitzten ihm die köstlichen Diamanten de, Halsbandes, ber Armbänder ins Auge unb er rief: Beim Himmel, da, ist Cardillaes Geschmeide! Und bann sich zur Maintenon wendend, fügte er mit anmutigem Lächeln hinzu: toeljt Frau Marquise, wie unsere ichöm Braut um ihren Bräutigam trauert. — Ei gnädiger Herr, fiel btc Seubert wie den Scherz fortsetzend ein, wie würd' es ziemen einer schmerz- erfüllten Braut, sich so glanzvoll zu schmücken? Nein, ich habe mich ganz losgesagi von diesem Goldschmied, und dächte nicht mehr an ihn, träte mir nicht manchmal das abscheuliche Bild, wie er ermordet dicht bei mir vorübergetragen wurde, vor Augen. — Wie, fragte ber König, wie! Ihr habt ihn gesehen, den armen Teufel? Die Scuberi erzählte nun mit kurze» Worten, wie sie der Zufall (noch erwähnte sie nicht die Einmischung Brussons) vor Cardillaes Haus gebracht, als eben der Mord entdeckt worden. Sie schilderte Madelons wilden Schmerz, den tiefen Eindruck, den das Himmelskind auf sie gemacht, die Art, wie sie die Arme unter Zujauchzen des Volks aus Desgrais' Händen gerettet. Mit immer steigendem unb steigendem Interesse begannen nun die Szenen mit l» Regnie, mit Desgrais, mit Olivier Brusson selbst. Der König, hingerissen von der Gewalt des lebendigsten Lebens, das in ber Scuberi Rede glühte, gewahrte nicht, baß von dem gehässigen Prozeß des ihm abscheulichen Brussons die Rede war, vermochte nicht ein Wort hervorzubringen, konnte nur bann und wann mit einem Ausruf Luft machen der inneren Bewegung. Ehe er fich's versah, ganz außer sich über bas Unerhörte, was er erfahren unb noch nicht vermögend alles zu ordnen, lag die । Scuberi schon zu seinen Füßen unb flehte um Gnade für Olivier Brusfon. ! Was tut Ihr, brach der König los, indem er sie bei beiden Händen faßte und in ben Sessel nötigte, was tut Ihr, mein Fräulein! Ihr überrascht mich auf seltsame Weise! Das ist ja eine entsetzliche Geschichte! Wer bürgt für die Wahrheit der abenteuerlichen Erzählung Brussons? — Darauf die Scuberi: Miossens' Aussage — die Untersuchung in Cardillaes Hause — innere Ueberzeugung — ach! Madelons tugendhaftes Herz, das gleich« Tugend in dem unglücklichen Brusfon erkannte! — Der König, im Begriff etwas zu erwidern, wandte sich auf ein Geräusch um, das an ber Tür entstand. Louvois, der eben im andern Gemach arbeitete, sah hinein mit desorglicher Miene. Der König stand auf und verließ, Louvois fol- : penb, bas Zimmer. Beide, die Scuberi, die Maintenon hielten diese Unterbrechung für gefährlich, denn einmal überrascht, mochte ber König sich hüten, in die gestellte Falle zum zweitenmal zu gehen. Doch nach einigen Minute» trat ber König wieder hinein, schritt rasch ein paarmal int Zimmer auf und ab, stellte sich bann, die Hände über ben Rücken geschlagen, dicht vor der Scuberi hin unb sagte, ohne sie anzublicken, halb leise: Wohl möcht' ich Eure Madelon sehen! — Darauf die Scuberi: Oh, mein gnäbiger Herr, welches hohen Glückes würdigt Ihr das arme, unglückliche Kind — ach, nur Cures Winkes bedurft es ja, die Kleine zu Euer» Füßen zu sehen. Und trippelte bann, so schnell sie es in ben schtveren Kleidern vermochte, »ach ber Tür und rief hinaus, ber König wolle Madelon Cardillac vor sich lassen, unb kam zurück und weinte und schluchzte vor Entzücke» und Rührung. Die Scuberi hatte solche Gunst geahnt, und daher Madelon mitgenommen, die bei ber Marquise Kammer- ■ frau wartete mit einer kurzen Bittschrift in den Hände», die ihr d'Anbilly aufgesetzt. In wenig Augenblicken lag sie sprachlos dem Könige zu Füßen. Angst — Bestürzung — scheue Ehrfurcht — Liede unb Schmerz — trieben ber Armen rascher unb rascher bas siedende Blut durch alle Abern. Ihr« Wangen glühten in hohem Purpur — die Augen glänzten non hellen Tränenperlen, die bann unb wann hinabfielen durch die seidenen Wimpern. Der König schien betroffen über die wunderbare Schönheit bes Engelskinbes. Er hob bas Mäbchen sanft auf, bann macht« er eine Bewegung, als wolle er ihre Hand, die er gefaßt, küssen. Er ließ sie wieder und schaute bas holde Kind an mit tränenfeuchtem Blick, der von ber , tiefsten Innern Rührung zeugte. Seife lispelte die Maintenon ber Sc»- der! zu: Sieht sie nicht ber la Balliere ähnlich auf ein Haar, das Meine Ding? Der König schwelgt in den süßesten Erinnerungen. Euer SpM ist gewonnen. — So leise dies auch die Maintenon sprach, doch schien es ber König vernommen zu haben. Eine Röte überflog fein Gesicht, fehl Blick streifte bei ber Maintenon vorüber, er las bie Supplik, die Madelon ihn überreicht, unb sagte bann mild unb gütig: Ich will's wohl glauben, daß du, mein liebes Kind, von deines Geliebten Unschuld überzeugt bist, aber hören wir, was die Chambre Ardente dazu sagt! — Eine sanft« Bewegung mit ber Hand verabschiedete die Kleine, die in Tränen verschwimmen wollte. — Die Scuberi gewahrte zu ihrem Schreck, daß die - Erinnerung an die BalliLre, so ersprießlich sie anfangs geschienen, des Königs Sinn geändert hatte, sowie bie Maintenon ben Namen genannt (Schluß folgt.) Derantwsrtlich: Dr. Hans Thyriot. - «ruck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Buch. und Steiubruckerei, R. Lang«, Gießen.