GietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (928 Dienstag, den 21. November Nummer 95 November. Von Manfred Hausmann. Ich glaube, es schneit fu,on wieder, die Nacht ist so neblig und kalt. Du bist meine kleine Geliebte in diesem verschneiten Wald. Magst du noch weiter gehen? Ich hab dich erst einmal geküßt, du mußt es doch erfahren, du Liebe, wie lieb du mir bistl Ich will auch gar nichts sagen. Das tut dir vielleicht noch weh. Wir haben ja heute dies Schweigen, dies Wandern und Schweigen im Schnee. Und über uns hängen die Föhren, es fängt wieder an zu schnei'n. Wir wollen nur so ... hingehn und ganz aneinander sein. Der See. Von Waldemar B o n s e l 5*). ffis ging starker warmer West und sang gewaltig. Mario zog ihm ent- aegen das war der Tag, an dem er den See entdeckte. Der Wind machte bemahe unvorsichtig, da man sich nicht wie sonst auf sein Gehör ver- Wen konnte, und der sorglose Aufruhr der Bäume und Büsche übertrug sich auf das eigene Blut. Es flatterte, schrie, raschelte, schwatzte und °^uste^,umher, vom Boden empor bis zu den Gipfeln, alles reckte und oehnte sich aufgemuniert und belebt. Die Bodentiere hielten sich verborgen die Vogel versteckt, nur ein Elsternpaar lärmte in einer Ulme und Uetz sch schaukeln und zausen. Mario kam so dicht an die Redseligen und scheltenden heran, daß sein Pfeil sie erreicht hätte, aber er senkte den Bogen. Auf seinem Wege erhoben sich die Ruinen des alten Schlosses, eigent- Uch waren sie das Ziel seines Ausflugs für diesen Tag gewesen; er kannte me blatte schon lange, sie lag etwa eine Stunde von der Waldhütte ent- lernt gegen Südwest. Der Wald rückte an das alte Gemäuer heran und »reit und wuchtig daran empor, er drohte es ganz zu verschlingen, aber noch ragten die Reste der Steingebilde über die Baumwipfel hinaus. Der vlurm sang in den öden Fensterhöhlen der Südmauer, die sich noch wie " graues Felsgerippe in den Himmel erhob. Die Dohlen warfen sich um die Schroffen. Ein verschütteter Weg, der von der Westseite her wie ein Bachbett in m Trummerwelt emporführte, ließ sich noch erkennen, verwachsen und Überwuchert, ganz zerfurcht von den Sturzbächen der Gewitter, die die «msatzungsmauern eingeriffen und niedergelegt hatten. Der Ginster reckte grünen Zweigbesen struppig aus den Ritzen, Efeu kroch still uno schläfrig aus den Schattentiefen des ehemaligen Burghofs empor, und rmem zerbrochenen Fensterbogen, mitten darin, grünte ein wilder «ittobaum. Eidechsen blitzten und raschelten an den windgeschützten Sonnen- Mgen auf dem heißen bröckelnden Gestein, und das Heidekraut, hoch in 3‘e' deckte wie mattglühende Wolkenschatten die zerbröckelnden Ge- wowe Dre abgesunkenen Ringmauern wurden vom Wald lautlos qe- JX™, er verschlang ihre von Menschenhänden gebildete Gestalt, zer- 2?» 1 Gefüge, zerfraß und zerlegte Mörtel und Gestein. Die Farnen simatteten breit und dicht die Trümmer int feuchten Grund an den jäh mCn Hungen, wie Decken aus grünem Spitzengewebe, und qe- a~9c Vaumriesen brachen tiefer unten durch die Quadern. s.., Nuine wurde von den Dohlen beherrscht. Mario, der die Stätte kick »1» Seit und des Verfalls liebte, stöberte nicht umher, sondern legte I unh L. V < wohlgeborgen an den höchsten Platz, den er erreichen konnte, I fiX™. .,tc geduldig auf das Treiben, das sich zeigen sollte. Aber da ge- 7aX e® 'hw, daß der Flug der Dohlen ihn verzauberte. tonh rJQb halber Höhe des Turmes aus, der sich über einen Mauer- tolnfer m ejtern ^eß, ins Land hinaus nach Süden durch die Baum- | unbN,"8ch. Er war niemals so hoch über die Waldebene gelangt, njang nahm ihn der lichte helle Ort und sein Blickfeld gefangen. M.' sich wie von Wind und Helligkeit getragen und atmete froh. I fehh«^ItL. voö>get»el£tes, ruhloses grünes Meer wogte unter ihm, unab- *iihL mtg°konnn bie Karienlosen, furchtbar interessiert drängten und erschien, uver Stufen des Aufbaus heraufsteigend, die Mappen unter ^”Arm$ttcfe Versteigerungskommission. Man rüstete sich, flüsterte die-Namen, gl« die Listen unb versank, jeder einzelne die Weihe der großen Zahlen^^ wartend, in hochachtungsvolles Schweigen, als der beauftragt nator bie Bedingungen verlas. mit Der Katalog hatte einhundertunbsieben Nummern Es began kleinen Stücken der holländischen Schule, die, angefagt, non mettem^ zeigt, ein wenig in die Höhe geboten, nach vier S^ eri । 3le Üben. Das war unbeträchtlich unb ging ohne Aufregung vo-uver. Preife, wie ich mich überzeugte, lagen fast genau 'N der Hohe » schätzten Werte. Langsam rückte indessen der Auktionator vor. Ltn Niederländer, einige Italiener; man war bei der Wummer Bilder wurden bereitwilligst herumgezeigt; manchmal, der Groß« von zwei Männern, die sie jedem Interessenten noch wandten. Ich sah mir, um befugter zu scheinen als ich trcr, au» cin Nähe eine Kuh unter Bäumen an, treu gemalt iGoneingei!^^ Objekt von 30 000 Mark, das ich nach einigen Augenblicken fttrn der Prüfung mit kleinem Kopfschütteln passieren lieh. ...®(is Mein Nebenmann, wie ich plötzlich mit Erstaunen M- > *' nwrf Kinn war nach vorn auf eine untadelige Hemdbrust gesun - M- brei Falten. Der Mann sah nicht ermüdet ans unb schien > geschwemmt unb gelagert, knisterten unter seinem nackten Körper, em Weidenbaum, dessen Wurzeln von der Flut bloßgelegt waren, als stünde er auf vielen dünnen, geschwungenen Beinen, bot spärlich Schutz gegen Sonne unb Wind, beide fielen auf die Lider und wirkten miteinander so wohltätig, daß sich die Augen sanft und wie von selber schlossen. Es rauschte noch lange in den weiträumigen Traum hinein. Als er erwachte, stand der See in Gluten, bas Abendrot färbte ihn, still geworden, der Sturm hatte sich gelegt. Mario stützte den das Geäst, blieb liegen unb schaute in bas große Licht. Er mußte leben unb walten. ... , m Das dürre Schilf unb Binsen, in weiten Banken doiu Wellengang an« ' gelagert, knisterten unter seinem nackten Körper, ein en Wurzeln von ber Flut bloßgelegt waren, als ftttnbe An einem sonnigen Abhang in einer baumleeren Schlucht fanb er eme solche Fülle von Himbeeren, baß er staunte. Es tat ihm leib, kein Geschirr bei sich zu haben, unb baß Dommelfei biefen Reichtum nicht sah. Er brach in bie buftenbe Siebelung ber Sträucher, bie Beeren glühten ütz und warm, es ging hier kein Wind, bie Schmetterlinge taumelten )urd) bie flimmernbe Helligkeit, eine Ringelnatter zischte ihn an unb lüchtete, ein Fuchsfell blinkte auf unb erlosch. An den Stümpfen aus bem Moos brachen Farnkräuter so groß wie Schirme; unb an bornigem Gesträuch kletterten mattfarbene Sommerwinben empor, bie blühten. Mario ließ Beere auf Beere über bie Zunge roanbern, er trank sich am fußen heißen Blut ber wilben Sommerkinber satt. Jenseits bes fünften Tales stieg bas beroalbete Lanb leicht an, unb als er bie Höhe erreichte, auf ber ber Grunb trocken wie Zunber knisterte unb ber Winb ihn roieber anfprang, sah er zwischen ben Stämmen, bie hier licht unb in Abstänben voneinanber ftanben, vor sich einen hellblauen Silberstrich, ber lebhaft glitzerte. Er mußte sich fassen unb begriff nicht sogleich, was er erschaute. . Nun staub er vor einer weiten Wasserfläche, ein großer «ee behnte sich hell unb blau, vom Winb in frohen Aufruhr versetzt, vor feinen Augen, ber Wald wuchs bis bicht an bie Flut, Schilfbänke lagen wie grüne bewegte Inseln nahe bem Ufer, fern drüben blauten die Mauern ber fremben Wölber, zur Rechten unbSinten war kein Enbe zu erspähen, wie ein breiter Strom zog sich ber See bahin. . Mario jubelte auf vor Glück. Da strahlte eine ganz neue Welt tn blauer Herrlichkeit vor seinen Sinnen auf, eine Welt, bie ihm gehörte, ein Reich, das er ben Provinzen seines Walbglücks zugesellen konnte wie ein König ein erobertes Gebiet. Er lachte vor Seligkeit, fein Wuitzch, sich diesem Sein unb Weben, Diesem Licht, biefer Weite unb Kühle, bem Glanz unb ber heiteren Lebendigkeit ber Flut einzufügen, überwältigte ihn wie ein Rausch. Da war noch keine Minute vergangen, unb er war im Wasser. Es umpfing ihn warm unb erwies sich als weit hinaus flach. Große Libellen erhoben sich von ben Schilfhalmen, hinter benen der See jählings tief würbe, Mario schwamm unb tauchte, bie Wellen überschlugen ihn, hoben ihn hinauf unb hinab, bas Schweben unb Gleiten ber weit unb selig gebehnten ©lieber füllte bas Blut mit Entzücken unb ganz neuer Kraft. , _ _. Nun lag er am Strand. Wie es umyer nach toonne, -schift und Uferfäulnis duftete; da verbrannte bie Glut, was die Tiefe des Sees ans Ufer spülte, es branbctc in lauten frohen Wellen auf ben Sanb. Hier lieft sich ruhen wie nirgenbs, ber offene Himmel wirkte wie ein Bab aus Licht nach biefem kühlen Treiben in ber Flut. Das war ein Schwimmen gewesen! Was bot bagegen ein Bach, an besten Grunb unb Ufern man sich stieß, unb besten Kessel Schüsseln waren gegen bics Meer von Weite und gläserner Tiefe. Er preßte unb brückte bas Wasser aus den Haaren, du lieber Gott, wie lästig doch dieser Schopf ihm bei seiner Arbeit wurde. Dommelfei schnitt ihn zuweilen mit ihrer großen Schere ab, nicht kurz, das wollte sie nicht. Zwei-, dreimal schnappte der eiserne Rachen, dann galt es für gut. Aehnlich schnitt sie auch das Gras mit ihrer Sichel. Die ersten Haarreste, die sie fortgeworfen hatte, fand er später in einem Baumloch in einem Meisennest wieder, ganz blond war das Nest. . Ja, das mußte anders werden, es sollte letzt em Leben voller Wirken und Arbeit beginnen. Ein Floh aus Baumstämmen war bas erste, was er bauen wollte, ber ganze See mutzte erforscht werden. Dommelfei wurde sicherlich rechtes Angelgerät herbeischaffen, bie Einmündungen des Flusses und ber Bäche galt es zu entbecken. Noch zeigte sich ihm hier nicht, was an Geschövsen bie Ufer unb bas Wasser bevölkerte, wie sollte em kluges Lebewesen' sich zeigen, wenn er hier schnaubte, plätscherte unb zappelte wie ein junger Hunb? Aber wie vieles an Getier unb Vögeln mußte hier sellschast schwerwiegender Kunstfreund« an seinem Plast. Ich blieb, wie ich ihn so betrachtete, durchaus unwissend darüber, daß ich chn noch näher kennen lernen und sogar einen kleinen Schriftwechsel mit ihm tauschen sollte. — Man kam in die Nähe der großen Objekte; der Mann wachte auf. Bei Franz Hals war er vollends munter; bot nickt mit, aber notierte sich am Rand des Kataloges die neuen Besitzer. Ich hatte von Anfang an meinen Katalog bei Nummer sechsundzwanzig aufgeschlagen; bas war der Rembrandt, das Hauptstück der Versteigerung. Sein Schätzungswert war achthunderttausend, aber er hatte, vor vier Jahren in Paris, wie sich Eingeweihte mitteilten, schon neunhunderttausend gebracht. Ich muß letzt, da wir uns dem Kern der Geschichte nähern, ein wenig psychologisch werden: darf nicht verschweigen, daß ich, trotz aller gespannten Aufmerksamkeit von meinem Nachbarn irritiert war. Er, was weit schwieriger zu erklären, schien auch an meiner Person interessierter, als aus den Umständen erklärlich; denn ich sah, meinen Katalog auf den Knien, mitteleuropäisch artig und geheimnislos da. Jetzt beginnen die einleitenden Merkwürdigkeiten. Er ließ einen Silberstift fallen, hatte Mühe, ihn zu finden und dankte mir, als ich ihn aufhob, mit großartiger Freundlichkeit. Eine Minute später, sich zu mir herüberbeugend, vertraute er mir, daß er den Rembrandt kaum für echt halte. Darüber äußerte ich in einer Weise mein Erstaunen, die ihn erschreckte; meine Behauptung, das Bild würde sicher einen Schätzungswert übersteigen, machte ihn nachdenklich. Die Auktion tand bei Nummer zwanzig. Es ging eine kleine Zeit leer und langweilig )tn. Nummer fünfundzwanzig war verhandelt; auf der Staffelei erschien der Rembrandt. Es wogte leise im Saale eine gewisse Unruhe auf. Das Bild, ein Porträt, ziemlich groß, unverkennbar die Handschrift des Meisters, wurde mit hunderttausend angeboten. Die Beteiligung war lebhaft. Mein Nebenmann saß, seltsamerweise, ohne den Fortgang zu beobachten, versunken und nach innen gewendet, da. Das Bild ging, über Stufen von zehntausend bis zwanzigtausend, seinen Weg aufwärts, war bei vierhunderttausend angekommen, stockte ein wenig, als eine Stimme in meiner allernächsten Nähe sünfbunderttausend ansagte. Ich war über diesen Sprung nicht weniger aufgeregt als die anderen, verlor übrigens ein wenig die Fassung, als ich feststellen mußte — was mir bisher nicht klar war —, daß dies Angebot — von mir kam. Ergeben, mit ernstem Gesicht, ertrug ich die Aufmerksamkeit des Saales und machte mir meine fatale Anlage bewußt, die mich in Augenblicken ber Spannung, der Gefahr, zu gewaltsamem Antrieb brachte; über dies war dieser Fall nicht halsbrecherisch, einfach ein Aussprechen von Ziffern, die einen abstrakten, scharfen Reiz aussandten. Mit dein em Seufzer richtete mein Nebenmann sich zusammen; beachtete mich jetzt gar nicht mehr, sondern saß in ununterbrochenem Kontakt mit dem Auktionator zielgespannt und abgeschlossen neben mir und überbot rnich. Ich nahm die Lage so spaßig wie sie war. Ich riskierte nichts; faktische Kaufkraft hatte ich für drei Mark fünfzig; konnte aber bis siebenhunderttausend'ruhig mitgehen. Ein Rembrandt, der vor vier Jahren neunhundert gebracht hatte, war für dieses Abenteuer sicher genug. So wurde es ein ruhiges fachmännisches Duell. Wir waren bei sechshundertfünfzig; niemand sonst begleitete uns; unsere Summen tarnen in kleineren Stufen, aber prompt und schlaggerecht. Der Auktionator hatte für jeden von uns einen Arm reserviert; für mich den linken, den rechten für meinen treuen Nachbar. Die Aufregung, an der Stille, die tief sich aus- breitere, zu merken, stieg im Tempo mit unseren Nennungen, sechshundert- siebzigtausend — fünfundsiebzig — achtzig — fünfundachtzig — neunzig — siebenhunderttausend. Pause. Das letzte Angebot war von mir. Man kostete ein wenig die klare durchsichtige Luft dieser Siffer aus; der Versteigerer verweilte bei ihr mit sichtlichem ästhetischen Wohlbehagen. Der alte Herr neben mir, den ich so unnötig echauffierte, der von Amsterdam den Expreß genommen hatte, um mit ausgeruhten Nerven an den Start zu gehen, der schon in seinem Salon einen Platz für den Rembrandt ausgerechnet und leer geräumt, ließ den Kopf finken. Wurde er traurig? Erkannte er meine jüngere, energischere Kaufkraft? Ich war allmählich mit meiner bescheideneren Art, die unerhörten Zahlen zu steigern, ruhig das gegnerische Gebot mit einem höheren zu drücken, zum Symbol eines allmächtigen, amerikanischen Auftraggebers avanciert, und schien mir selbst so, wie ich hier, im Mittelpunkt des schweigenden Saales, und immer von dem linken Arm des Auktionators achtungsvoll einge- läben, ein ernstes Geschäft abenteuerlich erschwerte. Siebenhunderttausend zum Ersten ... Der rechte Arm winkte meinem Nebenmann. Der saß und rechnete, sah nicht mehr auf und schien aus dem Kampf zurück- getreten. Mit Siebenhundert wollte ich abschließen. Siebenhunderttausend zum Ersten, zum Ersten, zum Zweiten ... Siebenhunderttausend zum Zweiten ... Eine mächtige Stimme brachte noch einmal die Summe .Mr vollen plastischen Anschauung. Mein Holländer schrak auf, verlor ein Papier, aber befriedigte die allgemeine Erwartung aufs beste mit höherem Gebot. Siebenhundertfünfzigtausend ... Ich bückte mich, das Papier auszuheben: und empfand, mir durchaus unerklärlich, schon im Ansichten des Zettels und ohne jedes eigentliche Wissen von seiner Natur, schon ein starkes komisches Behagen. Es war ein Scheck. Ich bot ihn dem Eigentümer an. Der verweigerte höflich die Annahme. , r . Es war ein Scheck, abhebefertig, über Funszigtausend mit dem Namen eines bekannten holländischen Sammlers unterschrieben. Es war mit jetzt schon leicht, die Situation mitzuspielen; ich faltete das Papier zusammen, ließ oben den linken Arm vergeblich mir zuwinken; wartete noch den dritten Ausrus ab, der ein starkes Zwitschern der animierten Gesellschaft auslöste, erhob mich dann und verlieh diesen segensreichen Ort, den ich Armer und Unschuldiger so ohne jedes Wissen vom nahen Glück betreten hatte. Man soll die Kultur nicht schelten, wenn sie solcherart auch die Besitzlosen hebt und tröstet. Es gehört, ich will es zugeben, allerdings ein gewisser Wagemut dazu, den Baum mit hochedlen, goldenen Früchten so energisch zu schütteln, wie ich es getan hatte. Jetzt sitze ich am Lugano, wunschlos, und sehe eben, wie Mirele die immer reifenden Drangen in ein kleines blaues Strohkorbchen erntet, das ihr schon schwer am Arme hängt. Der Traum als Dichter. Von Prof. Dr. Hermann Brunn, München. Jeder weih, was man unter Addition von Zahlen versteht, und daß es Additionsmajchinen gibt. Jeder Mensch besitzt, ohne sich dessen bewußt zu sein, eine solche Additionsmaschine, sie ist nur weit wunderbarer und vielseitiger als jede andere Maschine. Ich meine, um es mit einem einzigen, freilich in seinem landläufigen Sinne hier nicht völlig deckenden Worte zu sagen — unsere Phantasie. Die tausende von Eindrücken, die durch die Pforten unserer Sinne in uns hineinströmen und in unserem Innern in Form von Vorstellungen sich aufspeichern, werden von unserer Phantasie, oder sagen wir: von der Maschine unseres Zentralnervensystems in der mannigfaltigsten Weise hintereinander, übereinander, ineinander und durcheinander addiert, was für uns als Unterlage unserer Begriffsbildung und unseres ganzen Denkens von der höchsten Wichtigkeit ist. Teilweise addiert nun diese Maschine die Elemente nach dem Muster der äußeren Natur und des im Leben erfahrenen Geschehens und schließt sich damit der Logik der Tatsachen an. Teilweise aber verfährt sie nach eigener Willkür und bringt dann — in gewissem Sinne nur scheinbar, in gewissem Sinne wirklich — etwa Neues hervor, das der Logik der Tatsachen oft geradezu ins Gesicht schlägt. Das ist das Wirken der „Phantasie" im gewöhnlichen, engeren Sinne des Wortes, wie es besonders im Traume feine Blüten treibt. Sprechen wir zunächst über Additionen von Vorstellungen des Gesichtssinnes. Die Vorstellung eines Wesens, das halb Mensch, halb Pferd, ist solch eine durch Addition von Teilen, die in der Natur nicht verbunden sind, hervorgebrachte Neuschöpfung der Phantasie. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß sie Im Traume entstanden ist und nicht in der wachen Phantasie eines Künstlers oder Dichters, wie mir denn neulich eine Freundin erzählte, daß sie nach dem Besuche des neuen Münchener zoologischen Gartens von Pinguinen mit Menschenbeinen geträumt habe. Hier liegt beide Male eine verhältnismäßig grobe Addition unterscheidbarer größerer Teile verschiedener Wesen vor. Die Phantasie addiert aber oft viel merkwürdiger, nach kleinsten Teilen, um zu der Vorstellung neuer Mittelwesen zu gelangen. So kann uns Im Traum ein Mann N. N. begegnen, den wir nie gesehen haben, der aber in uns durch Addition von zwei Bekannten Franz und Fritz entstanden ist und nun beiden ähnlich sieht, wie ein Sohn sowohl seinem Vater als feiner Mutter gleicht. Erst jetzt komme ich zu dem eigentlichen Thema meines Aufsatzes, zu der Addition der Vorstellungen von Tätigkeiten, Vorgängen und Zuständen zu Phantasieschöpfungen also, die beim Eingehen in unsere Sprache neue Zeitwörter nach sich ziehen müßten. Diese Fälle sind bisher kaum beachtet worden, weil sie seltener und schwerer faßbar find. Während des Wachens sind unsere Vorstellungen im Allgemeinen „vernünftig", weil sie in der Hauptsache durch die sinnlichen äußeren Eindrücke — an denen wir eben unsere Vernunft ausgebildet haben — und durch unseren zweckbewuhten Willen geregelt werden; auch im eigentlichen Traume kommt dadurch, daß die Vorstellungen größtenteils automatisch, ohne Einfluß unseres Willens ablaufen, meist eine halbwegs vernünftige Einheitlichkeit zustande. Im Halbschlaf dagegen oder im Fieber geschieht es häufiger, daß wir die im Wachen angesponnenen Gedanken weiterzudenken, also die Vorstellungen unserem Willen zu unterwerfen streben, dieser aber schon im Erlahmen und nicht mehr kräftig genug ist, bas Herandringen anderer, automatisch ablaufender Vorstellungen fernzu- halten. Cs entsteht ein Kampf, ein Zusammenstoß und Zusammenfluß zweier verschiedener Vorstellungsrichtungen, und ihm entspringt ost eine ganz merkwürdige neue Vorstellung, oder sagen wir lieber — da die Traumoorstellungen uns ja als Wirklichkeit erscheinen — ein ganz sonderbar neuartiges äraumerlebqj. Meist geht es nach kurzer Zest in den traumlosen Schlaf ober einen gewöhnlichen Traum über, und beim Aufwachen hat man bann nur noch eine unklare (Erinnerung an eitlen außergewöhnlichen Zustand, den man vergeblich zu beschreiben, mit ber sonstigen Erfahrung und Gedankenwell in logische Verbindung zu setzen sucht. Man gibt sich schließlich mit der Bemerkung zufrieden: meine Gedanken haben sich verwirrt. Es ist mir aber doch gelungen, in ein ober dem anderen solchen Fall etwas klarere Einsicht zu erlangen, und ich will versuchen, an Hand eines glücklich analysierten Beispiels bas Wesen solcher Verwirrung, die Logik solcher Alogik eingehender darzulegen. Eines Abends auf dem Lande träumte ich im Halbschlafe, daß ich auf einer Karte mit gespreiztem Daumen und Zeigefinger im Takte hin und her zirkelte, ohne zu wissen, warum. Im wachen Zustande würde ich die Herkunft dieser instinktiven Tätigkeit, falls ich mich überhaupt auf sie eingelassen, sofort erkannt, sie als sinnlos verurteilt und abgebrochen haben. Im Halbschlafe aber waren mir die Ursachen meines Benehmens unklar, dabei fühlte ich einen unentrinnbaren Drang und Zwang, die Tätigkeit fortzusetzen, und trotz des Gefühls einer fremdartigen Spannung hatte der Zustand etwas so Rundes und Wirkliches, daß die Kritik die Waffen streckte und ich mich auf einen Standpunkt versetzt sühlte, der am Besten durch den — ein klein wenig abgeänderten — Hegelschen Ausspruch gekennzeichnet wird: „Alles was ist, ist, insofern es ist, vernünftig", was nichts anderes bedeutet, als daß die Vernunft mit allem, dessen Wirklichkeit sie nicht mehr bestreiten kann, sich abfinden muh und auch wirklich abfindet. Wie erklärt sich der Traum? Ich hatte mit einem Bekannten die Karte studiert und noch im Bette beim Einschlafen weilten meine, Gedanken bei dem geographischen Bilde vergangener und künftiger Ausflüge, während aus einer benachbarten Wirtsstube ländliche Tanzmusik zu mir herübertönte. Diese Gedanken und dieser sinnliche Eindruck mischten sich nun zu der besagten Traumvorstellung. Dabei verhinderte die Musik das deutliche Bewußtsein des geographischen Denkobjektes, andererseits ließ mich die Absicht geographischen Denkens nicht zur Auffassung der' Musik als solcher kommen. Vom Geographischen war nur übrig geblieben die Karte und das Gefühl einer unerfüllten Verpflichtung, mich mit ihr zu beschäftigen, von der Musik nur der Rhythmus, ber Trieb des Tänzers, sich ihm Irgendwie anzupaffen, und die Empfindung eines ebenfalls unvollkommenen Genusses. Eine Einsicht in die zwei getrennten Quellen des Traumes war also zunächst nicht vorhanden oder sie war entschwunden, und die verbleibenden Empfindungen flössen in einem neuen, ganz merkwürdigen Gemütselixier zusammen. Man hat öfter solche Träume; aber dieser ist vielleicht der einzige, dessen Beschreibung und Erklärung mir völlig befriedigend gelungen ist. Die Analyse ist eben im allgemeinen schwierig; denn die Synthese der Clemente eines solchen „Zustände- mischungstraumes" geht meistens in einem unbewachten Momente ganz plötzlich vor sich. Die Auffassung der Zusammenhänge gelingt dann nur, wenn unser Wille im Einschlafen doch noch einmal so weit sich aufrafft um rück- und vorschauend blitzschnell eine Analyse des Vorgangs zu versuchen, was schon ein Aufmerksamgewordensein auf das Problem und eine Forscherabsicht voraussetzt. Ohne gelungene Analyse ist aber oft sogar der Inhalt des Traumes hinterher kauin mehr erkennbar und benennbar, so fremdartig macht ihn seine Einmaligkeit, und darunter leidet natürlich auch leine Merkbarkeiü Ich würde den geneigten Lesern für die Mitteilung analysierbarer Zuständemischungsträume dankbar sein. (Anschrift: München, Brienner- straße 36.) Einen reicheren Vorrat zu haben, ist erwünscht, um über ihre mögliche Einteilung in Klassen und über die etwaige Begrenztheit ihres Gebietes ein Urteil zu gewinnen. Wirkt bei allen Mischungen ein starker sinnlicher Reiz — wie in meinem Beispiel die Musik — von außen auf Unsere Vorstellungsbildung mit ein? Ich glaube nicht; vielleicht gibt es kaum zwei noch so unverträglich scheinende Berbalbegriffe, die nicht der Traum zu einem sonderlichen Dritten zusammenzubrauen, zusammenzukneten verstünde. Wenn dem so ist, so hat die Natur im menschlichen Gehirn eine Werkstätte errichtet, in der die abenteuerlichsten Synthesen >urchprobiert werden. Vereinzelt aber können die Zuständemischungsträume auch eine vernünftige, zweckvolle Idee zutage fördern. Und noch eins: wer selbst solche Mischungsträume erlebt hat — und eigenes Erleben ist zum vollen Verständnis des bisher Gesagten überhaupt nötig — wird selbst dem blödesten Mischungstraum einen gewissen Reiz, sagen wir eine gewisse, mit seinem erfinderischen Charakter zusammenhängende Poesie nicht absprechen. Ja, hat die Poesie, wenn sie zwei völlig verschieden geartete Elemente den Rhythmus — gar den gereimten Rhythmus — und den geistigen Gehalt der Werte zusammenfeffekt, nicht selbst die größte Verwandtschaft mit einem Mischungstraum? Die Welt im Waffertropfen. Von R. $). France. Das folgende Kapitel ist dem lehrreichen und vielseitig anregenden Buche „Welt, Erde und Menschheit. Eine Wanderung durch die Wunder der Schöpfung" von R. H. Franc 6 entnommen, das, mit 267 Seiten Text und 24 Tafeln, im Verlag Ullstein in Berlin erschienen ist. Wer hat schon einmal einen Tropfen Sumpfwasser unter einem starken Vergrößerungsglas gesehen? Wenn sich die Schulreform nach meinen Vorschlägen einrichten würde, dann käme in jeder Volksschule einmal eine Stunde, in der man schon den Zehn- und Zwölfjährigen auf dem Wandschirm die Welt im Wassertropfen zeigte, was man ganz leicht durch ein Mikroskop bereits mit einer mittelmäßigen Lampe ein« richten kann. Man mühte dazu den Kleinen etwa folgendes sagen: Ihr könnt jetzt so sehen, wie wenn euer Auge alles tausendmal größer erschauen würde, als die Dinge wirklich sind. Ihr könnt daraus erkennen, daß es vw! mehr gibt, als man so im alltäglichen Leben zu sehen glaubt, daß also die Welt ganz anders ist, als man zunächst merkt. Vor allem ist sie viel lebendiger, denn in jedem Tropfen Wasser sind, wie ihr hier seht, Tausende von lebendigen Geschöpfen, die ganze Luft, die ihr einatmet, ist voll von ihnen, in jedem Körnchen fruchtbarer Erde leben sie. Würde man das alles zusammenrechnen und abwieqen, bann würde dieses Kleinleben zusammen einen riesengroßen Berg bilden gegen einen viel klei- "eren, auf dem die bekannten Tiere und Pflanzen zusammengehäuft sind. Es ist also das Kleinleben bedeutsamer als das Großleben. Die kleinen Geschöpfe ersetzen durch ihre Zahl das, was ihnen an Kraft und Größe im einzelnen abgeht. Ihr könnt hier das verschiedenste Kleinzeug bunt durcheinander wirbeln sehen und werdet finden, daß da gar nichts an die bekannten Tiere und Pflanzen erinnert, und daß diese grünen Dinger ost umherlaufen, was doch nicht der Pflanzen Art ist. Viele andere sind gelb oder braun, manche rot, mehrere blau ober blaugrün und die meisten so durchsichtig wie Glas. In die durchsichtigen kann man hinein- sehen und bemerkt bann, daß sie im Inneren andere Kleingeschöpfe haben, aber in einem getöteten und zerstörten Zustand. Die Großen fresien im Wasiertropfen offenbar die Kleineren, und die Größten sind offensichtlich auch die größten Räuber. Jetzt werdet ihr auch verstehen können, warum diese Geschöpfchen durcheinanderlaufen. Die einen sind auf der Flucht, die anderen auf der Jagd. Eine wunderbare Urwelt ist das, was man da auf dem lebenden Bild gespiegelt sieht. Man braucht dazu nicht weit zu fahren, der Frosch-, graben vor unseren Toren ist eine solche Urwelt, und der Tropfen stammt von seinem grünschlammigen Grund. Furchtbar und wild geht es darin zu, Jagdabenteuer, kühne Flucht, Seltsamkeiten, Leben und Erstaunliches, auch Schönes gibt es darin in Hülle und Fülle. So sind die Allereinfachsten, die Urpflanzen und Urtiere, beschaffen, unb sie sind von allergrößter Bedeutung für die anderen Geschöpfe. Die in der Erde leben, machen den Boden fruchtbar und rein, weil sie die toten und verwesenden Dinge verzehren und Nahrungsmittel vorbereiten sur die Wurzeln der Waldbäume, der Wiesengräser und der Feldfrüchte. Dre im Wasser leben — auch das ganze Meer ist in den oberen Schichten erfuüt von ihnen —, dienen den größeren zur Nahrung in einer langen Kette, die beim Fischreichtum der Gewässer endet. Und sie wiederum halten alle Flüsse, Seen und Meere rein durch Verzehren der Sinkstoffe, verantwortlich: Dr. Hans Thhrivt. — Druck und Verlag: Brühl Die Bedeutung der Kleinen im Haushalt von Natur und Mensch kann also nicht hoch genug eingeschätzt werden. So würde ich im ersten Naturkunde-Unterricht sprechen unb nun alle Bildung über die Natur auf dieses erste Erlebnis aufbauen. Denn in Wirklichkeit baut sich ja auch das Naturleben so auf, daß überall im Meer und auf dem Festland, auf der ganzen Erde von Nord bis Süd durch die Luft verbreitet, einfachste und kleinste Geschöpfe vor allen Pflanzen und Tieren da sind, die gar nichts zum Leben brauchen, als was das Wasser, die Luft und die nackte unbelebte Erde bieten. Bon ihnen, den absolut Bedürfnislosen, besteht dann die übrige ganze Welt m vielen Stufen bis zum Menschen hinauf. Cs ist ungemein merkwürdig, wenn man darauf einmal aufmerksam gemorben ist, diese verborgenen Erhalter der lebendigen Welt auf Schritt und Tritt überall wiederzufinden. Natürlich nur mit Hilfe eines stark vergrößernden Vergrößerungsglases, unter das man so wenig von der Substanz, ine man untersuchen will, bringen muß, daß sie durchsichtig ist. Der ©taub unserer Stube enthüllt sich dann als ein ganzer Tierpark von Wundergeschopfen, der Straßenstaub, den wir mit Kleibern und Schuhen hereintrugen, nicht minder, woraus sich bann das erstere ungezwungen erklärt. Auch in jedem Tropfen Faulschlamm unb Sumpf, wasser rollt unb tanzt es von Leben, und ich habe in jahrelanger Arbeit Teiche untersucht in denen sechs- bis siebenhundert verschiedene Arten von kleinsten Lebewesen ihren Unterhalt fanden. Nur begehe man nicht den Irrtum, zu glauben, man schlucke im Trinkwasser ganze Welten Infusorien hinab. Ein solches Trinkwasser wäre unrein im gesundheit- l-chen Sinne und gefährlich. Das von den Gesundheitsbehörden zuge- lassene Wasserleitungs- und Brunnenwasser enthält harmlose Bazillen und kaum da und dort einmal ein Kleinpflänzchen ober Tierchen. Aber ichon im Fluß, namentlich, wenn sich die Abwässer eines bewohnten Orte» in ihn ergossen haben, da wimmelt es wieder, und fischt man mit einem Netzchen mit feinsten Maschen aus einem noch so kristallklaren See ober aus dem Meere fern von allen Küsten, bann bleibt im Netz bald eine ■Urt durchsichtige Gallerte zurück, die sich unter dem Vergrößerungsglase auflost in die entzückendste Vielheit schöner Kleinlebewesen. Auch der Wald- und Ackerboden lebt. Um so mehr Geschöpfe sind in ihm, je mehr Humus er enthält, mit anderen Worten, je fruchtbarer er ist. Ich habe in allen fünf Weltteilen viele hundert Crdvroben daraufhin untersucht und kenne nur einen einzigen Ort, dessen Boden fast so arm an Kleinlebewesen ist wie das Trinkwasser. Das ist die Sandwüste. Alleben ist also im ganzen genommen auf der ganzen Erde. Und es gibt zweierlei Art von Naturkunde. Eine, von der jedermann mehr ober minber weiß, von ihren Bäumen und Blumen, dem Wild unb den Haus- tieren, dem Getreide, den Vögeln unb Insekten, den Würmern unb Korallen. Und eine andere, mir den Eingeweihten bekannte, die dem Auge des Alltagsmenschen verborgen ist ob der Kleinheit der Geschöpfe und nur manchmal sichtbar wird als grüne Farbe in einem Teiche ober See ober als grüner ober gelber Anflug auf Mauern unb Bäumen, als Trübung im Wasser ober auch als ansteckende Krankheit, wenn sich die Kleinwelt einmal gegen uns kehrt und versucht, in unserem Körper auf unferc Kosten zu leben. Denn auch das gibt es. Nicht alles, was da im Unsichtbaren kreucht unb fleucht, ist harmlos, fonbern es find bie aller- wichtigsten und allerschädlichsten Wesen darunter. Von Bazillen hat schon jeder gehört und denkt bei dem Wort automatisch gleich an Tuberkulose, Cholera, Influenza und Pest. Tatsächlich werden diese auch durch eine kleinste Art von pilzartigen Pflanzen verursacht, bie so leicht sind, daß der Wind sie in der Luft herumwirbelt, daß sie in alle Getränke hineingeraten können, ohne daß man es merkt, unb bie darum auch im Menschenkörper unbemerkten Einzug halten. Sie nähren sich dadurch, daß sie ihn zersetzen. Das merkt man bann gründlichst als Erkrankung, Dahinschwinden und Lebensgefahr. Man muß an die Kleinheit und Allverbreitling dieser Krankheitserreger denken, um zu verstehen, warum der beste Ratlchlag der Aerzte im Kampf gegen die ansteckenden Krankheiten lautet: Vorbeugen durch Vermeidung der Ansteckung ist leichter als Hellen. Zum Glück aber hat man bie Gefährlichkeiten dieser Bazillen in der ersten Aufregung bei der Entdeckung übertrieben. Die Bazillen, z. B. bie, der Lungenschwindsucht, sind zwar tatsächlich überall im Staube da. Jeder Luftzug wirbelt sie auf, unb man atmet sie auf Schritt unb Tritt ein. Aber nicht jedermann erkrankt, der sie etnatmet. Nur diejenigen, die auf irgendeine Weise dazu vorbereitet sind. Durch feinen ererbten schwächlichen Körperbau, durch Alkoholmißbrauch, durch ungenügende Ernährung, überhaupt bie Nachteile, welche Armut mit sich bringt? Nur in einem zu Krankheit geneigten Körper vermögen bie Bazillen Fuß zu fassen. Unb ganz falsch wäre es, nun diese ganze Rotte zu verdammen. Gerade unter den Spaltpilzen, wie man die Bazillen deutsch benennen sollte, befinden sich die wichtigsten unb nützlichsten aller Geschöpfe. Man kann keinen Bissen verdauen ohne sie. Im menschlichen Darm leben welche, die völlig unentbehrlich sind, namentlich bei der Fleischverdauung. Man kann kein Brot backen ohne sie, denn Spaltpilze sind ein wesentlicher Teil des Sauerteiges. Die Getreideernte, überhaupt jeder Pflanzen- bau würde ohne die Im Ackerboden lebenden Spalt- und Vobenpilze ein Ding der Unmöglichkeit fein. Schon diese drei Beziehungen — gar nicht zu gedenken mancher anderer zweiten Ranges — erbeben die Kleinlebe- welt zu einer Großmacht. Man hat also einen ganz schiefen Begriff von der Natur und den Wirklichkeiten des Lebens, wenn man diese Dinge nicht weiß. Aus einem trotz allen Wissens unb Forschens In vielem noch geheimnisvollen Untergrund baut sich bie sichtbare Welt auf. Sie aber ist nur Blüte, während es auf bie Wurzeln ankommt, soll bas Ganze gedeihen. Noch lange nicht werben wir alle diese Wurzeln und vielverschlungenen Zusammenhänge kennen, darum Ist auch noch lange nicht möglich, auf alle Fragen über bie Entstehung unb Entfaltung des Gebens Antwort zu geben. Im Einfachsten steckt das tiefste Geheimnis. _ sche Univerfitäts^Buch. und Stelndruckeret, R. Lange, Gießen.