Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1928 Dienstag, den 26. Juni Rümmer 5| r®t ef«1 > Ruh, erfchien daß fit n zu allen ;te, so d»t auch M ingen l)üb< scheide» ich um. sie aus it fühlte >ie well sogleich bekannt iter, « denn sie tmeiste» Trau« | bei der obgleich hnurriK e sich mit ichem ihr n ruhig» ite ihr« i und i» le Kessel, he! unter besiehe«: e groß« 5 zu zen enschlich« Häusliches Gespräch Von Iustinus Kerner. „Mir leeren die Mäuse, Spitzmäuse und Ratten, Verschlossne Gehäuse Und offene Platten. Männl die Apotheke Hilft sicherlich hier. Gift schaffe aus ihr, Auf daß ich es lege Dem wüsten Getier!" Weib! lasse das Morden! Vergöim unsre Speisen Die bürgerlich heißen, Den schwäbischen Spatzen, Den Mäusen und Ratzen. Wenn voll die geworden, In stillem Behagen Die Mäuler sich wischeil Und weiter dann jagen. Die nirgends doch klagen, Wie sehr sie gelitten An unseren Tischen! Durch Mangel an Fischen Und Schnepfendreckschnitten! teilet des Harfenisten warf: „Hier, vier Groschen für den Groß-. Herzog von Mecklenburg. And Hier vier Taler für den Grafen Hahn. Studiosus der Rechte in Rostock." Jähe Stille. Ms Friedrich Franz I. in schallendes, bald auf dem Kamp runde um ein vielfaches Echo findendes Gelächter ausbrach, da er dieser Einschätzung mit triftigen. Gründen nicht widersprechen konnte. Denn der Student Graf Hahn braucht seinem Vater, welcher neunundneunzig Rittergüter in Mecklenburg besaß, aber das hundertste nicht kaufte, weil er dann nach einem alten Gesetz dem Lande ein Reiterregiment auf eigene Kosten stellen muhte, nur zu schreiben: „Geld!" und er hatte, was er brauchte, mehr als er brauchte. Der Grotzherzog hingegen mußte, um zu Geld zu kommen, seine Ritter und S-tände mit endlos begründeten, zahlenstarrenden Reskripten anbetteln, „ihn doch nicht im Stich lassen zu wollen". Was ist leichter? Eines Abends hatte Friedrich Franz l. wieder einmal sein ganzes Geld bei der Spielbank in Doberan verloren. Da der Verlust seine Leidenschaft nicht abgekühll, sondern zur Siedehitze emporgetrieben hatte, blieb ihm nichts anderes übrig als: pumpen. Aber bei wem? Der Grotzherzog schätzte mit sachkundigen Micken die Spieler rundum ab und stellte fest, daß der reichste unter ihnen ein Rostocker Töpferineister fein müsse, der auf der andern Seite des Spieltisches stand: rotbraun und bäuchig wie eine irdene Kaffeekanne. Das Glück, welches ihn beim Spiel gemieden hatte, war ihm bei seinen Pumpplänen hold. Der Töpfer trat aus der Reihe öex Spieler zurück und wollte sich ins Freie begeben. Friedrich Franz querte seinen Weg, nahm ihn zu einem traulichen Gespräch in ebnet Fensternische und bat ihn ohne viel Ülinstände um hundert Taler» die er ihm am andern Morgen, da seine Verlegenheit selbstverständlich nur zufälliger, nur augenblicklicher Natur sei, zweihundert Tater durch seinen Kammerdiener zurückschicken werde. Der Rostocker Töpfermeister aber lehnte die Bitte des Grotz- herzogs ah. Er habe!, bedeutete er dein üleberrafchten zur Erklärung seines Tuns, alles mitgebrachte Geld — ein ansehnliches Vermögen! — bis auf den Betrag verloren, welchen er für die Heimreise nach Rostock brauchei und den er — nun, gleichviel wo, aber jedenfalls an einer Stelle, wo er völlig gesichert sei — vor Betreten des Spiestsaals eingenäht habe. Sonst hätte er die hundert Taler gern horgeliehen. Zumal man nicht leicht von heut auf morgen soviel Zinsen verdiene, wie der Grotzherzog ihm angeboten habe. „Was fangen wir beide nur an?" fragte Friedrich Franz verzweifelt. „Was wir anfangcn?" fragte der Töpfer, und legte nachdrücklich die, Rechte auf die Schulter feines Landesfürsten. „Sehr einfach: ich vc.ise nach Rostock zurück und mache neue Töpfe; Sie fahren nach Schwerin zurück und machen neue Steuern." „Das hört sich gleich gewichtig an,“ lachte der Grotzherzog, in* denn er die Rechte auf die Schulter seines dickbäuchigen Rat- Mbers legte. ./Aber die Töpfe zu machen scheint mir um vieles leichter zu sein." „Sie meinen," entrüstete sich der Töpfer, indem er auch dis Linke noch zur Linierstützung seiner Worte auf die Schulter des. Landesfürsten legte, „mit dem Töpfemachen ist es so: Klumpatsch auf die Drehscheibe — losgetreten — brrr — schsch! — beide Daumen drauf — zehnmal rum und: fertig ist der Topf!" „Du meinst,“ seufzte der Grotzherzog. während nun auch seine Linke dem Beispiel des .Untergebenen folgte, „mit dem Steuermachen ist es so: Vorlage ausarbeiten lassen — beim Landtag einbringen — Abstimmung ohne Debatte — angenommen mit Stimmen» einheit — erheben und voll ist der Staatssäckel! Dein Tonklumpatsch gibt jedenfalls jedem Fingerdruck ohne Widerstand nach. Auf die Schädel seiner Ritter und Ständeherren aber kann man mit Siubben- schlägeln hauen — von Rachgeüen keine Spur!" „Wollen wir tauschen?" schlug der Töpfer vor. indessen er durch Schütteln den Bitteren zur Selbstbesinnung zu bringen suchte. „Ich lasse es darauf ankommen, welches leichter ist: Töpfe oder Steuern machen." „Ich glaube," gab der Grotzherzog zur Antwort, zog ferne Hände von der Schulter des Tauschbereiten herunter und hielt sie ihm zum Abschied hin, „es ist doch am besten, jeder von uns beiden bleibt bei seinem bisherigen Handwerk. Denn es kommt ja nicht nur aufs Leichter oder Schwerer an." „Sondern auch auf das, was das Handwerk abwirft,“ stellte der Töpfer fest und schüttelte abschiednehmend die beiden dargebotenen Hände seines Landesfürsten. Land meiner Väter. Drei Mecklenburger Anekdoten. Von Hans Franck. Der da! Friedrich Franz I. von Mecklenburg war eine jener genialen Naturen, die unter einer Fülle mittelmäßige" Begabungen und trostloser Trvllel auf deutschen Fürstenthronen zuni Segen ihrer Untertanen viele Jahrzehnte lang gesessen haben. Da aber Ritter und Stände die Verwirklichung der »leisten seiner reformatorischen Pläne während ihrer allherbstlichen Session zu Sternberg und Malchin verhinderten, seine Räte bei der Durchführung des dem Hohen Landtag Abgerungenen ihm dienstbeflissen alle Arbeit abnahmen, Serenissimo mithin nichts anderes an täglichem Tun übrig blieb, als seinen Doppelnamen in halbseitiger Foliogröße einige Dutzend Mal auf siegellackbeschwerte Bogen zu hauen: so mutzte er toohl oder übel die unverbrauchte Kraft in der Liebe und im Spiel ausrasen. Dem letzteren lag er vor allein in Doberan, dem ältesten ber deutschen Seebäder, ob. Demzufolge besaß der Großherzog, welcher gerneinhin schon fein Geld hatte, da er im Spiel ebenso unglücklich war, wie in der Liebe glücklich — in Doberan fast ständig noch weniger als nichts. An einem Sonimerabend spielte während der Volksbelustigung auf dem Doberaner Kamp, der Friedrich Franz — ohne sein Tun als Herablassung durch einen Gefolgeschwanz anzuzeigen — ein Mecklenburger unter Mecklenburgern, beiwohnte, ein Hamburger Harfenist Mer» Liedchen. Nachdem der Vielgewanöerte ein halbes Dutzend abgeschnellt hatte, Hub er — seinen Lohn einzuheiinfen — an, mit Teller herumzugehen. Richt nur, weil er ihm die schuldige “)rc erweisen wollte, sondern vor allem, weil er die Späteren wd) Vorweisung der fürstlichen Belohnung zu reichlichen Gaben anzulocken gedachte, begab er sich zunächst zu dem Großherzog. Der We in seine linke Tasche — nichts; langte in seine rechte Tasche nichts; vergrub beide Hände zugleich in seine Hosentaschen iä/uch da nichts. Ein Hosbeamtec, der hätte aushelfen können, war M zur Stelle. So blieb der suchende Blick Friedrich Franzens an ferner Rahe stehenden Grafen Hahn, der von Rostock, . .uazumal studierte, herübergekommen war. Damit er endlich ^ssser Verlegenheit herauskam — denn der nicht begreifende erW nis ÜM *Bm wankte und wich nicht mit feinem leeren Teller —, mZ-ht Grotzherzog die aus der Hosentasche herausgerissene Lixsun i ^igte auf den Grafen Hahn und rief — laut, das alle ^chenden es hörten: „Der da zahlt für mich!" tarn v 9eru'feiK vielt seine Miene — eine der wenigen Fähig- ftiu.-.tos ~c. fön feinen Vätern geerbt hatte — in Zucht, zog seine rse und zahlte. Aber um seinen Unwillen über den als i Luft zu machen, an welchem ihm weniger das Tun lisch insonderheit das ..Der da!" geärgert hatte, rief er — i SW //“L“ Friedrich Franz, so laut, daß jedermann auf dem p 88 Sören mußte —, während er das Geld auf den Blech- lei, daß k mg immer ihre zählt«, chen, <5tr«l' liachten fH habet im : mit eil« Ingen ni# er betuftigi sich gega Allein ix» igte bamit , in einffl whlgesall» w die G* ite kräftig«' idstücke W halten w> trnner den fallen i«™ i in ein« enen w den lang« fen M mmer d» Felde oi« tatWä ietzen » ir nw#* > befand«« te, wie« eistE rrinkfd-^ ste-lag- l,achto^E Frau z« sein KiÄ i, ausein- idjtig, bat rstmeiften it an fei« eichter ge , in seinen i itf eite M k jer Schö» I. indem (le, And der Töpfermeister ging aus dem Spielsaal fort, nm das gleichviel wo, aber jedenfalls an einer völlig gesicherten StÄle - cm« Eahw Geld, welches er noch besah, herauszutrennen und nach j-d-ch ,-.t «« d->, W.BW »««?. umi.m« Abschätzung der Anpumpung würdigen Spieler mit — wie er hoffte — mehr Glück als das erste Mal wieder aufzunehmen. „Daher denn auch!" Schltctzltch kam der militärische Geist, welcher dem 19. Jahrhundert als Errungenschaft Vorbehalten blieb, selbst nach Mecklenburg. ®ct jeweilige Grohherzog wurde zum Oberbefehlshaber feines ruhmreichen Leeres und sämtlicher nicht der Aniform gewürdigter Untertanen in Stadt und Land, die ebenfalls widerspruchslos zu gehorchen ha.ten. Abgesehen — versteht sich — vom Landtag, dessen Ritter und Stande weiterhin mit Reskripten zum Dachgrben bewogen werden mutzten. Die nicht zum Landtag berechtigten Mecklenburger redoch lernten — kaum zu glauben — das Rückenbeugen und Hackenzulammenklappen, das Strammstehen und Zu-Befehl-Schnarren. Zwar lanchach, wie das so ihrer 2lrt entspricht. Aber auch sie lernten es. Mit Ausnahmen, die unter ihnen doch wohl häufiger anzutreffen gewesen sind, als anderswo in deutschen Landen. Eine dieser Ausnahmen war der Oberlandstallmeister von W. Als der Grohherzog, der gleichfalls, wie sein genialer Grohfahr, Friedrich Franz hieß, eines Tages einen neuen Ministerpräsidenten benötigte, weil der bisherige an Altersschwäche verstorben war, und der, seiner Vegierungsstütze Beraubte, ohne sich vorher mit ihm ins Benehmen zu setzen, den Oberhüter seiner Pferdezucht zum obersten Beamten seiner Menschenzucht ernannte, da lehnte der die Annahme des Postens — mit gekrümmtem Rücken, aber rundweg! — ab. Friedrich Franz war mehrere Minuten über den unerhörten Borfall sprachlos, daß ein großherzoglicher Beamter noch dazu einer aus dem Militär hervorgegangener, seinem Befehl nicht unverzüglich nachkambequemte'sich aber endlich doch zu der naheliegenoen Frage: „Weil ich lieber mit Pferden umginge als mit Menschest, lautete die Antwort des Oberlandstallmeisters. Gerade, weil in der Tat mit Pferden angenehmer umzugehen Ware als mit Menschen, sei cs an der Zeit, daß endlich ein, anderer auch einmal diese Annehmlichkeit an seiner Statt der zwanzig Jahre das ungestörte Vergnügen gehabt hätte, teilhaftig werde. „And außerdem," suchte von W. sich zu retten, „sei er tut das verantwortun gsvolle neue Amt zu alt." Dierundsechzig! Also zehn Jahre jünger als der preußische Ministerpräsident v. Bismarck, dessen Regierungskunft — nach dem allgemeinen Gerede und Geschreibe zu urteilen — mit iedem Jahr zunähme. So bah man törichterweise anfange, ihn über den König, seinen Herrn, zu stellen. t „Run denn, kurz und gut," bekannte der in die Enge geratene Oberlandstallmeister, „er könne den huldvollst zugedachten Ministerposten nicht übernehmen, weil er vom Regieren nichts verstehe „O das Regieren," bekannte der Großherzog lächelnd, „das Regieren ist leicht. Ich habe es in einer halbeii Stunde gelernt. And wie jemand wohl mitten unter Menschen ein der Einsamkeit vorbehaltener Ton entfährt, den er um alles in der Welt gern in sich zurückgedrängt hätte, den er aber, wenn er seinen Ausweg gefunden hat, nicht wieder heimholen kann, ob er auch die Behendigkeit selber fein mag, so entfuhr es dem Oberlandstallmeister: „Daher denn auch!" e . Aber wie in besagtem Falle dem Armsünder wie den Amstehenden nur übrig bleibt, das Anglückchen mit beiderseitigem Stillschweigen aus der Welt zu schaffen und sich den Anschein zu geben, als hatte keiner von ihnen den verbotenen Ton vernommen, so ging der Grohherzog über die drei seinem Oberlandstallmeister entfahrenen Worte mit Aichtbeachtung hinweg und eröffnete ihm, er werde morgen , zwei landesherrliche Schreiben erhalten, von denen er eines unverzüglich zurückzuschicken habe. Welches, stünde ganz bei ihm. 2lm andern Mittag bekam der Wartende gleichzeitig seine Enthebung vom Amt des Oberlandstallmeisters und seine Ernennung zum mecklenburgischen Ministerpräsidenten. Es wurde von W. schwer, seinen bisherigen Posten zu verlassen — denn von der Pferdezucht verstand er mehr als irgendwer im Lande — aber da das unter allen Amständen sein mußte, so schickte er die neue Bestallung zuriick und begab sich unbeamtet auf seine Güter. Dee Minnesänger Ton und Weise. Von Dr. Anton Mayer. Nach der winterlichen Starrheit einer enggebundencn und in ihrem Wirkungsbereich beschränkten kirchlichen Tonkunst des frühen Mittelalters erhebt sich der deutsche Minnegesang wie der kräftig sprießende Frühling im Wechsel der Jahreszeiten; gleich der aufblühenden Natur treibt Musik und Dichtkunst junge Sprossen und Blüten einer neuen lebensbejahenden Kultur, die sich den freudebringenden Elementen des Daseins mit voller Kraft zuwandte. In den Zeiten vor dem 11. und 12. Jahrhundert hatte die Kirche den Frauen, welche sie als Gefäße der Sünde betrachtete, Schweigen geboten; nun wurden gerade die ausgesprochen weiblichen Eigenschaften, Geschmack, Takt, starkes Empfindungsvermögen, wieder zum maßgebenden Faktor der Betrachtung, ähnlich der längst vergangenen heidnischen Auffassung, der sich ein Teil der erwachenden ritterlichen Gesinnung zugesellte. Ein neuer Kult der Frauen entsteht; feine Geistigkeit und die Gabe, sich in wohlgesetzten Worten ausdrücken zu können, triumpieren über körperliche Leistungen und die weltabgewandte Träumerei verschlossenen mönchischen Wesens. Der Sänger dient nicht nur dem Fürsten, dem allerdings seine Abhängigkeit in erster Linie vcrpslichtet bleibt; daneben dient er den Frauen und wird so, durch eine Verquickung beider Dienste, zum Träger der vornehmen höfischen Bildung. Liebessehnsucht, zärtliche Erlebnisse, unglückliche Liebe wurden zu Themen leidenschaftlicher, übermütiger, inniger und trauriger Gedichw die alle dazu bestimmt sind, der angebeteten Herrin, oder zum mindesten dem weiblichen Geschlecht in ihrer Person ein Denkmal zu eßen Das Wort „Minne" bedeutet „Gedenken"; das Gedenken oder die Iedanken jener frühen Sänger kreisen zwar beharrlich um dieselben Motive, ziehen aber auch andere Kräfte in ihre Kreise: vieles Mystisch. Religiöse, Heiligenverehrung, christliche Mitleidsliebe und antike Sinnen- freudigkeit werden zu gern benutzten Themen zum höheren Ruhm der Preisenswerten. Es ist kein Wuiider, wenn bei fo lebhaftem -treiben auch das rein naturhafte Geschehen und vor allem die Parallelerscheinung des irdischen Werdens, der Frühling, mit immer erneuter Lusi besungen wurde. . rt „ . . _ Wir dürfen als moderne Menschen indessen niemals vergeßen, daß die Minnesänger trotz allem mittelalterliche Meiischen waren und bl,eben; der starke Individualismus, der erst mit dem Ende der Fruhrenaislanc« in Italien, während des sich neigenden 15. Jahrhunderts, den Menschen, insbesondere dem Künstler zur Selbstverständlichkeit wurde, ist chn-n noch etwas ganz Unfaßbares. Der mittelalterlich Empfindende lebt in den Anschauungen der Masse, die Leistung des einzelnen verschwnid-l unter den ähnlichen Leistungen anderer; woher cs denn kommt, daß nm so häufig die Schöpfer genialer Kunstwerke jener Zeiten nicht. mit Namen kennen, wie die Bildhauer der Naumburger und der Bamberger Domskulpturen, welche zu den größten jemals entstandene« Werken deutschen Geistes gehören. Die Selbstverständlichkeit, nut welch« ein Florentiner Hochrenaissance-Maler oder -Dichter, die Ueberlegenheii, mit welcher ein römischer Barockkünstler die Welt betrachtet, sind unenb. sich verschieden von der starken Gebundenheit, aus der M) em Mensch des 12. Jahrhunderts infolge dogmatischer und sozialer Fesselung nicht zu lösen vermag. So können wir also niemals von den Liedern bet Minnesänger, trotz allem kraftvollen Sicherheben, einen so start persönlichen Ausdruck erwarten, wie wir ihn bei späteren Lyrikern gewohnt sind; es wäre falsch, infolge der Enttäuschung, die der moderne Les« bei solchen Gedichten empfindet, ihre dichterische Qualität in Zweifel zu ziehen Es ist alles relativ; der Fortschritt des Minnegesangs gegen d« vergangene Zeit kann eben nur an den Erzeugnissen dieser früheren Epoche und nicht an sehr viel jüngeren, unter anderen weltanschaulichen Voraussetzungen entstandenen gemessen werden. . Eine Trennung zwischen „Lied , das gelungen, und --Gedicht, b«. gesprochen wird, kannte das Mittelalter noch nicht; infolgedeßen macht! es auch keinen Unterschied zwischen Dichter und Komponisten. Cs i|t wohl nicht zu leugnen, daß die literarischen Qualitäten der 91® sänger ihre kompositorischen übertrafen; allerdings ist die Frage ntus ihren Sangesweisen noch nicht ganz gelost. JhreMelodien gehen jet» falls auf den Volksgesang und den gregorianischen Kirchenstil. zmuch außerdem besteht ohne Frage eine starke Abhängigkeit des deutschen Stiles von der Art romanischer Lieder. Da die ritterlichen Sanger zm Teil weder lesen noch schreiben konnten — Wolfram von C Ja; en bei diktierte den ganzen Parzival aus dem Kopf, eine ungeheure Leistung, so ist nicht anzunehmen, daß sie viel von der musikalischen, sehri komch kierton Rotation und der Theorie der Tonkunst wußten. Es glbt zM einen Svruch des Sängers F r a u c n l o b , m dem von Stufen, Kirchen tönen, .Harmonie der Sphären, Stimmführung Kadenzeii und ahnlich-n die Rede ist- das Ganze ist in der Art eines kleinen Musiktrakla es, * doch zu allgemein, alb daß auf eine genauer« Kenntnis des Autors * musikalischen Dingen geschlossen werden konnte. Der durch seine Dichtungen bekannteste Minnesänger Wat h e m der Bogelweide, wurde, da so gut rote keine Melodien erh schienen stets nur auf Grund feines lyrischen Talentes hochgeschad nun ist' vor einiger Zeit gelungen, echte Bruchstucke und sogar em ganzen Gesang Walthers aufzufinden. Die Weisen sind einfach, volkstümlichem Reiz; ausfallend ist der ungewöhnlich große ^ti« umfang des einen Fragments, der bis zum hohen L reicht, -■'(an ~ dm-oll/ schließen, daß der Sänger eine strahlende Tenorstimme halte eine Vorstellung, die nicht übel zu dem Bilde paßt, welches wir UN dem leidenschaftlichen und zugleich zarten Dichter S» 'nachen^E sind Eine gesammelte Andacht von großer Schönheit und gehaltenem U spricht aus der Melodie des Liedes, das uns ganz erhalten ist. „Nu alrest leb' ich mir werde, Sit min sundico ouge siht. Hie das Land und auch die Erde Dem man vil der Eren giht." . a.« Wolfram von Eschenbachs Kompositionen sind nur duq geringes Fragment, eine Strophe des Tilurel aus den, „ParzuH - könnt; verhältnismäßig gut erhalten sind die Smgeweisen des M rialen N e i t h a r t von R e u e n t h a l, der bis zum Jache Seine Art ist allerdings von der Weise Walthers sehr verschied. , ° ein Satiriker und verspottete seine Standesgenossen durch die Da derber Liebesszencn, in denen der Dichter allerlei Crlebm ! Mädchen und ihren eifersüchtigen dörflichen Liebhabern^Hat, °as . endigt gewöhnlich mit einer solennen Keilerei, ^ls Komponist Neithart eng an den Volksgesang an und vermeidet möglichst am Gregorianik; reizende Tanzmelodien, schnelle Parlandosatze » die lustigen Begebenheiten, in denen wohl einmal lemanb etwas „ qlatz", an die Glatze, geworfen bekommt. Die reichste Quell ! ^ Musik der Minnesänger ist die Jenaer Llederhandschrstt, in der s ch..^.^ dings manches findet, das nicht gerade als erstklassige musika anzusehen ist; ihr Schwergewicht liegt auf der Spruchmelodik des Hunderts. Die Kolmarer Ha nbf.ihr,st aus beni 1B. W bringt „Lied und Leichtöne" von Meistern des 14. JahrhuiMu denen die Arbeiten Mülichs von Prag und des C g#. Salzburg" hervorragen; der Zweitgenannte, welcher aucy licher Sänger wichtig war, ist einer der letzten Miunefa g Denn im 14. Jahrhundert verlor der ritterliche Gesang ferne ° | Stellung; die Weisen der sahrenden Leute, m>e ber Jeto« begannen, ihnen den Rang abzulaufen. Der „Munch m )e Liebe rnuriger der zum kmal zu oder die dieselben Mystisch. Sinnen- uhm der Treiben ielerscheu iter Lust: , daß die blieben; maissana Menschen, ist ihnen - lebt in stchwindei dah wir nicht mit icr Bam> standenen it welcher clegenheii, nb unenb- n Mensch iung nicht ehern der rk persön> i gewöhnt >rne Leser Zweifel z» gegen dir ■ früheren rschaulichll dicht", bas sen macht! en. Es ist er Minna frage nach :hen jede», stil zuriich - deutsche» .enger zm d) en bat ieiftung!- chr fompli' gibt 3W01 in, Kirchen i ähnlichen (totes, aber ilutors w» 1 her voi ’n erhalte ochgejchäst ogar eine» infach, wo he Stimm. Man toi» ne hatte - irr uns w> >n gen»1)1“ lenem ift: ir durch sk nzival",. ” les ÄtnEte 1245 lebt»' den; er ®üt Darstell«'! nit Sauern- das W ist leh"t I' t alle er# illultri«; aas „n,11 J eile er sich * cheL-W >es1».ZK Jahrh"" derts, u” inchs' ch als di; jet 9<|,Ji Ä I-' Tierverstand oder Gedächtnis? Vom dressierten Hund bis zum gezähmten Regenwurm. Don Dr. Konrad Herler, Berlin. Mr können täglich beobachten, daß Tiere etwas lernen. So sehen wir Hunde, die es gelernt haben, auf einen Pfiff oder den Klang ihres Namens herbeizukommen, Pferde, die dem Auf des Kutschers und den Dewegungen der Zügel folgen, Singvögel, die sich an gewohnten Futterplätzen einfinden und Papageien, die menschliche Töne wiedergeben. All diesen tierischen Handlungen liegt das Vermögen zugrunde, etwas zu „lernen". Diese Dinge erscheinen uns natürlich und nicht wunderbar, weil wir sie täglich beobachten können. Die in Frage kommenden Tiere sind uns vertraut, und die Handlungen, die sie ausführen, find einfach. Gehen wir aber in den Zirkus und sehen uns dort Tierdressuren an. so sind wir erstaunt; denn wir begegnen fremden Tierformen, die Handlungen ausführen, die wir von ihnen nicht erwartet hätten. Ein Hund, der dem Auf seines Herrn folgt, oder ein Pferd, das auf den Schenkeldruck des Reiters hin eine bestimmte Gangart einnimmt, find uns selbstverständlich. Ein Tiger, der durch die Deifen springt, oder ein Seelöwe, der mit brennenden Lampen jongliert, wirken verblüffend, Im Grunde genommen liegt aber in allen diesen Fällen das gleiche vor: Die betreffenden Tiere haben „gelernt". Was heißt nun „lernen"? Der Tierphysiologe und -Psychologe sagt; Die Tiere bilden Assoziationen zwischen verschiedenen Reizen. Was heißt das? Ein Beispiel, das in der Tierphhsiologie eine wichtige Dolle spielt, wird uns dies erläutern: Der bekannte russische Forscher Pawlow machte folgenden Versuch: An einem Hunde wurde eine Operation ausgeführt, die es erlaubte, die Ausscheidungen einer großen Speicheldrüse zu beobachten. Wurde der Hund, nun gefüttert, so trat jedesmal reichlicher Speichelfluß ein. Dies bezeichnet man als einen unbedingten Reflex, d. h. auf einen bestimmten Reiz hin — den chemischen Reiz des Futters — reagiert der Organismus durch eine bestimmte Handlung — den Speichel- sTiiß. Läßt man nun gleichzeitig mit dem Futterreiz —'demOriginälreiz — einen zweiten anderen Reiz — einen Signalreiz —, etwa das Licht einer farbigen Lampe oder einen bestimmten Ton auf den Hund wirken, so äußert sich die Reaktion zunächst nicht. Wird diese Reizkombination mehrmals wiederholt, so erfolgt nach einiger Zeit, wenn man dem Tier den Signalreiz allein darbietet,, die Reaktion — der Speichelfluß. Es ist jetzt zur Ausbildung eines bedingten Reflexes gekommen, der Hund hat die beiden Reize miteinander verknüpft, es hat sich eine Assoziation zwischen Originalreiz und Signalreiz gebildet, so dah jetzt letzterer allein zur Hervorrusung der Reaktion genügt. Das Lernen beruht also auf der Bildung von Assoziationen. Zum Zustandekommen dieser Reizverknüpfungen ist es nötig, daß die Reize in dem Zentralnervensystem des Tieres Spuren, die man als Engramme bezeichnet, zurücklassen. Diese „schlummernden Erregungen", wie man sich ausdrücken kann, werden dann beim Eintritt der gleichen oder einer ähnlichen Reizsituation, zu neuem Leben erweckt und veranlassen die Reaktion. Das Lernen der Tiere wird also durch die Fähigkeit, Engramme zu speichern, ermöglicht, d. h. es beruht auf dem Vorhandensein eines Gedächtnisses. Die Gedächtms- leiftungen der Tiere werden oft für Verstandesleistungen gehalten, und man bezeichnet ein Sier, das leicht lernt, und ein gutes Gedächtnis hat, als „klug". Dies ist aber durchaus falsch, denn das Lerndermögen ist beim Tier ebensowenig wie beim Menschen ein Zeichen von Klugheit, da der Lernvorgang mit dem, was wir als Verstand bezeichnen, durchaus nichts zu tun hat, wie vielleicht am deutlichfwn aus dem obigen Beispiel des speichelnden Hundes hervorgeht. Der Speichelfluß beruht sicher nicht aus Dieberlegung oder Ansicht, ja dürste wohl selbst kaum zum Bewußtsein des Tieres gelangen. Ich tollt hier nicht auf die schwierigen tierpsychologischen Probleme von Bewußtsein, Einsicht usw. eingehen, sondern nur be- wnen, daß Gedächtnis und Lernfähigkeit mit diesen hohen psychischen Meinungen nichts zu tun haben. Es erscheint dem Eingeweihten daher auch nicht so sehr erstaunlich, oatz Lernvermögen schon bei recht niedrig stehenden Tieren zu be>= pachten ift. Man kann wohl annehmen, daß ein, wenn auch in vielen «allen recht primitives, Gedächtnis fast allen Tieren zukommt. Dw ^Schwierigkeit, dies zu zeigen, beruht im allgemeinen hauptsächlich auf der Langsamkeit, mit der viele Tiere Assoziationen zu bilden Vl.legen. So schreibt Bengt Berg in der hübschen Erzählung von mern kleinen Freunde, dem Regenpfeifer Lahol: „Die größte Rainen nach nicht bekannt; musikalifd) ist sein Bild recht bunt: gregorianischer Ernst vermischt fick) mit jodlerhaste» Melismen, der alte Minnesängerton wechselt mit Versuchen zur Mehrstimmigkeit ab. Er scheint nach seiner Art ein merkwürdiger unb früher Vorfahr Anton Bruckners gewesen zu sein, mit dem er die österreichische Volkstümlichkeit der Melodien, den musikalischen Ernst, die Experimentierlust und die Freude an der Erweiterung alter Formen mit der Gleichheit des Vaterlandes teilt. Gleich dem Münch gehörten 5) u g o von Montfort (gestorben 1423) und Oswald von Wolkenstein zu den letzten Minnesängern; Montfort nur als Dichter, da ausdrücklich erwähnt wird, ein anderer habe seine Gedichte in Musik gesetzt. Wolkenstein führte ein wildes Abenteurerleben, bis er sich als Burgherr in Tirol zur Ruhe setzte; seine sehr handgreiflichen Liebeslieder, an die Besitzerin eines benachbarten Schlosses geridjtet, legen von der Verrohung der Empfindungen Snis ab. Interessant sind seine polyphonen Sätze; er schrieb zwei- und immige Sachen, sogar eine Motette, deren Tenorstimme über einer orgelartigen Unterstimme ein „allerliebstes Vogelkonzert" erklingen läßt — auch hier, am Ende des Minnegesanges, noch eine Erinnerung an die Jugend und den Frühling der ersten großen musikalischen Bewegung in $eutfd)lanb. Schwierigkeit für den Menschen, sich mit einem wilden Tier auf guten Fuß zu stellen, liegt in seinem Mangel an Geduld." Dies gilt in ganz besonders starkem Matze für Lern- oder Drefsurversuche. Lim ein Sier auf eine bestimmte Handlung zu dressieren, bedient man sich meist der Methode von „Belohnung und Strafe", deren Prinzip es ist, die im ©inne des Dresseurs richtigen Reaktionen zu „belohnen", die falschen zu „bestrafen". Bei manchen Tieren genügt das eine oder das andere, während bei anderen beide Mitte! angewandt werden müssen. Mit dieser im Prinzip so einfachen Methode kann man Tieren, die dem Laien wohl als nicht dressierbar erscheinen dürften, Handlungen beibringen, die uns zeigen, dah auch bei ihnen ein Gedächtnis vorhanden ist. Wenige Beispiele aus der Fülle des vorliegenden Materials mögen dies zeigen: Läßt man einen Regenwurm in dem mittleren Schenkel einer T- formigen Bahn kriechen, so geht er in 50 Prozent der Fälle an dem Treffpunkt der 3 Schenkel nach rechts, und in den anderen 50 Prozent nach links. Versetzt man ihm jedesmal, wenn er nach links abbiegt, einen elektrischen Schlag, so kann ihm mit der genügenden Geduld — es sind über 100 Versuche dazu nötig — dahin bringen, auch wenn ihm beide Schenkel freigegeben sind, stets nach rechts zu kriechen, den Schenkel mit dem Strafreiz also zu vermeiden. Wir sehen, daß der Regenwurm lernen kann, also ein Gedächtnis besitzt. Bei vielen Tieren kommt man aber auch ohne Strafe aus, es genügt, die „richtige" Reaktion zu „belohnen". Dies hat z. D. v. Frisch (München) an einem Fisch, dem Zwergwels, gezeigt. Er ließ beim Füttern des Fisches, der für gewöhnlich in einem Versteck seines Aquariums ruhte, jedesmal einen Pfiff ertönen. Der Wels kam dann, durch den chemischen Reiz des sich im Wasser z. T. lösenden Futterstoffes alarmiert, und suchte nach der Rahrun.g. Aach nieten Versuchen kam er dann auch, ohne daß gefüttert wurde, allein auf den Pfiff hin hervor. Er halte also die Assoziation Psiss-FutteT- „Delohnung" gebildet. Auf die Frage, ob der Fisch den Pfiff als Ton oder als Erschütterung ausfatzte, will ich hier nicht eingehen. Bei manchen Tieren genügt aber Belohnung oder Strafe nicht, es müssen beide Mittel zur Verwendung kommen. So waren Versuche mit Libellenlarven, die O. Koehler (Königsberg) ausführte, zu<- nächst völlig erfolglos: Er fütterte 20 Larven nur mit künstlich gelb gefärbtem Fleisch, wodurch ihnen Gelegenheit gegeben war, die Assoziation Gelb-Futter zu bilden. Aach 10 Monaten schnappten die Larven noch nach allen möglichen bewegten kleinen Gegenständen beliebiger Farbe. Letzt wurde ben Tieren vor jeder Fütterung violett gefärbtes Fleisch, das künstlich bitterschmeckend gemacht worden war, nngeboten. Aach mehrfacher Darreichung dieses ungenießbaren Fretters — des Strafreizes — nahmen die Tiere violett gefärbte Gegenstände — auch gut schmeckendes Fleisch dieser Farbe — nicht mehr an, schnappten aber gierig nach gelben Körpern. Die Tiere haben also gelernt, datz violett ungenießbar, und gelb gutschmeckend bedeutet, und dies ihrem Gedächtnis eingeprägt. Diese wenigen Beispiele mögen genügen, dem Leser vor Qlugen zu sichren, daß zwischen dem Lernvermögen der Tiere und des Menschen kein grundsätzlicher Unterschied besteht, und dah die meisten Tiere, auch die niederen, eine Lernfähigkeit besitzen, die durch geschickte Versuchsordnung und Ausdauer zu beweisen ist. So begannen. Der Forstmeister ging in die Stadt auf feine Zunft, welche ihr Hauptgebot mit großem Jahresschmaus abhielt, und er gedachte, bis in die Nacht zu zechen. Dietegen ging zeitig ins L-chützenhaus, da er einmal einen langen Sommertag hindurch nach Herzenslust fchießen wollte. Die übrigen Knechte gingen auch ihres Weges, der eine über Land zu den ©einigen, der andere zum Tanz mit feinem Schatz, der dritte auf einen Markt, um sich Tuck; für Gewand zu erstehen, oder ein Paar neue Schuhe. So faßen nun die Frauen allein im Forsthause, einerseits wenig erbaut über die schnöde Art, wie die Männer an diesem Freudentage alle davongegangen, ohne sich zu kümmern, wie jene ihre Zeit vertreiben sollten, anderseits äugelten sie in das webende Sonnenlicht hinaus und spähten, wie sie sich auch eine Lustbarkeit schaffen möchten. Zunächst singen sie an, Kuchen zu backen und allerhand Süßwerk zu bereiten; auch brauten sie einen großen, gewürzten Wein für alle Fälle und um den heimkehrenden Männern einen Nachttrunk bieten zu können, wie sie meinten. Dann kleideten sie sich feiertäglich und schmückten sich mit Blumen, während andere Jungfräulein, die sie zu einer Frauenlust hatten entbieten lassen, eins nach dem andern ebenso geschmückt herankamen, und auch das letzte Dienstmägdlein im Hause geputzt und fröhlich dreinsah. . Unter schönen Lindenbäumen, die vor dem Forschaule standen, war der Tisch gedeckt, als der Abend nahte und goldenes Licht über der Stadt und dem Tale ruhte. .. Da sahen nun die Frauen um den Tisch gereiht, taten sich guthd) und sangen bald mit wohlklingenden Stimmen vielstrophige Lieder mit sehn- iichtigem Ton, von Liebesglück und Herzeleid, von den zwei Königskindern oder „Es spielt ein Ritter mit einer Maid" und dergleichen. Der Gesang tönte lockend ins Land hinaus; die Vögel in den Linden und im nahen Walde, die erst ein wenig zugehört, sangen wetteifernd mit. Aber bald ließ sich noch ein dritter Chor vernehmen, indem vom Berge her Geigen und Pseifen erklangen, vermischt mit Männerstimmen. Ein Trupp Jünglinge war von Ruechenstein herübergekommen, trat jetzt aus bem Holze 'hervor und beschritt den Weg, der mitten durch die Försterei Dietegen. Erzählung von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) gingen die Dinge ihre verschiedenen Wege und die Zeit vorüber, bis an einem sonnenhellen Johannistage allerlei Geschicke sich zu erfüllen Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Llniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, A. Lange, Gietz««- in das Tal führte, ein paar Spielleute an der Spitze, Cs war der Sohn des Schultheißen von Ruschenstein, ein Halbwegs fröhlicher Gesell, der aus der Art schlug: von der Schule nach Hause gekehrt, hatte der einige wilde Studenten mitgebracht, worunter ein paar geistliche Schüler und dabei auch ein junger Mönch, sowie Hans Schafürli, der Ratsschreiber von Ruechenstein, eine buckelige, gebogene gestalt mit einem langen Degen, der letzte im Zuge, da sie wegen der Schmalheit des Weges einer hinter dem andern daherkamen. Als sie jedoch der sangbaren Frauen ansichtig wurden, stellten sie die eigene Musik ein und schienen das Ende des Liedes abwarten zu wollen, welches jene fangen. Indessen verstummten die Frauen ebenfalls; sie waren überrascht und lächelten zugleich erwartungsvoll den Dingen entgegen, die jetzt geschehen würden. Violande zeigte sich nicht betroffen, sondern trat aus den Schultheißensohu zu, welcher sie höflich begrüßte und erklärte, wie er mit seinen Freunden einen kurzweiligen Besuch in der fröhlichen Nachbarstadt habe machen wollen, um den Johannistag nicht allzu trostlos zu verleben, wie nun aber hier noch ein schönerer Aufenthalt winke, sofern es gestattet sei, den Jungfrauen einen ehrbaren Tanz anzubieten. In weniger als drei Minuten war die Angelegenheit geordnet, und sie tanzten alle auf dem großen Flur des Forsthauses, Küngolt mit dem Schultheißensohu, Biolande mit dem Mönch und die übrigen mit den Schülern; aber am gewandtesten und leidenschaftlichsten tummelte sich der Ratsschreiber herum, der trotz feines Buckels mit seinen Beinen weiter ausgriff als alle andern, da sie gleich unter dem Kinn sich zu spalten schienen. Küngolt war nicht froh und wußte nicht, was ihr fehlte. Als daher Violande ihr zuflüsterte, sie sollte es auf das Schultheihenkind absehen, damit sie Schnltheißin von Ruechenstein würde, blieb sie kalt und teil- nahmlos, bis sie plötzlich den Buckligen mit seinem gewaltigen Tanzen sah und hoch auflachte. Sie begehrte sofort mit ihm zu tanzen, und es sah aus wie ein Märchen, als ihre schöne Gestalt in grünem Kleide und das Haupt mit dunkelroten Rosen geschmückt, am Arme des spukhaften Schreibers dahinflog, der seinen Höcker in Scharlach gehüllt trug. Doch unversehens änderte sie chre Laune und sie geriet an den Mönch, von diesem an einen der Studenten, und eh' eine halbe Stunde vergangen, hatte sie mit allen anwesenden jungen Männern sich gedreht, so daß alle seltsam aufgeregt die Blicke an ihr haften ließen, indessen die übrigen Frauen allmählich auch wieder zu den Ihrigen zu kommen suchten. Damit das geschehe, rief Biolande die Gesellschaft zum Tische unter den Linden, um sich dort auszuruhen und zu erquicken, indem je ein Jüngling neben eine Jungfer zu fitzen kam und Küngolt zu dem Schultheißensohn. Küngolt aber war von einer Sehnsucht gequält, alle diese Jünglinge sich unterworfen zu sehen. Sie rief, sie wollte die Schenkin sein, und eilte ins Haus, noch mehr Wein zu holen. Dort schlich sie schnell in Biolandes Kammer und suchte etwas in deren Kleidertruhe. Biolande hatte ihr einst im geheimen ein kleines Fläschchen gezeigt und anoertraut, das sei ein Philtrmn oder Liebestrank, „Gang mir nach" genannt; wer es von der Hand einer Weibsperson zu trinken bekomme, der sei derselbigen ohne Gnade verfallen und müsse ihr nachgehen. Es sei in dem Fläschlein zwar nicht das starke und gefährlichere Gift Hippomanes, aus dem Stirngewächs eines erstgeborenen Füllens gebraut, sondern das Tränklein sei aus den Gebeinlein eines grünen Frosches gemacht, welcher in einen Ameisenhaufen gelegt und von diesen zernagt und zierlich präpariert worden sei. Aber es sei immerhin noch stark genug, um einem halben Dutzend unbotmäßiger Männer die Köpfe zu verdrehen. Sie habe das Fläschlein von einer Nonne geschenkt bekommen, deren Geliebter vor der Anwendung plötzlich an der Pest gestorben, so daß sie entsagend ins Kloster gegangen sei. Violande selbst getraue sich weder dasselbe zu gebrauchen, noch es wegzuwerfen, weil hieraus ein unbekanntes Unheil entstehen könnte. Dieses Fläschchen fand Küngolt und goß seinen Inhalt schnell und verstohlen in eine frijMe Kanne Wein, mit welcher sie klopfenden Herzens hinauseilte. Sie hisst die Jünglinge alle ihre Gläser leeren, weil sie ihnen einen neuen süßen Trunk einschenken wolle, und sie wußte es so einzurichten, daß in dem Kruge nichts übrig blieb, nachdem sie alle Gläser der Männer gefüllt und jedem nachträglich etwas zugegossen hatte, während sie ihn wie ein Wetterleuchten süß und schalkhaft'miblickte. In diesen gleichmäßig und unparteiisch verteilten Blicken lag das Zaubergift, ruelches nebst dem starken Wein jetzt die Knaben betörte, daß alle voll Verblendung und Leidenschaft das glänzende Mädchen umwarben mit jener Selbstsucht, welche sich allaugenblicklich stets dahin wendet, wo sie ein von andern gewünschtes oder allgemein erstrebtes Gut locken sieht. Alle ließen die übrigen Frauen stehen, welche blaß aus Aerger vor sich niedersahen oder ihre Verlegenheit unter lautem Geplauder zu verbergen suchten. Selbst der Mönch ließ plötzlich ein braunes Dienstmägdlein fahren, das er soeben kosend umfangen hatte, und Schafürli, der Ratsschreiber, drängte sich mit einem langen Schritte vor den Schultheißensohu, der die Küngolt sponsierend an der Hand hielt. Diese aber ließ keinen aufkommen; kalt wie Eis gegen jeden einzelnen in ihrem Herzen, wußte sie rote eine Schlange 'sich unter ihnen umzutun, und als sie sah, daß sie alle umstrickt hielt, selbst die anderen Frauen wieder freundlich zu machen und herbeizulocken. Es war nun dunkel geworden. Die Sterne funkelten am Himmel und die Mondsichel stand über dem Walde, erbleichte jedoch bald hinter einem hellen Johannisfeuer, das von einer Anhöhe aufflammte, vom jungen Landvolke angezündet. "Laßt uns zum Feuer gehen!" rief Küngolt, „der Weg ist kurz und lieollch durch den Wald! Aber wie es sich geziemt, die Frauen voran und die Knaben hintendrein!" Sv geschah es und sie zogen mit anqe- zundeten Kienfackeln durch den Wald mit lautem Gesänge. Rur Violande blieb zurück, das Haus zu hüten und den Forstmeister zu erwarten; denn auch sie gedachte heute ihren Fang zu tun. Es dauerte auch nicht lange, bis er ankam, in starker Stimmung und mit umflorten Sinnen. Aks er die Tische unter den Linden sah, setzte er sich hin und verlangte wohlgelaunt einen Schlaftrunk von Violanden, die ihm den selben davoneilend zu bereiten ging. Aber auch sie schlüpfte vorher schnell in ihre Kammer hinauf, ha« lang gehütete Fläschlein mit dem „Gang mir nach" zu holen, und li- fanb es nicht. Sie konnte es auch auf dem Wege nicht finden, den , “^Senunb sinnend zurückkam; denn dort, wo es Küngolt hastig unh "^-«geworfen, hatte es bereits das vom Mönche zur Seite qe, l "te Magdlem aufgehoben das sich grollend ins Haus zurückgezogen Doch Violande besann sich nicht lange. Sie machte den Trank um fo fufcer und starker und gesellte sich, als er ihn trank, nahe zum Forst" me.ster. Es strömte em zärtlich-trautes Wesen von ihr aus; auch tm« sie em blaßgelbes Kleid, das überall rot eingefaßt war und ihr untadelia weißes Fell, rate man damals sagte, am Halse wohl sehen ließ. Di« Blumen hatte sie aus dem Haar getan, um nicht kindisch zu erscheinen und sie wand ihre starken dunkeln Zöpfe frisch um den Kopf. "El Baft, sagte der Forstmeister, als er sie über den Becher wea von ungefähr erblickt hatte, ganz nahe bei ihm, „wie seht Ihr gut aus!" lächelte sie rote selig und sah ibn mit süß funkelnden Augen unverhohlen an, indem sie Jagte: „Gefall ich Euch endlich und so spat? Wenn Ihr wußtet, wie gern ich Euch schon gesehen habe, als ich noch ~ Das ging dem guten Mann ein, stärker als ein Liebestrank von Froschbeinchen; wunderliche Vorstellungen, eine dunkle Erinnerung an em schönes Madchenkind zogen durch seine Sinne, während das Kind jetzt als lange schön bleibende Weibesgestalt in Lebensreife bei ihm war roie aus weiter Ferne unversehens herangetreten. Sein großmütiges Her, stteg m das aufgeregte Hirn empor und schaffte dort in aller Eile an allerlei Bildwerk herum. Violande erschien ihin plötzlich als eine durch Leiden und viele Erfahrung höchst wertvoll gewordene Person, mit der man ein bedeutendes und geheimnisreiches Stück Leben in die Arme schlosse und welcher Heimat und Ruhe zu geben dem Schenker selbst ein goldenes Gut verleihen würde. Er nahm ihre Hand, streichelte ihr die Wangen und sagte: „Wir sind mcht alt, Violande, liebe Base! Wollt Ihr noch meine Frau werden'" Und da sie ihm die Hand ließ und sich näher zu ihm neigte, von wirk, lrcher Gluckesgüte erglänzend, machte er den Brautring seiner ersten Frau, den er seit ihrem Tode an einer Verzierung seines Dolchgriffes trug, los und steckte das Kleinod an Biolandes Finger. Sie drückte ihr Gesicht in sein breites blondgraues Löwenantlitz, sie umfingen und küßten sich zärtlich unter den rauschenden Nachtlinden, und der kluge Mann glaubte, den Stein der Weisen gefunden zu haben. In diesem Augenblicke kam Dietegen mit seinen Waffen nach Hause. Da er quer über den Rasen ging, hörten ihn die Kosenden nicht und er schaute in höchster Betroffenheit, was er da vor sich sah. Beschämt und errötend zog er sich so still als möglich zurück und umging das Haus, um die hintere Tür zu gewinnen. Dort aber hörte er mit einemmal vom Walde her ein lautes Schreien und Rufen, wie wenn Menfchen in Streit oder Gefahr wären. Ohne Zögern ging Dietegen dem Lärmen nach. Bald fand er die so fröhlich ausgezogene Gesellschaft in schrecklichem Zu- stände. Bon Wein und allgemeiner Eifersucht toll geworden, waren die jungen Männer auf dem Rückwege vom Johannisfeuer, als sie mit den Weibern vermischt gingen, hintereinander geraten und hatten sich mit ihren Dolchen angegriffen, so daß mehr als einer blutete. Gerade aber, als Dietegen ankam, hatte der krumme Ratsschreiber wütend den jungen Schultheißen niedergestochen, der, gleichfalls das Schlvert in der Hand, im grünen Kraute lag und eben den Geist aufgab, während die übrigen sich schön paarweise noch an den Gurgeln gepackt hielten und die Weiber entsetzt um Hilfe schrien, mit Ausnahme Küngolts, die totenblaß ober neugierig und mit offenem Munde in das schreckhafte Schauspiel starrte. „Küngolt, was ist das?" sagte Dietegen zu ihr, als er sie rasch erblickt; es mar das erste Wort, das er feit langem an sie gerichtet. Sie zuckte zusammen, sah ihn aber wie erleichtert an. Doch sprang er jetzt ohne Aufenthalt unter die Streitenden und es gelang ihm mit einigen kräftigen Anstrengungen, die tollen Jünglinge auseinanderzubringen und ihnen den Toten zu zeigen, worauf sie stracks die Arme sinken ließen und ganz vernichtet bald auf die Leiche, bald auf den grimmigen Schafürli schauten, der roie wahnsinnig um sich stierte. Inzwischen waren Dauern und auch die heimkehrenden Knechte hec- beigetommen, welche die Ruechensteiner einstweilen gefangennahmen und den Schafürli banden. Das war nun ein schlimmer Morgen, der darauf folgte. Der Forstmeister war mit der bösen Violande verlobt, sein Kopf summte sehr un- leidig, ein toter Ruechensteiner lag im Hause, die andern waren eingetürmt, und eh' es Mittag war, erschien eine Abordnung aus Ruechenstein mit dem alten Schultheißen selbst, um nach dem Unglücke und dessen Entstehung zu fragen und alle Rechenschaft zu fordern. Aber schon hatte im Turm der gefangene Ratsschreiber, der wußte, daß es ihm als Mörder des Schultheißensohnes an den Kragen ging, grimmige Klage gegen die Weiber von Seldwyla und hauptsächlich gegen Küngolt erhoben, die er der Zauberei und Behexung beschuldigte. Jenes grollende Mägdlein hatte dem Mönch, dem es nun verzieh, das Fläjchf lein mit einigen Worten zuzustecken gewußt und dieser es dem Schafürli gegeben. _ ' Zum Schrecken der Seldwyler drehte sich der Handel noch nm gleiche» Tage gegen das Kind des Forstmeisters und gegen dessen Haus; denn jedermann, in Seldwyla sowohl als in Ruechenstein, glaubte an dis Wirkung der Zaubertränke, und die anwesenden Ruechensteiner traten so drohend auf, daß das Ansehen und die Beliebtheit des Forstmeisters die Gefangensetzung der Küngolt nicht abwenden konnten, zumal er sich in feinen Gedanken roie gelähmt fühlte. (Fortsetzung folgt.) __